Die Zeit der Frauen kann kommen

Ordo socialis

Eminenz, lieber Kardinal Reinhard Marx, sehr geehrter Herr Professor Dr. Vogt, sehr geehrter Herr Dr. Budde von der Katholischen Akademie, sehr geehrte Frau Patrizia Ehret von Ordo socialis, sehr verehrte Damen und Herren, vielen Dank für Ihre Einladung – es freut mich sehr, heute in München zu sein. Als ich von Matthias Belafi gefragt wurde, ob ich den Ordo-socialis-Preis annehmen würde, war meine Überraschung groß: Habe ich diese Ehre überhaupt verdient, wo doch so viele sich aktiver und ganz sicher auch auf eine orthodoxere Weise als ich für die Soziallehre der Kirche einsetzen? Doch plötzlich fiel mir Caravaggios Gemälde in San Luigi dei Francesi in Rom ein. Nach Markus (Mk 2,17) zeigt Jesus mit dem Finger auf den erstaunten Zöllner Levi, der ihm schließlich folgt. Die Rechtfertigung lautet: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten.“

Für Selbstzufriedenheit gibt es also keinen Anlass. Diesen Preis nehme ich als eine wunderbare Ermutigung an.

 

Zuerst eine Vorbemerkung

 

Diese Rede habe ich nicht wirklich als „politische Strategie gegen die radikale Rechte in Europa“ konzipiert. Aus einem Grund: Unser bester Schild gegen die braunen Ideen ist die Stärke unserer eigenen Überzeugungen und unseres Glaubens. Wofür stehen wir? Das ist die entscheidende Frage. Es zu wissen, ist meiner Meinung nach die beste Strategie.

Erlauben Sie mir also, drei Punkte zu erwähnen: erstens meine Dankbarkeit für die Liebe, die ich persönlich erfahren durfte, und für das Gebot der Liebe, das in dieser trüben Zeit ein Leuchtturm im Dunkeln ist. Zweitens meine Dankbarkeit für die klare Botschaft von Papst Franziskus zu unserer Verantwortung für die Umwelt. Und schließlich – denn zu viel Dankbarkeit kann tatsächlich langweilig sein – möchte ich die Kirche und uns alle auffordern, mehr für die Frauen zu tun.

 

Dankbarkeit für die Liebe und das Gebot der Liebe, die Eingang in das Projekt der europäischen Einigung gefunden haben

 

Meine tiefe Dankbarkeit gilt zunächst meiner Familie, die mir in meiner Kindheit – und danach – so viel Liebe geschenkt hat. Als Kind erlebte ich täglich etwas Besonderes: eine Mischung aus christlichem Glauben (zu Hause) und Säkularisierung (in der Schule der Französischen Republik) – und das in Marseille. Evangelium und Voltaire, Kirche am Sonntag und Schulkameraden, die Armenier, Moslems oder Juden waren.

Ich bin auch den Gläubigen dankbar, denen ich später begegnet bin: Pater Louis Delatour SJ, unserem Seelsorger an der ENA, der meinem Mann und mir so viel beigebracht hat; Richard von Weizsäcker, der sich 1980 in einem Text über Liebe – Maßstab politischer Ordnung Gedanken gemacht hat, den ich zufällig in einer Bonner Buchhandlung entdeckt habe und der mich seitdem begleitet. Als ich das Glück hatte, den ehemaligen Bundespräsidenten beim evangelischen Kirchentag kennenzulernen, wurden wir Freunde. In langen Gesprächen hat er mir so viel gegeben, besonders wenn es um „das Spannungsverhältnis zwischen dem Gebot der Liebe und dem Gebot der Macht“ ging; Robert Badinter, der Jurist jüdischer Konfession, der das Neue Testament für das Gebot der Liebe bewunderte. Sie alle leben in meinem Herzen weiter.

Besonderer Dank gilt Ihnen, Eminenz, lieber Kardinal Marx, für unsere ausgezeichnete Zusammenarbeit in Brüssel, als Sie die COMECE (Commission of the Bishops’ Conferences of the European Union) leiteten und wir uns mit dem wichtigen Konzept der sozialen Marktwirtschaft beschäftigten. Damals trug ich im Europäischen Parlament die Verantwortung für die interfraktionelle Arbeitsgruppe zur Bekämpfung von Armut. Die benachteiligten und armen Menschen, mit denen wir uns eng ausgetauscht haben, haben mir viel gegeben. Muss ich hier betonen, dass zurzeit 93 Millionen Europäer „at risk of poverty“ sind (das heißt an der Schwelle der Armutsgrenze oder darunter)? Das sind also circa 21 % der Gesamtbevölkerung. Die Verzweiflung und der Zorn, die damit verbunden sind, müssen wir ernst nehmen, um die heutige Gesellschaft zu verstehen.

Was bleibt von dieser Erziehung und von diesen Erfahrungen? Das fantastische, anspruchsvolle und revolutionäre Gebot der Liebe. Die Zentralität der Würde des Menschen – grenzüberschreitend und im Geist der Ökumene. Die Ablehnung von Nationalismus. Das Christentum denkt universal. Ist es einfach, solchen Prinzipien treu zu bleiben? Sicherlich nicht. Jesus befindet sich nie dort, wo die „Anständigen“ seiner Zeit ihn erwarten. Heute würden wir sagen: Er holt uns aus unserer Komfortzone heraus. Er verspricht dem reuigen Schächer das Paradies, er wird von Maria Magdalena begleitet, spricht mit dem römischen Hauptmann. Was bedeutet seine anspruchsvolle Botschaft für uns heute?

Wir erleben keine ruhigen Zeiten, sondern – wie am Ende des 19. Jahrhunderts, als die Enzyklika Rerum Novarum veröffentlicht wurde – einen doppelten Bruch:

Gesellschaftlich: Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel verändern unsere Arbeits- und Lebensbedingungen. Geopolitisch: Die USA wandeln sich vom Verbündeten zum Gegner der EU und des internationalen Rechts. Nationalistische Regime blühen überall. Und Machtansprüche, Bedrohungen werden täglich erlebt. Nach und nach brechen alle Deiche.

In Venezuela wurde der (wenn auch nicht legitime) Präsident aus seinem Schlafzimmer entführt. Präsident Trump erklärt, die Stärke der USA für die Eroberung von Gütern und Territorien einsetzen zu wollen – Grönland? Kanada? Und die Idee einer „Riviera Gaza“, soll das ein Projekt sein, das Business und Diplomatie vermischt? Was bleibt vom Rechtsstaat in den USA, wenn der Kongress angesichts dieser Exzesse schweigt, wenn Bürger auf der Straβe von ICE erschossen werden, wie neulich in Minnesota und der Fed-Gouverneur von der Justiz brutal verfolgt wird?

Dass die Amerikaner nicht mehr für die Sicherheit europäischer Länder zahlen wollen, die wohl reich genug sind, um selbst ihre Verteidigung zu finanzieren, ist verständlich. Doch die Kontroverse mit den USA reicht mittlerweile tiefer, es geht nicht mehr nur um „Burden Sharing“. 2025 stellte Vizepräsident JD Vance hier in München, auf der Münchener Sicherheitskonferenz, die deutsche Demokratie infrage. Die „MAGA-Administration“ (und insbesondere die Freunde von Donald Trump, Steve Bannon und Elon Musk) unterstützen Parteien in Europa, die im Namen von „Nation“ und „Identität“ den Rechtsstaat missachten und die EU zerstören wollen: In Frankreich den Rassemblement National genauso wie Reconquête, in Italien die Fratelli d’Italia, in Deutschland die AfD. Diese Nationalisten lassen sich also von außen beeinflussen. Und viele Parteien, die gestern noch im politischen Zentrum standen, widerstehen der Versuchung nicht, ihren Ideen zu folgen. Ein solches Vorgehen ist allerdings kaum von Erfolg gekrönt.

Umso wichtiger ist es, uns zu besinnen: Liebe, die Würde des Menschen und das Gemeinwohl müssen im Mittelpunkt politischen Handelns bleiben. Der Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes ist in dieser Hinsicht ganz klar. Deshalb ist auch die Europäische Union mit ihrer Charta der Grundrechte (wie der Europarat mit der Menschenrechtskonvention) so wertvoll. Die EU haben wir von Generationen geerbt, die wussten, was Nationalismus mit sich bringt: „Le nationalisme, c’est la guerre“ (François Mitterrand).

Die EU mag Fehler gemacht haben, sie ist nicht perfekt – doch sie beruht auf Freiheit, Versöhnung, Zusammenarbeit und Solidarität als Pfeiler eines grenzüberschreitenden Zusammenlebens. Die Würde des Menschen erfordert Respekt, Dialog, aber auch Regeln, Verfahren und Institutionen. Gegengewichte sind gegen Extreme unumgänglich. In der EU schützen Richter die Bürger manchmal sogar vor dem eigenen Staat (man denke an Urteile zu Haftbedingungen). Eine 2007 für die COMECE erstellte Studie Une Europe de valeurs, la dimension éthique de l’Union européenne erinnert uns daran, dass die EU viel geleistet hat – auch im christlichen Sinne. Die Verfasser erwähnen: Frieden und Freiheit, bessere Völkerverständigung, eine gewisse Kombination von Macht und Verantwortung, die Förderung von Vielfalt und Subsidiarität, von Multilateralismus und Solidarität sowohl in der EU als auch mit dem Rest der Welt.

Ein expliziter Hinweis auf das Christentum in den Verträgen ist meiner Meinung nach, und auch laut den Verfassern dieser Studie, weniger entscheidend als die konkrete Verwirklichung der Prinzipien des Evangeliums, in einer inklusiven Art und Weise, die auch Nicht-Christen und Atheisten oder Ungläubige einbezieht, die sich mit denselben Werten identifizieren können.

Was heißt das? Auch wenn ich ausgezeichnete Bücher, die uns die soziale Lehre der Kirche erklären, gelesen habe, bin ich keine Theologin. Wenn ich verwirrt bin, lasse ich mich vom Gleichnis des barmherzigen Samariters leiten. Papst Franziskus schrieb in seinem Brief an die amerikanischen Bischöfe (Februar 2025) als Antwort auf die Interpretation von Ordo Amoris durch JD Vance: „Die wahre Ordnung der Liebe, die wir fördern müssen, ist die, die wir entdecken, wenn wir ständig über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter nachdenken (vgl. Lk 10,25–37), das heißt, wenn wir über die Liebe nachdenken, die eine allen offene Brüderlichkeit aufbaut – ohne Ausnahme.“ Mit denselben Worten erklärte Elisabeth von Thadden am Tag ihrer Hinrichtung durch die Nazis (1944) ihr Engagement für die Rettung der Juden: Der Samariter habe sie geleitet, nicht die Politik.

Was wäre die Alternative? Die Erniedrigung der Kleinen, der Verarmten, der Fremden.

Es handelt sich weniger um eine „Strategie“ als um eine dauerhafte, zentrale Verantwortung der Christen. Das sage ich, auch wenn ich persönlich das Gefühl habe, ich sei privilegiert und tue nicht genug für die anderen.

Heute ist bei den rechtsextremen Parteien oft von den mit Migranten verbundenen Problemen die Rede. Die darf man nicht kleinreden: in den Schulen, für das Wohnen und für das harmonische Zusammenleben in unseren Gesellschaften. Dennoch gilt, dass die Menschen, die zu uns kommen und unsere Gesetze respektieren, ihre Ressourcen, ihren Mut und ihre Arbeitskraft mitbringen. Unsere Krankenhäuser und Altersheime, unsere Restaurants und Hotels, die Bauunternehmen, die Agrarwirtschaft profitieren von deren Anwesenheit.

Christen dürfen sich nicht in geschlossenen, starren Identitäten einsperren lassen: Das Christentum interessiert sich wenig für Pässe und Stempel. Für Papst Franziskus ist die Heilige Familie von Nazareth, die nach Ägypten fliehen musste, um der Grausamkeit von Herodes zu entgehen, sogar „das Beispiel und der Trost“ aller Migranten zu allen Zeiten.

Manche Politiker fördern immer noch eine solidarische Gesellschaft und das ist gut so. In seiner Silvesteransprache 2024 bezeichnete der italienische Präsident Sergio Mattarella die Leistungen von Ausländern in Italien als „Patriotismus“: „Patriot ist, wer – auch wenn er aus einem anderen Land stammt – Italien liebt, die verfassungsmäßigen Werte und Gesetze verinnerlicht, das tägliche Leben voll auskostet und durch seine Arbeit und Sensibilität ein Teil davon wird, der unsere Gemeinschaft bereichert.“ Es ist „Verfassungspatriotismus“ von Habermas mit anderen Worten!

Ich bewundere, was die Kirchen seit 2015 in Deutschland – die katholische und die evangelische gemeinsam – für Geflüchtete geleistet haben. Und wie die deutschen Bischöfe im Februar 2024 gegen die AfD auftraten. Das erinnert an die Enzyklika Mit brennender Sorge von 1937. Was hatte Papst Pius XI. damals bewogen? Zwar standen das Konkordat und die Freiheit der Kirche im Mittelpunkt, doch wurden die Gefahren des Rassismus und der Zerstörung der Institutionen durch die NS-Ideologie klar benannt. Christ zu sein, heißt „Fratelli tutti“ zu sein – nicht nur mit Worten, sondern durch konkrete Taten. Es ist sicherlich nicht einfach. Unsere Pflicht ist es aber, es zu versuchen … „Il n’y a pas d’amour, il n’y a que des preuves d’amour“ („Es gibt keine Liebe, es gibt nur Beweise für Liebe“), wie wir auf Französisch sagen (Pierre Reverdy).

 

Meine Dankbarkeit für die Botschaft von Papst Franziskus über die Umwelt

 

Erlauben Sie mir bitte, einen zweiten Punkt zu erwähnen.

Als Mutter von drei Kindern und als Co-Vorsitzende einer französisch-britischen Initiative für die Finanzierung des Naturschutzes (IAPB) schätze ich die Stellungnahmen von Papst Franziskus besonders. Mit Laudato si’ (2015) und Laudate Deum (2023) erinnert er uns: Der Mensch ist nicht „Besitzer oder Herr der Natur“, sondern Teil von ihr. Das ist eine besondere Botschaft, da doch die Bibel sagt, der Mensch solle die Erde „beherrschen“ (vgl. Gen 1,28). Sie sagt aber auch, dass wir vergänglich sind, dass wir „nur Staub“ sind (vgl. Gen 2–7).
Hier wird wieder das Spannungsverhältnis der Liebe (des Respekts) und der Macht deutlich. Wir müssen uns von dem Modell des dominierenden Menschen verabschieden und aufhören, die Natur auszubeuten, was oft bedeutet, auch arme Menschen auszubeuten. Nur was sich regeneriert, kann Leben schützen. Nur was geteilt wird, schafft Freude. Papst Franziskus gab uns ein positives, fröhliches Bild der Ökologie, das vom heiligen Franziskus, der mit den Vögeln und dem Wolf sprach und die Natur genoss. In einer Zeit, in der der Kampf gegen den Klimawandel in der politischen Debatte ignoriert, oder gar verspottet wird, ist es besonders wichtig, sich an die Botschaft von Papst Franziskus für eine „integrale Entwicklung“ zu erinnern, integral weil es sowohl die Natur als auch die Menschen betrifft.

Die Leugnung wissenschaftlicher Fakten – wie in den USA und in manchen europäischen Parteien und Wirtschaftskreisen – könnte schlimme Konsequenzen haben. Klimawandel ist eine Realität. Der Living Planet Report 2024 des WWF zeigt einen erschreckenden Rückgang der Wildtierpopulationen um durchschnittlich 73 % seit 1970 und unterstreicht die dringenden Umweltkrisen sowie die Notwendigkeit sofortigen Handelns. Ich kann hier nicht ausführlicher sein, aber es ist eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderung, nicht nur eine ökologische.

Wissenschaft darf nicht ignoriert werden. Europa hat hier eine besondere Verantwortung: Hier wurden die ersten Universitäten gegründet (Bologna, Sorbonne, Heidelberg). Hier entstand die Aufklärung, die der Vernunft eine zentrale Rolle zuweist. Heute hörten wir oft Bedauern darüber, dass unsere Vorgänger nicht „strategisch“ genug über Abhängigkeiten – von russischem Gas, von amerikanischer militärischer Unterstützung – nachgedacht haben. Aber sind wir wirklich klarer?

Im Namen eines eingeschränkten Verständnisses von „Wettbewerbsfähigkeit“ leugnen wir die Abhängigkeit der Menschheit von der Natur, ignorieren die Herausforderungen des Klimawandels – obwohl Wassermangel und Artensterben dramatisch zunehmen.

Permanent auf EU-Regelungen zu schimpfen, ist unverantwortlich. Ja, Normen müssen präzise gefasst sein, aber sie sind es, die die Schwachen schützen. Und es kommt dazu, dass Lösungen zur Bewältigung der ökologischen Transformation existieren, etwa die regenerative Landwirtschaft oder Kreislaufwirtschaft.

Technologie kann helfen, natürliche Ressourcen besser zu verwalten (ein Beispiel ist die Gründung der Landbanking Group hier in Bayern, um die Qualität der Erde zu messen).

Und weniger Konsum würde unseren Gesellschaften und unseren Seelen und Körpern guttun.

Die christliche Soziallehre sieht die universelle Bestimmung der Güter vor: Die Konzentration von Reichtum in den Händen weniger ist nicht nur sozial ungerecht – wir sehen die Folgen für die Umwelt und für die Demokratie: In Russland unterstützen Oligarchen die Willkür. In den USA handeln im Bund diejenigen, die bereits den größten Teil der Wirtschaft kontrollieren und über kolossale Kapitalanteile verfügen. In Frankreich kaufen Milliardäre wie Vincent Bolloré oder Pierre-Edouard Stérin Medien, um ihre dunkle Propaganda zu verbreiten – und welche Tarnung benutzen sie? Die der „christlichen Identität“ und der „Tradition“.

Deshalb sind wir aufgefordert, für die Natur, für die Menschen Widerstand zu leisten.

Menschen … also „Männer und Frauen“, wenn ich so sagen darf.

Damit diese Preisverleihung nicht zu langweilig wird, möchte ich ein Thema ansprechen, bei dem die Kirche mehr leisten könnte – um es diplomatisch zu sagen. Nicht nur den Frauen zuliebe, sondern auch im eigenen Interesse und zugunsten der ganzen Gesellschaft.

 

Die Kirche und die Frauen

 

Lassen Sie mich mit Ihnen in die Alte Pinakothek in München gehen. In Eustache Le Sueurs wunderschönem Gemälde Christus im Hause der Martha (1654) zeigt Jesus Maria den Himmel: Sie habe Besseres zu tun, als sich nur um das Essen zu kümmern (vgl. Lk 10,38–42).
„Das Höhere“ ist auch für die Frauen. Auch sie dürfen „nach dem, was im Himmel ist“ streben (vgl. Kol 3,1–17). Nichts im Evangelium rechtfertigt, dass Frauen als Menschen zweiter Klasse gelten, dass man ihnen die Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper vorenthält und sie in der Kirche nur untergeordnete Rollen spielen dürfen. Es reicht nicht, in der Liturgie seit kurzem „Brüder und Schwestern“ zu sagen, ohne das System zu ändern.

Wenn die Kirchen in Europa leer sind, wenn die Wiegen leer sind – sollte dann nicht endlich die Zeit gekommen sein, liebe Herren in Politik und Kirche, sich ein paar Fragen zu stellen? Wer glaubt, dass die Frauen weiter eine Doppelbelastung ertragen werden, denn meistens haben sie eine Erwerbsarbeit und schultern gleichzeitig den Großteil der Care-Arbeit (Haushalt, Kindererziehung, Begleitung der alten Eltern)? Warum ist „Wokismus“ der neue Buhmann, der neue Beelzebub? Sind wir wirklich zu weit gegangen auf dem Weg zur Gleichheit, wie Konservative – einschließlich mancher Frauen übrigens – behaupten?

Nein, und jeder kann es selbst verstehen. Zwei konkrete Beispiele:

Erstes Beispiel: Gewalt gegen Frauen ist kein Phänomen „verwirrter“ Männer. Der Prozess gegen den Ehemann von Frau Pelicot in Frankreich hat es z. B. gezeigt: In einem ruhigen provenzalischen Dorf fanden sich hundert Männer bereit, eine mit Beruhigungsmitteln sedierte Frau in Anwesenheit ihres Ehemanns zu vergewaltigen. Unsere Gesellschaft hat ein systemisches Problem, und sie weigert sich, dieses anzugehen. Und das ist nichts Neues. Schauen wir uns ein weiteres Gemälde in der Pinakothek an: Van Dycks Susanna und die beiden Alten (1622/23). Sehen Sie die gierigen Blicke der beiden Männer und die Furcht der jungen Frau? Viele Frauen zwischen 15 und 55 erleben diese Angst täglich. 400 Jahre vor #MeToo warnte schon Van Dyck vor sexueller Gewalt.

Warum steht die Kirche nicht viel deutlicher an der Seite der leidenden Frauen und der Opfer?

Was passiert, wenn eine arme Susanna – wie die meisten Geflüchteten – nach einer Vergewaltigung schwanger wird? Wenn andere bei uns verführt werden, und im Stich gelassen? Antwortet die Kirche mit Mitleid und Barmherzigkeit? Zu viele Frauen erleiden Gewalt, manchmal sogar im eigenen Haus, vor den Augen ihrer Kinder. Hunderte sterben jedes Jahr, vom Ehemann oder von Freunden ermordet, jedes Jahr in jedem EU-Staat: nach Eurostat im EU-Durchschnitt 4,1 Frauen pro 1 Mio. Einwohner. 2023 waren es in Deutschland 253 Frauen; in Frankreich waren es 137; in Italien 96 usw. Ich wünsche mir, dass die Kirche öfter mit voller Kraft an ihrer Seite steht, dass sie lauter und klarer über die Verantwortung der Täter spricht.

Und noch dazu: Was sind diese „Ein-Eltern-Familien“, wie die Verwaltung sie beschreibt? In den meisten Fällen eine Familie mit einem abwesenden Vater. Ein Mann, der geflohen ist.

Es geht um 1 von 4 „Familien“ in Frankreich, und 41 % der Kinder in diesen Familien erleben Armut. Abgesehen von den finanziellen Aspekten dokumentieren oft Richter, Anwälte und Sozialarbeiter, welche Folgen die Abwesenheit des Vaters für das Leben der Kinder hat.

Zweites Beispiel: Ungleichheit am Arbeitsplatz. Immer noch haben Frauen prekäre Jobs und erhalten geringere Löhne (2024: 37 % Gender-Pay-Gap, laut FAZ). Warum? Weil Männer sich die mächtigsten, bestbezahlten Positionen selbst vorbehalten.

Darauf zu antworten, wie die rechtsextremen Parteien es tun, dass Nicht-Diskriminierung und Gleichberechtigung „woke Obsessionen“ seien, macht keinen Sinn. Sie abzulehnen, führt zu einer Verschwendung von Talenten und zu einer rückläufigen Demographie, denn Politiker (und die Kirche) bemühen sich nicht darum, die Ungerechtigkeiten, die Frauen widerfahren, zu verändern, sie interessieren sich nicht für ihr Leiden.

Die Kirche könnte den Kampf für Frauen zur Priorität machen. Doch sie will diese Realität nicht wahrhaben. Ist ihre Struktur nicht zu patriarchal? Hat sie von den Untersuchungskommissionen über sexuellen Missbrauch wie z. B. der CIASE in Frankreich etwas gelernt? Die vertikale, male only-Organisation, der Mangel an Transparenz haben sicherlich dazu beigetragen, dass so viele Kinder missbraucht wurden. Gebot der Liebe versus Gebot der Macht – wollen wir nicht endlich etwas im System ändern?

In Frankreich erfuhren wir 2025, dass in einer katholischen Schule in den Pyrenäen – wo die Kinder des ehemaligen Premierministers Bayrou eingeschult waren – gewalttätige Erziehungsmethoden praktiziert wurden. Sexuelle Gewalt und „einfache Gewalt“ – Kinder, die gezwungen wurden, als Strafe im Winter die Nacht draußen zu verbringen. Er selbst habe „nichts gesehen, nichts gewusst“, so seine Verteidigung. Und die Hierarchie hat lange ignoriert, was von den ehemaligen Schülern geschrien wurde: „Sie haben Ohren und hören nicht.“

Ich wünsche mir eine Kirche, die das Leiden der Frauen, der vernachlässigten Kinder, der Homosexuellen besser hört und ernster nimmt. Eine Kirche, die sich tiefgreifend modernisiert, anstatt Machtpositionen mit theologischen Argumenten zu rechtfertigen.

Seit 2000 Jahren wissen wir: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid eins in Christus.“ (Gal 3,28) Meine Hoffnung besteht darin, dass uns die Entwicklung der katholischen Soziallehre inspiriert: Manche Themen standen vor 1891 einfach nicht zur Debatte. Ab 1891 wurden sie regelmäßig besprochen und soziale Themen wurden Gegenstand von Enzykliken, wobei die betroffenen Bereiche nach und nach ausgeweitet wurden (so sind etwa die Menschenrechte nach dem Zweiten Weltkrieg Gegenstand kirchlicher Enzykliken geworden).

Die „Zeit der Frauen“ kann kommen, sie sollte bald kommen. Letztendlich betrifft es die Hälfte der Menschheit. Und ich möchte hier betonen, dass es sich dabei nicht um einen Kampf von Frauen für Frauen handelt, sondern um eine Frage, die Männer und Frauen gemeinsam betrifft, denn sie bestimmt letztendlich die Gesellschaft, in der wir leben wollen.

Übrigens: Wer hat in den USA von Präsident Trump mutig gefordert, er solle Erbarmen mit Migranten und der LGBTQ+-Community haben? Eine Frau: Marianne Budde, Bischöfin der episkopalen Diözese Washington, die ihm 2025 öffentlich sagte: „Ein Appell, Herr Präsident: Millionen setzen ihr Vertrauen in Sie. Sie sprachen von der schützenden Hand Gottes.

Ich bitte Sie, Erbarmen zu haben mit allen Menschen in unserem Land, die Angst haben. […] Das sind schwule oder lesbische Menschen, Demokraten, Familien. Manche fürchten um ihr Leben. Es sind Menschen, die unsere Ernte einbringen, Gebäude reinigen, unser Geschirr waschen. […] Diese mögen keine Staatsbürger sein und die falschen Papiere haben. Dennoch sind die allermeisten nicht kriminell. Sie zahlen Steuern, sind gute Nachbarn, gläubige Mitglieder von Kirchen, Moscheen, Synagogen. Ich bitte Sie, barmherzig zu sein mit jenen, deren Kinder fürchten, die Eltern könnten abgeschoben werden. Mit jenen, die vor Krieg oder Verfolgung fliehen. Gott lehrt uns, Erbarmen mit Fremden zu haben. Wir alle waren einst Fremde in diesem Land.“

Die Schwester von Blaise Pascal, Jacqueline Pascal, die Ordensschwester in der Abtei Port-Royal war, sagte im 17. Jahrhundert über die Kontroverse um die wirksame Gnade im Jansenismus, die auch eine politische Auseinandersetzung gegen den Absolutismus des Königs Louis XIV. war: „Puisque les évêques ont un courage de filles, il faut bien que les filles aient un courage d’évêques“. „Da die Bischöfe die Tapferkeit von Mädchen haben, müssen ja die Mädchen die Tapferkeit eines Bischofs haben“. Port-Royal wurde der einzige Ort, wo ein mutiger Widerstand gegen die Willkür des Königs stattfand.

Ich möchte mit einem persönlichen Wort schließen: Meine Mutter hat jahrzehntelang im Katechismus unterrichtet. Sie betonte dabei immer einen Punkt besonders, wenn sie über das letzte Abendmahl Jesu Christi sprach, am Abend vor seinem Leiden und seinem Tod. Dieses Abendmahl war nicht nur der Moment, bei dem das Brot gebrochen und der Wein geteilt wurden, wie es jeden Sonntag erinnert wird: „Unsere Religion ist die der Fußwaschung, nicht die der Herrschaft.“ Daran müssen wir uns erinnern, stets gegen die Extreme, aber auch für den Dienst an den Brüdern und Schwestern.

Dieser Preis ist meiner Mutter Yvonne gewidmet.

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