Abschied als Aufbruch

Der Schluss des Markusevangeliums

As part of the event "The Gospel of Mark", 14.04.2025

Wikimedia Commons

Der Schluss des Markusevangeliums hat hitzige Diskussionen ausgelöst. Unzufriedenheit macht sich breit: Erstaunt und ernüchtert stehen Leserinnen und Leser, Forscherinnen und Forscher vor den vermutlich letzten Worten des ältesten Evangeliums.

Schnell wurde die kritische Frage laut, ob Mk 16,8 überhaupt den ursprünglichen, vom Verfasser vorgesehenen Schluss darstellt. Frauen fliehen, nachdem sie die Osterbotschaft vernommen haben, in Furcht und blankem Entsetzen weg vom Grab. Entgegen dem Auftrag des Engels sagen sie nichts zu niemandem. Kann ein Evangelium – per definitionem: eine gute Nachricht – in Angst und tiefem Schweigen enden? Wie geht es weiter? Reden die Frauen schließlich wieder? Werden sie den Jüngern die Osterbotschaft – wie aufgetragen – übermitteln? Findet die angekündigte Erscheinung Jesu in Galiläa statt?

Der Schluss lässt die Leserinnen und Leser mit vielen offenen Fragen zurück. Am Ende unserer Biblischen Tage soll es um eine kritische Auseinandersetzung mit den letzten Worten des Markusevangeliums gehen. Wenn dies – was erst noch zu begründen ist – der beabsichtige Schluss des Markusevangeliums ist, wie fügt er sich in die theologische Konzeption des Evangeliums ein? Welche Bedeutung und Funktion hat dieses abrupte Ende?

 

Der Text Mk 16,1–8

 

1 Und als vorüber war der Sabbat, Maria, die Magdalenerin, und Maria, die des Jakobus, und Salome kauften Essenzen, damit kommend sie ihn salbten. 2 Und sehr früh am Ersten der Woche gehen sie zum Grab, als aufgegangen war die Sonne. 3 Und sie sagten zu sich: Wer wird uns den Stein aus der Tür des Grabes wegwälzen? 4 Und aufschauend erblicken sie, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. 5 Und hineingehend ins Grab, sahen sie einen jungen Mann zur Rechten sitzen, umworfen mit weißem Gewand, und sie erschraken. 6 Der aber sagt ihnen: Erschreckt nicht! Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten; erweckt wurde er, er ist nicht hier; sieh, der Ort, wohin sie ihn legten! 7 Doch geht fort, sprecht zu seinen Jüngern und zu Petrus: Vorangeht er euch nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er zu euch gesprochen hat. 8 Und herausgehend flohen sie vom Grab, denn es hielt sie Zittern und Entsetzen; und sie sagten keinem etwas; denn sie fürchteten sich.

 

Die Argumente: Das ist der „echte“ Markusschluss

 

Bevor wir uns der Interpretation des Schlusses zuwenden, gilt es zunächst, die Frage zu klären, ob dies überhaupt der „richtige“ und beabsichtigte Schluss des Markusevangeliums ist. Immer wieder wurden auch andere – diesen Schluss in Zweifel ziehende – Thesen vorgebracht, wie etwa: Das letzte Blatt des Markusevangeliums ging verloren. Oder: Der Evangelist starb, bevor er sein Evangelium ordentlich beenden konnte. Oder: Markus verfügte über keine weiteren Quellen und Notizen und beendete sein Evangelium schlicht und ergreifend dort, wo seine Traditionen aufhörten.

Die genannten Thesen können freilich kaum überzeugen. Sie werden übrigens immer dann – auch im Fall anderer Schriften des Neuen Testaments – ins Feld geführt, wenn das Ende eines Werks – etwa der Apostelgeschichte – unbefriedigend erscheint und nicht den Wünschen der Leserinnen und Leser entspricht.

Dem Wunsch, den Markusschluss etwas weicher zu gestalten, verdanken sich auch die beiden anderen Schlüsse, die – in den Bibelausgaben oft in Klammern angefügt – existieren: ein Mk 16,8 ergänzender kürzerer und ein längerer Schluss.

Der kürzere Schluss lautet: „Alles, was ihnen befohlen war, meldeten sie denen um Petrus. Danach aber sandte auch Jesus selbst durch sie vom Aufgang bis zum Niedergang die heilige und unvergängliche Verkündigung der ewigen Rettung. Amen.“

Offensichtlich reagiert dieser „kürzere“ Schluss auf die – nach der Lektüre von Mk 16,1–8 – offene Frage, ob die Frauen den Auftrag des Engels ausführten. Diesen Schluss prägt ein anderer Wortschatz, der so im Markusevangelium kaum zu finden ist. Man denke nur an die Wendungen „vom Aufgang bis zum Niedergang“ und „die heilige und unvergängliche Verkündigung der ewigen Rettung“. Textkritisch wird dieser Schluss von einer altlateinischen Handschrift des 4. oder 5. Jahrhunderts bezeugt, die auf eine Vorlage aus dem 3. Jahrhundert zurückgehen mag. In der griechischen Textüberlieferung hält sich dieser Schluss bis ins 13. Jahrhundert hinein.

Neben diesem „kürzeren“ Schluss existiert auch noch eine „längere“ Fassung, die ebenso Mk 16,8 ergänzt und inhaltlich erweitert. Dieser „längere“ Schluss lautet: „9 Als er aber frühmorgens am ersten Tag der Woche auferstanden war, erschien er zuerst Maria aus Magdala, aus der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. 10 Die ging und berichtete es denen, die mit ihm gewesen waren und jetzt nur noch weinten und klagten. 11 Und als sie hörten, dass er lebe und von ihr gesehen worden sei, glaubten sie es nicht. 12 Danach aber zeigte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen, die unterwegs waren aufs Feld hinaus. 13 Und die gingen und berichteten es den Übrigen, und auch denen glaubten sie nicht. 14 Zuletzt zeigte er sich den Elfen, als sie bei Tisch saßen, und tadelte ihren Unglauben und ihre Hartherzigkeit, weil sie denen, die ihn als Auferweckten gesehen hatten, nicht geglaubt hatten. 15 Und er sagte zu ihnen: Geht hin in alle Welt und verkündigt das Evangelium aller Kreatur. 16 Wer zum Glauben kommt und getauft wird, wird gerettet werden, wer aber nicht zum Glauben kommt, wird verurteilt werden. 17 Denen aber, die zum Glauben kommen, werden diese Zeichen folgen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Sprachen werden sie reden, 18 Schlangen werden sie mit bloßen Händen aufheben, und tödliches Gift, das sie trinken, wird ihnen nicht schaden, Kranke, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden. 19 Nachdem nun der Herr, Jesus, zu ihnen geredet hatte, wurde er in den Himmel emporgehoben und setzte sich zur Rechten Gottes. 20 Sie aber zogen aus und verkündigten überall. Und der Herr wirkte mit und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die dabei geschahen.“

Dieser Schluss wird von Irenäus bezeugt und breitet sich ab dem Ende des 2. Jahrhunderts aus. Letztlich stellt dieses Ende eine freie Synthese aus den Schlüssen der anderen Evangelien dar. Die Anklänge sind kaum zu überhören: Mk 16,9 spielt auf Joh 20,11–18 und die Begegnung zwischen dem Auferstandenen und Maria Magdalena an; Mk 16,12–13 fasst die Emmaus-Erzählung in Lk 24,13–35 zusammen; Mk 16,17–18 resümiert die Wundererzählungen in der Apostelgeschichte, während Mk 16,19 von der Aufnahme Jesu in den Himmel spricht und fast wörtlich Lk 24,51 zitiert.

Im Hintergrund des „längeren“ Schluss dürfte abermals eine starke Unzufriedenheit gegenüber Mk 16,8 stehen: Das abrupte Ende wird um bekannte Traditionen aus den anderen Ostererzählungen ergänzt, die offene Fragen des Markusschlusses klären und dem ältesten Evangelium eine thematisch abgeschlossene Rundung verleihen sollen.

Das Ende des Markusevangeliums mit Mk 16,8 dagegen wird von den ältesten und in der textkritischen Forschung als qualitativ hochwertig eingeschätzten Handschriften bezeugt: dem Codex Vaticanus und dem Codex Sinaiticus, die aus dem 4. Jahrhundert stammen. Entscheidend ist auch der Hinweis, dass die Seitenreferenten – das Matthäus- und das Lukasevangelium – der Markus-Vorlage nur bis Mk 16,8 folgen und danach eigene Wege gehen. Dem Matthäus- und dem Lukasevangelium dürfte also das Markusevangelium nur bis Mk 16,8 vorgelegen haben und bekannt gewesen sein. Auch in den sonstigen Handschriften enden die Kanonzahlen bei Mk 16,8, übrigens sogar dann, wenn der kürzere und der längere Schluss hinzugefügt werden. Zudem setzen Clemens von Alexandrien, Origenes, Euseb und Hieronymus in ihren Kommentaren zum Markusevangelium Mk 16,8 als Schluss des Evangeliums voraus.

Die Benutzung des Markusevangeliums durch die Seitenreferenten nur bis Mk 16,8, die Kirchenvätertradition und die handschriftliche Bezeugung, aber auch der sich sonst vom Markusevangelium unterscheidende Stil und Wortschatz des kürzeren und längeren Markus-Schlusses belegen: Mit Mk 16,8 stehen wir vor dem ursprünglichen und wohl auch vom Evangelisten beabsichtigten Ende des Markusevangeliums. Diesen Schluss gilt es zu interpretieren, auch wenn er Leserinnen und Lesern sperrig und schwer verständlich erscheinen mag.

 

Der Kontext und die Gliederung: Erste Verständnisschlüssel

 

Nach der Grablegung Jesu beginnt mit Mk 16,1 eine neue Erzähleinheit, die aber gut mit den vorab erzählten Ereignissen verbunden und in den Kontext eingebettet ist. So werden in Mk 15,40.41.47 die Frauen eigens als Zeuginnen der Grablegung Jesu erwähnt. Sie begeben sich nun, am ersten Tag der Woche, zum Grab Jesu, um den Leichnam Jesu zu salben. Das erinnert an die vor der Passion erzählte Salbung Jesu in Betanien (Mk 14,3–9): Die Salbung wird also – nachdem sie angesichts der Auferweckung Jesu nicht mehr nötig ist – vorweggenommen. Die Salbung in Betanien weist auf Jesu Tod voraus, während die buchstäblich ins Leere laufende Salbungsabsicht der Frauen am Ostermorgen die Auferweckung Jesu illustriert.

Bereits vor Beginn der Passion Jesu wurde eine Erscheinung Jesu nach seiner Auferweckung in Galiläa angekündigt (Mk 14,28). Diese Begegnung in Galiläa wird nun in Mk 16,7 aufgegriffen und erneut bestätigt. Auch die Hervorhebung von Petrus in Mk 16,7 weist auf dessen Verleugnung in Mk 14,66–72 zurück, die von Jesus in Mk 14,30 vorhergesehen wurde.

Dabei schildert Mk 16,1–3 in einem ersten Teil die Situation: Die Frauen machen sich zum Grab Jesu auf, um den Leichnam Jesu zu salben. Während ihres Gangs zum Grab beschäftigt sie die Frage, wer ihnen den Stein vor dem Grab wegwälzen könnte.

In Mk 16,4 finden die Frauen das leere Grab Jesu. Der Stein wurde bereits weggewälzt. Die Botschaft des jungen Mannes in Mk 16,5–7 bietet die Deutung des leeren Grabes: Jesus wurde erweckt. Daran schließt sich unmittelbar der Auftrag an, den Jüngern und insbesondere dem Petrus diese Botschaft zu übermitteln und nach Galiläa zu gehen. Dort lässt sich Jesus – wie er selbst angekündigt hat – sehen.

Mk 16,8 schildert die Reaktion der Frauen: Sie fliehen in Angst und Schweigen vom Grab. Fast lapidar wird – am Ende des Evangeliums – nochmals der Grund für die Reaktion der Frauen angegeben: „denn sie fürchteten sich“.

 

Zur Einzelauslegung: Girlanden um die großen Worte

 

Vers 1 setzt eine deutliche Zäsur. Der Sabbat ist vorüber. Der Gang zum Grab leitet eine neue Phase der Trauer und des Abschiednehmens ein. Den Bezug zur Kreuzigung und Grablegung Jesu stellen die Frauen her, die hier wie dort namentlich erwähnt werden. Sie fungieren als Kontinuitätsgaranten und zuverlässige Zeuginnen: Sie haben den Tod und die Bestattung Jesu miterlebt. Nachdem die Jünger geflohen sind, sind sie die ersten Zeuginnen der Auferweckung Jesu. Mit der Nennung der Frauen mag das Markusevangelium auch ein apologetisches Ziel verfolgen: Eine Täuschung ist unmöglich. Das Zeugnis der Frauen ist zuverlässig, da sie doch das Sterben Jesu mitverfolgt haben und den Ort seiner Bestattung kennen.

Eine Doppelung stellen die Bemerkungen „sehr früh am Ersten der Woche“ und „als aufgegangen war die Sonne“ dar. Sollte es sich bei dieser tautologischen Beschreibung um einen metaphorischen Hinweis auf die Auferweckung Jesu handeln? Auf die Dunkelheit des Karfreitags (Mk 15,33) folgt der helle Ostermorgen. Zudem ist – biblisch gesprochen – der frühe Morgen der Zeitpunkt des göttlichen Eingreifens: „Gott hilft, wenn der Morgen anbricht.“ (Ps 46,6, vgl. auch Ps 30,6; 143,8)

Die Frauen sind aufgewühlt, was auch die Zeitform – das Verb im Imperfekt – deutlich zum Ausdruck bringt: Die ganze Zeit über beschäftigt sie die Frage, wer ihnen den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen könnte.

Der Stein vor der Grabkammer wurde bereits in Mk 15,46 erwähnt. Hier wird die Größe des Steins eindrucksvoll herausgestellt. Die Größe des Steins demons-
triert schließlich die Größe des Wunders und des göttlichen Eingriffs, da die Frauen von sich aus nicht fähig waren, den Stein wegzuwälzen. Die Passivform darf als passivum divinum verstanden werden: Hinter der Wendung steht Gott, der gehandelt und Jesus auferweckt hat.

Wie in Echtzeit – im Prä­sens beschrieben – schildert Vers 4 das Aufblicken der Frauen. Auch dies darf als eine metaphorische Anspielung gelten: An die Stelle der niedergedrückten Depression des Karfreitags tritt nun die aufrichtende Botschaft des Ostermorgens. Die Frauen richten sich regelrecht auf.

Vers 5 beschreibt mit wenigen, aber aussagekräftigen Wendungen den jungen Mann, dem die Frauen in der Grabkammer begegnen. Letztlich repräsentiert der Mann figürlich die Osterbotschaft. Er wird auf der rechten Seite – der Seite der Macht – verortet. Er ist mit einem weißen Gewand umhüllt, das ihn der Sphäre Gottes zuordnet. Das weiße Gewand ist Zeichen der Reinheit und der Würde. Auch sein junges Alter dürfte den Inhalt seiner Worte unterstreichen: Wie die Botschaft, die er verkündigt, strotzt er selbst vor Leben. Zudem verfügt er über ein transzendentes Wissen: Er blickt den Frauen ins Herz, weiß um ihre Angst und ihr Vorhaben, Jesus salben zu wollen. Der junge Mann bringt die Auferweckungsbotschaft im Wort und in seiner Person zum Ausdruck.

Festzuhalten bleibt, dass das leere Grab allein kein zureichendes Argument für die Auferweckung Jesu ist. Das Grab ist allenfalls ein Zeichen. Es muss mit einer guten Botschaft erfüllt, es muss gedeutet werden. So wird es zum sprechenden Zeichen.

Zur Kreuzestheologie des Markusevangeliums passt die genaue Identifikation Jesu: Der junge Mann nennt Jesus den Nazarener, den Gekreuzigten. Bevor die Osterbotschaft erklingt, wird nochmals an den irdischen, leidenden und gekreuzigten Jesus erinnert. Leben, Wirken und Tod Jesu gehören zusammen. Die Bedeutung von Ostern lässt sich nur auf dem Hintergrund der vorangegangenen Kreuzigung Jesu vollends verstehen.

Die Auferweckung Jesu wird in einer Formulierung, die Gott als Handelnden erkennen lässt, ausgedrückt: Jesus wurde erweckt. Die Passivform ist auch für das urchristliche Bekenntnis entscheidend. Gott hat am toten Jesus gehandelt und ihn erweckt (1 Kor 15,4). So hoffen auch die frühen Christen, wie Jesus von Gott auferweckt zu werden (1 Kor 6,14; 2 Kor 4,14).

In prägnanter Kürze wird die Osterbotschaft – in nur einem Halbsatz – verkündet. Daran schließt sich mit Vers 7 ein Auftrag an. Fast scheint es, als wolle der junge Mann die Frauen regelrecht vom Grab Jesu fortscheuchen: Was sucht ihr noch hier? Kaum ist die Osterkerze angezündet, wird sie nach Galiläa getragen: hinein in den Alltag, hinein ins Leben.

Neben den Jüngern wird Petrus eigens erwähnt und – angesichts seiner Verleugnung – rehabilitiert. Die Nennung von Petrus dürfte auch durch seine Rolle im Jüngerkreis und seine Sprecherfunktion veranlasst sein: Mit allen Jüngern gilt vor allen Dingen ihm die Botschaft des Ostermorgens.

Wie schon zu Lebzeiten geht nun auch der auferweckte Jesus den Jüngern voran. Konkret heißt dies: Ostern macht die Nachfolge wieder möglich. Die verängstigten und geflohenen Jünger sollen wieder in die Nachfolge eintreten: Jesus geht ihnen voraus nach Galiläa.

Galiläa fungiert im Markusevangelium als theologische Chiffre: Dort wurde das Evangelium zuerst verkündet. Galiläa ist die Heimat der Jüngerinnen und Jünger, der Ort ihrer Familien und Berufe, ein Ort des Alltags. Ostern also wirkt sich – zunächst und vor allen Dingen – im Alltag aus. Ostern ist für das Leben da.

Das Sehen des Auferweckten dürfte ganz grundlegend und bedeutungsbreit zu verstehen sein. Der Auferweckte lässt sich im Leben und im Alltag der Jüngerinnen und Jünger erfahren. Im Alltag ist er an ihrer Seite. Dort in Galiläa wirkt sich Ostern aus.

Vers 8 bietet die Reaktion der Frauen: Flucht und blankes Entsetzen. Besonders intensiv wurde in der Forschung das Schweigen der Frauen diskutiert, das deutlich herausgestellt wird: Die Frauen sagen nichts zu niemandem. Handelt es sich dabei um ein befristetes oder ein unbefristetes und dauerhaftes Schweigen? Die Tatsache, dass es das Evangelium gibt, macht sicher deutlich, dass die Frauen wieder Worte fanden und dem Auftrag nachkamen, den Jüngern die Osterbotschaft zu übermitteln.

Vers 8 stellt eine Bestätigung der Verse 6 und 7 dar und sollte nicht als der eigentliche Abschluss der Erzähl­einheit verstanden werden. Die Reaktion der Frauen fügt sich gut in die Darstellungsweise des Markusevangeliums ein. Furcht und Schweigen sind die passende Reaktion der Frauen auf das Gehörte. Oder anders: Auch an der Wirkung lässt sich die Auferweckungsbotschaft erkennen und ermessen. Die Reaktion der Frauen ist Teil der theologischen Gebärdensprache des Markusevangeliums: Angst, Furcht und Erstaunen demonstrieren den göttlichen Eingriff.

Julius Wellhausen bestätigt die Funktion von Mk 16,8, wenn er schreibt: „Mit 16,8 endet das Evangelium Marci. Die meisten Ausleger sind damit nicht zufrieden und nehmen an, daß der Verfasser an der Vollendung seiner Schrift verhindert oder daß ursprünglich noch mehr gefolgt sei, was später aus irgend welchen Gründen der Zensur zum Opfer fiel. Sie haben 16,4 nicht verstanden. Es fehlt nichts; es wäre schade, wenn noch etwas hinterher käme.“ (Das Evangelium Marci, Berlin 21909, 137) Insofern lässt sich sagen: Eigentlich endet das Markusevangelium mit der – zugegebenermaßen kurzen – Verkündigung der Auferweckung Jesu. Den Schluss stellen Mk 16,4 bzw. Mk 16,6–7 dar. Die Reaktion der Frauen bestätigt dies. Mk 16,8 ist der sinnenfällige Beweis: der stilgemäße Reflex auf die vernommene Osterbotschaft.

 

Zum Weitergehen: Ein „markinisches“ Ostern

 

Offensichtlich hatten die Adressaten des Markusevangeliums mit der Osterbotschaft wenig Probleme. Sie gehört zum Markusevangelium hinzu – zweifellos. Doch sie bleibt auf ein notwendiges Minimum beschränkt. Dagegen wird im Markusevangelium die Kreuzigung Jesu umso ausführlicher beschrieben und behandelt. Nicht von ungefähr wurde das Markusevangelium von Martin Kähler eine „Passionserzählung mit ausführlicher Einleitung“ genannt. Selbst in der Ostererzählung erinnert das Markusevangelium noch an Jesus, den Nazarener und Gekreuzigten. Damit unterstreicht Markus, was Ostern bedeutet: Ostern setzt das Kreuz, die Kreuzwege und Leidenserfahrungen in ein neues Licht. Dieser Jesus kennt das Kreuz und wird im Markusevangelium als der Gekreuzigte und Auferweckte dargestellt: nicht als ein strahlender Held, der die Niederungen des Lebens nicht kennt oder gar meidet. Als Leidender und Gekreuzigter zehrt er – wie die Adressaten des Evangeliums – von der rettenden Macht Gottes.

Dies passt denn auch zu der im Markusevangelium eigens hervorgehobenen Stoßrichtung der Osterbotschaft: Geht zurück nach Galiläa! Dort, mitten im Alltag, soll sich Ostern bewahrheiten und auswirken. Nicht im alltagsfernen Vorraum des Grabes hat sich der Osterglaube zu erweisen, sondern in der Nachfolge Jesu: zurück im grauen und gewöhnlichen Alltag und Leben.

Das Markusevangelium endet offen. Es wird keineswegs alles erzählt. Eine Begegnung mit Jesus wird zwar angekündigt, aber nicht geschildert. Den Auftrag des jungen Mannes führen die Frauen in der erzählten Welt des Markusevangeliums nicht aus. Es bleibt noch viel zu tun, zu erleben und zu erfahren.

Der offene Schluss des Markusevangeliums aktiviert die Leserinnen und Leser. Anstelle der Frauen sollen sie Worte finden und zu Verkündigern der Osterbotschaft werden. Wie die Jünger können auch sie dem Auferweckten begegnen im Galiläa ihres Lebens.

Das Markusevangelium endet offen, weil es auf Fortsetzung angelegt ist und auf die aktive Mitwirkung der Adressaten baut. Der Schluss des Markusevangeliums will zu einem neuen Anfang im Leben der Leserinnen und Leser werden. Am Ende ist alles gesagt, aber doch auch alles erst noch zu tun:
Das Evangelium will hinein in das Leben der Adressaten.

Hier übersteigt die Gattung Evangelium auch alle sie prägenden literarischen Vorbilder und Vergleichstexte: alle Kaiserviten und Heldenepen. Die Evangelien – und allen voran das Markusevangelium – bleiben eben nicht nur anamnetisch, erinnernd: Sie zielen ins Präsens. Kein Evangelium – auch nicht das Matthäus-, Lukas- oder Johannesevangelium – schließt vollends ab. Jedes Evangelium öffnet sich auf einen neuen Anfang hin. Der Schluss ist der Ansatzpunkt der Leserinnen und Leser. Insofern gilt für das Ende des Markusevangeliums, was Thomas Stearns Eliot in seinem Gedicht Little Gidding zum Ausdruck bringt: „What we call the beginning is often the end / And to make an end is to make a beginning. / The end is where we start from.“

More media by the author / Topic: Theology | Church | Spirituality

Current events on the topic: Theology | Church | Spirituality