Hus – ein tschechischer Nationalheld?

As part of the event "Jan Hus", 06.07.2015

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I.

 

Leben und Werk von Jan Hus inspirierten seine Nachfolger und seine Widersacher im positiven wie im negativen Sinne und blieben in der tschechischen Geschichte bis in die heutige Zeit gegenwärtig. Das Hus-Bild war und ist jedoch veränderlich, und jedes der vergangenen Jahrhunderte wählte von Hus und seinem Werk diejenigen Motive, die in ihm selbst am stärksten widerhallten. Mit der Zeit entstanden so mindestens drei Versionen des Jan Hus, die neben einem gemeinsamen Fundament auch unterschiedliche oder sogar sich widersprechende Züge aufweisen:

1) das irdische Leben: ein der göttlichen Wahrheit ergebener Priester; aber mancher sagt auch: ein sehr auf Popularität bedachter Mann

2) ein Märtyrer und Heiliger der böhmischen Reformation und Reformator: ein Vorgänger der deutschen Reformation; aber mancher sagt, er habe auf unverantwortliche Weise Nationalitätenkonflikte und Religionskriege entfacht

3) ein Held – das Ideal eines Kämpfers, dessen Name auf Bannern getragen wird; aber wofür kämpfte er? Für Gewissensfreiheit oder für nationale Emanzipation oder für soziale Gerechtigkeit oder für eine Kombination all dieser Sachen?

Die verschiedenen Hus-Bilder von seinem Tod bis zum Bild des Nationalhelden und darüber hinaus wurden nicht nur von denjenigen geschaffen und geformt, die annahmen, auf seinen Spuren zu wandeln, sondern auch von denen, die ihm nicht zustimmten und Widerstand leisteten. Dabei sind zwei entgegengesetzte Versionen von Hus-Bildern erkennbar: Bereits die Augenzeugen des Konstanzer Scheiterhaufens hatten die Ereignisse unterschiedlich beschrieben. Nach dem Zeugnis des Peter von Mladoňovice war Jan Hus als Märtyrer und tapferer Mensch gestorben. Dagegen beschreibt sein Zeitgenosse Ulrich Richental, Chronist des Konstanzer Konzils, die Ereignisse ohne emotionale Verbindung und naturalistisch.

Hier soll es überwiegend um das Bild gehen, das von den Nachfolgern des Hus geschaffen wurde.

 

II.

Nach dem Tod von Hus nahmen die Ereignisse schnell an Fahrt auf. In Böhmen wurde Hus von seinen Anhängern bald zum Märtyrer erklärt und galt als Heiliger. Der Name des Hus fand Eingang in das Kalendarium, der 6. Juli wurde zu seinem Gedenktag. Ein Beispiel ist das Kalendarium im Memorialbuch der Artistenfakultät, wo zu diesem Datum geschrieben stand: „Jan Hus – es wird nicht disputiert“, ebenso wie an den Tagen, die anderen Heiligen und Kirchenvätern geweiht waren. Hus wurde auch im liturgischen Raum der utraquistischen Kirchen abgebildet. Es sind zwar nur einige solcher Denkmäler überliefert, aber selbst diese Fragmente sind ein eindeutiges Zeugnis. Jan Hus wird als Märtyrer (häufig im schwarzen Gewand) gezeigt, mit einem Heiligenschein oder mit dem Symbol des Heiligen Geistes. Zu seinem leicht lesbaren Attribut wurde die mit Teufeln bemalte Ketzermütze.

Nach der deutschen Reformation begann Jan Hus in Böhmen wie im Reich als Vorgänger Martin Luthers wahrgenommen und abgebildet zu werden. Ein einzigartiger Beleg ist eine Illumination im Kleinseitner Graduale von 1572, wo die Verbrennung des Jan Hus, die Enthauptung Johannes des Täufers und am Rand des Blattes drei Porträts von Kirchenreformatoren festgehalten sind: John Wyclif, der einen Funken entfacht, Jan Hus, der an dem Funken eine Kerze entzündet, und Martin Luther, der bereits die brennende Fackel der Reformation in den Händen hält. Ähnliche Motive tauchten dann auch in jüngeren Drucken des 16. und 17. Jahrhunderts auf.

Der Weg der deutschen und schweizerischen Reformatoren zu Jan Hus und seinem Werk war aber nicht einfach und führte nie zu dessen vollkommener Akzeptanz. Das Werk des Hus verbreitete sich damals durch den Buchdruck sowohl in Böhmen als auch in Deutschland. Hus wurde auch zum Gegenstand und Helden erster dramatischer Werke. Es ist sicherlich kein Zufall, dass zu den ältesten überlieferten Theaterstücken die „Tragoedia von Johann Huss“ zählt, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Johann Agricola, dem deutschen Reformator und Literaten, verfasst wurde. Von diesem Zeitpunkt an taucht Jan Hus in der Belletristik, der Poesie und im Drama relativ regelmäßig auf, was den Weg zu seiner Transformation in einen Helden bereitete.

Der Wandel des Hus-Bildes auf beiden Seiten des Meinungsspektrums intensivierte sich nach der Schlacht am Weißen Berg bei Prag im Jahr 1620, dem Dreißigjährigen Krieg und der Rekatholisierungs- oder Rekonfessionalisierungs-Politik in den Böhmischen Ländern. Hus war weiterhin ein Bestandteil der Tradition der deutschen Reformation. Sein Andenken blieb auch bei den Geheimprotestanten in den Böhmischen Ländern und bei den tschechischen Emigranten jenseits der Grenzen der Böhmischen Länder – etwa in Sachsen oder Schlesien – weiter lebendig. Allerdings müssen wir auch festhalten, dass es gerade die ursprünglichen, jetzt neu zum Katholizismus bekehrten Utraquisten waren, die das Andenken an Jan Hus in den Böhmischen Ländern wachhielten. Historischen Berichten zufolge blieb die Verehrung gegenüber Hus und den Objekten, die einen Bezug zu ihm hatten, weiter gewahrt. So ist die Nachricht über einen Pfarrer namens Lukas Nusek aus dem Dorf Dubí überliefert, der noch 1677 eine Hostienbackform mit dem Bild des Jan Hus in Flammen besaß und diese Hostien den Gläubigen verkaufte.

Daneben formierte sich langsam auch ein neues katholisches Hus-Bild. Hus galt zwar immer noch als Ketzer, daneben fügten einheimische Autoren aber in ihre Texte hin und wieder Motive ein, die Hus sympathischer erscheinen ließen. Als Beispiel sei der tschechische katholische Geistliche Jan František Beckovský genannt, der um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert lebte. In seiner Chronik „Poselkyně starých časů“ („Botin alter Zeiten“) erwähnte er beispielsweise eine vermutlich ausgedachte Episode, mit der er zu zeigen versuchte, dass Hus ursprünglich ein guter Geistlicher war, der nur zu Schlechtigkeiten verführt wurde: „Auch gab es zu dieser Zeit in Prag einen Priester und Magister nach allgemeinem Ruf in Leben und Umgang ehrbar, mit Vornamen Jan und Nachnamen Hus, zu dem der genannte Hieronymus kam und im Geheimen seine aus England mitgebrachten Bücher zur Lektüre übergab. Magister Jan waren die in diesen Büchern niedergelegten Artikel sehr zuwider, er beschimpfte sie als ketzerisch und bat Magister Hieronymus, sie entweder zu verbrennen oder irgendwo in einen See zu werfen.“ Der hier genannte Hieronymus war ein Magister mehrerer europäischer Universitäten und Freund des Hus, der später dessen Schicksal bis zum gleichen tragischen Ende in Konstanz teilte.

 

III.

 

Im 17. Jahrhundert und auch später wurde Hus häufig als national denkender Tscheche präsentiert. Einen Beleg dafür bietet das Werk „Proto-martyr poenitentiae“ (1736) des Jan Tomáš Vojtěch Berghauer, in dem der Autor schreibt: „Jan Hus war bäuerlicher Abstammung aus dem Dorf Husinec (einige Ketzer leiten seine Herkunft von den adligen Herren von Husinec ab), Bakkalaureus der heiligen Theologie an der Prager Hochschule, dieser Hus erreichte 1401 durch Schmeicheleien, dass er zum Dekan der Fakultät der freien Künste gewählt wurde, heimlich brannte er jedoch dafür, Rektor zu werden; er verbreitete ständig Hass auf die deutschen Doktoren mit der Absicht, seine (die böhmische Universitäts-)Nation zur Eifersucht anzustacheln. Bei Disputationen verteidigte er Wycliffes Häresie. Nachdem er die Deutschen vertrieben hatte, verbreitete er die Wycliffe’sche Ansteckung weiter unter dem Volk, viele Kleriker mit losen Sitten schlossen sich ihm an.“

Ein weiteres Motiv war der angebliche Stolz des Jan Hus, von dem er sich bei seinen Predigten und demonstrativen Taten beherrschen ließ. Als Stolz wurde der Mangel an Gehorsam gegenüber den kirchlichen Autoritäten bezeichnet. Ein Vertreter dieser Geschichtsschreibung ist der Jesuit Nikolaus Adaukt Voigt, der Hus folgendermaßen beurteilte: „Wenn wir den Gelehrten nennen, der in Böhmen mit seinen Irrlehren schreckliche Verwüstungen anrichtete, dann geschieht dies nicht, weil wir seine Irrlehren loben möchten, sein Lebenslauf soll eher eine Warnung an die feurigen und aufrührerischen Geister sein, wie leicht ein allzu schroffes Naturell, Eigenliebe zu seinen Ansichten und die unzeitgemäße Sehnsucht, freie Ansichten mit großem Mut zu verteidigen, zur Vernichtung nicht nur der eigenen Person, sondern auch ganzer Staaten führen können, wenn sie den Geist mangelnder Eintracht ihren Mitbürgern aufdrängen.“ In diesem Sinn wurde Hus – auch als Gegenpol zu dem neuen Landesheiligen Johannes von Nepomuk – in den Theaterspielen der Jesuiten- und Piaristenschüler im 17. Jahrhundert interpretiert.

Mit dem Aufkommen der Aufklärung ändert sich der bisherige Blick auf Jan Hus. In den Vordergrund tritt ein neuer Schwerpunkt – Jan Hus als Gelehrter und Universitätsmagister, der gegen die Kirche als Institution kämpft. Zugleich entsteht das Bild des Nationalhelden im modernen Sinn des Wortes. Hus ist zu einem Mann geworden, der sein Leben für das tschechische Volk und dessen Rechte gab im Kampf gegen eine verknöcherte Institution – die mittelalterliche Kirche. In den Böhmischen Ländern begann die nationale Wiedergeburt, auch unter dem Einfluss des modernen deutschen Patriotismus.

Zum wesentlichen Motiv bei der Hus-Abbildung wird dessen Verdienst um die Kultivierung der tschechischen Sprache und Orthograhie. In Böhmen können die Schriften des Jan Hus erneut erscheinen. 1781 wird das Toleranzpatent erlassen, das zwei weitere Konfessionen zulässt – die Augsburger und die Helvetische Konfession. Zu ihnen bekennen sich die bisherigen Geheimbrüder. Für Hus interessieren sich immer stärker auch die katholischen Geistlichen, Geschichtsschreiber und Intellektuellen. Bereits kurz nach den josephinischen Reformen schrieb Josef Dobrovský, ursprünglich Jesuit und nach der Aufhebung des Ordens Erzieher, Sprachwissenschaftler und Historiker: „Mit dem tschechischen Reformator Hus beginnt eine neue Epoche in der Geschichte der tschechischen Nation und ihrer Bildung, und damit auch ihrer Sprache. Alle finden (gemeint ist die Zeit von Hus) ein großes Interesse an theologischen Lehren, von denen die Frage der Eucharistie unter beiderlei Gestalt durch ihre Folgen zu der wichtigsten wurde. Brennend für das göttliche Gesetz damit erwacht die Sehnsucht, die Bibel zu lesen. Gesetze, Urkunden und andere Schriften (werden) jetzt häufiger in tschechischer Sprache formuliert. Die nicht von fremden Kräften gesteuerten Tschechen … beginnen ihre eigene Kraft zu spüren.“

 

IV.

 

Zur endgültigen Formierung des Bildes von Jan Hus als Nationalheld kam es dann im 19. Jahrhundert. Hus und neben ihm vor allem Jan Žižka werden als ideale Kämpfer für die Rechte der Nation beschrieben. Das Bild Žižkas als unüberwindlicher Feldherr gegen fremde Heere stellt manchmal sogar das Bild von Jan Hus in den Schatten. Beide Bilder wirken auf viele katholische Geistliche. Die Standpunkte der katholischen und der nicht-katholischen Autoren nähern sich einander an. Mit einer gewissen Übertreibung lässt sich behaupten, dass häufig gerade die katholischen Intellektuellen zu Trägern des Hus-Vermächtnisses werden.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde auch das neue Interpretationskonzept der tschechischen Geschichte formuliert, das der Nationalgeschichtsschreiber František Palacký schuf. Palacký schrieb als einer der ersten Historiker eine kritische Abhandlung über die tschechische Geschichte, in der er einen Schwerpunkt auf Hus und das Hussitentum als Hochzeit der tschechischen Geschichte legte. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts taucht Jan Hus vielfach in tschechischen Belletristik und Drama auf. Neue Theaterstücke, besonders von Josef Kajetán Tyl und Alois Jirásek, stellten die sittliche Reinheit von Hus und dessen Kampf für Gerechtigkeit und Nation in den Vordergrund. Auch deshalb wurden diese Stücke häufig in angespannten Situationen aufgeführt, wie etwa vor dem Zweiten Weltkrieg und nach dessen Ende.

Die Gesellschaft war jedoch bereits auf moderne Weise diversifiziert und das Hus-Bild spaltete sich weiter. Als treffende Illustration mag hier der Streit um die Hus-Gedenktafel und später um sein Denkmal in Prag dienen, den der Historiker Jan Galandauer zusammenfassend bearbeitet hat. Die Ereignisse begannen 1889 mit einer anscheinend unschuldigen Diskussion im Abgeordnetenhaus über die Namen, die auf der Fassade des entstehenden Nationalmuseums in Prag verewigt werden sollten. Nachdem auch der Name von Jan Hus auftauchte, entbrannte eine geradezu fanatische Diskussion um die Rolle von Hus in der tschechischen Geschichte.

Das damalige Mitglied der Großgrundbesitzerkurie Karl III. von Schwarzenberg trat gegen diesen Vorschlag mit den Worten auf: „Die Lehre von Hus trägt die Schuld an den Hussitenkriegen, am Dreißigjährigen Krieg, an jenem Unglück, das sich als Folge jener Konflikte und Kriege über unsere Nation ergossen hat. Ich sage nicht, dass dies die Schuld von Hus ist, sondern die seiner Lehre, und es lässt sich nicht bestreiten, dass die hussitische Lehre nichts anderes ist als der Kommunismus des 15. Jahrhunderts. Unter den Hussiten waren zu Anfang viele ehrenwerte Charaktere, aber leider verwandelten sie sich bald in eine Bande von Räubern und Brandstiftern. Wenn Sie (d.h. die anderen Abgeordneten) sich als Hussiten bekennen, werden wir Ihre grausamsten Feinde sein.“

Als Reaktion auf diesen Auftritt wurde der Verein für die Errichtung einer Statue des „treuen Tschechen und Nationalhelden“ Jan Hus gegründet. Kurz darauf wurde eine nationale Sammlung veranstaltet, und die Gelder für den Bau des Denkmals kamen sehr schnell zusammen. 1903 konnte endlich der Grundstein gelegt werden. Der Akt der Grundsteinlegung verwandelte sich in eine politische Proklamation des Vermächtnisses von Jan Hus als Nationalheld. Der damalige Politiker der jungtschechischen (also liberalen) Partei Eduard Grégr fasste dies so zusammen: „In dieser für die ganze christliche Menschheit so traurigen und elenden Zeit wurde in einem kleinen Städtchen am Fuße des Böhmerwalds ein Mann geboren, der zu einer leuchtenden Fackel in der dunklen Nacht des Mittelalters werden sollte, der als erster die Fesseln zu zerbrechen begann, mit denen der menschliche Geist gefangen gehalten wurde. Ohne Jan Hus und ohne die siegreichen Gotteskämpfer hätte sich die tschechische Nationalität nicht retten können, Magister Jan Hus sollte von jedem Tschechen verehrt und gefeiert werden, egal welcher religiösen und politischen Überzeugung er anhängt, und wenn es keine anderen Gründe gäbe, dann aus rein nationalen und patriotischen Gründen.“

Die Prager Deutschen sahen in der Politisierung des Denkmalbaus dagegen einen eindeutigen Akt des tschechischen Nationalismus. Die Tageszeitung Bohemia schrieb: „die, die damals die Errichtung des Denkmals für einen Frevel hielten und dagegen kämpften, können sich heute beruhigen. Diese Hus-Feier war nicht gegen den Katholizismus gerichtet, sondern stellte eine politische, antideutsche, nationale Demonstration panslawistischen Charakters dar; das Denkmal soll nicht den Überzeugungshelden, den Reformator feiern, sondern jenen Hus, der sein Volk aus den Fängen der Fremden befreite und die Universität von frechen Eindringlingen säuberte.“

 

V.

 

Um das damalige politische Meinungsspektrum in ganzer Breite zu zeigen, seien auch der evangelische Standpunkt und die Einstellung der Sozialdemokratie genannt. Die evangelische Zeitschrift „Hlasy ze Siona“ äußerte sich zu der politisierten Diskussion bereits Anfang 1889: „Das ist nicht der ganze Hus; gerade das Wichtigste fehlt, es fehlt sein Herz, seine Seele. Gerade seine aufrichtige Frömmigkeit war ihm Aufmunterung, Quelle der Gewissenhaftigkeit, der Stärke und der Ausdauer. Hus war also kein Liberaler oder sogar Revolutionär, sondern ein Konservativer, der sich darum bemühte, das alte Fundament der Kirche und die Seele der Gläubigen zu wahren und zu verteidigen. Hus war zunächst ein treuer Apostel Christi und erst danach Magister unserer Nation.“

Die Führung der sozialdemokratischen Partei gab sie im Zusammenhang mit der Grundsteinlegung eine Erklärung heraus, die unter anderem besagte: „Wo die Sozialdemokraten Hus nicht selbst und auf ihre Weise feiern können, werden sie sich nicht den bourgeoisen Heuchlern anschließen und diesen bei den Feiern als freiwillige Komparserie dienen. Der moderne Mensch steht mit seinen Ansichten in großem Widerspruch zu Hus und auch die Sozialdemokratie ist gegen ihn, denn unser Ziel liegt nicht in der Religion und jenseits des Grabes, sondern unser Ziel liegt hier auf Erden.“

Das Hus-Denkmal wurde Prag feierlich im Jahr 1915 anlässlich des 500. Jahrestags der Verbrennung von Jan Hus übergeben. Eine festliche Enthüllung hatten die Behörden verboten und die Übergabefeier durfte nur hinter den geschlossenen Türen des Altstädter Rathauses stattfinden, aber auch so wurden die dort vorgetragenen Reden als Äußerungen des Patriotismus verstanden.

Auch in der modernen Zeit elektrisierten Jan Hus und sein Vermächtnis die Massen weiter. Die Konstituierung des neuen Staatsfeiertags der Tschechoslowakischen Republik, nämlich des Jan-Hus-Feiertags, bei gleichzeitiger Aufhebung des Johannes-Nepomuk-Feiertags steht hinter dem Konflikt zwischen der Tschechoslowakei und dem Vatikan. Der päpstliche Nuntius verließ die Republik und die diplomatischen Beziehungen hatten einen Schaden erlitten. Auch aus diesem Grund hat die Tschechische Republik bis heute mit dem Vatikan keinen gängigen diplomatischen Vertrag geschlossen.

Die Interpretation von Hus als Nationalheld und für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfender Persönlichkeit entwickelte sich zur zentralen These, die in der tschechischen Gesellschaft bis heute überlebt. In den Folgejahren und besonders in der Zeit des Kommunismus wurden die christlichen und kirchlichen Motive im Leben des Jan Hus noch weiter unterdrückt, während sein Kampf für die tschechische Nation und neu vor allem für soziale Gerechtigkeit in den Vordergrund rückte. Hus überlebte daher im Bewusstsein der Tschechen eher als Kämpfer für die Rechte des armen Volks denn als Kirchenreformator. Zur Verfestigung dieses Bild trug in den 1950er Jahren auch die Filmtrilogie über das Hussitentum bei, die auf Alois Jiráseks Schriften aus dem frühen 20. Jahrhundert basierte.

Das Bild Hussens als Nationalhelden wird heute schwächer, bleibt aber im Bewusstsein der säkularisierten tschechischen Gesellschaft. Vielmehr sind es die Kirchen, und unter ihnen an erster Stelle die katholische Kirche, für die Hus und sein Andenken eine lebendige Herausforderung darstellen. Die ersten Versuche, den traditionellen katholischen Standpunkt zu verändern, gab es bereits beim Zweiten Vatikanischen Konzil, wo Kardinal Josef Beran, der im Exil lebende abtretende Prager Erzbischof, sagte: „Anscheinend leidet auch in meinem Heimatland die katholische Kirche immer noch für das, was in der Vergangenheit in ihrem Namen gegen die Gewissensfreiheit ausgeübt wurde, wie im 15. Jahrhundert die Verbrennung des Priesters Jan Hus, oder im 17. Jahrhundert der äußere Zwang gegenüber einem Großteil der tschechischen Nation, erneut den katholischen Glauben zu empfangen. Selbst wenn die weltliche Macht der katholischen Kirche dienen will oder dies zumindest vorgibt, verursacht sie mit solchen Taten in Wirklichkeit eine dauerhafte verborgene Wunde im Herzen der Nation.“

An diese Initiative knüpften die Arbeit der Hus-Kommission und die abschließende Konferenz im Vatikan im Jahr 1999 an. Johannes Paul II. äußerte hier sein Bedauern über den grausamen Tod des Jan Hus und stellte ihn in die Reihe der europäischen Kirchenreformer. Jüngst hat sich auch Papst Franziskus zu diesem Nachlass gemeldet. In seiner Rede zu Vertretern verschiedener Kirchen aus Tschechien sagte er: „Im Lichte dieser Annäherung muss das Studium zur Person und zum Wirken von Jan Hus weitergeführt werden. Eine solchermaßen ohne ideologische Beeinflussung durchgeführte Forschung wird ein wichtiger Dienst an der geschichtlichen Wahrheit und an allen Christen und der gesamten Gesellschaft auch jenseits der Grenzen eurer Nation sein.“ Wir sind sehr dankbar für diese Worte. Der Nachlass von Jan Hus bleibt mit uns wie ein stilles, sanftes Sausen. Hören wir ihm zu.

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