Hitlers Mein Kampf

Eine kritische Edition

Mittlerweile sind zehn Monate vergangen, seit die kritische Edition von Mein Kampf am Institut für Zeitgeschichte vorgestellt wurde, und die große Aufregung der ersten Wochen und Monate ist inzwischen verflogen. Darüber bin ich persönlich sehr froh. Die meisten Kommentare zur Edition stehen mittlerweile in einem Geist der Nüchternheit und Sachlichkeit und genau dieser Geist soll auch meinen heutigen Vortrag prägen. Dabei geht es zunächst um allgemeine Informationen zu Mein Kampf, um die Verbreitung, den Aufbau und die Funktionen, die der Text für Hitler besaß. Anschließend möchte ich konkret auf die Edition zu sprechen kommen und zunächst deren Grundprinzipien offenlegen, das heißt, die Überlegungen deutlich zu machen, die uns Herausgeber bei der Kommentierung geleitet haben. Zuletzt sollen das Konzept der Kommentierung genauer erläutert und insgesamt vier Kommentierungsbeispiele gegeben werden, die unsere Arbeit illustrieren.

 

Mein Kampf als Bestseller

 

Zunächst zur Verbreitung von Mein Kampf. Das Buch, Sie werden es wissen, war ein Bestseller. Insgesamt wurden zwischen 1925 und 1944 rund 12,4 Millionen Exemplare des Buchs unters Volk gebracht. Diese Zahl bezieht sich wohlgemerkt allein auf den deutschsprachigen Raum. Hinzu kommen die unzähligen, oder besser ungezählten fremdsprachigen Exemplare. Wir haben im Laufe unserer Arbeit recherchiert, wie viele solcher Ausgaben sich bis 1945 identifizieren lassen und sind auf mindestens 17 Sprachen gekommen, in die Mein Kampf damals übersetzt wurde, ohne dass diese Liste Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Die internationale Rezeption von Mein Kampf vor 1945 wurde bislang noch kaum untersucht. Die Forschung hat hier noch viel zu tun.

Wie haben sich diese 12,4 Millionen Exemplare verteilt? Abbildung 1 zeigt Ihnen eine Statistik zu den Verkaufszahlen von Mein Kampf, auf die ich etwas näher eingehen will.

Der erste Balken ganz links wirkt zunächst vergleichsweise mickrig, aber man darf sich hier nicht täuschen lassen. Mein Kampf hat sich bis zur Machtübernahme der NSDAP über 200.000 Mal verkauft. Nach allen Standards der historischen Buchforschung muss man hier von einem großen Verkaufserfolg sprechen. Wer sich mit dem rechten bzw. rechtsradikalen Buchmarkt der Weimarer Republik auskennt, dem ist sicherlich Hans Grimms berühmter Roman Volk ohne Raum ein Begriff. Von diesem Buch, dies nur zum Vergleich, haben sich bis 1933 in etwa gleich viele Exemplare verkauft wie von Mein Kampf. Noch aussagekräftiger, wenn es um die viel diskutierte Frage geht, ob das Buch überhaupt gelesen wurde, ist jedoch das Jahr 1933, in dem sich Mein Kampf mehr als eine Million Mal verkauft hat. Dies liegt wohlgemerkt vor der Zeit, in welcher der NS-Staat dazu überging, Druck auf Städte und Gemeinden auszuüben, Exemplare des Buchs abzukaufen und bei festlichen Anlässen zu verschenken. Vielmehr gab es im Jahr der „Machtergreifung“ ein sehr großes Interesse an Mein Kampf, und wenn man versucht, sich in die Situation der politisch interessierten Zeitgenossen hineinzuversetzen, dann ist das auch nicht überraschend. Unter ihnen – es müssen nicht unbedingt Anhänger Hitlers, es können auch Gegner oder unentschlossene Menschen gewesen sein –, übte die programmatische Hauptschrift des neuen Reichskanzlers und der zentralen Figur des neuen Staates fast zwingend einen gewissen Reiz aus. Die Dunkelziffer derer, die das Buch nach dem Kauf bald wieder gelangweilt oder angewidert oder aus welchen Gründen auch immer beiseitegelegt haben, lässt sich freilich nicht bestimmen. Sie mag sehr hoch gewesen sein. Gleichwohl, ein sehr großes Interesse an dem Buch im Jahr 1933 lässt sich nicht bestreiten.

1934 sank die Nachfrage an Mein Kampf dann aber deutlich und der nationalsozialistische Eher-Verlag sah sich mit dem Problem einer großen Überproduktion konfrontiert. Erst diese Situation wurde zur Geburtsstunde der legendären „Hochzeitsausgaben“ von Mein Kampf und es kam zu dem genannten Druck auf Gemeinden und Städte, Exemplare des Buchs zu kaufen und an Hochzeitspaare weiterzugeben. Mein Kampf wurde damit zu einer Art Geldmaschine für den Eher-Verlag und Hitler zu einem Multimillionär, auch wenn, was weniger bekannt ist, sich manche Gemeinden und Städte erfolgreich gegen diese Zumutung des NS-Staats wehrten und die „Hochzeitsausgaben“ also nicht überall Verbreitung fanden. Ein wichtiges Charakteristikum der Verbreitung von Mein Kampf ist darüber hinaus, dass knapp zwei Drittel aller deutschsprachigen Exemplare erst nach Beginn des Zweiten Weltkriegs verbreitet wurden. Für diese Zeit sind Zweifel, ob sich noch viele Menschen für Hitlers Buch interessiert haben, freilich berechtigt. Die Bevölkerung hatte damals sicher andere Sorgen.

 

Inhalt und Funktionen von Mein Kampf

 

Nun zum Aufbau und zu den Funktionen von Mein Kampf. Der erste Band beginnt mit einem umfangreichen autobiografischen Teil. Hitler ging es hier vor allem darum, Deutungshoheit über seine eigenen frühen Jahre zu gewinnen. Seit seinem Eintritt in die Politik gab es selbst unter den Weggefährten Hitlers viel Rätselraten darüber, was der „Führer“ in seinen Wiener Jahren bis 1913 eigentlich genau getrieben hatte. Sogar Rudolf Hess, einer der engsten Vertrauten seit der Landsberger Haft, vermutete damals fälschlicherweise, Hitler habe als Straßenkehrer gearbeitet. In diese Informationslücke wollte Hitler vorstoßen und eine für die Öffentlichkeit verbindliche Lebensgeschichte formulieren, ohne dabei mehr als nötig von sich preiszugeben. Gleichzeitig hat Hitler in den ersten Kapiteln das Ziel verfolgt, sich zu einem frühvollendeten Nationalsozialisten zu stilisieren, der alle Kernelemente der NS-Ideologie – den Antisemitismus, den Antiparlamentarismus, den Antimarxismus usw. – schon in Wien verinnerlicht habe. Dass dieser Anspruch auf Sand gebaut war, zeigt die Kommentierung. Die ersten Kapitel nutzt Hitler außerdem für eine Abrechnung mit der völkischen Bewegung der Habsburgermonarchie vor 1914, der er grobe taktische Fehler attestiert, aus denen die NSDAP lernen sollte. Dazu gehört, um ein Beispiel zu nennen, Hitlers Warnung vor einem offenen Konflikt mit der Katholischen Kirche, da dies der NSDAP zwangsläufig den so dringend benötigten Zustrom aus der breiten „Masse“ des Volkes kosten würde.

Der zweite Themenblock des ersten Bands behandelt die Zeit des Ersten Weltkriegs und die Novemberrevolution von 1918. Von zentraler Bedeutung sind hier die vermeintlichen Verfehlungen der Sozialdemokratie während des Kriegs und damit einhergehend die Dolchstoßlegende. Hitler schreibt auch viel darüber, was aus seiner Sicht die Lehren des Ersten Weltkriegs sein mussten, und das war zuvorderst die Vernichtung des „Marxismus“, unter den er undifferenziert alles subsumierte, was seinerzeit liberal und linkspolitisch orientiert war. Über Hitlers Soldatenleben und seine militärischen Einsätze erfährt der Leser hingegen kaum etwas. Selbst die Tatsache, dass er das Eiserne Kreuz Zweiter und Erster Klasse erhielt, spart Hitler aus. Die Ursachen hierfür sind unklar, zumal Hitler in Mein Kampf ansonsten mit Selbstbeweihräucherung keineswegs geizt. Eine Erklärung ist vielleicht, dass Hitlers Auszeichnung auf die Initiative des jüdischen Offiziers Hugo Gutmann zurückgehen. Für einen Autor, der gleichzeitig behauptete, es hätte überhaupt keine jüdischen Soldaten gegeben, es seien allesamt „Drückeberger“ gewesen, war dies natürlich ein peinliches Detail.

Ein weiterer Themenblock des ersten Bands, die Kapitel 8, 9 und 12, betrifft die frühe Parteigeschichte der Jahre 1919/20. Auch hier geht es Hitler um Deutungshoheit: Er stilisiert sich zu dem einzigen Macher, der die zuvor angeblich so verschlafene und verbürgerlichte DAP zum Leben erweckt und ihr einen Massenzulauf sichert. Hitler erscheint als das alleinige Gravitationszentrum der frühen NSDAP, während andere wichtige Protagonisten der damnatio memoriae verfallen. Für sie ist in Hitlers egozentrischem Narrativ kein Platz. Die Kommentierung hingegen erinnert an diese Personen und relativiert entsprechend Hitlers Darstellung, ohne deshalb seine unbestreitbare Bedeutung für den Aufstieg der NSDAP zu negieren. Wichtig in den genannten Kapiteln war für Hitler zudem die Verklärung seines eigenen Eintritts in die Politik, den er gleichsam auf den Tag der deutschen Kapitulation im November 1918 datiert. „Ich aber beschloss, Politiker zu werden“ – jeder kennt diesen Satz. Damit versuchte Hitler den für ihn sehr heiklen Umstand zu verschleiern, dass er sich in Wirklichkeit zunächst im Umfeld der Münchner Soldatenräte engagiert hatte und im April 1919 zum Ersatz-Bataillonsrat wählen ließ. Die kompromittierenden Monate zwischen Kriegsende und dem Eintritt in die DAP unterzieht Hitler in Mein Kampf einer ebenso groben wie planmäßigen Fälschung.

Zu dem letzten Themenblock des ersten Bands zählt schließlich das sicher bekannteste Kapitel von Hitlers Buch, Volk und Rasse. Gemeinsam mit dem Kapitel Ursachen des Zusammenbruches bildet es, um mit Barbara Zehnpfennig zu sprechen, den „ideologischen Kern“ von Mein Kampf. Enthält das Kapitel Volk und Rasse Hitlers zentrale rassenideologische Auseinandersetzung mit der „Judenfrage“, so umfasst das Kapitel Ursachen des Zusammenbruches komplementär dazu den Kern seines politischen Antisemitismus. Die deutsche Niederlage 1918 erklärt Hitler nicht mit wirtschaftlichen oder militärischen Faktoren, sondern allein mit den vermeintlichen subversiven Umtrieben der jüdischen Bevölkerungsminderheit im Deutschen Kaiserreich, sei es in der Presse, sei es in der Politik, sei es in der Kunst, sei es an den Universitäten. Als die übergeordnete Funktion dieser beiden Kapitel lässt sich mithin Hitlers Versuch benennen, sich zum führenden völkischen Interpreten der „Judenfrage“ zu stilisieren.

Deutlich anders konzipiert ist der zweite Band von Mein Kampf. In ihm geht es Hitler zunächst darum zu zeigen, dass er nicht nur über die Gegenwart und Vergangenheit des deutschen Volkes nachgedacht, sondern auch einen Plan für dessen Zukunft habe. Umfangreich und zum Teil sehr präzise formuliert er in den ersten Kapiteln des Bands wie ein „völkischer Staat“ der Zukunft auszusehen habe, immer freilich in negativer Kontrastierung zu der Weimarer Republik. Hitler breitet dabei vor allem seine Vorstellungen über Erziehungsfragen aus, seine Forderungen umfassen jedoch auch Gewalt- und Zwangsmaßnahmen gegen jene, die er nicht als Teil der „Volksgemeinschaft“ gelten ließ. Wie folgenschwer einige dieser Forderungen mit Blick auf das „Dritte Reich“ waren, werde ich am Ende des Vortrags an einem Beispiel erläutern.

Der anschließende Themenblock des zweiten Bands, die Kapitel 6 bis 9, betrifft die weitere Parteigeschichte bis Anfang 1923. Ich betone Anfang 1923, denn die direkte Vorgeschichte und den Verlauf seines Putschversuchs vom November 1923 spart Hitler völlig aus, womit das zentrale Interesse des damaligen Publikums, nämlich wie Hitler sein eigenes Scheitern erlebt und verarbeitet hat, unbefriedigt bleibt. Wieder geht es Hitler darum, sich selbst als die vermeintlich alles entscheidende Figur der NSDAP in den Vordergrund zu rücken, von der Frage der Gestaltung der Parteifahne, über die Organisation effektiver politischer Massenversammlungen bis hin zum Umgang mit frühen politischen Gegnern in München. Zugleich rechtfertig Hitler in einem eigenen Kapitel, das mit dem Schillerzitat „Der Starke ist am mächtigsten allein“ überschrieben ist, seine ablehnende Haltung gegenüber allen Koalitionen innerhalb des rechtsradikalen Lagers. Hitler war überzeugt, dass die NSDAP nur dann die politische Macht erringen könne, wenn sie auf solche Koalitionen verzichte. Bekanntlich konnte sich Hitler in den 1920er Jahren mit dieser Haltung durchsetzen, wenn auch längst nicht so reibungslos, wie er in Mein Kampf glauben machen will.

Als letzter großer Themenblock können schließlich die abschließenden drei Kapitel des zweiten Bands gelten, in denen es um Hitlers außenpolitisches Programm geht. Kurz gefasst läuft es darauf hinaus, Italien und Großbritannien als Bündnispartner zu gewinnen und in einem Krieg gegen Russland neuen „Lebensraum“ im Osten zu erobern. Nicht weniger prekär als diese ungeschminkte Forderung ist Hitlers Argumentation im letzten Kapitel seines Buchs Notwehr als Recht, es sei die Voraussetzung aller künftigen außenpolitischen Ambitionen, dass sich Deutschland seiner „Inneren Feinde“ entledige. Ohne diese Voraussetzung müssten alle weitreichenden Eroberungspläne scheitern. Und wer jene Feinde seien, stellt Hitler unmissverständlich klar: Marxisten und Juden.

 

Grundprinzipien der Edition

 

Kommen wir nun zu den Grundprinzipien der Edition, deren Cover Sie in Abbildung 2 sehen: Als erstes ist hier die Entscheidung zu nennen, den vollständigen Text von Mein Kampf zu edieren und keinesfalls nur ausgewählte, „zentrale“ Passagen, wie während des Projekts vereinzelt gefordert worden ist. Eine solche Auswahl hätte aus unserer Sicht nur einer neuerlichen Mythologisierung des Texts Vorschub geleistet und damit einer sachlichen Auseinandersetzung geschadet. Gerade über die nicht-kommentierten Passagen wäre in diesem Fall wieder spekuliert worden, außerdem ist es leichter gesagt als getan, objektiv und frei von Willkür die „zentralen“ Passagen von Mein Kampf zu bestimmen. Hier kann man mit jeweils guten Argumenten verschiedener Meinung sein und es ist Sache des mündigen Lesers, für sich zu entscheiden, welche Inhalte er für wichtig erachtet und welche nicht.

Ein zweites Grundprinzip lautet: Hitler ernst und beim Wort nehmen. Angesichts dessen, dass der heutige Umgang mit dem Nationalsozialismus und insbesondere mit Hitler immer häufiger auf Komik und Gelächter zielt und damit der Unterschätzung und Verharmlosung Vorschub leistet, war uns dieser Punkt besonders wichtig. Zwar umfasst Mein Kampf zweifellos auch unfreiwillig komische Passagen über die gelacht werden darf, doch ist es grundfalsch anzunehmen, der Text würde sich in solchen Passagen erschöpfen oder gar erschließen. Mein Kampf ist keine Aneinanderreihung singulärer Stilblüten. Außerdem ist zu bedenken, dass manche zeitgenössischen Kritiker gerade den Stil und die Sprache Hitlers positiv hervorhoben, so abwegig uns dies heute auch anmuten mag. Die systematisch, sachliche Prüfung jedweder Behauptung Hitlers, gleich wie menschenverachtend, brutal oder auch lachhaft sie erscheint, war für uns handlungsleitend.

Drittens war von Beginn an klar, dass die Edition auf ein ungewöhnlich hohes öffentliches Interesse stoßen würde, weit über die Wissenschaft hinaus. Daher sollte die Kommentierung nicht nur Experten, sondern auch die interessierte Öffentlichkeit ansprechen und erreichen. Einem Experten des Nationalsozialismus oder der Geschichte der 1920er Jahre ist natürlich vieles von dem, was in unseren Kommentaren steht, geläufig. Allerdings wäre es abwegig, ein solches Detailwissen bei der Mehrzahl der Benutzer der Edition anzunehmen. Dies galt es stets zu berücksichtigen und entsprechend umfangreich ist die Kommentierung ausgefallen. Die Anmerkungen sind genau genommen kleine, in sich geschlossene Essays mit weiterführenden Quellen- und Literaturangaben. Als negatives Beispiel, dem wir keinesfalls folgen wollten, haben uns bloße „Vergleiche-Anmerkungen“ gedient. Damit meine ich, dass wir, wenn Hitler etwa über die britisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen vor 1914 schwadroniert, etwa schlicht hätten schreiben können: „Zu den deutsch-britischen Wirtschaftsbeziehungen vgl. Autor x, Buch y, Seite z“ – in der illusorischen Annahme, die Leser würden dann zu dem entsprechenden Werken eilen. Vielmehr soll die Kommentierung den Benutzern der Edition konkrete und detaillierte Informationen und damit einen genuinen Mehrwert bieten.

 

Konzept der Kommentierung

 

Kommen wir nun zum eigentlichen Konzept der Kommentierung, wie sie in Abbildung 3 herausgehoben sind. Hier lassen sich insgesamt sieben Ebenen unterscheiden:

Erstens zielt unsere Kommentierung darauf ab, alle autobiografischen Angaben Hitlers zu prüfen und, wo immer nötig, zu korrigieren. Darüber hinaus ergänzen wir viele biografische Informationen, denn zu den propagandistischen Mitteln, die Hitler in Mein Kampf systematisch eingesetzt hat, gehört auch jenes der bewussten Aussparung. In seiner Selbstbezogenheit hat Hitler viele für seinen Werdegang wichtige Personen unterschlagen. Er wollte als ein Einzelkämpfer wahrgenommen werden, der sich allein aus eigener Kraft gegen widrigste Umstände nach oben gearbeitet habe. So erwähnt Hitler in der Darstellung seiner Wiener Jahre sogar eine für ihn so wichtige Figur wie August Kubizek mit keinem Sterbenswörtchen. Die Edition erinnert entsprechend an die Rolle Kubizeks, der in den Jahren 1907/08 die wichtigste soziale Bezugsperson Hitlers war, im Grunde der einzige, der sich damals mit ihm abgegeben und ihm zugehört hat.

Als politisches Pamphlet beinhaltet Mein Kampf zugleich eine Unzahl bewusster Falschaussagen, die in der Kommentierung richtiggestellt werden. Neben vielen Lügen weist der Text zudem zahlreiche sachliche Fehler auf, bei denen nicht klar ist, ob Hitler sie wider besseres Wissen behauptete oder ob er von ihrem Wahrheitsgehalt überzeugt war. Ein Beispiel ist hier, wenn Hitler etwa die Wirtschaftskraft des Deutschen Kaiserreichs vor 1914 gegenüber Großbritannien und Frankreich falsch beurteilt. Die entsprechenden Aussagen werden in der Kommentierung richtiggestellt, ohne Hitler immerzu eine konkrete Manipulationsabsicht zu unterstellen. Angesichts dessen, dass manche Seiten von Mein Kampf mit Fehlinformationen förmlich überquellen, andere Seiten hingegen vergleichsweise inhaltsarm sind, fällt die Dichte der Kommentierung in der Edition von Seite zu Seite unterschiedlich aus.

Drittens bemüht sich die Edition darum, Hitlers Quellen freizulegen. Die Frage, welche Bücher Hitler beeinflusst haben und aus welchen er abgekupfert hat, wurde schon oft gestellt. Allerdings – an diesem Befund ändert auch die mehrjährige Arbeit an der kritischen Edition nichts – war Hitler sehr erfolgreich darin, seine Quellen zu verschleiern. Es lassen sich allenfalls eine Handvoll Bücher identifizieren, bei denen gesichert ist, dass Hitler sie kannte, während er an Mein Kampf schrieb, und die eindeutige, sowohl inhaltliche wie auch sprachliche Parallelen zu seinem Text aufweisen. Ein Beispiel ist etwa Gottfried Feders Der Deutsche Staat auf nationaler und sozialer Grundlage aus dem Jahr 1923. Bei diesem wirtschaftspolitischen Pamphlet hatte Hitler kein Problem damit zuzugeben, dass es auf ihn Eindruck machte, da die Wirtschaftspolitik eines jener wenigen Felder war, bei denen er nicht für sich in Anspruch nahm, ein Originalgenie zu sein. Doch das ist die Ausnahme. Im Ganzen war es Hitler ein zentrales Anliegen seine Leser glauben zu lassen, von selbst auf all seine „Erkenntnisse“ gekommen zu sein und entsprechend wenige Autoren erwähnt er als seine Vorbilder. Insgesamt bietet die Frage, welcher Agitator genau bei Hitlers Text Pate stand, meines Erachtens aber auch wenig Erkenntnisgewinn, zumal jene Autoren selbst häufig voneinander abgeschrieben haben.

Bedeutender als die Frage nach Hitlers Quellen ist daher der Aspekt der ideengeschichtlichen Wurzeln von Hitlers Text. Hier ist der Befund der Edition eindeutig: Zu praktisch jeder ideologischen Aussage Hitlers finden sich vor allem in den Texten der völkischen Bewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, zum Teil aber auch weit darüber hinaus, klare Entsprechungen. Entsprechend schwierig ist es zu bestimmen, was an Hitlers Denken tatsächlich neu war. Letztlich gilt dies allenfalls für die Art und Weise, wie Hitler ältere Ideologeme der völkischen Szene zu einem für ihn kohärenten Ganzen zusammengefügt und sie zum Teil auch radikalisiert hat. Indem die Kommentierung dies aufzeigt, konterkariert sie Hitlers anmaßenden Anspruch, etwas völlig Neues geschaffen zu haben.

Fünftens zeigt die Kommentierung die inneren Widersprüche auf, die Mein Kampf mitunter kennzeichnen. An den entsprechenden Stellen verweist die Kommentierung schlicht auf die jeweils andere, inhaltlich unvereinbare Äußerung Hitlers. Ein Beispiel sind hier etwa stark voneinander abweichende Äußerungen zum deutschen Beamtenkörper. So schwärmt Hitler im Kapitel Ursachen des Zusammenbruches etwa von der „wundervollen Solidität“ der Beamtenschaft des Kaiserreichs und von deren „unbestechlich ehrenhafter Gesinnung“ – Deutschland sei damals das „bestverwaltete Land der Welt“ gewesen. Keine 50 Seiten weiter, im Kapitel Volk und Rasse, polemisiert Hitler hingegen wüst gegen das „hohe und höchste Beamtentum“, in dem „der Jude zu allen Zeiten […] den willfährigsten Förderer seiner Zerstörungsarbeit gefunden“ habe. Nun ist nicht mehr von wundervoller Solidität die Rede, sondern von „kriechender Unterwürfigkeit“, „arroganter Hochnäsigkeit“ und „himmelschreiender Borniertheit“, welche die deutsche Beamtenschaft traditionell charakterisiere. Je nach Kontext, das lässt sich hier erkennen, können sich Hitlers Auslassungen also diametral widersprechen.

Sechstens ist darauf zu verweisen, dass Hitler sich in Mein Kampf immer wieder auf Personen und Ereignisse bezieht, die er bei dem zeitgenössischen Publikum noch als bekannt voraussetzen dürfte, die heute aber weitgehend vergessen sind. Wie viele Leser wissen heute etwa noch, wer Dietrich Eckart war? Und wer weiß heute noch genau Bescheid über den Verlauf des Burenkriegs, auf den Hitler an einer Stelle anspielt? Die Sachinformationen der Kommentierung bieten hier die notwendigen Informationen, ohne die Hitlers Text an vielen Stellen schlicht unverständlich bleiben würde.

Ungewöhnlich ist schließlich der Blick in die damalige Zukunft, den die kritische Edition ebenfalls unternimmt. Wenn über Mein Kampf diskutiert wird, dann steht stets auch die kontroverse Frage im Raum, wie bedeutend der Text für die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft war. Das Spektrum der Meinungen reicht hier von Überinterpretationen von Mein Kampf als einer Art Blaupause des „Dritten Reichs“ bis hin zur Verkennung des Buchs als unverständliches Gewäsch ohne nachhaltige Bedeutung für das Handeln des späteren Diktators. Für beide Positionen findet man in Mein Kampf Argumente und es war ein wichtiger Teil der Kommentierungsarbeit, sowohl die evidenten Parallelen als auch die Widersprüche zwischen dem, was Hitler Mitte der 1920er Jahre schrieb, und dem, was er später tat und entschied, offenzulegen. Beides ist gleichermaßen wichtig, um Mein Kampf korrekt einzuschätzen.

 

Kommentierungsbeispiele

 

Kommen wir nun zu einem ersten Kommentierungsbeispiel, einer autobiografischen Äußerung Hitlers. „Indem das Schicksal mich zwang“, so heißt es im Kapitel Wiener Lehr- und Leidensjahre, „wieder in diese Welt der Armut und der Unsicherheit zurückzukehren, […] zog es mir die Scheuklappen einer beschränkten kleinbürgerlichen Erziehung von den Augen. Nun erst lernte ich die Menschen kennen.“ Hitler betont nicht nur an dieser Stelle, wie sehr er in Wien von der Armut getroffen und geformt worden sei und es ist ja bekannt, dass er in Wien kurzzeitig obdachlos war, ehe er 1910 in einem Männerheim Asyl fand. Dennoch muss hier, und das tut die Kommentierung, differenziert werden, denn nach dem Tod seiner Eltern hatte Hitler zunächst durchaus aussichtsreiche Chancen, die er jedoch nicht zu nutzen verstand. Die Waisenrente, das mütterliche Erbe von knapp 2.000 Kronen, ein nicht unerhebliches Darlehen von 924 Kronen seitens seiner Tante, an all dies ist hier zu erinnern. Für ein Leben in Überschwang reichte dies freilich nicht, doch die materiellen Grundlagen, sich eine eigene Existenz aufzubauen, waren durchaus vorhanden. Allerdings weigerte sich Hitler, und das verschweigt er natürlich in Mein Kampf, nach seiner zweifachen Ablehnung an der Wiener Akademie der Bildenden Künste eine geregelte Arbeit zu suchen. Sein sozialer Abstieg war also immer auch selbstverschuldet.

Ein zweites Kommentierungsbeispiel: Im sechsten Kapitel des zweiten Bands behauptet Hitler en passant bei seiner Darstellung der ersten Parteiversammlungen im Münchner Hofbräuhaus, dass sich 1920 außer der NSDAP niemand um die Frage nach der „Schuld am Krieg“ gekümmert habe. Hier stellt die Kommentierung klar, dass sich in Wirklichkeit kaum ein Thema finden lässt, das in der frühen Weimarer Republik intensiver diskutiert worden wäre als die „Kriegsschuldfrage“, da bekanntlich die hohen Reparationsforderungen der Alliierten auf dem Kriegsschuldartikel 231 des Versailler Vertrags basierten. Jedes politische Lager und jede Reichsregierung setzte sich geradezu zwangsläufig mit der behaupteten Alleinschuld Deutschlands und seiner Verbündeter auseinander. Hier verweist die Kommentierung auf zahlreiche Ereignisse und Sachverhalte, die vor Abfassung von Mein Kampf liegen und Hitler Lügen strafen, wie die Etablierung eines eigenen Kriegsschuldreferates beim Auswärtigen Amt, die Gründung der Zentralstelle zur Erforschung der Kriegsursachen im Jahr 1921 und deren Zeitschrift Die Kriegsschuldfrage. Man kann zudem auf Dutzende politischer Bücher und Broschüren verweisen, die damals die Schuld am Ersten Weltkrieg thematisierten. Kurzum: Wir haben es hier mit einer plumpen Propagandabehauptung Hitlers zu tun.

Das dritte Kommentierungsbeispiel betrifft die ideengeschichtlichen Wurzeln von Mein Kampf: Im ersten Band schreibt Hitler mit Blick auf das Deutsche Kaiserreich: „So erzog das Heer denn auch das, was die neuere Zeit am nötigsten brauchte: Männer. Jawohl, im Sumpfe einer allgemein um sich greifenden Verweichlichung und Verweibung schossen aus den Reihen des Heeres alljährlich 350.000 kraftstrotzende junge Männer heraus, die in zweijähriger Ausbildung die Weichheit der Jugend verloren und stahlharte Körper gewonnen hatten.“ An dieser Stelle geht es in der Kommentierung nicht nur darum, Hitlers Zahlenangaben zu prüfen, sondern vor allem darum zu zeigen, wie verbreitet der Topos der „Verweichlichung“ und „Verweibung“ in kulturkritischen und -pessimistischen Schriften der Jahrhundertwende war. Die entsprechende Anmerkung verweist hier etwa auf den völkischen Bestseller Wenn ich der Kaiser wär‘ von Heinrich Claß aus dem Jahr 1912, in dem die „Neigung“ der deutschen Gesellschaft „zu weichlichem Wohlleben“ beklagt wird. Im selben Jahr kritisierte auch Ludwig Langemann, Vorsitzender des Bunds zur Bekämpfung der Frauenemanzipation, die „Verweiberung der Männer“, während 1917 der spätere Gründer des Internationalen Sozialistischen Kampfbunds Leonard Nelson ebenfalls von einer „erschreckenden Verweibung“ der männlichen Jugend sprach. Daran ist zu erkennen, und dieser Aspekt war uns besonders wichtig, dass einige Versatzstücke von Hitlers Ideologie auch über den engeren Ideenkreis der radikalen Rechten hinausreichten und anschlussfähig waren.

Und schließlich ein letztes Kommentierungsbeispiel zum Vergleich zwischen Mein Kampf und der späteren nationalsozialistischen Herrschaft. In Kapitel 2 des zweiten Bands findet sich etwa folgende sprechende Passage: „Der Staat muß dabei als Wahrer einer tausendjährigen Zukunft auftreten, der gegenüber der Wunsch und die Eigensucht des einzelnen als nichts erscheinen und sich zu beugen haben. […] Er hat, was irgendwie ersichtlich krank und erblich belastet und damit weiter belastend ist, für zeugungsunfähig zu erklären und dies praktisch auch durchzusetzen.“

Hier, in diesen letzten Satz, erklärt Hitler also systematische Zwangssterilisationen zu einem notwendigen, ja mehr noch: moralisch gerechtfertigten Mittel staatlicher Politik. Die Kommentierung verweist an dieser Stelle folglich nicht nur auf die weite Verbreitung eugenischen Denkens in Deutschland und Europa seit dem späten 19. Jahrhundert, sondern auch und vor allem auf die klaren Kontinuitäten zwischen der Textpassage und dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1934, das die Grundlage dafür schuf, dass im „Dritten Reich“ rund 400.000 Menschen zwangssterilisiert wurden, wobei 5.000 bis 6.000 Frauen und rund 600 Männer aufgrund von Komplikationen starben. Spätestens hier wird klar, wie sehr Mein Kampf als antizivilisatorische Programmschrift und zentrale Quelle des Nationalsozialismus ernstgenommen werden muss.

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