Die Entstehung des spanischen Imperiums in der Neuen Welt unter König Karl I. (Kaiser Karl V.)

Im Rahmen der Veranstaltung "Historische Tage 2017", 01.03.2017

Breviarium Grimani

Vorbemerkungen

 

Um das spanische Imperium in den Americas unter Karl I./V. verstehen zu können, muss auf Christoph Kolumbus zurückgegriffen werden, der die Inselwelt zwischen Nord- und Südamerika als erster bekannter Europäer befuhr. Dieser entdeckte im Oktober 1492 die Insel Guanahani im Archipel der Bahamas und erkundete auf dieser und drei weiteren Reisen den gesamten karibischen Raum. Er war bis zu seinem Tod überzeugt, Inseln in Indien erforscht zu haben – noch heute tragen die Eilande den Namen „Westindische Inseln“.

Kolumbus erreichte am 4. März 1493 wieder Europa, konferierte in Lissabon mit dem portugiesischen König, kam am 15. März 1493 zu seinem Ausgangshafen Palos in Andalusien und traf im April 1493 Ferdinand II. von Aragón und dessen Ehefrau Isabella I. von Kastilien in Barcelona. Die Daten sind wichtig, weil sie zeigen, wie rasch die beiden Monarchen auf die Neuigkeiten aus „Indien“ reagierten. Denn um die in ihrem Namen gemachten Entdeckungen vor allem vor den Portugiesen, aber auch vor eventuellen anderen europäischen Konkurrenten abzusichern, veranlassten Ferdinand II. und Isabella I. den erst 1492 zum Papst gewählten Alexander VI., bereits am 3. und 4. Mai 1493 zwei Bullen, beide bekannt unter dem Namen „Inter Caetera“, zu publizieren. Mit diesen wurden all jene Länder an Kastilien übertragen, die zu Weihnachten 1492 nicht unter der Herrschaft eines christlichen Fürsten gestanden hatten und die westlich einer Nord-Süd-Linie lagen, die rund 480 Kilometer westlich der Azoren und der Kapverdischen Inseln gezogen werden sollte.

König João II. von Portugal protestierte sofort und erreichte Verhandlungen mit den Kastiliern im Frühling 1494 in Tordesillas in der Nähe von Valladolid. Am 7. Juni wurde dort der gleichnamige Vertrag unterzeichnet, der die Nord-Süd-Trennungslinie weiter nach Westen verschob, nämlich auf rund 1770 Kilometer westlich der Kapverdischen Inseln. Papst Julius II. bestätigte den Vertrag 1506. Portugal und Kastilien hatten sich damit den atlantischen Raum aufgeteilt, ohne auf eventuelle Ansprüche anderer seefahrender Mächte Rücksicht zu nehmen.

 

Die Begegnung mit dem Fremden

 

Die Begründung der amerikanischen Reiche setzte zuerst einmal die genaue Kenntnis der geographischen Gegebenheiten voraus. Diese stellten im neuentdeckten Kontinent eine immerwährende Quelle der Überraschungen dar. Folgt man dem Bordbuch der ersten Reise des Kolumbus, mussten seine königlichen Auftraggeber denken, dass sich in der Neuen Welt das irdische Paradies befände. Denn das geographische Verständnis des Kolumbus war nicht nur durch Phantastereien verfremdet, sondern vor allem geprägt von seiner Lektüre.

Dazu ein Beispiel: Im Werk Imago Mundi des Pierre d’Ailly hatte er gelesen, dass sich das irdische Paradies in einer Zone milden Klimas in Äquatornähe befände. Weil er nicht endgültig sicher war, nun das Paradies wirklich entdeckt zu haben, stellte er ganz einfach fest, dass, da die antiken und mittelalterlichen Theologen und Philosophen das irdische Paradies im Fernen Osten lokalisiert hätten und das Klima der neuentdeckten Länder sehr mild sei, er sich nun im Fernen Osten befände. Während seiner dritten Reise gewann Kolumbus noch größere Gewissheit, das irdische Paradies gefunden zu haben, musste dafür allerdings die Erkenntnisse, die er sich aufgrund seiner Lektüre angeeignet hatte, modifizieren, damit die Angaben der alten Autoren mit seinen eigenen Beobachtungen synchronisiert werden konnten. Das klingt dann so: „die Erde ist nicht rund in der Form, wie es beschrieben wird. Vielmehr hat sie die Form einer sehr runden Birne mit Ausnahme der Stelle, wo die Birne ihren Stiel hat. Denn dort ist sie viel höher. Man könnte auch sagen, die Erde ist wie ein sehr runder Ball, und an einer Stelle sieht sie aus wie die Brust einer Frau, und der Teil der Brustwarze ist der höchste Teil, der dem Himmel am nächsten ist, und dieser Teil wäre demnach unterhalb der Äquinoktiallinie und in diesem Meer am Ende des Orients.“

Kolumbus mag mit diesem Glauben gestorben sein, doch spätestens jenen Spaniern, die nach ihm in die Neue Welt kamen, wurde bald klar, dass dem nicht so war. Viel länger umstritten blieb ein anderes Problem, nämlich die Frage, ob die Einwohner der Neuen Welt überhaupt Menschen seien. Dieses Problem begegnet uns zumindest während des gesamten 16. Jahrhunderts, obwohl Papst Paul III. 1537 mit seiner Bulle „Sublimis Deus“ die Menschlichkeit der Indios zweifelsfrei bestätigt hatte.

Die Unfähigkeit oder der Unwillen der Europäer, fremde Kulturen zu begreifen, führte nicht nur häufig zu deren mehr oder minder gewaltsamen Ausrottung oder zumindest Unterdrückung, sondern trieb zuweilen auch kuriose Blüten. So berichtete Hernán Cortés, der Eroberer Mexikos, mit besonderer Abscheu von den Menschenopfern, die er bei den Azteken beobachtet hatte, und davon, dass bei den religiösen Zeremonien das Fleisch der Opfer gegessen werde. Karl V. und seine Räte führten dies nicht auf religiöse Notwendigkeiten im Rahmen des aztekischen Glaubensgebäudes zurück, sondern auf den Mangel an für Menschen essbarem Fleisch. 1523 ordnete der König daher an, dass ausreichende Mengen an Vieh nach Mexiko gebracht werden sollten, damit die Bewohner genug Fleisch zu essen hätten und umso schneller mit der Menschenfresserei aufhörten.

Begegnet uns hier das pure Unverständnis gegenüber anderen Kulturen, muss auf der anderen Seite festgehalten werden, dass die Krone nach jeder Eroberung danach trachtete, möglichst genaue geographische Informationen über die neuen Territorien zu erhalten. Zu inkludieren waren im Rahmen dieser Informationen auch exakte Angaben über die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der autochthonen Ethnien, über ihre Religionen und Gebräuche, über ihre Steuerformen, ihre Gesetze und auch die Erbrechte des einheimischen Adels. Die Triebfeder für dieses detaillierte Interesse ist in der Notwendigkeit zu suchen, amerikanische Strukturen auf ihre Verwendbarkeit im Rahmen der neu aufzubauenden kastilischen Verwaltung zu überprüfen. Eine Neubegründung eines überseeischen Verwaltungsgebietes nach kastilischem Recht und kastilischen Gesetzen war nur dann mit einem vernünftig kalkulierbaren Aufwand realisierbar, wenn die einheimische, amerikanische Bevölkerung, und hier besonders die einheimischen Führungsschichten, zu einer wie immer gearteten Kooperation mit den Spaniern gewonnen werden konnten. Neubegründung heißt in diesem Zusammenhang, dass zumindest Teile der Rechtssysteme der Indios in das Gebäude der kastilischen Gesetze übernommen und dass auch die von den Europäern vorgefundenen politischen Konstellationen nicht völlig verändert wurden. Denn die europäische Bevölkerung in der Neuen Welt war viel zu gering an Zahl, als dass man auf die Kooperation des einheimischen Adels hätte verzichten können.

Die kastilische Krone war also daran interessiert, das rechtliche Herkommen und auch die Gebräuche der indigenen Bevölkerung zu schützen und zumindest Teile ihrer Strukturen zu erhalten, solange nicht dadurch die Christianisierung oder die Ausbeutung der Ressourcen behindert wurde.

Weiter machte sich die Krone auch den prähispanischen Verwaltungsapparat zunutze. Beispielsweise wurde 1530 von Karl V. verlangt, sämtliche „Malereien der Tribute“, also die mexikanischen Codices samt ihren Kommentaren über die Tribute in Náhuatl, zu sammeln, um aufbauend auf dem alten Abgabensystem nun die neuen, kastilischen Abgaben festzuschreiben. Auf diese Art und Weise wurden auch die Strukturen der einheimischen Gesellschaften im System der Kolonialverwaltung integriert. Sichtbar sind so bis heute diverse prähispanische Grenzen in Hispanoamerika, die eben zu Grenzen zwischen einzelnen Provinzen verschiedener Staaten oder auch zu Staatsgrenzen wurden. Sichtbar ist die Fortführung präspanischer Traditionen auch im religiösen Bereich. So manches katholische Gotteshaus findet sich an der Stelle eines indianischen Tempels.

 

Die Conquistadoren

 

Die Hispanisierung großer Teile der Neuen Welt wäre wohl nie in dieser raschen Art und Weise abgelaufen, wäre sie nicht in den ersten hundert Jahren von einer Gruppe von Menschen getragen worden, die als so genuin kastilisch-spanisch betrachtet, dass sie auch außerhalb des spanischen Sprachbereichs mit einem kastilisch-spanischen Wort bezeichnet wird. Gemeint sind die Conquistadores, die innerhalb kürzester Zeit durch die Conquista weite Teile der Neuen Welt der kastilischen Krone unterwarfen. Die Conquistadoren wurden bei ihren Unternehmungen insofern durch die Krone unterstützt, als diese deren Funktionen im Rahmen der Expeditionen festlegte und auch den geographischen Raum umschrieb, innerhalb dessen die Aktionen stattzufinden hatten. Die geringe oder nicht vorhandene Kenntnis der geographischen Gegebenheiten provozierte allerdings zahlreiche Konflikte zwischen den Conquistadoren, die vor Ort feststellen mussten, dass sich das ihnen zugestandene Gebiet mit jenem eines Konkurrenten überschnitt.

Je nach dem Zeitabschnitt, den wir betrachten, stammte ein Drittel bis 40 Prozent der Conquistadoren aus Andalusien, 18 Prozent waren aus Altkastilien, 14 bis 16 Prozent aus der Extremadura. Dieses Moment der Dominanz des iberischen Südens wirkte sich auf den speziellen Geist der Conquista aus. In Andalusien, im dauernden Kleinkrieg gegen die Mauren, war der Kreuzzuggedanke besonders stark, nicht zuletzt in den weiten Dominien der Militärorden. Schon vor dem militärischen Sieg über das letzte maurische Königreich in Granada 1492 war dieser Kreuzzuggedanke über das Meer auf die Kanarischen Inseln übertragen worden, die von der kastilischen Krone ab dem 14. Jahrhundert erobert worden waren. Hier traf man erstmalig auf eine heidnische Bevölkerung, was dazu führte, dass der Kreuzzugsgedanke langsam durch den Missionsgedanken ersetzt wurde. Und diese Idee diente neben der Gier nach Reichtum als Motor und als Entschuldigung im Rahmen aller Unternehmungen der Conquista.

 

Das Drama der Bevölkerungsveränderungen

 

Die Ankunft der Europäer bedeutete für die amerikanischen Gesellschaften in jedem Fall gravierende Veränderungen. Es waren nicht so sehr die kriegerischen Auseinandersetzungen, die die indigene Bevölkerung massiv reduzierten, sondern vor allem Krankheiten aus der Alten Welt, also Eurasien und Afrika, die die Amerikaner massenhaft töteten. Während die Menschen der Alten Welt seit Jahrtausenden miteinander in Kontakt standen und somit einen Pool an Antikörpern entwickeln konnten, lebten die Amerikaner so isoliert, dass sie keine Immunität gegen die neuen Krankheiten hatten. So kam es zu Prozessen, die sich Ende des 18. Jahrhunderts im ebenfalls isolierten Australien wiederholen sollten. Virale Krankheiten wie Pocken, Masern, Mumps, Grippe und Gelbfieber rafften in manchen Regionen Amerikas zwischen 90 und 100 Prozent der Bevölkerung hinweg. So lebten beispielsweise auf der Insel La Española, somit dem Gebiet der heutigen Staaten Haiti und Santo Domingo, im Jahre 1492 ein bis drei Millionen Menschen, um 1520 gab es dort gerade noch 16.000 Indigene, um die Mitte des 16. Jahrhunderts war die Urbevölkerung verschwunden. Dramatisch war auch der Bevölkerungsrückgang in Mexiko, das 1519, dem Jahr, in dem Hernán Cortés das Land betrat, von ungefähr 25 Millionen Menschen bewohnt war. 1532 gab es noch knapp 17 Millionen, 1548 sechs Millionen, 1605 eine Million und 1620 circa 730.000 Indigene. Nicht ganz so katastrophal scheint der Bevölkerungsverlust in Peru gewesen zu sein, wobei hier das Zahlenmaterial etwas unsicherer ist. Angaben über die dortige vorspanische Bevölkerung schwanken zwischen drei und dreißig Millionen Menschen, die Forschung geht von einem Bevölkerungsverlust zwischen 50 und 65 Prozent aus.

Dass die Bevölkerung im heutigen Lateinamerika nicht gänzlich europäisiert wurde, hängt damit zusammen, dass relativ wenige Europäer einwanderten, unter denen es außerdem einen bedeutenden Überschuss an Männern gab. Somit kam es ab dem Beginn der spanischen Herrschaft zu sexuellen Kontakten zwischen Indigenen und Europäern. Dies führte zu einer Besonderheit in Amerika, die man „Mestizaje“, Vermischung, nennt. Dieses Phänomen wurde noch weitaus komplexer durch die massive und erzwungene Ankunft afrikanischer Sklaven, die als billige Arbeitskräfte die häufig völlig ausgerottete indigene Bevölkerung ersetzen mussten. Die Afrikaner hatten meist in der entstehenden Plantagenwirtschaft, vor allem in der Karibik, sowie im Bergbau zu arbeiten. Doch auch sie hatten sexuellen Kontakt mit der sich langsam vermischenden euro-amerikanischen Bevölkerung. Bis zum 18. Jahrhundert führte das im spanischen Machtbereich zu einer Klassifizierung der Bevölkerung, die nicht nur Wörter für Menschen afrikanischer, amerikanischer und europäischer Abstammung hatte, sondern auch für alle Formen der Vermischung. Diese wurden auch bildlich dargestellt.

Die europäische Einwanderung in die spanischen Gebiete war streng geregelt und durch die Casa de la Contratación in Sevilla kontrolliert. Wer nach Amerika wollte, benötigte zuerst einmal eine Lizenz, die normalerweise vom König auszustellen war, in Ausnahmefällen auch vom Präsidenten oder einem Richter der Casa de la Contratación. Außerdem waren die Lizenzen, um Missbräuche zu vermeiden, nur zwei Jahre gültig. In der Lizenz standen nicht nur der Name des Auswanderers, sondern auch eine genaue Personenbeschreibung und das Ziel seiner Reise. Weiter war für die Ausreise eine Información notwendig, das heißt, die Justizbehörden des Herkunftsortes mussten den sozialen Stand, die Familienbeziehungen, die Reinheit des Blutes, die Christlichkeit, das Alter, besondere Merkmale und den Zivilstand des Petenten bestätigen. Auf diese Art und Weise sollte verhindert werden, dass Juden, Mauren, Konversen oder Lutheraner in die Neue Welt gelangten. Die Lizenz und die Information wurden dann genau in der Casa de la Contratación geprüft, erst dann durfte sich der Auswanderer in der Flotte einschiffen.

Die Passagiere, die nach Amerika gingen, wurden in Katalogbüchern eingetragen, sodass wir relativ genaue Zahlen über die Emigration haben. Natürlich kam es auch vor, dass Leute ohne eine Lizenz in die Neue Welt gelangten und erst nachträglich ihre Situation zu legalisieren trachteten, indem sie eine gewisse Geldsumme zahlten. So mancher Kapitän nahm noch nach dem Auslaufen aus Sevilla vor der Küste Passagiere auf oder versteckte sie schon in Sevilla vor den Kontrolleuren der Casa de la Contratación. In manchen Jahren war es so bis zu einem Drittel der Einwanderer gelungen, illegal in die Neue Welt zu gelangen. Wir können davon ausgehen, dass in den ersten hundert Jahren ungefähr 300.000 Personen nach Amerika gelangten, von denen an die 40 Prozent aus Andalusien stammten, circa 33 Prozent aus Kastilien und ungefähr 15 Prozent aus der Extremadura.

 

Die Organisation der Neuen Welt

 

Trotz der Eigenmächtigkeiten der Conquistadoren ist es beachtlich, festzustellen, wie rasch eine funktionierende spanisch-kastilische Verwaltung in Amerika aufgebaut wurde. In den ersten Jahren der Europäisierung Amerikas war dieses Verwaltungsgebäude noch ein sehr einfaches. Bis 1500 war die einzige und oberste Autorität in der Neuen Welt Kolumbus als Vizekönig und Gobernador. Danach wurde das Amt des Vizekönigs bis nach der Eroberung von Mexiko nicht mehr vergeben. Motiv für die neuerliche Einsetzung der Vizekönige war die Tatsache, dass es wegen der weiten geographischen Entfernung der Neuen Welt ebenso wie wegen der immer wieder vorkommenden Unbotmäßigkeiten der einzelnen Provinzgouverneure notwendig erschien, einen direkten Vertreter des Königs vor Ort zu haben. Somit entstanden zwei Vizekönigreiche. Der erste Vizekönig von Neu-Spanien (Mexiko und Mittelamerika) wurde 1535 eingesetzt, sein Amtsbereich umfasste auch Venezuela, jener von Peru trat sein Amt im Jahre 1542 an. Zu Peru gehörte ganz Südamerika samt Panamá.

Ab 1500 hatte die Krone danach getrachtet, ein Verwaltungssystem einzuführen, das jenem der schon früher eroberten Kanarischen Inseln angeglichen war. Die neuen Länder wurden in Provinzen eingeteilt, an deren Spitze ein Gouverneur mit richterlichen und administrativen Befugnissen stand. Die Gouverneure konnten auch Gesetze erlassen, die freilich nachträglich von der Krone bestätigt werden mussten. Im Regelfall wurden diese Gouverneure für maximal acht Jahre ernannt, sehr oft ging das Amt an verdiente Conquistadoren und andere Militärs. In militärischer Hinsicht war die Neue Welt in Capitanías Generales (Generalkapitanate) eingeteilt, wobei besonders in gefährdeten Provinzen dieses Amt sehr oft mit jenem des Gouverneurs zusammenfiel.

Schon sehr früh wurden in der Neuen Welt, wie in Kastilien, Appellationsgerichtshöfe eingerichtet, die Prozesssachen in zweiter Instanz zu entscheiden hatten. Die ersten Jahre bis 1505 war dafür noch die Real Audiencia y Chancillería in Ciudad Real in Neukastilien zuständig, 1505 wurde dieser Appelationsgerichtshof nach Granada in Andalusien verlegt. Doch bereits 1511 kam es zur Errichtung eines eigenen Appelationsgerichts in Amerika, zur Begründung der Audiencia in Santo Domingo. Diese Gerichtshöfe waren als Kollegialbehörden organisiert und setzten sich aus Berufsjuristen zusammen, die hervorragend geeignet schienen, im Auftrag des Königs Kontrollfunktionen über die Gouverneure der Provinzen wahrzunehmen. Es ist auffällig, dass der Begründung einer oder mehrerer Provinzen in der Neuen Welt auch relativ rasch die Errichtung einer neuen Audiencia folgte. Mit dem Ende des 16. Jahrhunderts ergibt sich folgendes Bild: Im Vizekönigreich Neu-Spanien wurden neben der schon erwähnten Audiencia von Santo Domingo (Audiencia de la Isla Española) und jener von Mexiko (1527) 1542 jene von Guatemala, 1548 jene von Guadalajara und 1583 die Audiencia der Philippinen begründet. Im Bereich des späteren Vizekönigreiches Peru kam es bereits 1535 zur Gründung der ersten Audiencia in Panamá, 1542 folgte Lima, 1548 Bogotá, 1559 Charcas, 1563 Quito und die Audiencia von Chile.

Die Behörden in Amerika kommunizierten allerdings nicht direkt mit dem König in Madrid, sondern es gab in Europa noch weitere Institutionen, die mit den Angelegenheiten der Neuen Welt befasst waren. Bereits 1503 war in Sevilla die schon erwähnte Casa de la Contratación begründet worden, eine Art Handelskammer oder Handelsorganisation der Krone. Diese Casa de la Contratación konzedierte die Reise in die Neue Welt, organisierte die Zusammenstellung der Flotten, deren Administration und Bewegungen, kassierte die der Krone aus dem Amerikahandel zustehenden Einkünfte und hatte die ausschließliche Jurisdiktion über die Menschen und Schiffe, die aus der Neuen Welt kamen oder dorthin gingen, sowie die Gerichtsbarkeit in Handelssachen.

Fast gleichzeitig mit der Gründung der Casa de la Contratación wurde im Consejo de Castilla, dem Kastilienrat, der das zentrale Organ für die Regierung der Länder der kastilischen Krone darstellte, eine Gruppe von Personen mit der Behandlung von amerikanischen Themen betraut. König Ferdinand I. überwachte meist persönlich die Sitzungen dieser Rätegruppe. Um 1516, dem Todesjahr des Königs, nannte man diese Personengruppe bereits Consejo de Indias, doch wurde dieser Indienrat als eigener Ratskörper der spanischen Monarchie endgültig erst 1523 unter Karl V. begründet. Diesem unterstanden fortan die amerikanischen Provinzen ebenso wie die Casa de la Contratación. Der Rat war nicht nur die Verwaltungsbehörde für die amerikanischen Länder, sondern auch oberstes Gericht in Zivil- und Strafrechtssachen und hatte auch gesetzgeberische und politische Funktionen. Auch der Indienrat erwies sich in der Art, wie er zu Beginn des 16. Jahrhunderts begründet worden war, als äußerst stabil und überdauerte die gesamte habsburgische Zeit in Spanien.

All die geschilderten Verwaltungsmaßnahmen erforderten eine umfangreiche und kompetente Bürokratie mit Spezialkenntnissen auf vielen Gebieten. In den Audiencias ebenso wie in der Casa de la Contratación oder im Consejo de Indias wurde eine Vielzahl von gut ausgebildeten Juristen benötigt. Die rasante Entwicklung in der Neuen Welt begünstigte somit auch den Aufstieg der kastilischen Universitäten wie Salamanca, Valladolid, Alcalá de Henares oder Sevilla, aus denen Akademiker hervorgingen, die wegen ihrer Nähe zur Macht die besten Chancen hatten, wichtige Posten in Amerika einzunehmen. Der Bedarf an einer funktionierenden zivilen und kirchlichen Bürokratie beschleunigte auch die rasche Gründung amerikanischer Universitäten wie jener von Mexiko, die bereits 1551 errichtet wurde, oder jener von Santo Domingo und von Lima.

 

Amerikanisches Geld und spanische Großmachtpolitik in Europa

 

Der Amerikahandel ebenso wie die Auswanderung nach Amerika konzentrierte sich auf die Stadt Sevilla. Diese faszinierte durch ihren Reichtum, ihre großartigen Bauten, ihre bunt gemischte Bevölkerung, bestehend nicht nur aus Andalusiern, sondern auch aus Morisken, zahlreichen schwarzen Sklaven und vielen ausländischen Handelsleuten, vorab Genuesen. Mit ihren ungefähr 100.000 Einwohnern war Sevilla im 16. Jahrhundert eine der größten Städte Europas.

Die Ankunft der Flotte aus Amerika stellte nicht nur einen Höhepunkt im Jahreszyklus Sevillas dar, sondern wurde auch vom spanischen Hof in Madrid sehnlichst erwartet. Von den Gütern, die die Flotte aus der Neuen Welt mitbrachte, hing das Schicksal einer bedeutenden Zahl an Kaufleuten ab, die unter Umständen ihr gesamtes Vermögen in ein Handelsgeschäft investiert hatten und somit ihren wirtschaftlichen Ruin riskierten, sollte die Flotte ausgeraubt werden oder in einem Sturm zugrunde gehen. Doch auch das Schicksal der spanischen Monarchie war mit dem der Flotte verbunden, da deren Finanzbedarf aufgrund der zahlreichen militärischen Unternehmungen in Europa äußerst groß war.

Die spanische Großmachtpolitik in Europa unter Karl V. ist in der Form, wie sie exerziert wurde, ohne den Reichtum seiner amerikanischen Besitzungen gar nicht vorstellbar. Je ambitionierter und damit kostenintensiver die spanische Europa- und Mittelmeerpolitik wurde, desto abhängiger wurde die Monarchie vom rechtzeitigen Eintreffen der amerikanischen Flotten. Denn sie benötigte Geld für ihre Unternehmungen gegen die Osmanen und die Barbareskenstaaten in Nordafrika, für die beständigen Kriege gegen Frankreich, für die militärischen Unternehmungen im Heiligen Römischen Reich, für die Italienpolitik, für die Unterstützung der Kriege der österreichischen Habsburger und dergleichen. All das kostete Geld, das die Stände der einzelnen Reiche der spanischen Monarchie gar nicht hätten aufbringen können. Daneben ist es auch von Bedeutung, dass das amerikanische Geld die spanischen Monarchen unabhängiger von den Geldbewilligungen der Stände machte, was frühabsolutistischen Tendenzen der spanischen Habsburger durchaus entgegenkam.

Um das eben Gesagte etwas besser zu illustrieren, soll an dieser Stelle eine kurze Gesamtübersicht über das Geld aus der Neuen Welt und dessen Verwendung für die spanische Europapolitik geboten werden. In den ersten Jahren der Inbesitznahme der Neuen Welt flossen noch keine zu großen Summen nach Spanien. Unter Karl V. wurde der Rückgriff auf die amerikanischen Ressourcen allerdings zur Alltäglichkeit. So registrierte die Casa de la Contratación in den Zwanzigerjahren des 16. Jahrhunderts 442.425 Dukaten, die dem König zustanden und die sich zum Großteil aus den Schätzen konstituierten, die Cortés aus Neu-Spanien übersandt hatte. Weiters beschlagnahmte Karl V. noch 300.000 Dukaten aus dem amerikanischen Geld, die eigentlich Privatleuten gehörten. All dieses Geld, also 742.425 Dukaten, wurde für die Rückzahlungen der Schulden verwendet, die im Rahmen der Wahl Karls zum Römischen König 1519 aufgelaufen waren, um die Kurfürsten prohabsburgisch zu stimmen, und für die Kriege gegen Frankreich.

In den Dreißigerjahren registrierte die Casa de la Contratación Einkünfte für den König in der Höhe von 2,976.000 Dukaten. Zusätzlich ließ dieser noch 1,402.000 Dukaten von Privatpersonen für die königlichen Kassen beschlagnahmen. Das gesamte Geld ging für Karls Unternehmungen gegen Tunis auf. In den Vierzigerjahren gingen die registrierten 1,749.500 Dukaten und weitere 230.000 Dukaten, die beschlagnahmt wurden, fast zur Gänze für die Ausgaben im Rahmen des Schmalkaldischen Krieges auf. In seinen letzten Regierungsjahren zwischen 1551 und 1556 nahm der Kaiser schließlich sogar 6,653.160 Dukaten ein, musste aber wieder zum Mittel der Sequestration von Privatvermögen aus Amerika greifen, um liquid zu bleiben, und akquirierte somit weitere 3,031.273 Dukaten. Das Geld ging für die neuerlichen Kriege gegen Frankreich, für Schuldenrückzahlungen bei genuesischen und deutschen Bankherren und für die Heirat seines Sohnes Philipp II. mit Maria Tudor auf.

Auffallend ist, dass es ab dem 16. Jahrhundert zu einem beständigen Preisanstieg und einer gravierenden Inflation in ganz Europa gekommen ist. Die Edelmetalle aus Spanisch-Amerika sind an dieser Entwicklung nicht ganz unbeteiligt gewesen.

 

Die Piraterie

 

Seit dem Beginn ihrer amerikanischen Unternehmungen hatten die Spanier mit dem Neid der europäischen Mächte zu kämpfen. Da diesen vorerst der Zugang zu Amerika verwehrt war, versuchten sie mit dem Mittel der Piraterie an den Reichtümern der Neuen Welt zu partizipieren. Als Cortés beispielsweise einen Teil des Schatzes von Moctezuma II. auf zwei Schiffen aus Veracruz in Mexiko nach Spanien sandte, fielen diese zu Beginn des Jahres 1523 in der Nähe der Azoren französischen Korsaren unter dem Kommando von Jean Fleury zum Opfer. Dieser erbeutete danach auch noch ein Schiff, das aus Santo Domingo kam, ebenfalls reich beladen mit Gold und Perlen sowie Zucker. Besonders schmerzhaft für die Spanier war es in diesem Fall, dass Fleury auch nautische Karten in seine Hände bekam, auf denen die Routen von Amerika nach Europa eingezeichnet waren. Das streng gehütete Wissen über die genauen Wege in die Neue Welt verlor damit seinen Geheimcharakter. Fleury raubte auch in den folgenden Jahren spanische und portugiesische Schiffe aus. Als Ausrede musste herhalten, dass zwischen seinem Herrn, dem französischen König Franz I., und Karl V. ohnedies Krieg herrschte. 1527 fiel Fleury allerdings den Spaniern in die Hände. Während der peinlichen Verhöre, denen er unterzogen wurde, brüstete er sich damit, 150 Schiffe gekapert zu haben. Karl V. befahl daher seine sofortige Exekution. Fleury wurde in Colmenar de Arenas (Toledo) 1527 gehenkt. Es sollte dies die traditionelle Hinrichtungsart für Piraten werden.

Der nächste Franzose, der sich in die Karibik vorwagte, war Jean-François de La Rocque de Roberval. Nachdem er 1542 bei einem Kolonisationsversuch im heutigen Canada nicht nur gescheitert war, sondern auch viel eigenes Geld verloren hatte, entschloss er sich 1543, in die Karibik vorzudringen. Zwar hatte er wohl keine offizielle Unterstützung seitens des französischen Königs, doch da damals neuerlich zwischen Franz I. und Karl V. Krieg herrschte, hatte Ersterer auch nichts gegen die Unternehmungen. Roberval attackierte in jenem und im darauf folgenden Jahr die Küste des heutigen Kolumbien, so beispielsweise Cartagena de Indias. 1546 griff er Häfen auf der Insel Cuba an. Allerdings blieb er weitgehend erfolglos und zog sich im nächsten Jahr von der Piraterie zurück.

Etwas erfolgreicher waren die Hugenotten François Le Clerc aus der Normandie und Jacques de Sores aus La Rochelle. Beide agierten mit offiziellen Kaperbriefen des französischen Königs Heinrich II.. Ihr Ziel war Cuba, wo sie hofften, große Mengen an Edelmetall vorzufinden. Le Clerc überfiel 1554 mit tausend Mann Santiago de Cuba und erbeutete 60.000 Silberpesos. Außerdem zerstörte er die Stadt, die sich von diesem Angriff lange nicht erholen konnte. Sores wiederum attackierte 1555 La Habana auf Cuba. Sores sollte auch später noch, als schon längst zwischen Spanien und Frankreich 1559 der Frieden von Cateau-Cambrésis geschlossen worden war, seinen persönlichen Religionskrieg führen, denn 1570 tötete er 40 portugiesische und spanische Jesuiten bei der kanarischen Insel La Palma, die sich unter der Führung von Inácio de Azevedo auf dem Weg nach Brasilien befanden. Im 19. Jahrhundert wurden die Jesuiten vom Papst als Märtyrer selig gesprochen.

Die Unternehmungen der Piraten richteten also beträchtlichen Schaden an. Die Spanier sahen ihre amerikanischen Häfen und Transportwege als immer gefährdeter an und begannen, die Küsten zu befestigen. Bereits unter Karl V. verschlangen die Defensivmaßnahmen in der Karibik einen nicht unbeträchtlichen Teil der amerikanischen Einkünfte, die eigentlich für die europäischen Kriege des Kaisers gedacht waren. Und auch die europäischen Hafenstädte mussten geschützt werden, vor allem Sevilla, wo die Flotten aus Amerika landeten. Daher ließ Karl V. die Befestigungen von Cádiz und Gibraltar, die den Zugang nach Sevilla kontrollieren konnten, ausbauen.

Doch auch die Schiffswege selbst sollten sicherer werden. Schon 1521, nach dem Ausbruch des ersten Krieges zwischen Karl V. und Franz I., wurde zwischen den Azoren und der Iberischen Halbinsel ein System eingerichtet, das sich bereits im Mittelmeer bewährt hatte; regelmäßig patrouillierten dort Galeeren der Küstenwache. Ab 1526 durften die Schiffe aus der Neuen Welt nur noch im Konvoi reisen. Durch königliche Dekrete von 1543, 1561 und 1564 wurde schließlich das System der Flotten und Galeonen begründet, das bis 1778 gültig sein sollte. Auf der Carrera de Indias verkehrten nun die Schiffe auf festgelegten Routen, wobei die Transport- immer von Kriegsschiffen begleitet wurden.

Das Bild der Spanier in der Neuen Welt unter Karl V. muss zwiespältig bleiben. Eine Bewertung der Entwicklungen hängt letztlich von der Frage ab, ob die Europäisierung (einschließlich der Christianisierung) des amerikanischen Raumes positiv oder negativ betrachtet wird. Unbestritten sind in diesem Zusammenhang jedoch zwei Tatsachenkomplexe: 1. Die kastilisch-spanische Conquista und Kolonisation der Neuen Welt ging auf Kosten der dortigen autochthonen Bevölkerung und provozierte einen ungeheuren Verlust an Menschen und an Kulturen, ganz zu schweigen von den ökologischen Veränderungen. 2. Die spanische Großmachtpolitik in Europa und im Mittelmeerraum wäre ohne die Ressourcen Amerikas nie in dieser Form durchführbar gewesen. Insofern beeinflussten sich die Alte und die Neue Welt gegenseitig. Denn die Verbindung Amerikas mit dem Rest der Welt veränderte den gesamten Globus nachhaltig, auch, und das sei ein letzter Hinweis, weil sich durch den Austausch von Tieren und Pflanzen zwischen den beiden Kontinentalmassen der Alten und der Neuen Welt die Lebensbedingungen der Menschen global veränderten.

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