Prinzen-„Reise“ ohne Wiederkehr

Karl Albrecht und seine Brüder auf dem Weg ins Exil 1706

Im Rahmen der Veranstaltung "Spreti-Tagung", 30.06.2016

Pierre Goudreaux/Wikimedia Commons

I.

 

Am Vormittag des 8. Mai 1706 lassen zwei prächtig bespannte Kutschen in flotter Fahrt die bayerische Haupt- und Residenzstadt München hinter sich. Die Stimmung in den Kutschen ist gelöst. Nach Venedig soll es gehen. Die Passagiere – die vier älteren bayerischen Prinzen – stimmen fröhliche Gesänge an. Zwischendurch malen sie sich gegenseitig die Freuden aus, die ihnen unterwegs widerfahren werden, wozu sie ihr mitreisender Hofmeister immer wieder ermuntert.

Der erste Gedanke indes, das sich hier wohl fürstlicher Nachwuchs auf Kavalierstour nach Italien begibt, führt gründlich in die Irre. Schon die Szenerie außerhalb der Kutschen will dazu überhaupt nicht passen. Die Fahrtrichtung weist nicht nach Süden, sondern streng westlich auf Landsberg zu. Merkwürdig ist auch die aufwendige Eskorte für die beiden Leibzüge, die in dreihundert bis an die Zähne bewaffneten Reitern besteht.

Der Blick ins Innere der Kutschen macht vollends stutzig. Die Reisenden sind keine jugendlichen Prinzen an der Schwelle zum Erwachsenenalter, wie man annehmen möchte. Wer in den Kutschen sitzt, sind Kinder, fürstliche Kinder zwar, aber trotzdem zu jung, um allein auf Erlebnisreise zu gehen. Der älteste, Karl Albrecht, zählt gerade einmal acht Jahre, und seine Brüder, Philipp Moritz, Ferdinand Maria und Clemens August, sind nur sieben, sechs und fünf Jahre alt.

Der historische Kontext der höchst eigenartigen Prinzenreise von 1706 ist der bayerische Erinnerungsort par excellence, der große Aufstand der bayerischen Landbevölkerung gegen die kaiserlich-österreichische Besatzungsherrschaft während des Spanischen Erbfolgekrieges, von dem sich unter dem Schlagwort „Sendlinger Mordweihnacht“ bis heute der patriotische Mythos Bayerns nährt. In diesem Erbfolgekrieg hatte sich der bayerische Kurfürst Max Emanuel auf der Seite Frankreichs in den militärischen Konflikt mit dem habsburgischen Kaiser begeben, bei Höchstädt im August 1704 aber eine schwere Niederlage erlitten und das Land verlassen müssen. Seine Familie hatte er dabei in München zurückgelassen. Das Land wurde nach und nach von kaiserlichen und von Reichstruppen besetzt, eine provisorische Besatzungsregierung mit dem Reichsgrafen Maximilian Karl von Löwenstein als „Administrator“ an der Spitze installiert. Nachdem auch die Kurfürstin Therese Kunigunde nach Venedig abgereist und an der Rückkehr gehindert worden war, waren die kurfürstlichen Kinder praktisch verwaist und wurden nur noch von einem, freilich umfangreichen, Hofstaat betreut. Sie lebten zwar einstweilen persönlich unbehelligt in der Residenz. Die kaiserliche Seite betrachtete sie jedoch als kostbares Pfand, um Max Emanuel von weiteren militärischen Aktionen abzuschrecken. Ein Gerücht wollte sogar wissen, es bestehe deshalb die Absicht, die Prinzen außer Landes zu bringen.

Im Winter 1705/06 entzündete sich an der Einführung einer verschärften Form der Wehrpflicht in Bayern der Widerstand der Bevölkerung, der in den großen „Bauernaufstand“ mündete. Unmittelbar nach dessen Niederschlagung wurde vollzogen, was als Argument in der Werbung für den Aufstand eine nicht unbeachtliche Rolle gespielt hatte: Die älteren Söhne des Kurfürsten wurden tatsächlich aus dem Land weggeführt und nach Innerösterreich, zunächst nach Klagenfurt, später nach Graz gebracht. Sie sollten Bayern erst neun Jahre später, nach dem endlichen Friedensschluss, als junge Männer wiedersehen.

 

II.

 

Der äußere Ablauf der Prinzenreise von 1706 wurde von zwei Vorgaben des Wiener Kaiserhofs bestimmt. Zum ersten war die Reise sehr kurzfristig, im zeitlichen Umfeld der Achterklärung über den bayerischen Kurfürsten am 29. April 1706 angesetzt. Es blieben damit bestenfalls zwei Wochen zur Vorbereitung, was natürlich nicht annähernd ausreichte, um sich für den Abtransport eines ganzen Hofstaats zu rüsten. Die zweite Vorgabe war diejenige der absoluten Geheimhaltung des Vorhabens. Gegenaktionen wurden von zwei Seiten befürchtet. Das Widerstandspotential des Landes selbst hatte man ja eben im großen Aufstand drastisch kennengelernt. Daneben stand die Sorge, der Kurfürst könnte in einem militärischen Kommandounternehmen die Befreiung seiner Kinder versuchen und dem Kaiser damit dieses wichtige Pfand aus der Hand schlagen.

Die Anweisung aus Wien lautete dementsprechend, dass die Prinzen „aus dem land ohne sonderbahren rumor entführet werden sollen“. Dieser eine Satz bildete sozusagen die ganze Reiseinstruktion. Das Problem, einen Tross von mehreren hundert Personen und Pferden quer durch Mitteleuropa zu bewegen, ohne Außenstehenden zu offenbaren, was hier eigentlich vor sich ging, hatte danach weitgehend allein der niederösterreichische Freiherr Anton Ehrenreich von Petschowitz zu lösen, der der kaiserlichen Administrationsbehörde in München angehörte und mit der Durchführung der Reise beauftragt war.

Ein zentrales Mittel der Geheimhaltung sind bekanntlich Täuschungsmanöver. Mit einem solchen begann auch die Reise der vier bayerischen Prinzen nach Klagenfurt, indem man vorgab, dass gar nicht verreist werden solle. Vielmehr wurde der Hofstaat der Prinzen am 4. Mai 1706 ins kurfürstliche Schloss Dachau verlegt mit der Aussage, man wolle den Prinzen eine gesunde Luftveränderung gegenüber der stickigen Münchener Residenz gönnen. Die nicht reisefähigen beiden jüngsten Prinzen sowie die Prinzessin Maria Anna Karoline wurden dabei in der Stadt zurückgelassen.

In der Nacht zum 8. Mai umstellte dann eine dreihundert Mann starke Reiterabteilung der Münchener Garnison das Schloss Dachau. Sie bildete die Eskorte, mit der im Rücken Petschowitz dem Hof eröffnete, dass abgereist werde. Auch jetzt noch griff man zur List. Angeblich wollte man nur eine Tagesreise weit marschieren, an den Lech zum kurfürstlichen Jagdschloss Lichtenberg bei Landsberg. In Wirklichkeit ging es jedoch darum, aus Sicherheitsgründen schnellstmöglich mit den Prinzen aus dem kurbayerischen Territorium hinauszukommen. Dafür nahm man auch den großen Umweg um das unruhige Oberland herum in Kauf.

Auf dem Weg Richtung Lech stimmte der Chef des Hofstaates der Prinzen, Obristhofmeister Franz Maria von Guidobon Cavalchino, die Prinzen langsam darauf ein, dass die Reise nicht nach einem Tag zu Ende sein werde. Ob Sie nicht Lust hätten, noch ein Stück weiter zu fahren und eventuell ihre Mutter zu treffen, fragte er sie, worauf die Kinder natürlich freudig eingingen. „also gehen die guete unschuldige Khünder vort, ohne daß Sie wüssen warumb, so Ihre größte glickseeligkheit ist“, berichtete Guidobon erleichtert an den Administrator.

Störend bemerkbar machte sich bereits von Beginn an die unzureichende Vorbereitung der Reise. Jedes Konzept wurde dadurch nach und nach zunichte, so dass das Unternehmen schon bald den Charakter einer Expedition annahm, auf der man keinen Tag wusste, was der nächste wohl bringen würde. Schon der Aufbruch von Dachau misslang. Man kam viel zu spät, am hellen Vormittag, los; eigentlich wollte man am ersten Abend bereits in Kaufbeuren sein. Nach 13 Stunden Gewaltmarsch war aber die bayerische Grenze immer noch nicht erreicht, um 23 Uhr schlug man in Hurlach bei Landsberg endlich das Nachtlager auf. Der Ort wurde gesichert wie ein militärisches Hauptquartier, allein fünfzig Reiter waren zur Bewachung der Lechbrücke und rückwärtigen Sicherung abgestellt, die Hofangehörigen wurden nach außen streng abgeschirmt.

Mannschaft und Pferde waren nach der ersten Marschetappe bereits so erschöpft, dass man in Hurlach einen ungeplanten Rast- und Erholungstag einlegen musste. Erst am 10. Mai 1706 verließ der Geleitzug mit den Prinzen endgültig Bayern; am gleichen Tag verkündete auf dem Münchener Marktplatz (Marienplatz) ein kaiserlicher Herold die Ächtung ihres Vaters.

Nach außen war die Marschkolonne nun zwar in Sicherheit, die noch gesteigert wurde durch ein ganzes verbündetes Regiment, das für den italienischen Kriegsschauplatz bestimmt war und als zusätzliche Sicherung vor und hinter den Prinzen her zog. Dafür drohte jetzt Gefahr von innen, denn der Hofstaat musste nun erkennen, dass er getäuscht worden war. Jeden Einzelnen auf Schritt und Tritt zu bewachen war indes unmöglich, und so geschah bereits in Kaufbeuren, was man unbedingt hatte vermeiden wollen. Einem der Kammerherrn der Prinzen, Baron Lösch, gelang es, aus dem Jesuitenkolleg heraus eine Nachricht abzusetzen. Die Folge war, dass die Kunde von der Entführung der Prinzen zwei Tage später in den Zeitungen stand. Das „Wiener Diarium“, das offenbar erst zu spät einen Maulkorb erhielt, schickte sich zu einer regelrechten Reisereportage an und verkündete sogleich auch das Reiseziel Klagenfurt. Die Prinzen waren also noch nicht einmal richtig in Tirol, da war bereits ganz Europa im Bilde, und natürlich auch die Kurfürstin in Venedig, auf das sich der Reisezug nun von Tag zu Tag näher zu bewegte.

Der Plan sah vor, über Innsbruck, Brenner und Pustertal nach Innerösterreich zu gelangen. Das brachte mit sich, dass man über ein geraumes Stück in gefährlicher Nähe der venetianischen Grenze marschieren musste. Dort trieben sich in diesen wüsten Zeiten allerhand gefährliche Subjekte herum, Deserteure oder nur schlichte Banditen; auch ein Regiment französischer Dragoner war dort zuletzt gesichtet worden. Man traute der Kurfürstin zu, dass sie mit solchem Personal ein Unternehmen gegen den Geleitzug der Prinzen organisieren könnte. Die Außensicherung gewann deshalb, je weiter die Reise fortschritt, immer mehr an Bedeutung. Petschowitz musste nicht mehr nur auf die Reisegesellschaft selbst achten, die er nun kaum mehr zu verlassen wagte, sondern Kundschafter ausschicken, die das Grenzland zu Venedig ausspähen sollten, und mit den örtlichen Gewalthabern die Besetzung der Pässe durch Schützen in ausreichender Zahl klären.

Nach fünf strapaziösen Wochen, am 10. Juni 1706 gegen Abend, kam die Marschkolonne endlich in Klagenfurt an. Administrator Löwenstein machte unverzüglich Vollzugsmeldung nach Wien und berichtete, man habe die Prinzen „alle in guter gesundheit eingebracht“. In den Briefen, die zuvor von Petschowitz in München eingelaufen waren, las sich das freilich ziemlich anders. Der Weg war die letzten Etappen äußerst schlecht gewesen, und man hatte mit großer Hitze zu kämpfen gehabt. Dennoch hatte man das Tempo des Vorrückens nicht verlangsamen oder gar Zwischenaufenthalte einlegen wollen. Entsprechend war das Erscheinungsbild des Reisezuges bei der Ankunft in Klagenfurt, wie es Petschowitz beschrieb: „seind die Printzen endlich gantz Ermatteter, der mehriste Hofstatt Erkrankter, das Fuhrwerg aber totaliter ruinirter alhie angelanget.“

 

III.

 

Die persönliche Behandlung der Prinzen war dadurch bestimmt, dass sie auf der Fahrt fast von ihrem kompletten Hofstaat umgeben waren. Wie viele Personen das waren, wurde nirgends festgehalten, aber man kann gewisse Rückschlüsse ziehen aus der Größe der Reisegruppen, die unterwegs separiert und nach München zurückgeschickt wurden. Man machte das, um erstens Kosten zu sparen, die sich ohnehin auf den stolzen Betrag von 6.000 Gulden für das ganze Unternehmen summierten, und zweitens, weil man ihrer nach dem gelungenen Täuschungsmanöver beim Aufbruch auch nicht mehr bedurfte.

An der Grenze nach Tirol wurden so bereits vierzig Personen samt Pferden abgedankt, in Klagenfurt nochmals dreißig. Es ist also davon auszugehen, dass man gut und gerne mit einer Hundertschaft losmarschiert war. Dabei war alles, was zu einem anständigen Hof gehörte, der Obristhofmeister, drei Kammerherren der Prinzen, ein Instruktor, ein Leibarzt, dann ein Leibapotheker, Kammerfrauen für den jüngsten Prinzen sowie zahlreiches Personal für Bedienungen aller Art.

Das war der Personenkreis, der die Prinzen unmittelbar umgab und der mit ihnen Umgang hatte. Die Behandlung war deshalb vollkommen standesgemäß. Der älteste, Karl Albrecht, wurde als Kurprinz angesprochen und trug auch täglich seine Ordenskette vom Goldenen Vlies, die ihn als Angehörigen der regierenden Häuser Europas auswies. In den Kirchen wurden den Prinzen in gewohnter Weise jeweils besondere Teppiche und Polster ausgebreitet, und Edelknaben assistierten ihnen während des Evangeliums mit Leuchtern.

Die kaiserliche Seite ließ den Hofstaat zunächst gewähren, empfand aber mit fortschreitender Reise ein zunehmendes Unbehagen an der Situation. Recht bald fragte Petschowitz beim Administrator an, ob man wirklich mit dem kurfürstlichen Wappen außen an den Kutschen weiterfahren solle. Noch während der Reise verschlechterte sich dann die Position der Prinzen durch äußere Ereignisse deutlich. In Ramillies (im heutigen Belgien) wurden in einer der größten Feldschlachten des Spanischen Erbfolgekrieges am 23. Mai 1706 die Franzosen und der mit ihnen verbündete bayerische Kurfürst von den Alliierten erneut aufs Haupt geschlagen. Max Emanuel verlor dadurch auch noch sein Nebenterritorium, die Spanischen Niederlande, und seine zweite Residenz Brüssel. Von nun an war er ein Flüchtling, der ein halbwegs standesgemäßes Dasein nur noch von Frankreichs Gnaden fristete. Der Stern der bayerischen Wittelsbacher war vollends in steilen Sinkflug übergegangen. Wenn man um diesen Hintergrund weiß, versteht man, dass Löwenstein dem Hofstaat gegenüber sich durchzugreifen traute, als der Reisezug das Pustertal erreicht hatte. Die Prinzen durften ab jetzt in den Kirchen nicht mehr besonders geehrt werden, die Anrede als Kurprinz wurde Karl Albrecht entzogen, und von diesem Zeitpunkt an mußte er wohl auch auf das Goldene Vlies verzichten.

Ganz im Gegensatz zu dieser insgesamt doch ehrenvollen Behandlung standen die Reaktionen von außen, die der Reisezug auf seinem Weg auslöste. Insbesondere im Tiroler Inntal kam es zu heftigen Anfeindungen. Die Tiroler hatten natürlich noch keineswegs vergessen, dass im Zuge des militärischen Schlagabtausches zwischen dem Kaiser und dem bayerischen Kurfürsten letzterer im Sommer 1703 in Tirol eingefallen war und das Land kräftig hatte plündern lassen. Schon die Beamten der Innsbrucker Regierung zeigten, trotz klarer Anweisung aus Wien, keinerlei Motivation, sich für den Durchzug der bayerischen Prinzen irgendwie zu engagieren. Die Tore der Innsbrucker Residenz hielten sie eisern verschlossen, sodass die Prinzen im Kloster Wilten untergebracht werden mussten. Der Marschkommissar, den die Regierung dem Geleitzug entgegenschickte, kam mit leeren Händen. Petschowitz musste alles selbst organisieren und teuer bezahlen. Aber selbst gegen Geld machte man ihm Schwierigkeiten an allen Ecken und Enden.

Schon ihm, dem Österreicher, schlug teilweise offene Feindseligkeit der Bevölkerung entgegen. Als man in Zirl die Innbrücke passierte, mokierten sich die dort werkelnden Zimmerleute lautstark: „Ihr führt die Hundsf[ott]-Bayern wider ins Land, dann wir seindt froh gewesen, daß wirs hinaus geschlagen haben“.

Für die Prinzen entwickelte sich der Marsch durch Tirol zu einem regelrechten Spießrutenlaufen; man ließ sie den Hass gegen ihren Vater mit kräftigen Ausdrücken spüren. In Nassereith schrie ein Wirt beim Vorbeifahren: „10 Gulden wolt ich darum geben, wann ich die bayerische Hundsf[ott] niemals gesechen hette“. Wenig später liefen bei einer Rast zahlreiche Tiroler Bauern zusammen, einer von ihnen, rotbärtig soll er gewesen sein, trat an die Leibkutsche heran und sagte zu den Prinzen: „Ihr seit woll gute Kinderl, aber Euer Vatter ist ein Schlimer Schelm.“ Dieser Vorfall war so skandalös, dass er gleich mehrfach schriftlich festgehalten wurde. Man muss sich dazu die alte Bedeutung von „Schelm“ vor Augen führen, die anders als heute nichts im geringsten Humoriges an sich hat, sondern jemanden bezeichnet, der ein unehrliches Dasein führt, wie Abdecker oder Henker, und damit außerhalb der Gesellschaft steht. Einem Fürstenkind gegenüber den Vater so zu bezeichnen, war also wirklich ganz unerhört.

Etwas gemildert wurden die Ausbrüche gegen die Prinzen nur durch das Mitleid, das man ihrem schweren Schicksal doch auch entgegenbrachte, welches man sich noch düsterer ausmalte, als es tatsächlich war. Wo wusste ein den Weg entlanglaufendes Gerücht, die Knaben, die mit bleichen Gesichtern aus der Kutsche starrten, würden der sicheren Kastration entgegen gehen.

 

IV.

 

Wie ist es den Prinzen selbst bei alldem nun eigentlich ergangen? Hinsichtlich ihres körperlichen Befindens, soviel kann klar gesagt werden, war die Reise eine einzige Katastrophe. Welche Tortur sie darstellte, zeigen schon allein die Berichte über die massiven Materialausfälle an. Bereits am allerersten Tag stellte sich heraus, dass die Leibkutschen der Prinzen die Tour auf gar keinen Fall durchstehen würden. In Reutte gab es deshalb einen dreitägigen Zwangsstop, bis aus München zwei stabilere Chaisen herangeführt waren. In welch desolatem Zustand man dennoch in Klagenfurt anlangte, ist bereits angeklungen.

Schon beim Aufbruch von Dachau war das jüngste Kind, Clemens August, eigentlich krank und nicht transportfähig. In Innsbruck wurde dann auch noch Karl Albrecht unpässlich, sodass man eine unvorhergesehene zweitägige Rast einschieben und von da an bereits zum schonenderen Sänftentransport übergehen musste. Seit Sterzing zeigten sich bei Ferdinand Maria Krankheitssymptome, die den Schafblattern oder Steinblattern, nach unseren Begriffen Windpocken, zugeschrieben wurden, was wiederum einen ungeplanten Rasttag erheischte. Er brachte keine Linderung der Beschwerden, sodass man dem Prinzen ein Bettchen für den Liegendtransport auf einem Wagen richtete, um weiterzukommen. Bald ging auch das nicht mehr, und man blieb schließlich in Bruneck für volle fünf Tage liegen.

Trotz dieser Beschwernisse sollen Moral und Haltung der Prinzen während der ganzen Reise gut, ja vorbildlich gewesen sein. Diesen Eindruck jedenfalls versuchen die bayerischen Quellen zu erwecken, die die Vorgänge dokumentieren. Es wurde kein Zweifel daran zugelassen, dass die kurfürstlichen Kinder bereits in jungen Jahren gelernt hatten, nach höfischen Regeln zu funktionieren.

Anfangs, solange die Täuschung aufrechterhalten werden konnte, herrschte ohnehin eitel Sonnenschein, und die Kinder, denen man suggerierte, sie würden in Kürze vielleicht ihre Mutter sehen, hatten allen Anlass zum Fröhlichsein. Dann jedoch gingen seltsame Dinge vor sich. Die Geheimnistuerei um sie herum vermittelte sich auch den Kindern. Beim Durchzug durch Füssen am späten Vormittag des 12. Mai 1706 erschreckte ein Himmelsereignis den Reisezug. Eine totale Sonnenfinsternis, die letzte vor dem Jahr 1999 in dieser Region, bewirkte, dass man mitten am Tag die Sterne sehen konnte. Über allerhand schlechte Omina für die Reise wurde ohnehin bereits laufend gemunkelt.

Noch bevor Tirol erreicht war, dämmerte dem achtjährigen Karl Albrecht bereits, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Er erkannte offenbar, dass Venedig eine Finte und Klagenfurt das eigentliche Ziel war, spielte aber Unbefangenheit vor. Ein Reisebegleiter staunte über diese Fähigkeit zu „zimblicher Dissimulirung, welche mich von disem Jungen Herren sehr wunder nimbt.“

Überhaupt begann jetzt ein Katz- und Mausspiel zwischen solchen, die in den Zweck der Reise eingeweiht waren, und solchen, die mittlerweile auch Bescheid wussten, sich aber naiv stellen. Mehrere Tage brauchten Petschowitz und Guidobon, um die drei politisch suspekten Kammerherrn der Prinzen weisungsgemäß endlich loszuwerden. Die chevaleresken Formen, in denen man den Freiherrn Lösch und Hegnenberg sowie dem Grafen Fugger zu verstehen gab, dass man Verständnis hätte, wenn sie sich nun zurückziehen würden, spielten diese immer wieder elegant zurück, man werde doch wirklich nicht wollen, dass der Eindruck entstehen könnte, man habe sich ganz unverdient die allerhöchste Ungnade zugezogen. Erst als Löwenstein auf den Kunstgriff verfiel, ihnen die Streichung ihrer Gage in Aussicht zu stellen, die sie ja wohl nur beleidigen könnte, wenn ihnen die Bedienung der jungen Herrschaften schon so eine große Ehre sei, nahmen die drei schließlich „mit grossem Herzeleide“ Abschied.

Das Verhalten des ältesten Prinzen, Karl Albrecht, stand, wie gesagt den bayerischen Quellen zufolge, hinter demjenigen dieser Kavaliere nicht zurück. Auch Karl Albrecht war die Höflichkeit in Person. Wiederholt wurde vermerkt, daß er sich für jede Erleichterung auf dem Weg „gar höflich bedankht“ habe. Die Krone setzte er dem auf, als die Reisegesellschaft eine Viertelstunde vor dem Endziel der Reise, wie genau registriert wurde, vom Klagenfurter Burggrafen in Empfang genommen wurde. Dessen Begrüßungsansprache nahm Karl Albrecht wiederum höflich dankend entgegen und fügte, ganz Gentleman, hinzu, wie leid es ihm täte, dass er solche Ungelegenheiten bereiten müsse. Demjenigen, der diese Begebenheit festhielt, ging es ganz offensichtlich darum zu dokumentieren, dass die Reise der bayerischen Prinzen nach Klagenfurt, wenn schon keine Kavaliersreise, so immerhin doch eine Reise von Kavalieren war.

 

V.

Diese Beobachtung leitet unmittelbar über zu der Frage nach dem eigentlichen Charakter dieses Unternehmens, die abschließend zu stellen ist. Mit einer Reise nach heutigen Begriffen hat der vorliegende Fall offensichtlich nichts zu tun. Auch zum Phänomen der Prinzenreise oder Kavalierstour, wie es in der historischen Forschung aufgefasst wird, gibt es kaum Verbindungen. Einen adäquaten modernen Begriff für einen frühneuzeitlichen Vorgang zu finden, zu dem es wohl keine echte Parallele gibt, ist indessen kaum möglich.

Schon zeitgenössisch hat es keine einheitliche Sprachregelung gegeben. Der Text des Diariums spricht in der Überschrift vom „Marsch“ nach Klagenfurt, und auch in den Reisebriefen kommt dieser Begriff immer wieder zum Einsatz. Ferner finden sich alle möglichen Wortbildungen auf der Basis des Verbums „führen“: Von Wegführung, Abführung, Überführung, Entführung der Prinzen ist da die Rede.

Dieser nüchtern-technischen Begrifflichkeit könnte man als modernes Äquivalent vielleicht noch am ehesten den Begriff „Transport“ an die Seite stellen, umso mehr, wenn man das Motiv für die Überstellung der Prinzen von München nach Klagenfurt angemessen gewichtet. Denn es kann keinerlei Zweifel unterliegen, dass die kaiserliche Seite die bayerischen Prinzen schon seit dem Jahr 1704 als willkommene Geiseln betrachtete, mit deren Hilfe man den gefährlichen bayerischen Nachbarn im Zaum zu halten versuchen konnte. Um sich dieser Geiseln zusätzlich zu versichern, wurden sie im Jahr 1706 in eine besser kontrollierbare Umgebung verbracht.

So hat schon Karl Theodor von Heigel den Klagenfurter Aufenthalt der Prinzen nicht von ungefähr als „Die Gefangenschaft der Söhne des Kurfürsten Max Emanuel“ bezeichnet. Am Begriff der Gefangenschaft ist in diesem Zusammenhang natürlich immer wieder, auch berechtigte Kritik geübt worden. Zu ihm will die zuvorkommende persönliche Behandlung der Prinzen, die sie alles in allem genossen haben, nicht so recht passen, jedenfalls nicht für den modernen zivilen Zeitgenossen, der Gefangenschaft ja nur noch im Kontext eines schmachvollen Gefängnisaufenthaltes kennt. Einen Gefangenentransport wird man aus diesem Grund den Marsch nach Klagenfurt nicht nennen wollen, auch wenn vieles daran erinnert.

Ein anderer Forscher hat das begriffliche Problem zu lösen versucht, indem er seine Edition des Diariums betitelte: „Eine unfreiwillige Reise fürstlicher Kinder“. Das befriedigt nun schon von dem Aspekt her nicht, dass dieser Titel nur dann wirklich Sinn ergeben würde, wenn man voraussetzen könnte, dass fürstliche Kinder ansonsten stets freiwillig gereist wären, was man so wohl kaum sagen kann.

Doch trägt diese Begrifflichkeit immerhin der Quellensprache Rechnung, in der insgesamt überwiegend von der „rais“ der Prinzen oder der „Klagenfurter rais“ die Rede ist, wobei teils sogar der gesamte mehrjährige Auslandsaufenthalt darunter verstanden wird. Dabei muß man natürlich die mundartliche Verwendung im bairischen Sprachraum berücksichtigen, bei der „raisen“ oder „roasen“ jede Art von außerhäusiger Ortsveränderung gleich welcher Zweckbestimmung, Entfernung und Dauer bezeichnete. Und auch die noch ältere Bedeutungsschicht von „rais“ als einer irgendwie bewaffneten Unternehmung schwingt wohl mit, wenn man die militärischen Begleitaspekte des Ganzen bedenkt.

Es ist von daher also nicht eigentlich falsch, wenn man von der „Reise“ der bayerischen Prinzen im Jahr 1706 spricht – man muss sich dabei nur über die konkreten historischen Umstände im klaren sein. Über diese Umstände war bislang allzu wenig bekannt. Sie ein Stück weit aufhellen zu helfen, war das schlichte Anliegen dieser Ausführungen.

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