Die gotischen Kirchen der Bettelorden in Regensburg

As part of the event "800 Years of Dominicans - Regensburg", 18.06.2016

shutterstock

Die beiden großen Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner sind gleichzeitig im frühen 13. Jahrhundert entstanden. Die Parallelität ihrer Geschichte lässt sich an den gotischen Kirchen ablesen, die beide Orden erbauten. Regensburg weist zwei besonders gut erhaltene Beispiele der Bettelordensgotik auf. Was sie in besonderer Weise auszeichnet, soll uns im Folgenden beschäftigen.

 

I.

 

Aus der Vielzahl der heute noch erhaltenen Dominikaner-und Franziskanerkirchen lässt sich die große Wirkung der beiden Orden erkennen, mit denen sie das kulturelle Leben der Städte in Europa seit Gründung ihrer Orden revolutionierten. Im Unterschied zu Benediktinern und Zisterziensern, die für ihr monastisches Leben die Einsamkeit in der Natur suchten, widmeten sich Dominikaner und Franziskaner der Missionierung der Stadtbevölkerung, auf deren milde Gaben sie als Bettelorden angewiesen waren. Die seit circa 1225/30 errichteten Kirchen entstanden zu einer Zeit, die man der Hochgotik zurechnet. Die Ordenskirchen belegen, dass die technischen und künstlerischen Errungenschaften der Hochgotik keineswegs spurlos an ihnen vorübergegangen waren, wie man aus vielen Details der Gestaltung erkennen kann. Dennoch suchten sie die Differenz zu den ambitiösen Kathedralbauten, an denen die Prinzipien gotischer Architektur entwickelt wurden, und verzichteten auf vieles, was eine Kathedrale ausmacht – auf ein Querhaus, einen Chorumgang, ein Triforium, ja sogar, wie im Falle der Minoritenkirche, Gewölbe im Langhaus.

Beide Orden waren Gründungen eines Ordensheiligen. Der aus Kastilien stammende Dominikus erhielt 1216 von Papst Honorius III. die Zustimmung, einen Orden zu begründen, der sich vornehmlich dem Kampf gegen die Häresie widmen sollte. Dies setzte einen hohen Bildungsgrad der Priestermönche nicht nur in theologischer Hinsicht voraus. Der hohe Grad an Wissenschaftlichkeit lässt sich daran ermessen, dass kein geringerer als Aristoteles die philosophische Richtung vorgab. Der zwei Jahre auch in Regensburg als Bischof wirkende Albertus Magnus hatte Aristoteles für die abendländische Scholastik wiederentdeckt, sein Schüler Thomas von Aquin hat seine eigene, auf Empirie beruhende Erschließung des Universums auf Aristoteles aufgebaut.

1223, nur sieben Jahre später, wurde von Papst Honorius III. auch Franziskus aus Assisi erlaubt, einen eigenen Orden zu begründen. Im Unterschied zu Dominikus vertrat Franziskus der Bildung gegenüber eine eher skeptische Position. Erst die nachfolgende Generation erschloss in der Persönlichkeit des Bonaventura ein eigenes theologisches Bildungsgebäude, das stark von der Mystik geprägt war. Theologisch waren die Franziskaner an Augustinus ausgerichtet, der seine Philosophie auf Platon gegründet sah.

Die einerseits ähnlich vom Ideal der apostolischen Armut geprägten Dominikus und Franziskus begegneten einander 1215 in Rom, wo sie am Vierten Lateranischen Konzil teilnahmen, mit dem Papst Innozenz III. der römischen Kirche des Hochmittelalters ihre dogmatische Ausrichtung verlieh – man denke nur an das Dogma der Transsubstantiation. Wir werden erfahren, dass gerade dieses Dogma für die liturgische und architektonische Gestaltung von Kirchenbauten große Bedeutung erhalten konnte.

Die Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen Dominikanern und Franziskanern sollten wenigstens angedeutet werden, da die Beschäftigung mit den Kirchenbauten zu den Fragen führt, ob es typologische und stilistische Unterschiede im Bau der Bettelordenskirchen gibt, die mit den Differenzen beider Orden zu tun haben könnten.

 

II.

 

Bevor diese Frage am Beispiel der Regensburger Kirchen diskutiert wird, werfen wir einen Blick auf Rom, den theologischen Ausgangsort beider Orden, und suchen nach Spuren, die zum Verständnis der Kirchen beitragen können.

Dominikus erhielt von Papst Honorius III. die frühchristliche Basilika S. Sabina auf dem Aventin zum Geschenk. Hier konnte das erste Dominikanerkloster gegründet werden. Inmitten des Langhauses liegt der Ordensgeneral Munoz de Zamora bestattet. Das Mosaik der Marmorplatte zeigt ihn im schwarz-weißen Habit der Dominikaner. Mit diesem zentralen Grabmal hat die Basilika ihre Zuweisung an den Orden des Dominikus einprägsam unter Beweis gestellt. Was sich in der Klausur der Klostergebäude bis heute noch erhalten hat, ist die von Dominikus bewohnte Mönchszelle, deren primitive Holzdecke, im Kontrast zur barocken Ausstattung der übrigen, von Bernini dekorierten Kapelle, noch etwas von der Ursprünglichkeit atmet.

Damit aber zu Regensburg: Ihre älteste authentische Ansicht verdanken wir der Schedelschen Weltchronik, die in Nürnberg 1493 erschien. Michael Wolgemut, Dürers Lehrer, erfasst auf seinem Holzschnitt Regensburg aus imaginärer Vogelschau von Norden her, vom Ufer über Stadtamhof.

Die Stadt zeichnet sich aus durch die Vielzahl der Türme. Die meisten von ihnen sind Türme nicht von Kirchen, sondern von burgartigen Stadtpalästen, die Patrizier sich in Regensburg seit dessen Erhebung zur Freien Reichsstadt 1245 hatten erbauen lassen. Diese Türme sind fast alle unbewohnt; sie dienen als Symbole von Reichtum und Macht der Patrizier, deren eigentliche Wohnhäuser im Verband mit den Türmen burgähnliche Ensembles bilden.

Die zahlreichen Bettelordenskirchen verweigern sich diesem Wettbewerb um den höchsten Turm. Türme zu bauen ist ihnen ebenso verwehrt wie zahlreiche andere Dinge, die den jüngeren gotischen Dom auszeichnen sollten. An der Dominikanerkirche St. Blasius gibt es kein Querhaus, kein Triforium, und das Strebewerk ist reichlich reduziert oder fehlt völlig. Wir stehen somit vor Bettelordenskirchen, die ganz bewusst die selbstgewählte apostolische Armut ihres Ordens im ästhetischen Auftritt des Kirchengebäudes zum Ausdruck bringen. Sie negieren ganz bewusst also wesentliche Qualitäten, die die Gotik in Frankreich mit ihren Kathedralen hervorgebracht hatte, und konzentrieren sich auf ihre Funktion als Predigtkirchen, die eine große Gemeinde versammeln, ansprechen und belehren wollen. Zugunsten dieses Ziels werden ganz bewusst wesentliche baukünstlerische Innovationen der Gotik zurückgestellt.

Wie weit die Bettelordensarchitektur in solchem Verzicht gehen konnte, lehrt die Dominikanerinnenkirche auf dem Adlersberg vor den Toren Regensburgs aus dem späten 13. Jahrhundert. Als Nonnenkirche verzichtet sie sogar auf Seitenschiffe, begnügt sich mit einer flachen Holzdecke über dem Schiff und reduziert die Zierformen am Portal auf den scherenschnittartigen Umriss eines Dreipasses. Den Fenstern bleibt Maßwerk versagt. Umso ausschließlicher ist der einschiffige Saal ausgerichtet auf den Altar und die Kanzel, die wesentlichen liturgischen Ausstattungsstücke. Die hohen, ungegliederten Wände wurden mit Bildern geziert, deren Botschaft einer Bilderbibel gleicht.

 

III.

 

Im Herzen der Regensburger Altstadt ragt das Chorhaupt von St. Blasius steil empor. Es gründet auf den fünf Seiten eines Achtecks und einem hohen Sockel, über dem jede Polygonseite durch je ein zweibahniges hochgotisches Maßwerkfenster ausgezeichnet ist. Das Maßwerk wird im Couronnement gekrönt von einem Vierpass, der einem Kreis einbeschrieben ist, die die zwei Lanzette des geteilten Fensters tragen. Das Maßwerk verzichtet dabei auf Profilierung. Am südlichen Seitenschiff wird auf Strebepfeiler verzichtet, nur am Übergang zur Fassade steht ein kräftiger, diagonaler Pfeiler.

Auf der Nordseite dagegen ist die Abfolge der gewölbten Joche an den Strebepfeilern außen ablesbar. Das Maßwerk der Fenster in Seitenschiffen und Obergaden ist das Couronnement mit je einem Dreipass besetzt. In den ersten vier Jochen von Osten lässt sich eine dichte Abfolge der Joche beobachten. Sie gehören alle zum Binnenlangchor. Ab dem fünften Joch werden die Joche erheblich breiter. Sie gehören zum Schiff, das von den Seitenschiffen durch sechs weit gespannte Arkaden getrennt ist. Es ist offensichtlich, dass die extreme Vergrößerung der Joche mit diesen Arkaden ursächlich zusammenhängt.

Im Nordseitenschiff enden drei Dienste in dem ungewöhnlichen Motiv eines Atlanten. Einer davon trägt Tonsur und Habit des Dominikaners und ist mit dem Attribut des Zirkels als Baumeister ausgewiesen, dazu sogar noch namentlich benannt als „Bruder Diemar“. Es dürfte sich um den Baumeister handeln, der demnach Ordensmitglied gewesen sein muss.

Einige Schlusssteine im Nordseitenschiff fallen durch die besondere Qualität auf, in der sie symbolisch-allegorisch auf zwei Bedeutungen Christi anspielen: Der Löwe sieht sich dem teuflischen Drachen gegenübergestellt, während der Pelikan sich mit dem Schnabel Wunden am Hals zufügt, um mit dem Blut seine Jungen zu nähren.

Zwischen dem vierten und fünften Joch lässt sich eine markante Zäsur innerhalb der Kirche erkennen. Die Gewölbe setzen ab dem fünften Joch deutlich höher an als die westlich östlich gelegenen älteren Gewölbe. Im Dachstuhl des Nordseitenschiffes hat sich der Rest einer provisorischen Abschlusswand in voller Höhe erhalten. Sie ermöglichte es, den Chor mit seinen vier Jochen liturgisch zu benutzen, bevor das Langhaus vollendet war. Die Mönchskirche hatte in der Entstehung demnach entschieden Priorität vor der Predigtkirche für das Volk! Sie kam erst gegen 1400 in den westlichen Bauteilen zum Abschluss.

An St. Blasius besticht die große Einheitlichkeit, mit der die Gewölbebasilika im gotischen System einheitlich vorgeführt wird, ungeachtet ihrer langen, über eineinhalb Jahrhunderte währenden Bauzeit. Was für den ursprünglichen Raumeindruck zu ergänzen ist, ist der Lettner, der die Zweiteilung des Raums in Mönchs- und Volkskirche stark betonte. An ihr werden die unterschiedlichen Qualitäten evident: einerseits die Sparsamkeit in der Beschränkung auf nur ein Portal in der Mitte, das auf den Reichtum eines Säulenportals verzichtet und wie in die Wand eingeschnitten wirkt. Die figurale Ausstattung beschränkt sich auf die Figur des Ordensheiligen Dominikus. Um 1420 entstanden, lädt die Figur des Dominikus den Besucher dazu ein, die Kirche zu betreten. Von größerem Anspruch ist das Mittelfenster mit seinem geometrischen Maßwerk, das in seiner Pracht an ein entsprechendes Fenster einer Kathedrale erinnert.

 

IV.

 

Die Franziskanerkirche ist Christus Salvator geweiht. Bei ihr ist das Schiff der älteste erhaltene Bauteil aus dem mittleren 13. Jahrhundert. Die Westfassade gleicht derjenigen von St. Blasius, und spiegelt wie diese den Querschnitt der dreischiffigen Basilika wider. Die Fenster der Längsseiten beschränken sich auf je drei Lanzettbahnen, die auf ein Couronnement verzichten.

Die Hochschiffwände ruhen auf einfachen runden Pfeilern, die die Arkadenbögen tragen. Die elementare Form des Rundpfeilers beweist, dass in keinem der drei Schiffe jemals ein Gewölbe geplant war. Deshalb kommt es nirgendwo im Langhaus wie in St. Blasien zur Ausbildung eines gotischen Dienstsystems. Die Seitenschiffe sind heute ebenso wie das Mittelschiff flach gedeckt; ehedem war der Dachstuhl offen. Ungleich stärker als in St. Blasien wird am Langhaus der Bettelordenscharakter in die Sprache der Baukunst übersetzt. Ohne auf Joche und die damit verbundenen Gewölbe Rücksicht nehmen zu müssen, gibt es keine verbindlichen axialen Bezüge der Fenster in Seitenschiffen und Mittelschiff. Damit wird das „diaphane“ Prinzip der Gotik bewusst negiert.

Von gänzlich anderer Qualität ist dagegen der Chor: Er gehört dem fortgeschrittenen 14. Jahrhundert an und zeigt sich geprägt durch die konsequente Wölbung mit Rippengewölben. Die dreibahnigen Maßwerkfenster weisen Couronnements mit sphärischen Vierpässen auf. Die Differenz beider Bauteile wird schon am Außenbau sichtbar, wo der Chor das Schiff deutlich überragt. Vom ursprünglichen Lettner sind noch die seitlichen Joche links und rechts erhalten; der Mittelteil wurde in der Barockzeit herausgebrochen.

Die glatten Wände des Langhauses wurden um 1500 erstmals bemalt mit einem Zyklus des Credo. Je einer der zwölf Apostel begleitet ein Zitat aus dem Credo. Um 1600 wurden die Bilder erneuert und teilweise übermalt. Spätestens damals erfuhr das Credo eine Fassung in deutscher Sprache, während die Stifterfiguren in lateinischer Sprache aufgerufen werden. Die Idee der Ausstattung mit Aposteln könnte von Chor inspiriert worden sein. Ebendort findet man die 12 Apostelkreuze in hoher Qualität gemalt. Ihre anspruchsvollste Ausstattung besaß die Kirche in Gestalt von Glasfenstern, die den Chor zierten, bis sie bei der Profanierung gegen 1811 ausgebaut und entfernt wurden. Man findet sie im Bayerischen Nationalmuseum sowie zum Teil noch im Historischen Museum, das in den Räumen des ehemaligen Minoritenklosters untergebracht ist.

Das Mittelfenster ist der Passion gewidmet. Das Mittelfenster beschließt in der Figur von Christus Salvator das Gesamtprogramm, das damit auf die Weihe der Kirche Bezug nimmt. Der Geschlossenheit des gotischen Systems, wie wir es an der Dominikanerkirche St. Blasius fanden, antwortet die Franziskanerkirche mit einer ungleich elementareren Typologie, die zumindest an den frühen Bauteilen des Langhauses ablesbar ist.

Die kräftigen Rundpfeiler reflektieren die große Spannweite der Arkaden, die wiederum der Funktion der möglichst viele Zuhörer fassenden Predigtkirche geschuldet sind. Worauf die Kirche an architektonischer Qualität bewusst verzichtet, wird durch die malerische Ausstattung wiederum wettgemacht. Die Glasgemälde thematisieren neben Christus auch den Ordensgründer Franziskus. Einen Höhepunkt bildet im Franziskusfenster dessen Stigmatisation auf dem Berg Averna im Angesicht des Gekreuzigten. Das franziskanische Ideal der Christusnachfolge im Sinne der Christiformitas wird damit zum Gehalt der Bildbotschaft.

 

V.

 

Vergleicht man beide Kirchen, so lässt sich eine Differenz hinsichtlich der Gotik-Rezeption wahrnehmen. Beide Kirchen gehen sich nicht nur in der Situierung im extremen Osten bzw. Westen Regensburgs, sondern auch im unterschiedlichen Umgang mit dem Wölbebau unterschiedliche Wege. Der komplementäre Charakter, der das Neben-und Miteinander der Dominikaner und Franziskaner in theologischer und philosophischer Hinsicht kennzeichnet, erhält damit auch baukünstlerisch und ästhetisch eine eindrucksvolle Bestätigung. Ihre Architektur wird zum Spiegel der Dialektik im Zeitalter der Scholastik. Im Verzicht auf viele Errungenschaften der Hochgotik liegt ein Bekenntnis zu den Idealen der selbstgewählten apostolischen Armut. Im baukünstlerischen Kontext bedeutet sie eine wesentliche Voraussetzung zur Spiritualisierung des Kirchengebäudes und die Konzentration auf die Predigt.

More media by the author / Topic: Theology | Church | Spirituality

Current events on the topic: Theology | Church | Spirituality