I.
Ist die religiöse Situation des heutigen Europa in Ost und West als einheitlich zu bewerten? Oder lassen sich erhebliche oder feine Differenzierungen zwischen ihnen beobachten? Wie sieht es im Fall des modernen Griechenlands (seit 1830) und der hiesigen Orthodoxen Kirche (seit 1833) aus? Gibt es bestimmte Besonderheiten und Partikularitäten in Bezug auf die religiöse und nicht zuletzt gesamtkulturelle Entwicklung des Landes in den letzten zwei Jahrhunderten? Diese und ähnliche Fragen rücken im Rahmen der voranschreitenden gesamteuropäischen Integration oftmals in den Hintergrund, insbesondere wenn die Rede pauschal von einem „christlichen Europa“ ist.
In so einem Kontext werden die vielen Besonderheiten der griechischen Orthodoxie und Kultur insgesamt nicht angemessen wahrgenommen, berücksichtigt man zudem die Tatsache, dass der moderne neugriechische Staat (einschließlich der Kirche) einem systematischen Modernisierungsprogramm seit seiner Entstehung ausgesetzt wurde, das zum großen Teil mit einer „Verwestlichung“ einherging. Dieser Prozess war jedoch stets umstritten und blieb daher unvollständig. Darüber hinaus führte er zu internen Rissen und Spaltungen zwischen prowestlichen und antiwestlichen Richtungen innerhalb der griechischen Gesellschaft, die bis heute nicht überwunden werden konnten. Selbst die seit 2009 laufende und bis heute nicht behobene tiefe Finanzkrise im Land hat mit dieser besonderen Situation viel zu tun.
All dies bedeutet keineswegs, dass das westeuropäische oder auch westliche Christentum im Allgemeinen als einheitlich und homogen zu betrachten ist. Ganz im Gegenteil lassen sich hier natürlich zahlreiche Unterschiede beobachten, und zwar auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Trotzdem besteht sehr oft die Tendenz in der Forschung, pauschal vom „europäischen Christentum“ zu sprechen, obwohl man eigentlich nur das westeuropäische Christentum in Betracht zieht. Charakteristisch hierfür ist das Buch „Europe: The Exceptional Case“ der bekannten britischen Religionssoziologin Grace Davie, die die intra-europäische religiöse Diversität zwischen Ost und West nicht wirklich wahrnimmt, indem sie sich eigentlich nur auf das westeuropäische Christentum fokussiert. Die Orthodoxie am Beispiel Griechenlands kommt in diesem Buch nur am Rande vor und ohne wirkliche Bedeutung für die Ergebnisse dieser Studie, die ohnehin spannend und interessant sind.
Ähnliches gilt für das von Hans Joas und Klaus Wiegandt herausgegebene „Die kulturellen Werte Europas“, in dem wiederum von gesamteuropäischen Werten die Rede ist, ohne jedoch die Spezifik orthodoxer Kulturen in Ost- und Südosteuropa näher in den Blick zu nehmen. Dies erscheint jedoch absolut erforderlich angesichts der Tatsache, dass viele historische und gegenwärtige orthodoxe Diskurse sich gezielt gegen bestimmte europäische Werte richten, wie zum Beispiel gegen die Säkularität, die religiöse und weltanschauliche Pluralität, die Individualität oder die Liberalität. Es stellt sich daher die Frage, warum in diesem Band von einem gesamteuropäischen Wertesystem die Rede ist, ohne jedoch der tatsächlich existierenden religiösen und kulturellen Vielfalt und Diversifikation Europas zwischen Ost und West Rechnung zu tragen.
II.
All dies trifft in besonderer Weise auf das moderne Griechenland zu, das manche „Alleinstellungsmerkmale“ gegenüber anderen mehrheitlich orthodoxen Ländern Ost- und Südosteuropas aufweist. Trotz der historischen Spannungen zwischen Ost- und Westchristentum im Mittelalter, waren dieses Land und seine Kultur für die Entstehung der modernen westlichen Zivilisation doch von enormer Bedeutung. Hier sei zuerst auf die umfangreiche und systematische Antikerezeption in Westeuropa seit dem Beginn der Frühen Neuzeit verwiesen, deren Spuren in verschiedenen Ausprägungen noch zu beobachten sind.
Der Philhellenismus war ebenfalls eine in Westeuropa (darunter auch besonders in Deutschland) sehr verbreitete Bewegung, die mit einer vielfältigen „Griechenbegeisterung“ verbunden war. Dasselbe gilt auch für die Romantik und den Neoklassizismus. Darüber hinaus waren die Beziehungen Griechenlands zur westlichen Welt und Allianz immer sehr stark, denn das Land stand nie in seiner Geschichte hinter dem „Eisernen Vorhang“. Nicht zu vergessen ist schließlich, dass Griechenland das erste orthodoxe Land war, das 1981 offizielles Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wurde. All dies deutet zwar auf die engen Beziehungen des Landes mit dem Westen hin, doch sollten die damit verbundenen zahlreichen Probleme nicht außer Acht bleiben.
Diese Probleme begannen bereits bei der Entstehung des neugriechischen Staates in der Zeit der bayerischen Regierung in Griechenland unter König Otto (1833-1862). Es ist kein Zufall, dass die „Bavarokratie“, die bayerische Herrschaft in Griechenland, vorwiegend und bis heute mit negativen Konnotationen verbunden ist (etwa mit staatlichem Zentralismus und Absolutismus). Es ging um umfassende Reformen in der damaligen Gesellschaft, die nicht zuletzt die Orthodoxe Kirche unmittelbar betrafen und die auf die einschneidenden Maßnahmen eines der Regenten für König Otto, des Juristen und Professors Georg Ludwig von Maurer (1790-1872), zurückgingen.
Konkret ging es um die folgenden Entwicklungen: die unilaterale Erklärung der Autokephalie der griechischen Kirche vom Patriarchat von Konstantinopel im Jahre 1833; die Bildung einer heiligen Synode der Kirche unter der Aufsicht des Staates; die Aufhebung von orthodoxen Klöstern (rund 70 Prozent) und die Nationalisierung ihres Besitzes; die Einrichtung von universitären Institutionen theologischer Bildung (1837 mit der Gründung der Athener Universität); und die Integrierung der Kirche in die staatlichen Strukturen (z.B. Bischöfe als Staatsdiener). Selbstverständlich änderten diese Maßnahmen das Bild der Kirche schlagartig und riefen zahlreiche Reaktionen seitens verschiedener orthodoxer Akteure und der breiten Bevölkerung hervor. Im Laufe des 19. Jahrhunderts konnte jedoch die Position der Kirche in der Gesellschaft normalisiert werden. Besonders gewann die Kirche an Bedeutung durch die Unterstützung des griechischen Nationalismus und Irredentismus – immer an der Seite des Staates, zu dessen Legitimierung sie entscheidend beitrug. Dementsprechend bekam sie vom Staat auch verschiedene Privilegien, die teilweise noch bis heute noch gelten.
Trotz der verbreiteten negativen Evaluierung der „Bavarokratie“ in Griechenland muss anerkannt werden, dass die damals eingeleiteten Kirchenreformen in Einklang mit der in Westeuropa herrschenden Regulierung der Staat-Kirche-Beziehungen standen. Maurer war Protestant und vom Prinzip des Territorialismus in den Staat-Kirche-Beziehungen geprägt. Für seine Pläne bekam er unter anderem Unterstützung von einigen einflussreichen Griechen, wie des Klerikers und Universitätsprofessors Theoklitos Pharmakides (1784-1860), der hinter der kirchlichen Autokephalie Griechenlands stand. Dies führte damals zu einem Bruch der Gemeinschaft mit dem Patriarchat von Konstantinopel, die erst 1850 wiederhergestellt werden konnte. Mit anderen Worten: Man hätte von der damaligen bayerischen Regierung Griechenlands nichts anderes erwartet, denn die Reformen waren aus bayerischer Sicht durchaus notwendig und nachvollziehbar. Aus nüchterner heutiger Perspektive sollten sie zudem in vielerlei Hinsicht differenzierter betrachtet und evaluiert werden.
III.
Der Hintergrund der Reformen an sich war nicht problematisch, sehr wohl aber die Art und Weise, wie sie umgesetzt wurden. Viele Orthodoxe, damals und später, empfanden daher diesen Wandel als einen schmerzhaften Bruch mit der eigenen orthodoxen Vergangenheit, was wiederum völlig erklärbar und verständlich ist. Die Reformen hatten wesentliche Nerven der damaligen Gesellschaft unmittelbar berührt, die nicht schnell modernisiert werden konnte. Die „deutsche Nachäffung“ wurde daher später im griechischen Sprachgebrauch meistens negativ konnotiert. Dies war jedoch überhaupt kein Hindernis für die umfangreichen und vielfältigen Kontakte zwischen Griechenland und Deutschland. An dieser Stelle denke man nur daran, dass die überwiegende Mehrheit griechischer Eliten (darunter auch Kleriker und Theologen) bis zum Zweiten Weltkrieg ein Aufbaustudium fast ausschließlich in Deutschland absolvierten.
Was man jedoch an dieser Stelle braucht, ist die breitere Einbettung und Kontextualisierung der damaligen Entwicklungen im Bereich der Orthodoxen Kirche, die mutatis mutandis auch andere Kirchen in Europa betrafen. Im Grunde genommen ging es um die Begegnung der christlichen Kirchen mit der Moderne, die nie reibungslos, sondern in den meisten Fällen konfliktträchtig verlaufen ist. Diese Entwicklung hatte bereits in Westeuropa seit der Frühen Neuzeit begonnen und stellte die dortigen Kirchen – insbesondere die Römisch-Katholische, aber auch die protestantischen – vor große neue Herausforderungen (etwa die antiklerikale Ausrichtung der Französischen Revolution sowie die Konsequenzen des Kulturkampfes in Deutschland). Langfristig waren diese Kirchen gezwungen, sich zu verändern, sich den neuen Verhältnissen anzupassen und ein neues soziales Profil zu artikulieren.
Für die Orthodoxie in Griechenland begann diese Herausforderung erst nach der Gründung des neugriechischen Staates und mit der bayerischen Regierung. Es handelte sich um eine unausweichliche Entwicklung, mit der die griechische Kirche früher oder später konfrontiert werden sollte. Eine ähnliche Erfahrung hatte die Russische Orthodoxe Kirche zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als Zar Peter I. eine umfassende Kirchenreform einleitete. Die Begegnung mit der Moderne war ohnehin ein notwendiger Wendepunkt für zahlreiche Religionen und Kulturen auf der ganzen Welt.
Ein wichtiger Unterschied jedoch zwischen den orthodoxen und westlichen Kirchen liegt gerade in der Aneignung der Moderne. Im Westen konnten die Kirchen jeweils aus dieser Begegnung und Interaktion, trotz Spannungen und Problemen, davon profitieren und neue Entwicklungen in die Wege leiten. Dies wird sofort deutlich, sobald man den Prozess der Pluralisierung des Christentums (nach der Reformation) sowie dessen Konfessionalisierung oder auch die produktive Interaktion der Aufklärung mit dem westlichen Christentum in Betracht zieht. Die westlichen Kirchen entwickelten auch ein anderes Verhältnis zur Säkularität und haben die Trennung zwischen Staat und Kirche positiv beurteilt und konstruktiv aufgearbeitet.
IV.
Der deutsche Fall mit seiner Bi-Konfessionalität ist ein Paradebeispiel dieser fruchtbaren Auseinandersetzung der christlichen Kirchen mit der Moderne. Die Kirchen wurden auf lange Sicht zivilisierter und anpassungsfähiger, daher konnten sie völlig in die modernen staatlichen Strukturen integriert werden (z.B. als große öffentliche Dienstanbieter und Arbeitgeber neben dem Staat). Bekanntlich wird in diesem Jahr in Deutschland (und weltweit) das Reformationsjubiläum gefeiert. Denkt man nur an die immense Kulturbedeutung des Protestantismus im deutschen Raum in Geschichte und Gegenwart, dann wird seine besondere Verflechtung mit dem Aufstieg der Moderne ganz offensichtlich.
Wirft man jedoch einen Blick auf das orthodoxe Griechenland, dann erscheint dort eine grundsätzlich andere Situation. Hier blieb nämlich diese mit der Moderne angefangene Begegnung und Interaktion immer problematisch, umstritten und unvollständig. Die griechische Orthodoxie erfuhr nämlich nicht „am eigenen Leib“ die radikalen Umbrüche, die das Gesamtbild Westeuropas schlagartig änderten, nur deren Widerhall und äußeren Einfluss. Es ist daher nicht übertrieben zu behaupten, dass die Orthodoxe Kirche sich in vielerlei Hinsicht (etwa bezüglich ihrer Orientierung oder Leitideen) noch in einer „vormodernen Situation“ befindet, denn sie übt Kritik, explizit oder implizit, am modernen Wertesystem und versucht dabei, idyllisch konzipierte vormoderne Zustände (etwa Gemeinschaftsideale) wiederzubeleben. Dies bedeutet nicht die grundsätzliche Inkompatibilität der Orthodoxie mit der modernen Welt, sondern verweist auf die vielen Probleme orthodoxer Kirchen und Kulturen generell mit der Moderne.
Neben anderen Akteuren hat die Orthodoxe Kirche immer eine Schlüsselrolle dabei gespielt. Ihre Reaktionen hingen zudem mit der Tatsache zusammen, dass die Moderne grundsätzlich als ein „westliches“ Produkt angesehen und kritisiert wurde. Man muss hier die jahrhundertelange antiwestliche Haltung der Orthodoxen Kirche in Erinnerung rufen, um diese Reaktionen besser verstehen zu können. Es handelt sich dabei um den berüchtigten orthodoxen Antiokzidentalismus, nachdem alles Westliche als verdächtig und gefährlich eingestuft wird. Es versteht sich von selbst, dass all dies natürlich keine gute Ausgangsperspektive für eine wie auch immer geartete positive Begegnung mit der Moderne ist. Etwaige negative Erfahrungen, wie zum Beispiel diejenigen aus der bayerischen Herrschaft in Griechenland, haben natürlich solche orthodoxen antiwestlichen Haltungen gestärkt. Die Differenzen im Bereich der kirchlichen Situation und Entwicklungen zwischen Griechenland und Deutschland sind hier mehr als deutlich.
Es wäre jedoch falsch, daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, das orthodoxe Griechenland sei in puncto Religion eine Ausnahme. Genauer wäre es, von bestimmten Besonderheiten im Vergleich zu Westeuropa zu sprechen, die historisch fundiert sind und deren Nachwirkungen noch in der Gegenwart zu spüren sind, obschon in modifizierter und oftmals latenter Form. Sprechen wir jedoch hier vom orthodoxen Griechenland, erscheint es eindeutig geboten, die jeweiligen Diskursfelder zu identifizieren, von denen die Rede ist. Konkreter gesagt: Die griechisch-orthodoxe Welt ist, wie jede andere, sehr vielfältig.
V.
Es gibt die offizielle Kirchenhierarchie, die zwischen den verschiedenen Richtungen hindurchzulavieren versucht und die meistens gemäßigte Positionen vertritt. Hinzu kommt die besondere orthodoxe Mönchs- und Nonnenkultur, die mehrheitlich traditionalistisch orientiert ist. Ferner existieren orthodoxe Modernisten und Reformisten, die eher eine Minderheit darstellen und die in der Regel einer starken Kritik ausgesetzt sind. Darüber hinaus gibt es orthodoxe Theologen und Intellektuelle unterschiedlicher Provenienz, die ihrerseits ganz besondere Richtungen vertreten. Nicht zu vergessen sind orthodoxe Rigoristen beziehungsweise Fundamentalisten, die zusammen mit dem Mönchtum striktere Positionen vertreten und Druck auf die Kirchenhierarchie ausüben. Schließlich gibt es auch die Massen der Gläubigen, die von allen diesen Richtungen Anreize und Anweisungen erhalten oder entsprechenden Einflüssen ausgesetzt sind.
Im Endeffekt ergibt sich daher das Bild einer polyfokalen orthodoxen griechischen Kultur, die von einer großen Vielfalt gekennzeichnet wird und die nicht pauschal als antimodern zu bezeichnen ist. In der Zeit nach der Wiederherstellung der Demokratie 1974 gab es einen gemäßigten Säkularisierungsprozess im Lande, mit dem sich die Kirche generell arrangieren konnte. Selbst in der Zeit des Erzbischofs Christodoulos (1998-2008), eines populären und einflussreichen, doch umstrittenen Kirchenmannes, der von seinen Gegnern als antimodern angeprangert worden war, gab es etliche Entwicklungen (etwa die Errichtung einer kirchlichen Kommission für Bioethik), die durchaus einen modernen Hintergrund aufweisen.
Sein Nachfolger, der jetzige Erzbischof Hieronymos II. (seit 2008), scheint mit der Logik der Moderne in vielerlei Hinsicht vertraut und kompatibler zu sein und versuchte, der Kirche ein neues und starkes soziales Profil zu verleihen, was in der Zeit der laufenden tiefen Finanzkrise sehr oft unter Beweis gestellt wurde. Darüber hinaus gibt es etliche neue Richtungen in der griechischen Orthodoxie, die sehr selbstkritisch sind, eine Bilanz der bisherigen Entwicklungen ziehen wollen und einen Durchbruch in Sachen Moderne beabsichtigen. Die „Volos Akademie für Theologische Studien“, die seit 2000 besteht und internationales Renommee genießt, ist ein Paradebeispiel einer solchen offenen orthodoxen Werkstatt mit Blick auf die Zukunft und die Öffnung der Orthodoxie zu der modernen Welt.
Die längst fällige positive Interaktion mit der Moderne bedeutet für die griechische Orthodoxie jedoch nicht die unkritische Bejahung aller modernen Entwicklungen oder die Nachahmung westlicher (insbesondere deutscher) kirchlicher Techniken, Strategien und Lösungen. Es geht um eine besondere griechisch-orthodoxe kritische Auseinandersetzung mit der Moderne, die eventuell zu der eigenen Modernität der griechischen Orthodoxie führen könnte. All dies ist durchaus möglich, insbesondere nach dem gängigen Modell der „multiplen Modernitäten“ (Eisenstadt). In diesem Prozess kann zwar die griechische Orthodoxie von der Erfahrung der Kirchen, westlichen oder nicht, viel lernen, doch wird sie am Ende ihr eigenes Profil und ihre eigene Identität artikulieren müssen. In diesem Rahmen könnte sie einige ihrer Besonderheiten, wenn auch in veränderter Form, aufrechterhalten.
Das betrifft zum Beispiel die Beziehungen zwischen Kirche, Staat und Politik oder zwischen religiöser und politischer Sphäre im Allgemeinen. Diese Thematik hat eine lange Vorgeschichte in Europa seit der Konstantinischen Wende und der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion. Jedoch führte die Spaltung des Römischen Reiches in Ost und West im 4. Jahrhundert zu einer stufenweisen Ausdifferenzierung der beiden Seiten auch in diesem Bereich. Der oströmische (byzantinische) Osten entschied sich für das Symphonie-Modell zwischen „imperium“ und „sacerdotium“, das – zumindest der Theorie nach – der Trennung und Spannung zwischen beiden Gewalten negativ gegenüberstand. Im lateinischen Westen überwog einerseits das Modell der Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Kirche von und gegenüber der politischen Führung, andererseits übernahm die Kirche selbst politische Macht und Funktionen, was zu einer dauerhaften Spannung zwischen den beiden Gewalten führte.
Die Frage ist hier nicht, ob das eine oder das andere Modell besser oder wirkungsvoller war und ist. Beide Modelle sind auf unterschiedliche soziopolitische Entwicklungen in Ost und West zurückzuführen und von daher unausweichlich. Im Laufe der Zeit entwickelten sie sich in verschiedenen lokalen Ausprägungen weiter und prägten das jeweilige Bild der Kirche-Staat-Beziehungen in Ost und West entscheidend. Ihr Einfluss auf die Artikulierung der jeweiligen Kulturen Europas war insofern einschneidend. Mit dem Beginn der Neuzeit (insbesondere nach der Reformation) begann jedoch eine neue Phase in Westeuropa bezüglich der Beziehungen zwischen Staat und Kirche, die durch eine lange Entwicklung zu der heutigen Lage im Westen Europas führte. Die heutige Trennung zwischen Staat und Kirche – entweder friedlich (Deutschland) oder feindlich (Frankreich) oder die Existenz eines selbständigen Vatikanstaates – ist ohne Bezug auf diese lange Vorgeschichte nicht nachvollziehbar.
Der orthodoxe Osten erlebte während der Neuzeit und der Moderne eine grundsätzlich andere Entwicklung, die langfristig zur Nationalisierung der jeweiligen Orthodoxen Kirchen und ihrer engen Bindung zur staatlichen Macht führte. Diese Entwicklung ist wiederum ohne Berücksichtigung der jahrhundertelangen Verbindung von Staat und Kirche in Byzanz nicht nachvollziehbar. Auf der anderen Seite sind die westlichen Einflüsse auf die Orthodoxie, wie diese im Falle Griechenlands unter bayerischer Herrschaft zum Ausdruck kamen, unverkennbar. Daraus ist eine besondere Konstellation in den Kirche-Staat-Beziehungen entstanden, die man als „symphonische Säkularität“ bezeichnen könnte, indem sie Elemente aus der Vergangenheit und der Moderne verbindet.
Solche feinen oder sogar größeren Unterschiede zwischen Ost und West lassen sich also heute auf verschiedenen Ebenen beobachten. Sie sind, trotz gegenseitiger Beeinflussungen und der voranschreitenden „Homogenisierung“ im politischen, ökonomischen oder im juristischen Bereich innerhalb der Europäischen Union, noch zu erkennen. Während der letzten Jahrzehnte gibt es transnationale statistische Erhebungen und entsprechende Untersuchungen über die kulturelle und religiöse Landschaft des gegenwärtigen Europa (etwa die „European Social Survey“), die in vielerlei Hinsicht auf noch bestehende Unterschiede sowie auf gewisse Homogenisierungsprozesse und gemeinsame religiöse Verhaltensmuster europäischer Bürger/innen jenseits konfessioneller, kultureller oder geographischer Grenzen hindeuten.
Wichtig ist aber, diese Unterschiede oder Gemeinsamkeiten differenziert sowie nüchtern und gemäßigt zu evaluieren und zu beurteilen, denn sie deuten unmissverständlich auf unausweichliche Konsequenzen in unserer internationalisierten und globalisierten Welt hin. Dasselbe betrifft nicht zuletzt die verschiedenen deutschen Einflüsse auf die griechische Orthodoxie in Geschichte und Gegenwart, die nicht pauschal verworfen werden sollten, sondern kritisch und konstruktiv aufgearbeitet werden müssen.