An die Bruchlinien gehen – Pierre Claverie
„Die Kirche vollendet ihre Berufung und ihre Mission, wenn sie gegenwärtig ist an den Bruchstellen, die die Menschheit in ihrem Fleisch und ihrer Einheit kreuzigen.“ So hat Pierre Claverie, Dominikaner und Bischof von Oran in Algerien, den Auftrag der Kirche zusammengefasst – 1996, kurz vor seinem Martyrium durch islamistische Terroristen. Damit folgt die Kirche nach Claverie dem Weg ihres Herrn. Jesus habe sich in seinem Kreuz genau auf diese Bruchstellen gestellt hat, um sie zu heilen und zu versöhnen.
Der Dominikanerorden hat in den letzten Jahren das Wort seines Mitbruders Pierre Claverie immer wieder aufgegriffen, um die eigene Sendung zu befragen und die Bruchlinien der eigenen Zeit in den Blick zu nehmen. Heute trifft sich diese Aufforderung zudem mit dem Anliegen von Papst Franziskus, „an die Ränder zu gehen“.
Dieser Weg an die Ränder impliziert aber, aus unserer „Selbstzentrierung“ (Papst Franziskus) oder – mit Pierre Claverie gesprochen – „aus unseren Blasen“ (persönlichen wie kirchlich-gesellschaftlichen) auszubrechen – hinein in die Wirklichkeit so wie sie ist. Dies ist immer wieder ein Herausgerufen-Werden, das zunächst Kraft kostet und Mut braucht. Denn die „Bruchlinien“ der Gesellschaft sind nicht die bequemsten Orte: Man kann an ihnen nicht sicher stehen – und steht zwischen den Parteiungen. Die Geschichte des Ordens zeigt jedoch, dass er dort, wo er diese Bruchlinien aufgesucht hat und sie zum theologischen und pastoralen Ort werden ließ, eine besondere Fruchtbarkeit entfaltet hat: sei es bei Dominikus mit seiner neuen Form der Auseinandersetzung mit den Katharern, sei es bei Thomas von Aquin und Albert in der Fruchtbarmachung des als mit dem Christentum unvereinbar geltenden Aristotelismus oder seien es die Auseinandersetzungen der Dominikaner um Antonio Montessino und Las Casas um die Rechte der Indios, die dann in den theologisch-philosophischen Reflexionen der Dominikanerschule von Salamanca zur Formulierung der Vorläufer der Menschen- und Völkerrechte führten. Immer waren es die „Bruchlinien“ der Gesellschaft, die sich als Orte Gottes und der Erneuerung des Ordens erwiesen.
Was nun können wir heute als Bruchlinien unserer Gesellschaft identifizieren?
Akedia – das zentrale Problem unserer Zeit
Bei der Beantwortung dieser Frage gehe ich aus von meinem Fachgebiet, der Theologe der Spiritualität. Wir wollen einem Rat der Wüstenväter folgen, um eine Signatur aufzuspüren, unter der unsere Zeit steht. „Krise“ war für die Wüstenväter Alltag. Nach ihrer Erfahrung hat jeder zu einer besonderen Zeit mit einer besonderen Herausforderung zu kämpfen, die es zu identifizieren gilt. Die Wüstenväter nennen es „Gedanken“ (Evagrius Pontikos) oder „Laster“ (Johannes Cassian).
Mir scheint, dass sich das zuweilen auch für ganze Gesellschaften sagen lässt. Zumindest legt das die Wahrnehmung von Soziologen, Philosophen und Theologen nahe. Sie beschreiben übereinstimmend Erschöpfung, Überdruss und die Müdigkeit unserer Beschleunigungsgesellschaft als Signaturen unserer Zeit – und das ist nach den Wüstenvätern eine Beschreibung der Akedia.
Was kennzeichnet diese Akedia? Die Akedia ist der „Mittagsdämon“ – in der Mitte des Tages oder des Lebens – und ist der „Gedanke der Schwelle“ (dies würde im Übrigen zu der Vermutung von Karl Kardinal Lehmann und Heinrich August Winkler passen, dass wir an einer Epochenschwelle stehen). Die Akedia kennzeichnet eine gewisse Orientierungslosigkeit: Unzufriedenheit mit dem Altem und Eigenen und zugleich das Ausschauhalten nach immer Neuem, Interessanterem. Sie drückt sich aus in Langeweile, Betrübnis und Missmut und sie zeigt sich sowohl aggressiv – Suche nach Zerstreuungen oder Aktivismus – oder regressiv – depressives Sich-Gehen-Lassen.
Als Heilmittel empfehlen die Wüstenväter: innehalten und nicht weglaufen, die Selbstverordnung des je eigenen Maßes und einen geregelten Tages- und Arbeitsablauf. Zudem aber nicht das Versinken im Eigenen, sondern die Ausrichtung nach außen: Begegnung mit dem Schönen, Dankbarkeit, das Ausrichten auf die Not von Anderen, Blick auf die eigene Endlichkeit als von überhöhter Erwartung befreiend und schließlich das Vertrauen auf Gottes Gnade statt auf das eigene Tun. Wesentliches Heilmittel ist also: Nichts groß verändern und nicht in Aktivismus ausbrechen, innehalten, Ordnung leben – und: nicht ins sich selbst versinken, sondern der Blick nach außen.
Wenn das nun auch als Heilmittel für unsere Zeit anwendbar wäre, klingt das zunächst sehr unspektakulär. Es verwundert daher auch nicht, dass bei den großen Zeitdiagnostikern wie den Soziologen Hartmut Rosa, Heinz Bude oder dem Philosophen Byung-Chul Han zwar eine messerscharfe Analyse dessen, was in unserer Gesellschaft geschieht, zu lesen ist, bei der Frage nach Lösungen das Angebot aber dürftig ist. Dennoch lässt sich von dieser Diagnose ausgehend einiges sagen über unser Heute und unsere Aufgabe in diesem Heute.
„Homo oeconomicus“ – Was ist der Mensch?
Ein erster Punkt knüpft an das bereits Angedeutete an und fragt nach den Ursachen der Müdigkeit. In der „Beschleunigungsgesellschaft“ (Rosa) mit der „Trias Wachstum, Beschleunigung und Informationsverdichtung“ unterliegt der Mensch einem beständigen „Steigerungszwang“. Dieser „Imperativ der Leistung“ (Han) gilt nicht nur im wirtschaftlichen Bereich. Bis in den privaten Bereich steht der heutige Mensch unter einer beständigen „Aufforderung zur Optimierung“, dem „Human Enhancement“. Dieses Streben beginnt schon vor der Geburt, wo es bereits um die „Optimierung von Talenten, Anlagen und Begabungen; die permanente Kontrolle und Selbstkontrolle zum Zweck der Leistungssteigerung“ (Liessmann) geht. Diese umfasst sowohl den körperlichen wie den geistigen Bereich des Menschen. Sie kulminiert in der Präimplantationsdiagnostik mit der Frage: Wie darf und soll der Mensch sein?
Das Anliegen der Vervollkommnung des Menschen gab es schon immer. Nur verschiebt es sich derzeit vom Bereich von Moral, Aufklärung und einer humanistische Kultur hin zu einer technischen und genetischen Betrachtung.
Ein Problem ist dabei, dass mit dieses technische Optimierungsbild auf das „Mängelwesen“ Mensch stößt. Bei ihm gibt es Grenzen der Leistungs- und Aufnahmefähigkeit. Zunehmende Einnahme leistungssteigernder Mittel und von Psychopharmaka versucht diese Grenze zu weiten; letztlich gelten diese Grenzen des Menschen aber als Mängel und hinderlich für weiteres Wachstum, sodass sich der Mensch noch mehr gefordert sieht, den eigenen Ansprüchen genügen zu können. Nach dem Philosophen Han lässt das „innere Gesetz“ der Selbstoptimierung den Menschen, der sich selbst zum Projekt erhoben hat, stark „von dem Modalverb Können“ beherrscht sein, sodass er sich – in scheinbarer Freiheit – selbst ausbeutet. Überschreitet er aber sein Maß und „brennt aus“, trägt er selbst die Verantwortung und die Schuld. Das Burnout ist so ein „unrettbares Scheitern am Können“ und schafft ein neues Prekariat derer, die nicht Schritt halten können.
Für Scheitern und Nicht-mehr-Mitkommen fehlt zudem die Möglichkeit, das einzuordnen in einem immer weiter, höher, nach Mehr strebendem System. Diese Ausbeutung macht zudem nicht beim Menschen halt, sondern erfasst auch die Natur (Stichwort: Ressourcenschonung) und die Gesellschaft (Stichwort: Generationengerechtigkeit).
Ein Zweites: In dieser fluiden Gesellschaft wird auch die eigene Identität fließend. Kommunikationsplattformen wie Facebook machen auch die Identität der Individuen wie von Gemeinschaften zu einem „Gegenstand permanenter kompetitiver Aushandlung“ und ständiger Überprüfung in einem „sich selbst verstärkendem Feedback-System“ (Han). Wir sind zu einem „unternehmerischen Selbst“ (Bröcklin) geworden, das sein Leben als Abfolge von Projekten gestaltet. Ständige Leitbild- und Visionsentwicklung führen zu endloser Betriebsamkeit ohne ein klares Ziel – wie in einem Hamsterrad. Dabei lösen die verinnerlichten gesellschaftlichen Leistungs- und Selbstverwirklichungsideologien eine gefährliche Dynamik aus, der der Einzelne nicht mehr gewachsen scheint. Der Mensch ist „in einem Zustand endlosen Werdens – ein Selbst, das sich nie vollendet“ (Sennet). Dabei verbirgt sich hinter den phrasenhaft verwendeten Begriffen „Projekt“, „Vision“, „Leitbild“ und „Reform“ letztlich oft eine Orientierungs- und Ziellosigkeit.
Hinzu kommt ein Drittes: Äußere Haltepunkte für die Identitätsfindung fallen zunehmend weg. Traditionelle feste Rollenschemata, Milieus, Bezugspunkte und Wertesysteme, wie sie Religionen oder Parteien boten, haben ihre Überzeugungskraft verloren und sind auf dem Rückzug. Stattdessen zentral sind heute die Wahl und die Flexibilität der Anpassung des Individuums an das, was gefordert und erwartet wird. Diese Entwicklung wirkt bis hinein in unser Privatleben, wo somit Ehen und Beziehungen immer unter dem Vorbehalt des Nützlichen und des persönlichen Vorteils stehen.
Der Mensch wird seiner Lebenswelt zunehmend entbunden. Der Begriff „Heimat“ bekommt in seiner Fremdheit plötzlich neue Faszination. In dieser Linie zeugen zahlreiche Fundamentalismen in verschiedenen Bereichen von Gesellschaft und Religion von einem Bedürfnis nach Sicherheit. Die „Sicherheitsgesellschaft“ hat den Anspruch, „alles Unberechenbare, Uneindeutige, Ambivalente, Fremde und Störende zu beseitigen und eine berechenbare und eindeutige Welt“ (Keupp Heiner) zu schaffen. Diese Fundamentalismen sind Ausdruck einer Suche nach klarer Identität, die es so aber eigentlich nicht mehr gibt.
Nehmen wir dies alles in den Blick, stellen sich verschiedene Fragen: Was ist der Mensch? Was gibt dem Menschen Identität und Heimat? Woraufhin bewegt sich der Mensch und worauf hin soll er sich verbessern? Ohne die Grundsatzfrage, was der Mensch eigentlich ist, ist aber die Frage nach unserem Bild des Menschen gefährlich. Diese grundsätzliche Erwägung wird jedoch nicht mehr geleistet, häufig verdrängt, weil sie „Sand im Getriebe“ des ökonomischen Fortschritts ist und unbeantwortbar scheint.
Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen. Eine entscheidende Frage unserer Zeit ist: Wer ist der Mensch? Was wollen wir sein und wie wollen wir leben? Dabei wird der Kirche als gesellschaftlicher Kraft weiterhin eine orientierende Rolle zukommen, aus der Kraft ihrer Tradition und ihrer Reflexion über den Menschen hier beizutragen. Dazu gehört eine wichtige Rolle in der Offenlegung und Kommunikation der Ideologien, die uns momentan bestimmen, aber nicht immer dem Menschen dienen. Gerade von den Menschen, die bei dem System unter die Räder kommen, gilt es zu denken, ihre Erfahrungen in den öffentlichen Diskurs einzuspeisen und von ihnen her zu lernen, was passiert und was geboten ist. Unser Papst rückt gerade das Ausgeblendete immer wieder in den Blick.
Die Leitwissenschaften zur Beantwortung der Frage nach dem Menschen sind derzeit die Biowissenschaften. Bemerkenswerterweise treten in den Predigerorden weltweit zunehmend Naturwissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftler ein. Über bioethische Fragen nach Anfang und Ende des Lebens hinaus wird es von Bedeutung sein, mit den Naturwissenschaften stärker in Dialog zu treten. Es ist zentral, die verschiedenen Sichtweisen über den Personbegriff und die Anthropologie – ökonomisch, naturwissenschaftlich und theologisch – ins Gespräch zu bringen und uns in das Gespräch einzubringen. Hier stellt auch die dominikanische Tradition in der Linie Thomas von Aquins mit ihren anthropologischen und gnadentheologischen Überlegungen eine wichtige Grundlage dar. Dominikaner unserer Provinzen arbeiten wissenschaftlich an der Frage nach dem Menschen – aus moraltheologischer oder philosophischer Sicht. Aber es soll auch verstärkt ein Fokus unserer Predigt sein: „Was ist der Mensch? Wie wollen wir leben?“ Die Frage nach der „Ars bene vivendi“ wird zunehmend gestellt.
Letztlich ist es aber eine Stärke des Ordens, dass er Wissenschaft und Pastoral zu vernetzen sucht, damit sie sich gegenseitig befruchten. Unser Ordensmeister fr. Bruno Cadoré hat dies unter das Schlagwort „Salamanca-Prozess“ gestellt, weil das im 16./17. Jahrhundert in der Frage nach den Rechten der Indios exemplarisch gelungen ist.
Freiräume öffnen – das Andere, Widerständige wecken
Eine weitere, daran anknüpfende Frage wird auch die Bildung des Menschen in diesen Kontexten sein, besonders auch des inneren Menschen und des Geistes. Unser Ordensmeister fr. Bruno Cadoré hat uns vor einigen Jahren in einer Visitation mitgegeben: „Den Leuten wirklich zuhören und sie kritisch denken zu lehren.“ Interessanterweise hat er weniger inhaltlich benannt, was, sondern like wir lehren sollen: Damit sich ein kritischer Geist ausbilden kann, der vor dem Hintergrund eines bestimmten Menschenbildes die Menschen kritikfähig und unterscheidungsfähig macht.
Die Konsumorientierung, die nahezu alles zu erfassen sucht, lässt den Menschen immer mehr den Umgang mit Widerständigem verlernen. Gerade daran aber bilden sich Geist und Denken wesentlich aus. Manche Denker sehen den Konsum wie ein Opiat, wie „Brot und Spiele“ (Miegel), das tiefere Fragen vergessen lassen soll. Der Philosoph Byung-Chul Han erklärt im Anschluss an eine Betrachtung der Kunstwerke des Amerikaners Jeff Koons: „Das Glatte ist die Signatur der Gegenwart … Das Glatte verletzt nicht. Von ihm geht auch kein Widerstand aus. Es heischt Like. Der glatte Gegenstand tilgt sein Gegen. Jede Negativität wird beseitigt“. Alles geht darum, gefällig und leicht konsumierbar zu sein. Das Widerständige wird ausgeblendet. „Der Kapitalismus eliminiert“ – nach Han – „überall die Andersheit, um alles der Konsumation zu unterwerfen“. Das Ausblenden der „Andersheit“ unterhöhlt aber neben unseren Beziehungen auch unseren politischen Diskurs, wo selbst über große Fragen heute nicht mehr heftig diskutiert, vielmehr angebliche „Alternativlosigkeit“ postuliert wird.
Der ökonomische Primat verändert aber auch unseren öffentlichen Diskurs und unsere Universitätslandschaft. Die „Imperative von Leistungsoptimierung und Mehrwert“ der Investitionen bewirken nach Plínio Prado eine „Reduzierung des Wissens auf einen Gegenstand des Marktes“. Das Denken ist modularisiert – und „nur noch von reduziertem und reduktivem Wissen geformt“. DIE ZEIT meldete vor Kurzem, dass – bezeichnenderweise – in Japan, den USA und Großbritannien zunehmend der Sinn von Geistes- und Sozialwissenschaften wie Philosophie, Soziologie oder Linguistik in Frage gestellt und zunehmend von Kürzungen und Schließungen bedroht sind. Damit geht aber eine Gegen-Kultur verloren, die den Menschen nochmals von einer anderen Sicht anschaut und es kommt – mit Habermas – zu einer „schwindenden Sensibilisierung für gesellschaftliche Pathologien“.
Prado fordert, Freiräume des Denkens zu ermöglichen, die „der Verrohung durch das bloße Einverständnis mit den Fakten“ entkommen und es erlauben, „den Abstand zu gewinnen, der notwendig ist, diese zu befragen, zu analysieren und zu beurteilen“. Es braucht Freiräume, um „fähig zu sein, das Unbestimmte zu empfangen, also das, was das bestehende Wissen und die gegebenen Bezugssysteme, die etablierten Paradigmen und die erworbenen Kompetenzen herausfordert und erschüttert. Denn das Unbestimmte zu empfangen heißt, sich ihm auszusetzen, es anzunehmen und sich selbst in Frage zu stellen“.
Ich sehe unsere Aufgabe als Dominikaner darin, hier Räume zu eröffnen, in denen das „unabhängige Denken“ möglich ist und auch in die bestehenden Räume dieses „Andere“ einzubringen. Dies verbindet sich mit dem Motto der Dominikaner, der „veritas“ zu dienen. Gerade die Tradition des Predigerordens mit wichtigen Größen aus Wissenschaft und Mystik mag hier ein Schatz sein, der wertvolle Impulse liefern kann – gerade in der Widerständigkeit mancher Ansätze, denn: „Der Geist erwacht am Anderen“.
Diese Widerständigkeit der eigenen Person auszubilden ist aber auch auf anderen Gebieten wichtig. Han wie auch Botho Strauss haben davon gesprochen, dass wir mehr „Idioten“ brauchen – „idiotes“ von ihrer ursprünglichen Wortbedeutung her: Menschen, die sich nicht allem fügen. Es ist gerade das Widerständige, Andere, das unsere menschliche Persönlichkeit formt.
Dieser Bildungsprozess ist eine wichtige Aufgabe unserer Zeit. Die Selbstverständlichkeit der christlichen Glaubensbildung ist verloren gegangen, weshalb der Gläubige seinen Glauben mit Herz und Verstand darlegen können muss.
Der Zweig der dominikanischen Laien ist momentan ein stark wachsender Zweig in unserer Provinz. Menschen mit sehr unterschiedlichem, auch unterschiedlich wissenschaftlichem Hintergrund schließen sich uns an und bereichern unseren Orden. In dieser Form neu sind der apostolische Eifer und das Selbstbewusstsein dieses Ordenszweiges. Zugleich ist das Bedürfnis nach einer guten Ausbildung sehr groß, um gerüstet zu sein für ihren apostolischen Dienst. So heißt es in den Akten des letzten Provinzkapitels: „Ein schwacher Laienzweig ist eine zusätzliche Belastung“, „ein starker und gut ausgebildeter Laienzweig ist das Gegenteil“. Wenn sie von verschiedenen Lebensformen getragen wird, gewinnt unsere Verkündigung an „Farbe“ und stellt auch die kirchliche Wirklichkeit besser dar.
Nach meinem Eindruck wächst hier das, was das Zweite Vatikanische Konzil angestoßen hat, langsam in unserer Kirche heran. Deshalb scheint es mir wesentlich, dass die Laien – nicht nur die dominikanischen – mit dem Rüstzeug eines vernünftig begründeten Glaubens ausgestattet sind, um den Glauben an ihrem Ort bezeugen zu können. Hier sehe ich einen wesentlichen Auftrag unseres Ordens, die Ortskirchen in diesem Bildungsauftrag zu unterstützen und Orte des Fragens und Lernens zu schaffen.
Zugleich aber soll dies Menschen einen Orientierungspunkt für die eigene Identitätsfindung bieten. Um sich mit der Welt auseinandersetzen zu können und um offen für diese Auseinandersetzung zu sein, braucht es die Bildung der Person an Positionen, an denen und in denen Sie sich finden kann. Eine Identität, die sich nicht abschließen muss, sondern gerade ob einer klaren Identität der Welt und anderen Religionen offen begegnen kann. Der Soziologe Hartmut Rosa betrachtet auch die Schulung der Resonanzfähigkeit des Menschen als eine Notwendigkeit: also der Fähigkeit, der Welt in ihrer Andersheit zu begegnen und mit ihr in Resonanz zu gehen.
Resonanz bedarf zunächst einmal eines Leerraumes – mit Meister Eckhart einer „Abgeschiedenheit“, ein „Nicht-„ (Nicht-Wollen, Nicht-Wissen, Nicht-Haben). Dies ist der Raum der Kontemplation, der gleichermaßen am Beginn des geistigen wie des geistlichen Wissens steht: Das Schweigen dessen, der nicht schon die Antwort hat, sondern sie erwartet. Dies betrifft die Ermutigung, mit der „Sperrigkeit des Anderen“ in Beziehungen zu treten ebenso wie auch das Erlernen eines Umgangs mit dem Scheitern. Das Neu-Durchbuchstabieren des Dienstes der Versöhnung, der unserem Orden in besonderer Weise anvertraut und an vielen Orten wichtig ist, scheint mir hier zentral. Erneuerung und Intensivierung der Beichtpastoral sind Gebote der Stunde.
Letztlich braucht der Mensch vor allem wieder eine Resonanz zum eigenen Selbst und zu Gott – nicht in narzistischer Weise, sondern als Öffnung auf das Andere hin.
In Wien haben wir deshalb vor Kurzem die „Schola Cordis. Schule christlicher Spiritualität“ gegründet, auch mit dem Ziel, um diese „Resonanzfähigkeit“ zu schulen. Das Angebot hat drei Säulen:
- Kennenlernen von geistlichen Meistern und geistlichen Lebenslehren der Tradition in Vortrag und Lesekreisen – Resonanz der Vernunft und des Herzens
- Kontemplation und Leibgebet – Resonanz zum eigenen Leib
- Musik und Kunst – das Schöne als Resonanzraum
Ziel ist es, besonders der Kirche fernstehenden Menschen Resonanzräume anzubieten, die ihnen helfen, wieder in Kontakt zu dem anderen Gottes als dem Schönen und Wahren zu kommen. Den Christen will es eine Vertiefung bieten, den Suchenden aber eine Grunderfahrung bieten, um weiterzugehen und weiter zu fragen. Programmatisch für diese Schule ist neben dem Angebot der Einzelbegleitung auch wesentlich eine Kultur der Gastfreundschaft und der Aufmerksamkeit. Letztlich kommt erst in dieser Aufmerksamkeit der Mensch zur Ruhe und zur Resonanz zu sich selbst, die ihn frei macht für die Begegnung mit Gott. Diese Grund-Aufmerksamkeit muss unseren gesamten Umgang mit der Welt prägen.
Letztlich soll das geistliche und geistige Tun, das wir den Menschen anbieten, Räume der Resonanz eröffnen: Sabbathräume, Räume zunächst einmal ohne Zweck, wie Gott ohne Zweck ist; Räume, in denen der Mensch durch Denken und Kontemplation von den Götzen befreit, das Andere Gottes erfahren und in diesem Gegenüber des Wortes die eigene „Ebenbildlichkeit“ gestärkt werden. Mit Meister Eckhart gesprochen: Aus dem Räumen des Habens, Wollens und Wissens in die Abgeschiedenheit, die die Erfahrung des Seelengrundes ermöglicht. Diese Sabbathräume lehren dann auch den rechten Blick auf die Menschen. Dieser rechte Blick auf den Menschen ist dann auch der letzte Punkt, den ich in den Blick nehmen will.
Die Flüchtlingskrise und der Verlust des Diskurses
„Einbruch der Wirklichkeit“ hat Navid Kermani sein Buch über die Flüchtlingsroute genannt. Letztlich hat die Flüchtlingsbewegung eine Blase zerplatzen lassen, in der wir lange gelebt haben – und nicht schlecht gelebt haben. Aber wir müssen erkennen, dass es letztlich eine Blase war. Wie jede Krise hatte sie etwas Offenbarendes: Sie hat uns die Kosten der Globalisierung gezeigt und Europa offengelegt, nach welchen Kriterien es funktioniert. Europa ist über sein Wirtschaftshandeln der Blick ins „Gesicht“ des Menschen abhandengekommen. Sie ist – mit den Worten von Papst Franziskus – zu einer unfruchtbaren Großmutter geworden. So ermahnte er damals die Europaparlamentarier, die Würde des Menschen und die Idee der „Person“ wieder in das Zentrum des politischen Handelns zu rücken.
Das scheint mir auch in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise ein wichtiger Impuls zu sein: Es ist eine wesentliche Aufgabe der Kirche, wieder das Antlitz des Menschen in den Blick zu rücken. Dort, wo es einen Augenkontakt gibt, wird Integration möglich. Unsere Klöster sollen Orte dieser Begegnung sein. Mit Claveries Worten: „Wir haben noch keine Worte für den Dialog: Wir müssen beginnen, menschliche Orte zu schaffen, wo jeder sein kulturelles Erbe, das seine Größe ausmacht, einbringt.“
Beispiele hierfür sind unsere Schwesternklöster in Landsberg am Lech und Friesach. Gegen zum Teil heftigen Widerstand der Bevölkerung haben die Schwestern dort muslimische Flüchtlinge entweder auf das Klostergelände oder in ihr Haus aufgenommen. Eine Schwester berichtete mir, dass sie sehr Angst hatte, dann aber im Zusammenleben erfahren hat: „Das war das Beste, das uns passieren konnte.“
Wichtig ist hier auch eine Kommunikationskultur, zu der wir wesentlich beitragen können. Vor Kurzem beschrieb die „Neue Züricher Zeitung“ unter dem Titel „Journalismus im Kampfmodus. Hetzer, Idioten und Dumpfbacken“ die zunehmende Verrohung der öffentlichen Kommunikationskultur in den traditionellen Medien Deutschlands. In der Auseinandersetzung mit der AfD ist zunehmend festzustellen, dass selbst anerkannte Medien die Rechtspopulisten bekämpfen statt zu einer diskursiven Auseinandersetzung beizutragen. Umgekehrt bewegen sich so die Rechtspopulisten nur noch in eigenen Zirkeln in den Social Media. Eine Kultur der „Stimmung“ löst zunehmend eine „Kultur des Argumentes“ ab. Gerade die Kirche sollte hier nicht in die Falle tappen und sich davon anstecken lassen.
Noch ein Letztes: Eine Studie der Universität Leipzig berichtete vor drei Tagen, dass die Ablehnung von Muslimen und wachsende Gewaltbereitschaft immer mehr zunehmen und eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft zeigen. Oft werden der Verweis auf die Bewahrung des christlichen Abendlandes und die christliche Tradition gegen den Islam in Stellung gebracht. Gerade der Dialog mit dem Islam hat bei uns Dominikanern eine lange Geschichte. Sowohl das internationale „Institut dominicain d´études orientales“ in Kairo wie auch das deutsche „Dominikanische Institut für christlich-islamische Geschichte“ versuchen, wissenschaftliche Reflexion – aus der Geschichte und den Quellen der Religion – und konkrete Begegnung zu verbinden. Erst aus einer genauen Kenntnis des Anderen heraus ist wirkliches Verstehen möglich. Unsere Bilder vom Anderen sind oft nur Karikaturen. Die Ängste vieler Menschen gilt es ernst zu nehmen und auch hier den Kern der Wahrheit herauszufinden; dann aber auch – soweit möglich – weiterzuführen.
Pierre Claverie – hier schließt sich unser Kreis zum Beginn – meinte, dass zuerst „die alten Dämonen der Polemik, der Beherrschung des Anderen und des Ausschlusses des Fremden“ besiegt werden müssten, um in einen Dialog einzutreten. Anfang von allem sei, dass jeder „akzeptiere, mit einer Frage zu beginnen“. Zugleich aber verlangt er von jedem, sich in diesem Dialog nicht zu verleugnen, vielmehr „ganz er selbst zu sein, ohne Aggression und ohne Kompromisse einzugehen“.
Entgegen der allgemeinen Auffassung zeigt nicht nur das Wort und Beispiel Claveries, dass die Suche der Wahrheit nichts Trennendes hat, sondern etwas Verbindendendes: „Wenn das Apostolat von Polemik und Bekehrungseifer gereinigt ist, wird die Öffnung zum Anderen zur unweigerlichen Suche nach Wahrheit durch Vertiefung und kontinuierliche Verinnerlichung der Werte des Glaubens, und schließlich reines Zeugnis.“
Das ist schließlich auch die Erfahrung von Thomas von Aquin: Das Ernstnehmen des Anderen und das Stark-Machen seiner Argumente bringt uns der Wahrheit näher – und so auch uns und dem Anderen.
Schluss: Die Hoffnung leben
Am Beginn standen die Darlegungen über die Akedia als die „Krankheit unserer Zeit“. Diese kennzeichnet immer eine gewisse Mattheit und Hoffnungslosigkeit. Genau dahinein hat unser Ordensmeister formuliert, dass Dominikaner „Prediger der Hoffnung“ sein sollen. Dies entspringt einem tiefen Vertrauen in Gott und die Güte der Schöpfung, das schon die großen Anfangsgestalten Dominikus, Albertus Magnus und Thomas von Aquin gekennzeichnet hat.
Wir befinden uns zweifellos an einer Schwellenzeit und schon allein das Fehlen großer theologischer Entwürfe in unserer Zeit zeigt an, dass es eine Zeit des Übergangs ist. Heilung der Akedia geschieht nur, wenn sich der Mensch nicht in Aktivismus ergeht, sondern aushält und sich tiefer führen lässt. Tomás Halík hat in seinem Buch „Nicht ohne Hoffnung“ recht, wenn er schreibt, dass heute Neuevangelisierung zu verstehen ist „nicht als eine Aufforderung zum emotionalen Missionszug vom Typ einer triumphalistischen religiösen Mobilmachung“, sondern „als Aufforderung zur demütigen und geduldigen Rückkehr in die Schule bis sie wieder zur Aufgabe reifen kann, die ihr Christus anvertraute: Geht und lehrt alle Nationen.“
Es geht um die Kontemplation des „Wortes“ in Schrift und Tradition. Es wird aber mit Pierre Claverie auch wichtig sein, „den engen Ekklesiozentrismus hinter uns zu lassen, der uns unfähig machte, das Kommen Gottes außerhalb der sichtbaren Grenzen der Kirche zu erkennen in seinen vielen und unerwarteten Formen im Lauf der Zeit“. Der Gott der Dominikaner war – mit den Worten von Papst Franziskus – immer ein Gott der Überraschungen, der in der konkreten Wirklichkeit uns ganz neu entgegen kommt und auf Einlass wartet. Mit Pierre Claveris Worten: „Wir besitzen nicht die Wahrheit: sie ist es, die uns ergreift und uns immer weiterführt im Prozess ihrer Entdeckung“, ihrer Entdeckung, gerade an den Bruchlinien unserer Welt, durch die die Sendung des Ordens immer wieder erneuert wird.
Auf ausdrücklichen Wunsch der Redaktion hat der Autor den wissenschaftlichen Apparat wegfallen lassen. Die Bitte dient nur der besseren Lesbarkeit in der Zeitschrift.