Was geschieht mit dem Menschen, wenn er dem Tod nahekommt? Dieser Frage widmete sich eine Veranstaltung, die unter dem Titel Das Ich in Todesnähe am 4. Juli 2025 in der Katholischen Akademie stattfand. Im Zentrum stand dabei der Vortrag des Wiener Philosophen und Psychologen Prof. Dr. Alexander Batthyány, der von aktuellen Forschungen zu Sterbe- und Nahtoderfahrungen berichtete. In einem anschließenden Gespräch mit dem Metaphysiker Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ wurden die philosophischen Implikationen dieser vertieft.
Andreas Batthyány, Leiter des Viktor-Frankl-Instituts in Wien und ausgewiesener Kenner der Logotherapie, verortete die moderne Sterbeforschung ideengeschichtlich in den 1970er-Jahren. Nach den Zivilisationsbrüchen von Auschwitz und Hiroshima sowie im Kontext existenzialistischer Denktraditionen sei in dieser Zeit die Frage nach Tod und Endlichkeit neu in den Blick gerückt. Spätestens mit der AIDS-Krise der 1980er-Jahre sei der Tod auch für jüngere Generationen zu einer existenziellen Realität geworden. Forschung in diesem Feld, so Batthyány, bewege sich im „Niemandsland“: interdisziplinär angesiedelt zwischen Psychologie, Philosophie, Theologie und Medizin – und methodisch äußerst herausfordernd.
Drei Phänomenbereiche nahm Batthyány besonders in den Blick. Erstens sogenannte Sterbe- und Visitationserlebnisse: Berichte von Sterbenden, die kurz vor ihrem Tod verstorbene Angehörige
wahrnehmen oder von intensiven, oft tröstlichen, teils spirituellen Erfahrungen sprechen. Bemerkenswert sei, dass solche Visionen nicht selten bei klarem Bewusstsein geschildert würden – von Menschen, die kognitiv orientiert und ansprechbar seien. Die vorschnelle Pathologisierung als Halluzination greife daher zu kurz. Gegenüber der erlebenden Person stünde daher unbedingt deren Akzeptanz sowie das ernstnehmende Zuhören vor dem Versuch der Erklärung des Phänomens.
Im Folgenden wandte sich Batthyány der Nahtoderfahrung zu. Seit den 1970er-Jahren würden weltweit Berichte von Menschen gesammelt, die nach Herz- und Atemstillstand reanimiert wurden. Charakteristisch seien in diesem Zusammenhang außerkörperliche Wahrnehmungen, Rückblicke auf das eigene Leben oder intensive Lichterfahrungen. Besonders irritierend für ein rein materialistisches Menschenbild sei, dass diese komplexen Erlebnisse in Phasen aufträten, in denen die neuronale Aktivität massiv eingeschränkt sei. Die Ressourcen, auf die Menschen in solchen Augenblicken zurückgreifen könnten, schienen nach gegenwärtigem Wissen mitnichten auszureichen, um derart kohärente Erfahrungen zu ermöglichen.
Ein dritter Schwerpunkt galt der sogenannten terminalen Geistesklarheit: dem Phänomen, dass schwer demente oder psychisch stark beeinträchtigte Menschen kurz vor ihrem Tod eine Phase überraschender Klarheit erleben. Für Angehörige seien diese Momente oft von großer Bedeutung; wissenschaftlich stellten sie jedoch ein Rätsel dar, da sich die beobachtete kognitive Präsenz nicht ohne Weiteres mit dem bekannten neurodegenerativen Befund vereinbaren lasse.
Im Gespräch mit Godehard Brün-trup SJ, das auf den Vortrag folgte, verschob sich der Akzent von der Empirie zur Metaphysik. Wenn Bewusstsein in Grenzsituationen nicht vollständig an neuronale Prozesse gebunden erscheine – was folge daraus? Batthyány zufolge legten die Daten zumindest nahe, dass das menschliche Bewusstsein komplexer sei als ein bloßes Nebenprodukt biochemischer Vorgänge. Von einem Beweis für ein Weiterleben der Seele könne keine Rede sein; wohl aber von ernstzunehmenden Indizien gegen einen reduktiven Materialismus.