Eröffnungsstatement der Philosophischen Tage 2015

Im Rahmen der Veranstaltung "Philosophische Tage 2015", 08.10.2015

I.

 

Sie kennen vermutlich alle den von mir überaus geschätzten niederbayerischen Liedermacher Haindling. In einem seiner hintergründigen Lieder geht es um eine Dame namens „Paula“, die nur hinter dem lieben Geld her ist. In der zweiten Strophe findet sich aber folgende grundsätzlichere Überlegung: „Wenn mer jemand frogt, wos wuist – Glick oder Gäid, dann gibt’s für eahm nur oans, nur oans wos wirklich zäit“ Und das ist vermutlich, so legt es die Melodieführung nahe: „a Gäid“!

Der Text ist absurd. Natürlich ist er absichtlich absurd, denn hier soll ja etwas kritisiert werden. Aber warum kommt er uns absurd vor? Nun, Geld wird gemeinhin als ein Mittel oder eine Voraussetzung zum Glück gesehen, aber nicht als das Ziel selber. Und die offensichtlich recht begüterte Paula kommt einem arm vor, wenn sie Ziel und Mittel verwechselt.

Aber interessant und irgendwie abenteuerlich ist der Grundgedanke, der dahintersteht: Kann das vielleicht doch sein, dass es im Leben letztlich um etwas anderes geht als um Glück? Dann wäre Paulas Lebensgestaltung nicht mehr so grundsätzlich absurd, dann trifft sich Haindlings Paula nämlich mit dem Diktum von Sigmund Freud: Dass der Mensch glücklich werde, ist im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen. Manchmal wurden sogar Vorschläge gemacht, welche Alternativprogramme zur Glückssuche es geben könnte, wie in jenem Spruch, der bis ins 20. Jahrhundert auf deutsche Schultore gemeißelt war: „Du bist nicht auf Erden, um glücklich zu sein, sondern deine Pflicht zu tun!“

 

II.

 

Worauf will ich mit meinen Eingangsüberlegungen hinaus? Es sind mindestens drei Fragen zum Glück, die man klar auseinander halten sollte. Die erste ist strukturell, die zweite inhaltlich, die dritte lebenspraktisch.

Die strukturelle Frage ist die: Ist Glück das zentrale Ziel im Leben, das, worum sich letztlich alles dreht – oder ist es eher etwas, das vielleicht dazukommt, das sich in manchen Leben zufällig einstellen mag, das aber – wie bei Paula – gar nicht das Wichtigste ist? Es gibt eine ganze Linie der Philosophiegeschichte, die das Glück als unwichtig oder sogar als irreführende Vorstellung abweist. Aber es gibt eben auch diese aristotelisch inspirierte Tradition des Eudaimonismus, die im Glück das eigentliche Ziel im Leben sieht.

Notabene, diese erste Frage war nur strukturell. Die zweite Frage ist davon zu unterscheiden: Selbst falls wir wirklich alle nach dem Glück streben, worin besteht denn dieses Glück inhaltlich? Darum drehten sich über die Jahrtausende verschiedenste philosophische Antworten. Ist es zum Beispiel ein Zustand der Lustmaximierung, der Erkenntnis, der Ruhe, oder sonst etwas? Und aus christlicher Perspektive könnte man hier eine Frage einschieben: Ist Glück etwas Innerweltliches oder hat es mit dem Bezug zu Gott zu tun? Oder ist vielleicht beides denkbar, in etwa so: Wer in der Welt seine ethischen Hausaufgaben macht und sein Leben sinnvoll gestaltet, der wird einerseits sich und sein Umfeld glücklich machen, und zugleich bewegt er sich so auf Gott hin.

Die dritte Frage ist die lebenspraktische Frage: Wie kann man dem Glück näher kommen, was kann man tun (soweit es an einem selbst liegt), um ein glücklicher Mensch zu werden? Hat es zum Beispiel einen Sinn, dem Glück direkt nachzujagen? Wir sind ja heute eine Beratergesellschaft geworden, zahllose Websites und Bücher geben scheinbar Handreichungen genau für das: Wege zum Glück. Aber besteht da nicht eher die Gefahr des Sich-Verbeißens und der noch größeren Enttäuschung, wenn sich der Glückserfolg nicht so recht einstellen will? Diese Mechanismen hat übrigens Georg Römpp kürzlich in seinem Anti-Glücks-Buch schön beschrieben. Ist es also eher so, dass man dem Glück am besten indirekt nachstrebt, indem man sich für etwas engagiert, das einem wertvoll und sinnvoll vorkommt? Dann, so die Idee, könnte sich das Glück von selber einstellen. Aldous Huxley hat es einmal so auf den Punkt gebracht: „Glück ist wie Koks: Es ist ein Nebenprodukt.“

 

III.

 

Im Deutschen wird der Nebel um das Glück nochmals dichter durch eine simple sprachliche Tatsache: Anders als in den meisten anderen Sprachen haben wir für zwei sehr verschiedene Dinge nur ein Wort: für „fortuna“ und „beatitudo“, für „luck“ und „happiness“, für „chance“ und „bonheur“, für „udátscha“ und „schástje“ – wobei das Russische noch mehr Formulierungen kennt –, für all das haben wir nur ein Wort: eben „Glück“. Das Wort „Glück“ steht also einerseits für vorteilhafte Zufälle („luck“), andererseits aber für diesen ominösen Zustand von „happiness“, also der Erfüllung, Zufriedenheit, Sinnerfahrung, Ausgeglichenheit und was man noch alles damit verbinden mag.

Ich bin mir nicht sicher, was genau aus dieser sprachlichen Beobachtung folgt. Man könnte meinen, dass wir damit mehr als in anderen Sprachen vielleicht ein Bewusstsein dafür haben, dass unkontrollierbare äußere Faktoren unseren Glückszustand beeinflussen. Man könnte meinen, dass wir mehr der Gefahr der Verwechslung von „luck“ und „happiness“ unterliegen, dass unsere Vorstellung vom Glückszustand also total aufgeladen sei mit dieser Komponente der Zufälligkeit und Unvorhersehbarkeit. Andererseits bin ich immer skeptisch gegenüber solchen Sprachrelativitätsthesen. Dass das Glück als Zustand unsicher, anfällig und zerbrechlich ist, das wissen nämlich durchaus auch andere Kulturen. Der Volksmund ist hier (wie so oft) keine Hilfe, denn er hält Sprichwörter in beide Richtungen bereit: Einerseits heißt es „Glück und Glas, wie leicht bricht das“, und „das Glück is a Vogerl“, andererseits ist angeblich „jeder seines Glückes Schmied“ und „das Glück dem Kühnen hold“. Aus der Sprache allein ist also nicht viel zu entnehmen.

Wie auch immer: Wir sollten diese beiden Bedeutungskomponenten von „Glück“ im Auge behalten, damit uns nicht die sprachliche Verhexung trifft, vor der Wittgenstein zu recht gewarnt hat.

 

IV.

 

Besonders anschaulich wird die semantische Gratwanderung zwischen „luck“ und „happiness“ bei der traditionellen Exkursion. Heuer führt sie in die staatliche Lotterieverwaltung. In meiner Jugend wurde ganz Österreich halbjährlich mit Werbefaltern von Lottokollekturen überschwemmt. Die Grafikdesign-Linie erinnerte interessanterweise an Zirkusplakate, und diese Lottokollekturen hießen ganz besonders interessanterweise „Glücksstellen“. Aber ich frage Sie, was sucht man eigentlich in einer solchen „Glücksstelle“? Zunächst natürlich Anbieter von Glücksspiel, Glück im Sinne von „luck“, „chance“, „hazard“, „fortuna“ – aber die Werbefalter mit den breit lachenden Menschen in den dicken Autos vor dem neuen Einfamilienhaus suggerieren doch, dass hier letztlich „happiness“, „beatitudo“, „bonheur“ abzuholen wäre. Die Werbefalter sind weniger geworden, wahrscheinlich sind sie ins Internet abgetaucht, aber die Lotterien gibt es noch, und Glück als „happiness“ wird immer noch versprochen, wenn man das Glück (als „luck“) nur mit hinreichenden Geldopfern günstig stimmt.

Wahrscheinlich haben Sie die kleine Ironie im Titel unserer Tagung bemerkt. Glück. Was die Philosophie dazu beitragen kann. Die ist natürlich bewusst. Primär bewegen wir uns als Philosophen ja auf der Metaebene: Es geht darum, was die Philosophie über das Glück zu sagen hat kann, was sie nachdenkend über das Glück herausfinden kann. Andererseits ist der Gedanke, dass Philosophieren auch direkt etwas zum Glück beitragen kann, oder zumindest das Glücklichsein begünstigen kann, durchaus altehrwürdig. Aristoteles hätte ihn wohl sofort unterschrieben.

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