Neue Perspektiven durch eine hochschulische Pflegebildung

As part of the event "Who will take care of us?", 10.11.2015

Die Pflegebildung erlebt derzeit eine dynamische Entwicklung. Unter dem Stichwort Generalistik wird über die Zusammenführung der drei bisherigen Ausbildungen, Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie Altenpflege, zu einer Ausbildung diskutiert, und das Pflegestudium wird mit dem neuen Pflegeberufegesetz zum Normalfall, wenn auch nicht zum Regelfall.

Dieser Wandel wird angeregt durch die veränderten und wachsenden Anforderungen im Gesundheitswesen, durch den Mangel an qualifizierten Bewerbern in den Pflegeberufen und die notwendige Anschlussfähigkeit der Ausbildung an europäische Standards.

Während in der Diskussion zum neuen Pflegeberufegesetz über die Generalistik gestritten wird, findet der zweite Teil des geplanten Gesetzes nur geringe Beachtung, obwohl es aus Sicht der Hochschulen ein Meilenstein ist.

 

Pflegestudium – Vom Modell zur Normalität

 

Pflegebezogene Studiengänge haben in Deutschland eine mehr als fünfzigjährige Tradition. Beginnend mit dem Jahr 1963, in dem an der Berliner Charité ein Studiengang Medizinpädagogik und Diplomkrankenpflege startete, folgten in den 1990er Jahren die Diplomstudiengänge Pflegemanagement und Pflegepädagogik. Diese beiden Studienrichtungen mit ihrer Ausrichtung auf Management- und Lehrfunktionen sind auch heute noch an Hochschulen zu finden, inzwischen als Bachelor- und Masterangebote.

Die Dominanz dieser pflegebezogenen Studiengänge führt bis heute dazu, dass ein Pflegestudium als Ausstieg aus der „eigentlichen Pflege“, das heißt vom Umgang mit Patienten/Bewohnern, verstanden wird. Kritiker eines Pflegestudiums sprechen sogar von einer „Akademisierung als Bettflucht“ und argumentieren, dass dies keine Lösung des Personalmangels sein könne, da man schließlich mehr „Indianer und weniger Häuptlinge“ brauche. Mit dieser pauschalisierenden Sichtweise haben es auch die Studiengänge schwer, die seit dem Jahr 2004 als Modellprojekte starteten und explizit für die Versorgung am „point of care“ qualifizieren, also beispielsweise für eine patienten- und bewohnerbezogene Tätigkeit im Krankenhaus, Altenheim oder in der häuslichen Umgebung. Diese Studiengänge wurden und werden meist in Kooperation mit Berufsfachschulen entwickelt.

Wegen der nicht vollständig kompatiblen berufe- und hochschulrechtlichen Anforderungen kamen kreative Lösungen zur Organisationform auf. So ist beispielsweise von dualen, berufsintegrierenden, praxisintegrierenden, additiven, berufsqualifizierenden, teil-integrierten, vollständig integrierten und ausbildungsintegrierenden Studiengängen die Rede. Die Konzepte unterscheiden sich im Hinblick auf die Verantwortung für die einzelnen Lernorte (Praxis, Hochschule und/oder Berufsfachhochschule) und die Dauer (3,5 bis 4,5 Jahre). Gemeinsamer Nenner ist, dass die Inhalte der Berufsausbildung (Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und/oder Altenpflege) mit einem hochschulischen Abschluss (Bachelor) verbunden sind und dass durch das Studium ein vertieftes und verbreitertes Kompetenzprofil erworben werden.

Derzeit sind knapp 50 solcher Pflegestudiengänge bevorzugt an (Fach-)Hochschulen am Start, mit zunehmender Tendenz. Die hochschulische Pflegebildung, oft mit dem unscharfen Begriff der „Akademisierung“ beschrieben, ist dabei nicht Selbstzweck für die Hochschulen, sondern begründet sich insbesondere in einem Wandel der Anforderungen im Handlungsfeld Pflege.

 

Anforderungswandel in den Pflegeberufen

 

Der Wissenschaftsrat hat im Jahr 2012 eine Quote an hochschulisch gebildeten Fachkräften im Gesundheitswesen von 10 bis 20 Prozent empfohlen. Von diesem Anspruch sind die Pflegeberufe mit einer derzeitigen Quote von 0,3 Prozent weit entfernt. Bei einem, Fortbestand der bisherigen Studienplätze ist die Quote von 10 bis 20 Prozent in diesem Jahrhundert nicht mehr erreichbar. Die Forderung der Wissenschaftsrates zu einem Ausbau der hochschulischen Pflegebildung, der sich viele medizinische und pflegerische Fachverbände angeschlossen haben, begründen sich in den veränderten quantitativen und qualitativen Anforderung des Gesundheitswesens.

Das Erkrankungsspektrum wandelt sich, der medizinisch-technische Fortschritt steigt, und die Anzahl der Akteure und Einrichtungen ebenso. Mehr denn je sind ethische Kompetenzen notwendig, um bei schwierigen ethischen Entscheidungen beispielsweise mit anderen Berufsgruppen, Angehörigen und nicht zuletzt den Patienten selbst beraten, begleiten und Entscheidungen mit umsetzen zu können. An die Stelle einer rein somatischen Heilung („Cure“) treten bei Zunahme der Hochaltrigkeit und chronischer Erkrankungen vermehrt Versorgungskonzepte, die Autonomie, Teilhabe und eine hohe Lebensqualität („Care“) fördern. Gleichzeitig werden mit dem Anspruch an eine starke Partizipation der Patienten und Bewohner neue Anforderungen an die Aufklärung, Beratung und Therapieplanung gestellt. Es werden verstärkt Forschungskompetenzen benötigt, um wissenschaftliche Evidenz zu finden, zu bewerten und in die Praxis zu bringen.

Im Jahr 2011 kam ein Lancet-Report zur globalen Bildung der Health Professionals zu dem Ergebnis, dass es eine fehlende Passung zwischen diesen Anforderungen und den derzeitigen Bildungssystemen und Bildungsinhalten gibt. Ein Pflegestudium bahnt genau die Kompetenzen an, die notwendig sind, um die veränderten Anforderungen besser bewältigen zu können. Gleichzeitig erhöht ein Studium auch die Berufsfähigkeit in vielen europäischen Länder, in denen ein Bachelorstudium schon eine lange Tradition hat. Ein Pflegestudium erweitert die Karrierechance für Pflegende bis hin zur Promotion und trägt damit auch zur Bildungsgerechtigkeit gegenüber anderen Professionen bei. Weiterhin erhöht es den Zustrom in den Pflegeberufe und verbessert das Image der Pflege.

 

Intendierte Kompetenzen des Pflegestudiums

 

Trotz der großen Vielfalt an Kooperationsmodellen besteht hinsichtlich der intendierten Kompetenzen Einigkeit. Mit dem Pflegestudium soll wissenschaftliches Wissen vermehrt in die Praxis kommen und der Aufbau von Forschungsstrukturen gefördert werden. Ausgestattet mit stärkerem theoretischem Wissen auch in den Bezugswissenschaften sind Studierende in der Lage, die individuelle Ansprüchen des Patienten/Bewohners stärker zu reflektieren, um so ein angemessenes Arbeitsbündnis aufbauen zu können. Kirchliche Hochschulen haben den besonderen Auftrag, die ethische Entscheidungskompetenz der Studierenden zu fördern, mit denen sich Studierende beispielsweise in die klinische Ethikberatung einbringen und Patienten und Angehörige bei schwierigen Entscheidungen beraten können.

Durch das Hochschulstudium soll der interprofessionelle Dialog gefördert werden. Damit werden vielfältige Forderungen des Sachverständigenrates im Gesundheitswesen und des Wissenschaftsrates umgesetzt, die anmahnen, dass zur Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen Fachwissen aus allen Professionen zusammengeführt werden muss und die gleichberechtigte Kooperation verstärkt werden sollte. Wenn Pflegende stärker als bisher Patienten durch das komplexe Gesundheitssystem lotsen sollen, dann sind auch umfangreiche Kenntnisse der sozialgesetzgeberischen Grundlagen und der Organisation des Gesundheitswesens notwendig. Auch diese Aspekte sind bundesweit Inhalte des Pflegestudiums.

 

Mehrwert des Pflegestudiums

 

Werden diese Kompetenzziele aber auch erreicht? Antworten ermöglichen die für alle Modellstudiengänge verpflichtenden Evaluationen und eine Vielzahl externer Evaluationen der Pflegestudiengänge. Diese zeigen, dass durch das Pflegestudium erweiterte Kompetenzen aufgebaut werden, die in der klassischen Berufsausbildung nur unzureichend gefördert werden. Dass davon auch die Patienten profitieren, belegen umfangreiche methodisch hochwertige Studien aus anderen Ländern. Mit einer steigenden Quote an hochschulisch gebildeten Pflegekräften sinkt das Risiko für Komplikationen (zum Beispiel Druckgeschwüre, Infektionen). Im Rahmen der Evaluation der Modellstudiengänge in Nordrhein-Westfalen, die in Kooperation zwischen der Universität Bremen und der Katholischen Stiftungsfachhochschule durchgeführt wurden, konnten wir zeigen, dass gerade bei komplexen und schwierigen Fällen, die nicht durch Routinen gelöst werden können, Pflegestudierende sehr personenorientiert die Anforderungen lösen und so zu einer höheren Patientenzufriedenheit und Lebensqualität beitragen. Neben der Vertiefung der Kompetenzen ermöglichen einige Studienstandorte auch die Verbreiterung der Kompetenzen, so werden beispielsweise an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München die Studierenden auch als gerontopsychiatrische Fachkraft und als Praxisanleiter im Sinne des Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes anerkannt.

Gleichzeitig, und das verwundert in Anbetracht des dargestellten Mehrwertes, fällt es Personen ohne Hochschulstudium schwer, die Notwendigkeit der Akademisierung zu erklären oder den Mehrwert des Studiums in Worte zu fassen. Es bedarf offensichtlich eines hochschulischen Blicks, um zu erkennen, wo der besondere Nutzen liegt. Eine Bewertung des Mehrwertes ist auch deshalb erschwert, weil die Kontaktmöglichkeiten mit Absolventen des Pflegestudiengang sehr gering sind. Den bisher knapp 6.500 Absolventen stehen knapp zwei Millionen Pflegende mit klassischer beruflicher Bildung gegenüber. Für die berufliche Einmündung erscheint es wichtig, deutlich zu machen, dass der Ausbau der hochschulischen Bildungsmöglichkeiten nicht die Verdrängung der Ausbildung bedeutet, sondern dass es sich um eine für die Versorgung der Patienten und Bewohner notwendige Kompetenzerweiterung handelt.

 

Chancen und Risken durch das neue Pflegeberufegesetz

 

Es ist auch aus Patientensicht ein Erfolg, dass mit dem geplanten Pflegeberufegesetz das Pflegestudium nun endlich zum Normalfall wird. Das Gesetz ermöglicht eine vollständige Integration der Inhalte der Pflegeausbildung in das Studium und stärkt die Verantwortung der Hochschule für die Pflegeausbildung in der Praxis. Die dazu dringend benötigte professorale Ausstattung ist eine der großen Aufgaben, die in den nächsten Monaten zu lösen ist.

Eine weitere Hürde ist die noch immer unzureichende Anzahl an finanzierten Studienplätzen, die für die Wirkung in der Breite und die berufliche Einmündung so wichtig sind. Zwar gibt es innovative Ansätze, die akademischen Fachkräfte zunächst in einem Handlungsfeld zu bündeln und deren Kompetenzen auch in der Ausbildung zu nutzen (zum Beispiel in dem Projekt „Wohnbereich für akademische Ausbildung“ (WABIA) in Garching), aber es bedarf einer „kritischen Masse“ an Studienabsolventen, damit die Wirkung nicht nur in Evaluationsstudien, sondern in der täglichen Praxis deutlich wird.

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