Das Spiel mit der Maske

Der europäische Hochadel zu Gast in der Vergnügungsmetropole Venedig

Im Rahmen der Veranstaltung "Spreti-Tagung", 30.06.2016

Pierre Goudreaux/Wikimedia Commons

I.

 

Am 4. März 1709 war es endlich soweit. Seit Wochen feierte Venedig einen hohen Gast aus dem Norden, Friedrich IV. von Dänemark und Norwegen (1671–1730). Zwar weilte dieser unter dem Pseudonym Conte di Oldenburg in der Lagunenstadt, doch wurde er mit zahlreichen einem umfangreichen Festprogramm geehrt. Nun, am letzten Tag seines gut zweimonatigen Aufenthalts, erwartete ihn das prächtigste Fest, das die Serenissima zu bieten hatte: die regata grande, die Prunkregatta. Wie der dänische König reiste der Großteil des europäischen Hochadels im 17. und 18. Jahrhundert inkognito nach Venedig, um ohne Einschränkungen die Vergnügungen des venezianischen Karnevals genießen zu können. So gastierten etwa im Jahr 1716 der bayerische und der sächsische Kurprinz, Karl Albrecht von Bayern (1697–1745) und Friedrich August von Sachsen (1696–1763), als Conte di Trausnitz beziehungsweise Conte di Lusatia in Venedig, und Paul Petrovich (1754–1801), der erstgeborene Sohn der russischen Zarin Katharina II., besuchte 1781 mit seiner Gattin unter dem Decknamen Conti del Nord die Lagunenstadt.

In diesen Fällen konnte die Republik Venedig weder selbst als Gastgeber auftreten noch die hochrangigen Besucher mit offiziellen Ehren empfangen. Wie die Serenissima auf dieses Maskenspiel reagierte, um den auswärtigen Fürsten dennoch mit einem umfangreichen Unterhaltungsprogramm zu ehren und mittels ephemerer Kunstwerke und ritueller Festbräuche politische Botschaften zu senden, soll im Folgenden aufgezeigt werden.

 

II.

 

Das Inkognito stellte, wie Volker Barth gezeigt hat, eine gängige Praxis reisender Fürsten dar. Diese wählten eine alternative rangniedere Identität, um die Reisekosten zu reduzieren und dem strengen Zeremoniell zu entgehen. Der Zeitpunkt des anstehenden Besuchs und das Pseudonym wurden dem Gastgeber vorab übermittelt. So hatte die venezianische Regierung etwa erst kurzfristig, im Dezember 1708, von der bevorstehenden Ankunft Friedrichs IV., durch ihren Botschafter in Wien, Lorenzo Tiepolo, erfahren. Da die Serenissima keinerlei diplomatische Verbindungen mit dem König pflegte, ließ sie durch Daniele Dolfin, den provveditore generale in terra ferma, Kontakt mit dem Monarchen aufnehmen und offerieren, ihn mit allen gebührenden Staatsehren als regierenden König zu empfangen. Dieser bevorzugte jedoch inkognito nach Venedig zu kommen, „um möglichst frei die Vergnügungen des Karnevals genießen und ohne Einschränkungen von der Gesellschaft der venezianischen Adligen profitieren zu können“, wie Dolfin in einem Schreiben vom 6. Dezember 1708 berichtet. Die Absicht des Königs sei „insbesondere seine Konversation“ und sein „größtes Vergnügen bestand in der Konversation mit Damen und in Tanzbällen“.

Wie der Dänenkönig so wurden im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts zahlreiche Fürsten von dem geradezu mythischen Ruf einer Vergnügungsmetropole angezogen. Neben den zahlreichen kirchlichen und staatlichen Festen, die in der Lagunenstadt mit besonders großem Pomp begangen wurden, war es vor allem der Karneval, der alljährlich zahlreiche Mitglieder des europäischen Adels nach Venedig zog. Auf dem Markusplatz und entlang der Riva degli Schiavoni flanierten unzählige maschere, am Giovedì grasso, dem Fetten Donnerstag, fanden vor dem Dogenpalast eine Stierjagd, die Forze d’Ercole, eine Art menschliche Pyramide, sowie der kunstvolle Türken- beziehungsweise Engelsflug vom Campanile der Markusbasilika, und zum Abschluss ein Feuerwerk statt. Jeden Abend konnte man Opernaufführungen von internationalem Rang in den zahlreichen öffentlichen Theatern erleben, das Glücksspiel und auch das Geschäft mit der käuflichen Liebe florierten. Bereits im 17. Jahrhundert wurde der Karneval, wie Peter Burke konstatierte, zunehmend professionalisiert und kommerzialisiert. Eine große Anziehungskraft bildete darüber hinaus die Verkleidung mit dem Tabarro und der Bautà, der venezianischen Gesellschaftsmaske. Diese versprach den stets unter Beobachtung stehenden Mitgliedern des europäischen Hochadels die Möglichkeit, unerkannt die Stadt zu erkunden und ihnen ansonsten verwehrte Orte aufzusuchen. Zu dem zeremoniellen trat in der Lagunenstadt also das venezianische Inkognito hinzu. Das doppelte Inkognito ermöglichte den auswärtigen Fürsten einen erweiterten Bewegungsradius und einen größeren Handlungsspielraum.

Im Fall von Inkognitobesuchen war der venezianische Staat gezwungen, auf das Verkleidungsspiel einzugehen und trotz der vermeintlich unbekannten Identität des fürstlichen Gastes ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm zu veranstalten. Da die Regierung nicht selbst als Gastgeber in Erscheinung treten konnte, setzte sie vier Adlige der angesehensten Patrizierfamilien zu Quattro deputati ein. Diese hatten den Besuchern zum Auftakt ihre Aufwartung zu machen und ihm das Begrüßungsgeschenk der Republik zu überbringen, das aus mehreren Bootsladungen ausgewählter Gaumenfreuden und Glaserzeugnissen aus Murano bestand. Zahlreiche Akteure und Institutionen waren mit der Organisation des Rahmenprogramms der „inoffiziellen Staatsbesuche“ beteiligt, doch waren es stets die vier Deputierten, die als Gastgeber auftraten. Wie Heinrich III. und anderen offiziellen Staatsgästen wurden den „verkleideten“ Besuchern die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Venedigs gezeigt, darunter der Dogenpalast als Zentrum der Staatsgewalt, die Markusbasilika mit den Reliquien des Heiligen Markus, das Rialto-Vierteil mit den dort preisgebotenen Luxusgütern und schließlich die Glasmanufakturen in Murano.

Der Rundgang durch das Arsenal, der Schiffswert und Waffenschmiede der Venezianer, sollte den auswärtigen Fürsten die technischen und militärischen Errungenschaften der Markusrepublik und deren Anspruch als Seemacht vor Augen führen. Dem bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht wurde bei seiner Besichtigung die besondere Ehre zuteil, ein Kriegsschiff zu taufen. Dessen Name Lione trionfane, der zugleich auf das bayerische und das venezianische Wappentier anspielte, sollte den Anstrengungen Venedigs, Kurfürst Max Emanuel als Verbündeten im neuerlichen Türkenkampf zu gewinnen, symbolhaft Ausdruck verleihen. Eine Stierjagd auf einem der venezianischen Campi oder auf dem Markusplatz war ein weiterer beliebter Festakt. Hierzu wurden gewaltige Festarchitekturen errichtet, die an antike Amphitheater erinnerten, mit ansteigenden Zuschauertribünen um einen ovalen Kampfplatz. Der Stierjagd konnte ein Festzug verkleideter Stierkämpfer vorausgehen, die dem Ehrengast huldigten. Während sich dieses blutige Spektakel bei Einheimischen über Jahrhunderte hinweg größter Beliebtheit erfreute, nannte Johann Caspar Goethe, welcher der Stierjagd zu Ehren des sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian am 16. Februar 1740 beigewohnt hatte, diese ein „erschreckendes Schauspiel“. Neben der Unterhaltung der Gäste und der Bevölkerung sollte die Caccia de’ Torri in symbolhafter, ritualisierter Form an ein für die Geschichte der Markusrepublik wichtiges Ereignis erinnern, den Sieg über die Truppen des Patriarchen von Aquileia im Jahr 1162. Nach seiner Niederlage hatte der Patriarch einen Stier und zwölf Schweine als Tribut entrichten müssen, die suppletorisch für ihn und seine zwölf Kanoniker vor dem Dogenpalast hingerichtet wurden.

Den Höhepunkt des Unterhaltungsprogramms bildete die Prunkregatta auf dem Canal Grande, die stets zum Abschluss eines Herrscherbesuchs veranstaltet wurde. Hierbei handelte sich um die Kombination von Ruderwettrennen und dem anschließenden Festzug künstlerisch gestalteter Prunkboote. Bei den Wettrennen traten männliche Venezianer, in gesonderten Rennen auch Frauen, auf diversen Bootstypen in ihrem Nationalsport gegeneinander an, weshalb dieses Spektakel von Seiten der Bevölkerung mit großem Enthusiasmus verfolgt wurde. Die Route begann im östlichen Sestiere Castello, führte vorbei an der Riva degli Schiavoni und dem Dogenpalast und durchzog den gesamten Canal Grande. An dessen Ende wendeten die Athleten, um die Hälfte der Strecke zurückzueilen und in der Biegung des Kanals zu enden. Hier befand sich vor dem Palazzo Ca’ Foscari ein schwimmender Festapparat, eine gewaltige, mit bemalter Leinwand und Stuckelementen verkleidete Holzkonstruktion in der Tradition barocker Festarchitekturen, auf der zum Abschluss die Siegerehrung vollzogen wurde. Dem athletischen Wettkampf schloss sich der Festzug zahlreicher Prunkbarken an, die von führenden venezianischen Künstlern, darunter Gasparo Mauro, Giovanni Battista Tiepolo und Antonio Jolli, entworfen wurden. Hierbei handelte es sich um venezianische Boote mittlerer Größe, die durch einen reichen plastischen Schmuck und Figuren aus bemaltem oder vergoldetem Stuck und Holz von einem Team an Künstlern und Handwerkern in schwimmende Festapparate verwandelt worden waren. Das Bildprogramm umfasste zumeist Allegorien, mythologische Gestalten oder Meeresungeheuer.

Beide Elemente der Prunkregatta, Kunst und Athletik, können als Mittel der symbolischen Kommunikation interpretiert werden. Die Ruderwettrennen, deren Ursprünge im Galeerendienst lagen, sollten den auswärtigen Gästen die physische Potenz der venezianischen Bevölkerung vor Augen führen, die im Kriegsfall auf den Galeeren kämpfen würde. Die Prunkbarken des Festzugs wiederum konnten mittels des Skulpturenschmucks konkrete politische Botschaften senden. So inszenierte etwa das Paradeboot im Zentrum der Regata grande zu Ehren Ernst Augusts von Braunschweig-Calenberg (1629-1698) im Juni 1686 den Kurfürsten als neuen Kriegsgott Mars, der die venezianische Republik zum Sieg über das Osmanische Reich führen würde. Und in der Tat unterstützte der Herzog die Venezianer mit der Bereitstellung von 2.400 Soldaten im Morea-Krieg. Beim Besuch Ferdinando de’ Medicis (1663-1713) im Februar 1688 unterstrich die Regata grande hingegen die freundschaftlichen Beziehungen der Markusrepublik mit dem Großherzogtum Toskana, ehrte das Florenz der Medici als Patronin der schönen Künste und gratulierte dem jungen Erbprinzen zur anstehenden Hochzeit mit Violante Beatrix von Bayern. So befand sich am Heck einer Peota die Personifikation der Toskana mit der großherzoglichen Krone auf dem Haupt, umringt von den Allegorien der Malerei, Skulptur, Musik und Poesie, während am Bug einer anderen Prunkbarke der Flussgott Arno den Markuslöwen umarmte.

 

III.

 

In mehrfacher Hinsicht erscheint die venezianische Prunkregatta als ein spielerischer Ersatz für den offiziellen Einzug auf dem Wasserweg, wie ihn etwa Heinrich III. 1574 erhalten hatte, der den inkognito reisenden Fürsten jedoch verwehrt bleiben musste – nur eben statt zum festlichen Auftakt als krönendem Abschluss des Aufenthalts. Die Route der Regata grande entsprach dem zweiten Abschnitt des offiziellen Ingresso, der vom Machtzentrum um den Dogenpalast den Canal Grande entlang bis zum Ca’ Foscari in der Biegung des Kanals reichte. Beide Festzüge sollten den hohen Besucher ehren, die Stadt Venedig in bestem Licht vorstellen und schließlich den auswärtigen Fürsten der venezianischen Bevölkerung präsentieren. Darüber hinaus erinnerte die schwimmende Festarchitektur, auf der die Siegerehrung stattfand, nicht selten an einen Triumphbogen, wie er zu Herrschereinzügen in der Frühen Neuzeit in vergänglicher Form errichtet wurde. So bezeichnet ein Reisetagebuch des bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht den Festapparat der Prunkregatta im März 1716 als „triumph-porten mit dem chur-payerischen wappen“. Dieses war wohl so groß, „das man solches von 200 schritt gar wohl unterscheiden kunde.“ Und so verwundert es nicht, dass der Festzug der Prunkbarken gerade um das Jahr 1600 zu dem athletischen Ruderwettkampf hinzutrat, also zu der Zeit, in welcher der Großteil der Fürsten begann, inkognito nach Venedig zu reisen.

Trotz der vermeintlich rangniederen Identität der mit dem inkognito maskierten Fürsten veranstaltete die Serenissima auch im 17. und 18. Jahrhundert stets einen ganzen Festreigen, dessen Höhepunkt die Prunkregatta darstellte. Die Feste dienten nicht nur zur Unterhaltung der hohen Besucher, sondern sollten auch ein auf Prosperität und militärische Stärke zielendes Image der Seerepublik vermitteln. Rituelle Festbräuche und ephemere Kunst fungierten als Mittel der symbolischen Kommunikation, die darüber hinaus konkrete politische Botschaften senden konnten.

Den letzten glanzvollen Fürstenbesuch in der Geschichte der Republik Venedig stellte der Inkognitoaufenthalt Kaiser Leopolds II. (1747–1792) im März 1791 dar. Als im Jahr 1797 französische Truppen die Markusstadt einnahmen, starb mit der einst so stolzen Republik auch ihre prächtige Festkultur. Der Bucintoro wurde am Fuße eines Freiheitsbaumes verbrannt und jegliche Feste auf Jahre untersagt. Das nächste große Wasserfest fand erst ein Jahrzehnt später, am 29. November 1807 statt: zum Empfang des neuen Herrschers von Venedig, Napoleon Bonaparte.

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