Für lange Zeit kamen die Flüchtlinge zuerst in Griechenland an und gingen danach über Idomeni und die Balkan-Route weiter Richtung Nordeuropa. Denn sie hielten es für das Gelobte Land. Erst seit August 2015 allerdings haben die europäischen Staaten verstanden, dass sie vor einem einzigartigen Phänomen stehen: Hunderttausende Flüchtlinge, besonders aus Ländern wie Iran, Afghanistan, Irak und Syrien, wählten Europa als ihre Endstation.
Starke Bilder haben die Sympathie unserer Völker hervorgerufen: überladene Schiffe, die orangenen Schwimmwesten, die Toten, die das Meer anspült, wie den kleine Aylan, die in Idomeni wegen der von der Republik Mazedonien errichteten Mauer nicht weiter gekommenen Flüchtlinge, Menschen, die von Kälte, Regen, Hunger, Krankheiten und Enttäuschung geplagt werden.
Gleichzeitig hat dieses Phänomen dennoch Angst erweckt. Mit Ausnahme von Deutschland und Schweden hatte und hat Europa immer noch Schwierigkeiten, diese Menschen aufzunehmen. Vielmehr wächst allmählich eine feindliche Rhetorik gegen diese Menschen, begleitet von einem Anstieg xenophober und rassistischer Ansichten. Zweifelsohne hat die Anwesenheit all dieser Menschen, denen die Kultur und die Ideale Europas fremd sind, eine Krise im „Alten Kontinent“ hervorgerufen. Unsere Politiker haben es schwer, Lösungen zu finden, die von allen akzeptiert werden können. Einige von ihnen nutzen diese Situation sogar aus, um Anhänger zu gewinnen, indem sie populistische und rassistische Ansichten vertreten.
Das aber, was von der Welt als Krise wahrgenommen wird und Angst und Unruhe verursacht, sollte von der Kirche und den Christen als Chance gesehen werden. Die Kirche Jesu Christi ist das Königreich Gottes in der Welt. Ihre Bedingungen sind ganz anders als diejenigen der Welt – vielmehr sind sie genau deren Gegenteil – und werden vom Evangelium her bestimmt.
Unsere Reaktion auf alle diese Mengen von strapazierten Menschen wird weder unserem Urteil und unserer Wahl noch unserer philosophischen und literarischen Ideen und Diskussionen überlassen. Sie ist vom Wort Gottes selbst bestimmt, und wir sind gerufen, ihm zu gehorchen. Wenn wir es anders machen, verurteilt uns das Evangelium. Die Kirche soll und muss das Flüchtlingsthema annehmen als:
Eine Chance zur Anbetung Gottes
Die erste Frage Gottes an Adam, der jetzt ein Sünder und beim täglichen Treffen mit Gott nicht präsent ist, sondern verborgen bleibt, lautete: „Wo bist Du?“ (Gen 3,9). Die zweite aber, die Frage Gottes an den Menschen, der sich Gott anbetend annähern möchte, hieß: „Wo ist Abel, dein Bruder?“ (Gen 4,9). Kain meint, dass er Gott erreichen und anbeten kann, während der Nächste fehlt. Gott lehnt aber eine solche Anbetung ab, denn es gibt in der Heiligen Schrift keine private Gottesanbetung. Die Anbetung, die sich Gott wünscht und möchte, ist öffentlich und hat sogar eine triadische Struktur: der Gläubige in harmonischer und heilender Beziehung mit dem Nächsten vor Gott.
Alle Gesetzesvorschriften im Alten Testament werden davon geprägt, wie etwa das Sabbat-Gebot: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh, ein Fremder in deinen Toren“ (Ex 20,8-10). Der gläubige Jude konnte sich nicht allein mit seiner Familie Gott annähern. Das Privileg der Sabbat-Ruhe und Gottesanbetung sollte auch dem Fremden verliehen werden, der in den jüdischen Städten Gastfreundschaft genoss.
Vielleicht gehört das Fasten zu den privatesten gottesdienstlichen Übungen, die wir haben. Trotzdem ist sie für Gott inakzeptabel, wenn sie nicht von Sorge, Gerechtigkeit und Liebe für den sich im Unglück befindlichen Nächsten begleitet wird. Gott sagt: „Seht, ihr fastet und es gibt Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör … Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen? … Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag.“ (Jes 58,4-10)
Eine Chance, den Nächsten kennen zu lernen
Wir unterscheiden uns nicht so sehr von den Juden zur Zeit Jesu. Für sie wie für uns alle gehörten zu den Nächsten diejenigen, die derselben Nation angehörten, dieselbe Sprache sprachen und dieselbe Religion trieben. Christus schaffte dies spaltende Wahrnehmung des „Nächsten“ ab und bestimmt ihn neu, er fordert unsere nationalistischen und religiösen Grenzen heraus. Christus gibt sogar keinem von uns das Recht, unseren „Nächsten“ zu bestimmen. Wir wären nicht in der Lage, das Triptychon derselben Nation, Sprache und Religion zu überwinden. Eben mitten in diesem Triptychon neigen wir dazu, selber die Person zu wählen, die wir für unseren „Nächsten“ halten.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter steht im Neuen Testament, um unsere rassistischen Neigungen und Entgleisungen zu kritisieren. Es erinnert uns daran, dass der „Nächste“ die Person ist, die Gott auf unseren Weg stellt, nicht jemand, den wir auswählen. Vielleicht ist dieser Jemand aus einer anderen Nation, spricht eine andere Sprache, glaubt an eine andere Religion. Wir werden dazu gerufen, ihm gegenüber als seine „Nächsten“ dazustehen, denn das ganze Gleichnis dreht sich um die Frage Jesu „Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen würde?“ (Lk 10,36) Und wenn der Gesetzeslehrer antwortet: „Der barmherzig an ihn gehandelt hat“, zeigt Jesus den Weg, auf dem auch dieser gehen sollte: „Dann gehe und handle du genauso!“ (Lk 10,37).
Daher heißt die Frage für uns, die Christen Europas, nicht nur: Wer ist der Nächste? Es geht vielmehr um die Frage ob ich, als Christ, Angehöriger des neuen Königreiches, mich selber als der „Nächste“ verhalte und dem Gebot Christi gehorche: „Dann gehe und handle du genauso!“
Eine Chance, das Gleichnis vom richtenden Menschensohn zu erfüllen
Die Anwesenheit der Flüchtlinge bietet der Kirche die goldene Chance, das zu realisieren, was sie über die menschliche Person glaubt und verkündet. Jeder von allen diesen Menschen, unabhängig von seinem Geschlecht oder Alter, trägt den Stempel Gottes als dessen besonderes Geschöpf.
Im Gegensatz zu allen anderen Gleichnissen ist dasjenige vom Gericht des Menschensohnes eine Geschichte, die aus der Zukunft kommt. Sie ist die Zukunft. In diesem Gleichnis identifiziert sich Christus mit dem „Geringsten“ der Gesellschaft, nämlich mit dem „Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen“. Die Flüchtlinge verkörpern die „Geringsten“ unserer Gesellschaft heute. Sie sind die „Hungrigen, Durstigen, Fremden, Nackten, Kranken und – in einem bestimmten Sinn – die Gefangenen.
Sie sind die „Geringsten“, die fast niemand will im eigenen Land, in seiner Stadt, in der Schule seiner Kinder, im eigenen Wohnhaus. Wir tolerieren sie in abseitigen Lagern, unter miserablen Bedingungen, in Industriegebieten. Hauptsache, sie bleiben fern von uns, fern von unseren Kindern, unseren Geschäften. Wir möchten sie nicht sehen: Sie stören die Ästhetik unseres Wohnortes. Um unser Bewusstsein zu beruhigen, machen wir irgendetwas Caritatives und wollen, dass dies auch von den Medien aufgenommen wird, um zu zeigen, dass wir liebevolle Aktivisten sind.
Man fragt sich: Wie christlich ist denn so ein Verhalten? Wir beruhigen uns, indem wir glauben, dass wir im Gotteshaus Gott begegnen. Jesus aber kehrt alle unsere Annahmen um, indem er uns sagt, wo wir ihm begegnen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder (nicht) getan habt, das habt ihr mir (nicht) getan“ (Mt 25,40).
Nach der Berufung des Zöllners Matthäus sitzt Christus in dessen Haus und isst mit den Zöllnern und den Sündern, den „Geringsten“ jener Gesellschaft. Empört reagieren die „Christen“ der damaligen Zeit und richten den Jüngern Jesu folgende Frage aus: „Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“ (Mt 9,11). Darauf antwortet der Herr mit Worten des Propheten Hosea: „Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“ (Mt 9,13).
Eine Chance, die Liebe Jesu Christi zu inkarnieren
In der Kirche sprechen wir von der Fleisch- oder Menschwerdung Gottes. Dies darf aber nicht nur ein Thema zur philosophisch-theologischen Beschäftigung bleiben. Es geht vielmehr um den Rahmen, in dem wir als Christen und Kirche unser Leben in der Welt wahrnehmen. Wir sind dazu gerufen, die Liebe Christi zu inkarnieren und der Welt zu zeigen, was Christus bedeutet.
Das ganze irdische Leben des Herrn war eine inkarnierte, dienende Liebe. Seine Worte in Mk 10,45 markieren sein ganzes Leben: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ Der Apostel Paulus ruft uns auf, eine Gesinnung wie Christus zu haben, wie diejenigen (Phil 2,5-11), zu denen der Apostel Petrus sagt, dass Christus ihnen „Beispiel gegeben (hat), damit ihr seinen Spuren folgt“ (1 Petr 2,21). Die Frage also, die uns allen gestellt wird, wenn wir behaupten, dass wir Christen sind, lautet: „Was würde Christus mit den Flüchtlingen tun?“
Teresa von Avila sagte: „Christus hat keinen anderen Körper als deinen. Er hat keine Hände und Füße auf der Erde außer deinen. Durch deine Augen sieht er die Welt barmherzig. Mit deinen Beinen streift er herum, um das Gute zu tun. Mit deinen Händen segnet er die Welt. Mit deinen Beinen, Händen, Augen. Du bist sein Körper. Er hat keinen irdischen Körper außer deinem“.
Eine Chance, ein prophetisches Wort zu sprechen
Beim ersten öffentlichen Auftritt Jesu in der Synagoge von Nazareth wurde ihm das Buch Jesaja gegeben, damit er daraus vorliest. Er hat die Worte vorgetragen, die auf ihn bezogen waren und die Natur seiner irdischen Präsenz offenbarten: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4,18-19).
Dies war die Mission des Herrn, und er ruft uns dazu auf, dass wir das Gleiche tun: dass wir uns nicht mit den Mächtigen dieser Welt identifizieren, sondern mit den Schwachen, den Sprachlosen, deren hoffnungsloses Jammern die Ohren derjenigen nicht erreicht, die meinen, dass sie die Schicksale der Welt in ihren Händen haben. Wenn die Kirche nicht spricht, wer wird dann für diese Menschen sprechen? „Öffne deinen Mund für die Stummen, für das Recht aller Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht, verschaffe dem Bedürftigen und Armen Recht!“ (Spr 31,8-9)
Heute ist es mehr denn je nötig, dass die Stimme der Kirche in den Häusern derer gehört wird, die unsere Welt in die Hölle des Krieges schicken. Als Christen tragen wir die Verantwortung, aber wir haben auch die Chance, das Recht der Verfolgten und Unglücklichen zu verteidigen. Die schreiende Agonie dieser Menschen sollen wir an die Orte tragen, wo es nicht gehört wird.
Wenn wir an ihrer Stelle wären, würden wir uns wünschen, dass jemand für uns spricht. Dass jemand eine, wenn Sie so wollen, priesterlich-vermittelnde Rolle spielt. Als Kirche und als Christen sollen wir die „Propheten“ dieser Menschen in den Zentren der Macht werden und die „Goldene Regel“ des Herrn anwenden: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12).
Eine Chance für ein gemeinsames Zeugnis der Kirche
Die Flüchtlingsfrage ist kein dogmatisches Problem. Es ist nicht das Problem der orthodoxen oder der katholischen oder evangelischen Christen. Es ist ein Problem für uns alle, aber auch eine gemeinsame Herausforderung und Chance. Die Entscheidung des Papstes, des Ökumenischen Patriarchen und des Erzbischofs von Athen, sich im April 2016 auf Lesbos zu treffen, war ein gewichtiges Signal, und als evangelische Christen befürworten wir sie. Sie reicht allerdings nicht. Niemand von uns kann eine Herausforderung solcher Größe allein schultern. Eine gemeinsame Bemühung ist notwendig.
Seien wir aber ehrlich: Trotz einiger Ausnahmen handeln wir unabhängig voneinander und autonom, obwohl wir unsere Kräfte auch aus missionarischen Gründe hätten vereinigen können: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Und dies führt mich zu meinem letzten Punkt,
Eine Chance für die christliche Mission
Ich weiß: Diese Aussage ist in unseren Tagen nicht „politisch korrekt“. Es ist trotzdem unmöglich, wenn wir dem Evangelium treu sein wollen, die missionarische Perspektive abzulehnen, denn wir werden dazu als Jünger Jesu Christi gerufen. Das bedeutet nicht, dass wir Druck ausüben dürfen oder dass wir das Recht haben, die Not dieser Menschen ausnutzen, um Proselytismus zu treiben. So etwas ist unmoralisch.
Andererseits dürfen wir uns aber für unseren Glauben nicht schämen; wir dürfen keine Angst davor haben, ein Bekenntnis unseres Glaubens abzulegen. Die opferbereite Liebe, die wir aufgerufen sind, diesen Menschen gegenüber zu zeigen, genügt, um in ihnen diejenigen Reize und Fragen entstehen zu lassen, damit sie selber nach dem Grund dafür suchen, warum wir anders sind.
Christus ruft und versichert uns: „Ihr seid das Licht der Welt … So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 7,14-16). Da Gott diese Menschen bis vor unsere Haustür gebracht hat, bietet sich uns eine goldene Chance, ihnen zu zeigen, was Christus und die Christen sind. Vielleicht werden sie nach dem Grund suchen, warum wir anders sind!
Übersetzung: Georgios Vlantis