Migration und Integration in historischer Perspektive

Die Geschichte von Migrationen wird meist aus der Perspektive der Aufnahmegesellschaft geschrieben. Es gibt aber immer auch die andere Seite. Migration, ob erzwungen oder freiwillig, ob voller Verzweiflung oder voller Hoffnung, enthielt durch alle Zeiten Phasen hoher Irritation, großer Unsicherheit und Angst. Denn zwischen dem Verlassen der vertrauten Umgebung, der Familie, der Freunde, und der sicheren Ankunft an einem Ort, an dem man bleiben wird, liegt ein Raum großer Gefährdung. Es geht um Abschied und Grenzüberschreitung, um den oft schwierigen Weg durch das Unbekannte zu einem fernen und unklaren Ziel. Die Passage zwischen Abreise und Ankunft weckt vor allem bei erzwungener Migration Urängste des Verlassen- und Verstoßen-Seins. Vielfach wird sie auch konkret von traumatischen Erlebnissen begleitet, von Gewalt und Betrug oder dem Tod Nahestehender. Es ist die Phase des größten Ausgesetzt-Seins, in dem Migranten und Migrantinnen unbedingt „Paten“ benötigen, die Ihnen ein neues Gefühl der Sicherheit vermitteln.

Ein weiteres kommt hinzu: Zur Angst der Migranten und Migrantinnen korrespondiert die Angst der Menschen in den Zielländern – Angst vor Überfremdung, vor Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, vor einem Verlust von Besitz und Privilegien. Die „Fremden“ will man nicht, man fürchtet sie und lehnt sie deshalb ab. Diese Ablehnung ist nicht erst heute mit Aussperrung und Ausgrenzung verbunden. Viele der großen Zwangsmigrationen waren begleitet von Grenzschließungen und Internierungen, von Arbeitsverboten und Diskriminierungen. Das „Wir“ der Einheimischen konstruierte ein „Ihr“ der unerwünschten Ankömmlinge. Unter dieser Dichotomie von „Wir“ und „Ihr“ lassen sich dann sehr viele der konkreten Ausschlussszenarien fassen, die begannen, waren die Flüchtenden erst einmal im Land.

Die beiden korrespondierenden Ängste, die der Ankommenden und der Mitglieder der Aufnahmegesellschaft, gingen und gehen eine unselige Verbindung ein: Die Ankommenden spüren die Ablehnung und dies steigert ihre Verzweiflung und Not. Und den Einheimischen versperrt die Angst vielfach den Blick auf die Qualitäten und Angebote der Ankommenden. Vor dem Hintergrund der Angst lernt man sich nicht kennen.

 

I.

 

Zunächst sind nun kurz einige Grundkoordinaten des Themas Migration zu skizzieren. Migration stellt meist einen lebenslangen, oft sogar generationenübergreifenden Prozess dar. Der Soziologe Georg Simmel beschreibt den Migranten als einen „Gast der heute kommt und morgen bleibt“. Dies enthält eine Definition, die viele Migrationsforscher zugrunde legen: Migration ist das Überschreiten einer Grenze mit der Absicht, dort – zumindest eine längere Zeit – zu bleiben. Eine alternative ethnologische Definition lautet: Migration ist Bewegung von Menschen im geographischen Raum. Migration ist aber in jedem Falle mehr als Tourismus oder Mobilität: Menschen verlassen ihre Heimat, überschreiten die Grenzen ihres Dorfes, ihrer Region, ihres Landes und „wandern“ –  so immer noch der offizielle Terminus – in die Städte, in andere Länder und Erdteile. Die Gründe dafür waren immer schon vielfältig. Hunger, Krieg, politische oder religiöse Verfolgung konnten Migrationen auslösen, aber auch Kriegszüge mit Landnahmen, Handel, Arbeitssuche, Heiratswünsche.

Das Begriffsinstrumentarium, mit dem operiert wurde und oft noch wird, ist meist selbst ein Teil der Migrationsgeschichte. Das gilt für die USA, aber auch für Deutschland und andere europäische Länder. Der Umgang mit Migration spiegelt, so eine These, die Selbstdefinition einer Gesellschaft. Solche Muster sind dem historischen Wandel unterworfen: In den USA wurde aus der Idee der Verschmelzung in einem amerikanischen „melting pot“ die „Salatschüssel“, in der die verschiedenen Elemente vermischt, aber nicht verbunden nebeneinander weiterbestehen. In Deutschland galt zwar weiterhin der Abstammungs-Gedanke, wie auch die Aufnahme der Russland-Deutschen zeigt, und bis vor Kurzem war der Begriff der Einwanderungsgesellschafft ein Tabu, doch de facto hat sich sehr viel geändert. Untergründig laufen jedoch die alten Konzepte weiterhin mit.

Der Staat – bzw. in früheren Jahrhunderten der Herrscher oder eine städtische Obrigkeit – hat, und das ist für heutige Fragen wichtig, vor allem bei der jeweiligen Einwanderungspolitik Bedeutung: Die Zielregion kann Einwanderung fördern, Reisekosten, Land, Wohnung, Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung stellen und eine Beschäftigungs-Minderheitenquote installieren. Sie kann aber auch Einwanderung quotieren oder hohe finanzielle Hürden errichten, Arbeitsmöglichkeiten und Freizügigkeit einschränken. So wird sie zum Katalysator von Wanderungs- und Identifikationsprozessen. Hinzu treten temporäre ökonomische oder politische Faktoren wie Rezession oder Konjunktur, Krieg und Frieden, Fremdenfeindlichkeit oder eine positive Erwartung gegenüber den Neuankömmlingen.

 

II.

 

Diskutiert wurde (und wird) aber meist nicht über Migration, sondern über „Integration“ im neuen Land. Der Begriff der Integration enthält an sich das Bild einer oder vielmehr zweier Kulturen, die aufeinanderstoßen und miteinander verschmelzen, sich verbinden oder verschränken. In den USA werden, anders als in Deutschland, Integration und Assimilierung oft gleichgesetzt. Durch „Akkulturation“ sollen Migranten die neuen Normen, Werte und Verhaltensmuster übernehmen, also beispielsweise eine deutsche „Leitkultur“; nach einer Generation, so hofft man, seien die Zuwanderer „integriert“ und damit nicht mehr erkennbar. Damit wird die Veränderung der aufnehmenden Gesellschaft durch Migration meist kollektiv verdrängt.

Mit einem kritischen Blick auf diesen Integrationsbegriff ist zu fragen, ob es die hier behauptete relativ homogene Kultur, in die man sich „integrieren“ könnte, überhaupt je gab, ob nicht vielmehr die Aufnahmegesellschaften, wie es die Forschungen über „hybride Kulturen“ nahelegen, über alle Zeiten hinweg vielfach fragmentiert und durchmischt waren. Keine Kultur ist von der Zirkulation von Menschen, Dingen, Zeichen und Informationen unberührt geblieben. „Hybridität“ bedeutet ein vielfältiges Überlappen und Überschneiden von Traditionen und  Diskursen, eine Auflösung der nur scheinbar festen Grenzen von Kulturen. Das Bild einer autochtonen Kultur, an die sich Migranten angleichen, in die sie sich hätten integrieren können, wird fragwürdig und brüchig: Autochtonie ist ebenfalls ein „hybrides Gebilde“, das nur über eine längere Zeit Bestand hatte. Aber eben darauf beziehen sich Polarisierungen, die einem „Wir“ der Einheimischen ein „Ihr“ der Anderen, der Fremden, gegenüberstellen.

 

III.

 

Im Folgenden will ich nun einige wichtige Migrationsschübe exemplarisch auf diese Fragen hin abklopfen.

Zu meinem ersten Beispiel. Der Augsburger Religionsfriede von 1555 hatte das „ius emigrandi“  festgeschrieben, eine Schutzklausel vor religiös bestimmter Verfolgung, die mit dem landesherrlichen Recht korrespondierte, anderskonfessionelle Untertanen zur Auswanderung zu zwingen. Auf dieses Recht zur Auswanderung konnten sich die evangelischen Glaubensflüchtlinge stützen, die seit den 1590er Jahren aus den österreichischen Erblanden flohen, um sich vor allem im süddeutschen Raum wieder anzusiedeln. Wirtschaftlich potente Zuwanderer mit guten geschäftlichen Verbindungen fanden, vor allem in Friedenszeiten, deutlich schneller Aufnahme als arme Migranten, die bei den Ansässigen die Sorge auslösten, sie könnten der finanziellen Unterstützung bedürfen. Die rechtliche Integration dieser wohlhabenden Immigranten wurde meist in kurzer Zeit vollzogen. Die gemeinsame Konfession und die gemeinsame Sprache waren dafür von großer Bedeutung, senkten sie doch auch die Bedenken gegenüber einer möglichen Einheirat, dem Konnubium, das bis heute als zentrales Integrationskriterium gilt. Von Bedeutung war überdies das bewegende Schicksal der Glaubensflüchtlinge, das bei den Ansässigen eine emotionale Integrationsbereitschaft schuf. Auf positive Aufnahme konnten Flüchtlinge auch rechnen, wenn sie als Arbeitskräfte gebraucht wurden. Die Grundherren rissen sich nach den Menschenverlusten des 30-jährigen Kriegs um die Neuankömmlinge und stellten ihnen zu günstigsten Bedingungen Land zur Verfügung. Auch in den Reichsstädten senkte man die Bedingungen für Neubürger, war doch die Bevölkerung durch Seuchen und Hunger oft auf 20 Prozent geschrumpft. Krieg und Not senkten jedoch deutlich die Bereitschaft, Fremde aufzunehmen. Die Aufnahmegesellschaft, so ist das zu resümieren, bestimmte die Bedingungen. Davon hing dann auch die soziale und wirtschaftliche Integration der Immigranten maßgeblich ab.

Doch die Aufnahmegesellschaft profitierte, entgegen anfänglicher Befürchtungen, am meisten von Zuwanderung. Dies zeigt sich an der zentralen Glaubensmigration der Folgezeit. Die Zuwanderung der Hugenotten nach der Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. 1685 legte durch die Gründung von „Christian-Erlang“ den Grundstein für die wirtschaftliche Prosperität Erlangens. Bald folgten auch Kurpfälzer Exulanten, die vor den Raubzügen Ludwigs XIV. geflohen waren. Über viele Jahre war Erlangen zweisprachig, und die weitverbreitete Kenntnis der Weltsprache Französisch sowie die Toleranz, dank derer hier mehrere Konfessionen nebeneinander lebten, war mit einer der Gründe, dass Markgraf Friedrich hier eine Universität gründete.

Als zweites Beispiel will ich die Auswanderung des 18. und 19. Jahrhunderts anführen, die auch wegen ihres Bruchs mit der Tradition der „stabilitas loci“ die Gemüter erregte. Zunächst galten die Untertanen noch als Besitz des Grundherrn und in erweitertem Sinne die des Landesherren, die ohne Erlaubnis und Abstandszahlung ihren Ort nicht verlassen durften. Die Mobilisierung der Gesellschaft in der Folge der Französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege und der Montgelasschen Reformen begann diese Auffassung langsam aufzuweichen.

Auswanderung, legale und illegale, hatte es jedoch in Bayern bereits vorher häufig gegeben. Doch wer ohne Erlaubnis des Landesherren auswanderte, musste mit schärfsten Strafen rechnen: Es drohten Vermögenskonfiszierung und Arbeitshaus. Der Auswanderung gingen häufig attraktive Angeboten aus dem Zielland voraus. So warb Katharina II. Kolonisten für Russland an und per Schiff zog es Ende des 18. Jahrhunderts viele Bayern über die Donau nach Ungarn. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es zunächst für Ungläubige, Juden und Bettler eine Lockerung des Verbots. In der bayerischen Verfassung von 1818 wurde dann ein beschränkter Auswanderungsanspruch zumindest in andere deutsche Staaten festgeschrieben. Erst ab 1871 gab es ein Recht auf Auswanderung.

Ein Großteil der deutschen und europäischen Auswanderung des 19. Jahrhunderts hatte die USA zum Ziel; auch dort lockte die Möglichkeit, auf eigenen Grund und Boden sesshaft werden zu können; es handelte sich also zu einem überwältigenden Teil um Wirtschaftsmigranten. Zwischen 1820 und 1920 wanderten allein 5,5 Millionen Menschen aus dem Gebiet des Deutschen Bundes und späteren Deutschen Reichs in die USA aus. 94 Prozent der Amerika-Auswanderer verfügten über transnationale Netzwerke. Die lokalen Netzwerke organisierten sich als Nachbarschaften oder Communities, als Anlaufstationen für individuelle Unterstützung oder als Keimzelle (lokal-) politischer Organisation. Solche transnationalen Kommunitäten sind also keine Erfindung des ausgehenden 20. Jahrhunderts und es ist auch kein beunruhigendes Phänomen, dass heutige Zuwanderer bemüht sind, sich in Gruppen zu organisieren, Verwandte und Bekannte als erste Anlaufstationen zu nutzen.

Als drittes Beispiel ist die Arbeitswanderung in und nach Deutschland anzuführen. Die große Auswanderung wurde gegen Ende des Jahrhunderts immer mehr abgelöst durch die Wanderung der Arbeitsuchenden in die Industriegebiete, vor allem aber in die großen Städte. Bereits um 1900 reichten die Arbeitskräfte, die das eigene Land hervorbrachte, nicht aus: Deutschland wandelte sich von einem Arbeitskräfteausfuhrland zu einem Arbeitskräfteeinfuhrland. In Bayern kamen die ausländischen Arbeitswilligen meist aus Norditalien – als Erntehelfer, Bahnbauarbeiter, Ziegeleiarbeiter. Man brauchte viele Kräfte: So standen in Münchner Vororten mit Ziegelindustrie wie in Berg am Laim in den Sommermonaten oft 900 italienische Ziegelarbeiter 1350 Einheimischen gegenüber – die wachsende Stadt brauchte Millionen Ziegelsteine. Es liegt die Frage nahe, wieso es hier nicht zu Unruhen kam. Dazu ein Bündel an Antworten: Man hatte die Arbeiter und Arbeiterinnen gerufen, die von Subunternehmern angeworben wurden; sie machten eine schwere und schmutzige Arbeit, die die Einheimischen ihnen nicht neideten; die Ziegelarbeiter waren in den Ziegelstadeln und in Arbeiterwohnungen getrennt von der Bevölkerung untergebracht; und die katholische Kirche wirkte als „Integrationsagentur“: die Italiener waren im Gottesdienst, in Burschenvereinen und anderen kirchlichen Vereinen integriert. Außerdem konnte man die italienischen Arbeitskräfte, bei denen häufig die gesamten Familien mitarbeiteten, bei Konjunktureinbrüchen sofort wieder nach Hause schicken. Ganz ähnlich sah das zunächst im Ruhrgebiet aus, wo die polnischen Arbeiter in den Bergwerken beschäftigt waren; auch hier war die katholische Kirche ein zentraler Brückenbauer.

Im Zweiten Weltkrieg kamen zunächst erneut italienische Arbeiter, dann Fremdarbeiter und immer mehr Zwangsarbeiter nach Bayern, die die einberufenen Männer in der Industrie und der Landwirtschaft ersetzten. Kriegsgefangene wurden ebenfalls als Arbeitskräfte beschäftigt. Der Umgang mit diesen Arbeitskräften, von denen vor allem die „Ostarbeiter“ und Ostarbeiterinnen als Menschen dritter Klasse behandelt wurden, ist ein ganz eigenes Thema, das sich nicht kurz unter der Überschrift der „Arbeitsmigration“ abhandeln lässt. Nach Kriegsende kehrten die meisten wieder in ihre Heimatländer zurück, es kamen Vertriebene und Flüchtlinge. Ab der Mitte der fünziger Jahre, verstärkt seit den sechziger Jahren, ging man erneut zur Anwerbung von „Gastarbeitern“ aus Italien und anderen europäischen Ländern über.

Industrialisierung und Urbanisierung, so lässt sich dieses große Thema kurz resümieren, waren eng mit Migration verbunden. Die Migranten kamen zunächst noch aus dem engeren Umland, im Zuge der Hochindustrialisierung wuchs der Radius dieser Arbeitswanderung jedoch immer mehr. Man rief Arbeitskräfte, doch es kamen Menschen, deren Anwesenheit die Aufnahmegesellschaft veränderte, sie durchmischte und die Einheimischen dazu veranlasste, sich immer wieder neu ihrer selbst zu versichern. Jede neue Zuwanderergruppe unterschichtete die vorhergehende und trug zu ihrem sozialen Aufstieg bei. Dies führte jedoch nicht unbedingt dazu, dass sich diese als „Deutsche“ fühlten.

 

IV.

 

Um das Ausgangsthema der Polarisierung in „Wir“ und „Ihr“ wieder aufzunehmen, möchte ich nun noch drei Zeitschnitte in den Blick nehmen: 1938-1945-2016, also eine Emigration und zwei Zuwanderungen. Das Beispiel der Emigration aus NS-Deutschland soll den Blick dafür schärfen, was Flucht vor Verfolgung bedeutet, wenn man die Perspektive wechselt.

Die von den Nationalsozialisten rassistisch verfolgten Menschen, die 1938 noch nicht aus Deutschland emigriert waren, erlebten im eigenen Land, aber auch von außen die Ablehnung vieler Länder der Welt. Ein Visum war meist nur zu bekommen, wenn Bekannte oder Unbekannte persönlich bürgten, den Betreffenden im fremden Land bei Arbeitslosigkeit oder Not zu versorgen, damit nicht der dortige Staat damit belastet werde. Spätestens seit der Pogromnacht war allen klar, dass es nun um Leib und Leben ging. Die jüdischen Kinder, in der heutigen Diktion wären das „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, die in England im Rahmen des Kindertransports aufgenommen wurden, erlebten den Abschied von den Eltern oft als dramatisch und endgültig. Ohne dieses englische Angebot, 10.000 jüdische Kinder unter 17 Jahren aufzunehmen, wären aber wohl auch diese Kinder in der Shoah ermordet worden wie ein Großteil ihrer Eltern. Es hatten sich die Quäker und die jüdischen Gemeinden nach den Novemberpogromen 1938 an die englische Regierung gewandt, um diese Ausnahmeregelung zu erreichen; die Gemeinden bürgten mit 50 Pfund (heute wären das etwa 1500 €) für jedes Kind. Der oskar-prämierte Film „Kindertransport – In eine fremde Welt“ beschreibt, wie diese Kinder mit der Verarbeitung ihrer Traumata allein gelassen wurden.

Das Aufnahmeland England internierte nach dem Eintritt in den Krieg 1939 Emigranten, darunter auch etliche der Kinder, als „enemy aliens“ z. B. auf der Isle of Man. Auslöser war die Angst der britischen Regierung und der Bevölkerung. Auch nach Auflösung der Lager schlugen sich gerade ältere Emigranten unter schlechtesten Lebensbedingungen in England durch.

Mit einer erfolgreichen Flucht aus Deutschland begannen für viele der Emigranten die Mühen des Exils. Häufig folgten viele weitere Stationen. Manche Schiffe wurden auch von Hafen zu Hafen weitergeschickt, bevor die Emigrierten irgendwo vielleicht doch an Land gehen durften. Auf der Flucht oder in unwirtlichen Fluchtorten war die Angst ständiger Wegbegleiter. Insgesamt war für die meisten Emigrierten der Abschied von Deutschland der Beginn einer langen, oft lebenslangen Strecke der Heimatlosigkeit und des sozialen Abstiegs. Auch noch nach 1945 kam es zu vielen Weiterwanderungen vor allem in das gelobte Einwanderungsland USA, das gute Aufstiegsmöglichkeiten bot. Die Angst der jüdischen Verfolgten blieb jedoch bestehen.

1945 begann im zerstörten und besetzten Deutschland ein neues Kapitel der Migrationsgeschichte: Es suchten zunächst diejenigen Schutz, die vor der vorrückenden Roten Armee flohen, dann immer mehr Menschen, die nach den Bestimmungen des Potsdamer Protokolls aus den deutschen Ostgebieten oder aus Ostmitteleuropa ausgewiesen worden waren. Allein nach Bayern kamen etwa zwei Millionen Menschen; kleine Landgemeinden wuchsen oft um mehr das Doppelte an. Hier eine Momentaufnahme aus dem Jahr 1946: Für das kleine Dorf Pöcking in Landkreis Starnberg bedeutete dies, dass 555 Einwohnern über 18 im Kerndorf 489 Zugezogene gegenüberstanden, im Nachbardorf Maising kamen auf 121 Einheimische 175 Zugezogene.

Die Flüchtlinge und Vertriebenen, darunter sehr viele Frauen und Kinder, hatten oft dramatische und traumatische Fluchterlebnisse hinter sich. Oft sahen sich die Menschen, die nicht freiwillig ihre Heimat verlassen hatten, nach der Ankunft jedoch mit hartherziger Ablehnung konfrontiert. So schrieb der aus Karlsbad stammende praktische Arzt Dr. Adolf Bernhard im September 1947: „Ich habe als Flüchtling mein ganzes Vermögen verloren und habe keinerlei, wie immer geartetes Einkommen, sondern ich lebe lediglich von den Unterstützungen meiner Kinder. Was das in meinem Falle, als ehemals vermögender Mann, bedeutet, brauche ich wohl nicht zu schildern. Ich lebe als 84jähriger Mann, halb erblindet und völlig arbeitsunfähig unter den primitivsten Verhältnissen um nicht zu sagen, ich friste nur mehr mein Leben.“ Vielfach ist in Erzählungen von Ankunft und ersten Erfahrungen die Rede von zutiefst kränkenden Zurückweisungen, von der Verzweiflung einer Familie, die mit der wenigen geretteten Habe von Tür zu Tür oder gar von Ort zu Ort zieht, ohne aufgenommen zu werden. Die Geschichte über die hartherzigen und abweisenden Einheimischen findet sich in beklemmend vielen Erinnerungen von Heimatvertriebenen. Es ist, so genau sie im Einzelfall auch stimmen mag, gleichzeitig die Geschichte des Heimatverlustes sowie der verstörten und verstörenden Ankunft in der Fremde. Doch in anderen Erinnerungen tauchen dann auch die freundlichen Helfer, die „Paten“ im neuen Lebensabschnitt auf, die sich der Hilflosen erbarmen, die ein Herz haben und Wärme und Essen teilen.

Die Einheimischen sahen die Ankömmlinge oft als Eindringlinge an. Es gab Bauern, die den Boden eines unbewohnten Zimmers in ihrem Hof herausrissen, nur um keine Einquartierung zu bekommen, sie lehnten es ab, die Küche oder gar das Essen mit den Zugewiesenen zu teilen, es kursierten bittere Flüchtlingswitze und Spottnamen. In einem bayerischen Bericht vom Juli 1946 wurde die Befürchtung geäußert, das Flüchtlingsgesetz, das für die Arbeitsvermittlung das Prinzip der „größeren Bedürftigkeit“ festlege, führe zu einer „Entrechtung der angestammten Bevölkerung zugunsten der Flüchtlinge“. Dahinter steckten nicht nur Hartherzigkeit und Seelenblindheit. Immer wieder wurde die Angst formuliert, die Angst um die eigene Identität, um Besitz und Verfügungsmacht, um Einfluss und Privilegien. Der Fremde, der Flüchtling, wird zu einem Sendboten des Unbewussten, der alle Verteidigungsmechanismen in Bewegung setzt. Die Flüchtlinge galten als Habenichtse und Felddiebe, als „Horden“, die Restdeutschland „überschwemmten“. Diese „Flut- und Deichgraf-Metaphorik“ ist bis heute üblich, um Migrationen als Naturkatastrophen erscheinen zu lassen. Jede Gruppe setzt dabei nach außen Grenzen und versucht sich dadurch neu zu definieren, doch ist dies fragil und ständig der Veränderung unterworfen.

Bereits Anfang des 20.Jahrhunderts beschrieb der Soziologe Georg Simmel den Fremden als „Provokateur“: In seinem Anderssein gegenwärtig provozierend, hat er die Gelöstheit des Kommens und Gehens noch nicht abgelegt und demonstriert den Einheimischen, dass die Welt, in der sie leben, keineswegs begründungslos selbstverständlich ist. Um ihre Identität nicht zu verlieren, müssen sie sich neu definieren, indem sie sich von ihm abgrenzen; dies erleichtert der „Provokateur“ meist dadurch, dass er eine ganze Zeit am Wertesystem seiner Heimat festhält. Dies löst Angst aus, so Simmel: „Angst kommt auf, wenn Grenzen überschritten werden müssen und wir von etwas Gewohntem, Vertrauten uns zu lösen und uns in Neues, Unvertrautes zu wagen haben. Der Fremde ist dabei wesentlich der Mensch, der fast alles, das den Mitgliedern der Gruppe, der er sich nähert, unfraglich erscheint, in Frage stellt.“

Im konkreten Fall der Vertriebenenintegration nach 1945 kam es letztlich zu einem guten Ende. Es wurde dann eben doch eine privilegierte Eingliederung: Es halfen die gleiche Sprache, die gemeinsame Religion – obwohl es Protestanten im katholischen Altbayern und Katholiken in Franken auch nicht gut erging-, es half der Bezug auf eine gemeinsame deutsche Kulturnation. Die Angst wurde durch Erfahrung besiegt.

 

V.

 

Und damit sind wir im Jahr 2016 und bei der aktuellen Flüchtlingssituation: Wieder kommen Menschen mit dem Nötigsten, mit traumatischen Fluchterfahrungen, voller Ängste und Hoffnungen in das inzwischen reiche Deutschland. Die Angst begleitete sie über das Meer, in den Schlauchbooten und seeuntüchtigen Schiffen, gegenüber den Schleusern, die sie ausnehmen und betrügen, auf der Balkanroute an Zäunen und Grenzen. Wieder sind die Grenzen Orte der Zurückweisung, wieder ist die liminale Phase der Flucht voller Schrecken für Kinder und Erwachsene. Die Macht der Bilder ist bei dieser Migration überwältigend: Massen und Müll, Menschen in überfüllten Zügen, wandernde Menschenmengen auf Feldwegen, Bahnlinien und Autobahnen, Verzweifelte in wilden Lagern, Angekommene in Zelten oder Containern in der Nachbarschaft. Wieder brauchen sie „Paten“ für den Neuanfang. Und wieder greifen auch die Mechanismen, die bereits beschrieben wurden: Hasserfüllte Demonstranten am Zaun von Flüchtlingscamps, auf deutschen Straßen und Plätzen, Deichgrafmetaphorik und Endzeitszenarien, unsägliche Kampagnen in den sozialen Medien, Wahlsiege für die AfD. Wieder fürchten wir alle um Wohlstand und Privilegien, wieder stellen sich Fragen von Identität, Besitz und Verfügungsmacht.

Niemand kann sagen, wie diese heutige Herausforderung bewältigt werden kann. Aber es lassen sich doch Erfahrungen aus der Geschichte heranziehen: Es gibt gute Chancen, dass auch diese Migration letztlich nicht zum Kollaps führt. Wieso sollte sie, wenn auch im zerstörten Deutschland nach 1945 kein Bürgerkrieg ausbrach, als in Deutschland zwölf und davon in Bayern zwei Millionen aufzunehmen waren, insgesamt fast ein Viertel der Bevölkerung neu hinzukam? Wieso sollte sie bei einer prosperierenden Wirtschaft und geringer Arbeitslosigkeit, bei einer Wirtschaft, die in Zukunft auf junge Leute angewiesen sein wird? Vergleichen wir noch einmal die Zahlen: 1946 standen in Pöcking 555 Einwohnern über 18 im Kerndorf 489 Zugezogene gegenüber; heute sind es bei 4212 Einwohnern im Kernort Pöcking 141 Asybewerber/Flüchtlinge. Und das soll nicht zu schaffen sein?

Wie ich Ihnen gezeigt habe, war Migration in der Geschichte die Normalität, nicht der Ausnahmefall war. Immer wieder machten sich die Menschen auf den Weg, um im fremden Land neue Chancen zu finden – nach dem 30jährungen Krieg wurde das Allgäu von Tirol aus und Franken von Böhmen aus fast neu bevölkert, im 19. Jahrhundert brachen die Europäer in Millionenzahl nach Amerika auf, im 20. Jahrhundert holte man nach den Vertriebenen und DDR-Flüchtlingen immer mehr Arbeitskräfte ins Land, die intensiv am deutschen Wirtschaftswunder mitarbeiteten. Auch Bürgerkriegsflüchtlinge und Asylbewerber kennen wir seit vielen Jahren. Immer wieder kam die Angst auf, das sei nicht zu bewältigen – und immer wieder lehrte die Erfahrung, dass es anders war. Wir können nicht in die Zukunft sehen. Doch es ist Optimismus gefragt, nicht die Angst.

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