„Griechenland in Bayern“

Peter von Hess/Wikimedia Commons

„Griechenland in Bayern!“ – Bei diesen Worten denken vermutlich viele an die Zeit König Ludwigs I. von Bayern, in dessen Denken und Handeln das Land der Griechen eine so erstaunlich zentrale Rolle spielte. Bevor ich tatsächlich auch auf Ludwig I. komme, möchte ich aber etwas weiter ausholen und einige Vorüberlegungen zum Thema anstellen.

Zunächst einmal: Als Griechenland noch das große Hellas war, eine der drei wesentlichen Quellen oder Säulen des christlichen Abendlandes, als Iktinos und Kallikrates den Parthenon erbauten, als Sokrates lehrte und Aristoteles die Nikomachische Ethik schrieb – da gab es noch kein Bayern. Aber als Bayern nach und nach zur Regionalmacht aufstieg, zum Herzogtum, Kurfürstentum und Königreich – da gab es kein Land namens Griechenland mehr. Oder sollte ich sagen: Da gab es Griechenland noch nicht?

Andererseits: Als das moderne Griechenland nach und nach seine heutige Ausdehnung erlangte (so kam etwa Thessalien, wo wir gerade zu Gast sind, erst 1881 dazu), da verlor Bayern bereits wieder seine Selbständigkeit: Seit 1871 war es nur noch ein – wenn auch etwas eigenwilliger – Teil des Deutschen Reiches, später der Bundesrepublik Deutschland. Wir bemerken also, dass wir die Wörter Bayern und Griechenland hier in ganz unterschiedlichen Bedeutungen gebrauchen: Griechenland als ein geistig-kulturelles Phänomen, Bayern als eine politische Einheit (Staat oder Bundesland). Das gilt es im Folgenden zu beachten.

 

Vor dem Klassizismus

 

In Bayern hatte man in den Jahrhunderten vor dem Klassizismus, also vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, kaum eine Vorstellung, allerdings auch kaum ein Interesse daran, wie es an den klassischen Stätten des antiken Griechenland in Athen, Delphi, Olympia oder Korinth damals aussah, wer dort lebte, was man dort tat und dachte. Woran also dachte man in Bayern vor dem Klassizismus, wenn die Worte griechisch oder Griechenland fielen? Diese Frage ist nicht ganz eindeutig zu beantworten.

Im Mittelalter dachte man bei dem Wort zunächst wohl vor allem an die altgriechische Sprache, auch wenn es damals in Westeuropa nur wenige Menschen gab, die diese Sprache einigermaßen gut beherrschten. Nicht umsonst kursierte unter westlichen Mönchen die Redensart: „Graecum est, non legitur.“ Sicher wussten alle christlichen Theologen, dass das Neue Testament ursprünglich auf Griechisch verfasst worden war. Aber in der Praxis benutzte man doch fast ausschließlich die Vulgata, die lateinische Übersetzung des Kirchenvaters Hieronymus. Zweifellos wusste man, dass der Apostel Paulus die jüdischen beziehungsweise christlichen Gemeinden in Thessaloniki und Korinth, in Ephesus und Athen besucht und ihnen Briefe geschrieben hatte, woraus man immerhin schließen konnte, dass diese, aus der antiken Literatur so gut bekannten Städte zumindest in apostolischer Zeit noch existierten.

Außerhalb der Theologie dachte man im mittelalterlichen Deutschland bei dem Wort Griechen vor allem an das große, multi-ethnische byzantinische Reich und seine Hauptstadt Konstantinopel. Dorthin gab es mancherlei politische, diplomatische und Handelsbeziehungen. Es ist aber zu bedenken, dass der Begriff „byzantinisch“ erst im 19. Jahrhundert geprägt wurde. Die Zeitgenossen sprachen vom Oströmischen Reich; die Byzantiner selbst nannten sich Römer. Nur im Westen wurden die Byzantiner auch als Griechen bezeichnet, weil man im katholischen Westen unter Römern eben doch etwas ganz anderes verstand. Man dachte also bei dem Wort Griechen nicht so sehr an die Bewohner in der Gegend des heutigen Griechenland als vielmehr an die Bewohner von Ostrom, Konstantinopel oder Istanbul.

Von den Theologen abgesehen waren es wohl die Renaissance-Humanisten, die sich als erste intensiver mit der griechischen Sprache und Literatur befassten – der Altgriechischen wohlgemerkt! Manch einer von ihnen übersetzte klassisch-griechische Autoren ins Lateinische, manchem gelang es, mehr oder weniger alte griechische Handschriften zu erwerben, vor allem von den vielen gebildeten Griechen, die in den Jahren vor 1453 aus Konstantinopel in den Westen, überwiegend nach Italien, geflohen waren. Der Erzhumanist Erasmus von Rotterdam allerdings schrieb tatsächlich nicht nur lateinisch, sondern auch griechisch. Auf ihn geht übrigens die noch heute in den meisten westlichen Ländern übliche Aussprache des Altgriechischen zurück.

Dürer hat von Erasmus ein Porträt gestochen, auf dem eine lateinische und eine griechische Inschrift gemeinsam einen Gedanken mit sehr alter Tradition ausdrücken: „Die ist das Bildnis des Erasmus von Rotterdam, von Albrecht Dürer nach dem lebenden Urbild gezeichnet. – Das bessere Bild werden seine Schriften zeigen.“ Aber: Erasmus war nun wirklich kein Bayer!

Wie also steht es mit den bayerischen Humanisten? Verglichen mit ihren bewunderten italienischen Vorbildern, beschäftigten sich die bayerischen Gelehrten – die Celtis, Peutinger, Pirckheimer und wie sie alle heißen – wesentlich weniger mit Sprache und Literatur des antiken Hellas. Bei ihnen lag der Schwerpunkt, wie schon im Mittelalter, auf der lateinischen Sprache und Literatur. Selbst wenn sie etwas Altgriechisch konnten – im Zweifelsfall lasen die griechischen Texte doch in lateinischen Übersetzungen. So ist es kein Wunder und auch kein Zufall, dass Shakespeares in Julius Caesar (1599) eine Figur sagen lässt: „For mine own part, it was Greek to me“, um auszudrücken, dass diese etwas nicht verstanden hat. Der Ausdruck hat sich im Englischen bis heute gehalten.

 

Der europäische Klassizismus

 

Der Umschwung für die Wahrnehmung Griechenlands kam um die Mitte des 18. Jahrhunderts. 1755 erschien ein Büchlein, das in ganz Europa Aufsehen erregte: Johann Joachim Winckelmanns „Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst“. Der Autor bemühte sich – als erster Altertumsforscher überhaupt –, zwischen griechischen und römischen Kunstwerken zu unterscheiden. Zurecht ging er davon aus, dass die griechische Kunst die ältere und originalere war, während die römische Kunst, vor allem die Bildhauerei, über weite Strecken als eine Angelegenheit von Epigonen gelten kann, auch wenn er noch nicht in der Lage war, zwischen einem griechischen Original und einer römischen Kopie zu unterscheiden.

Durch Winckelmanns Schriften wuchs das Interesse an der antik-griechischen Kunst enorm. Berühmt wurde seine so merkwürdig paradox klingende Forderung: „Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.“ Hinter dieser Forderung stand – neben der reinen Ästhetik – auch die damals aktuelle politisch-ideologische Ablehnung der römischen Kaiserdespotie und eine Verklärung der griechischen Demokratie. So gesehen besaß und erlangte der europäische Klassizismus durchaus auch genuin politische Aspekte.

Zu der Begeisterung des Klassizismus für die Antike kam dann aber auch ein gewisses Interesse an den damals lebenden Griechen. Sie traten in das Bewusstsein Westeuropas erst durch ihre nach und nach bekannt werdenden Freiheitskämpfe, also die Bestrebungen des – offenbar doch durchaus noch existierenden – griechischen Volkes, sich vom osmanischen Joch zu befreien. Das war ein Thema, welches das damalige Europa aufhorchen ließ, denn seit 1800 machte man sich auch in Deutschland, auch in Bayern, Gedanken darüber, wie man ein anderes Joch, das napoleonische, abschütteln konnte. Auch in Deutschland sprach man in jenen Jahrzehnten von Freiheits- oder Befreiungskämpfen. Und so nähern wir nun doch langsam dem Thema „Griechenland in Bayern“.

 

Ludwig I. von Bayern

 

Der erste bayerische König, Maximilian I., wie man so sagt von Napoleons Gnaden, hatte kaum Interesse am antiken Bildungsideal, geschweige denn an jenem entfernten Land im Süden des Balkans, das andere „mit der Seele suchten“. Aber sein Sohn Ludwig wurde schon als junger Kronprinz einer der größten Bewunderer zuerst der alten, aber dann auch der lebenden Griechen. Schon als 18-Jähriger schrieb er, angesichts der Tempelruinen von Paestum, die Hexameter:

„Daß mir vergönnet nicht war, Griechen, zu leben bey euch!
Lieber, denn Erbe des Throns, wär’ ich hellenischer Bürger.
In den Gedanken wie oft träumt’ ich mich sehnend zu euch.“

Auch dabei dachte Ludwig sicher mehr an die antiken Hellenen als an die damaligen Griechen. Zu den lebenden Griechen ist er ja auch erst 30 Jahre später gereist, nämlich 1834/35, als sein zweiter Sohn Otto – auf Wunsch der Großmächte und gerufen von der griechischen Nationalversammlung – König von Griechenland geworden war.

Nun muss man aber betonen, dass vor der Otto-Zeit überhaupt nur wenige Westeuropäer nach Griechenland reisten, wenn sie dort nicht gerade als Eroberer, Diplomaten oder Kaufleute zu tun hatten. Von den vielen deutschen Philhellenen, etwa Goethe, Herder, Lessing oder Hölderlin – und sogar Winckelmann – war keiner selbst im Lande der Griechen, über das sie so viel nachdachten und so begeistert schrieben. Sie alle kannten das Land nur durch antike und zeitgenössische Beschreibungen, durch Bilder und Berichte. Auf welchen Wegen also kam Griechenland nach Bayern?

Glyptothek (1816-30). Wieder beginnt alles zunächst mit der antiken Kunst! Schon vor dem offiziellen Beginn des griechischen Freiheitskampfes (1821) hatte der bayerische Kronprinz Ludwig begonnen, leidenschaftlich antike Skulpturen zu sammeln. 1816 legte er den Grundstein für ein eigenes Skulpturenmuseum, dem er den speziell für dieses Gebäude neu erfundenen, aus altgriechischen Wörtern zusammengesetzten Namen Glyptothek gab (glύpteV = Bildschnitzer; qήkh = Aufbewahrungsort).

Sowohl den Kauf der Statuen als auch den Bau der Glyptothek musste und wollte Ludwig aus seiner Privatschatulle bezahlen. Die Glyptothek war das erste wirklich antikische Gebäude in Bayern, auch das erste Museum speziell für antike Kunst nördlich der Alpen. Und gerade wegen der Gebäude am Königsplatz sollte München schon bald als Isar-Athen bezeichnet werden (nachdem Berlin schon über 100 Jahre vorher als Spree-Athen gerühmt worden war). Dabei bot die Glyptothek eine eklektische Mischung von ionischer Tempelvorhalle außen und römischer Thermen-Architektur innen als Rahmen für ein einzigartiges Museum der antiken und der zeitgenössisch-klassizistischen Marmorskulptur.

Rastlos bemühte sich Ludwig, auf dem internationalen Kunstmarkt, vor allem in Rom und Paris, antike Skulpturen zu erwerben. Und da dies in Konkurrenz zu anderen Ländern geschah, insbesondere England (es sei an Lord Elgin erinnert), war ihm kaum ein Preis zu hoch. Ein eigenes Abenteuer war 1812 die Erwerbung der Giebelfiguren des Aphaia-Tempels von Ägina, die heute den vielbewunderten Höhepunkt der Glyptothek bilden.

1825, die Glyptothek war noch im Bau, starb König Maximilian I., und Ludwig wurde König von Bayern. In seinem allerersten Signat wünschte er, dass man in Zukunft das Wort Baiern mit dem „griechischen“ Buchstaben „y“ schreiben sollte. Dieser eigentlich rührende Versuch, mehr Griechenland nach Bayern zu bekommen, wurde bis heute beibehalten.

Walhalla (1830-42). Ganze 14 Jahre wurde an der Glyptothek gebaut. Aber bei der Einweihung war der Bauherr merkwürdigerweise gar nicht anwesend. Denn er kümmerte sich bereits um ein gewissermaßen noch viel griechischeres Gebäude: die Walhalla bei Regensburg, eine ziemlich genaue Kopie des Athener Parthenon. Darin sollte mit Büsten oder Inschriften an bedeutende Deutsche (keineswegs nur Bayern!) erinnert werden. Bedenkt man diese Funktion und auch den germanischen Namen des Gebäudes, so ist die Wahl einer so rein griechischen Architektur fast erstaunlich, jedenfalls ein deutliches Statement. Zunächst waren auch durchaus andere, deutsche Bauformen (Gotik), dann Anklänge an das römische Pantheon diskutiert worden. Aber schließlich legte sich der König auf den rein griechischen Peripteros in der Art des Parthenon fest.

Königsplatz (Ausstellungsgebäude, 1838/48; Propyläen, 1846/60). Danach ging Ludwig an die Vollendung des Königsplatzes: Gegenüber der Glyptothek entstand das Kunst- und Industrie-Ausstellungsgebäude mit einem korinthischen Säulenportikus. Der antiken Kunst sollte also in einem eigenen Tempel die aktuelle Kunst und Industrie gegenüber gestellt werden, ein durchaus moderner Gedanke.

Und schließlich – erst nach dem Rücktritt Ludwigs 1848 vollendet – die Propyläen, eine freie Kopie nach dem berühmten Eingangstor auf die Athener Akropolis, zugleich ein Denkmal des Philhellenismus, des griechischen Freiheitskampfes und des ersten und einzigen Wittelsbachers auf dem griechischen Königsthron. Auf das Skulpturenprogramm kann ich hier nicht eingehen, aber ich will doch wenigstens auf die griechischen Namensinschriften hinweisen, die Ludwig in den Propyläen anbringen ließ.

Ruhmeshalle und Bavaria (1843/53). Noch ein drittes Bauwerk im rein griechischen Styl sei hier erwähnt. Die Ruhmeshalle auf der Theresienhöhe. Sie ist nochmals ein anderer antikischer Gebäudetypus und diente zur Verherrlichung bayerischer Berühmtheiten. Entworfen wieder von Leo von Klenze im dorischen Stil. Auch die 18 Meter hohe Bronzestatue der Bavaria ist eine Anspielung auf das klassische Athen: Ludwig hatte sich vorgenommen, die antike Technik des Großbronzegusses wieder zu beleben. Sein konkretes Vorbild war die Athena Prómachos des Bildhauers Phidias auf der Athener Akropolis, die Vorkämpferin, um 460/450 entstanden. Die Athener Statue war so hoch, dass man ihre vergoldete Speerspitze schon vom Meer aus bei Kap Sunion erkennen konnte, wie der antike Baedeker Pausanias schreibt.

Auf diese Weise kam Griechenland also zunächst nach Bayern: durch altgriechische Bildwerke (oder römische Kopien nach solchen) und durch antikische Gebäude.

Griechische Studenten in Bayern. Es sollte aber nicht bei Kunstwerken und Gebäuden bleiben, denn es kamen durchaus auch Menschen. Schon während des Befreiungskampfes 1821-1828) wurden die Söhne von gefallenen Freiheitskämpfern gelegentlich in den Westen, also nach Italien, Frankreich oder eben auch nach Deutschland und Bayern geschickt. Dort sollten sie eine moderne Ausbildung genießen, um danach helfen zu können, den neuen griechischen Staat aufzubauen. Denn in Griechenland selbst lagen während der langen Kriegs- und Bürgerkriegsjahre das Bildungswesen und die Schulen weitgehend darnieder.

In München wurde für die teilweise noch sehr jungen Neuankömmlinge 1825 ein Privates Erziehungs-Institut gegründet, später Königlich Griechisches Lyceum genannt, das schon bald über 50 griechische Schüler zählte. Sie wurden dort in Deutsch, Latein, Alt- und Neu-Griechisch, Geschichte, Geographie, Mathematik, Zeichnen, Kalligraphie, Musik und manch anderen Fächern unterrichtet. Die Leitung des Instituts lag in griechischen Händen: Auf Empfehlung des griechischen Präsidenten Joánnis Kapodístrias kam 1830 der Archimandrit Misáil Apostolídis nach München, um auch hier für eine gediegene orthodoxe Religionslehre der jungen Griechen zu sorgen.

Diese Schule sollte dazu dienen, die Jugendlichen so weit zu auszubilden, dass sie dann an einer der deutschen Universitäten regulär studieren konnten. 1826 ließ Ludwig I. die Universität von Landshut nach München verlegen. Für griechische Studenten gab es verschiedene Stipendienplätze, teils gestiftet von Ludwig I., teils vom Haupt-Verein der Philhellenen von Bayern, später auch von der griechischen Regierung in Athen. Viele griechische Studenten besuchten vor oder nach der Münchner Universität auch noch andere deutsche oder europäische Hochschulen. Und viele der Griechen, die damals im Westen studierten, wurden später wichtige Beamte, Professoren oder Juristen im neu begründeten Griechenland.

Die Griechische Kirche in München (1828/29). Da die griechische Religionsgemeinde in München immer größer wurde, bestimmte Ludwig I. 1828, dass eine der zentralen Kirchen Münchens, die ehemalige Friedhofskirche St. Salvator, dem griechischen Kultus überlassen würde. Die spätgotische Kirche wurde zuerst restauriert und dann für den griechisch-orthodoxen Ritus ausgestattet. Die Ikonostase und die Betstühle entwarf in einem neu-romanischen, byzantinisch gemeinten Stil der Hofarchitekt Leo von Klenze. Die Ikonen lieferte 1829 ein griechischer Maler aus Patras; die Kirchengeräte (Taufbecken, Tabernakel, Kelch, Weihrauchgefäß, Evangelium usw.) stiftete Zar Nikolaus I. von Russland, der sich als Beschützer der gesamten Orthodoxie ansah.

Carl Rottmanns griechische Landschaften. 1833, dem Jahr, in dem Ludwigs zweiter Sohn, Otto, in Griechenland ankam, um dort der erste König des neuen Landes zu werden, beauftragte Ludwig seinen Lieblingslandschaftsmaler Carl Rottmann, für die nördlichen Münchner Hofgartenarkaden griechische Landschaften zu malen. Monatelang reiste Rottmann durch Griechenland, jedenfalls durch die damals schon befreiten Teile des Landes südlich der Linie Arta-Volos. Bei der Auswahl seiner Motive leiteten ihn einerseits die großen Ortsnamen der Antike.

Aber andererseits interessierte er sich keineswegs wie ein Archäologe (oder ein moderner Tourist) in erster Linie für die Reste der antiken Denkmäler, von denen damals auch viele noch unter der Erde lagen. Vielmehr hielt er extrem öde, menschenleere Landschaften von geradezu unheimlichem Charakter fest. Aus alten Photographien geht hervor, dass diese Charakterisierung des befreiten Landes der Realität durchaus entsprach. Vielleicht sollte durch die Betonung der Ärmlichkeit und Trostlosigkeit des Landes noch betont werden, welche herkulische Tat es für den jungen griechischen König sei, diese Ödnis in blühende Landschaften zu verwandeln.

Rottmann kam mit vielen Bleistift-, Aquarell- und auch Ölskizzen von seiner äußerst mühsamen Griechenlandreise zurück. Inzwischen hatte der König beschlossen, die 23 Griechenlandbilder nicht in den Hofgartenarkaden, sondern in der Neuen Pinakothek unterzubringen, wo sie einen eigenen, sehr ungewöhnlich eingerichteten Saal erhielten. Die damalige Neue Pinakothek wurde durch den Krieg zerstört, die Gemälde wurden aber weitgehend gerettet. Im Neubau der Neuen Pinakothek erhielten Rottmanns Griechenlandbilder wieder einen eigenen Saal, aber einen viel schlichteren als zuvor.

Griechische Heldentaten in München. Ungefähr gleichzeitig mit Rottmanns griechischen Landschaften begann der Historienmaler Peter von Heß im Auftrag des Königs Entwürfe für Bilder zum griechischen Freiheitskampf zu fertigen. Die Fresken wurden 1841-1844 in den Hofgartenarkaden ausgeführt und sollten ursprünglich über den Rottmann-Landschaften angebracht werden. Aber nachdem man die Rottmann-Fresken in die Neue Pinakothek verbracht hatte, standen die Felder der Freiheitskämpfe etwas einsam über großen roten Wandflächen. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Gemälde von Heß vollkommen zerstört, offenbar sind sie auch nicht in Photographien überliefert. Trotzdem sind die Bilder immer noch gut bekannt und werden oft abgebildet, weil sie damals in verschiedenen Lithographie-Serien verbreitet wurden.

Eine Griechin in der Schönheitsgalerie. In barocker Tradition ließ sich Ludwig I. von seinem Hofmaler Joseph Karl Stieler eine Sammlung von 36 schönen Frauen aus allen Ständen malen. Darunter ist auch eine Griechin, die schöne Katharina Bótsaris. Sie war nicht nur eine international bewunderte Schönheit, als Hofdame von Königin Amalie kam sie in Europa weit herum. Aber sie war vor allem eine Tochter des berühmten Freiheitskämpfers Márkos Bótsaris, der schon 1823 im Kampf fiel, als Katarina erst drei Jahre alt war. Als sie der König malen ließ, war sie 21 und wurde in der von Königin Amalia eingeführten weiblichen Hoftracht porträtiert.

Griechische Künstler in Bayern. Man könnte eine große Anzahl von griechischen Künstlern anführen, die ihre Ausbildung in München genossen und dann in Griechenland die Münchner Schule der griechischen Malerei vertraten beziehungsweise verbreiteten. Aber da mein Thema „Griechenland in Bayern“ lautet, möchte ich hier nur zwei Maler erwähnen, die den größten Teil ihres Lebens in München verbrachten und hier auch starben.

Zunächst sei an Theodóros Vryzákis (1814-1878) erinnert. Er stammte aus Theben und erlebte den Freiheitskrieg als Kind. Nachdem sein Vater von den Türken ermordet worden war, flüchtete er mit seiner Mutter zunächst in die Berge. Mit 18 Jahren kam er nach München, um hier zu studieren. Er blieb hier bis zu seinem Tod 1878 und malte fast ausschließlich Bilder zum griechischen Befreiungskampf, zum Beispiel „Die Tröstung“ (1847, Nationalgalerie Athen). Sein bekanntestes Gemälde ist „Der Ausfall aus Messolongi“ (1855, Nationalgalerie Athen). Vryzákis gilt als der wichtigste Begründer der Münchner Schule der griechischen Malerei.

Der Genre- und Monumentalmaler Nikoláos Gysis (1842-1901) erhielt von seiner Heimatinsel Tinos ein Stipendium, um ab 1865 in München Malerei zu studieren. 1888 wurde er hier Professor an der Akademie der bildenden Künste, war ein sehr bekannter und beliebter Künstler und starb 1901, ebenfalls in München. Er hat viele bayerische Motive gemalt, aber auch Szenen aus dem griechischen Freiheitskampf („Nach der Zerstörung von Psara“, 1896, Nationalgalerie Athen). In Griechenland ist er vor allem durch sein Gemälde „Krypho Scholeio“ (ebenfalls in Athen) bekannt.

Eine griechische Hofhaltung in Bayern. Nach dem erzwungenen Rücktritt Ottos (1862) reiste dieser mit seiner Frau Amalia von Oldenburg zurück nach München. Angeblich ist er dort genau an dem Tag angekommen, als gerade die letzten griechischen Namen in den Propyläen angeschrieben wurden. Man hat ihm nicht erlaubt, sich in München niederzulassen, weil sonst drei Könige in der Residenzstadt gewohnt hätten (der regierende Max II., und die Ruheständler Ludwig I. und Otto I. von Griechenland). Also zog er in die Bamberger Residenz. Dort wurde abends meistens griechische Tracht getragen und griechisch gesprochen. Mit Amalia sind auch mehrere griechische Hofdamen nach Bamberg gezogen, von denen die meisten bayerische Adelige geheiratet haben. Auf eigenen Wunsch wurde Otto in der Gruft der Theatinerkirche in griechischer Nationaltracht bestattet. Auch das ein Stück Griechenland in Bayern!

Griechische Gastarbeiter und Bürger in Bayern. Eigentlich wollte ich noch über Griechenland in Bayern – heute sprechen, vor allem also über die Gastarbeiter und die vielen heute in Bayern sehr gut integrierten Griechen. Aber erstens habe ich Ihre Geduld schon etwas lange in Anspruch genommen. Und zweitens fehlt mir als Kunsthistoriker für dieses Thema eigentlich die Kompetenz, obwohl ich einige von diesen Griechen kennen und schätzen lernte.

Weitere Medien vom Autor / Thema: Gesellschaft | Wirtschaft | Politik

I.   Ist die religiöse Situation des heutigen Europa in Ost und West als einheitlich zu bewerten? Oder lassen sich erhebliche oder feine Differenzierungen zwischen ihnen beobachten? Wie sieht es im Fall des modernen Griechenlands (seit 1830) und der hiesigen Orthodoxen Kirche (seit 1833) aus? Gibt es bestimmte Besonderheiten und Partikularitäten in Bezug auf die…
I.   Nach der „Wende“ durch den Niedergang des osteuropäischen Sozialismus hieß es, dass Deutschland nun protestantischer werden würde. Deutschland ist allerdings seit 1989 weder protestantischer noch katholischer, sondern konfessionsloser und zugleich religionspluraler geworden. Zugleich hat sich die Kirchenkrise auch auf katholischer Seite verschärft. Faktisch ist Deutschland nicht nur ein konfessionell gespaltenes Land, wobei seit…
Geschichtlicher Rahmen   Vom ersten Moment seiner Unabhängigkeit verhielt sich Griechenland bestimmten politischen und auch künstlerischen Zentren gegenüber wie ein Satellit. Dies führte dazu, dass schon sehr früh neugriechische Künstler und deren Werke von der Mentalität des „guten Schülers“ geprägt wurden, das heißt vom Respekt vor der Autorität des Lehrers, dem gemeinsamen Weg mit ihm…
„Griechenland in Bayern!“ – Bei diesen Worten denken vermutlich viele an die Zeit König Ludwigs I. von Bayern, in dessen Denken und Handeln das Land der Griechen eine so erstaunlich zentrale Rolle spielte. Bevor ich tatsächlich auch auf Ludwig I. komme, möchte ich aber etwas weiter ausholen und einige Vorüberlegungen zum Thema anstellen. Zunächst einmal:…
I.   Am 11. Juli 2015 erscheint das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ mit einem Titelbild, das für Diskussionen sorgt: In einer farbigen Grafik der tanzende, lebenslustige Grieche, Arm in Arm mit einem ängstlichen, sein Geld festklammernden Deutschen im Fußballtrikot – beide schwanken bedenklich – nur einen kurzen Schritt entfernt vom gefährlichen Abgrund. Es ist ein…
I.   Wenn von Stereotypen die Rede ist, verwenden wir das Wort gewöhnlich ausschließlich in negativer Bedeutung. Als stereotyp gilt also dasjenige Wort, das schwach, undifferenziert, „mechanisch“ ist. Deswegen neigt es zu Vorurteilen und Parteilichkeit. Dagegen beansprucht jeder, der gegen Stereotype spricht, ein besonderes Lob, weil er angeblich inhaltsreich redet, über eine feine Sensibilität verfügt…
Für lange Zeit kamen die Flüchtlinge zuerst in Griechenland an und gingen danach über Idomeni und die Balkan-Route weiter Richtung Nordeuropa. Denn sie hielten es für das Gelobte Land. Erst seit August 2015 allerdings haben die europäischen Staaten verstanden, dass sie vor einem einzigartigen Phänomen stehen: Hunderttausende Flüchtlinge, besonders aus Ländern wie Iran, Afghanistan, Irak…
I.   Lassen Sie mich zunächst mit einer persönlichen Erfahrung beginnen. Anfang der 1990er Jahre war eine große Flüchtlingsproblematik zu bewältigen. Eine ihrer Ursachen war der Krieg in Jugoslawien. Ich selber war damals Gemeindepfarrer in einer Pfarrei etwas außerhalb der Bistumsstadt Regensburg. Durch den Staat wurde in diesem Ort eine große Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet.…
Florian Schuller: Herr Maget, Sie haben im Vorgespräch gesagt, nach nur zwei Stunden Flugzeit von München sei man in Tunis, das gilt aber doch auch für einen Flug nach Athen.   Franz Maget: Und trotzdem sind Sie, wenn Sie in Tunis aussteigen, in einer anderen Welt. Was ich als erstes gespürt habe, ist, dass das…
Kommt man hier nach München und spricht über Verantwortung, dann kommt einem sofort die Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2014 in den Sinn. Damals war diese Regierung ganz frisch im Amt, alle waren gespannt, was wir sagen werden, und es war der Bundespräsident, der den Ton vorgab. Unabgesprochen haben mein Kollege Frank-Walter Steinmeier und ich ähnlich…

Aktuelle Veranstaltungen zum Thema: Gesellschaft | Wirtschaft | Politik

Ordo-socialis-Preis 2025 an Sylvie Goulard
Dienstag, 27.01.2026
Ministerie van Buitenlandse Zaken/Wikimedia Commons
Menschenrechte verteidigen
… nach dem Seitenwechsel der USA
Mittwoch, 28.01.2026
Widerspruch oder Synergiepotenzial?
Mittwoch, 29.04.2026