Die Krise, die Europa formte

England, Frankreich und der Beginn des Hundertjährigen Krieges

As part of the event "Historic Days 2016 - Just a Dark Time of Crisis?", 10.02.2016

Man kann den Hundertjährigen Krieg – also den Krieg zwischen den Königreichen England und Frankreich in der Zeit von 1337 bis 1453 – als eine krisenhafte Zeit deuten. Jeder Krieg stellte in den Augen der leittragenden Zeitgenossen eine Ausnahmesituation dar, in der sich der Rahmen des Gewohnten massiv verschiebt. Wenn hier diese Krise mit der Formierung Europas in Verbindung gebracht wird, bezieht sich dies die innere Verfasstheit, die territoriale Ausgestaltung und Beziehung der beteiligten Königreiche zueinander. Der Begriff „Hundertjähriger Krieg“ bezeichnet die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Königen von Frankreich und England in der Zeit von 1337 bis 1453. Im Jahr 1337 konfiszierte Philipp VI. von Frankreich das südfranzösische Herzogtum Guyenne, welches der englische König Eduard III. von ihm zu Lehen hielt, und 1453 verloren die Engländer unter ihrem Kommandanten John Talbot die letzte Schlacht des Krieges bei Castillon, in der Guyenne östlich von Bordeuax. Zwischen 1337 und 1453 liegen offensichtlich mehr als 100 Jahre; die Bezeichnung ist nicht das Ergebnis einer Berechnung, sondern will auf die lange Dauer des Konfliktes und seine daraus für die Nationalgeschichten resultierende Bedeutung verweisen. Sie findet sich erstmals im „Tablaeu chronologique de l’Histoire du Moyen age“ des französischen Historikers Desmichels aus dem Jahr 1823 und ist Teil der Nationalgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts.

Es ist in erster Linie diese Dauer, die den Konflikt historische Bedeutung verleiht. Die langanhaltende Krise, die auf verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Ebenen wirksam wurde, hat das Aussehen der Kriegsparteien verändert. Wie bei jedem Krieg bezieht sich dies zunächst auf die unmittelbaren Folgen der Gewalt: Der Krieg hatte Tausende von Opfern gefordert, Landstriche waren verwüstet und unzählige Gräueltaten begangen worden. Aber auch auf der Ebene der Politik, der Verfasstheit der beteiligten Nationen und ihrem Verhältnis zueinander hatte sich viel verändert: Die Nationalstaaten, die heute die Grundlage Europas bilden, wurden – soweit es England und Frankreich angeht – entscheidend im ausgehenden Mittelalter geprägt. Dabei gibt es einen engen Zusammenhang zwischen der Krisenhaftigkeit der Kriegs-Situation und der Entwicklung hin zum Nationalstaat.

 

Gründe des Krieges

 

Zwei Ursachen oder Motive stehen am Anfang dieses Krieges, die beide das Verhältnis zwischen dem König von Frankreich und dem von England betreffen. Grundlegend ist zunächst die Tatsache, dass der englische König 1337 Lehnsmann des französischen Königs war – und zwar für Besitzungen rund um Bordeaux im Südwesten Frankreichs und im Nordwesten der Picardie rund um Abbeville. Entscheidend waren die Besitzungen im Südwesten, das Herzogtum Guyenne oder Aquitanien. 1259 hatten sich der englische König Heinrich III. und der französische König Ludwig IX. im Vertrag von Paris darauf geeinigt, dass der englische König die Guyenne von nun als Lehen des französischen Königs halten sollte. Diese Rechtskonstellation können wir heute als einen der wesentlichen Gründe für den Hundertjährigen Krieg ausmachen. Die Lehnsabhängigkeit schränkte die Stellung des herrscherlichen Selbstverständnisses des englischen Königs stark ein; auch politisch war der englische König an den französischen gebunden: Dieser konnte in das südfranzösische Herzogtum gleichsam hineinregieren, etwa indem er bei strittigen Gerichtsfällen Appellationen an das oberste königliche Gericht in Paris zuließ und damit betonte, dass das Herzogtum Gyuenne Teil seines Königreichs und seiner Jurisdiktion war. Der englische König war darüber hinaus zur Heeresfolge verpflichtet und dadurch in dem, was wir heute seine außenpolitische Souveränität nennen würden, eingeschränkt. Dem englischen König drohte beständig der Entzug des Lehens und damit der Verlust der Gyuenne. Die Festlandsbesitzungen waren aber aus englischer Sicht elementarer Bestandteil des Königreiches und ökonomisch zu bedeutend, um sie einfach aufzugeben.

Nach dem Vertrag von Paris kam es drei Mal zu Konfiskationen des Herzogtums Guyenne durch französische Könige: 1293, 1324 und 1337. Nach 1293 und 1324 wurde das Herzogtum jeweils zurückerstattet. Der Konflikt rund um die Festlandsbesitzungen des englischen Königs schwelte also gleichsam vor sich hin und war beim Ausbruch des Hundertjährigen Krieges 1337 nicht neu. Warum also setzen wir heute das Jahr 1337 als Anfang des Krieges? Dies liegt nicht an der grundlegenden Konstellation, sondern daran, dass die beiden nun entscheidenden Akteure, Eduard III. von England und Philipp VI. von Frankreich, bereit waren, den Konflikt eskalieren zu lassen und mit einer bislang nicht vorhanden Konsequenz zu betreiben. Dies hat auch mit dem zweiten für den Krieg ursächlichen Motiv zu tun: dem Kampf um die französische Krone. Der Hundertjährige Krieg war auch ein Thronstreit. Das französische Königtum war eine Erbmonarchie. Seit dem ausgehenden 10. Jahrhundert hatte es eine ungebrochene Vater-Sohn-Folge gegeben. Anfang des 14. Jahrhunderts verließ die französische Dynastie aber dieses dynastisch-biologische Glück, und es kam zu einer Reihe von Konstellationen, in denen nach dem Tod des Königs kein männlicher Erbe zur Verfügung stand – so auch 1328 nach dem Tod Karls IV. Nach den Prinzipien von Verwandtschaft und Vererbung gab es zwei Thronanwärter: Philipp von Valois war in männlicher Linie mit dem verstorbenen König verwandt, König Eduard III. von England über Mutter Isabella in weiblicher Linie. Die Entscheidung zwischen diesen beiden Kandidaten war weniger eine erbrechtliche als eine politische, die dann nachträglich juristisch begründet wurde. Philipp war ein erfahrener, am französischen Hof angesehener Fürst von 35 Jahren; Eduard hingegen war 15 Jahre alt, politisch unerfahren und unter der Kontrolle seiner Mutter und ihres Geliebten. Er musste die Entscheidung für Philipp von Valois zunächst akzeptieren und diesem huldigen.

Eduards Anspruch auf den französischen Thron bot aber für die englische Krone zu viel Potenzial, um sie dauerhaft ruhen zu lassen. Hier lag aus englischer Sicht der Schlüssel, um alle Probleme rund um die englischen Festlandbesitzungen zu lösen: War der englische König gleichzeitig König von Frankreich, löste dies das Problem des Lehnsverhältnisses. Das erklärt, warum englische Könige im Verlauf des Krieges immer wieder Ansprüche auf den Thron geltend gemacht haben. Somit verschränkten sich beide Motive miteinander, und dies ist ein Grund, warum der Krieg so lange mit so großer Erbitterung geführt wurde.

 

Verlauf im 14. Jahrhundert

 

Man kann den Kriegsverlauf in vier Phasen einteilen, zwei davon sind im 14. Jahrhundert zu verorten: Die erste reicht von der dritten Konfiszierung der Guyenne 1337 bis zum Vertrag von Brétigny 1360, der den ersten großen Vertragserfolg der Engländer darstellte. Die zweite Phase umfasst die Zeit nach Brétigny bis zum Jahr 1407; in dieser Zeit revidieren die französischen Könige die englischen Erfolge. 1407 wurde der Herzog Ludwig von Orléans ermordet, was die innerfranzösischen Rivalitäten zu einem offenen Bürgerkrieg steigerte. Vor allem unter König Heinrich V. (1413-1422) errangen die Engländer in der dritten Phase wieder enorme Erfolge. Diesen wurde 1435 durch den Frieden von Arras die Grundlage entzogen, in dem sich die französischen Bürgerkriegsparteien einigten und geschlossen gegen England stellten. Daraus resultierte in der vierten und letzten Phase von 1435 bis 1453 die Eroberung beinahe aller englischen Festlandbesitzungen durch die Truppen König Karls VII., des Siegreichen, von Frankreich.

Im Folgenden seien die Phasen des 14. Jahrhunderts von 1337 bis 1360 vorgestellt.

In dieser Phase wurde das Kriegsgeschehen durch das strategische Konzept des englischen Königs Eduards III. bestimmt. Er eröffnete den Krieg, seine Aktionen auf dem Kontinent zwangen seine französischen Counterparts zur Reaktion. Die englische Strategie zielte darauf ab, durch militärische Erfolge so viel politischen Druck aufzubauen, dass dieser am Verhandlungstisch in Konzessionen umgewandelt werden konnte. Das kriegerische Mittel hierzu waren ausgedehnte Plünderungs- und Verwüstungszüge berittener Kontingente und der Versuch, eine offene Feldschlacht zu erzwingen. Beides zielte letztlich darauf ab, die Reputation des Gegners zu schädigen und seine Position zu schwächen.

In dieser ersten Phase des Krieges waren die jeweiligen Könige persönlich im Feld aktiv, führten Feldzüge an und kommandierten ihre Truppen in der Schlacht. Wir können hier einen klaren Zusammenhang zwischen kriegerischer Aktivität und königlicher Reputation erkennen. Dies erstreckte sich nicht nur auf den militärischen Erfolg, sondern auch auf die Art der Kriegführung. Eduard schmiedete zunächst eine Allianz gegen Philipp VI., die vor allem aus Fürstentümern an der Nordostgrenze Frankreichs bestand. 1339 setzte er ein Heer über den Kanal und rückte von Brabant aus nach Frankreich vor. Er versuchte immer wieder, Philipp von Frankreich zur Schlacht zu bewegen; dieser ging aber nicht darauf ein und verweigerte den Kampf zu von Eduard ausgesuchten Bedingungen. Hier zeigt sich die ökonomische Dimension von mittelalterlichem Krieg sehr deutlich: Der Krieg war – vor allem durch Sold- und Subsidienzahlungen – sehr teuer, und Eduard konnte es sich nicht leisten, seine Truppen über lange Zeiträume im Feld zu halten. Er brauchte daher schnelle Erfolge, die ihm Philipp verweigerte, sodass die anti-französische Allianz schließlich zerbrach.

Der einzige Erfolg für die Engländer war die Niederlage der französischen Flotte bei Sluys in Flandern im Jahr 1340; von nun an konnten sich englische Schiffe mehr oder weniger ungefährdet auf dem Kanal bewegen. Im selben Jahr ließ Eduard III. sich in Gent als König von Frankreich anerkennen und nahm die französischen Lilien in das königliche Wappen auf. Dieser symbolische Akt ist eher als Zeichen der situativen Schwäche zu werten denn als Ausdruck grundlegender Erfolge der englischen Strategie.

Eduard lernte aus den Fehlern und kehrte 1346 mit einem rein englischen Heer auf den Kontinent zurück. So musste er nicht mehr auf die Empfindlichkeiten einzelner Partner Rücksicht nehmen und konnte seine strategischen Konzepte mit einer eingespielten und vergleichsweise homogenen Truppe umsetzen. Eduard suchte die Feldschlacht, und diesmal konnte sich Philipp VI. nicht mehr verweigern. Auch wenn seine bisher defensive Strategie erfolgreich gewesen war, so entsprach es dennoch nicht dem Verständnis der Zeitgenossen von erfolgreichem Königtum, das Land ohne Gegenwehr den Plünderungen des Gegners zu überlassen: Ein mittelalterlicher König war Teil der kriegeradligen Kultur, und diese legitimierte sich über die Fähigkeit zur Kriegführung und durch die aktive Kriegsteilnahme. So kam es 1346 bei Crécy zur ersten und einzigen Königsschlacht des Hundertjährigen Krieges, in der sich zwei von Königen befehligte Heere gegenüberstanden. Das Ergebnis war eine vernichtende Niederlage für Philipp VI., der sich nur durch Flucht retten konnte. Für Eduard III. brachte dieser Sieg hingegen einen enormen Zuwachs an Prestige; er wurde mit einem Schlag zum bekanntesten Feldherrn Europas. Damit stieg auch die Bereitschaft des englischen Parlaments, den Kriegssteuern zuzustimmen. Handfestes Ergebnis war die Eroberung der Stadt Calais 1347, welche als wichtiger Stützpunkt bis 1558 in englischer Hand bleiben sollte.

Ein entscheidender Verhandlungserfolg für die Engländer blieb zunächst aber aus. Der Ausbruch der Pest 1347 führte dazu, dass der Krieg gleichsam pausierte und erst nach mehreren Waffenstillständen 1355 wieder aufgenommen wurde. Die Engländer blieben ihrer Strategie des Plünderns und Verwüstens treu: 1356 führte der englische Thronfolger Eduard einen Plünderungszug durch. Der französische König Johann II. – der Nachfolger Philipps VI. – verfolgte ihn und konnte ihn in der Nähe von Poitiers zur Schlacht zwingen. Wieder blieben die englischen Kämpfer in einer großen Feldschlacht siegreich, und diesmal war die Beute noch größer: König Johann II. von Frankreich geriet in englische Gefangenschaft. Das brachte Eduard III. in eine sehr starke Verhandlungsposition. Frankreich wurde in der Abwesenheit seines Königs vom Thronfolger – dem späteren Karl V. – regiert und geriet in eine Krise. Die Stände verlangten mehr Mitbestimmung und Einfluss auf die königliche Politik, etliche Adlige suchten aus der Situation Nutzen für ihre eigenen Interessen zu ziehen, und es kam zu einer Aufstandsbewegung der Bauern, der „Jacquerie“. Die Niederlagen von Crécy und Poitiers hatten Zweifel an einem Gesellschaftssystem aufkommen lassen, das dem Adel Privilegien dafür einräumte, dass er Land und Leute schützte. Offensichtlich hatte der französische Adel hierin versagt und sah sich daher mit einem Aufstand gegen seine Vorrechte konfrontiert. Dieser wurde zwar relativ schnell und blutig niedergeschlagen, hier zeigt sich aber, wie in der Krise des Krieges gesellschaftliche Wirkungszusammenhänge in Frage gestellt werden konnten.

Ende der 1350er Jahre hatte sich die Situation zugunsten des französischen Thronfolgers gefestigt: Der Adel stand geschlossen zur Monarchie und die Stände wurden an der Finanzverwaltung beteiligt. König Johann war freilich noch immer in englischer Gefangenschaft. Schließlich kam es im Mai 1360 zum Frieden von Brétigny. Hier zeigt sich, dass der Anspruch auf den französischen Thron für Eduard III. keineswegs elementar war: Er verzichtete auf die französische Krone im Tausch gegen umfangreiche Besitzungen auf dem Kontinent; diese sollten nicht mehr Lehen, sondern Eigenbesitz sein. Hinzu kam das Lösegeld für Johann: die enorme Summe von drei Millionen Écu, beinahe das Doppelte der Jahreseinnahmen der französischen Krone. Damit schienen Lösungen für die beiden Konfliktfelder gefunden zu sein, die ursächlich für den Krieg waren. Es gab nur noch einen König von Frankreich und dieser stand in keinem Lehensverhältnis mehr zu seinem englischem Counterpart.

Es zeigte sich aber schnell, dass beide Seiten mit dieser Lösung nicht zufrieden waren. Wir wissen heute, dass mit dem Vertrag von Brétigny der Höhepunkt des englischen Einflusses in Frankreich im 14. Jh. erreicht war. Eduard aber schätze seine Lage anders ein und glaubte, noch mehr herausholen zu können. Schon im Herbst 1361 erhob er erneut Ansprüche auf die französische Krone – der Krieg wurde wieder aufgenommen.

Die Kriegsphase von 1360 bis 1407:

Im Jahr 1369 brach der Krieg erneut aus, gleichsam auf beiden für ihn ursächlichen Ebenen: Eduard III. nahm im Juni wieder den Titel eines Königs von Frankreich an, im November zog der französische König die Lehen Eduards III. ein. Beide Seiten sahen die Vereinbarungen von Brétigny als hinfällig an und kehrten zum Status quo ante zurück. Die grundlegende Konstellation des Konfliktes war dabei der in den 1330er Jahren sehr ähnlich; der Krieg sollte freilich einen ganz anderen Verlauf nehmen. Die Engländer hielten an ihrer Strategie fest und verheerten das Land; die Franzosen aber hatten ihre Strategie geändert – oder anders: Sie kehrten zu dem Verhalten zurück, dass Philipp VI. vor Crécy erfolgreiche praktiziert hatte und verweigerten den Engländern die Schlacht. Warum konnte diese Strategie, die 1346 nicht tragbar gewesen war, nun umgesetzt werden? Die Antwort liegt zunächst in der Person des neuen Königs von Frankreich. Auf Johann II. war 1364 Karl V. gefolgt, der den Beinamen „der Weise“ erhalten sollte. Er war ein äußerst erfolgreicher und in manchen Zügen modern anmutender Herrscher. Er regierte sein Königreich nicht vom Feldherrnhügel oder Sattel, sondern vom Schreibtisch aus. Ein Stück weit stellte sein Königtum einen Gegenentwurf zu den kriegerisch-ritterlich geprägten Feldherrntugenden Eduards III. Gegen den Widerstand adliger Berater setzt er seine Strategie der Schlachtvermeidung durch. Statt sich den als überlegen verstandenen englischen Truppen entgegenzustellen, gingen die französischen Verbände kleinteilig vor und eroberten Stück für Stück zurück, was im Vertrag von Brétigny abgetreten worden war. Karl V. scharte fähige Männer um sich, welche die ihnen zugedachten Aufgaben erfolgreich erledigten, ohne dabei auf die hochadlige Herkunft seiner Ratgeber zu achten.

Neben der Person des Königs gab es auch strukturelle Gründe für den Erfolg der defensiven Strategie: Die Niederlagen von Crécy und Poitiers, das Schicksal Johanns II. und die Unruhen nach seiner Gefangenschaft hatten deutlich gezeigt, dass die Strategie des offenen Kampfes gegen die Engländer nicht erfolgversprechend war. Dem französischen Adel waren die Argumente genommen, um sich gegen ihren defensiv agierenden König zu behaupten. Hinzu kam, dass seine Strategie sehr erfolgreich war. Nach und nach wurden die englischen Besitzungen zurückerobert. 1375 waren beinahe sämtliche Festlandsbesitzungen der Engländer – mit Ausnahme von Calais und Gebieten rund um Bordeaux – in französischer Hand.

Die Engländer hatten dem militärisch nichts entgegenzusetzen. Auch dies kann man personell und strukturell erklären. 1376 starb Prinz Eduard, 1377 Eduard III. Beide hatten sich eine enorme Reputation als Heerführer erworben und glänzende Siege erfochten, beide wurden – durch Alter und Krankheit – in ihren Aktionen mehr und mehr eingeschränkt. Hinzu kam eine gewisse Kriegsmüdigkeit in England. Da nachhaltige Erfolge ausblieben, sank die Bereitschaft, Steuern für den Krieg aufzubringen und die englischen Abwehrbemühungen wirkungsvoll zu finanzieren.

Karl V. starb 1380, Eduard III. 1377. Nun folgte eine Phase minderjähriger Könige auf beiden Thronen, was in beiden Ländern zu einer Schwächung der königlichen Stellung führte. Auf Eduard III. folgte sein Enkel, Richard II., auf Karl V. sein Sohn, Karl VI. In beiden Monarchien beherrschten jeweils einflussreiche Onkel die Politik. Johann von Gent war der mit Abstand reichste und mächtigste Magnat Englands. In Frankreich nutzten vor allem Philipp der Kühne, Herzog von Burgund, und Herzog Ludwig von Orléans ihren Einfluss, um ihre eigenen Interessen durch den Einsatz königlicher Ressourcen zu fördern. Bis 1388 Karl VI. selbst die Regierung übernahm und Richard II. 1389 offiziell mündig wurde, waren in beiden Königreichen inneren Belangen dominierend.

Entscheidend für die weitere Entwicklung des Krieges war der 5. August 1392. Nachdem er gerade fünf Jahre eigenverantwortlich regiert hatte, erlitt der französische König Karl VI. an diesem Tag einen Anfall, der den Beginn einer Geisteskrankheit darstellte, die den Monarchen schubweise ereilte und immer wieder handlungsunfähig machte. Wie schon während der Minderjährigkeit des Königs wurde Frankreich von der Politik seiner großen Herzöge abhängig; der Monarch als ausgleichender und regulierender Faktor fiel aus. In dieser Konstellation nahm eine Entwicklung ihren Anfang, die zum Bürgerkrieg in Frankreich und damit zu einer Phase der französischen Schwäche und der englischen Erfolge führen sollte. Es standen sich zwei Herzöge mit widerstreitenden Interessen gegenüber: Herzog Ludwig von Orléans, der Bruder des Königs, und Herzog Philipp von Burgund, dessen Onkel. Ludwig und Philipp bemühten sich, die Ambitionen des jeweils anderen zu stören, was sich auch auf den Fortgang des Krieges auswirken musste. König Karl VI. hatte immer wieder klare Phasen, blieb bis zu seinem Tod 1422 nominell König von Frankreich, hatte aber kaum Einfluss auf die Politik – allenfalls als Marionette in den Händen anderer.

Das Bestreben der burgundischen Herzöge zielte auf die Etablierung eines eigenen Reiches, sie machten burgundische, nicht französische Politik. Dazu gehörte auch, sich um einen Frieden mit England zu bemühen – der innerfranzösische Konflikt strahlte also auch auf die französische „Außenpolitik“ aus. Richard II. war diesem Vorschlag nicht abgeneigt, da sich in England eine gewisse Kriegsmüdigkeit breitgemacht hatte. Entsprechende Verhandlungen wurden nunmehr zwischen Frankreich, England und Burgund geführt und endeten 1396 mit einer Hochzeit: Richard II. heiratete Isabella, die Tochter Karls VI. Mit dieser politischen Ehe wurde ein achtundzwanzigjähriger Waffenstillstand zwischen beiden Ländern besiegelt. Ein Friede und damit ein Ende des Konfliktes wurde dieser aber nicht, weil sich in beiden Ländern die politische Lage dramatisch änderte, wodurch die Basis für eine Forstsetzung des Krieges um ein weiteres halbes Jahrhundert gelegt wurde: 1399 stürzte Heinrich von Lancaster, ein Enkel Eduards III., Richard II. vom Thron und trat als Heinrich IV. seine Nachfolge an, er begründete die Königsdynastie der Lancaster. Ein Anliegen dieser neuen Dynastie war die Wiederaufnahme des Krieges mit Frankreich: Heinrich IV. schickte die Frau seines Vorgängers nach Frankreich zurück, sein Sohn, Heinrich V., sollte dann im 15. Jahrhundert den Krieg wieder auf den Kontinent tragen.

In Frankreich aber wuchsen sich die Rivalitäten zu einem Bürgerkrieg aus. Am 23. November 1407 wurde der Kopf des Hauses Orléans, Herzog Ludwig ermordet, und Johann Ohnefurcht, Herzog von Burgund, bekannte sich öffentlich, dieses Attentat in Auftrag gegeben zu haben. Frankreich war nun endgültig in zwei Lager gespalten und diese begannen in den folgenden Jahren um Macht, Einfluss und die Kontrolle miteinander zu kämpfen. Dies eröffnete den Engländern unter Heinrich V. die Möglichkeit, noch einmal erfolgreich den Krieg zu erneuern. Dies fällt dann freilich in das 15. Jahrhundert und soll hier nicht detailliert ausgeführt werden.

 

Die Folgen des Krieges

 

Fragt man vor dem Hintergrund der Kriegsursachen, wer den Krieg gewonnen hat, so lautet die Antwort eindeutig: Frankreich, genauer: die französische Monarchie. Der französische König Karl VII., unter dessen Regierung die Schlacht von Castillon 1453 gewonnen und die englischen Besitzungen erobert wurden, trägt seinen Beinahmen „der Siegreiche“ zu Recht. Am Ende der langen Auseinandersetzungen gingen Karl VII. siegreich und das Königtum gestärkt aus dem Krieg hervor.

England verlor seine Festlandbesitzungen und wurde gleichsam zur Insel. Damit war der Grundstein für eine geo-strategische Entwicklung gelegt, die man im 19. Jahrhundert mit dem Schlagwort „splendid isolation“ bezeichnete.

Bezüglich der Herrschaftsstruktur hat das französische Königtum vom Krieg profitiert. Die beständige Notwendigkeit, das Königreich verteidigen zu müssen, schuf Gestaltungsspielräume und Zugriffsmöglichkeiten. Dies zeigt sich etwa, wenn man in die Zeit nach der Gefangennahme des französischen Königs Johanns II. in der Schlacht von Poitiers 1356 schaut: Um das Lösegeld für Johann aufzubringen und die Kosten des Krieges zu decken, wurde die Bevölkerung besteuert; zunächst entsprach dies ganz den im Mittelalter üblichen Sonderabgaben, die ein Monarch in speziellen Notzeiten erheben konnte. Da durch die Höhe des Lösegeldes und die anhaltenden Kriegskosten der Finanzbedarf aber bestehen blieb, verstetigte sich die ursprüngliche Sonderabgabe im Laufe der Zeit, sodass sie als Ausgangspunkt einer dauerhaften und kontinuierlichen Besteuerung in Frankreich gelten kann.

Neben der dauerhaften Besteuerung zählte zu den Elementen, die die französische Krone und den französischen Nationalstaat stärkten, auch die Etablierung eines stehenden Heeres unter direkter Kontrolle des Monarchen. Vor allem Karl V. und Karl VII. konnten sich gegen Widerstände im Adel behaupten, das Königtum auf eine breite Basis stellen und modernisieren. Die kontinuierliche Erweiterung des Krongutes, das unmittelbar unter königlicher Kontrolle stand, war die Grundlage für das starke französische Königtum, welches in den folgenden Jahren und Jahrzehnten eine hegemoniale Stellung in Europa einnehmen sollte.

Auf beiden Seiten des Kanals hat der Hundertjährige Krieg zur Weiterentwicklung eines Nationalgefühls beigetragen. Die beständige Auseinandersetzung forcierte das Verständnis, zu einer Gruppe mit einem gemeinsamen Anliegen zu gehören. Den Krieg der Königshäuser um Lehen und Krone führten am Ende zwei Nationen; diese grenzten sich – quer durch alle Stände – voneinander ab, etwa durch die Hinwendung zu den jeweiligen Nationalsprachen. Damit steht dieser Krieg nicht nur am Anfang neuzeitlicher Machtverteilung in Europa, sondern auch der Nationen England und Frankreich. In diesem Sinne stellt der Hundertjährige Krieg eine Krise dar, die Europa formte.

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