I.
Karl Ludwig zu Guttenberg wurde am 22. Mai 1902 als dritter Sohn und viertes Kind seiner Eltern in Würzburg geboren. Sein Vater Karl Theodor zu Guttenberg starb als Guttenberg zwei Jahre alt war. Nach dem Abitur studierte Karl Ludwig zuerst Jura in Erlangen, nach kurzer Zeit wechselte er nach München und begann dort mit seinem Geschichtsstudium, das er mit einer Dissertation über „Lenin in der deutschen Presse“ in Würzburg abschloss. Kurz vorher, im Jahre 1929, hatte er Therese Benedikta Prinzessin zu Schwarzenberg geheiratet. Das Paar bekam drei Kinder und bewohnte, mit einer kurzen Unterbrechung in Würzburg, die Salzburg bei Bad Neustadt/Saale in Unterfranken. Mein Vater, der eine journalistische Tätigkeit anstrebte, fand mit Hilfe seines Schwiegervaters, des Fürsten Schwarzenberg, eine Stelle im Aufsichtsrat der Münchner Neuesten Nachrichten, der Vorläuferin der heutigen Süddeutschen Zeitung, die zu dieser Zeit, konservativ ausgerichtet, eine der wenigen deutschen Zeitungen war, die bis zur sogenannten „Machtergreifung“ die Nationalsozialisten bekämpfte. Entsprechend hart war die Vergeltung der Nationalsozialisten.
So erlebte Guttenberg, wie die neuen Machthaber mit dem Leben und dem Eigentum ihrer Gegner umgingen, vor allem, wenn sie Juden waren. Mein Vater war Monarchist und bayerischer Föderalist und daher kein Anhänger der Weimarer Republik. Seine geistigen Wurzeln hatte er im Christentum, was ihn dann zusätzlich zu einem Gegner der Nationalsozialisten werden ließ. Obwohl er seitens der Historie dem konservativen Widerstand zugerechnet wird, trifft auf ihn das oft pauschal vertretene Urteil nicht zu, alle Nationalkonservativen seien Steigbügelhalter Hitlers gewesen und ihr Widerstand habe viel zu spät eingesetzt. Ebenso wenig kann für ihn der weitere Vorwurf gelten, dass die Nationalkonservativen anfangs, selbst wenn sie später Widerstand leisteten und sogar ihr Leben dafür einsetzten, Hitlers Machtübernahme zunächst begrüßt hätten.
Guttenberg hatte während der Weimarer Zeit versucht, mit der Zeitschrift Monarchie den Gedanken an die Monarchie als Staatsform wach zu halten. Diese Zeitschrift, die einen Artikel zum Geburtstag des ehemaligen deutschen Kaisers, der im niederländischen Doorn lebte, veröffentlicht hatte, wurde im Januar 1934 beschlagnahmt und verboten. Guttenberg gelang es 1935, die Erlaubnis für eine neue Zeitschrift zu erhalten. Ihr gab er den Titel Weiße Blätter – Monatszeitschrift für Geschichte, Tradition und Staat. Die Weißen Blätter konnten bis März 1943 erscheinen. Diese Zeitschrift sollte Guttenberg den Weg in den eigentlichen Widerstand ebnen.
1942 wurde er nach Berlin ins Oberkommando der Wehrmacht, Amt Ausland Abwehr, berufen. Hier war sein Vorgesetzter Admiral Canaris. Mit Hans von Dohnanyi arbeitete er unter Generalmajor Hans Oster. In dieser Abteilung wurde bekanntlich so lange der Aufstand gegen Hitler geplant, bis es 1943 der Gestapo gelang, Admiral Canarias und Hans Oster auszuschalten und sich nun die Planung auf die Gruppe um Henning von Treskow und Klaus Graf Stauffenberg konzentrierte. In Berlin lernte mein Vater auch Helmut James Graf Moltke kennen und kam so auch in den weiteren Kreis von Kreisau.
Er wurde, im Zuge des misslungenen Attentats auf Hitler am Juli 1944 in Agram, dem heutigen Zagreb, verhaftet und auf Umwegen in das Gefängnis in der Lehrterstraße nach Berlin gebracht. In Verhören gefoltert, ermordete ihn die SS im Auftrag der Gestapo, ohne dass er je einen Prozess gehabt hätte oder sonst verurteilt worden wäre. Damit erlitt er das Schicksal all derer, die entweder in oder für die Abwehr unter Canaris gegen das Regime gearbeitet hatten, wie auch Dietrich Bonhoeffer. Heute erklären Wissenschaftler diese Tatsache mit dem Hinweis darauf, dass die Mitglieder der Abwehr einfach zu viel über die Gräueltaten der Nationalsozialisten wussten. Daher kam ein Prozess nicht in Frage, denn eventuell wäre etwas über dieses Wissen in den Aussagen nach Außen gedrungen. In die Hände der Feinde durften sie auf Grund ihres Wissens aber auch nicht fallen.
Den Leiter, der das Rollkommando gegen meinen Vater befehligte, fand die Polizei erst Anfang der 1970er Jahre in Bonn. Kurt Stawinsky war da schon gestorben. Er hatte völlig unbehelligt unter falschem Namen gelebt. Professor Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, deckte diese Erkenntnisse in seinem Buch Denn ihrer aller wartet der Strick auf.
II.
Wie und warum Guttenberg zum eigentlichen Widerstand stieß verrät der Inhalt der Weißen Blätter. Am Anfang noch schien es Guttenberg darum zu gehen, die Monarchie als Staatsform im Gedächtnis der Leser lebendig zu halten. Doch dann verschob sich dieses Ziel. Das Gedenken an die Monarchie als Staatsform der Vergangenheit diente dazu, die Defizite der Staatsform des Nationalsozialismus in der Gegenwart aufzuzeigen. Man maß die Gegenwart an der Vergangenheit. Das gab die Möglichkeit, eben diese Gegenwart zu kritisieren. Die nationalsozialistischen Pressegesetze machten solche Bestrebungen lebensgefährlich und konnten nur gelingen, weil die Menschen der damaligen Zeit, vor allem, wenn sie mit dem Regime nicht einig waren, sehr gut zwischen den Zeilen Verstecktes lesen und verstehen konnten. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass diese Kritik tief versteckt in anderen, auch nationalsozialistischem Gedankengut gefälligeren Texten sein musste.
Der damals hoch geschätzte christliche Schriftsteller Reinhold Schneider, der aber seit den 1968er Jahren aus der Literaturwelt verschwunden ist, war der wichtigste Autor in den Weißen Blättern. Reinhold Schneider schrieb gern gelesene historische Artikel. Dieser christliche Dichter griff mit seinen Texten in die geistige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Weise ein, dass seine historischen Ausführungen dazu beitrugen, die Gegenwart an der Vergangenheit zu messen. Diese Gegenwart allerdings wurde in Form von Kurzmeldungen festgehalten.
Reinhold Schneider entwarf in einem seiner Texte in den Weißen Blättern beispielsweise ein lebendiges Bild vom idealen König: „Der ideale König „…ist milde und freundlich; Vernunft ist sein Ratgeber, das Gewissen steht neben seinem Thron und hilft ihm, das Recht zu beschützen. Er weiß, dass er die Kirche und die Weisheit schirmen soll. Alles sei sein, erklärt ihm das Gewissen, damit er es verteidige, nichts, damit er es an sich reiße.“ Hitler entsprach dem in keiner Weise, hier waren die Problemfelder des Widerstands deutlich angesprochen. Die Wiederherstellung des Rechts war das oberste Anliegen der Männer und Frauen des 20. Juli 1944. Damit eng verbunden waren oft das Fehlen des Schutzes für die Kirchen und, nennen wir Weisheit einmal Wissenschaft, deren Freiheit. Hitler riss im Sinne der Ideologie des Nationalsozialismus alles an sich.
Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus entstand aus den unterschiedlichsten Betroffenheiten der Menschen, die die unterschiedlichsten Ebenen des menschlichen Lebens beinhalteten. Er war facettenreich. Aber ebenso vielfältig waren dann innerhalb dieser Facetten die Probleme, die sie mit sich brachten.
III.
Das lässt sich gut am Kirchenkampf ablesen. Da war zunächst der politische Kampf gegen die Kirche. Hier zitierte mein Vater Alfred Rosenberg mit dessen Behauptung, dass der Nationalsozialismus an drei Fronten zu kämpfen habe, nämlich „gegen Judentum, Reaktionismus und politischen Katholizismus“. Das Problem für das Regime lag nicht nur in den Massen, die der kirchliche Protest unter Umständen mobilisieren konnte, es galt auch, die geistige Ausrichtung, die Werte, auszuschalten, die die Vereine, Verbände und damit auch die christlichen Gewerkschaften ihren Mitgliedern vermittelten.
Zu dieser Zeit spielte Fortbildung eine völlig andere Rolle als heute. Industrie und Wirtschaft boten auf diesem Gebiet wenig bis gar nichts an, das leisteten die Verbände, Vereine und Gewerkschaften. Sie boten die Möglichkeit, nach einem oft niederen Schulabschluss, sich weiter zu bilden. So hat z. B. Nikolaus Groß seine Bildung in der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) erworben. Die großen sozialdemokratischen Gewerkschafter im Widerstand, Julius Leber und Wilhelm Leuschner, haben ihre Weiterbildung in ihren weltlichen Gewerkschaften erhalten. Die Nationalsozialisten aber wollten weder bewusste Christen noch selbstbewusste Demokraten haben, sondern die Menschen nach ihren Vorstellungen prägen. So sind die Weißen Blätter in den Kurznachrichten voll von Berichten über aufgelöste oder gleichgeschaltete christliche Verbände und Vereine, beschlagnahmte und verbotene Zeitschriften. Dort war zu lesen, dass in Bayern von den anderthalb tausend klösterlichen Volksschullehrerinnen 1250 abgebaut und die 100 klösterlichen höheren Schulen entweder beseitigt oder stufenweise umgestaltet wurden. Das Gleiche gelte für die klösterlichen dreiklassigen Mittelschulen.
Dass nicht nur Soldaten Schwierigkeiten mit dem Eid auf den Führer hatten, beweisen die Berichte über Probleme von Christen im Staatsdienst. So entzog der württembergische Kultusminister sämtlichen katholischen und evangelischen Geistlichen, die wegen Unterrichtserteilung an öffentlichen Schulen das Treuegelöbnis auf den Führer abzulegen hatten und das nicht oder nur unter Vorbehalt tun wollten, den Religionsunterricht und beauftragte staatliche Lehrer , „da es einen Eid mit Vorbehalten nicht geben könne, wer glaubt, einen Eid nicht halten zu können, muß seinen Dienst aufgeben.“
Natürlich berichteten die Weißen Blätter über die Verhaftungen von Geistlichen wegen scheinbarer Devisenvergehen. Man kann in den Weißen Blättern nachlesen, dass „das Sondergericht München einen Kapuzinerpater aus Immenstadt wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz zu sechs Monaten Gefängnis (verurteilte), weil er in Volksmissionspredigten die verleumderische Behauptung aufgestellt hatte, dass es „mit Kraft durch Freude auch nicht zum besten bestellt sei“, da die Leute dadurch den Sonntagsgottesdienst versäumten und „ihre Kraft durch Freude verbrauchten“. Die Urteilsbegründung lautete: „Diese Äußerungen wurden als geeignet angesehen, das Ansehen einer staatlichen Einrichtung, die sich in den breiten Massen des Volkes größter Beliebtheit und im Ausland uneingeschränkter Anerkennung erfreut, zu schädigen.“
Der Kirchenkampf betraf nicht nur die politische Ebene. Er war auch eine geistesgeschichtliche Kampfansage: das Christentum sollte von der nationalsozialistisch rassistisch geprägten Ideologie abgelöst werden. Auch dieser Kampf fand unter verschiedenen Aspekten statt. Guttenberg schrieb einmal an Reinhold Schneider, für ihn würden alle Probleme, tief durchdacht zu religiösen Problemen. So war es für ihn keine Schwierigkeit, auch die geistige Auseinandersetzung aufzunehmen. Die Auseinandersetzung zwischen Ferdinand Freiherrn von Lüninck, dem Oberpräsidenten von Westfalen und Bischof Clemens August Graf von Galen wegen des Auftritts des NS-Ideologen Alfred Rosenberg, des Verfassers von Mythus des 20. Jahrhunderts, fand ausführlich Eingang in die Kurzmeldungen, ebenso die Anfeindungen gegen die Enzyklika Mit brennender Sorge: „Der deutsche Botschafter am Vatikan hat im Auftrag der Reichsregierung dem Kardinalstaatssekretär eine Note überreicht, die gegen die Ausführungen der päpstlichen Enzyklika vom 14. März schärfste Verwahrung einlegt.“
Die Enzyklika die Papst Pius XI. unter der Federführung Eugenio Pacelli, des späteren Pius XII., setzte sich auch mit der Rassenfrage auseinander und erregte in Deutschland das größte Missfallen der Machthaber. Die Nationalsozialisten ließen nichts unversucht, um zu verhindern, dass das Schreiben des Papstes, wie das bei Enzykliken üblich war, in den Kirchen von der Kanzel verlesen wurde. Einen Monat später hieß es in den Weißen Blättern: „Reichsinnenminister Frick erklärte in Bremen: „Wir haben nun genug von Hirtenbriefen und wollen keine Hirtenbriefe und Enzykliken mehr.“ Im Januarheft 1940 verwies Guttenberg auf die Weihnachtsansprache des Papstes: „In einer Weihnachtsansprache an das Kardinalskollegium spricht der Papst über die Sicherung der Lebensrechte aller Nationen als Voraussetzung für einen gerechten Frieden.“
Das alles klingt heute verklausuliert, war aber den damals Lebenden durchaus vertraut und entschlüsselbar. Dass der Nationalsozialismus tatsächlich eine Gefahr für den Glauben darstellte, bewies ein Zitat aus einer Rede Baldur von Schirachs: „Man sagt, die Hitlerjugend sei religionsfeindlich und wolle die Altäre einreißen. Ich weiß und bekenne mit der ganzen deutschen Jugend nur das eine: wer Adolf Hitler liebt, der liebt Deutschland und wer Deutschland liebt, der liebt Gott.“
IV.
All diese Meldungen fanden auch im privaten Leben Guttenbergs ihren Niederschlag: 1937 lehnte Guttenberg die ihm angetragene Aufnahme in die Partei in einem Brief an den Kreisleiter von Bad Neustadt mit folgender Begründung ab: „Art und Form, mit welcher religiöse und kirchliche Fragen innerhalb der Partei zeitweise behandelt und zu lösen versucht werden, lassen sich aber mit meinem Empfinden so schwer in Einklang bringen, daß ich ein ersprießliches Wirken für meine Person in der Partei selbst zur Zeit noch nicht zu sehen vermag“, so zitierte U. Cartarsius in seinem Buch Opposition gegen Hitler. Deutscher Widerstand. 1933-1945 den Brief meines Vaters.
Guttenberg erkannte, dass im Hitlerkult nichts Geringeres stattfand als der Versuch, mit der eigenen Ideologie die christliche Religion auszuhebeln. Wie das bei den nationalsozialistischen Protestanten, den Deutschen Christen, aussah, machte diese kurze Notiz in den Weißen Blättern deutlich: „Auf einer Berliner Versammlung der Deutschen Christen erklärte Pfarrer Tausch, die Deutschen Christen wollten wohl das reformatorische Werk Martin Luthers, aber mit demselben Recht und Rang die von Adolf Hitler verkündete frohe Botschaft von Rasse, Boden und Blut. Pfarrer Steiger sagte, daß Gott mit der Welt nunmehr einen dritten Bund geschlossen habe durch seinen Gottesknecht welcher im Schützengraben und in aller Armut die Bedrängnis der Welt getragen und damit aus sich heraus eine neue Einheit gesetzt habe; das deutsche Volk werde als Gottesgebärer das in Wahrheit ausgewählte Volk des neuen Äons sein.“
Der nationalsozialistische Vorwurf, das jüdisch-römisch orientierte Christentum habe das ursprünglich tatkräftige und wertvolle Germanentum zerstört und verweichlicht, führte auch innerhalb der evangelischen und katholischen Christenheit zu Stellungnahmen. In den Weißen Blättern finden wir eine Diskussion zwischen den Autoren Erich Müller-Gangloff und Reinhold Schneider über die Frage, ob das Christentum eine Religion des Leidens oder der Tat sei. Für den evangelischen Christen Müller ist das Christentum eine tatkräftige Religion, da sie letztlich auf Paulus fußt. Der Katholik Schneider hingegen führt an, dass sie, in deren Zentrum das Opfer Christi steht, eine Religion des Leidens sei.
Diese Diskussion war nicht ungefährlich. Das beweist das Schicksal des Münchner Historikers Hermann Oncken. Onckens ehemaliger Schüler Anton Ritthaler gehörte von Anfang an dem Redaktionsstab der Weißen Blätter an. Als ein anderer Schüler Onckens – Walter Franke – diesen angriff, setzte sich Anton Ritthaler in den Weißen Blättern für seinen alten Lehrer ein. Hermann Oncken versuchte die hemmungslose Begeisterung der Nationalsozialisten für die germanische Vergangenheit der Deutschen und die damit verbundenen Geschichtsklitterungen etwas einzudämmen. Im Augustheft 1934 veröffentlichen die Weißen Blätter in ihrer Rubrik ‚Stimmen und Urteile’, Auszüge aus einem Artikel des Historikers Hermann Oncken. Damit beteiligten sich die Weißen Blätter, wie in den kommenden Jahren, an einer im Allgemeinen nicht ungefährlichen Diskussion, die den nationalsozialistischen Umgang mit den Wissenschaften beleuchtete.
Oncken hatte sich in einem Zeitungsbeitrag mit der Entwicklung des Geschichtsbildes im neuen Deutschland auseinandergesetzt. Er forderte Behutsamkeit im Umgang mit der Vergangenheit. So sei das deutsche Volkstum nun zum vornehmsten Gegenstande der Geschichtsbetrachtungen geworden und diese stärkere Belichtung würde mit Verdunkelung anderer Gegenstände erkauft, ein Vorgang, der durchaus ethische Wertungen gefährde. Oncken bemühte sich in dem Zeitungsartikel, als liberaler und nationaler Historiker, Rankes Ideal der Objektivität wieder zur Geltung zu bringen. Sein Schüler Walter Frank hatte schon vor 1933 unter dem Decknamen Werner Fiedler mit seinen Angriffen gegen Oncken begonnen, den er 1935 als Vertreter einer „durch die Gegenwartserfordernisse überholte, weil lebensuntüchtige Geschichtswissenschaft“ abqualifizierte.
In einem Artikel im Völkischen Beobachter vom 3. Februar 1935 hatte Frank gefordert, dass „… die Zeitgebundenheit ja gerade die erste Voraussetzung einer Mitwirkung des Historikers an den Schicksalen der Nation (sei), jener objektive Standpunkt aber müsse mit der Relativierung aller Werte erkauft werden.“ Diese Vorstellung, die Ziele der Nationalsozialisten müssten auch unter „Relativierung aller Werte“ erkauft werden, lässt sich anhand der Kurznachrichten auch in anderen Bereichen verfolgen. Oncken verlor seine Professur an der Münchner Universität.
V.
Das dritte Beispiel, wie die Kurzmeldungen die Übergriffe der Nationalsozialisten in die Rechte der Bürger herausstellten, betrifft die so genannte „jüdischen Frage“. Schon vor der wortwörtlichen Veröffentlichung der Rassengesetze, der Aberkennung ihrer akademischen Titel, der Berufsverbote bis hin zu dem Verbot für Juden in Österreich, Trachtenkleidung wie Dirndl tragen zu dürfen, finden wir eine große Anzahl der fortlaufenden, diskriminierenden Einschränkungen, die der Nationalsozialismus den Juden auferlegte. Es dürfte stimmen, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung nichts oder nur wenig vom Holocaust wusste. Aber das war die Spitze des Eisbergs und man sollte sich nicht dahinter verstecken. Alles was dorthin führte, konnte man wissen, wenn man sich Mühe gab, den Nächsten wahrzunehmen.
Reinhold Schneider sollte Jahre später in seinem Buch Verhüllter Tag das Anliegen der Zeitschrift so umschreiben: „Der Zweck war, Menschen zu verbinden, wenn möglich ein Wort zur Zeit zu sagen und geistig – religiöse Grundlagen zu vertiefen und zu erneuern.“
Guttenberg und Schneider wollten zusätzlich neben der Information auch Orientierung geben.
In den Weißen Blättern veröffentlichten nicht nur Dichter, die den Nationalsozialisten missliebig waren und später der inneren Emigration zugerechnet wurden. Da die Ökumene Guttenberg ein großes Anliegen war, finden wir unter den Autoren der Zeitschrift neben Reinhold Schneider und Werner Bergengruen auch Rudolf Alexander Schröder und Jochen Klepper. Aber auch spätere Widerständler veröffentlichten in der Zeitschrift, so der ehemalige Botschafter Ulrich von Hassel. Er stellte über Generaloberst Ludwig Beck die Verbindung zu Admiral Canaris her, Guttenberg wurde – wie oben schon erwähnt – als Sonderführer ins Oberkommando der Wehrmacht in das Amt Abwehr berufen und kam so in engeren Kontakt mit dem Widerstand.
In der Abwehr stellte mein Vater mit Justus Delbrück unter Anleitung von Hans Oster und der Federführung von Hans von Dohnanyi die später so genannten Zossener Akten her. Oft mit den Namen der Zeugen verbunden, wurden hier minutiös die Rechtsbrüche und Gräueltaten der Nazis aufgezeichnet und gesammelt. Dohnanyi hatte mit dieser Arbeit schon während seiner Zeit im Justizministerium in Leipzig begonnen. Später verlangte der Militär Oster, dass diese Akten vernichtet werden sollten: dem Feind, den Nazis, sollten sie nicht in die Hände fallen. Delbrück und Dohnanyi, die Juristen. bewahrten die Akten auf, weil sie nach dem Krieg Material gegen die zu verurteilenden Nationalsozialisten in der Hand haben wollten. Auch Guttenberg – als Historiker – sah hier wichtige Quellen für die Nachwelt. Die Akten blieben erhalten. Als sie im Herbst 1944 dann doch in die Hände der Gestapo gerieten, setzte allerdings – genau wie es Oster befürchtet hatte – eine neue Verhaftungswelle ein, die sogar zu Todesurteilen führte. In Berlin entwickelte sich aus der neuen Bekanntschaft mit Helmut James Graf Moltke auch eine echte Freundschaft. Guttenberg gehörte so bald zum Kreisauer Kreis.
Guttenbergs Rolle im Widerstand war die eines Netzwerkers. Die Herausgabe der Weißen Blätter erforderte persönliche Kontakte zu Lesern und Autoren, Das war mit häufigen Reisen verbunden, die wegen seiner Position im Oberkommando nicht auffielen. Diesem wichtigen Punkt im Aufbau des Widerstands dienten zum einen Goerdeler, aber auch die Gewerkschafter Julius Leber und Wilhelm Leuschner: Guttenberg verfügte zusätzlich über freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen nach Süddeutschland, Österreich und das heutige Tschechien. Er brachte Carl Friedrich Goerdeler und Ulrich von Hassel zusammen. Er organisierte ein Treffen zwischen den Jungen und den Alten im Widerstand. Er stellte über Pater Augustin Rösch die Verbindung zu den Jesuiten für den Kreisauer Kreis her. Die Jesuiten waren die ausgewiesenen Kenner der katholischen Soziallehre. Helmuth James Graf Moltke und der Kreis um ihn wollten auch die Gewerkschaften in ihre Planung einbinden.
Guttenberg brachte auch einige Male Nachrichten von Helmuth James Graf Moltke zum Bischof von Berlin, Konrad Graf von Preysing. Der Besuch des katholischen Bayern erregte in den Augen der Geheimen Staatspolizei weniger Verdacht, als wenn der Preuße und Protestant Helmuth James Graf Moltke selbst ins bischöfliche Palais gegangen wäre.
Das Netz der unterschiedlichen Gegner des Nationalsozialismus zeigt die Vielfalt der Gründe des Einzelnen, Widerstand zu leisten. Dieses Netz war aber für den Einzelnen auch von unverzichtbarer Tragkraft. Einst festverwurzelt in ihren Institutionen und vertraut mit deren Werten, sprengten sie für sich die Grenzen zwischen diesen einzelnen Grupperungen und bildeten neue Kreise. Das „Schubladendenken“ der damaligen Zeit darf nicht unterschätzt werden, sonst nimmt man dem Widerstand eine seiner wichtigsten Eigenschaften. Hier trafen Grundbesitzer und Industrielle mit Gewerkschaftern aufeinander, Aristokraten mit Sozialisten und Kommunisten, Katholiken mit Protestanten sowie Preußen mit Bayern und freundeten sich sogar an, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen: die „Wiederherstellung der Majestät des Rechts“. Sie alle zusammen prägten damals das Gesicht des Widerstands und standen für seinen Facettenreichtum, den heute viele nicht mehr sehen wollen. Den Widerstand leisteten nicht einzelne herausragende Helden, sondern sie waren eingebettet in ein Netz von Mitstreitern, die sie stützten und damit ihre Ursprungsinstitutionen ersetzten und deren Aufgabe übernahmen. Für die nächsten Generationen gilt – auch bezogen auf den Widerstand gegen das NS-Regime –, wie bei fast allen Situationen unsers Lebens, Brechts resignierender Feststellung entgegen zu wirken:
„Denn die einen sind im Dunklen
Und die andern sind im Licht
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunklen sieht man nicht.“