Das Christentum ist eine Erlösungsreligion. Gott lässt uns mit der Macht des Bösen nicht allein. Durch Jesus angeleitet beten Christen immer wieder: Erlöse uns vom Bösen – im Vertrauen darauf, dass diese Erlösung durch Jesus Christus bereits geschehen ist. Christen glauben an Christus den Erlöser. Es gibt aber viele Gründe, die diesen Glauben heute leblos und unwirksam werden lassen. Einer davon ist sicherlich die Engführung auf die Erlösung von den Sünden durch Christi Sühnetod am Kreuz. Die darin implizierte Fokussierung auf die Sünden als den eigentlichen Ort des Bösen sowie die damit verbundene Vorstellung vom Tod Jesu als Opfertod, durch den Gott versöhnt worden ist, haben die Erlösungslehre ins Zwielicht geraten lassen.
Es gilt, den Blick zu weiten. Die Erlösung ist das Werk Gottes, des dreieinigen Gottes. Der Vater, der Sohn und der Geist sind am Werk der Erlösung beteiligt. Von daher ist der Erlösungslehre eine triadische Struktur vorgegeben. Sie bestätigt sich im Blick auf das, wovon die Erlösung geschieht. „Freue dich, Seele, die Hölle erlieget, Sünde und Satan und Tod sind besieget“, so heißt es in dem alten Osterlied „Seele dein Heiland ist frei von den Banden“. Die klassische Theologie hat Sünde, Tod und Teufel als die drei Manifestationen des Bösen gekannt und die Erlösung für alle drei geltend gemacht. Dazu liegt in der Theologie noch eine weitere Trias bereit, die Lehre von den drei Ämtern Christi als Priester, König und Prophet. Sie wurde von der reformatorischen Theologie (Bucer, Calvin, später dann Barth) entwickelt, um das Erlösungswerk Christi zu beschreiben.
Auf komplizierten Wegen ist diese Lehre in die katholische Theologie gelangt. Den größten Anteil hatte daran der Theologe Matthias Josef Scheeben (1835-1888), und schließlich ist sie in der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils grundlegend für die Selbstbeschreibung von Kirche und ihrer Ämter herangezogen worden. Der ekklesiologische Schwerpunkt der katholischen Rezeption der Lehre vom dreifachen Amt Jesu Christi hat vielleicht den Blick dafür getrübt, dass sie essentiell mit dem Geheimnis der Erlösung verbunden ist. Ein evangelischer amerikanischer Theologe, Robert Sherman, hat aber kürzlich die Verbindungen der Drei-Ämter-Lehre mit der Erlösungslehre aufgedeckt; von seinem Buch „King, Priest und Prophet. A Trinitarian Theology of Atonement“ bin ich zu der folgenden Skizze angeregt worden.
Damit haben wir nämlich die triadisch-trinitarische Struktur beisammen: Drei Personen der Trinität – drei Manifestationen des Bösen – drei Ämter Christi des Erlösers. Wie hängen diese drei Ebenen zusammen? Das möchte ich darlegen. Mehr als eine Skizze kann das Folgende nicht sein. Aber womöglich hilft es, den Glauben an die Erlösung wieder zu verlebendigen – im Selbstverständnis des christlichen Glaubens, im Gespräch mit anderen Religionen, aber dann vor allem auch im Blick auf den Beitrag, den der christliche Glaube für die Überwindung der Macht des Bösen heute leisten kann.
Gottes Heilsplan
Im Hymnus des Epheserbriefs ist ausgesprochen, wozu Gott die Welt erschaffen hat: „Er hat uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott“ (Eph 1,4). Dazu also ist die Welt erschaffen worden, dass wir heilig werden. Und „untadelig“, das heißt gerecht, denn der lebt ohne Tadel, der den anderen gerecht zu werden vermag. Der Unterschied zwischen der biblischen zur naturwissenschaftlichen Weltauffassung, das kann man sich für heute klarmachen, ist damit deutlich. Kein Naturwissenschaftler würde darauf kommen, dass die Welt für die Heiligkeit bestimmt ist. Unzweifelhaft ist aber, dass die Welt, so wie sie ist, als Ganze nicht heilig ist. Also ist die Welt, so wie sie ist, als Ganze noch nicht das, was sie nach Gottes Absicht sein soll. Christen haben grundsätzlich ein kritisches Weltverhältnis. Sie geben sich mit den bestehenden Zuständen nicht zufrieden. Sie hoffen auf die Vollendung und Verwandlung der Welt, sie hoffen, dass Gott seine Heilsabsicht verwirklichen wird, und sie arbeiten dieser Vollendung zu, soweit es an ihnen liegt.
Was bedeutet aber „heilig“? Gott allein ist heilig, so heißt es an vielen Stellen der heiligen Schrift, so bekennen es auch Christen im Gloria der Heiligen Messe. Gott ist „der Heilige“ schlechthin und gerade darin von der Schöpfung unterschieden. Wenn wir also heilig werden sollen, wie es der Epheserbrief sagt, dann bedeutet das, dass wir selbst Gott werden sollen. Darin besteht Sinn und Absicht der Schöpfung, dass die Geschöpfe – zunächst wir Menschen, für die Tiere und Pflanzen wäre das eigens zu klären – gottgleich werden. Es ist ungewöhnlich, das zu hören. Aber die klassische Theologie hat dies, den biblischen Vorgaben folgend, in aller Deutlichkeit ausgesprochen. So zum Beispiel Scheeben in seinem Jugendwerk „Natur und Gnade“ (1864). Da führt er aus: Wir werden teilhaftig der göttlichen Natur, wir werden Kinder Gottes im eigentlichen Sinne, wir werden „Licht vom Lichte“ (wie es im Glaubensbekenntnis vom Sohn Gottes gesagt ist). „Ja, wie er Gott ist, werden auch wir Gott und göttlich genannt.“ Als Kinder Gottes „teilen wir seine Herrschaft über die Dinge und besitzen und genießen dieselben Güter und Freuden, die er als König aller Wesen besitzt und genießt.“ Die Erlösten werden Kind des Vaters, Bruder und Schwester des Sohnes, Braut des Wortes und Tempel des Heiligen Geistes. Sie nehmen teil am inneren Leben der heiligsten Dreifaltigkeit.
Das Geheimnis der Heiligkeit ist das Geheimnis der Teilhabe. Es ist zugleich das Geheimnis der Erlösung. Gott hält nicht daran fest, allein heilig zu sein, er will auch die Menschen heilig machen. Man denkt hier an das Wort der Schlange im Paradies, die Eva und Adam verhieß, wenn sie von der verbotenen Frucht essen würden, würden sie werden wie Gott. Sie hatte recht und unrecht zugleich. Tatsächlich ist den Menschen verheißen, so zu werden wie Gott. Aber der Weg über die Sünde, der Übertretung von Gottes Verbot, ist unnötig. Er führt in den Tod. Gott aber schenkt in dem Erlöser Jesus Christus seine heiligmachende Gnade, um die ursprüngliche Berufung wieder in Kraft zu setzen. Er hat uns, so der Epheserbrief, „im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen, zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn“ (1,5f). Das Geschehen der Erlösung, das hier geschildert wird, wird als Werk des dreieinigen Gottes ausgewiesen: Der Vater hat uns erwählt – mit dem Segen seines Geistes sind wir gesegnet – durch unsere Gemeinschaft mit Christus.
Sünde, Tod und Teufel
Das sind die drei Unheilsfaktoren, die die Welt einstweilen davon abhalten, so zu sein wie Gott es will. Die Sünde ist die Übertretung von Gottes Gesetz und Weisung. Wo könnte aber ein Volk einen besseren Gesetzgeber haben als Gott? Welches bessere Gesetz könnte ein Volk haben als das göttliche? Die Sünder aber meinen es besser zu wissen, sie folgen anderen Gesetzen. Dadurch ist die Sünde zugleich Bruch der Bundesgemeinschaft. Die Theologie hat von der Beleidigung Gottes durch die Sünde gesprochen. Sein so verheißungsvolles Wort „Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein“ (Jer 30,22) wird durch die Sünde zurückgewiesen. Die gestörte Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk muss wiederhergestellt werden, darin besteht die Versöhnung. Das Ziel ist, wieder in Gemeinschaft mit Gott handeln zu können und das zu tun, was ihm gefällt – nicht aus knechtischer Unterwürfigkeit, fügt Scheeben an dieser Stelle hinzu, sondern aus wahrer Freundschaft.
Der Tod ist für alle Naturwesen Schicksal, für den Sünder aber ist er Strafe. Die Sünde verändert die Wahrnehmung des Todes, ist er doch die schmerzhafte Grenze für das Projekt, aus eigener Kraft wie Gott werden zu wollen. Sünder wollen es nicht wissen, dass sie an Gottes Leben und damit auch an Gottes Ewigkeit teilhaben. Die Theologie verbindet deshalb mit der Unheilsmacht des Todes in erster Linie Erkenntnis- und Willensschwäche, das heißt eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit. In der Perspektive des Sünders ist das ganze Leben ein einziges Ankämpfen gegen die Vergänglichkeit und Sterblichkeit. Übersteigerte Selbsterhaltung, grenzenlose Anhäufung von Macht, Zukunftssicherung und Ansehen sind die Folge. So kommt es zu Asymmetrien: Was die einen zu viel haben, fehlt den anderen. Unsere Welt legt von diesem Zustand Zeugnis ab.
Der Teufel steckt vielleicht im Detail, aber noch viel deutlicher steckt er in den machtvollen Systemen, die das Leben der Menschen bestimmen. Teuflisch war und ist es, Menschen in sinnlose Kriege zu schicken. Und doch haben die Menschen, leider fast immer auch die Christen, diesem Druck in der Regel stets nachgegeben (der Erste Weltkrieg ist dazu ein gutes Exempel), ja noch das bejubelt, was Not und Tod ohne Ende brachte. Teuflisch ist es, wenn wir durch unser Wirtschaftssystem gezwungen werden, die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zu zerstören, doch bei jedem Einkauf erliegen wir der Versuchung des Teufels. Und was der Beispiele mehr wären… Die bocksfüßige Figur des Teufels war nur ein mythologischer Stellvertreter, besser: ein Symbol für die Überwältigung durch systemische Mächte, die wir heute systemtheoretisch viel besser erfassen können.
Biblische Begriffe, die an die Stelle der zweideutigen (weil immer auch zu missbrauchende) Rede vom Teufel treten können, sind die „Mächte und Gewalten“. Diese Pluralbildungen bezeichnen gegenüber der einfachen Erfahrung von Macht und Gewalt etwas Ungreifbares, schwer zu Beherrschendes, Machtvolles; der Kolosserbrief spricht auch von Thronen und Herrschaften, die sowohl im Sichtbaren wie im Unsichtbaren angesiedelt sind (Kol 1,16). Der Sachverhalt ist aber klar: Zwar ist der Mensch immer frei in seinen Entscheidungen (und wenn sie zum Martyrium führen), aber in aller Regel gibt er dem übermächtigen sozialen Druck nach, in der Meinung, dies sei zu seinem Besten, tatsächlich aber ist es zu seinem Schaden. So werden wir auf den Teufel (oder besser: auf die Mächte und Gewalten) bei der Beschreibung der Macht des Bösen nicht verzichten können.
Die Verknüpfung von Sünde, Tod und Teufel
Die Lage wird erschwert dadurch, dass die Unheilsfaktoren nicht einzeln auftreten, sondern sich gegenseitig verstärken. Die Sünde ist der Sold des Todes, sagt Paulus (Röm 6,23). Denn das Handeln nach dem Gesetz der Selbsterhaltung, dem der Sünder in maßloser Weise folgt, nimmt anderen die Möglichkeit zum Leben. Das Leben beruht auf einem wohl abgestimmten Ausgleich zwischen Symbiose und Selbstsein. Jedes Lebewesen muss anderen Lebewesen Stellvertretung leisten und kann erst dadurch es selbst sein. Die Sünde aber verschiebt diesen Zusammenhang, sie verlangt mehr Stellvertretung als sie gibt. So wird durch die Sünde der Tod befördert. Umgekehrt ist es gerade die Angst vor Schwäche und Tod, die die Maßlosigkeit der Sünde stimuliert. Schauen wir auf den Zusammenhang zwischen Tod und Teufel beziehungsweise, wie eben ausgeführt, zwischen dem Tod und den mächtigen sozialen Systemen, dann ist ersichtlich, dass auch sie den Tod fürchten. Alles will leben und bestehen bleiben, auch soziale Systeme wie eine Partei, eine Firma, ein Staat oder das Wirtschaftssystem. Aus Sorge um ihre Erhaltung lösen sich Systeme von der Aufgabe, die sie für die Gesellschaft haben, und autonomisieren sich (wie der Systemtheoretiker Niklas Luhmann sagt), sie betreiben ihre Selbsterhaltung ohne Rücksicht auf ihre Umwelt. Irgendwann, so meinte der amerikanische Theologe William Stringfellow, wurde der Vietnamkrieg nur noch geführt, um das Pentagon nicht ins Unrecht zu setzen. Auf diese Weise aber ermächtigen die Systeme den Tod weit über das normale Maß hinaus. Kriege wie die des letzten Jahrhunderts, aber auch die hochtechnisierten Kriege unserer Zeit sind sicher ein gutes, ein schreckliches Beispiel dafür.
Was schließlich das Zusammenwirken von Sünde und Teufel betrifft, so ist es einerseits so, dass die Systeme Menschen zu mehr sündigem Tun verleiten als sie von sich aus wollen. Keiner will die Umwelt zerstören, aber wenn er einkauft, tut er es doch. Andererseits sind es die sündigen Bedürfnisse, mit denen die Systeme gleichsam gefüttert werden und die sie zu erfüllen trachten. Alle wollen zum Beispiel unbegrenzte Mobilität zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Die Verkehrssysteme beeilen sich, dies zu ermöglichen. Am Ende aber können wir nicht nur, wir müssen eilen (wie es Karl Barth ausdrückte) und sind hilflos den verheerenden Wirkungen des Verkehrssystems ausgeliefert, das unsere Bedürfnisse erschaffen hat.
Die Erlösung durch Jesus Christus
Jesus Christus hat die Macht der Sünde überwunden, indem er die Menschen mit Gott versöhnte. Er hat die Macht des Todes gebrochen, indem er das wahre Leben verkündigte, „das Leben in Fülle“ (Joh 10,10), oder, wie Paulus es ausdrückt, indem er uns freimachte vom „Gesetz der Sünde und des Todes“ durch „das Gesetz des Geistes des Lebens“ (Röm 8,2). Er hat den Teufel besiegt, indem er die Mächte und Gewalten „ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt hat“ (Kol 2,15).
Das alles ist leicht gesagt, aber schwer zu begreifen. Schwer nicht deshalb, weil es so kompliziert ist, sondern weil es zum Verstehen einer Art von Erkenntnis bedarf, die niemals abgeschlossen werden kann. Es braucht ein lebenslanges Nachdenken und Meditieren im biblischen Bedeutungs- und Verweisungskosmos, um diesen Dingen auf die Spur zu kommen. Erst im Stand der Herrlichkeit, so die klassische Theologie, wird dieses Verstehen ganz zum Ziel kommen. Und doch können wir mit dem Verstehen schon beginnen.
Die Versöhnung hat die Theologie stets mit dem Opfer Jesu verbunden. Dabei war meistens gedacht worden: So wie beim Tempelopfer des Alten Bundes die Tiere als Sühne für die Sünde geschlachtet wurden, so gibt Jesus seinen Leib als Sühne für unsere Sünde hin. Der Akzent liegt auf der Hingabe, der Zerstörung des Leibes. Aber so muss man nicht denken. Schon Scheeben hat gezeigt, dass das „destruktionstheoretische“ Opfermodell nicht nur theologisch höchst bedenklich ist, weil es die Gewalt in Gott hineinträgt, sondern auch dem biblischen Opferverständnis nicht entspricht. Es geht auch nicht allein darum, dass Jesus bereit war, sein Leben für Gott hinzugeben. Der Sinn der Opfer des Alten Bundes ist es vielmehr, für Gott einen „Wohlgeruch“ zu erzeugen (Lev 1,9). Die Dinge der Welt – speziell beim Opfer: die Zutaten einer Mahlzeit – werden so verwandelt, dass Gott Gefallen an ihnen hat, dass er sie gut riechen kann (bei diesem olfaktorischen Verständnis bedenke man, wie wichtig unser Geruchssinn für Wohlgefallen und Ekel ist).
Versteht man das Opfer Jesu aus dieser biblischen Perspektive, dann wird klar, dass das ganze Leben dieses geliebten Sohnes, an dem Gott sein Wohlgefallen hat, ein Opfer für Gott ist. Und so versteht es auch der Hebräerbrief, der hauptsächlich für das Verständnis des Versöhnungsopfers herangezogen wird. Jesu Leben als Ganzes ist ein Wohlgeruch für Gott. Wenn man näher hinschaut, sieht man, dass der Hebräerbrief das Wohlgefallen des Vaters an Jesus (er hat ihn „mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt“, Hebr 2,9) damit verbindet, dass Jesus nicht für sich allein Gott wohlgefällig sein, sondern „viele Söhne zur Herrlichkeit führen wollte“ (Hebr 2,10). Hier stoßen wir wieder auf das Geheimnis der Teilhabe, das für die Heiligkeit grundlegend ist. Sind wir also mit Jesus vereint, sind wir Teil des Leibes Christi, dann fällt auch auf uns das Wohlgefallen Gottes. Der Bruch der Bundesgemeinschaft ist geheilt.
Für die Überwindung der Macht des Todes ist sicherlich die Auferstehung Jesu das zentrale Datum. Aber die Auferstehung darf nicht isoliert verstanden und schon gar nicht nur auf das Leben nach dem Tode gedeutet werden. Jesus war gekommen, um die Verheißung des Reiches Gottes zu erfüllen. In seiner ersten Predigt in Nazareth zitiert er die „gute Nachricht“ aus dem Propheten Jesaja von der Ausrufung des Gnadenjahres des Herrn. Und dann erklärt er, dass „sich dieses Schriftwort heute in euren Ohren erfüllt hat“ (Lk 4,21). Vielmals hat es sich erfüllt im Leben Jesu: „Blinde sehen wieder und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet“ (Mt 11,5). Aber dann ist Jesus ans Kreuz geschlagen worden. Ist damit die Verheißung widerlegt? Haben die Mächte des Todes doch wieder gesiegt? Die Botschaft von der Auferstehung bezeugt, dass die Mächte des Todes nicht das letzte Wort behalten haben. Die Verheißung bleibt in Kraft. Alle, die an Jesus glauben, können darauf vertrauen, dass die lebensschaffende Verheißungskraft Gottes stärker ist als die Macht des Todes. Sie sagen: „Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1 Kor 15,55). Die verhängnisvolle Fehlwahrnehmung der Sünde, nach der die ganze Welt unter der Macht des Todes steht, ist korrigiert. Die Welt hat ihre Vollendung noch vor sich. So hat Jesus den Tod überwunden.
Jesu Sieg über den Teufel beziehungsweise über die Mächte und Gewalten wird im Neuen Testament geradezu enthusiastisch gepriesen. Er ist „das Haupt aller Mächte und Gewalten“ (Kol 2,19), er wurde von Gott „auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hoch über alle Fürsten und Gewalten, Mächte und Herrschaften und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen genannt wird“ (Eph 1,20f). Der Sieg wird auch so beschrieben, dass durch Jesus die Mächte wieder in ihre ursprüngliche, der Schöpfung dienliche Funktion eingewiesen werden: „In ihm ist alles geschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen“ (Kol 1,16). Wie kann man so etwas sagen, wo doch die Mächte offensichtlich noch ihre zerstörerische Wirkung entfalten? Jesus selbst ist den Mächten seiner Zeit zum Opfer gefallen. Aber schauen wir hin, wie diese Mächte sich im Rahmen seiner Passion ausnehmen. Wie stehen sie am Ende da – der opportunistische Pilatus, der Hohe Rat mit seinen falschen Zeugen, der wundersüchtige Herodes, die Demagogen des Tempels? Sie sind „entwaffnet und öffentlich zur Schau gestellt“, sagt der Kolosserbrief (2,15). Sie sind demaskiert und der Lächerlichkeit preisgegeben. Jesus hat sie sich an ihm austoben lassen, hat sie ihre Macht entfalten lassen und dann am Ende „über sie triumphiert“. Damit können alle wissen, die an Jesus glauben, dass diese scheinbare Übermacht der Mächte letztlich Ohnmacht ist. Dass wir ihnen nicht folgen müssen. Wir kommen frei gegenüber der Welt mit ihren Mächten zu stehen. Der Teufel ist besiegt.
Die drei Ämter des Erlösers Jesus Christus und ihre trinitarische Verknüpfung
In der Lehre von den drei „Ämtern“ Christi (lat. „munera“, von „munus“: Aufgabe, Dienst, Obliegenheit) ist der Glaube an die durch ihn geschehene Erlösung in eine bündige Form gebracht worden. Das hilft dem Verständnis! Zum einen ist damit gesagt, dass Gott, indem er Jesus in diese Ämter beruft, sein Werk an seinem Volk Israel fortsetzt, hat er doch durch Könige, Priester und Propheten sein Volk geleitet. Die Verheißung, die mit dem Königtum (zum Beispiel David), dem Priestertum (da verweist die Theologie besonders auf den Priester und Friedenskönig Melchisedek, Gen 14; Ps 110) und der prophetischen Botschaft verbunden war, lebt in Jesus wieder auf. Gott bleibt sich treu. Jesus ist der wahre Hohepriester (Hebr 9,11). Er ist ein Prophet – interessant ist, dass er von den Menschen damals vor allem als Prophet gesehen wurde (vgl. Mt 21,11; Joh 7,40). Er ist der wahre König der Juden, der am Kreuz hängt (Mt 27,37); zum Erschrecken des Königs Herodes hatten schon die Weisen aus dem Morgenland den König der Juden gesucht, (Lk 2,2f). Er ist, wie es dann die nachösterliche Verkündigung nachdrücklich proklamiert, der „Herr“, der „Kyrios“ (Apg 10,36, Röm 10,9, Phil 2,11). Die Aufgaben, die diesen Ämtern zugeordnet sind, hat Jesus ausgeführt: die priesterliche Versöhnung, die prophetische Verkündigung des Gerichts und der Verheißung und die Aufrichtung der königlichen Herrschaft Gottes. Die Rede vom dreifachen Amt gibt vielfach Gelegenheit, das Wirken Jesu vor dem Hintergrund der vielen Geschichten über Priester, Propheten und Könige im Alten Testament tiefer zu verstehen.
Zum anderen wird durch die Aufteilung auf die drei Ämter erkennbar, in welcher Weise die Personen der göttlichen Dreifaltigkeit am Werk der Erlösung beteiligt sind. Die Königsherrschaft kommt Gott dem Vater und Schöpfer zu. Jesus errichtet sie in seinem Namen und Auftrag. Die Verkündigung ist das Werk des Geistes, der immer schon der Geist der Propheten gewesen ist. Die Versöhnung aber ist des Sohnes eigenes Werk. Das hört sich an wie eine göttliche Arbeitsteilung. Doch da alle diese Werke der Erlösung durch Jesus getan werden beziehungsweise an ihm offenbar werden, muss der Sachverhalt wohl komplizierter sein. Jesus selbst ist der König und Herr, aber eben damit verschafft er dem Königtum Gottes Anerkennung. Jesus selbst ist aus dem Geist gezeugt und mit dem Geist begabt. Das Werk der Versöhnung ist ein Werk im Geist auf den Vater hin. Ein alter theologischer Grundsatz lautet: „Die Werke der Dreieinigkeit sind nach außen ungeschieden“. Sie sind nach außen nicht zu unterscheiden, denn sie kommen alle in Jesus überein. Aber Jesus übt sie in „perichoretischer“, sich gegenseitig durchdringender Weise aus. Sherman, auf den ich mich hier beziehe, hat dies zum Beispiel an den Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium differenziert aufgewiesen. Einerseits scheint da Jesus dem Vater und der Geist Jesus untergeordnet zu sein. Zugleich jedoch leben sie ihre Einheit in Liebe und gegenseitiger Sendung. Jesus ist der König, der die Welt überwunden hat, das ist er in Einheit mit dem Vater. Er ist priesterlich das Lamm Gottes, das Gemeinschaft mit dem Vater und dem Geist schenkt. Er ist Prophet und Offenbarer in der Kraft des Geistes, und zugleich ist er es, der den Geist schickt, damit er die Jünger in alles einführt.
Das können jetzt nur Andeutungen sein. Sie genügen aber, die verbreitete Meinung zurückzuweisen, dass die Trinität(slehre) in der Bibel nicht enthalten, sondern erst eine Hervorbringung der Alten Kirche sei. Sie ist sehr wohl in der Schrift enthalten, nicht aber als eine ontologische Lehre über die Vereinbarkeit von Einheit und Dreiheit in Gott, sondern als ein Geschehenszusammenhang, der sich um das Wirken Jesu herum vollzieht. Dann können wir auch sagen: Überall, wo dieser Geschehenszusammenhang von Versöhnung, Offenbarung und Gottesherrschaft sich vollzieht, da ist der dreieinige Gott selbst am Werk.
Die Teilhabe der Erlösten am Leben des dreieinen Gottes
Gott hat die Menschen zur Heiligkeit berufen, so haben wir gehört. Er will, dass alle an ihm teilhaben, der allein heilig ist. Er will seine Geschöpfe vergöttlichen. Wodurch geschieht das? Die erste Antwort ist: durch den Glauben. Man kann hier sogar noch eine weitere Trias einführen, die drei „theologischen Tugenden“ Glaube, Hoffnung und Liebe. „Jesus ist der Herr“, das ist nach Paulus ein „Wort des Glaubens“ (Röm 10,9), es bezieht sich auf die Königsherrschaft Gottes. Dass aber die Verheißungen Gottes wahr werden, das hoffen die Glaubenden. In der Liebe sind sie verbunden mit dem inneren Leben des dreieinen Gottes und untereinander; in der Liebe erfüllen sie das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe.
Doch damit noch nicht genug! Die Glaubenden erhalten die Teilhabe an den drei Ämtern Christi. In der Taufe wird das den Neugetauften gesagt: „Du wirst nun mit dem heiligen Chrisam gesalbt [wie auch die Könige, Priester und Propheten des Alten Bundes], denn du bist Glied des Volkes Gottes und gehörst für immer Christus an, der gesalbt ist zum Priester, König und Propheten in Ewigkeit.“ Dies ist der Augenblick der Vergöttlichung im Leben eines und einer jeden Getauften. Denn die Partizipation an den drei Ämtern Christi – Teilhabe nur mit ihm und durch ihn und in ihm, wie durch die folgende Überreichung des weißen Kleides, das „Christus anziehen“, vollends deutlich wird – ist Teilnahme an den Werken der Erlösung und damit am Leben des dreieinigen Gottes. So vollendet Gott seine Schöpfungsabsicht in der Taufe. Was noch zu tun bleibt, kann man mit Scheeben ein „Kooperieren mit der Gnade“ nennen: Nicht wir müssen die Welt erlösen, sie ist schon erlöst, aber wir haben das Amt, dies zu bezeugen und in unserem Handeln – versöhnend, verheißend, ohne Respekt vor den Mächten und Gewalten – wirksam werden zu lassen.