Die Rolle der Geschlechter im Buddhismus

As part of the event "Gender roles in Buddhism and Christianity", 06.10.2015

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Ich möchte meinen Vortrag mit drei Thesen, einer guten Nachricht und einer Frage beginnen.  Erstens: Religionen sind so unreflektiert, naiv und männerlastig oder so reflektiert und frauenfreundlich und offen für soziale und kulturelle Veränderungen und Zeitgeist wie das Gros der Frauen und Männer, die ihr folgen und sie organisieren. Zweitens: Menschen sind konservativ und verändern sich nur langsam. Drittens: Institutionen sind noch konservativer als Menschen und verändern sich noch langsamer.

Die gute Nachricht für alle, die unter bestimmten Vorstellungen und Bedingungen leiden: Es gibt Umbruchzeiten und Zeitfenster, wo vieles möglich ist und sich manches verändert. Allerdings kann man anderen neue Perspektiven nicht aufzwingen, sondern sie nur dazu inspirieren. Meine zentrale Frage zum Thema Geschlechterrollen: Welches Menschenmodell steht hinter allgemeinen und spezifischen Aussagen und Rollen, Übungen, Lehren und Ritualen?

 

Das allgemeine Modell ist der Mann

 

Eine erste Antwort auf diese Frage lautet: Das allgemeine Modell in Gesellschaft und Religion ist heute noch – meist der Mann.  Der Mensch „an sich“ ist männlich. Wenn ich das dtv-Lexikon von 1995 (!) unter dem Stichwort Mensch aufschlage, finde ich zum Beispiel das anatomische Bild eines Mannes. Und unter dem Stichwort Frau werden die Unterschiede und Abweichungen zum männlichen „Standard“-Körper genannt. Das allgemeine Modell ist der Mann. In vielen Sprachen gibt es nur ein Wort für Mensch und Mann, so etwa im Englischen und Französischen, engl. man, frz. l´homme, und selbst das deutsche Wort Mensch ist abgleitet vom Adjektiv „männisch“, also „männlich“.

Das ist nicht nur eine kleine philologische Bemerkung, sondern das hat sehr große soziale und politische Folgen. So dauerte es in der Französischen Revolution einige Jahre, bis es auch den Männern auffiel, allerdings erst auf den nachdrücklichen Hinweis einer Frau, Olympe de Gouges, dass die Menschenrechte, les droits de l´homme, nur die Rechte der besitzenden Männer formulierten und Frauen implizit und explizit genauso ausschlossen wie besitzlose Männer.

Sprache ist immer Ausdruck eines bestimmten Bewusstseins, und sie steht daher auch im Dienst der Ansichten über die Rolle von Männern und Frauen. Im Deutschen lautet der grammatisch korrekte Plural einer Versammlung von 99 Lehrerinnen und einem Lehrer immer noch „Lehrer“. Die Journalistin Luise F. Pusch schlug in den 1970ern vor, zum Ausgleich dafür, einige Jahre primär den weiblichen Plural zu verwenden. Ein Echo dieser Forderung ist das große I, mit dem in manchen Texten darauf hingewiesen wird, dass eine bestimmte Gruppe Männer und Frauen umfasst. Es dauerte bis in die 1980er, bis sich der deutsche „Lehrerkalender“ in den „Kalender für Lehrerinnen und Lehrer“ verwandelte.

Frauen kommen natürlich auch in Zeitungen und Büchern vor, aber immer noch eher als „das Andere“ des Mannes, als seine „bessere Hälfte“, als Gehilfin beziehungsweise heute als seine Assistentin.

Bei jeder allgemeinen Aussage über Menschen, die mir auffällt, ob in religiösen oder weltlichen Beiträgen in Film, Funk und Fernsehen, in Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern, frage ich: „Welches Menschenmodell steht dahinter?“ Bezogen auf die „Geschlechterrollen in Christentum und Buddhismus“ stelle ich dieselbe Frage an buddhistische Texte, wenn sie allgemeine Aussagen über Menschen formulieren, und ganz besonders an Übungen, die uns dabei unterstützen wollen, unsere Ansichten über uns und die Welt und unsere emotionalen Muster und Verhaltensweisen zu hinterfragen.

Bevor ich unterschiedliche Perspektiven des Buddhismus auf die Rolle von Frauen und Männern zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Ländern beschreibe, möchte ich meinen Weg zum Buddhismus und meine Haltung dazu kurz skizzieren. Denn ich gehöre zur „golden generation“, die in den späten 1960er, 1970er und frühen 1980er erwachsen wurde, als ein Zeitfenster für Veränderungen  in vielen Bereichen des Lebens sperrangelweit offen stand.

 

Eine Feministin in Indien und Nepal

 

Als ich dem Buddhismus im Sommer 1977 im nordindischen Dharamsala – dem Sitz der tibetischen Exilregierung, in dem sich auch das Kloster des Dalai Lama befindet – begegnete, war ich 28 Jahre alt. Ich hatte drei Ideologien hinter mir: Katholizismus, linke Studentenbewegung ab 1968 und Frauenbewegung ab 1972. Meine ziemlich glückliche katholische Kindheit im liberalen Südbaden endete nach einigen Kämpfen in der Pubertät, da Religionslehrer und diverse Beichtväter mit meinen vielen Fragen wenig anfangen konnten. Ich konnte als aufgeklärtes Mädchen mit 13, 14 Jahren weder daran glauben, dass Maria als Jungfrau schwanger werden konnte, noch dass die katholische Kirche den einzigen Weg zum Heil weisen könne. Schließlich war meine Familie bis zu den Urgroßeltern „gemischt“, und auch in unserem kleinen Schwarzwaldstädtchen lebten Katholische und Evangelische friedlich zusammen. Jeder neue Priester oder Pfarrer, Vikar oder Kaplan musste außerdem akzeptieren, dass die alemannische „Fasent“ (Fastnacht, Karneval) die wichtigste Jahreszeit und das höchste Fest des Jahres in unserer Gegend waren. Die einzige konsistente Antwort auf meine Fragen an die Vertreter der Kirche lautete damals: „Wenn du einen Stein aus dem Gebäude der christlichen Lehren herausbrichst, bricht das ganze Gebäude zusammen“. Und genau so geschah es auch.

Nach dem Abitur begann ich im Herbst 1968 (!) mit dem Studium in Heidelberg und ich habe nach meiner Erinnerung kein einziges Semester ohne studentische Streiks und selbstorganisierte Seminare erlebt. Ich fand es gut, dass sich meine Generation nicht nur für kritische Reflexion von Lehrinhalten, sondern auch für die Unterdrückten und Benachteiligten einsetzten. Ich arbeitete ein paar Semester in der evangelischen Studentengemeinde mit, die zur Hausaufgabenbetreuung bei Kindern von Obdachlosen und randständigen Familien einlud. Mit der Zeit ging mir allerdings die Arroganz und Besserwisserei der linken Männer auf den Geist, die die Frauenfrage als Nebenwiderspruch abqualifizierten, und ich begann mich mit Gestalttherapie und Wilhelm Reich zu beschäftigen, in der Hoffnung auf umfassendere und weniger patriarchale Befreiungsmöglichkeiten aus kulturellen und sozialen Zwängen.

Nach meinem Wechsel an die Freie Universität in Berlin zum Sommersemester 1972 hatte ich das Glück, der neuen Frauenbewegung zu begegnen. 1970/71 hatte sich die letzte Rote Zelle der FU Berlin aufgelöst, die Rote Zelle Slawistik (RotZSlaw), und ich war im Sommersemester 1972 dabei, als sich die dritte Kraft neben DDR-orientierten ADSen und China-orientierten Maoisten konstituierte. Wir nannten uns Studentenkollektiv, und in dieser Gruppe der „strickenden Männer und starken Frauen“, wie wir von den „wahren“ Linken manchmal abschätzig genannt wurden, war die Mehrzahl an einer kritischen Reflexion der Frauen- und Männerrolle interessiert.

1975 schloss ich mein Studium für das Lehramt an Gymnasien in den Fächern Politik und Russisch ab, bekam aber keine Referendarstelle in Berlin. Statt an einem Gymnasium zu unterrichten gab ich Deutschkurse für Aussiedler aus dem „Ostblock“, die nach dem Abschluss der Ostverträge nach Berlin strömten: Das waren vor allem Deutschpolen aus Oberschlesien, russische Juden und Siebenbürger Sachsen aus Rumänien. Die Mischung aus Sprachunterricht und Hilfe bei der Integration dieser Menschen in unser wildes Westberlin forderte mich sehr heraus und machte viel Spaß.

Ich bin dem Schicksal immer noch dankbar, dass ich damals keine Referendarstelle bekommen habe, und damit frei war, im Sommer 1977 nach Indien zu reisen. Der zentrale Grund dafür war eine leise Unzufriedenheit mit meinem materiell und menschlich gelungenen Leben, mit einer interessanten Arbeit, preiswerter Altbauwohnung, guten Freundinnen und Freunden. Etwas fehlte in meinem Leben. Etwas, das ich erst nach meiner Begegnung mit dem Buddhismus in Dharamsala als die spirituelle, religiöse oder transzendente Dimension erkannte. Zum Glück lernte ich den Buddhismus in Indien und Nepal zu einer Zeit kennen, als sich zumindest einige tibetische Lamas in einem Umbruch befanden und nach neuen Wegen suchten, ihre alte und bewährte Religion neu zu formulieren. Ich begann mich mit Buddhismus zu befassen, als ein Zeitfenster weit geöffnet war. In mir, im Westen und in Indien.

 

Indien und Nepal

 

Da ich bereits drei Ideologien kennengelernt und sie als zu eng hinter mir gelassen hatte, war ich nicht auf der Suche nach einer neuen Ideologie, um sie gläubig zu übernehmen. Meine tibetischen Lamas waren offen für alle, die etwas über Buddhismus lernen wollten, auch für kritisches Hinterfragen und es gab keine Barrieren für Frauen, nicht im Lehren und Lernen und nicht für die Übernahmen von Aufgaben. Da ich nicht Nonne werden wollte, war die Frage nach der vollen Ordination für Frauen damals kein Thema für mich. Im Umfeld meines Lehrers Lama Thubten Yeshe (1935-1984) begegnete ich vielen starken Frauen, auch aus der westlichen Frauenbewegung, aus Deutschland, Australien und Neuseeland. Er hatte 1969 zusammen mit Thubten Zopa Rinpoche (geb.1946) und mit westlichen Schülerinnen und Schülern, darunter auch ein Schauspieler der Berliner Schaubühne, den ich 1980 in Berlin zufällig (!) kennenlernte, das Kloster Kopan in der Nähe von Kathmandu gegründet. Es gab damals ein Zeitfenster für Frauen im Buddhismus, in Asien und im Westen, und ich war „Gott sei dank“ mittendrin dabei.

Die Leitung seines ersten Zentrums im Westen, Chenrezig Institute in Australien, übergab Lama Yeshe 1974 einer kanadischen Nonne, Ann McNeil (1933-2015), die später auch meine Lehrerin wurde. Anfang 1979 bat mich eine französische Nonne bei Lama Yeshes allererstem Maha-Anuttara-Tantra-Kurs im Kloster Kopan zu meiner Lieblings-Buddha-Gestalt, der Grünen Tara, den Kurs zu begleiten und die Meditationen und Austauschgruppen anzuleiten. Das gab mir Gelegenheit zu vielen spannenden Gesprächen mit Lama Yeshe auch über die Rolle und Bedeutung von Frauen und weiblicher Buddhas auf dem Weg.

Eineinhalb Jahre später, im Herbst 1980, ernannte er mich bei seinem zweiten Deutschland-Besuch – er war 1978 in der Schweiz gewesen und 1979 in der Nähe von München – zur Direktorin seines ersten deutschen Zentrums im niederbayrischen Jägerndorf. 1984 wurde ich im zarten Alter von knapp 35 Jahren zur Vizepräsidentin des buddhistischen Dachverbandes Deutsche Buddhistische Union (DBU e.V.) gewählt. Im März 1993 durfte von meinen männlichen Kollegen als explizit feministisch-buddhistische Lehrerin eingeladen, an der ersten Internationalen Konferenz westlicher Buddhistischer Lehrerinnen und Lehrer mit dem Dalai Lama in Dharamsala teilzunehmen. Dort leitete ich für den Dalai Lama und meine westlichen Kolleginnen und Kollegen eine Meditation an: „Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Mann… und zwar in einer von Frauen dominierten buddhistischen Welt“. Er staunte und meinte, so habe er das noch nie gesehen. Einige meiner männlichen Kollegen sagten mir hinterher, jetzt verstünden sie zum ersten Mal die vielen Fragen der Frauen nach der Bedeutung der Geschlechter in Religion und Gesellschaft.

 

Ansichten und Meinungen

 

Ich wiederhole noch einmal meine Thesen vom Anfang: Erstens: Religionen sind so unreflektiert, naiv und männerlastig oder so reflektiert und frauenfreundlich und offen für soziale und kulturelle Veränderungen und Zeitgeist wie das Gros der Frauen und Männer, die ihr folgen und sie organisieren. Zweitens: Menschen sind konservativ und verändern sich nur langsam. Drittens: Institutionen sind noch konservativer als Menschen und verändern sich noch langsamer. Und die gute Nachricht: Es gibt Umbruchzeiten und Zeitfenster, wo vieles möglich ist. Dazu vier Beispiele aus der Geschichte des Buddhismus in Indien, China und Tibet.

Die erste Frauendemonstration der Geschichte: Der frühe Buddhismus war in den ersten Jahren eine anziehende und anregende Religion  vor allem für Männer. Männer aus allen Kasten ließen sich ordinieren, und die Frauen blieben wie immer zu Hause und hüteten Haus und Herd, durchaus geschätzt als Laienanhängerinnen und großzügige Sponsorinnen für die neuen Bettelmönche. Und in diese Zeit fällt die erste schriftlich dokumentierte Frauendemonstration der mir bekannten Geschichte, zu Lebzeiten des Buddha, im fünften vorchristlichen Jahrhundert, in Indien (!).  Das betonte – mit einem freundlichen Blick zu mir – der Nachfolger von Lama Anagarika Govinda, Advayavajra (Dr. Karl-Heinz Gottman) 1995 auf einer DBU-Tagung in München. Die Mutter des späteren Buddha, Königin Maya (wörtlich Schein), war bei seiner Geburt gestorben, nach Ansicht einiger östlicher und westlicher Buddhismus-Kenner vermutlich aus dem Grund, dass ein Schoß, der einen geistlichen Weltenlehrer dieses Formats geboren hat, nicht von weiterem Geschlechtsverkehr befleckt werden darf. Eine interessante These, die mehr über die Einstellungen dieser Männer besagt als über die Umstände der Geburt das Buddha.

Die Schwester seiner Mutter zog Siddhartha Gautama, den späteren Buddha, auf, und diese Stiefmutter, Mahaprajapati, bat den Buddha um die Erlaubnis zur Ordination als Frau. Da er das ablehnte, wohl aus Rücksicht auf die konservative Einstellung seiner Mönche und ihrer Zeitgenossen, fasste Mahaprajapati einen Entschluss mit großen Folgen für uns alle heute noch. Sie führte eine Gruppe von 500 Frauen an, die ebenfalls ordiniert werden wollten und sich alle in Roben gekleidet hatten, und wanderte mit ihnen zu Fuß zu dem Ort, an dem sich der Buddha damals aufhielt. Dreimal bat sie ihn im Namen all dieser Frauen um die Erlaubnis zu Ordination. Nach altem indischem Brauch muss ein Lehrer, der dreimal ernsthaft um ein sinnvolles und ethisch verantwortbares Anliegen gebeten wird, dem zustimmen, und so geschah es. Der Buddha gab ihnen, nach einigem Zögern, diese Erlaubnis, bestärkt durch die Fürsprache seines Cousins und Dieners Ananda für die Frauen.

Es lohnt sich also für Frauen, wenn sie etwas wirklich wollen, dieses Ziel auch nachdrücklich und geduldig, kreativ, höflich und mit heiliger Sturheit zu verfolgen. Das ist zwar noch keine Garantie für Erfolg, aber wenn der rechte Zeitpunkt gekommen ist und die notwendigen Bedingungen da sind, kann auch das scheinbar Unmögliche Wirklichkeit werden. Man kann es zumindest immer wieder versuchen. Das ist meine erste Lehre aus der Geschichte des Buddhismus: Gemeinsam  können wir etwas verändern, wenn wir klug und höflich, mitfühlend und mit heiliger Sturheit unsere Anliegen vertreten.

Mahayana eins: Naives Mitgefühl und kluge Frauen. Im chinesischen und japanischen Mahayana wird Amitabha Buddha, der Buddha des Westlichen Paradieses verehrt. Er verspricht in einem langen Wunschgebet mit vielen Versen, allen, die ihn mit seinem Mantra anrufen, eine Wiedergeburt in seinem Reinen Land. Ein Vers widmet sich dem Schicksal der Frauen und besagt, dass sein Reines Land so rein ist, dass es dort keine Frauen geben wird. Da Frauen auf Erden schwer benachteiligt sind, können sie allerdings für eine männliche Wiedergeburt beten, und dann, ohne soziale und zusätzliche spirituelle Probleme, die mit einer weiblichen Existenz verbunden sind, Erleuchtung erlangen.

Hinter diesem guten Wunsch des Buddha Amitabha steht keineswegs Frauenverachtung, sondern tiefes Mitgefühl für das schwere Los der Frauen, in einer Region und einer Zeit, in der man sich soziale Veränderungen, die das Los der Frauen verbessern könnten, nicht vorstellen konnte. In Südchina, wo es auch heute noch (!) Reste mutterrechtlicher Sozialstrukturen gibt, rezitierten chinesische Nonnen diesen Vers einfach nicht mehr. Sie machten keinen Aufstand, sondern hörten auf, etwas für sie Unsinniges zu rezitieren. Ich interpretiere das als große Klugheit. Sie erkannten die Zeitbedingtheit dieses Verses und wussten daher, dass ihr Geschlecht kein Hindernis für vollständiges Erwachen ist. Sie zeigten mit ihrer klugen Haltung auch großes Mitgefühl für Männer und Frauen in anderen Regionen Chinas, die Erbrecht und öffentlichen Status für Frauen leider noch nicht oder nicht mehr kannten.

Das ist meine zweite Lehre aus der Geschichte des Buddhismus: Wir müssen unsinnige Aussagen nicht ernst nehmen, ihnen nicht glauben. Alle Aussagen sagen mehr über die aus, die sie machen oder gemacht haben, als über die Menschen und Umständen, über die sie sprechen.

Mahayana zwei: Männer lernen von Frauen. Im dritten Jahrhundert n. Chr. erscheint in Südindien ein Sutra über die Möglichkeit zu erwachen, über Buddha-Natur, verfasst von Königin Srimala. Ihr Mann folgte der Religion der Verden, denn seine Untertanen waren Hindus. Königin Srimala hatte viel Freiraum, wandte sich dem Buddhismus zu, studierte, übte und lehrte ihn und förderte die buddhistischen Mönche. Da nur Mönche damals Sutren schreiben konnten, geht die Buddhismus-Kennerin, Autorin und Lehrerin Shenpen Hookham davon aus, dass die Mönche die Lehren der Königin Srimala so sehr schätzen, dass sie das Sutra in ihrem Namen schrieben.

Sehr viel bekannter als das Sutra der Königin Srimala ist in der indischen und tibetischen Tradition allerdings der Kommentar zu diesem Sutra von Maitreya, das Uttaratantrashastra, das Sutra des Höchsten Tantra. Immerhin konnte eine beliebte und geachtete Königin im dritten nachchristlichen Jahrhundert in Südindien Buddhismus lehren und ihre Lehren wurden von Mönchen weiter verbreitet. Zum Glück wurden diese wunderbaren Lehren überliefert. Das wird möglich, wenn Frauen sich intensiv mit dem beschäftigen, was ihnen am Herzen liegt, es lehren und Frauen und Männer damit so inspirieren, dass einige dieser klugen und lernbereiten Männer ihre Lehren wider aller sozialen Bräuche weitergeben. Frauen brauchen Mut, wenn sie neue Wege gehen, und sie brauchen auch Unterstützung. Diese Unterstützung bekommen sie eher, wenn sie freundlich, höflich und mit heiliger Sturheit ihren Weg gehen.

Das ist meine dritte Lehre aus der Geschichte des Buddhismus: Wenn sich Frauen mit etwas befassen, was ihnen am Herzen und was auch für andere gut ist, werden sie Unterstützung finden, auch in schwierigen Zeiten und auch bei Männern ihrer Zeit.

Die Grüne Tara und die Bedingtheit der Geschlechterrollen: Nach indischer und tibetischer Überlieferung lebte zur Zeit des Buddha Trommelklang eine indische Prinzessin mit dem Namen Mondengleiche Weisheit, Skrt. Jnana Chandra, tib. Yeshe Dawa. Sie förderte die buddhistischen Mönche mit unermesslich vielen Gaben und sammelt damit unendlich viele Verdienste an, die sie schließlich befähigten, ihre nächste Wiedergeburt frei zu wählen. Sie unterlag daher nicht mehr den Zwängen ihres Karma, das uns nach indischer Auffassung alle in eine bestimmte Familie und Kultur schleudert, die zu unseren eingefahrenen Gewohnheiten passen. Damals wie heute machte diese frohe Botschaft schnell die Runde und eine Abordnung dankbarer Mönche kam zu ihrem Palast und beglückwünschte sie zu ihrer spirituellen Macht– und sie rieten ihr, sich für ein künftiges Leben als Mann zu entscheiden. Das lag in der Logik ihrer Lebenserfahrung, denn Frauen hatten es eindeutig schwerer in der Gesellschaft und die Mönche trauten Frauen nicht zu, Erleuchtung zu erlangen. Seit tausend Jahren wird in der tibetischen Tradition ihre überraschende Antwort überliefert, und als ich Taras Legende im Sommer 1977 in Dharamsala zum ersten Mal hörte, öffnete sich mein Herz für den Buddhismus.

Prinzessin Mondengleiche Weisheit lehnte die Empfehlung der Mönche höflich und freundlich ab, mit dem Hinweis auf die Leerheit aller Phänomene von allem, was wir darüber denken. Sie wies darauf hin, dass auch die Geschlechterrollen und ihre Bewertung bedingt durch Umstände und Zeit entstehen und legte das Gelübde ab, von nun an immer als Frau zu inkarnieren und als Frau zu erwachen. Als Vorbild und Inspiration für Frauen – und für Männer. Um ihnen zu zeigen: Auch Frauen können erwachen. Und das tat sie der Legende nach auch. Sie wurde dann Tara genannt, die Befreite und die Befreierin, von Skrt. tri, ursprünglich schwimmen, hinüberschwimmen, daher metaphorisch „Befreiung erlangen“ und „befreien“, denn wer befreit ist, kann auch andere zur Befreiung inspirieren. Ich übersetze ihren Namen auch gerne mit „Freie Frau“.

Was auch immer der historische Gehalt dieser Legende ist, sie ist ein Hinweis darauf, dass es wohl schon vor weit über tausend Jahren in Indien Frauen gab, die die teilweise noch heute herrschenden Lehren von der Unfähigkeit der Frauen zu erwachen, in Frage stellten. Noch immer inspiriert die Legende der Grünen Tara viele Frauen. Auch im Westen.

Das ist meine vierte Lehre aus der Geschichte des Buddhismus: Wenn wir selbst den Weg gehen und Einsichten gewinnen, haben wir auch das Selbstbewusstsein, enge Sichtweisen zu hinterfragen und die Klugheit, sie zu dekonstruieren, vielleicht sogar ihre Anhänger zu einer neuen und offeneren Perspektive zu ermutigen.

 

Sechs Beziehungen und eine Einsicht

 

Auch heute leben wir in einer Umbruchzeit, in der vieles möglich ist. „Wenn Frauen wollen, dass sich etwas verändert, müssen sie es selber tun, das tut keiner für sie“. So hat es 1989 die deutsche Nonne Ayya Khema formuliert, als ich sie für die buddhistische Zeitschrift „Lotosblätter“ interviewte (heute: Buddhismus Aktuell). Wir können einiges verändern. Dafür braucht es allerdings viel Humor, Selbstvertrauen – und noch viel mehr Geduld. Und sehr viel Mitgefühl für die Männer, die nach tausenden Jahren des Patriarchats nicht mehr ungebrochen sozial privilegiert und von Frauen bewundert werden.

Eine große Hilfe auf diesem anspruchsvollen Weg, eigene Anliegen zu vertreten, mit Mitgefühl für die Anliegen von anderen sind gute Beziehungen zum eigenen und zum anderen Geschlecht und eine zentrale Einsicht. Die Einsicht, die die Prinzessin Mondengleiche Weisheit den Mönchen erläuterte: Alle Phänomene, auch Geschlechterrollen, sind keine fixen ewigen Wahrheiten, sie sind leer von allen Zuschreibungen und entstehen bedingt in Zeit und Raum, in Abhängigkeit vom dem, was Frauen und Männer erleben und was sie darüber denken. Je tiefer wir verstehen, dass auch Geschlechterrollen zeitbedingt sind und keine ewigen Wahrheiten, desto mehr Mut fassen wir, Veränderungen wahrzunehmen, und zwar im doppelten Sinn: Wir erkennen und realisieren die Freiheit, die uns die Leerheit aller Phänomene von unseren Zuschreibungen und das bedingte Entstehen aller Phänomene schenken.

Dabei können uns drei Arten von Beziehungen zum eigenen Geschlecht unterstützen. Sie sind die Grundlage für gute Beziehungen zum anderen Geschlecht. Als Frauen brauchen wir horizontale Beziehungen zu anderen Frauen, auf Augenhöhe, zu symbolischen Schwestern. Wir brauchen vertikale Beziehungen zu Frauen, zu symbolischen Müttern, Vorbildern und Lehrerinnen. Und schließlich transzendentale Beziehungen zum eigenen Geschlecht: ein Bild der Transzendenz, des Erwachens, im eigenen Geschlecht. Im Buddhismus stehen dafür zum Beispiel die große Weisheit, Prajnaparamita, und die Grüne Tara, und im Christentum steht dafür vielleicht Sophia und im katholischen Christentum die „Muttergottes“ und „Himmelskönigin“ Maria. Auf der Basis gelungener Beziehungen zum eigenen Geschlecht können auch die Beziehungen zum anderen Geschlecht fruchtbar werden: zu symbolischen Brüdern und Vätern und zu einem männlich gedachten Buddha, Gott, Propheten und dergleichen.

Das gleiche gilt aus meiner Sicht auch für Männer. Auch Männer brauchen sechs Arten von Beziehungen zum eigenen und zum anderen Geschlecht, horizontal, vertikal und transzendental, und die tiefe Einsicht, dass alle Rollen, auch Geschlechterrollen bedingt und damit veränderbar sind. Dass das funktionieren kann, ist meine eigenen Erfahrung und die vieler Frauen und Männer, die ich auf dem spirituellen Weg begleite.

Das Modell der sechs Beziehungen zum eigenen und anderen im Kontext der Einsicht in die Bedingtheit aller Standpunkte und Perspektiven lässt sich auch auf andere große und bedeutsame Unterschiede anwenden, zum Beispiel im Bereich der Kultur und Religion, ja sogar auf unterschiedliche politische Ansichten und Weltanschauungen. Je stabiler wir im Eigenen verwurzelt sind, desto fruchtbarer werden Begegnungen mit anderen. Und die Begegnung mit anderen, mit „Menschen im Plural“ (Arendt)  schützt uns vor Sturheit und vor dem Schmoren im eigenen Saft. Dafür ist auch diese wunderbare Dialog-Reihe „Buddhismus und Christentum“ ein guter Ausdruck.

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