Carl Muth und das „Hochland“

Im Rahmen der Veranstaltung "Aus dem Turm heraus?", 15.01.2016

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I.

 

Als im April 1946 die katholische Publizistik mit den „Frankfurter Heften“ zu neuem Leben erwachte, stellte einer der beiden Herausgeber, Walter Dirks, seine Zeitschrift in eine Tradition, die sich seit einem halben Jahrhundert die Überwindung der angeblichen kulturellen Inferiorität des deutschen Katholizismus zum Ziel gesetzt hatte, ob sie nun von außen aufgezwungen oder selbstverschuldet war. Am Beginn dieser Tradition sah Dirks den Publizisten Carl Muth. Bis zu ihm sei die katholische Literatur, ja die gesamte katholische Kultur in Deutschland vom Kampf geprägt, also „eng, uneigentlich und unfruchtbar“ gewesen. Denn „in einer belagerten Festung schweigen die Musen“.

Doch Carl Muth habe den Riss zwischen der Kirche und der nationalen Kultur gespürt. Er habe mit seiner Kulturzeitschrift „Hochland“ das Tor der belagerten Festung aufgestoßen und die Rückkehr der Katholiken aus dem Exil eingeleitet. Gewiss, so fügte Walter Dirks an, seine neuen Zeitschrift habe es mit einer anderen Welt zu tun als der aus dem 19. Jahrhundert kommende Muth. Heute gehe es nicht mehr um die „Elite der Gebildeten“, sondern um die „Elite der Unruhigen und Lebendigen aller Schichten“. Die Distanz zwischen der Welt des Geistes und der Welt der Politik sei aufgehoben. Die konkrete Politik müsse in den Mittelpunkt rücken. Darum werden die Jüngeren sich von Muth notwendigerweise absetzen müssen. „Aber sie könnten nicht einmal anfangen, ihre Stunde zu erfüllen, hätte nicht Karl Muth die seine so vorbildlich und wirksam bewältigt.“

Walter Dirks hat Recht. Carl Muth hat um die Wende zum Zwanzigsten Jahrhundert an vorderster Front mit der „Schleifung der Bastionen“ begonnen, auch wenn er dabei nicht allein war. Mit Recht stellt Dirks neben ihn für den Bereich der Wissenschaft den Präsidenten der „Görres-Gesellschaft“ Georg von Hertling. Andere Namen könnte man anschließen: Franz Xaver Kraus, Herman Schell, Albert Ehrhard, und nicht zuletzt, gerade hier in München muss dies gesagt werden, den bescheidenen gelehrten Archivar von Sankt Bonifaz, P. Odilo Rottmanner. Doch im Bereich der Kultur stand Carl Muth an der Spitze.

Die deutschen Katholiken und so auch wir tun gut daran, sich seiner zu erinnern, ohne ihn jedoch auf die Altäre zu erheben noch von einem Sockel zu stürzen. Seit seinem Tod sind mehr als 70 Jahre vergangen, Zeit genug, um nüchtern seine Größe wie seine Grenzen aufzuzeigen.

Wer war Carl Muth und was war seine bleibende Leistung beim Ausbruch der deutschen Katholiken aus dem Turm? Wenn ich diese Frage jetzt zu beantworten suche, bin ich mir bewusst, dass dies bei einem Mann von seiner Statur in der Kürze der Zeit nur bruchstückhaft geschehen kann und vieles ungesagt bleiben muss, was wir jedoch getrost von einem Buch erwarten dürfen, das gegenwärtig unter Federführung von Thomas Pittrof erstellt wird. Daher beschränke ich mich auf einige Gesichtspunkte angesichts neuer Erkenntnisse. Dabei werfe ich zunächst einen Blick auf den noch nicht völlig erforschten Werdegang des jungen Muth, rücke dann sein ureigenes Verdienst bei der Wiederbegegnung von Katholizismus und Kultur in Deutschland ins Blickfeld, ohne die Widerstände zu vergessen, die sich ihm entgegenstellten, woher auch immer sie kamen, von außen, von innen oder auch von ihm selbst.

 

Bildungsweg und frühe Einflüsse

 

Carl Muth hat in seinen letzten Lebensjahren damit begonnen eine Autobiographie zu schreiben. Er kam nur bis zum Jahr 1909. Seine bis jetzt unveröffentlichten Aufzeichnungen, die sich heute im Besitz seiner Enkelin Frau Muth-Bell befinden, vervollständigen und differenzieren zusammen mit der Untersuchung von Maria Cristina Giacomin das allzu geglättete Bild, das wir bisher von seinem Werdegang hatten. Zwei Momente fallen auf. Das eine: Muth zeigt sich schon in seinen jungen Jahren als ein Mann, der aus dem katholischen Milieu, oder wie man später sagte, aus dem „katholischen Ghetto“ ausbrach. Das andere: Seine frühe Entwicklung mit all ihren Brüchen entspricht nicht dem Bildungsweg eines Wissenschaftlers, wohl aber eines Künstlers und eines Liebhabers der Literatur.

Gehen wir in die Einzelheiten. Carl Muth wurde am 31. Januar 1867 in Worms als Sohn eines Dekorationsmalers geboren. Als Gymnasiast begeisterte er sich für das Missions-Ideal der Steyler Missionare und trat 1882 in deren Internat in Steyl in Holland ein. Doch bald zeigte sich, dass der junge Mann nicht völlig mit den Grundsätzen des Internats wie des damaligen Katholizismus übereinstimmte. Seinem Interesse für die französische Literatur und die katholische Erneuerung im Frankreich des 19. Jahrhunderts, das ihn durch sein Leben begleiten sollte, wurde vom Internatspräfekten ein abruptes Ende gesetzt. Er nahm ihm Chateaubriands „Genie du Christianisme“ ab, da ja das Buch auf dem römischen Index stand. Muth verließ das Internat. Seinen Wunsch, Missionar zu werden, gab er jedoch nicht auf. 1884 begab er sich nach Algier, um sich in der Missionsschule der Weißen Väter auf den Eintritt in den neugegründeten Orden vorzubereiten. Doch auch hier fand er nicht die geistige Weite, die er suchte. Darüber beklagte er sich in einem Brief, den seine Vorgesetzten zu lesen bekamen. Die Folge war 1885 seine Entlassung. Der 18-Jährige kehrte nach Worms zurück und erlebte, wie er rückblickend schreibt, „eine trostlose Zeit“, die er jedoch mit Hilfe einer „ungezügelten Lesewut“ durchzustehen suchte. 1887 setzte er sein Gymnasialstudium in Gießen fort. Es blieb beim Versuch. Vielleicht führte ja ein Schicksalsschlag zum erneuten Abbruch der Schulbildung. 1888 starben seine Mutter und zwei seiner Schwestern an der Grippe. Im gleichen Jahr kam es jedoch auch zu einer Begegnung, die eine enge Freundschaft begründete. Für die weitere geistige Ausrichtung Muths bis hin zur Gründung des „Hochland“ wurde sie von entscheidender Bedeutung. Muth lernte den protestantischen Schriftsteller Friedrich Lienhard kennen, der sein Theologiestudium aufgegeben hatte und nun – ganz wie der von Muth verehrte Chateaubriand – überzeugt war, dass der „Geist des Christentums“ am besten in der Dichtung wachzuhalten sei. 1889 folgte auf Einladung Lienhards Muths erste Veröffentlichung, eine Festschrift zur Einweihung eines Theaters, in der er sich, wie sein späterer Gegner Richard von Kralik, als Verehrer Richard Wagners offenbarte.

Nachdem Muth 1890/91 seinen Militärdienst abgeschlossen hatte, schlug ihm sein Kompaniechef die Offizierslaufbahn vor. Muth lehnte ab: „Nur ein freier Beruf kommt für mich in Frage“. Er hörte in Berlin Vorlesungen in Germanistik, Geschichte, Volkswirtschaft und Staatsrecht. Er beteiligte sich am kulturellen Leben, las Nietzsche und übersetzte die von dem reformkatholischen Abbé Felix Klein verfasste Biographie des Kardinals Lavigerie, des Gründers der Weißen Väter. Zu all dem kam der nähere Kontakt zu Friedrich Lienhard, dessen christlich-deutsche „männliche“ Weltanschauung ihm in jungen Jahren zusagte. Das Übrige tat die Lektüre des „Rembrandtdeutschen“ Julius Langbehn, der ähnlich wie Lienhard in pseudoreligiöser Naturschwärmerei Heimat und Scholle pries und dem „demokratisierenden, nivellierenden Geist des Jahrhunderts“ das „deutsche aristokratische Bauerntum und Ariertum“ entgegenstellte, wobei er sich auch zu der Aussage verstieg, eine blonde germanische Locke sei mehr wert als eine ganze Bibliothek.

Hinzuzufügen ist jedoch, dass Muth nicht der einzige Katholik war, der sich von dem konservativen Reformer aus dem Norden bezaubert ließ. Seine Verehrer reichten vom „Reformkatholiken“ Joseph Bernhart bis zum antimodernistischen Bischof Keppler von Rottenburg, und es blieb dem Jesuiten Peter Lippert vorbehalten, festzustellen, Langbehn sei katholisch geworden, ohne jemals Christ geworden zu sein. Muths Verehrung für Lienhard und Langbehn bedeutete bei ihm, wie Maria Cristina Giacomin gezeigt hat, eine stark nationale Tönung, was jedoch seiner Liebe zu Frankreich keinen Abbruch tat. Auch sein späterer Persönlichkeitskult und sein elitärer Idealismus wurden hier grundgelegt. Von wahrer Dichtung und wahrer Kunst verlangte er, sie müsse „Höhenkunst“ sein, wie er sie in der deutschen Klassik, in Schiller und Goethe, vorbildhaft verwirklicht glaubte. Von dieser Überzeugung wich er nie ab, bei allen späteren Wandlungen seines Denkens, etwa hin zu einem katholischen Internationalismus. Er selbst lebte in seinem Auftreten die Erhabenheit; mit der Demokratie und ihren Parteien, aber auch mit Mitarbeitern, die seinem erhabenen Kurs nicht folgten, tat er sich schwer. So nannte ihn denn Joseph Bernhart eine „Herrennatur“. Kritiker sprachen sogar von seinem „Trieb“, „sich selbst als absolut durchzusetzen und autokratisch seinen Beruf zu erfüllen“.

Zurück zum Werdegang Muths. Seiner Berliner Zeit folgte 1892/93 ein mit Studien und ersten publizistischen Arbeiten erfüllter Aufenthalt in Paris und Rom. Im Mainzer Journal berichtete er begeistert vom „Renouveau catholique“ in Frankreich. Anschließend arbeitete er drei Monate lang in Berlin als Volontär beim Zentrumsblatt „Germania“ und kam zur Erkenntnis: „Militarismus und Journalismus sind mir ein Gräuel“. Das Jahr 1894, das ihn nach Straßburg führte, brachte zwei einschneidende Veränderungen in seinem Leben: Muth heiratete am 15. Mai Anna Thaler aus Fulda. Aus seiner Ehe gingen vier Söhne und die Tochter Louise Maria, genannt Lulu, hervor. Das eheliche Glück sollte freilich nicht ungetrübt bleiben. Sein erstgeborener Sohn Reinhard würde 1918 bei der deutschen Frühjahrsoffensive fallen. Seine Frau würde 1920 sterben.

1894 freilich lag das alles noch fern, und zur Heirat kam ein zweites glückliches Ereignis: Muth wurde in Straßburg Redakteur bei der katholischen Zeitung „Der Elsässer“. Ein Jahr später wechselte er als Chefredakteur nach Einsiedeln zur Familienzeitschrift „Alte und Neue Welt“. Ganz allmählich war er in die katholische kulturelle Welt eingetreten, obwohl sein Werdegang bis dahin nicht unbedingt in eine konfessionelle Richtung wies und auch jetzt ließ er das nicht zurück, was er im Laufe seiner geistigen Entwicklung aus verschiedenen Quellen aufgenommen hatte. Umso mehr musste er die geistige Enge erkennen, die in der katholischen Literatur seiner Zeit herrschte.

 

Das „Hochland“ und dessen Widersacher

 

Es folgte, was als die große entscheidende Tat Muths gilt: Muth veröffentlicht 1898 unter dem Pseudonym „Veremundus“ die Schrift: „Steht die Katholische Belletristik auf der Höhe der Zeit. Eine literarische Gewissensfrage“. Ein Jahr später folgte „Die literarischen Aufgaben der deutschen Katholiken“, diesmal unter eigenem Namen. In diesen Schriften betonte Muth, der katholische Roman dürfe kein Tendenzroman und keine verkleidete Belehrung sein. Um die literarische Rückständigkeit der Katholiken zu überwinden, müsse die Lenkung des Literaturbetriebs durch den Klerus aufhören, die katholischen Schriftsteller müssten Romane schreiben, in denen sich das wirkliche Leben widerspiegelt. Der katholische Roman müsse zuerst ein künstlerisches Werk und keine Erbauungsschrift sein. Schließlich forderte er ein katholisches Literaturorgan.

Nun ging es darum, die vorgetragenen Forderungen in die Tat umzusetzen. Nötig war vor allem die Gründung der von Muth angeregten modernen literarischen Zeitschrift. Und es war Muth selbst, der die Zeitschrift ins Leben rief. Bereits 1900 hatte er sich in Kempten mit dem Leiter des Kösel-Verlags Paul Huber getroffen und deren Gründung besprochen. Nach einigem Zögern erklärte sich Huber bereit, sie in den Verlag zu übernehmen. Nachdem Muth nach Solln bei München übergesiedelt war, erschien dann im Oktober 1903 das erste Heft der Zeitschrift „Hochland“, unter dem Motto: „Hochland, hohen Geistes Land – Sinn dem Höchsten zugewandt“. Die Zeilen entsprachen dem elitären Pathos Muths, doch es spricht für ihn, dass er, wie Werner Bergengruen feststellte, diese Verszeilen aufgab, als eine gewandelte Zeit ihr Pathos nicht mehr ertrug.

„Hochland“ war mehr als das ursprünglich geforderte Literaturorgan. Muth konzipierte die neue Zeitschrift als Gegenstück zur protestantischen Zeitschrift „Der Türmer“, und, wie er im Geleitwort zur ersten Nummer schreibt, als ein Blatt, welches das „ganze heutige Kulturleben“ „überschauen“ und „begleiten“ soll. Es sollte ein Sammelorgan für Autoren darstellen, die „von positiv-christlicher, katholischer Überzeugung“ erfüllt sind, wobei jedoch, wie die weitere Entwicklung der Zeitschrift zeigen sollte, im Unterschied zu den „Historisch-politischen Blättern“ und den „Stimmen aus Maria Laach“ vor allem jene gemeint waren, für die Katholizität nicht Enge und Abschließung, sondern umfassende Weite bedeutete.

So kamen denn von Anfang an vor allem jene katholischen Intellektuellen zu Wort, die aus einem geschlossenen Milieu auszubrechen suchten. Um einige Namen zu nennen: Hermann Schell, Georg von Hertling, Martin Spahn, Johannes Mumbauer, Sebastian Merkle. Was schließlich die Literatur anlangt, so setzte das „Hochland“ in den ersten Jahrgängen durch den Abdruck dreier Romane neue Akzente, die die Zeitschrift in den Verdacht des Modernismus brachten. Ich erwähne hier nur „Il Santo“ von dem italienischen Romancier Antonio Fogazzaro, ein Werk, in dem der Geist der Herrschsucht, der Habgier und der Unbeweglichkeit in der Kirche angeprangert wurde, was ihm schließlich die Indizierung eintrug. So blieb es nicht aus, dass auch Muth und das „Hochland“ in der damaligen aufgeheizten Atmosphäre der Modernismuskrise verdächtigt wurden und kirchliche Würdenträger wie Bischof Nörber von Freiburg vor der Zeitschrift warnten.

Doch auch innerhalb der katholischen Literaturszene kam es zu Spannungen. Zu nennen ist der Literaturstreit, bei dem es um die Frage ging, was katholische Literatur sein solle. Solle sie vor allem wirkliche Literatur oder vor allem katholisch sein? Auf der einen Seite stand Carl Muth, auf der anderen Seite der Österreicher Richard von Kralik mit der Zeitschrift „Der Gral“, einer Gegengründung zu „Hochland“. Entscheidend war für Kralik und für den Herausgeber des „Gral“ Franz Eichert die „katholische Tendenz“ beziehungsweise „die katholische Idee“. Eichert war überzeugt: „Wenn man aus den Werken katholischer Schriftsteller nicht erkennen kann, ob Katholiken, Juden oder Atheisten ihre Schöpfer waren, dann gibt es überhaupt keine katholische Literatur mehr.“

Die Zukunft hat Muth Recht gegeben, doch darf man fragen, ob nicht auch er dazu beitrug, dass der Graben zu Kralik und seinem Gralsbund, zu dem immerhin fast alle katholischen Literaten in Österreich gehörten, immer tiefer wurde. Auch sie strebten eine Reform der Literatur an, und Kralik kam so wenig aus dem verpönten „Ghettokatholizismus“ wie Muth. Wie dieser war er von Richard Wagner begeistert und seine literarischen Wurzeln lagen in der naturalistischen Berliner Moderne. Wie Muth ging es auch ihm um die Heimkehr der Katholiken in die deutsche Nationalkultur. Gewiss, die Frage, was nun „katholische Literatur“ sei, beantworteten beide verschieden. Doch Muth hatte ursprünglich, wie er im Vorwort zum „Hochland“ schrieb, allen Autoren „christlich-katholischer Überzeugung“ die Seiten seiner Zeitschrift geöffnet, auch einem Richard von Kralik. Was jedoch den Gegensatz zwischen ihnen immer mehr vertiefte, war Muths Fixierung auf die deutsche Klassik, und damit in Verbindung sein „Ja“ zum kleindeutschen, wenn man will „protestantischen“, wilhelminischen Reich, während die Österreicher wahrhaft katholische deutsche Nationalkultur noch immer im Sacrum Imperium Romanum, und mittelbar in der Romantik, zumal der österreichischen katholischen Spätromantik, verwirklicht sahen.

Und so verkündete Kralik 1905 ausdrücklich ein „Kulturprogramm der Romantik“, das als konfessionalistisches Kulturprogramm wenig mit dem „Hochland“ gemeinsam hatte, von dem jedoch Kralik glaubte, es würde sehr wohl unter das Dach des „Hochland“ als eine katholische Richtung neben anderen passen. Als Muth im März 1907 an Kralik einen von ihm für das „Hochland“ geschriebenen Artikel zurückschickte, gab ihm dieser zu verstehen: „Glauben Sie mir, dass ich die Blüte Hochlands aufs innigste wünsche; aber ich bin eben überzeugt, dass dieser Blüte eine Beimischung meines Programmes heilsamer wäre als Ihre Ablehnung.“

Allein Muth ging nicht darauf ein. Damit kam es zum Bruch. Kralik warf Muth reformkatholische Tendenzen vor. Was nachfolgte, eben der Literaturstreit, ist in der Zwischenzeit von der Forschung ausgiebig aufgehellt. Wir wissen, dass die Gralsritter im Verein mit dem Sekretär der Indexkongregation P. Thomas Esser mit harten Bandagen kämpften, ja dass schließlich 1910 nur das Dazwischentreten des Münchner Nuntius Andreas Frühwirth die Promulgation der bereits erfolgten Indizierung des „Hochland“ verhinderte und dadurch dessen Fortbestand rettete.

Solange Kralik lebte, blieb jedoch der Zwist am Köcheln, ja er kochte Mitte der 1920er Jahre erneut heftig auf, nur dass inzwischen die von Joseph Eberle herausgegebene Zeitschrift „Schönere Zukunft“ an die Stelle des Gral getreten war. Noch deutlicher trat nun der eigentliche Gegensatz zutage, bei dem es um mehr ging als um die nähere Bestimmung dessen, was katholische Literatur sei. Es ging um den Gegensatz zwischen einem integralistischen, geschlossenen und einem offenen Katholizismus, oder, wie Kralik sich ausdrückte, um den Unterschied zwischen einer entschiedenen und integralen katholischen Richtung und dem „Hochland“-Katholizismus „für katholisierende Protestanten“ und „protestantisierende Katholiken“. Eine Beurteilung, mit der Muth übrigens grundsätzlich übereinstimmte. Seinem Redakteur Friedrich Fuchs, der im „Hochland“ den Primat des Religiösen forderte, gab er zu verstehen: „Das Hochland ist keine katholische Zeitschrift, indem sie das Katholischsein wie der ‚Katholische Gedanke‘ oder die ‚Stimmen der Zeit‘ zur Schau trägt; sie ist ein katholisches Organ nur insofern, als es vorwiegend Katholiken sind, die sich mit ihrer Herausgabe befassen. Auf dieser Tatsache fuße ich, ich lasse sie mir nicht verdrehen.“

 

Mitarbeiter, Inhalte, Ziele des „Hochland“

 

In seinen bisher unveröffentlichten Lebenserinnerungen betont Carl Muth, wie wichtig ihm von Anfang an die Rekrutierung junger talentierter Mitarbeiter war. Und in der Tat hatte er hierin eine glückliche Hand. Nicht wenige führende katholische Akademiker, nicht nur im Bereich der Literatur, hat er, später zusammen mit seinem Redakteur Friedrich Fuchs, für das „Hochland“ gewonnen oder überhaupt erst entdeckt, wobei man beim Blick auf die Namen fast eine Widerspiegelung seiner eigenen Wandlungen, etwa von ursprünglich deutsch-nationalen Positionen, verkörpert in Martin Spahn und Friedrich Lienhard, hin zu einem katholischen Internationalismus feststellen kann. Doch wie immer dem war, er wollte mit den großen nichtkatholischen Zeitschriften seiner Zeit, schließlich auch mit den Organen des säkularen Mystikers Eugen Diederichs gleichziehen, ja, sie überbieten. Und so fanden denn auch mehrere sogenannte Modernisten und Reformkatholiken wie Herman Schell, Philipp Funk, Christoph Flaskamp, die zuvor in nichtkatholischen Organen publiziert hatten, ihre publizistische Heimat im „Hochland“.

Dessen ganz große Zeit begann 1917, als sich Max Scheler als „katholischer Philosoph“ in der Zeitschrift zu Wort meldete, es folgten Karl Adam und Peter Wust, führende Gestalten im siegesbewussten Kulturkatholizismus der Weimarer Republik. Einzelne Beiträge erlangten eine epochale Bedeutung. Zu nennen ist der Artikel Romano Guardinis aus dem Jahr 1921 „Die Kirche erwacht in den Seelen“, der ein unüberhörbares Plädoyer für die liturgische Bewegung und indirekt auch für die Jugendbewegung darstellte, aber auch die mitfühlende Erzählung des schlesischen Dichtertheologen Joseph Wittig „Die Erlösten“ in der Osternummer 1922, die sich gegen falsche Sündenangst und eine die Menschen verängstigende Beichtpastoral wandte. An Wittig schrieb damals Carl Muth, die Erzählung habe ihn veranlasst, sein eigenes religiöses Leben „im Geiste der Kirche durch häufigeren Sakramentenempfang wärmer und reger zu gestalten“. Umso mehr musste er enttäuscht sein, als bald darauf „Die Erlösten“ auf den Index gesetzt wurden. Es war nicht das einzige Mal, dass Muth mit der Amtskirche in Konflikt geriet oder zumindest kritisch beäugt wurde.

Doch kehren wir zurück zu den „Hochland“-Mitarbeitern und nennen stellvertretend weitere Namen, die deutlich machen, wie sehr die Zeitschrift zum Sprachrohr katholischer Intellektueller geworden war. Um nur einige zu nennen: Joseph Bernhart, Alois Dempf, Sebastian Merkle, Ernst Michel, Josef Nadler, Karl Pfleger, Hermann Platz, Otto Karrer, nicht zu vergessen der draufgängerische Theodor Haecker, ein Mann, der gerne provozierte und damit in einem gewissen Gegensatz zum abwägenden Muth stand und doch von diesem wie kein anderer seiner Mitarbeiter geschätzt wurde.

Im „Hochland“ schrieben aber auch Hermann Bahr und Hugo Ball und nicht zu vergessen der evangelisch getaufte Eugen Rosenstock-Huessy, dem Muth die Stelle eines führenden Redakteurs anbot. Dass auch Friedrich Dessauer zu den Mitarbeitern der ersten Stunde, ja zu den engeren Freunden Carl Muths gehörte, mag auf den ersten Blick erstaunen, denn Dessauer, der in der Weimarer Republik dem linken – demokratischen – Zentrumsflügel angehörte, war kein Vertreter des elitären konservativen „Reformkatholizismus“, wie er Carl Muth vorschwebte.

Zweifellos zeigen jedoch alle genannten Namen, wie sehr ein Wunsch Muths in Erfüllung gegangen war: Die katholischen Akademiker, die im „Hochland“ durchaus auch kontrovers, schrieben, waren alles andere als inferiore Kulturbanausen. Und dies gilt bis zu einem gewissen Grad auch für das spezielle Gebiet Muths: für die Literatur, auch wenn man bei nüchterner Betrachtung feststellen muss, dass die hohen Ziele, die er sich gesteckt hatte, auch mit Hilfe des „Hochland“ nicht erreicht wurden, was damalige wohlmeinende Kritiker durchaus bemerkten. So schrieb die resolute Hilda Heiß, eine Schwester Friedrich Dessauers, 1929, an Carl Muth: „Wenn das, was in den letzten Jahren im Hochland zu lesen war, die besten Leistungen der katholischen deutschen Belletristik darstellt, so lasst uns lieber eingestehen, dass wir auf diesem Gebiet nicht mitreden können.“

Eine Kritik, die ernst zu nehmen ist, auch wenn die im „Hochland“ schreibenden katholischen Literaten und Dichter sich durchaus sehen lassen konnten. Ich nenne Peter Dörfler, Franz Herwig, Leo Weismantel, Reinhold Schneider, Werner Bergengruen, Stefan Andres. Zu denken gibt jedoch, dass alle drei Schriftstellerinnen, die im „Hochland“ mit ihren Romanen glänzten, Ilse von Stach, Ruth Schaumann und Gertrud von Le Fort, ihre Wurzeln nicht im katholischen Milieu hatten. Alle drei waren Konvertitinnen.

Was schließlich die hauptamtlichen Redakteure des „Hochland“ betrifft – Konrad Weiß, Friedrich Fuchs, Franz Josef Schöningh, Karl Schaezler – wird man sagen dürfen: Muth hatte bei ihrer Wahl eine glückliche Hand. Freilich machten sich in seinem Umgang mit ihnen auch die Grenzen seiner „Herrennatur“ bemerkbar. Wenn die Redakteure nicht bereit waren, widerspruchslos seiner Linie zu folgen, mussten sie gehen. Das traf den Dichter Konrad Weiß, der das von der Klassik geprägte Kunstideal Muths in Frage stellte und dessen mystischer Expressionismus in diesem nur Unverständnis und Spott hervorrief. Es traf seinen Ziehsohn und designierten Nachfolger Fuchs, der ihm zu demokratisch und daher vom Zeitgeist angefressen schien und dessen selbstständiges Handeln er nicht duldete. Mit Schöningh und Schaezler lief alles gut, weil sie sich ihm unterordneten, Schaezler aus Überzeugung, Schöning wohl auch aus Berechnung.

 

Muths Weltanschauung: Zentrale Gedanken

 

Ich komme zum Schluss und gestehe sogleich, dass ich eigentlich nur einige Streiflichter auf Person und Werk Muths werfen konnte.. Am Ende soll aber noch ein Mann zu Wort kommen, der Muth wie kaum ein anderer kannte und der anlässlich von Muths Tod am 15. November 1944 im Gedenkblatt – dem Sterbebild – Muths Wesen und Denken in wenigen Sätzen zusammenfasste. Die Rede ist von Friedrich Fuchs, dem Gatten von Ruth Schaumann. Seine Worte sagen viel aus über Muths Größe und ein wenig auch über seine Grenzen. Es geht dabei um Deutschland und es geht um Frankreich, und es geht um das Christsein.

Friedrich Fuchs schreibt über Muth: „Das große Bildungserlebnis seiner eigenen Jugend war die deutsche Klassik. Um Goethe rang er, der Christ, sein Leben lang. Sein Deutschtum war ihm ein Adel, von dem der adelige Mann nicht spricht“. In der Tat stand das Bekenntnis zu Deutschland im Mittelpunkt von Muths Denken. Ob wir freilich bereit wären, heute noch alles nachzusprechen, was er in diesem Zusammenhang äußerte, weiß ich nicht, so wenn er mitten im Ersten Weltkrieg feststellte, der deutsche Geist, gipfelnd in der deutschen Klassik, sei der Kultur anderer Völker überlegen. Muth hat solche Worte, in denen man einen versteckten Kulturimperialismus entdecken mag, später nicht mehr wiederholt. Was blieb, war sein Bemühen, die deutschen Katholiken mit der deutschen Kultur, und das war für ihn vor allem die deutsche Klassik, zu versöhnen. Damit stellte er sich gegen die gültige katholische Meinung, die in Goethe lediglich einen Verderber der Jugend erblickte. Doch er machte sich die Begegnung mit Goethe nicht leicht. In ihm fand er, wie er im „Hochland“ schreibt, eine hohe, edle, reine, wahrhafte Persönlichkeit von gebändigter Kraft, und dennoch eine tragische Natur, die, ausgestattet, mit einem großen Herzen und einem großen Verstand, den Faustischen Konflikt zwischen Herz und Verstand zutiefst durchleidet, einen Menschen, dessen Liebessehnsucht nur Gott stillen kann, was Goethe im Tiefsten ahnte, auch wenn er sich schließlich dann doch für die Entsagung entschied.

Wie stand Muth zum konkreten Deutschland, zur Weimarer Republik? Private Äußerungen und „Hochland“-Beiträge aus den Jahren 1922 und 1926 geben Aufschluss. Da ist die Angst vor „modernen Nivellierungs- und Demokratisierungstendenzen“, vor einer Einebnung und Atomisierung der Gesellschaft. Doch schließlich treten die Bedenken gegenüber der „res publica“ zurück. Muth findet sich mit den politischen Gegebenheiten ab, wobei er sich persönlich von der Parteipolitik fernhält. Was jedoch das „Dritte Reich“ anbelangt, war Muth sicher alles andere als ein Sympathisant. Der „Widerstand“ des „Hochland“ gegen das nationalsozialistische Regime war da, wenn auch zunehmend verdeckt. Doch nur so konnte die Zeitschrift weiterhin erscheinen und verschwand nicht wie die „Rhein-Mainische Volkszeitung“ von der Bildfläche. Vergessen wir auch nicht Muths Kontakte in seinen letzten Lebensjahren zu den jungen Menschen der „Weißen Rose“ – Kontakte, die ihn selbst in Gefahr brachten.

Ein zweiter Satz aus dem Gedenkblatt: „Das Rom der Päpste und das Paris der katholischen Tradition waren ihm Heimatstädte.“ Hinsichtlich Roms wohl eine Selbstverständlichkeit. Muth weilte öfter in Rom. Einer seiner besten Freund war seit 1905 der italienische Graf Stefano Jacini, in der Jugend Verehrer Herman Schells und Mitarbeiter der Modernistenzeitschrift „Il Rinnovamento“, später führend im „Partito popolare“ Don Sturzos und nach dem Ende des Faschismus engster Mitarbeiter De Gasperis und Minister im ersten Nachkriegskabinett. Dennoch, Muth stimmte keine Lobgesänge auf den Papst an. Und da ist Frankreich, dem schon seine junge Liebe galt. „Hochland“ wurde nach dem Ersten Weltkrieg zu einer Brücke der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland durch die Vermittlung des vom Vatikan kritisch beurteilten Renouveau Catholique. Die großen Werke von Léon Bloy, Paul Claudel, Charles Péguy, George Bernanos, François Mauriac wurden im „Hochland“ vorgestellt. Ähnliches gilt für die katholischen Philosophen von Jacques Maritain bis Gabriel Marcel, nicht zu vergessen Blaise Pascal, der Gegenstand von vielen „Hochland“-Artikeln war, und all dies auch in der Zeit des „Dritten Reiches“. Schließlich sei erwähnt, dass auf der Weltausstellung in Paris 1937 im deutschen Pavillon auch das „Hochland“ vorgestellt wurde.

Anderes ließe sich anfügen. Doch sei mit dem geschlossen, was Fuchs über den Christen Muth sagt: „Seine Rechtgläubigkeit war die eines großen Herzens, das keinen Andersgläubigen von seiner Liebe ausschloss. Er half ringenden Talenten ans Licht… Er liebte die Jugend, die Christus sucht. In seinen letzten Jahren ward er an dieser Jugend jung… Als Christ bewährte er sich in langem Leiden, er trug es als Sühne für sich, seine Lieben, seine Freunde, sein Volk, wie er auch dafür betete, wenn er einmal nicht arbeiten konnte; tätig war sein Geist bis zuletzt.“

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