Aus sozialethischer Sicht ist die Enzyklika Laudato si’ (LS) das zentrale Vermächtnis von Papst Franziskus. Er hat darin seine Hoffnung für eine gerechte und zukunftsfähige Welt zusammengefasst und die Katholische Soziallehre um die ökologische Dimension erweitert. Sie ist ein Manifest, ein ethischer Kompass und eine theologische Antwort auf die großen Herausforderungen unserer Zeit. Diese werden im Sinne der „integralen Ökologie“ systemisch zusammengedacht und als Bewährungsprobe für die christliche Heilsbotschaft verstanden. Durch die Enzyklika hat sich Franziskus als eine weltweit führende Stimme für die Einheit von Klimaschutz und Armutsbekämpfung etabliert.
In der langjährigen Geschichte der Katholischen Soziallehre wurde keine Enzyklika so intensiv medial rezipiert, wissenschaftlich diskutiert, interreligiös akzeptiert und politisch mit Entscheidungsprozessen der UNO verknüpft. Innerkirchlich kommt kaum eine Stellungnahme zu ökologischen Themen in den letzten zehn Jahren ohne einen Bezug zu Laudato si’ aus.
Dennoch wurde die Enzyklika bisher nicht zum Katalysator für einen umfassenden ökosozialen Wandel. Politisch ist der hoffnungsvolle Pioniergeist des Jahres 2015 verflogen. Wir erleben eine Rückkehr fossiler und nationalistischer Denkmuster. Zivilgesellschaftlich macht sich eine verzagte Transformationsmüdigkeit breit. Kirchlich gab es kaum institutionelle Konsequenzen, die dem revolutionären Anspruch des Textes entsprechen und mit der Aufbruchsbewegung der Entwicklungszusammenarbeit nach der Enzyklika Populorum progressio in den 1960er Jahren vergleichbar wären.
Gerade deshalb ist die Botschaft der Enzyklika heute jedoch aktueller denn je: Sie ist keineswegs erledigt oder überholt, sondern bleibt ein noch einzulösendes Versprechen, dessen richtungsweisende Bedeutung angesichts der vielfachen Aufschübe nur noch stärker hervortritt. Der Text ist keineswegs naiv, er rechnet mit Handlungsblockaden durch Macht- und Interessenkonflikte sowie Mentalitäten der Verdrängung und sozialen Abschottung. Erstmals wird in einer Enzyklika das Thema Macht ausführlich reflektiert (gleich mit 67 Belegen). Dabei bleibt der Text jedoch nicht bei der Machtkritik stehen, sondern ist zugleich von einem Mikrooptimismus der Freude an der Schönheit der Schöpfung und einer ermutigenden Wertschätzung von all dem, was schon heute gelingt und was jeder Einzelne tun kann, geprägt. Laudato si’ist im Kern keine moralische Drohbotschaft, sondern eine Frohbotschaft, ein Evangelium der Schöpfung, eine Botschaft der Hoffnung in Krisenzeiten. Was brauchen wir heute angesichts der stillen Resignation so Vieler dringender?
Geistige Grundlagen der integralen Ökologie
Die Spiritualität der Verbundenheit mit der Schöpfung als Quelle von Freude und einer über das Menschliche hinausgehenden Solidarität prägt das Denken von Papst Franziskus. Es ist von seinem Namenspatron Franz von Assisi geprägt, dessen Sonnengesang nicht nur den Titel Laudato si’ inspiriert hat, sondern den Grundduktus der ganzen Enzyklika: Lob und Dank für die Schönheit der Schöpfung stehen im Mittelpunkt, ohne deshalb die dunklen Seiten zu verdrängen (der Heilige aus Assisi nennt besonders Krankheit und Tod, der Papst die ökologischen Katastrophen). Gott selbst im Schrei der Schöpfung und im Schrei der Armen (vgl. bes. LS 49 [Textziffer in Laudato si’]) als „Zeichen der Zeit“ zu hören, ist der theologische Ausgangspunkt der Enzyklika. Ökosoziale Anwaltschaft ist für den Papst unmittelbare Glaubenspraxis, ein Ort der Gottesrede und unausweichliche Aufgabe der Kirche heute.
Die Spiritualität von Papst Franziskus ist nicht nur franziskanisch geprägt, sondern ebenso durch Referenzen auf Ignatius von Loyola und Romano Guardini. Der Jesuitenpapst leitet aus dieser Verknüpfung vier Maximen ab, die als eine Art Matrix seines Denkens in nahezu allen Lehrschreiben vorkommen und auch den Argumentationsgang von Laudato si’ prägen: Das Ganze ist wichtiger als der Teil, die Einheit wichtiger als der Konflikt, die Zeit wichtiger als der Raum und die Wirklichkeit wichtiger als die Idee. Aus dieser „Franziskusformel“ (Erny Gillen) gehen die prägenden Grundoptionen der Enzyklika hervor (vgl. LS 110, 141, 178, 198, 201; zusammenhängend entfaltet Franziskus diese vier Maximen im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium, Textziffern 221–237; im Hintergrund steht die Prägung seines Denkens durch Romano Guardini; vgl. Massimo Borghesi: Papst Franziskus. Sein Denken, seine Theologie, Freiburg 2020, 126–166):
- für ganzheitlich-systemisches Denken im Sinne integraler Ökologie,
- für Dialog als produktiven und einheitswahrenden
Umgang mit Konflikten, - für synodale Prozesse statt der machtzentrierten Ordnung räumlicher Strukturen,
- für eine sensible Wahrnehmung widersprüchlicher Realitäten statt des Vorrangs verallgemeinerbarer Theorien.
Wie in einem Brennglas lassen sich in diesen Maximen die Stärken und Schwächen des Pontifikats von Papst
Franziskus erkennen.
Sprachlich unterscheidet sich die Enzyklika erheblich von allen vorherigen päpstlichen Rundschreiben: Ihr Stil ist der einer prophetischen Zuspitzung radikaler Kritik, nicht primär das Bemühen um eine ausgewogen-objektivierende Darstellung. Die Rolle von Märkten und technischen Innovationen wird kaum gewürdigt. Aber der Text legt den Finger in die Wunden der Zeit und vermag es, aufzurütteln. Das ist aus meiner Sicht vorrangig. Umso wichtiger ist es jedoch, dass er aus wissenschaftlicher Sicht flankiert, differenziert und weitergedacht wird, wie wir es bei dieser Tagung anstreben und wie es Aufgabe der Christlichen Sozialethik ist.
Eine Besonderheit von Laudato si’ ist, dass Papst Franziskus ihren Ruf zur ökologischen Umkehr (vgl. LS 216–221) mit zahlreichen Fortschreibungen verknüpft hat:
- 2019 mit der Apostolischen Konstitution Veritatis gaudium zur weltweiten Neuordnung des Theologiestudiums, bei der die Ausbildung von Leaderships für eine kulturelle Revolution des Verständnisses von Entwicklung eine zentrale Rolle spielen solle.
- 2020 im nachsynodalen Schreiben Querida Amazonia (Geliebtes Amazonien), in dem der Schutz der Biodiversität des Amazonaswaldes als „grüne Lunge“ der Erde im Mittelpunkt steht, was im Kontext der Klimakonferenz in Brasilien im November sowie der scheinbar unaufhaltsam fortschreitenden Zerstörung des Regenwaldes dort hochaktuell war und ist.
- 2020 in der Enzyklika Fratelli tutti, in der die Politik der Abschottung als Bedrohung des Weltfriedens und kooperativer Schöpfungsverantwortung thematisiert wird. Der Zusammenhang von Ökologie und Frieden ist ein Schlüsselthema im Konziliaren Prozess seit den 1980er Jahren sowie der päpstlichen Friedensbotschaften von 1990, 2010 und 2020, das dringend in der wissenschaftlichen Forschung aufgegriffen werden sollte.
- 2023 mit dem Apostolischen Schreiben Laudate Deum anlässlich der UN-Klimakonferenz in Dubai, in dem Papst Franziskus die Botschaft von Laudato si’ angesichts der Analysen des Weltklimarates zum beschleunigten Umweltwandel wiederholt und zuspitzt, was in dieser Form ein Novum für die Katholische Soziallehre ist.
Die Enzyklika lebt von der besonderen Begabung des Papstes, den Kern der christlichen Botschaft auch für Nicht- und Anders-Glaubende verständlich zu machen, indem er sie mit existenziellen Kategorien wie Hoffnung, Demut, Würde und Gerechtigkeit sowie einem Ernstnehmen aktueller Forschungsergebnisse verknüpft. Auf der Grundlage dieser Dialogoffenheit hat sie auch in den Wissenschaften ein neues Bewusstsein für die Relevanz religiöser und ethischer Perspektiven geweckt.
Dennoch ist die Wirkung der Religionen in den Arenen der Politik hinsichtlich ökologischer Verantwortung derzeit zutiefst ambivalent: In der Gesamtbilanz werden all die Bemühungen der Gutwilligen zunichtegemacht durch die starke Unterstützung, die rechtspopulistische Klimaleugner vonseiten evangelikaler sowie katholisch-reaktionärer, vermeintlich besonders frommer Christen – keineswegs nur in den USA – haben. Es fehlt derzeit nicht primär an technischen Möglichkeiten, sondern am Willen zu Vernunft und Kooperation. Ein Hoffnungsanker ist, dass mit Papst Leo XIV. ein Nachfolger Petri gewählt wurde, der bereit ist, das sozialethische Erbe von Papst Franziskus fortzuführen – hartnäckig, klug abwägend und vorsichtig, aber mit einem Sinn für institutionelle Weichenstellungen.
Das Erbe von Franziskus weiterdenken
In seiner Botschaft zum Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung Samen des Friedens und der Hoffnung (1.9.2025) übernimmt Papst Leo XIV. die Grundprinzipien der ganzheitlichen Ökologie aus Laudato si’ und erweitert dieses Erbe um einen friedensethischen Fokus, was der Tatsache Rechnung trägt, dass die ökologische Zerstörung heute besonders durch Kriege beschleunigt wird. In der Enzyklika Magnifica humanitas (25.05.2026) greift Papst Leo XIV. den Begriff des „technokratischen Paradigmas“ intensiv auf und wendet ihn auf die Kritik digitaler Machtstrukturen an. Dadurch verlagert sich der Akzent von der Schöpfungstheologie zur Technikethik und Anthropologie. Da beide Themen in Laudato si’ angelegt sind, jedoch im Kontext des digitalen Wandels eine neue Zuspitzung erfahren, ergänzen die Enzykliken einander auf glückliche Weise. Zugleich gewinnt die Reflexion zur Würde und Verletzlichkeit des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz in Magnifica humanitas sowie im Kontext der aktuellen Umbrüche eine ganz eigene Eindringlichkeit, die einen neuen Brennpunkt sozialethischer Reflexion darstellt und ein Jahrzehnt, in dem Laudato si’ im Vordergrund stand, abschließt.
Vor diesem Hintergrund mag es hilfreich sein, daran zu erinnern, dass Umweltthemen in der Theologiegeschichte eine weit zurückreichende Tradition haben und die Kirchen auf beachtliche Pionierleistungen im Bereich von Schöpfungsspiritualität und Ökologie zurückblicken können, z. B.
- die tiefe Schöpfungsspiritualität bei Benedikt von Nursia, Franz von Assisi, Hildegard von Bingen und vielen anderen,
- die schöpfungstheologisch begründete Gemeinwohltheorie des Thomas von Aquin, die heute als Orientierung für den Umgang mit ökologischen Kollektivgütern wie Klima und Biodiversität neu entdeckt wird,
- das erste globale Programm für Sustainability durch den Weltrat der Kirchen (1974–1976) und die Mitprägung des UN-Konzepts von Nachhaltigkeit durch den Begriff der ganzheitlichen Entwicklung in der Enzyklika Populorum progressio (1967) und den ökosozialen Ansatz des Konziliaren Prozesses.
Auch neue Initiativen sind durchaus beachtenswert, z. B. das 2021 gegründete Laudato si’ Movement als globales Netzwerk von über 900 katholischen Organisationen, das wesentlich von den Jesuiten getragene Laudato si’ Research Institute an der Universität Oxford, die Zentren für Nachhaltigkeitsforschung an den Universitäten Münster, München und Notre Dame, die jeweils von der Theologie mitgetragen werden. Das von Papst Franziskus initiierte Projekt Borgo Laudato si’, das die Prinzipien der ganzheitlichen Ökologie modellhaft umsetzen soll, wird von seinem Nachfolger ausdrücklich als dessen Vermächtnis bezeichnet und gezielt gefördert.
Der Sammelband Theology for Future, der die 17 Sustainable Development Goals der UNO jeweils aus theologischer Perspektive interpretiert, formuliert selbstbewusst: „Als global player verfügen die Kirchen und die Institutionen von Religionen über nicht zu unterschätzende geistige, personelle und materielle Ressourcen, die auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung einen gewichtigen Beitrag leisten können.“ (Thomas Laubach u. a. (Hg.): Theology for Future. Die 17 Ziele der UN für nachhaltige Entwicklung, Freiburg 2024, 12) Dieser Beitrag besteht jedoch nicht primär in zusätzlichen Ressourcen für die Umsetzung, sondern in einer grundlegenden Perspektivenerweiterung: Ohne Bewusstsein dessen, was das technisch und politisch Machbare überschreitet und unverfügbar ist, droht der umfassende Anspruch des Nachhaltigkeitskonzepts in ein totalitäres Paradigma umzukippen (vgl. Markus Vogt: Christliche Umweltethik, Freiburg 2021, 482–534). Aufgrund der höchst fragilen Regeln der Akzeptanz in internationaler Diplomatie kann sich die UNO keine radikale Kritik an Korruption, Machtmissbrauch und Systemversagen leisten und spricht die Tiefendimension des nötigen kulturellen Wertewandels zugunsten von Genügsamkeit, Einfachheit und Solidarität nur am Rande an. Darin unterscheiden sich die Sustainable Development Goals der UNO von der Enzyklika, die unmissverständlich eine ökologische Umkehr einfordert. Diese ist jedoch unbequem, so dass die Enzyklika mehrheitlich (auch in der Kirche) als ein zwar aufrüttelnder, aber für die Praxis sekundärer Text beiseitegeschoben wird. Soll Nachhaltigkeit mehr sein als ein grünes Mäntelchen für die Entwicklungsvorstellungen von gestern, müssen sich die unterschiedlichen Stimmen aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft wechselseitig ergänzen. Gerade aufgrund der Tatsache, dass die dafür nötigen Dialoge zwischen den Fachbereichen, Gesellschaftsgruppen und Nationen derzeit weltweit so massiv gestört sind, richten sich weit über den kirchlichen Rahmen hinaus in neuer Weise intensive Hoffnungen auf die Päpste als Anwälte des Gewissens, der Armen und der Natur.
Ökologischer Humanismus als Zukunftsaufgabe
Aufs Ganze gesehen ist die Katholische Kirche jedoch kein Pionier für Nachhaltigkeit, obwohl sie als eine auf Langfristigkeit und globale Solidarität ausgerichtete Gemeinschaft dazu große Potenziale hätte. Durch „despotische Anthropozentrik“, wie es Papst Franziskus in Laudato si’ nennt, wurde sie jedoch zur Impulsgeberin für die naturvergessene Zivilisation der westlichen Moderne. Damit hat sie die Grundlagen der biblischen Anthropologie, die den Menschen nicht nur als Ebenbild Gottes, sondern zugleich als Adam, also „Erdling“, sieht, verraten. Ökologisch gesehen ist die Kirche Teil des Problems. Gerade deshalb muss sie auch Teil der Lösung werden. Dazu gehört Demut. Die Enzyklika formuliert dazu programmatisch: „Wir vergessen, dass wir selber Erde sind.“ (LS 3). Eine Anthropologie, die die einzigartige Würde des Menschen nicht einebnet, aber ökologisch einbettet, ist der Schlüssel einer christlichen Umweltethik.
Ich nenne dies „ökologischen Humanismus“.
Es fehlt derzeit nicht an ökologischem Wissen, technischen Möglichkeiten oder moralischen Appellen für eine Große Transformation, sondern an einem Mentalitätswandel hinsichtlich unserer Einstellung zur Natur. Es gilt, diese als integralen Teil unserer Vorstellungen von Glück, Freiheit, Wohlstand, Gerechtigkeit, Identität sowie Gottes- und Selbsterfahrung zu denken. Das ist religionsproduktiv, da es zutiefst mit der religiösen Grundfrage zu tun hat, was wirklich wichtig ist und Sinn vermittelt, diese jedoch in einen neuen Kontext stellt. Die christliche Hoffnung auf Erlösung ist keine Garantie für die Rettung der Welt ohne menschliches Zutun noch eine bloß jenseitsbezogene Vertröstung. Sie ist eine „Tat-Sache“, ein Handlungsauftrag, zum Schutz der Bewohnbarkeit der Erde im Anthropozän beizutragen. Das fast ergebnislose Ende der Klimakonferenz im brasilianischen Belém (COP 30 im November 2025) hat gezeigt, dass die Motivation für ökosoziale Vernunft und Kooperationsfähigkeit einer tiefen Resignation sowie einem fragmentierten Machtstreben erlegen ist. Umso wichtiger ist die Suche nach Orientierung für eine verantwortungsbewusste Transformation.
Dabei kann Franziskus’ Erbe für die Schöpfung auch nach über einem Jahrzehnt wegweisend sein. Allerdings nur dann, wenn der Text zugleich kritisch weitergedacht wird in Bezug auf die Nutzung von Marktkräften, ein differenziertes Verständnis politischer Steuerung, Chancen und Grenzen technischer Innovationen sowie umweltrechtlicher Leitplanken. Auch die Schöpfungstheologie bedarf einer systematischen Vertiefung, interkulturellen Weitung und kirchlichen Praxis, um ihren performativen, auf eine Haltung von Vertrauen und verantwortlicher Sorge zielenden Sinn glaubwürdig zu vermitteln. Das Erbe von Franziskus ist auch heute noch, mehr als zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Laudato si’ ein uneingelöstes, aber wegweisendes Versprechen.