Karl Albrechts Diarien oder: Was ist ein Reisetagebuch?

Im Rahmen der Veranstaltung "Spreti-Tagung", 30.06.2016

Pierre Goudreaux/Wikimedia Commons

Das Gattungsproblem

 

Beim Reisetagebuch handelt es sich bekanntlich um keine klar definierte Gattung, wie auch das fürstliche beziehungsweise höfische Reisetagebuch mehr oder weniger außerhalb des Blicks jener Disziplin liegt, der ich selbst angehöre, nämlich der Philologie, aber auch außerhalb der historischen Forschung. Dementsprechend kann man durchaus von einem Forschungsdesiderat sprechen, doch ist dieses Desiderat mit einigen Schwierigkeiten in der konzeptionellen Annäherung verbunden, die zugleich erklären, warum diese bis dato meist außerhalb des Blicks standen. Um das zugrunde liegende genuin philologische Problem des fürstlichen Reisetagebuchs präziser zu benennen, möchte ich kurz anhand von zwei Beispielen verdeutlichen, womit sich Literaturwissenschaftler beschäftigen, wenn sie Reisetagebücher des 18. Jahrhunderts analysieren.

Das in Europa wohl bekannteste und wirkmächtigste Modell ist Laurence Sternes 1768 publizierter Roman „A Sentimental Journey through France and Italy by Mr. Yorick“, in dem der fiktive Reisende Yorick spontan eine Reise in England antritt, die ihn bis nach Italien führen soll, die ihn jedoch nie über Paris hinaus führen wird. Hinzu kommt, dass der Leser wenig bis gar nichts über die Sehenswürdigkeiten der besuchten Städte erfährt, von der sozialen oder gar politischen Ordnung einmal ganz abgesehen, dafür umso mehr, ganz dem titelgebenden Adjektiv „sentimental“ folgend, über die Gefühlswelt des Protagonisten bei und während zahlreicher alltäglicher Erlebnisse. Dementsprechend gehört diese Form des Reisetagebuchs der empfindsamen Schriftkultur an und bildet zusammen mit dem Briefroman wohl die beide fiktionsgebundenen Paradigmen dieser europaweit vorherrschenden Gefühlskultur, doch steht es damit zugleich im Gegensatz zum uns interessierenden, fürstlichen Reisetagebuch.

Eine ganz andere, aber keineswegs weniger problematische Gemengelage wird erkennbar, wenn man die Reisetagebücher der männlichen Mitglieder jener Familie betrachtet, deren damals aktuelles Oberhaupt der mittlerweile zum Kaiser Karl VII. gekrönte Kurprinz Karl Albrecht 1742 in Frankfurt zum „Wirklichen kaiserlichen Geheimrat“ ernannte, nämlich die über drei Generationen verfassten Reisetagebücher der Familie Goethe. Bereits Johann Caspar Goethes in den Jahren 1740/41 verfasstes Reisetagebuch Viaggio per l’Italia markiert den Paradigmenwechsel, insofern der eingangs geschilderte Besuch des Reichtages in Wien zwar eine politische Dimension in den Text einführt, dieser jedoch vorzugsweise den Hintergrund bildet für die kulturpolitische Dimension der Reise, die auf die Ausbildung, wenn nicht die Bildung – im modernen Sinne – des Reisenden abzielt, der auf seiner Reise und vor allem in seinem Tagebuch sich selbst als aufgeklärtes, weltgewandtes Subjekt gestaltet, sodass man von einem „Self-Fashioning“ sprechen kann, mithin von Selbstgestaltung, wenn nicht gar Selbstmodellierung, die in und durch die Vertextung hervorgebracht wird. Diese Modellierung der Kulturreise als Bildungsreise eines Subjekts lässt sich in nochmals deutlich höherem Maße von Johann Wolfgang Goethes Tagebuch der italienischen Reise sowie der später publizierten Italienischen Reise festhalten und bildet dann noch die Folie von August von Goethes italienischem Reisetagebuch. In allen diesen Fällen gilt, wie auch für die Reisetagebücher von Johann Gottfried Herder, Karl Philipp Moritz und vielen anderen, dass das Reisetagebuch weniger eine eigene Gattung und mehr ein Genre bildet, das an der Grenze von Autobiographie und Kunstliteratur steht, innerhalb dessen die beschriebenen Kunsterlebnisse das Fundament für die Bildung des schreibenden Subjekts bilden.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Diarien Karl Albrechts, dann erkennt man vorzugsweise Differenzen zum bisher Beschriebenen, was noch augenfälliger hervortritt, wenn man sich bewusst macht, dass wir vier Diarien vor uns haben, von denen zudem drei nicht von Karl Albrecht geschrieben wurden und eines nur teilweise. Folgt man der Einteilung der Herausgeber, Anna und Jörg Zedler, dann wurde das Tagebuch A im Auftrag des Kurfürsten geschrieben, um genauestens Handeln und Wandeln des Kurprinzen aufzuzeichnen. Die Diarien B und C wurden von Reisebegleitern des Kurprinzen geschrieben, während nur das Reisetagebuch D zunächst für den Prinzen und dann auch von ihm geschrieben wurde, sodass es einen vergleichsweise privaten Charakter hat, was noch dadurch unterstützt wird, dass es sich auch späterhin, edel gebunden, im Bestand der kurprinzlichen Bibliothek befand.

Damit wird indes gegen eine grundsätzliche Übereinkunft der literaturwissenschaftlichen Tagebuchforschung verstoßen, die von einer Identität von schreibendem und beschriebenem Subjekt ausgeht, was hier folglich gerade nicht angesetzt werden kann. Man könnte sich dementsprechend behelfen, indem man das fürstliche Reisetagebuch den so genannten Ego-Dokumenten zuordnet und dabei einen sehr weiten Begriff von Ego anlegt, doch würde man damit die genannten Probleme keineswegs lösen, sondern nur weiter verschieben.

Eine ganz andere Möglichkeit der Beantwortung der Frage, was ein fürstliches Reisetagebuch ist, besteht darin, es der Kategorie der Festbeschreibungen zuzuordnen, was im vorliegenden Rahmen dadurch plausibilisiert werden könnte, dass das nicht nur mit den exorbitanten Kosten der Reise, die für die zahlreichen Feste, an denen Karl Albrecht teilnahm und die für ihn ausgerichtet wurden, sondern auch mit den in den Diarien vorliegenden Festbeschreibungen selbst begründet werden könnte. Allerdings ist es so, dass das Genre der Festbeschreibung zum einen auf Publizität abzielt, sodass die Publikation der Festbeschreibung – zum Teil bereits vor dem eigentlichen Fest – zentraler Bestandteil dieses Genres ist, was wiederum bei keinem der vier Diarien der Fall ist. Hinzu kommt, dass bei einem Vergleich der vier Diarien leicht ersichtlich ist, dass keineswegs alle vier dominant auf die Festbeschreibungen abheben, sondern nur zwei und auch diese nicht überwiegend, sondern als einen Bestandteil unter mehreren.

Aus dem bisher Gesagten ergeben sich einige Folgerungen, die mich zum Anfang meiner Überlegungen zurückführen: Erstens lässt sich festhalten, dass es keine Gattung des Reisetagebuchs gibt, sondern bestenfalls das Subgenre des Reisetagebuchs, dass dem Genre der Reisebeschreibung zugeordnet wird, wobei Karl Albrechts Diarien weder dem Subgenre noch dem Genre zugerechnet werden können. Zweitens und wichtiger markiert das fürstliche Reisetagebuch eine Forschungslücke, die an der Grenze von Literatur- und Geschichtswissenschaft verortet ist, aber von beiden Disziplinen – zumindest meines Wissens nach – bisher nicht eigens behandelt wurde.

Die Gattung des Reisetagebuchs zu charakterisieren scheint daher zwar geboten, zugleich aber eigentlich auch unmöglich. Ich möchte trotzdem versuchen, mich dem fürstlichen Reisetagebuch anzunähern, wobei ich auf zwei Vorüberlegungen aufbaue. Zum einen ist diese Form des Reisetagebuchs weder fiktional, wie Sternes „Sentimental Journey“, noch autobiographisch oder autofiktional, wie Johann Wolfgang Goethes Italienische Reise, doch handelt es sich bei diesem um einen Text, der durch und durch rhetorisch verfasst ist. Diese Rhetorisierung des Tagebuchs ist darüber hinaus in ein Kommunikationsmodell integriert, das weniger auf das schreibende Subjekt und deutlich mehr auf das lesende Subjekt ausgerichtet ist, wobei zu den Lesern sowohl diejenigen zu zählen sind, denen anhand des Reisetagebuchs Rechenschaft abgelegt wird über die Handlungen und vor allem über die Interaktionen, sprich, über die fortgesetzten und neu begründeten Beziehungen als auch diejenigen, die später diesen Text als Erinnerungsmoment lesen, das Zeugnis gibt über die Ehre und die Anerkennung, die dem Hause Wittelsbach anhand eines seiner Repräsentanten widerfahren ist.

Zum anderen unterstreichen die zum Teil höchst unterschiedlichen Beschreibungen der Reise, die in den vier Diarien vorliegen, dass von einem Reisetagebuch nur im Sinne eines Kollektivsingulars gesprochen werden kann, da verschiedene Formen problemlos nebeneinander stehen können, da der Modus der Beschreibung dem jeweiligen Telos entspricht oder schlichter formuliert: Mittel und Zweck der Reisetagebücher passen zusammen. Auch wenn sich gerade deswegen die Frage stellt, was Mittel und was Zweck sind.

Im Sinne meiner Annäherung an die Frage, was ein fürstliches Reisetagebuch ist, möchte ich keine starke These diskutieren, sondern mich den Diarien nähern, indem ich ausgehend von einer relativ schlichten Arbeitshypothese, zwei von ihnen, nämlich die Diarien A und D, gemäß ihrer rhetorischen Prägung bezüglich inventio, dispositio, elocutio, memoria und actio untersuche, um abschließend nach dem Verhältnis von aptum und decorum zu fragen, das heißt die Frage nach der Angemessenheit von Redegehalt und Redeweise.

Meine Arbeitshypothese besteht darin, dass ich das Diarium A als ein Interdependenznarrativ im Sinne von Norbert Elias verstehe, das Diarium D hingegen als Fabrikationsnarrativ im Sinne von Peter Burke. Beide narrative Formen schließen einander keineswegs aus, vielmehr bedingen sie einander, doch lassen sie sich meines Erachtens aufgrund der in ihnen sichtbar werdenden Dominanzen, systematisch unterscheiden. Ich werde mich hierfür auf jene Teile des Reisetagebuchs konzentrieren, die vom Beginn der Reise in München bis zum Abschluss des Venedigaufenthaltes reichen, abgesehen von einer, aber durchaus bemerkenswerten Ausnahme, nämlich dem Papstbesuch in Rom.

Das führt mich zu meinem ersten Punkt, der wie auch die folgenden eher thetisch und dementsprechend knapp gehalten ist, um den vorgegebenen Rahmen nicht zu sprengen:

 

Die inventio der Reisetagebücher

 

Unter inventio versteht man in der Rhetorik die Findung, bis zu einem gewissen Grad auch die Erfindung des Redegegenstandes. Exakt hier wird die zuvor genannte Unterscheidung zwischen einem Interdependenz- und einem Fabrikationsnarrativ sichtbar, insofern ersteres stärker auf die Findung des Redegegenstandes abzielt, letzteres stärker auf dessen Erfindung abhebt.

Unter einem Interdependenznarrativ verstehe ich dabei eine Schreibweise, die das Abhängigkeitsverhältnis aller Mitglieder eines Hofes überträgt auf eine europäische Ebene der Abhängigkeit, oder vorsichtiger: des Miteinanders das alle Höfe und deren Repräsentanten betrifft. Dieses Miteinander kann natürlich auch ein Gegeneinander einschließen, wie es auch stets vor dem Hintergrund von möglichen oder realen Konkurrenzen und Allianzen gedacht werden muss. Um das am Beispiel zu konkretisieren: Fast zeitgleich zum Kurprinzen Karl Albrecht weilt der sächsische Kurprinz in Venedig, wodurch nicht nur zwei ausländische Fürsten am selben Ort, nämlich Venedig, weilen, sondern sich auch bemüßigt sehen, den Usancen entsprechend einander zu empfangen und zugleich zu beobachten, wie sie sich gegenseitig behandeln und vor allem, wie sie jeweils von der Serenissima empfangen, beachtet und natürlich auch gewürdigt werden. Dementsprechend zielt das Interdependenznarrativ darauf ab, die Position des Kurfürsten im System der europäischen Höfe wahlweise zu beschreiben oder über dessen Handlungen und den ihm entgegen gebrachten Würdigungen herauszuarbeiten.

Der Repräsentationslogik der höfischen Gesellschaft folgend ist Karl Albrecht, insbesondere aufgrund seines Inkognitos, als Mitglied der höfischen Gesellschaft zu verstehen und nicht über dieser stehend, auch wenn er eine hervorragende Position in dieser einnimmt: Auch wenn – oder gerade weil – das Reisetagebuch dazu dient, die genaue Position im Laufe der Reise erst zu bestimmen, was letztlich heißt, sie allererst zu erschreiben, da keineswegs immer klar ist, ob die Beschreibungen selbst als faktentreu angesehen werden können, wie auch nicht eindeutig zu klären ist, wie Selbst- und Fremdwahrnehmung zusammenkommen.

Exemplarisch lässt sich das Interdependeznarrativ bereits im Tagebucheintrag 3A in aller Deutlichkeit nachweisen. In Salzburg angekommen wird Karl Albrecht vom Fürsterzbischof Franz Anton Fürst von Harrach zu einem Empfang mit Tafel und Ball in die Residenz geladen, was wie folgt beschrieben wird:

„Auf erkundigung bey dem Durchlaut, ob an der taffel für sich und dero herren brüdern lehnsessel und anderen distinctions-zeichen in zwischen sitzung der damen verlanget würden? Der Chur Prinz aber begehrt zwischen den frauenzimmer auf gleichen sesseln zusitzen, ist alles in deß Chur Printzen willen gestellet worden (…) Hierauf haben Ihro Durchlaucht der Chur-Prinz mit dero herrn gebrüdern Durchlauchten zu dem herrn Ertzbischof in sein appartement sich verfüget, der ihne durch 2 ante cammern biß in mitt des vorsaalß entgegen gegangen, hernach allerseits zu dem auß der statt bey hof sich befindenden frauenzimmern und folgends zu taffeln, welche in disem form und auf solche arth besetzt ware.“

Ich möchte nur drei Punkte hervorheben, die für das Interdependenznarrativ entscheiden sind. Erstens die Frage nach den Distinktionszeichen, die zum einen als real sichtbare Zeichen zu verstehen sind, da sie die Beschaffenheit der Sessel betreffen, wie etwa die Höhe, der Schmuck, die Verzierung. Zum anderen handelt es sich bei ihnen um Distinktionszeichen im Bourdieuschen Sinne, mithin um Zeichen, die genauso Auskunft geben über den Habitus wie über die Positionierung im sozialen Raum der höfischen Gesellschaft anhand des sozialen, kulturellen und vor allem symbolischen Kapitals.

Zweitens das Entgegenkommen – im doppelten Sinn des Wortes – des Erzbischofs, da hierdurch sowohl eine räumliche Bewegung als auch und wichtiger die Anerkennung und Wertschätzung des Gastes zum Ausdruck gebracht wird. Insbesondere den Venedigaufenthalt durchzieht eine Vielzahl von Beschreibungen von Treppenszenen bei Besuchen, innerhalb derer genauestens darüber Rechenschaft abgelegt wird, auf welcher Höhe der Treppe sich wer genau befindet, da hierdurch das symbolische Kapital der Beteiligten vor Augen gestellt wird.

Drittens, die angehängte Skizze der Tischordnung, die analog zum Entgegenkommen des Erzbischofs die Hierarchie der anwesenden Personen innerhalb des Interdependenzsystem visualisiert, insofern randständige Positionen bei Tisch genauso vielsagend sind wie zentrale Positionen, wie auch die harte Unterscheidung zwischen Namen tragende Positionen und namenlose, da nur dem Status entsprechende Positionen auffällig sind.

Das Fabrikationsnarrativ des Reisetagebuchs D baut ebenfalls darauf auf, dass Karl Albrecht ein hochstehendes Mitglied der höfischen Gesellschaft ist, doch konzentriert es sich stärker auf die Frage, was für ein Image Karl Albrecht als Kurprinz hat und – wichtiger – für die Zukunft erhalten will. Diese Frage ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der mittelbar vorausliegenden familiären Verhältnisse von Bedeutung, sie ist auch deshalb von besonderer Relevanz, weil Karl Albrecht kurz vor dem Reiseantritt volljährig und damit regierungsfähig geworden war. Das Ziel der Fabrikation ist meines Erachtens, soweit es sich aus den Reisetagebüchern herausarbeiten lässt, das Modell eines dezidiert christlichen beziehungsweise katholischen Fürsten zu produzieren, der, ganz im Sinne der von ihn wiederholt besuchten Jesuiten, Kunstverstand, wissenschaftliche Kenntnis, insbesondere der Militärtechnik, und praktizierten Glauben so zusammenführt, dass er als mildtätiger Streiter für den Glauben vor Augen tritt, der stets karitativ gegenüber den Glaubensbrüdern agiert, aber eben auch den Glauben gegen dessen Feinde zu verteidigen weiß.

Ich möchte dies nur an zwei Punkten festmachen: Erstens ist die Wahl des Reiselandes von Bedeutung, da Karl Albrecht weder nach Frankreich beziehungsweise Paris oder nach Wien, mithin ins Habsburger Reich reist, sondern nach Italien, mit Rom und Papstbesuch zum Ziel. Zweitens sind die zahlreichen Gottesdienstbesuche zu nennen sowie, damit einhergehend, der Besuch von Konzerten, die von Klosterschülerinnen aufgeführt werden. Gerade der Aufenthalt in Venedig ist hierfür prototypisch, wobei es regelrecht zu einer Steigerung der Konzertbesuche kommt, die in der Aufführung im Ospedale della Pietà, die in 87 D beschrieben wird, kulminiert: „Il y fut regalé d’une belle musique. L’orquestre de ces filles excellent sur tous les autres de Venise, le nombre des vertueuses y est aussy plus grand qu’en tout autre endroit. (…) Elle n’est pas si bien pourveüe de fondation que les autres hopitaux de Venise, cause pour laquelle Son Altesse y envoyat une aûmone un peu plus abondante que dans les autres endroits ou il avoit deja etê.“

Hier zeigt sich prägnant die Mildtätigkeit des genauso kunstsinnigen wie gläubigen und dementsprechend karitativen Fürsten, als der Karl Albrecht gesehen werden will und der von seiner Entourage mit dem Reisetagebuch D auch fabriziert wird.

 

Die dispositio der Reisetagebücher

 

Unter der dispositio der Rede versteht man allgemein die Auswahl und damit verbunden die Anordnung der Argumente einer Rede, sodass man vorderhand sagen könnte, dass diese durch die Reise selbst vorgegeben und dementsprechend vernachlässigbar seien. Dies mag für die Wahl der besuchten Stationen der Reise gelten, da die Tagebücher nur sehr wenig über diese Auswahl verlauten lassen, nicht jedoch über die Beschreibungen der Ereignisse, die an diesen Orten geschehen. Denn exakt hier werden die beiden eingangs genannten Narrative in ihrer jeweiligen Spezifizität besonders augenfällig. Ich möchte dies nur an einigen ausgewählten Beispielen deutlich machen:

Im Tagebuch A wird nicht nur das Augenmerk darauf gelegt, welche Anerkennung und Wertschätzung Karl Albrecht von Seiten anderer Fürsten und Edelleute erfährt, sondern auch mögliche Problemfelder behandelt, die aus einer zu großen Freizügigkeit resultieren können. Hierbei ist zu beachten, dass in der höfischen Gesellschaft Finanz- und Statusökonomie in einem problematischen Verhältnis zueinander stehen, insofern die Finanzökonomie auf Haushaltung ausgerichtet ist, die Statusökonomie indes auf Repräsentationskultur, um die eigene Position nach außen hin deutlich zu setzen. Besonders evident wird die daraus resultierende Interdependenzlogik, wenn man die Ridottobesuche, also die Besuche des Spielcasinos betrachtet. Im Tagebuch A wie im Tagebuch D werden diese im Abschnitt 59 erwähnt, zudem im Tagebuch A in den Abschnitten 61 und 66. Im Tagebuch D fehlt indes der Ridottobesuch vom 13. Februar 1716, während die Visite beim Kurprinzen von Sachsen den gesamten Raum einnimmt.

Ein ganz anderes Beispiel sind die Beziehungen Karl Albrechts zu den jeweils vor Ort lebenden Damen der höfischen Gesellschaft, da diese möglicherweise als zukünftige Gattinnen für das Schmieden von Allianzen fungieren können, aber natürlich auch über den moralischen Lebenswandel des Kurfürsten Auskunft geben. Bemerkenswert hierfür ist der Abschied aus Venedig, insofern in Tagebuch A in Abschnitt 93 die Verabschiedung von Madama Labia eigens erwähnt wird, also jener Dame, die der Kurfürst während seines Aufenthaltes des Öfteren mit seiner Gesellschaft beehrte, während sie im selben Abschnitt des Tagebuchs D mit keinem Wort Erwähnung findet.

Die Auswahl- und Gestaltungsmechanismen des Fabrikationsnarrativ zeigen sich besonders in der Beschreibung des Papstbesuches, der in Abschnitt 199 wiedergegeben wird. Auch das Tagebuch A widmet sich diesem Besuch vergleichsweise“ ausführlich, doch ist die Beschreibung des Tages zweigeteilt in den Papstbesuch, der rund 60 Prozent des Textes einnimmt, und derjenigen des Besuches beim Kardinal Albani, was die restlichen 40 Prozent einnimmt. Der entsprechende Eintrag im Tagebuch D ist nicht nur deutlich umfassender vom Text, sondern auch expliziter, was den Auftritt und damit verbunden das „Image“ des Kurfürsten betrifft. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die wiedergegebene Rede des Papstes: „Il poursuivit ensuitte son discours en exaltant les vertus de plusieurs princes de cette maison qui ont signalé leur zele pour la defense de la foy contre les infideles disant que les Papes ses predesccesseurs les avoient tousjours regardés comme les bras de defense de la religion catholique en Allemagne, et qu’ils ont eü de tous temps pour la Serenissime Maison Electorale, que quant a luy (voicy ses propres termes) Io per la propensione mia, posso dire, che non la hò solamente avuta in questo postò, mà eziando essendo cardinale, e che non solamente io, mà ancora tutta la mia casa, per testimonio di che si può allegare, che il moi nipote Carlo sia stato tenuto al battesimo dal Serenissimo Elettore.“

Beachtenswert ist hierbei zum einen die genealogische Dimension, die durch die explizite Nennung der Vorgänger aufgerufen wird, und zum anderen die prägnante Darstellung eben dieser Ahnen und damit auch des Kurfürsten als „bras de defense de la religion catholique en Allemagne“, das heißt als Verteidigungsarm des katholischen Glaubens in Deutschland: Deutlicher kann man das christlich-katholische Selbstverständnis des Kurfürsten wohl nicht auf den Punkt bringen, wobei ganz im Sinne der Zukunftsorientierung dieser Verteidigungsarm sowohl Deutschland als auch weitere europäische Staaten verteidigen wird oder zumindest verteidigen können sollte, wenn er zum Kaiser gekrönt werden würde.

 

Die elocutio der Reisetagebücher

 

Versteht man unter elocutio im Allgemeinen die Gestaltung der Rede, so wird damit meist die Verwendung von Redeschmuck, insbesondere von rhetorischen Figuren bezeichnet. Mich interessiert indes vorzugsweise der Sprachgebrauch, das heißt die bemerkenswerte Konstellation, dass im Rahmen der Italienreise Karl Albrechts drei deutschsprachige Diarien und ein französischsprachiges Diarium verfasst werden. Hervorzuheben ist hierbei zum einen, dass keines der Diarien auf Italienisch verfasst wurde, was sie etwa von Johann Caspar Goethes Viaggio per l’Italia unterscheidet, zum anderen fällt das französische Diarium auf, was noch dadurch unterstützt wird, dass Karl Albrecht gegen Ende der Reise dieses selbstständig fortschreibt. Es stellt sich folglich die Frage, weshalb dieses Diarium auf Französisch verfasst wurde und darauf aufbauend, wie reale Sprachpraxis – die Kommunikation in Italien – und die Verschriftlichung der Ereignisse zueinander stehen.

Geht man nochmals zu dem Zitat zurück, fällt auf, dass die direkte Rede des Papstes auf Italienisch ist, wie auch das Gespräch zwischen Papst und Kurfürst in dieser Sprache abgehalten wurde, während der Bericht darüber auf Französisch ist. Noch deutlicher wird die Sprachkonkurrenz, wenn man die Berichte vor dem Venedigbesuch in den Blick nimmt, da zum Beispiel im Eintrag 40A vom 14. Januar 1716 explizit hervorgehoben wird, dass der Kurfürst das Gebot erlassen habe, dass bei Tisch die Konversation stets auf Italienisch zu halten sei und dass derjenige, der dagegen verstoße, eine kleine Strafe zu entrichten habe. Wenn dem aber so ist, dann ist umso mehr danach zu fragen, wieso das Diarium auf Französisch und eben nicht auf Italienisch geschrieben wurde. Man kann nun leicht argumentieren, dass Französisch damals die Sprache der höfischen Gesellschaft war, doch greift man damit wohl zu kurz. Denn bereits der erste Eintrag im Fabrikationsnarrativ unterstreicht die Bedeutung der französischen Literatur und Kultur für Karl Albrecht, der am 28. Dezember mit seinen adeligen Reisebegleitern Szenen aus verschiedenen Stücken Corneilles, Molières und anderer in seinem Zimmer aufführt.

Geht man von diesem Interesse am Theater aus, verbindet es mit den zahlreichen Festbeschreibungen und Selbstdarstellungen des Kurfürsten, dann liegt die Vermutung nahe, dass sich der Kurprinz an jenem Modell fürstlichen Schreibens orientiert, das insbesondere von Louis XIV. und seinen Adlati mit seiner Manière de montrer les jardins de Versailles und weiteren Werken begründet wurde, insofern in beiden Fällen die Beschreibung der Ereignisse, Räume und Handlungen stets rückgebunden werden an den Fürsten, dessen Image durch diese Beschreibung allererst fabriziert wird. Dergleichen sprachliche Gestaltungsmittel können im Interdependenznarrativ hingegen hintangestellt werden, da sie keinen Wert für die Modellierung des Bildes haben, das Karl Albrecht gerne von sich haben möchte.

 

Die Actio der Diarien

 

Bei der Frage nach der actio, also der eigentlichen Sprachhandlung in den Dinarien, möchte ich nur einen Punkt hervorheben, der zugleich die Frage nach der Angemessenheit der Rede mit einschließt. Während des Aufenthaltes in der Quarantäne in Chievo kommt es dazu, dass der zu Besuch kommende Conte Gabriele Dionisi von einem in Quarantäne befindlichen Italiener versehentlich berührt wird, sodass er ebenfalls in Quarantäne gehen muss. Bemerkenswert ist hierbei der Nachtrag zum Eintrag 46C: „Mann hat zwar sagen wollen, das es eine anstüfftung von einem amanten dess marquis frauen gewesen, damit der guette freindt ein wenig auf die seiten und der ander füeglicher zu der danm hat kommen und sein glück machen können.“

Dergleichen Kommentare verstoßen gegen die Angemessenheit der Rede, insofern der Redegegenstand nicht angemessen ist, nicht jedoch insofern die Rede unangemessen ist. Entsprechend finden sich dergleichen Kommentare auch weder im Interdependenznarrativ noch im Fabrikationsnarrativ, da dies ein Verstoß gegen die jeweils angestrebte Modellierung des Reisetagebuchs wäre.

Die Reisetagebücher Karl Albrechts verdeutlichen folglich, dass von einem klar definierten Gattungssystem genauso wenig gesprochen werden kann wie von einer kohärenten Modellierung des reisenden Fürsten, da mindestens zwei dominante Narrative auszumachen sind. Die dominante Rhetorisierung der Reisetagebücher weist indes darauf hin, dass wir es mit Texten zu tun haben, die nicht nur an der Grenze von Geschichts- und Literaturwissenschaft stehen, sondern auch und vor allem ein höfisches Subjekt modellieren, das weniger durch die gewählte narrative Form – Tagebuch oder Reisebericht – zur Darstellung kommt, sondern durch die Strukturen der höfischen Gesellschaft, die diesen Formen prägen.

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