In dieser Akademie-Reihe gibt es natürlich nie einen unerwünschten Gast. Aber es gibt erwünschte, sehr erwünschte, hocherwünschte und höchsterwünschte Gäste. Jenny Erpenbeck gehört für mich in diese nur selten beanspruchte oberste Kategorie. Ich habe sie vor drei Jahren, als sie in Koblenz mit dem Breitbach-Preis ausgezeichnet wurde, kennenlernen dürfen. Die Begegnung bescherte mir ein unvorhergesehenes, nur geschenkweise erhältliches Glück. Aber ich muss nüchtern bleiben.
So beginne ich einfach mit den Titeln der drei Romane dieser großen Schriftstellerin: „Heimsuchung“, „Aller Tage Abend“, „Gehen, ging, gegangen“. Die 2007 erschienene Geschichte eines an einem märkischen See unweit von Berlin gelegenen Sommerhauses und seiner Bewohner durch mehrere Generationen, die das ganze 20. Jahrhundert umfasst, heißt „Heimsuchung“. Tatsächlich wird von den furchtbaren Erschütterungen erzählt, die dieses Zeitalter heimgesucht haben, eines, das noch der
Rückschau einer fernen Zukunft einen tiefschwarzen Anblick bieten wird, auch wenn es, wie die Autorin ganz am Anfang zu verstehen gibt, sub specie geologischer Entwicklungsvorgänge nur einen Augenblick dauert. Erst wenn man in der Lektüre ein gutes Stück fortgeschritten ist, begreift man, dass mit dem Titel noch ein anderes, weniger an der Oberfläche liegendes Phänomen gemeint ist: Heim-Suchung, die dem
Menschen unaustilgbar eingepflanzte Sehnsucht nach einem Punkt im Universum, wo er sich niederlassen, wo er zuhause sein und sich zuhause fühlen kann. Dieser Sehnsucht wirkt in der physischen und geschichtlichen Welt eine Kraft entgegen, der sie immer wieder unterliegen muss: die Kraft der Vertreibung. Wir alle sind Vertriebene: ewige Hänsels und Gretels aus unseren Elternhäusern, Ausgestoßene aus
unseren Freundschafts- und Liebesbindungen, unseren Arbeitsbedingungen und Lebensgewohnheiten; Krankheit, Alter und Tod sorgen schließlich dafür, dass wir auch aus unseren Körpern vertrieben werden. Zeitvergehen und Raum-Veränderung wirken zusammen, dass wir nicht bleiben können – niemals und nirgends. Heimkehr existiert nur als flüchtig vorübergehende. Schon Odysseus muss Ithaka ein zweites Mal
verlassen. Fremd sind wir eingezogen, fremd ziehn wir wieder aus.
Der geborene Erzähler, die geborene Erzählerin dürfen erst recht nicht Wurzeln schlagen; sie müssen wie die altgewordene Heldin in Jenny Erpenbecks Roman „Aller Tage Abend“ von 2012 einen Ort jenseits ihrer Lebenszeit erreicht haben, von dem aus sie sich in der Zeit frei bewegen können. Die alte Frau Hoffmann schließt beim Frühstück im Altenheim die Augen und zählt die Sekunden, weil sie weiß, dass seit acht Uhr mit den Erschießungen begonnen wird. Pro Minute werden zehn Häftlinge
erschossen. Für sie, die in ihre letzte Station eingekehrt, heimgekehrt ist – sehr vorübergehend, da sie demnächst neunzig wird; der Abend aller Tage steht unmittelbar bevor – ist jedes Es-war-einmal ihres Lebens zum jederzeit sich wiederholen könnende Jetzt geworden. Am Anfang des verfluchten Jahrhunderts ist sie in einem galizischen Städtchen zur Welt gekommen, viermal muss sie sterben: als Baby in ihrem Geburtshaus, als junge Frau im aller Walzerseligkeit abgestorbenen Wien der Zeit nach
dem Ersten Weltkrieg, in Sibirien als Opfer der stalinistischen „Säuberungen“, in Ostberlin, als es noch Ost-Berlin ist und sie als hochangesehene DDR-Schriftstellerin ihr Staatsbegräbnis erster Klasse bekommt.
Die Todesarten – Säuglingstod, Suizid aus enttäuschter Liebe, Teil eines Massensterbens im Straflager, ein Treppensturz – sind alle bemerkenswert banal, wie fast jeder Tod in unserer Zeit entsetzlich banal ist. Zur Banalität des Todes gehört seine Zufälligkeit: Er könnte ebenso gut nicht sein. Schon eine Handvoll Schnee hätte genügt, hat genügt, das acht Monate alte Baby ins Leben zurückzuholen. Der Wille zum Selbstmord kann im letzten Augenblick erlahmen. Der Name einer zum Tod Verurteilten gerät aus Versehen auf eine andere Liste. Der Sturz von der Treppe verläuft gnädig, oder man ist gar nicht ausgerutscht. Das Stirb und Werde im zwanzigsten Jahrhundert ist das heruntergekommene, verhunzte Goethesche des frühen neunzehnten, dessen fernes Echo indirekt anklingt („Und solang du das nicht hast,/Dieses: Stirb und werde!/Bist du nur ein trüber Gast/Auf der dunklen Erde“). Und das noch fernere „Lebt wohl!“ des Thoas am Schluss der „Iphigenie“ wird in Jenny Erpenbecks Roman unmittelbar hörbar: In all dem jüdischen Hausrat, den die Großmutter der Hauptfigur bei ihrer Flucht aus Galizien nach Wien mitschleppt und dann bei ihrer Deportation aus Wien in ein Nazi-Vernichtungslager nicht mehr mitschleppen kann, befindet sich eine zwanzigbändige in Leder gebundene Goethe-Ausgabe.
In den dunkelsten Punkt unserer Gegenwart trifft der Titel des jüngsten, im vergangenen Herbst veröffentlichten Romans: „Gehen, ging, gegangen“. Er verknüpft den Deutschunterricht, der den von keiner Willkommenskultur begrüßten, nur geduldeten und bald nicht mehr geduldeten illegalen afrikanischen Migranten zugestanden wird – die Konjugation der unregelmäßigen deutschen Verben will gelernt sein –, mit der jederzeit drohenden, schließlich rigoros durchgesetzten Abschiebung (ein Wort, das im Wortschatz des barbarischen Königs der Taurier nicht vorkommt, gar nicht denkbar ist). „Gehen, ging, gegangen“ könnte die Inschrift einer Medaille bilden, deren beide Seiten zugleich das Versprechen und die Verweigerung der Integration verbürgen, ausgestellt vom Berliner Senat und jedem Flüchtling um den Hals
gehängt – zum Abschied, zum Abschieb.
Den zentralen Inhalt des Romans: die Geschichte der Flüchtlingsgruppe – Geschichte im zweifachen Sinn als Darstellung einer nach Ausdruck schreienden Situation und als Aufhellung der Vergangenheit, aus der sie entstand – konnte man schon ein Jahr vor dem Erscheinen des Buches in Kurzform kennenlernen. Am 6. September 2014 veröffentlichte Jenny Erpenbeck in der F.A.Z. einen scharfen Appell an den Berliner
Innensenator Frank Henkel, dem sie vorwarf, bei den Verhandlungen mit den auf dem Oranienplatz campierenden 550 Flüchtlingen aus Libyen dem Einigungspapier durch das Fehlen seiner Unterschrift die juristische Gültigkeit vorenthalten zu haben. Die Flüchtlinge waren also um die ihnen zugesagte Duldung betrogen worden. Ein sehr konkreter politischer Vorgang, der jeden sogenannten mündigen Bürger zur Empörung, zur Einmischung, zum Engagement auffordert.
Wie wird daraus Literatur? Gewiss nicht dadurch, dass der Autor, die Autorin durch literarische Mittel der persönlichen Stellungnahme mehr Nachdruck zu verleihen sucht und eine Entscheidung im Sinn der eigenen moralischen Überzeugung herbeiführen will. Und andrerseits schon gar nicht mit Hilfe des entgegengesetzten Verfahrens: Eine
bestimmte erschütternde Erfahrung dient als Anlass, ein brandaktuelles Thema gewissermaßen an Land – ans Land der eigenen Schriftstellerei – zu ziehen und damit, wie es in einer Rezension des Buches hieß, „aufs saisonale Debattenkarussell aufzuspringen“ – und zwar so rasch als möglich, damit in dem von Rivalität stigmatisierten literarischen Leben dem eigenen Unternehmen kein anderer zuvorkomme. Dieser Vorwurf ging schon deshalb ins Leere, weil der Vorgang, der dem Buch zugrunde liegt, in eine Zeit fällt, in der das Flüchtlingsproblem noch keineswegs
die Ausmaße seiner seit dem letzten Herbst uns nur zu vertrauten Aktualität erreicht hatte. Und wer Jenny Erpenbecks Bücher kennt, nicht nur die drei erwähnten Romane, sondern auch ihre anderen Bücher: „Die Geschichte vom alten Kind“, ihren Erstling von 1999, die Erzählungen „Tand“, den aus Zeitungskolumnen hervorgegangenen Nachruf auf „Dinge, die verschwinden“, und die sich hinter dem harmlos klingenden
Titel „Wörterbuch“ verbergende grauenhafte Geschichte eines Mädchens, das zu einer Wahrheit erwacht, die es zwingt, die Augen immer fester zu verschließen,– wer, sage ich, dieser höchst bewundernswerten Schriftstellerin mit der Aufmerksamkeit, die sie verdient, zugehört hat, der weiß, in welchem grotesken Widerspruch zur Genauigkeit ihres Hinschauens die Behauptung jenes Rezensenten steht, hier habe es jemand besonders eilig gehabt, einen verkaufsträchtigen Stoff aufzugreifen.
Wie von ungefähr wird der gerade emeritierte Altphilologe Richard in die Oranienplatz-Affäre hineingezogen, besucht in dem Heim, in dem sie vorläufig untergebracht sind, einzelne Flüchtlinge, wirbt geduldig um ihr Vertrauen und gewinnt es in einem Prozess langsamer Annäherung. Einzelne bringt er zum Sprechen (jemanden zum Sprechen bringen, das ist doch ihm wie zu einer zweiten Geburt verhelfen), nimmt ihre Geschichten auf Tonband auf, setzt sich nach Kräften für ihre Sache ein. Als ein partieller Doppelgänger der Erzählerin könnte dieser Richard den Appell an den Innensenator formuliert, auch eine Reportage seiner Eindrücke und Erkundungen verfasst haben, nicht aber den Roman, als dessen Protagonist er figuriert. Da liegt der gravierende Unterschied zur Autorin. Moralisches Engagement genügt beim besten Willen noch lange nicht zur Herstellung eines Kunstwerks; es ist eine unter Umständen
notwendige, aber keineswegs hinreichende Voraussetzung. Erst der Dichter verwandelt den Einzelnen aus einer berechenbaren Summe von Daten in einen lebendigen Menschen, der in keiner administrativen Rechnung aufgeht. Nur durch die Kunst der Erzählung, die Kunst einer Jenny Erpenbeck wird den nordafrikanischen schwarzen Männern, die aus Libyen vertrieben wurden, das zuteil, was sie am dringendsten wünschen: to become visible.
Ich greife ein einziges Beispiel heraus. Der achtzehnjährige Osarobo, der mit fünfzehn Jahren mitangesehen hat, wie man seinen Vater und seine Freunde erschlug, hat auf Richards Frage nach etwas, das er gern machen würde, überraschend „Klavierspielen“ geantwortet. Also lädt ihn der Professor ein, in seine Wohnung zu kommen, was auch die Gelegenheit für einen wichtigen Integrationsfortschritt bedeutet: eine Übung im Zurücklegen größerer Entfernungen in der Riesenstadt. Es stellt sich heraus, dass Osarobo noch nie ein Klavier berührt hat. Aber das Klimpern und dann unter Richards Anleitung das Erlernen elementarer Handgriffe macht ihm Freude. Zutrauen stellt sich ein, etwas wie Freundschaft keimt. Einmal wird der Latinist aus seinem Ruhestand zu
einem Vortrag über Seneca nach Frankfurt eingeladen. Bei seiner Rückkehr stellt er fest, dass in der einzigen Nacht seiner Abwesenheit bei ihm eingebrochen worden ist. Ein paar Schmuckstücke seiner Mutter und seiner verstorbenen Frau fehlen. Nur Osarobo wusste etwas von Richards Reise. Als Leser hält man den Atem an, d.h. ich hielt den Atem an angesichts der Möglichkeit, dass er’s gewesen sein könnte. Woher kommt diese Furcht? Nicht weil man fürchtet, dass durch eine solche Tat dem
Engagement des Professors ein Rückschlag versetzt würde. Es geht um den Jungen. Er ist einem durch die Vergegenwärtigungskunst der Autorin so nahe gekommen, ich möchte fast sagen: ans Herz gewachsen, dass der Verdacht eines solchen Vertrauensbruchs sich einfach nicht bestätigen darf. Schließlich bleibt keine Alternative. Ach ja, natürlich war er der Einbrecher, auch wenn es gnädigerweise offen bleibt.
Um so dankbarer lässt man sich in den Märchenschluss des Buches mitnehmen, der 147 der nach langem Hin und Her Abgeschobenen mit Schlafplätzen in Richards Bibliothek, Musikzimmer, Wohnzimmer, Küche, im Biotop von Freunden und Bekannten versorgt. Mit Karon, Yaya, Khalil, Raschid und Rufu sitzt man in festlicher Stimmung rings um das Feuer vor dem Haus des Wohltäters, das wie das Haus in der „Heimsuchung“ an einem See liegt, und feiert die Utopie eines humanen Welt-Augenblicks.