Biblia pauperum – Bibel der armen Bettelmönche?

Typologische Schriftauslegung als Predigtgrundlage im Ringen mit den Katharern

As part of the event "800 Years of Dominicans - Regensburg", 18.06.2016

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Was für ein herrlicher Raum, und was für ein architektonischer Reichtum in Regensburg! Ich bin dem Kulturreferenten der Stadt Regensburg, Herrn Clemens Unger, und dem Direktor des Stadtmuseums, Herrn Dr. Peter Germann Bauer, außerordentlich dankbar, dass sie sich für den Vorschlag offen gezeigt haben, dieses Symposium im Rahmen der Ausstellung „Mehr als schwarz und weiß. 800 Jahre Dominikanerorden“ in der zweiten mittelalterlichen Bettelorden-Kirche stattfinden zu lassen, hier in der Minoritenkirche, nachdem die Dominikanerkirche, am westlichen Rand der Altstadt, Teil der Ausstellung selbst ist.

Gewiss, hier haben seit dem 13. Jahrhundert Minderbrüder in den Fußspuren des heiligen Franziskus gewirkt, vor allem gepredigt, aber der Geist und die Architektur ähneln sich doch sehr. Auch diese Kirche ist als Predigtkirche gebaut, in der sich viel Volk versammeln konnte.

Die Aufgabe der Predigt nun ist den Dominikanern als Gründungscharisma in die Wiege gelegt. Im Paragraph I der Fundamentalkonstitutionen des Ordens wird aus dem Brief von Papst Honorius III. an den Ordensgründer Dominikus zitiert: „Er, der seine Kirche immer neue Kinder hervorbringen lässt, will, wie in früheren Zeiten, so auch heute den katholischen Glauben ausbreiten. Daher gab Er euch den Gedanken ein, euch der Predigt des Wortes Gottes in einem armen und klösterlichen Leben zu widmen und den Namen unseres Herrn Jesus Christus aller Welt zu verkündigen.“

Von diesem Gründungscharisma leitet sich der offizielle Name der Dominikaner her: „Ordo praedicatorum“ Predigerorden. Was aber und wie haben die Dominikaner gepredigt?

 

I.

 

Die Quellenlage hinsichtlich der Inhalte der Predigten ist außerordentlich prekär. Wenn ich recht sehe, ist aus der Ursprungszeit keine Predigt im Wortlaut oder auch nur eine Inhaltsangabe erhalten. Auch zum „Kneipengespräch“, einer überlieferten Legende gemäß Ursprung der dominikanischen Bewegung, sind keine Inhalte überliefert. Als Begleiter seines Bischofs Diego übernachtete der Regularkanoniker Dominikus im Jahr 1203 bei einem Gastwirt, der zur „ketzerischen“ Glaubensgemeinschaft der Katharer gehörte. Mit ihm kam Dominikus, so erzählt die Legende, ins Gespräch. Und nach einem nächtlichen Glaubensgespräch war der Wirt für die katholische Kirche zurückgewonnen. Nur zu gerne wären wir dabei gewesen bei diesem Gespräch, oder bei einer der Predigten.

Erkenntnisse über die Inhalte der dominikanischen Predigt lassen sich möglicherweise über einen Umweg gewinnen. Auf gesichertem Boden stehen wir nämlich, wenn wir uns die historische Situation vergegenwärtigen, in die hinein die Sendung des Dominikus geschieht, und die mit der besonderen Ausrichtung des Gastwirts aus der Kneipenlegende schon genannt ist: Die Auseinandersetzung mit der die Einheit der Kirche gefährdenden Katharer-Bewegung.

Damit ist die größte Sekte des Mittelalters benannt. Die Selbstbezeichnung „Gute Christen/Männer beziehungsweise Frauen“ bringt ihr Selbstverständnis zum Ausdruck: Menschen, die dem Evangelium Jesu Christi gehorsam leben. Als Fremdbezeichnung hat sich in Frankreich der Name Albigenser (nach dem Ort Albi) eingebürgert, in Deutschland und dann auch in Italien werden sie „Katharer“, von gr. katharós = rein, bezeichnet. Von diesem Wort leitet sich dann sogar der Überbegriff „Ketzer“ zur allgemeinen Bezeichnung der Anhänger heterodoxer Lehren ab.

Kennzeichnend ist unter praktischer Rücksicht die Kritik an einer verweltlichten Kirche, insbesondere eines reichen und verweltlichten Klerus. Unter systematisch-theologischer Rücksicht gehören die Katharer zu den geistigen Erben der dualistischen Strömungen der frühen Kirche mit einer Unterscheidung von bösem Schöpfergott des Alten und guten und barmherzigen, von Jesus gepredigten Erlösergott des Neuen Testaments. Die Ablehnung des Alten Testaments als vollgültiger Teil der einen Bibel, als Zeugnis der Offenbarung Gottes und Vorbereitung und Hinführung des Volkes Israel auf die vollendende Erfüllung seiner Selbstmitteilung in Jesus Christus und die Beschränkung auf das Neue Testament gehörte zu den Charakteristika dieser Bewegung und dementsprechend zu den Herausforderungen, denen sich die dominikanische Predigt zu stellen hatte.

Auf sicherem Boden sind wir schließlich auch bezüglich der Merkmale der dominikanischen Predigt. Mit Johannes Bunnenberg OP gesprochen:

 

  1. Dominikanische Predigt ist Wanderpredigt: Sie geht räumlich und geistig auf Menschen zu, greift aktuell schwierige Situationen und Fragestellungen auf und bemüht sich um ein Gespräch gerade mit Menschen, die sich mit der Kirche schwer tun.
  2. Dominikanische Predigt gründet auf sorgfältigem Studium, ist wissenschaftlich fundiert, stellt sich der argumentativen Auseinandersetzung.
  3. Dominikanische Predigt speist sich aus Gebet und Liturgie, aus Kontemplation und geistlicher Lesung.

 

An anderer Stelle betont Bunnenberg, dass das Bibelverständnis, das der „lectio divina“ und dem Schriftstudium der Dominikaner zugrunde lag und liegt, traditionell sei und den Geist der Kirchenväter atme.

 

II.

 

Auf der Basis dieser gesicherten Vorüberlegungen kann nun die These genannt werden, die dem Vortrag zugrunde liegt und die meines Erachtens der Diskussion wert ist, auch wenn sie sich vielleicht letztlich nicht halten lässt. Es ist die These Alfred Weckwerths, den die Herausgeber der Theologischen Realenzyklopädie, des bedeutendsten und umfangreichsten evangelischen Lexikons, mit dem Artikel über die „Armenbibel“, die „Biblia pauperum“ beauftragt hatten. Mit dem Begriff „Biblia pauperum“ können recht unterschiedliche Kunstformen bezeichnet werden. Indiskutabel, aber leider populärwissenschaftlich immer wieder zu hören und zu lesen ist eine Deutung von „gemalter Bibel für des Lesens Unkundige“. Über dieses Missverständnis gäbe es einiges zu sagen, was hier aber nicht ausgeführt werden soll.

In der Kunstgeschichtsschreibung hat es sich eingebürgert, mit „Armenbibel“ in erster Linie bebilderte Bibelhandschriften aus dem hohen und späten Mittelalter zu benennen. Gemeinsames Kennzeichen der „Bibliae pauperum“ ist die ausdrückliche Verknüpfung von Altem und Neuem Testament, insofern jeweils einem neutestamentlichen Zentralbild zwei oder drei Bilder mit entsprechenden alttestamentlichen Szenen zugeordnet sind. So wird etwa dem Bild von der Geburt Jesu zum einen Mose vor dem brennenden aber nicht verbrennenden (sogar Blüten tragenden) Dornbusch und zum anderen der blühende Stab Aarons zugeordnet, wodurch die Fruchtbarkeit und Mutterschaft Marias bei gleichzeitig unversehrter Jungfräulichkeit vom Alten Testament her beleuchtet werden.

Hermeneutische Grundlage für diese Zuordnungen ist die „Typologie“ oder „typologisches Denken“, wovon etwa Leonhard Goppelt gesagt hat, es sei die Weise, wie sich Altes und Neues Testament aufeinander beziehen und wodurch ihre Einheit begründet werden kann. Einem „typos“, lateinisch „figura“, deutsch vielleicht am besten übersetzt mit „Vorausbild“ oder „Entwurf“ im Alten Testament entspricht die überbietende Erfüllung im Antitypos des Neuen Testaments. Typoi können Ereignisse, Institutionen, vor allem aber Personen des Alten Testamentes sein. Die Sintflut oder der Auszug Israels aus Ägypten durch das Rote Meer beispielsweise sind Vorausbilder der Taufe (vgl. 1 Kor 10,1 Petr 3,20 f.: „in ihr [der Arche] wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet. Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet“), ebenso die Gabe des Manna, Brot vom Himmel, als Vorausbild der Eucharistie und Jona, der drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, als Vorausbild des gekreuzigt-auferstandenen Herrn (Mt 12,40: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Innern der Erde sein“).

Typologie setzt voraus und macht erkennbar, dass Gott sich treu und in seinem Handeln erkennbar bleibt. Dabei gibt es eine Dynamik in seinem Handeln, die als Ausdruck einer göttlichen Pädagogik verstanden werden kann. Auf Seiten der Empfänger der Offenbarung entspricht dieser Pädagogik eine Hinführung und Weitung der Herzen. Die Fülle und Wucht der Offenbarung kann demnach nur dem vorbereiteten und zudem noch umkehrenden Menschen eingehen.

Auf der Meta-Ebene stellt das Bild mit den Kundschaftern die Einheit der Testamente dar. Kaleb aus dem Stamme Juda steht für das Volk der Juden und das dem großen Heilsgeschehen vorangehende Alte Testament, während der hintere Träger, der Benjaminite Josue – gleicher Wortstamm wie Jesus – das Neue Testament symbolisiert. Kaleb blickt sich nach der Traube um, das heißt die Juden schauen zurück, indem sie an dem Alten Testament festhalten. Die Kirche hingegen schaut voraus und erkennt in der Stange, an der die Traube hängt schon das Kreuzesholz des Erlösers und folgt ihm.

 

III.

 

Ein zweiter der insgesamt 80 bekannten Codices, die wir Armenbibel nennen, ist der Codex palatinus latinus 871. Man beachte am vorliegenden Bild den großen Textteil. Er macht deutlich, dass es sich bei der Biblia pauperum keineswegs um eine Bibel für die Armen im Geiste handelt, die nicht lesen können. Hier kann man darüber hinaus eine Variante der Darstellung der Kundschafter sehen. Josue, als Versinnbildlichung des Neuen Testamentes schaut auf Kaleb zurück und geht voraus. Zuerst kommt das Alte Testament, dann die Frucht am Querbalken, Jesus Christus, dann das Neue Testament. Jesus Christus stellt auch hier die Verbindung zwischen beiden her.

Alfred Weckwerth nun stellte 1972 die These auf, der Bibel-Typ Biblia pauperum, die Armenbibel, mit ihren charakteristischen Bibelbilder-Kombinationen, sei Instrument der antihäretischen, d.h. antikatharischen Glaubensverkündigung gewesen und habe dem Ziel gedient, die Einheit der typologisch aufeinander bezogenen Testamente gegen die Verwerfung des Alten Testaments durch die Katharer sichern und predigen zu helfen. Die pauperes, die Armen der Armenbibel, seien also nicht die „Unmündigen“ oder „Ungebildeten“, auch nicht einfach die vom Herrn in der ersten Seligpreisung der Bergpredigt gepriesenen „pauperes spiritu“ (vgl. Mt 5,4 Vulgata), sondern Frauen und Männer, die in „apostolischer Armut“ leben wollten. Auf kirchlicher Seite waren dies vor allem die armen Bettelmönche, allen voran die Dominikaner (Weckwerth, Der Name, S. 26-28). „In den heftigen theologischen Auseinandersetzungen jener Zeit, in der auch Häretiker diesen Namen führten, nahmen auf rechtgläubiger kirchlicher, d.h. römisch-katholischer Seite besonders die mönchischen Orden den Namen ‚Pauperes‘ für sich in Anspruch. Aus ihren Reihen stammen diese Schriften, die damals und heute als Bibliae pauperum bezeichnet wurden und werden.“ (Weckwerth, a.a.o., S. 33) Bereits 1957 machte Weckwerth die antihäretische Zweckbestimmung der mittelalterlichen Armenbibeln stark. Er wandte sich damit gegen die Deutung von Hans Rost (1939), der in den „pauperes praedicatores“ solche Prediger sah, die über geringe Mittel zur Anschaffung von Büchern verfügten: „Die Typologien dieser Zeit waren gegen die Lehren der Katharer gerichtet, folglich war auch die Bestimmung der Biblia pauperum antikatharisch.“ (Weckwerth, Die Zweckbestimmung, S. 257). Er erinnert an die Synoden von Toulouse (1229) und Tarragona (1233), die für den Besitz der Bibel sowohl für Priester als auch für Laien weitreichende Regulierungen formuliert hatten. Die Kirche ging im 13. Jahrhundert zu einem rigideren Vorgehen gegen die Häresie über. Es waren laut Weckwerth auch die Benediktiner, die sich von ihrer Ordenstradition her besonders für eine Bekämpfung der Häresie durch sachliche Argumentation, durch Lehre und mit der Kraft der Überzeugung stark machten. Bei ihnen entstand in dieser Zeit eine Typologiensammlung, die für die Auseinandersetzung mit den Katharern die notwendigen Argumente lieferte. Darin waren u.a. Bibelstellen systematisch geordnet, so dass die Bedeutung des Alten Testamentes verdeutlicht werden konnte. Diese Sammlung diente wohl auch als Grundlage für die Predigten gegen die Irrlehren der Katharer (Weckwerth, a.a.o., S. 257 f.). Besonders der Dominikanerorden ist von seinen Anfängen her antihäretisch und dem apostolischen Ideal der Armut verschrieben. Auch wenn natürlich die Dominikaner nicht die einzigen waren, die sich als „wahre Arme“ bezeichneten und gegen die Katharer predigten, so lässt sich doch eine besondere Nähe zwischen den Anfängen den Armenbibeln und den Dominikanern feststellen (Weckwerth, Der Name, S. 27 f.).

Die Thesen Weckwerths haben vielfach Widerspruch hervorgerufen. Gerhard Schmidt und Maurus Berve halten ihm entgegen, dass zur Zeit der Hochblüte der Katharer nur nicht bebilderte Bibelkurzfassungen, die „echten“ Armenbibeln, für die Hand von Scholaren oder Predigern, die sich den Erwerb einer vollständigen Bibelausgabe nicht leisten konnten, nicht aber die kostbaren „typologischen“ Bilderbibeln als Bibliae pauperum bezeichnet worden seien (Schmidt, Die Armenbibeln des 14. Jahrhunderts). Diese Bibelkurzfassungen verrieten zwar populärdidaktische, nicht aber ausgeprägt antihäretische Zielsetzungen. Die Erkenntnis Gotthold Ephraim Lessings, dass es sich bei der Bezeichnung Biblia pauperum für die bebilderten Bibelausgaben um eine spätere Zutat handelt, bleibe gültig.

Eine entscheidende Funktion in der Argumentation kommt dabei der Frage zu, ob die Bezeichnung Biblia pauperum für mit typologischen Bildzusammenstellungen ausgestattete Bibelausgaben tatsächlich schon, wie Weckwerth meint, für das hohe Mittelalter selbst nachgewiesen (Weckwerth, Der Name, S. 2) werden kann, oder ob er in diesem Verständnis erst als bibliothekarischer Begriff im 15. Jahrhundert begegnet, als die ursprünglichen Zusammenhänge in Vergessenheit geraten waren und aufgrund einer einseitigen Wertschätzung des Wortes das Bild nur als pädagogisches Vehikel gedeutet werden konnte. Das Bildbedürfnis und die Bilderverehrung in der Kirche haben nichts mit einem vermeintlichen Analphabetismus zu tun, sondern sie entsprechen der Offenbarung Gottes in den Medien von Raum, Zeit und Geschichte, insofern sich in Jesus Christus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes gezeigt hat.

Somit wäre die These Weckwerths eine Überinterpretation des Begriffs „pauperes“. Immerhin räumt Schmidt ein, Weckwerth komme das Verdienst zu, auf die antihäretische Propaganda als theologiegeschichtlichen Hintergrund für die mittelalterliche Typologie aufmerksam gemacht zu haben (Schmidt, Die Armenbibeln des 14. Jahrhunderts, 120). Dem Urteil Schmidts schließen sich auch die Herausgeber der Bilderhandschrift des Codex Palatinus latinus 871 aus der Biblioteca Apostolica Vaticana in der Belser Kunstbuchedition berühmter Handschriften an (Wetzel, Biblia pauperum, S. 9).

 

IV.

 

Ganz sicher aus der Feder eines Dominikaners ist nun eine Weiterentwicklung der Biblia pauperum, der Heilsspiegel, lat. speculum humanae salvationis, der allerdings erst in der Anfang / Mitte des 14. Jahrhunderts entstanden ist, zu einer Zeit also, als die Predigt gegen die Katharer nicht mehr notwendig war. Deutsche Ausgaben des Speculum erhalten Titel wie „Spiegel der menschlichen Seligkeit“ oder „Spiegel menschlicher Behältnis“.

Es handelt sich um eine in lateinischer Reimprosa abgefasste illustrierte Heilsgeschichte. Als Schöpfer gilt der Dominikaner Ludolf von Sachsen (geb. um. 1300, 1315/20 Dominikaner, seit 1340 Karthäuser, gest. 1377/78 in Straßburg). Das Speculum humanae salvationis ist seit 1324 bezeugt und stand zwei Jahrhunderte lang hoch im Kurs. In der Komposition des Speculum ist neu, dass es den verbindlichen Rahmen biblischer Szenen überschreitet. Es weist zwar dieselbe Grundeinteilung auf wie die Biblia pauperum, im Unterschied zur Armenbibel wird aber den zwei Begleitbildern für das neutestamentliche Bild ein drittes hinzugefügt. Dieses kann auch der römischen Mythologie o.ä. entstammen. So ist etwa in Kapitel 8, das die Geburt Christi darstellt, den beiden alttestamentlichen Bildern vom „Traum des Mundschenks des Pharao“ und dem „grünenden Aaronstab“ noch eine römische Szene beigesellt. Auf dem Aracoeli in Rom sieht man die tiburtinische Sybille und Kaiser Augustus. Auf die Frage des Kaisers, ob nach ihm noch ein mächtigerer König geboren werde, verweist Sybille auf eine Himmelserscheinung, die Maria mit dem Kind in einem Kreis neben der Sonne zeigt (Appuhn, Heilsspiegel, 8).

 

Schlussthese:

 

Abschließend lässt sich mit festhalten, dass das Charakteristikum der Armenbibel, die typologische Zuordnung von alt- und neutestamentlichen Themen, unter anderem dem Kampf gegen häretische Bewegungen diente, die das Alte Testament ablehnten und Ihre Lehren nur vom Neuen Testament her begründeten. Diese Tradition blühte in Form des „arischen“ Bekenntnisses der nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ im 20. Jahrhundert wieder auf. Es ist nicht auszuschließen und manches spricht dafür, dass die Bekämpfung vergleichbarer Irrlehren im 14. Jahrhundert, wie z.B. der Katharer und auch weiterer Gruppierungen im Rahmen der Armutsbewegung, zur Entstehung der Biblia pauperum, geführt hat (Wetzel, Biblia pauperum, 7 f.).

Wir werden den heutigen Tag mit einer Pontifikalvesper in einer anderen Kirche Regensburgs beschließen, und zwar in der ältesten Pfarrkirche Regensburgs, der vom Stiftskapitel von der Alten Kapelle betreuten Kirche St. Kassian. Sie ist seit Oktober letzten Jahres nach mehrjähriger Renovierung wieder geöffnet. Sie ist nicht zuletzt bedeutend wegen ihres einzigartigen typologischen Freskenprogramms, das ganz in der Tradition der biblischen Hermeneutik der Kirchenväter und des der Armenbibel zugrundeliegenden Schriftverständnisses steht. Sechs Frauengestalten des Alten Testaments werden als Vorausbilder Marias vorgestellt. Die alt- und neutestamentlichen Szenen werden hier nicht nebeneinander gestellt, sondern in ganz besonders kunstvoller Weise ineinander verwoben.

Exemplarisch sei die Darstellung der Rebekka gezeigt. Es ist ein Beispiel dafür, wie die Idee der Biblia pauperum in späteren Jahrhunderten fortgeführt wurde. Man sieht „Rebekka am Brunnen“, wie sie dem Knecht Abrahams den Krug reicht, um dann auch seine Kamele zu tränken. Im Hintergrund sind die Zelte und Herden Abrahams zu sehen, die er als Brautwerbung für seinen Sohn Isaak mitgegeben hatte. „Bis alle getrunken haben“ sind die Worte der Rebekka, der späteren Frau des Isaak. Der Knecht Abrahams erkennt an ihrer Großzügigkeit und Freigebigkeit, die auch die Kamele der Fremden tränken lassen will, dass sie die Auserwählte für Abrahams Sohn Isaak ist. Am Himmel schwebt in hellem Licht die Halbfigur Marias über einer Mondsichel. Sie wird von zwei Engeln begleitet. Von ihr geht über eine Muschelschale ein breiter Wasserschwall aus, der die Erde tränkt. Die Bildaussage lautet: Rebekka konnte mit irdischem Wasser den Durst des Elieser und seiner Tiere stillen und dadurch barmherzig sein. Maria erweist uns ihre Barmherzigkeit vom Himmel her. Sie fängt den Strom der Gnade ihres Sohnes auf und verströmt ihn weiter an die Menschen. So kann sie unseren Durst nach Gnade und Heil stillen.

Das Konzept der Biblia pauperum ist mit der Reduzierung der Exegese auf die historisch-kritischen Methoden verloren gegangen. In den letzten Jahren wird sie im Rahmen beispielsweise der kanonischen Exegese wieder entdeckt. Exegese und Verkündigung könnten durch eine Verstärkung dieser Tendenzen an biblischer und theologischer Tiefe sowie an Vielfalt und Schönheit gewinnen.

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