Zwei Fragen am Ende des ökumenischen Gesprächs

Im Rahmen der Veranstaltung "Ökumene, ein Gespräch zu dritt", 04.11.2015

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Florian Schuller: Wir kommen zur Zukunft der Ökumene. Nur eine ganz kurze Doppelfrage an jeden von Ihnen mit der Bitte um eine kurze Antwort. Es sind heute viele offene Worte gefallen, und deshalb bitte ich auch um ein offenes Wort jetzt am Schluss: Was ist das größte Charisma, das die beiden anderen Kirchen einbringen sollen in die Ökumene, und was ist das größte Hindernis?

 

Metropolit Ioanis Zizioulas: Da brauche ich eigentlich mehr Zeit zum Nachdenken, aber ich will eine Antwort versuchen. Ich glaube zwar, dass die Zukunft der Ökumene gut sein wird. Allerdings haben wir als Kirchen häufig die Einheit der Kirche als Ziel der Ökumene aus den Augen verloren. Ich denke, es war in Neu-Delhi, wo der Weltkirchenrat von der sichtbaren Einheit der Kirche als Ziel der Ökumene gesprochen hat. Dieses Ziel haben wir aufgegeben, und das ist meiner Meinung nach tragisch. Wir sollten da nicht müde werden. Ich weiß nicht, wie wir unsere Kirchen überzeugen können, dieses Ziel auf ihre Tagesordnung zu setzen.

Im katholisch-orthodoxen Verhältnis sieht es hier besser aus, im evangelisch-orthodoxen Verhältnis nicht so gut. Was die Anglikaner betrifft, habe ich den Eindruck, dass sie ihre Entscheidungen ganz ohne Rücksicht auf die ökumenischen Partner treffen. Ich erinnere mich, 1988 war ich als Gastredner bei der Lambeth Konferenz eingeladen, als man gerade über die Frauenordination nachzudenken begann. Ich habe ihnen damals gesagt: Trefft alle eure Entscheidungen doch nur, indem ihr auch die Einheit der Kirche im Auge behaltet. Dies ist nicht geschehen. Was ich beklage, ist, dass uns heute eine Vision der Ökumene fehlt.

 

Propst Johann Schneider: Das ist eine schwere Frage. Also, ich bin ja von zuhause aus gewohnt, immer nur Gutes zu sagen. Charisma kommt vom griechischen Wort für Gabe. Nach meiner persönlichen Wahrnehmung ist es die größte Gabe der römisch-katholischen Kirche weltweit, dass sie mit Spannungen lebt, die keiner von uns sonst aushält. Die Vielfalt in der römisch-katholischen Kirche ist so groß – ich habe ja ein Jahr in Rom studiert –, auf evangelischer Seite hätte man längst schon eigene Kirchen gebildet. Die Meinungen der Studierenden an der Gregoriana zwischen Brasilien, China und Afrika waren so unterschiedlich, dagegen ist unsere Synode in Erfurt harmlos, würde ich mal sagen.

Bei der orthodoxen Kirche ist die größte Gabe wirklich das liturgische Erbe, dass Glauben und Beten eine Einheit sind. Ich erkläre das gerne so, dass die ökumenischen Dialoge oft dann fruchtlos sind, wenn wir sie nicht in Kirchenlieder umwandeln können. Wenn sie Kirchenlieder geworden wären, hätte man sie gesungen. Solange sie nur in Dokumenten stehen, sind sie gut in Schränken aufgehoben, wie Sie, Herr Kardinal, das vorhin gesagt haben.

Zu den Schwächen: Die römisch-katholische Kirche ist aus meiner Sicht in einem Prozess der multilateralen Positionierung. Was ich wahrnehme, und zwar in vielen Kontexten: Wie man das zusammenbekommt, diese unterschiedlichen Kontexte, das kann nur ein Wunder des heiligen Geistes bewirken. Das kann man sicherlich nicht nur mit dem Bischof von Rom – sozusagen theologisch machen. Zwischen Japan, Südafrika, Nordamerika, das ist keine rein lateinische Kirche mehr.

Und bei der orthodoxen Kirche: Das gut Geglaubte und Bezeugte in Wirklichkeit zu vollziehen, ist eine große Kunst. Das Ziel wäre, manche Fragen endlich zu klären, etwa die nach dem Bischof. Mein verehrter Şaguna, aus dem der heilige Andrei geworden ist, hat ein Modell propagiert, das heute weltweit gilt: drei verschiedene Gemeinden, drei verschiedene Diözesen in einer Stadt.

 

Kurt Kardinal Koch: Ich empfinde es auch nicht als einfach, über Stärken und Schwächen der anderen zu reden, aber da Sie es wünschen, will ich es tun. Ich gehe davon aus, dass Ökumene Austausch der Gaben heißt. Papst Franziskus hat in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ betont: Am meisten können wir von den orthodoxen Kirchen die Synodalität lernen. In der Tat haben wir in der katholischen Kirche Nachholbedarf an Synodalität. Sie wieder zu entdecken, ist der wichtigste Beitrag unserer Kirche für die Einheit zwischen Ost und West. Die Schwäche der Orthodoxie hängt meines Erachtens mit dem Prinzip der Autokephalie zusammen, das sehr oft dazu führt, dass nationale und politische Fragen so in den Vordergrund rücken, dass sie die innerorthodoxe Einheit gefährden. Deshalb ist es meine ganz große Hoffnung, und ich bete auch darum, dass die panorthodoxe Synode im kommenden Jahr stattfinden kann. Das gesamtorthodoxe Zeugnis von Synodalität brauchen wir Katholiken, und ich bin dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus und Metropolit Zizioulas dankbar, dass Sie sich leidenschaftlich für dieses Ereignis einsetzen.

Bei den Protestanten würde ich sagen, dass der große Edelstein die Rechtfertigungslehre ist, dass es bei allen Vermittlungsgestalten amtlicher und institutioneller Art immer darum geht, dass sie den Einzelnen in die Unmittelbarkeit mit Gott hinein führen und dass keiner auf die Idee kommt, Johannes 15 auf sich zu übertragen: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“. Das kann nur Christus sagen.

Die Schwäche, das haben Sie, Herr Propst Schneider, schon benannt, besteht darin, dass der Weltprotestantismus immer mehr fragmentiert wird. Es entstehen immer neue Kirchen, und ich sehe innerhalb des Weltprotestantismus keine Tendenz auf mehr Einheit. Es gibt eine große Fragmentierung, mit der schönen Ausnahme der GEKE, der Gemeinschaft der evangelischen Kirchen in Europa! Ich erlebe das immer wieder: Die neu entstehenden Kirchen kommen dann auch nach Rom, klopfen an meine Tür und wünschen auch einen Dialog. Und hin und wieder muss ich dann sagen: Hören Sie, dieser Rat heißt Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, und nicht zur Förderung neuer Kirchen. Da, denke ich, wäre die gemeinsame Herausforderung an uns alle: Wir müssen neu überlegen, was Einheit der Kirche in orthodoxer, katholischer und protestantischer Sicht heißt, und gemeinsam danach fragen, was die Einheit der Kirche ökumenisch bedeutet.

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