Die Häresien des Jan Hus
Die Väter des Konstanzer Konzils haben es sich mit der Verurteilung des Jan Hus nicht leicht gemacht. Man rollte einen Prozess auf, der bereits Jahre zuvor an der römischen Kurie gegen den Prager Reformer in Gang gesetzt worden war. Man beauftragte theologische Experten, die in großer Zahl in Konstanz verfügbar waren, mit der Durchsicht der Schriften Hus‘ und exzerpierte verdächtig klingende Thesen. Man prüfte diese eingehend, legte sie dem Angeklagten zur Stellungnahme vor, verwarf sie, wenn Hus sie glaubhaft entkräften konnte. Man erstellte eine neue Liste, reduzierte auch diese ein weiteres Mal, ehe am 6. Juli 1415 ein Konzilsdekret mit 30 Irrtümern feierlich verabschiedet wurde, denen abzuschwören Hus nicht bereit war und wofür noch am selben Tag das Todesurteil an ihm vollstreckt wurde.
Welches waren die Häresien, die ihm das Leben kosteten? Zu Beginn des Verurteilungsdekrets wird ihm vorgeworfen, er sei ein Schüler des Erzhäretikers John Wyclif und habe dessen Irrtümer gegen das Verbot der Kirche gepredigt und verteidigt. Von den 30 Irrtümern, die danach aufgelistet werden, bezieht sich kein einziger auf die Eucharistie, obwohl man Hus zu Lebzeiten und auch später fälschlicherweise vorgeworfen hat, er vertrete die häretische Remanenzlehre Wyclifs, die der katholischen Transsubstantiationslehre widerstreite. In eucharistischer Hinsicht war Hus rechtgläubig. Auch die Forderung nach dem Laienkelch, die zum Signum des Hussitismus wurde, entstammte weder der Theologie des Jan Hus noch wurde er dafür belangt. Hus wurde auch nicht wegen seiner Christologie oder irriger Auffassungen hinsichtlich des Dreifaltigkeitsdogmas verurteilt. Nicht beanstandet wurden seine Sakramententheologie, auch nicht seine Ansichten zu Ablass, Heiligen- und Reliquienverehrung, Wundern und Wallfahrten, trotz aller Kritik, die er daran äußerte.
Vielmehr erstrecken sich 27 der 30 inkriminierten Sätze des Verurteilungsdekrets auf Aussagen über die Kirche. Von diesen 27 Sätzen wiederum thematisieren 13 explizit das Papstamt, dessen Autorität Hus nur sehr eingeschränkt anerkennen wollte. Die Thesen klangen provokant und wollten es auch sein: „Petrus ist nicht das Haupt der Kirche, und er war es auch nie“ (no. 7), oder: „Die päpstliche Würde erwuchs vom Kaiser und der Vorrang und die Einsetzung des Papstes entsprang der Vollmacht des Kaisers“ (no. 9), oder: „Der Papst ist nicht der wahre und offenkundige Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, wenn sein moralischer Lebenswandel dem des hl. Petrus entgegensteht“ (no. 13), oder, um ein letztes Beispiel zu geben: „Keiner ist ein weltlicher Herr, keiner ist ein Vorsteher, keiner ein Bischof, solange er sich in einer Todsünde befindet“ (no. 30).
Hus wurde also wegen seines Kirchenverständnisses, seiner Ekklesiologie und, davon abgeleitet, wegen seines Ungehorsams gegenüber der Kirche und dem Konzil zum Häretiker erklärt. Die inkriminierten Thesen wurden weithin aus seiner Spätschrift „De ecclesia“, „Über die Kirche“, exzerpiert, finden sich aber auch in anderen seiner Schriften. Die Kirchenkritik des Jan Hus war fundamental, ihre Implikationen sahen die renommiertesten Theologen der Zeit, die in Konstanz versammelt waren, in aller Deutlichkeit. Man hat Hus gelegentlich Naivität unterstellt, da er meinte, er könne das Konzil von der Wahrheit seiner Ansichten überzeugen, so wie er bei seinen Predigten in Prag Tausende mitzureißen verstand. Er musste sich dennoch bewusst gewesen sein, dass seine radikalen Ansichten nicht mehr vom katholischen Konsens gedeckt waren und er sein Leben riskierte.
Welche theologischen Überzeugungen leiteten Hus, welche Theologie führte ihn dazu, kompromisslos den Widerruf zu verweigern, der ihm nachdrücklich und mehrmals ans Herz gelegt wurde? Es waren nicht individuelle Dogmen, für die Hus zu sterben bereit war, als vielmehr sein Verständnis von der Heiligen Schrift, sein Kirchenbild und, eng damit verbunden, sein Selbstverständnis als Prediger und Theologe, derentwegen er den Konflikt mit Kollegen, Bischof, Papst und Konzil durchfocht.
„Lex Dei“: Heilige Schrift als Heilmittel und Richtschnur der Theologie
Jan Hus akzeptierte als Grundlage seiner Theologie und Kirchenkritik nur die Hl. Schrift, die er als hinreichend für eine kirchliche Ordnung ansah. Dabei war sein Schriftverständnis durch und durch mittelalterlich und wurde von vielen seiner Zeitgenossen geteilt. Im Gegensatz zum späteren „sola scriptura“ hatte der Begriff „sacra scriptura“ im Mittelalter eine viel breitere Bedeutung. Er meinte nicht nur den Text des biblischen Kanons, sondern auch die darin enthaltene Offenbarung und ihre reflektierte Weitergabe, sodass „sacra scriptura“ Botschaft, Auslegung und auch Theologie bedeutete.
Hus hat dieses breite und gleichzeitig tiefe Verständnis von Hl. Schrift in einer Vorlesung im Rahmen seiner Doktorpromotion erläutert. Der Glaubende, so beginnt er seine Überlegungen, bedarf auf seinem Pilgerweg der Weisheit; diese findet er in der Trinität als „unerschaffene“ Weisheit, in Christus als „inkarnierte“, und in der Heiligen Schrift als „inspirierte“ Weisheit. Die Frucht der Weisheit ist die Heiligung des Lebens, das als letztes Ziel das ewige Leben nach sich zieht. Heiligung des Lebens ist daher die wichtigste Aufgabe der Heiligen Schrift. Ohne sie explizit als Sakrament zu bezeichnen, spricht Hus dennoch von der Wirksamkeit der Schrift, im Menschen Heiligkeit hervorzubringen: „Wer die Schrift richtig gebraucht, der wird durch sie wirksam geheiligt.“ Aus der Heiligen Schrift erkennt man die Glaubenswahrheiten, die göttlichen Gebote, die nachzuahmenden Verhaltensweisen, den ewigen Lohn und die Strafen. Daher ist die Heilige Schrift die „lex universalissima“, die zum Erkennen der Weisheit notwendig ist.
Dieser enge Schriftbezug ist nicht auf die Bibellektüre fixiert, sondern zielt auf ein Leben mit Christus: „Lebe also Christus, und dann kennst du ihn gut. Wenn du schlecht lebst, kennst du Christus nicht und wirst in Ewigkeit zugrunde gehen.“ Christus ist für Hus die Auslegungsmaxime der Schrift und universales Lebensmodell gleichermaßen. Näherhin ist es der arme Christus, den Hus nicht müde wird, seinen Zuhörern vor Augen zu stellen. „Sacra scriptura“ bzw. Theologie bedeutet daher für Hus ein Wissen um das gute, richtige Leben. Wer im Besitz solchen Lebens- und Heilswissens ist, bringt Gott mehr Dankbarkeit entgegen und ist schneller bereit zur Liebe und zur Vermeidung der Sünde.
„Sacra scriptura“ umfasst also die gesamte Offenbarung und ihre Aneignung. In diesem Zusammenhang stellt Hus drei Aspekte heraus:
- „Sacra scriptura“ als Offenbarungsinhalt: „Und so ist die Hl. Schrift das Wort Gottes, Christus, zusammen mit allem, was dem Menschengeschlecht durch ihn gesagt und geoffenbart wurde.“ Hus spezifiziert den Gegenstand der Heiligen Schrift weiterhin als jede Wahrheit, die dem Menschen eine Anweisung gibt, Gott richtig zu dienen. Offenbarung hat für ihn unbedingten Verpflichtungscharakter. Sie wird zum Gesetz, zur „lex Dei“. Das Gesetz Gottes muss erfüllt, also aktiv gelebt werden und steht nicht nur als Normenkatalog im Hintergrund, um im Konfliktfall zu greifen, sondern konstituiert das religiöse und soziale Leben. Wie die „lex Dei“ so ist auch die Wahrheit bei Hus mit einem Imperativ konnotiert, auch sie muss umgesetzt werden: „Die Worte Christi sind Wahrheiten, die nicht vergehen, bevor sie nicht zu ihrer Zeit ausgeführt sind.“ Die Theologie des Jan Hus zielt daher immer auf das Handeln. Als Wissen um das Gesetz Gottes und seinen Verpflichtungscharakter ist sie zutiefst „praktische Theologie“. Man könnte in diesem Zusammenhang auch von einem Vorrang der Werke, besser gesagt des Tuns vor dem Glauben sprechen. Jedenfalls ist Hus mit seinem Verständnis von „lex Dei“ nur eingeschränkt als Vorläufer von Luther zu werten.
- Das Wissen um die Offenbarung und ihre Erkenntnis bildet für Hus einen zweiten Aspekt von „sacra scriptura“. Hier meint der Begriff die Theologie. Das theologische Erkennen kann unterschiedliche Intensitäten erreichen: auf der elementarsten Stufe ist es ein einfaches Festhalten der Wahrheit, etwas höher steht ein bereits reflektiertes Einsehen in theologische Prinzipien und daraus abgeleitete Folgesätze, und zuletzt ist es ein vollkommenes Begreifen der Theologie. Dieser dreifachen Unterscheidung zufolge gibt es für Hus drei Gruppen von Theologen: zunächst die „einfachen Leute“, die im Glauben dem Wort Gottes und seinen Wahrheiten fest anhängen, dann die Professoren, die die katholische Wahrheit intellektuell und mit Argumenten verteidigen können, und die ausgebildeten Prediger, die das Wort Gottes dem Volk darlegen können, und schließlich die dritten, die nach ausgiebiger Ausbildung und Reflexion in der Theologie ruhen, ohne sich weiter apologetisch damit auseinandersetzen zu müssen.
- „Sacra scriptura“, so führt der Prager Reformator einen dritten Aspekt an, das sind auch die Texte und Zeichen, die Christus, das Wort Gottes, oder jegliche durch Christus gegebene Wahrheit darstellen. Diese können sich in verschiedenen Sprachen, Buchstaben oder Bildern äußern. Während die Zeichen variabel sind, wird der Inhalt der Heiligen Schrift, also Christus selbst, dadurch nicht verfälscht. Mit diesem Gedanken vertritt Hus offensiv die Interessen der Laien, die über Bilder und volkssprachige Bibeltexte an der Theologie und der Bibel unmittelbar partizipieren wollen. Hus legt hier auch ein leidenschaftliches Plädoyer für Bibeln auf Tschechisch und für tschechische Schriftzeichen ab, Initiativen, denen sich Hus nicht aus kulturellen oder pädagogischen, sondern aus theologischen Gründen verschrieben hatte, weil sie die Erfüllung von Gottes Gesetz ermöglichten.
Wie schon mehrmals angedeutet, steht im Mittelpunkt des Schriftverständnisses von Jan Hus der Begriff der „lex Dei“. Er verwendet ihn synonym zu „sacra scriptura“, und dennoch ist der Kern der Hl. Schrift eben das Gesetz Gottes. Mit der Vorstellung der Heiligen Schrift als Gesetz, und zwar des höchsten und wichtigsten Gesetzes überhaupt, trägt Hus eine gewisse totalitäre Vorstellung in die Schriftauslegung ein, insofern es neben oder gar über dem göttlichen Gesetz kein ernsthaft konkurrierendes Normsystem geben kann. Hus hat den Begriff und die Bedeutung von „lex Dei“ bei Wyclif vorgefunden, der die Schrift ebenfalls als die allein verbindliche religiöse Norm postulierte, dieses aber theologisch differenzierter und systematischer im Sinne einer Hermeneutik herausarbeitete.
Hus hat dem Begriff dagegen eine eigene Zuspitzung als Offenbarungsinhalt und als Spiegel für rechtes moralisches Verhalten generell, als das eigentliche Anliegen aller Predigt und damit des christlichen Lebens an sich gegeben. Die „lex Dei“, die man nur in der Heiligen Schrift findet, inkludiert das natürliche Sittengesetz und überragt jede andere positive Rechtsordnung. Die „lex Dei“ ist im letzten der Wille Gottes, den er als Anspruch an die Welt richtet. Die „lex Dei“ ist nicht nur Schöpfungswirklichkeit, sondern sie zielt auf bewusste Umsetzung. Die Antwort des Menschen auf die Offenbarung ist daher nicht so sehr der Glaube, sondern die Erfüllung von Gottes Gesetz: ein tugendhaftes christliches Leben. (Wiederum könnte man einen Unterschied zum späteren Luther ziehen, im Zentrum dessen Theologie die Rechtfertigung allein aus Glaube ging, ein Thema, das Hus völlig fremd war.)
Christus selbst habe die „lex Dei“ erfüllt, und daher verpflichtet sie alle Menschen. Wäre Hus ein Sozialrevolutionär gewesen, so hätte das göttliche Gesetz auch das politische Leben in die Pflicht genommen, eine Konsequenz, die in der Sache angelegt, aber von Hus nicht weiter verfolgt wurde. Die „lex Dei“ war für ihn in erster Linie die Lebensregel für die Kirche, weniger für die weltlichen Machthaber, mit denen er weitaus milder umging als mit dem Klerus. Und damit komme ich zum zweiten Interessenfeld der Theologie des Jan Hus, der Kirche und der Kirchenreform.
Kirche und Kirchenreform
Seit seiner frühesten Predigttätigkeit, also ab circa 1402, verstand sich Jan Hus als Theologe im Dienst der Kirchenreform. Er teilte diesen Eifer mit zahlreichen Zeitgenossen und stand gerade in Böhmen in einer Reformtradition, deren Anliegen er fortsetzte. Spätmittelalterliche Kirchenreform zielte kaum auf pastoral-strukturelle oder liturgische Veränderungen ab, sondern war in erster Linie an einer Intensivierung des religiösen Lebens und Besserung der Sitten interessiert. Die Reformaufrufe von Hus sind daher häufig konventionell und stereotyp. In endlosen Variationen werden den Zuhörern ihre eigenen Laster und die der anderen vor Augen gestellt und die Tugenden eingefordert. Seine erste Zielgruppe war die tschechischsprachige Bevölkerung Prags. Unter ihnen, seiner Gemeinde, vor der er täglich in der Bethlehmkapelle predigte, fühlte er sich am wohlsten.
Daneben stand der Klerus im Fadenkreuz seiner Reformtheologie. In dem Versuch, die Sitten des Klerus zu heben, setzte auch der Prager Erzbischof Zbyněk Zajíc von Hasenburg, der später zum erbitterten Feind wurde, auf die Überzeugungskraft des jungen Theologen Hus und übertrug ihm die Reformpredigt auf den beiden Prager Diözesansynoden von 1405 und 1407. In diesen wie in zahlreichen anderen seiner Predigten dominieren drei Themen: die Unzucht des Klerus, Besitz und Reichtum des Klerus und die Simonie. Hus ruft den Prager Klerus zunächst auf, Gott zu lieben und die Gemeinschaft mit Christus zu suchen. Der freundlichen Einladung folgen aber schnell die Drohworte: „Niemand, der sich in Todsünde befindet, liebt Gott. Jeder Geistliche, der Unzucht treibt oder direkt im Konkubinat lebt oder durch irgendeine Todsünde entstellt ist, der hasst Gott.“ Scharf verurteilt er das Konkubinat: „Kleriker, die offen im Konkubinat leben, sind offenbare Teufel, und die versteckt vor den Blicken der Menschen huren, sind versteckte Teufel und Zerstörer der Kirche Jesu Christi.“ Unzucht und sexuelle Ausschweifungen stellen für Hus die schlimmste Todsünde dar. Hier spricht er sogar von der „ketzerischen Schar der Hurer“.
Ein weiteres Ziel seiner Kritik ist der besitzende Klerus. In der ihm typischen plastischen Rhetorik stellt Hus den reichen Prager Priestern den armen Jesus gegenüber, den er selbst sprechen lässt: „Ich weine in Lumpen gehüllt, der Klerus vergnügt sich in Purpurgewändern. Ich werde meines Kleides beraubt, er brüstet sich im königlichen Luxus. Ich schwitze Blut im Todeskampf, er genießt das raffinierteste Bad. … Ich schreie ans Kreuz genagelt, er schnarcht im weichen Bett.“ Die Beschimpfung des reichen, selbstgefälligen Klerus geht nahtlos in die Verurteilung der Simonie über. Kritik an simonistischen Praktiken ist mit Abstand das häufigste Thema im Schrifttum des Jan Hus. Eine seiner prägnantesten Schriften, die das gesamte theologische Programm des Jan Hus komprimiert enthält, ist die auf Tschechisch abgefasste Schrift über die Simonie „O svatokupectví“. In diesem Buch von 1413 schreibt er, dass es nur drei Arten von Ketzerei gebe: Abfall vom Gesetz Gottes, Gotteslästerung (hierin erblickt Hus das Wesen des Antichristen) und schließlich die Simonie, die eine Sünde gegen den Heiligen Geist darstellt. Zutiefst angewidert von der Vorstellung, dass für Sakramente und andere geistliche Dienste Geld bezahlt oder gefordert wurde, vergleicht er den simonistischen Klerus mit Judas Iskariot und rückt ihn ins Lager des unersättlichen, geldgierigen Antichristen. Selbst in seinen akademischen Schriften fließen ihm Schimpftiraden gegen simonistische Praktiken aus der Feder. Statt sich um Einkünfte im Überfluss zu kümmern, solle der Klerus zur „lex Dei“ zurückgeführt werden, indem er allen weltlichen Pomp ablege und wie die Apostel das arme Leben Jesu nachahme. Erneut ist es die „lex Dei“, die gerade dem Klerus als die verbindliche Lebensform Jesu und der Urkirche vor Augen gestellt wurde.
Je mehr der Konflikt mit dem Prager Bischof und dann auch mit Papst und Kurie eskalierte, desto stärker wurde die „lex Dei“ als Regulativ und Maßstab auch des Kirchenrechts ins Feld geführt. Für Hus wurde damit der Widerstand gegen eine kirchliche Hierarchie, die Gesetze und Anordnungen erließ, die mit der „lex Dei“ unvereinbar waren, geradezu zur religiösen Pflicht. Ausgehend von der Simoniekritik konnte es nicht ausbleiben, dass auch das Papsttum mehr und mehr zum Ziel der Angriffe des Prager Reformers wurde. Spätestens seit der Verkündigung des Ablasses von 1411, der den Krieg gegen Ladislaus von Neapel finanzieren sollte, war der Papst in den Augen von Hus der schlimmste Simonist in der Kirche. Sein Handeln, das dem Gesetz Gottes diametral zuwider zu laufen schien, war das offenkundige Indiz, dass in Rom der Antichrist herrschte.
Jan Hus trug seine Kleruskritik zunächst ohne tiefere Reflexion über das Wesen von Kirche vor. Erst die Sanktionen gegen ihn – Predigtverbot, Exkommunikation und schließlich Verbannung aus Prag – veranlassten ihn, seine Kritik auf ein entsprechendes ekklesiologisches Fundament zu stellen. Dass der Begriff der Kirche vielschichtig ist und es viele Weisen gibt, ihn zu definieren, teilte Hus mit der gesamten mittelalterlichen Tradition. In seiner Synodalpredigt von 1405 legte er eine dreifache Unterscheidung von Kirche vor: Neben der Bedeutung als Kirchenbau ist „ecclesia“ vor allem die Bezeichnung für eine Ortskirche, so wie man von der „ecclesia Pragensis“ oder der „ecclesia Romana“ spricht. Daneben ist „ecclesia“ aber die Gesamtheit der Erwählten, der mystische Leib Christi. Damals, im Jahr 1405 hatte Hus noch keinen gravierenden Gegensatz zwischen den sichtbaren Ortskirchen und der unsichtbaren Universalkirche gesehen.
In diesem Punkt durchlief seine Ekklesiologie jedoch eine folgenschwere Entwicklung. Im Sinne von John Wyclif verstand Hus die eigentliche Kirche mehr und mehr als die „universitas praedestinatorum“, also die Vereinigung aller, die Gott zum Heil vorherbestimmt hat. Das Kriterium der Kirchengliedschaft war damit nicht mehr Taufe und Glaubensbekenntnis, sondern die eschatologische Entscheidung Gottes, einen Menschen am Ende seines Lebens als Gerechten in die Schar der Heiligen aufzunehmen, ein Kriterium, das allerdings im gegenwärtigen Leben nicht sicher erkannt werden kann. In aller Konsequenz hat Hus diese Ekklesiologie in seinem Spätwerk, dem Traktat über die Kirche „De ecclesia“, ausgearbeitet. Die theoretische Abhandlung über Prädestination und Verwerfung – der Kirche der Prädestinierten entsprach als Gegenpart die „ecclesia malignantium“, „Kirche der Übeltäter“, deren Haupt nicht Christus, sondern der Teufel ist – findet sich allerdings nur in den ersten sechs (von 27) Kapiteln des Traktats. Ab dem siebten Kapitel kommt Hus zielstrebig auf die römische Kirche zu sprechen, die er in Papst und Kardinälen erblickt und deren Ansprüche, Prärogativen und Autorität er mit Verweis auf die unsichtbare Kirche, den mystischen Leib Christi, radikal in Frage stellt. Die Prädestinationsekklesiologie des Jan Hus ist daher, auch wenn sie zahlreiche Gedanken von Augustinus aufgreift, vor allem ein Vehikel der Papstkritik und eine Apologie seines eigenen widerständigen Verhaltens.
Jan Hus sprach der „ecclesia Romana“ jegliche Kompetenz ab, die allgemeine Kirche zu repräsentieren oder disziplinarische Superiorität über andere Kirchen zu beanspruchen. Weder Papst noch Kardinäle seien unfehlbar, und ihre Gesetze, ihre Lebensweise, vor allem ihr pompöser Reichtum seien vielmehr Indizien, dass sie der Kirche des Antichristen angehören, und nicht dem wahren Leib Christi, den sie mit ihren Maßnahmen verfolgen. Die Kritik an der römischen Kirche war somit das Zentrum und eigentliche Anliegen der Ekklesiologie des Jan Hus, nicht die Spekulationen über Prädestination oder Verwerfung. Für Hus gab es klare Zeichen, wo sich die wahre Kirche befinde, nämlich dort, wo die Gebote Gottes befolgt und umgesetzt werden.
Dabei kam dem Vorbild der Urkirche eine entscheidende Rolle zu. Reichtum, Macht, Geldgier seien erst durch Kaiser Konstantin in die Kirche eingedrungen, und auch der päpstliche Primat sei eine Folge der Konstantinischen Schenkung gewesen. Dabei bestritt Hus die päpstliche Autorität nicht grundsätzlich; er knüpfte sie aber an eine Kompatibilität mit dem Gesetz Gottes. Wenn sich der Papst gemäß der „lex Dei“ verhalte, verdiene er Gehorsam, wenn er aber gegen das göttliche Gebote lebe und handle, sei Widerstand gegen ihn geboten. Bernhard Töpfer stellte diesen Grundsatz der Theologie des Hus gut heraus: „Nicht die schwer entscheidbare Frage, ob ein Getaufter zur wahren Kirche der Prädestinierten gehört, steht im Zentrum, sondern die Frage, ob die Angehörigen der kirchlichen Hierarchie vom Priester bis zum Papst gemäß der ‚lex Dei‘ leben und dieser entsprechende Anordnungen erlassen.“
Theologie als Verkündigung: Der Prediger Jan Hus
Blicken wir, nachdem wir uns mit dem Schriftverständnis und Kirchenbegriff von Hus auseinandergesetzt haben, noch kurz auf sein theologisches Selbstverständnis als Prediger. Hus war Prediger mit Leib und Seele, und der Inhalt seiner Predigt war die „lex Dei“. In den 10 Jahren, in denen er an der Bethlehemkapelle angestellt war, predigte er fast täglich, so dass man mit circa 3.000 bis 3.500 Predigten in diesem Zeitraum rechnen muss. Der Stimulus für den Prediger Hus war, Gottes Gesetz zu seinem Recht zu verhelfen. Die Predigt sei die erste Aufgabe eines Priesters und unbedingter Auftrag Gottes, schrieb Hus in seiner Abhandlung „Über die fünf Aufgaben des Priesters“. Aus diesem Grund dominiert in seinen Predigten wie auch in seinen anderen Schriften eine suggestive Rhetorik. Subtile theologische Argumentation hingegen vermied er. Der Prediger, so seine Überzeugung, muss sich derselben klaren Sprache und offenkundigen Plausibilität bedienen, die das Gesetz Gottes selbst auszeichnet. Hus prägte damit eine eigene Verkündigungstheologie, die in aller Regel von einem Schrifttext ausging, der auf seine Leitbegriffe hin befragt, dann rasch entkontextualisiert und auf zeitgenössische Situationen hin aktualisiert wurde. So gelang es ihm, aus fast allen Schriftstellen, auch aus eher unbekannten Episoden der historischen Bücher des AT, das Reformanliegen für die Gegenwart herauszuschälen.
Wie sehr Hus die Predigt als theologischen Auftrag verinnerlicht hat, zeigte sich nach dem Predigtverbot, das ihm 1411 auferlegt wurde. Damals setzte er alles daran, die „Freiheit des Wortes Gottes“ hervorzuheben. Predigt verdankt sich nicht der Erlaubnis kirchlicher Oberer, sondern ist unmittelbarer Auftrag Gottes. Als er 1412 einige Artikel Wyclifs, die von der Universität Prag verurteilt worden waren, verteidigte, wählte er an erster Stelle das Recht der Prediger, das Evangelium zu verkünden, auch wenn sie der kirchlichen Exkommunikation unterliegen. Die Predigt entstammt dem unmittelbaren Antrieb Christi, dem man mehr gehorchen müsse als allen menschlichen Geboten. Priester und Diakone, die dem demütigen Vorbild Christi folgen, besäßen eine besondere Gnadengabe der Gotteserkenntnis und einen „Sinn zur Evangelisierung“. Eine Behinderung der Prediger komme daher dem Versuch gleich, Christus das Wort zu verbieten und die Anstrengungen des Heiligen Geistes zu unterlaufen.
Jan Hus hat den Predigtauftrag als göttliche Verpflichtung so sehr verinnerlicht, dass er vor seinen Richtern in Konstanz jeglichen Widerruf oder jedes Abweichen von seinen Positionen als Verrat an der „lex Dei“ verstanden hätte. Einer hagiographischen Überlieferung zufolge habe er noch unmittelbar vor seiner Hinrichtung das Predigtamt als seine eigentliche Lebensaufgabe beschworen: „Das wichtigste Anliegen meiner Predigt war, die Menschen von der Sünde abzuhalten. In der Wahrheit des Evangeliums, das ich verkündete, bin ich freudig bereit, heute zu sterben.“
Für die Konstanzer Konzilsväter war Jan Hus ein hartnäckiger, verstockter Häretiker, der das hierarchische Gefüge der Kirche im Innersten infrage gestellt hat und wegen seines Ungehorsams einer gerechten Strafe zugeführt wurde. Für seine Anhänger wurde er durch Prozess und Hinrichtung ein Märtyrer für das Evangelium und für die böhmische Kirche. Wie sah er sich selbst? Die Nachstellungen und Prüfungen, gepaart mit dem begeisterten Zuspruch, der ihm von einer geradezu bedingungslos loyalen, allerdings auch gezielt emotionalisierten Anhängerschaft entgegengebracht wurde, müssen ihn in dem Bewusstsein bestärkt haben, ein von Gott berufener Prophet für die Wahrheit des Gesetzes Gottes zu sein, der das Schicksal Christi teilt, ja teilen muss. In seiner radikalen und oft unduldsamen Schroffheit einerseits und andererseits in seiner unbedingten Ausrichtung an Christus, den er vor allem als Wahrheit, weniger als Bruder und Freund verkündete, bleibt Hus ein ambivalenter Charakter. Seine Theologie vermochte es dennoch, einem Zeitgefühl Ausdruck zu geben und Massen zu mobilisieren.