1348. Gesellschaft im Zeichen der Pest

As part of the event "Historic Days 2016 - Just a Dark Time of Crisis?", 10.02.2016

I.

 

Die „Pest von 1348“, die Europa zwischen 1346 und 1352 von der Krim über Konstantinopel, Süd- und Mitteleuropa bis nach Skandinavien, Island und Grönland überrollte, war zweifellos eines der einschneidensten und prägendsten Ereignisse der europäischen Geschichte. Die Zahl der Opfer übertraf nicht nur sämtliche aus dem Mittelalter bekannten Seuchen. Rechnet man die Bevölkerungsverluste in Prozenten hoch, stellte die Pandemie des 14. Jahrhunderts sogar die größte dokumentierte Katastrophe dar, die den Kontinent bisher heimgesucht hat. Zum Vergleich: Im Zweiten Weltkrieg kamen zwar, einschließlich der Opfer des Holocausts sowie der Umsiedelungen und Vertreibungen in Europa (unter Zurechnung der Gebiete der damaligen Sowjetunion jenseits des Urals), etwa 60 Millionen Menschen um, im Vergleich zu etwa 20 Millionen, die der Schwarze Tod von 1348 das Leben kostete, doch waren es, ungeachtet der Problematik solcher Gegenüberstellungen, prozentual „nur“ etwa fünf Prozent – im Vergleich zu 30 bis 35 Prozent, die der Pest von 1348 erlagen!

Furchterregend war, bevor die Seuche Europa erreichte, schon ihre Fama. Ein flämischer Geistlicher schrieb, in Indien seien Frösche, Schlangen, Eidechsen und Skorpione vom Himmel gefallen und Mensch und Tier tags darauf durch Hagelschlag vernichtet worden. Die Überlebenden hätte ein aus den Wolken fallendes Feuer verbrannt. Durch den Gestank der Leichen seien die gesamte Region, alle Nachbarländer sowie die Küsten des Schwarzen Meeres mit einem Pesthauch überzogen worden, der sich langsam nach Westen ausgebreitet habe und hier faulige Lüfte (Miasmen) hervorrief, welche die Ärzte seit der Antike als die Ursache von Seuchen betrachteten.

Aus der Sicht der Zeitgenossen gab es zahllose düstere Vorzeichen, nicht zuletzt in Europa selbst. Bereits in den Dreißigerjahren des 14. Jahrhunderts war Mittelitalien von mehreren Erdbeben heimgesucht worden. In der Toskana brachen Seuchen aus, die Tausende von Opfern forderten. Missernten führten zu Hungersnöten, die wiederum eine höhere Krankheitsanfälligkeit zur Folge hatten. Auch die im Süden übliche Salzgewinnung durch Meerwasserverdunstung war durch Unwetter unmöglich geworden, wodurch nicht zuletzt das Pökeln von Fleisch, die wohl älteste Technik der „Konservierung“, verhindert wurde. Dazu beunruhigte die Häufung militärischer Auseinandersetzungen: Der Paduaner Chronist Cortusio, ein Augenzeuge, beschrieb die Situation: „Damals führte man in der Christenheit fünffachen Krieg: Zunächst bei Smyrna gegen die Türken, dann der englische König (im Hundertjährigen Krieg) gegen Frankreich, der ungarische in Apulien, der König von Böhmen und erwählte römische Kaiser gegen Bayern, und schließlich floh der römische Tribun (Cola di Rienzo), von den Patriziern verfolgt, nach Apulien. Das Menschengeschlecht war so sehr geschlagen und wußte, daß es nichts an dem ändern konnte, was Gott tat, damit es wieder Furcht vor ihm lernte“

 

II.

 

Der „Ordo“ des Hochmittelalters, der ungeachtet aller Kriege und Krankheiten eine heile, von Gott geschaffene Welt suggeriert hatte, schien also schon vor der Pest ins Wanken geraten zu sein. Überkommene Hierarchien und Gesellschaftsstrukturen wurden hinterfragt. Auch die Autorität der Kirche war durch die „Babylonische Gefangenschaft“ der Päpste in Avignon (1309-1377) angeschlagen. Petrarca, einer der einflussreichsten Intellektuellen des Jahrhunderts, wähnte sich in einem „mundus iam senescens“, seine Zeitgenossen erinnerten ihn, „obgleich sie noch zu leben schienen an abstoßende und schreckenerregende Leichname“! Der deutsche Magister Konrad von Megenberg beklagte – ebenfalls vor der Pest – den Prestigeverlust der Obrigkeiten sowie die Aufsässigkeit der Studenten. Nicht zuletzt erinnerten sich sensible Gemüter der düsteren Prophezeiungen Joachims von Fiore über ein bevorstehendes Strafgericht Gottes. Sie lagen zwar schon anderthalb Jahrhunderte zurück und hatten sich bisher nicht bewahrheitet, schürten aber religiöse Ängste. Veränderungen lagen in der Luft, wie sie sich bereits nach 1300, symbolträchtig genug, im Bereich der Malerei abgezeichnet hatten. Giotto, Duccio, Simone Martini und Ambrogio Lorenzetti (letzterer sollte später, zusammen mit seinem Bruder Pietro, der Pest zum Opfer fallen) waren bereits nach dem Urteil der Zeitgenossen aus dem Schatten des Mittelalters getreten, dessen geistige Strukturen vielen plötzlich verachtenswert erschienen.

Der „Schwarze Tod“ (der Begriff ist für das 14. Jahrhundert allerdings noch nicht belegt) stellt somit mentalitätsgeschichtlich ein interessantes Thema dar. Es überrascht nicht, dass die Motive der „Begegnung der drei Lebenden mit den drei Toten“, des „Totentanzes“ sowie des „Triumphs des Todes“ in Italien bereits in den Dreißiger- und frühen Vierzigerjahren, also ebenfalls vor der Pest auftauchen. Ihr Memento mori mahnte die Besucher von Kirchen und Friedhöfen in bestürzender Eindringlichkeit. Selbst als die Pest abgeklungen war, um dann allerdings, wie sich bald zeigte, in gewissen Zeitabständen wiederzukehren (wenn nämlich genug jüngere Menschen herangewachsen und die Älteren, die während früherer Seuchen Resistenzen erworben hatten, verstorben waren), blieb der Tod als skelettierter Reiter, Spielmann, Schnitter, Rattenfänger oder verführerischer Musikant präsent, um sich, so die Botschaft, in absehbarer Zeit diesen oder jenen, vielleicht aber auch unzählige gleichzeitig aus der Schar der Lebenden zu holen.

Die von Petrarca skizzierte mentale Krise wurde nach Ausbruch der Pest auf vielfältige Weise bestätigt. Infolge des Massensterbens schwanden nicht nur Lebensfreude, Hoffnung und persönliche Freiheiten, sondern auch das Urvertrauen in Gott. Wo blieb seine Barmherzigkeit, seine Gerechtigkeit? Hatte er vielleicht doch, wie es die Deisten verkündet hatten, die Welt und die Menschen nach ihrer Schaffung sich selbst beziehungsweise – noch schlimmer – dem bloßen Zufall überlassen? Das folgende Gedicht „Ad se ipsum“ entstand unmittelbar nach 1348. Es bezeugt die Krise eines Intellektuellen, der den Eindruck gewonnen hat, dass Philosophie, Poesie und Kunst, aber auch die Theologie angesichts der tödlichen Herausforderung keine ausreichenden Lebenshilfen darstellen und das Schicksal mit Gebeten und Prozessionen nicht zu beeinflussen sei.

 

Wehe mir, was muß ich erdulden?

Welch heftige Qual steht

Durch das Schicksal mir bevor?

Ich seh` eine Zeit, wo die Welt

sich rasend ihrem Ende nähert,

um mich herum in Scharen,

Jung und Alt dahinsterben.

Kein sicherer Ort bleibt mehr,

kein Hafen tut sich

auf der ganzen Welt mir auf.

Es gibt, wie es scheint, keine Hoffnung

auf die ersehnte Rettung.

Unzählige Leichenzüge seh` ich nur,

wohin ich angstvoll die Augen wende,

und sie verwirren meinen Blick.

Die Kirchen hallen vom Klagen wider

und sind gefüllt mit Bahren.

Ehrlos liegen die Vornehmen

tot neben dem gemeinen Volk.

An die letzte Stunde denkt die Seele.

 

Das dramatische Poem verrät das Dilemma des „ersten modernen Menschen“ (Renan), der Mühe hatte, seine Erfahrungen zu ordnen. Hier zeigte sich ein neuer Subjektivismus, der Gesellschafts- und Kirchenkritik einschloss. Kein Wunder, dass im 14. Jahrhundert auch Autobiographien in Mode kamen. Petrarca, aber auch Karl IV., dessen neu errichtete Residenz in Prag samt der im Pestjahr gegründeten Universität zunächst – merkwürdig genug – von der Seuche verschont blieb, boten erste Beispiele. Wie zuletzt in der Antike blühte zudem die Briefkultur auf. Man teilte persönlichste Gefühle und Empfindungen mit, die der Empfänger, im Idealfall eine humanistisch gebildete Persönlichkeit auf adäquatem intellektuellem Niveau, beantwortete. Dass man solche Briefe – nicht ohne Eitelkeit – für die Nachwelt („posteritati“) aufbewahrte beziehungsweise in der Regel mehrfach kopierte gehörte zum neuen intellektuellen Selbstbewusstsein.

Selbst jahrelange Übungen in der „ars moriendi“ (die im christlichen Mittelalter Teil der „ars vivendi“ war) boten angesichts der Pest keinen Schutz. Wie sollte man es sich auch erklären, dass „Gute“ und „Fromme“ oft qualvoll starben und „Böse“ verschont wurden? Petrarca stellte die naheliegende Frage, ob und warum er und seine Zeitgenossen („ausgerechnet wir“) auch für die Sünden früherer Generationen büßen mussten, die ja von vergleichbaren Strafen verschont geblieben waren. Konnte Gott so hart, ja – zwischen den Zeilen wurde es deutlich – so ungerecht sein?

 

III.

 

Von ihrer religiösen und existentiellen Dimension abgesehen legte die Pest viele weitere Fragen nahe. Warum wurde beispielsweise Neapel erst im Mai 1348 heimgesucht, während vergleichbare Hafenstädte wie Genua, Pisa oder Venedig schon im vorausgehenden Winter dezimiert worden waren? Auch dass die Ausbreitung der Seuche für dieselbe Entfernung einmal drei Wochen, ein andermal nur drei Tage in Anspruch nahm, blieb rätselhaft. Es fiel auch auf, dass sie an verschiedenen Orten eine unterschiedliche Intensität zeigte, etwa in England stärker wütete als in Böhmen, in der Toskana mehr auf der Peloponnes. Zahlreiche Pestchroniken, die im 14. Jahrhundert in Italien nicht selten ein hohes, ja literarisches Niveau erreichten, widerspiegelten in der Regel Beobachtungen aus dem Alltag, aber auch uralte Katastrophen-Topoi, die letztlich auf den Athener Thukydides zurückgingen. Die Umwelt reagierte – in der Regel nach kurzem Zögern – hart, nämlich mit dem Ausschluss der Infizierten aus der Gemeinschaft. Die psychologische Situation gestaltete sich dramatisch. Ein Drittel der Einwohner von Florenz, Venedig, Genua und Paris dürfte innerhalb weniger Monate umgekommen sein. Ähnliche Verlustziffern gab es noch 1350 in Schottland, wo der Chronist John von Fordun die Überzeugung äußerte, dass „seit der Erschaffung der Welt bis in unsere Zeiten“ keine Seuche mit solch „grausamer Hartherzigkeit“ zugeschlagen habe. Europa erschien – von Sizilien bis in den Norden – paralysiert, wobei der Handel freilich nie ganz zum Erliegen kam (nur in den unmittelbar betroffenen Kommunen gab es passagere Einbrüche) und das Pilgerwesen im „Heiligen Jahr“ 1350 sogar einen Aufschwung erfuhr! Vermögen und Reichtum erwiesen sich dabei nur insofern als Stütze, als Wohlhabenden die Flucht auf ihre Landgüter möglich war. Dass, wie Petrarca zu erkennen glaubte, Vornehme wie Arme im Tod ein gemeinsames Schicksal ereilte, erschütterte nicht nur die Eliten. Viele Menschen starben, ob arm oder reich, alleingelassen, ohne Trost, ohne Familie, ohne Priester, wie nicht zuletzt Boccaccio bestätigt, der im Vorwort des „Decamerone“ den bekanntesten Zeugenbericht über die Pest von 1348 verfasst hat.

Einsames Sterben – man muss sich das immer wieder vergegenwärtigen – war im Mittelalter ganz und gar ungewöhnlich. Schlimmeres konnte dem Durchschnittsmenschen kaum zustoßen. Wie bei der gefürchteten „mors improvisa“, dem unvorbereiteten Tod, drohte ein seelisch qualvoller Sterbeprozess – ohne sakramentalen Beistand eines Priesters und die Tröstung durch Angehörige! Auf dem Spiel stand nicht weniger als das Seelenheil. Langdauernde Qualen im Fegefeuer, ja ewige Höllenpein waren nicht auszuschließen, und nur in Ausnahmesituation, etwa auf dem Höhepunkt einer Pestwelle, gestand die Kirche, wenn Geistliche fehlten, den Verzicht auf Beichte, Kommunion und letzte Ölung zu (in solchen Fällen erhielten etwa in England, wie im Januar 1349 der Bischof von Bath verkünden ließ, auch Laien, darunter Frauen, die Absolutionsvollmacht!).

Für die meisten gab es im Grunde nur einen effektiven Weg der Rettung: Buße und Gebete, Prozessionen und Gelöbnisse. Wer noch gesund war, begann nicht selten Bußübungen und Selbstgeißelungen durchzuführen. Interessanterweise lag der Höhepunkt der bekannten Geißlerbewegung ebenfalls schon vor der Pest. Auch dieses düstere Phänomen, das noch Ingmar Bergmann in seinem Film „Das siebente Siegel“ so eindrucksvoll dargestellt hat, unterstreicht, wie schon die Jahre vor 1348 als Krisenperiode empfunden wurde! Die drohende Verdammnis war auch das Thema von Bußpredigern wie Jacopo Passavanti, der unter dem Einfluss der Pest zur Einkehr mahnte und Maler wie Andrea da Firenze beeinflusste, der zwischen 1366 und 1368 die Spanische Kapelle von Santa Maria Novella in Florenz mit Szenen ausschmückte, die demonstrativ die alte Hierarchie des Mittelalters verherrlichten.

Wünschte der Kranke sein Testament zu machen, war dies ebenfalls schwierig, da sich auch Notare – wer hätte es ihnen übelnehmen können! – wie Ärzte und Geistliche häufig ihrer Verpflichtung entzogen. Der Bericht des Sizilianers Michele da Piazza traf auf viele italienische Städte zu: „Priester und Notare weigerten sich, in die Häuser zu gehen. Betrat einer von ihnen dennoch ein Haus, um ein Testament oder dergleichen aufzusetzen, konnte auch er dem baldigen Tod nicht entkommen. Die Minderbrüder, Dominikaner und anderen Ordensleute, die in die Wohnungen solcher Kranker gingen, damit diese ihnen ihre Sünden beichten und durch Reue der göttlichen Gerechtigkeit teilhaftig werden konnten, raffte selbst ein brüsker Tod hinweg, so dass einige gleich in den Sterbezimmern zurückblieben. Als die Leichen verlassen in den Wohnungen lagen, wagte es kein Priester, Sohn, Vater oder Verwandter hineinzugehen. Man bezahlte vielmehr Dienstleuten einen nicht geringen Lohn, damit diese die Toten zum Begräbnis brachten.“

 

IV.

 

Wie zum Trotz scheinen angesichts der Gefahr Genusssucht und Sinnesfreunde vielerorts zugenommen zu haben, freilich in typischen Abstufungen. Boccaccio berichtet: „Manche dachten durch eine maßvolle Lebensweise und dadurch, dass sie sich vor jeglichem Überfluss hüteten, ihre Widerstandskraft gegen diese Seuche stärken zu können. Sie taten sich in Gruppen zusammen und lebten von jedem andern abgesondert, versammelten und schlossen sich in Häusern ein, wo kein Kranker war, und, um besser überleben zu können, genossen sie mit Maß die köstlichsten Speisen und besten Weine, mieden aber jede Schwelgerei. Ohne sich von jemandem sprechen zu lassen oder Nachrichten von außerhalb über einen Todesfall oder kranke Menschen hören zu wollen, verbrachten sie ihre Zeit mit allen möglichen Vergnügungen.“

Ihnen stellte der Autor des „Decamerone“, der bekanntlich in einem solchen Umfeld – in einer Villa bei Florenz – entstand, die Schwelger und Prasser gegenüber, die ihre Angst vor dem Tod durch Trunk und Ausschweifungen zu vertreiben suchten: „Andere vertraten die gegenteilige Auffassung und versicherten, die sicherste Medizin bei einem solchen Übel sei reichlich zu trinken, zu genießen, singend und scherzend umherzuziehen, jeglicher Begierde, wo es nur möglich sei, zu genügen und über das, was kommen werde, zu lachen und zu spotten. Und so wie sie es sagten, verhielten sie sich auch, soweit es ihnen möglich war.“

 

Tatsächlich vertraten viele Ärzte die Auffassung, dass die psychische Disposition die Prognose einer Erkrankung entscheidend beeinflussen kann. Es galt, vereinfacht ausgedrückt, als vorteilhaft, vergnügt zu sein. Noch 1580 betonte der Paduaner Medizinprofessor Mercuriale, dass man durch Musik, Zuversicht, Freude und Heiterkeit erreichen kann, „dass Geist und Körper kräftiger gegen die Krankheit der Pest ankämpfen“. Entsprechend mahnte Siegmund Albich (1347-1427), der Leibarzt des böhmischen Königs und renommierte Professor an der kurz zuvor von Karl IV. gegründeten Prager Universität, „von der Pest weder zu sprechen noch an sie zu denken, da allein schon die Angst vor der Seuche, die Einbildung und das Reden von ihr den Menschen pestkrank machen.“

Auch die Beerdigungsrituale änderten sich. Aus Angst vor einer Ansteckung gingen, wie Boccaccio bemerkte, selten „mehr als zehn oder zwölf Nachbarn zur Kirche mit“. Da die „geweihte Erde“ bald belegt war, wurden „große Gräben ausgehoben“ und „Neuverstorbene zu Hunderten hineingelegt, schichtweise, wie im Schiffsraum die Waren“. Es war zudem nicht zu vermeiden, dass in der täglichen Pflege die üblichen Schamgrenzen fielen. Selbst „ehrbare Frauen“ hatten, wie Boccaccio monierte, kaum Hemmungen, „sich von einem Mann, war er nun jung oder alt, bedienen zu lassen und ihm gegenüber, wenn es nur die Notlage der Krankheit erforderte, ohne Bedenken jeden Teil ihres Körpers zu entblößen. Um die Einwohnerschaft nicht zu sehr zu deprimieren, verbot die Regierung schließlich auch das Läuten der Sterbeglocken, „weil die Erkrankten die Glocken hören konnten und Gesunde wie Kranke darüber in Bestürzung gerieten“. Selbst engsten Familienangehörigen wurde das Tragen von Trauerkleidern, wie noch 1576 in Venedig, nur wenige Tage erlaubt!

Die Lungenpest, die durch Ausatmung und durch Sprechen, das heißt durch Tröpfcheninfektion übertragen wurde, hatte, ohne dass man diese Zusammenhänge natürlich kannte, zur Folge, dass die Kranken oft innerhalb eines Tages starben. „Wie viele tatkräftige Männer, wie viele schöne Frauen, wie viele anmutige Jünglinge, denen, von anderen zu schweigen, Galen, Hippokrates und Äskulap eine blühende Gesundheit bescheinigt hätten, speisten am Morgen mit ihren Verwandten, Gesellen und Freunden, um am folgenden Abend in der anderen Welt mit ihren Vorfahren zu tafeln“, klagte Boccaccio. Das war kein literarischer Topos, sondern, sehen wir vom letzten Teil der „Beobachtung“ ab, täglich zu beobachten.

Den „normalen“ Ansteckungsmodus kennen wir erst seit etwa hundert Jahren. Da zu Beginn einer Pestepidemie die „natürlichen“ Wirte des Pestflohs, vor allem Ratten und Mäuse starben, fanden die Flöhe im Menschen einen Ersatzwirt. Durch Biss wurde ein Bazillus („Yersinia pestis“ wurde 1895 von Alexandre Yersin in Hongkong entdeckt) in die menschliche Blut- beziehungsweise Lymphbahn injiziert. War die Widerstandskraft stark genug, blockierten die regionalen Lymphknoten seine Ausbreitung. Sie schwollen an und platzten, was für die Umgebung höchste Infektionsgefahr bedeutete, für den Betroffenen dagegen eine reelle Überlebenschance. Bei schwacher Abwehr breitete sich der Pesterreger dagegen weiter im Körper aus, es kam zur „Sepsis“, wobei mehrere Organe geschädigt wurden (nicht zuletzt die Alveolen der Lungen, was wiederum zur „sekundären“ Lungenpest führte). Charakteristisch waren vor allem Hautunterblutungen und geschwollene Lymphknoten („Beulen“). Der Patient starb in der Regel nach drei bis vier Tagen. Auch die Leiche war natürlich hochinfektiös.

Viele Chronisten bezeugten auch eine Zunahme der Kriminalität. Nicht selten raubte man selbst Sterbende aus, deren Häuser von Angehörigen verlassen waren. Nervenstarken Zeitgenossen gelang es allerdings auch, während der Pest auf legale Weise reich zu werden. So eskalierte angesichts des großen Bedarfs an Totenkerzen der Wachspreis, der in Florenz staatlich reguliert werden musste. Apotheker priesen Wunderpillen an, und Totengräber versetzten zu Höchstpreisen gebrauchte Bahren, Decken und Kissen. Zucker, Eier und Hühner, deren Fleisch, in der Suppe präsentiert, als Prophylaktikum galt, wurden „maßlos teuer“. Die ungebrauchte Leichenbekleidung einer Frau kostete vor 1348 etwa drei Florin. Während der Pest schnellte der Preis, wie der Chronist Marchionne di Coppo ausführt, auf dreißig Florin hoch „und wäre noch weiter auf hundert Florin gestiegen, hätte man nicht aufgehört, die Toten überhaupt zu bekleiden“.

Allerdings gab es auch Zeitgenossen, die, wie der Florentiner Chronist Matteo Villani bezeugt (er erlag später selbst der Pest), sich allen Gefahren zum Trotz mutig um Kranke und Sterbende kümmerten. Viele Konvente wurden dezimiert, weil die Mönche und Nonnen nicht die Flucht ergriffen hatten. In zahllosen Pesthospitälern übernahmen Mitglieder von Pflegeorden aus christlicher Nächstenliebe die Krankenfürsorge. Jean de Venette berichtet, wie sich in Paris Mitglieder verschiedener Orden in der Pflege verausgabten und, nachdem sie gestorben waren, sofort durch Freiwillige ergänzt wurde. Besonders die Nonnen des Hôtel-de-Dieu sollen großen Mut gezeigt haben: „Die heiligen Schwestern… pflegten die Kranken mit aller Zuneigung und vergaßen ihre Angst.“ Im Sommer 1348 brachte man täglich 500 Leichen vom Hôtel-de-Dieu zum Begräbnis auf den Friedhof SS. Innocents. Im Florentiner Dominikanerkonvent von Santa Maria Novella, wo Boccaccio die Rahmenbehandlung des Decamerone beginnen lässt, kamen von 130 Brüdern 80 um. Konsterniert stellte der für die Eintragungen ins Totenbuch zuständige Fra Paolo Bilenchi fest: „Möge der Nachwelt dieses Ereignis nicht wie eine Sage aus dem Volk erscheinen.“ Auch in Venedig wurden ganze Orden ausgelöscht, deren Mitglieder sich – durch das biblisch begründete Gebot der Barmherzigkeit (Mt 25) motiviert – der Krankenpflege verschrieben hatten. Die Scuola della Carità beklagte unter ihren Mitgliedern über 300 Opfer. Viele Menschen zeigten sich mutiger und nervenstärker als zu normalen Zeiten. Jedenfalls verzweifelte ein Mann wie Agnolo di Tura, Autor des Chronicon Senense, angesichts des Todes seiner fünf Kinder nicht, sondern begrub sie „mit eigenen Händen in einer Grube“! Mit der Gefahr wuchs offensichtlich – frei nach Hölderlins Diktum – auch die Kraft, sich mit dem Unglück zu arrangieren!

Hinsichtlich des menschlichen Umgangs mit dem eigenen Leiden und Sterben, aber auch dem Schicksal anderer stellte das Jahr 1348 eine Umbruchszeit dar, in welcher, wie ausgeführt, das Weltbild des mittelalterlichen Ordo nachhaltig erschüttert wurde. Die Einführung der Gewichtsräderuhr, die bereits Dante erwähnte, und der öffentlichen Turmuhr (durch Richard von Wallingford in England beziehungsweise Giovanni Dondi in Italien) sowie die Erfindung der Kanone, mit deren Hilfe man – durch dosierte Schwarzpulverexplosionen – Kugeln weiter schleudern konnte als jeden Pfeil mit dem Bogen (sie bedeutet das Ende der mittelalterlichen Ritterkultur, die nur noch in der Turniertradition überlebte), verschärften das mentale Chaos. Die neuen Wunderwerke – Glocken- und Kanonenguß entwickelten sich bezeichnenderweise parallell – schärften das Bewusstsein für die Begrenztheit menschlichen Lebens. Das eher zyklische Weltbild des Mittelalters wurde von „linearen“ Zeitkonzeptionen abgelöst, herkömmliche Zeitmessungen mit Wasser- und Sanduhren, gekerbten Kerzen oder nach dem Stand der Gestirne verloren deshalb – von der Seefahrt abgesehen – an Bedeutung. „Das Konzeptionsjahr des Menschen der Neuzeit war das Jahr 1348, das Jahr des Schwarzen Todes“, schrieb Egon Friedell in seiner “Kulturgeschichte der Neuzeit“ (1932), eine Ansicht, die in der Folgezeit von zahlreichen Historikern geteilt wurde.

 

V.

 

Der Leser wird bisher das bekannteste Begleitphänomen der Pest von 1348 vermisst haben: die Anschuldigung, Verfolgung und Ermordung von Juden in Speyer, Worms, Mainz, Esslingen, Heilbronn, Straßburg, Basel, Konstanz, Solothurn, Würzburg, Mainz, Eger, Krems und anderen Städten des deutschen Sprachraums. Die vielfältigen Gründe und die Dramatik dieser Pogrome, die von 1348 bis 1351 für viele Städte nördlich der Alpen, nicht aber zum Beispiel Italiens charakteristisch waren, würden es rechtfertigen, sie in einem gesonderten Vortrag abzuhandeln, zumal sie nie während der Epidemien stattfanden, sondern ausschließlich in Intervallzeiten. Berüchtigt war der Vorwurf der „Brunnenvergiftung“.

In Würzburg, um nur ein Beispiel zu erwähnen, notierte der Kanoniker Michael de Leone: „Als die Bewohner schließlich die dortigen Juden, weil sie auf verbrecherische Weise die Christen vergiftet hatten (die Ruchlosen hatten dies immer wieder wirklich getan!), nicht mehr ertragen konnten, zündeten die Juden mit eigener Hand ihre Häuser an und verbrannten sich selbst mit ihrer Habe, nachdem sie durch ein Sondergericht wegen ihrer Verbrechen zum Tode verurteilt worden waren… Alle, die im Feuer zusammengedrängt waren, riefen Adonay. Ihre Ruchlosigkeit hatten sie durch die Vergiftung der Brunnen bewiesen. Deshalb war ihr Leben verwirkt, und der Marktplatz von Würzburg war Schauplatz ihrer Qualen“.

Die ersten Beschuldigungen kamen aus Savoyen, wo ein jüdischer Arzt unter der Folter „gestand“, ein Glaubensbruder aus Toledo habe von Chambéry aus Giftbeutel in viele Städte Europas verschickt. Gegen den Protest von Papst Clemens VI. (ein Faktum, das heute weitgehend unbekannt ist, da die mittelalterliche Judenverfolgung – zumindest seit dem 19. Jahrhundert und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg – fast klischeehaft der katholischen Kirche angelastet wird) wurden zunächst im Arelat und Teilen Südfrankreichs Verfolgungen eingeleitet. Kritische Stimmen fehlten nicht, auch in Deutschland, wo Konrad von Megenberg auffiel, dass in Wien besonders viele Juden Opfer der Seuche waren, sodass sie „ihren Friedhof in großem Umfang erweitern mussten“. Der Domherr bemerkte mit stringenter Logik: „Sie wären recht dumm gewesen, sich selbst zu vergiften“. Ähnlich argumentierte der Papst in Avignon. Er verbot in einer Bulle vom 26. September 1348, Juden auszuplündern, gewaltsam zu bekehren und ohne Gerichtsverfahren zu töten.

Unterschwellig stellte sicher auch die Liturgie der Karwoche ein Movens dar. Einem Pogrom in Eger ging an einem Gründonnerstag die Predigt eines Franziskaners über die Leidensgeschichte Christi voraus, in Meiningen wurden Juden am Karfreitag getötet. Gefährlich waren Festtage auch deshalb, weil sich das Volk in größerer Menge traf und nach der Messe gefeiert und getrunken wurde. Zudem wurden Schauergeschichten verbreitet, etwa dass in Fulda ein Jude einen Abt überfallen habe. Die Verfolgung und Ermordung vieler Juden war die grausamste Begleiterscheinung der Pest, obgleich sie nicht zum Pestalltag gehörten.

Objektiv versetzte der „Schwarze Tod“ zwischen 1347 und 1352 der spätmittelalterlichen Aristokratie, die schon Ende des 13. Jahrhunderts Machteinbußen erlitten hatte, zumindest in zahlreichen toskanischen Städten den Todesstoß. Handwerker und Zünfte schwangen sich zur neuen Politik wie Kultur bestimmenden Schicht auf. Die alte Kaufmannsschicht, zu der etwa die Villani gehörten, verlor an Einfluss. Die sozialen Umwälzungen hatten allerdings bereits vor der Pest eingesetzt. Die Acciaiuoli, Bardi und Peruzzi – letztere wurden als Auftraggeber Giottos unsterblich – verschwanden in Florenz von der Bühne. Auch der spätere Aufstieg der Medici wäre ohne die große Seuchenkatastrophe des vorhergehenden Jahrhunderts wohl undenkbar gewesen.

Es spricht leider wenig dafür, um am Ende eine Bemerkung zu geben, dass die aufgeklärte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in einer vergleichbaren Situation humaner reagieren würde. Die Ängste, ja Massenpsychosen, die allein in den letzten Jahren im Umgang mit Aids und der Vogel- beziehungsweise Schweinegrippe manifest wurden, verheißen wenig Gutes. Besonders beunruhigend ist, dass Virologen und Bakteriologen weltweit der Meinung sind, dass eine umfassende, für Millionen lebensgefährliche Epidemie, wie sie zuletzt die „Spanische Grippe“ (1919/20) darstellte, aber eben auch einst die Pest von 1348, längst überfällig ist!

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