Vom Sein zum Werden

Harald Lesch und Wilhelm Vossenkuhl zu Schellings Naturbegriff

As part of the event "Vom Sein zum Werden", 11.11.2025

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Zum 250. Geburtstag von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling widmete sich die Katholische Akademie in Bayern in Kooperation mit der Görres-Gesellschaft am Abend des 11. November 2025 einem Denker, der lange als historisch abgehakt galt – und sich doch als überraschend gegenwärtig erweist. Unter dem Titel Vom Sein zum Werden diskutierten Prof. Dr. Harald Lesch, Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Prof. Dr. Wilhelm Vossenkuhl, Professor em. für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Schellings Naturbegriff im Horizont heutiger Naturwissenschaft, Ökologie und Anthropozän-Debatte.

Harald Lesch machte gleich zu Beginn in seinem Impulsvortrag deutlich, warum Schelling als Naturwissenschaftler bis heute provoziert: Er widersetzt sich einem rein reduktionistischen Weltbild. Nicht die Summe der Einzelteile erkläre die Natur, sondern das Zusammenspiel von Teilen und Rahmenbedingungen. Prozesse, Felder, Wechselwirkungen – was in der modernen Physik als Selbstorganisation, Nicht-Gleichgewicht oder Komplexität diskutiert wird, sei bei Schelling bereits angelegt. Natur erscheine nicht als statische Substanz, sondern als dynamisches Geschehen, in dem aus Instabilitäten Ordnung entsteht. „Aus Substanzen werden Prozesse, aus Raum wird Zeit“, so Leschs Diagnose.

Besonders anschlussfähig wurde Schellings Denken dort, wo Lesch die großen Entstehungsgeschichten der Natur entfaltete: die Evolution des Kosmos, die Entwicklung der Erde, das fragile Zusammenspiel von Atmosphäre, Klima und Leben. Naturgesetze seien zwar zeitlos formuliert, doch die Welt, die sie hervorbringen, sei irreversibel. Der Zeitpfeil sei „eingepreist“. Genau hier liege die ökologische Brisanz: Wer Natur nur technisch beherrschen wolle, übersehe ihre Prozesshaftigkeit – und ihre Kipppunkte.

Diesen Gedanken griff Wilhelm Vossenkuhl philosophisch auf. Schellings entscheidende Umkehrung laute nicht „vom Sein zum Werden“, sondern umgekehrt: Wirklichkeit ist zunächst unbestimmt, offen, anfangslos – und wird erst im Prozess konkret. Denken komme dabei nicht nachträglich hinzu, sondern sei Voraussetzung von Erkenntnis. Schellings durchaus umstrittener Vorrang des a priori erscheine aus heutiger Sicht weniger naiv als oft behauptet: Auch moderne Wissenschaft operiere mit theoretischen Vorentscheidungen, lange bevor gemessen werde.

Beide Diskutanten verband die Kritik an einer zersplitterten Naturauffassung. Physik, Chemie, Biologie und Sozialwissenschaften behandelten Teilaspekte – doch ökologische Krisen machten sichtbar, dass Natur als Ganzes zurückschlage. Lesch warnte eindringlich vor der Illusion technischer Allmachtslösungen, etwa beim CO₂-Entzug aus der Atmosphäre. Entscheidend seien naturbasierte, langfristige Strategien – und ein Denken, das Wechselwirkungen ernst nimmt.

Der Abend zeigte Schelling als einen Denker der großen Zusammenhänge: als frühen Kritiker des mechanistischen Weltbildes und als philosophischen Begleiter einer Wissenschaft, die heute wieder lernt, vom Werden her zu denken.

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