Heilige oder Gerechte Kriege auf der Iberischen Halbinsel?

Die vielen Facetten der (Re-)Conquista

As part of the event "„Heilige“ Kriege", 05.03.2025

© St Bartholomew's Day by François Dubois

Als Papst Urban II. im November 1095 in Clermont zum Ersten Kreuzzug aufrief, sollen die Hörer angeblich gerufen haben: Deus vult. Der Papst hatte zuvor betont, es ginge darum, den Brüdern im Orient Hilfe zu leisten, weil diese durch Seldschuken und Araber bedrängt würden, an den Heiligen Stätten der Pilgerverkehr behindert und diese Orte entehrt würden. Den willigen Kämpfern versprach er himmlischen Lohn. So oder ähnlich haben verschiedene Chronisten den Aufruf verzeichnet. Fulcher von Chartes spricht sogar davon, dass Urban sich zu Beginn als göttlichen Sendboten bezeichnet habe, der gekommen sei, „um den göttlichen Willen zu enthüllen“.

 

Heiliger Krieg – Reconquista: Überlegungen zu zwei Begriffen

 

Dass es so etwas wie einen Willen Gottes gibt, ist Gemeingut verschiedener Religionsgemeinschaften. „Gott will es“, so übersetzen wir meist das Deus vult, aber das Problem liegt in dem „es“, das die deutsche Übersetzung verlangt. Urban II. war wohl klar, was er als den Willen Gottes ansah, ob aber die Hörer das gleiche vor Augen sahen? Wer besitzt die Deutungshoheit darüber, was der Wille Gottes ist? Ist dann ein Krieg nach dem Willen Gottes auch heilig?

Die Kreuzzüge gelten oft als Inbegriff eines besonderen Krieges. Im Sinne des Kirchenvaters Augustinus († 430), der seinerseits auf Cicero basiert und dessen naturrechtliche Begründungen in eine eher theologische Argumentation weiterentwickelt, war dies ein bellum iustum, von einer legitimen Autorität – hier dem Papsttum – verkündet, mit einem legitimen Grund – die Befreiung der östlichen Christenheit und der heiligen Stätten begonnen (Cicero: De re publica 3.23.35; Augustinus († 430): „Contra Faustum Manichaeum“, bes. XXII c. 76.; De Civitate Dei, bes. 1,21; 19,7; 19,12). Außerdem war es ein Krieg für Gott, für den ein geistlicher Lohn in Form des Ablasses zugesagt wurde. Einen solchen gerechten Krieg bezeichneten die zeitgenössischen Quellen zuweilen als bellum sacrum, und so hat sich in vielen europäischen Sprachen auch die Bezeichnung „Heiliger Krieg“, „holy war“ oder „guerre sainte“ eingebürgert, obwohl die Bezeichnung bellum sacrum eher meinte, dass die Teilnehmer eines solchen Krieges geheiligt werden konnten, nicht der Krieg selbst wurde als heilig angesehen.

Der zweite Begriff des Titels betrifft die Reconquista, übersetzt „Rückeroberung“. Das Wort ist zur Interpretation der mittelalterlichen Geschichte der Iberischen Halbinsel allgegenwärtig. „Nach dieser Meistererzählung hätten die christlichen iberischen Reiche einen gemeinsamen Prozess durchlaufen, nämlich einen Jahrhunderte währenden Kampf, um die von muslimischen Angreifern zu Beginn des 8. Jahrhunderts eroberten Territorien der Halbinsel wieder unter christliche Herrschaft zu bringen. Diese sich über knapp 800 Jahre hinziehende Erfahrung sei für die iberischen Christen prägend gewesen und habe sie von ihren Glaubensgenossen in anderen Regionen Lateineuropas unterschieden“.

Diese Erzählung wird schon seit längerem kritisiert. Der Begriff Reconquista stammt aus der Zeit der Spätaufklärung, wurde im 19. Jahrhundert und bis heute häufig benutzt. Der Begriff ist ideologisch aufgeladen, insbesondere, weil mit der Vorsilbe „Re“ nur die christliche Eroberung zur Wiederherstellung der Einheit gerechtfertigt werde. Allerdings bleibt dann die Frage, welche Rolle die Religion bei der Legitimation der Kampfeshandlungen besaß.

Da auf der Iberischen Halbinsel im Rahmen der sogenannten Reconquista meist gegen Muslime gekämpft wurde, ist weiterhin zu fragen, inwieweit die Konzeption des Gihad, des Heiligen Krieges im Islam eine Rolle spielte. Bis heute ist dies ein Kampfbegriff, der aber nicht immer gleichermaßen die Legitimation von Kampfeshandlungen prägte. Definiert wird Gihad in der Regel als Kampf, der auch den inneren Kampf des Menschen meinen kann, aber oft auf den Kampf zur Eroberung bezogen ist.

Nach einem kurzen Gesamtüberblick helfen drei Episoden, verschiedene Phasen und Aspekte sowie die religiösen Konnotationen dieser Auseinandersetzungen zu diskutieren, bevor abschließend noch einmal ein vergleichender Blick gewagt wird.

 

Grundzüge: Konfrontation und Koexistenz

 

Der Begriff Reconquista als Meistererzählung für das spanische Mittelalter funktioniert auch deshalb so gut, weil man die gesamte Geschichte von 711 bis 1492 unter dieses Stichwort subsumieren könnte, wie Kartenbilder suggerieren.

Dies schließt zugleich zielgerichtete Konnotationen des historischen Prozesses ein. Es lassen sich die einzelnen großen Phasen der Reconquista erzählen und in einen Zusammenhang stellen. Im Sinne einer solchen Erzählung begann alles mit der arabischen Eroberung ab 711 bis auf kleinere Gebiete im Norden, vor allem im heutigen Asturien und in Navarra. Hier soll sich erster Widerstand 722 in der Schlacht von Covadonga formiert haben. Das asturische Königtum sah sich anschließend als Bollwerk gegen den Islam und habe dies auch dadurch unterstrichen, dass man in verschiedener Form sich als der wahre Erbe des Westgotenreiches stilisierte, hierauf
deuten verschiedene Indizien:

  • der Kontakt mit dem karolingischen Reich,
  • bauliche Zeugnisse,
  • Schriften, besonders die Chroniken zu Ende des 9. Jahrhunderts, die im Umfeld Alfons’ III. entstanden
  • schließlich die Entdeckung des Jakobusgrabes in Compostela Anfang des 9. Jahrhunderts.

Nachdem das Zentrum dieses asturischen Reiches 910 von Oviedo nach León verlegt worden war, gingen die Eroberungen der christlichen Reiche zurück, vor allem, weil sich Emirat und dann Kalifat von Córdoba eher in der Offensive befanden. Dies trifft besonders auf die Züge al-Mansurs zu Ende des 10. Jahrhunderts zu.

Nach dem Ende des Kalifates (1031/35) änderten sich die Strukturen. Es entstanden muslimische Kleinkönigtümer (Taifenreiche). Sie konnten bei eigener militärischer Schwäche friedliche Nachbarschaft zu den christlichen Reichen zuweilen durch Tribute sichern. Gelegentlich wurden die Tributerhebungen militärisch unterstützt, aber auch Eroberungsgelüste führten zu Waffengängen. So intensivierte sich die sogenannte Reconquista der christlichen Herrschaften im 11. Jahrhundert. Neu war an diesen Zügen unter anderem, dass Kämpfer aus dem heutigen Frankreich und dem übrigen Europa mitstritten und päpstliche Lohnversprechungen eine Rolle spielten.

Die großen Erfolge der Christen führten bei den bedrängten muslimischen Herrschern zur Suche nach neuen Bundesgenossen, die sie Ende des 11. Jahrhunderts in den in Nordafrika herrschenden Almoraviden, seit Mitte des 12. Jahrhunderts in den Almohaden fanden. Damit kam nicht nur militärische Hilfe, sondern auch ein gehöriges Maß an neuen, radikaleren politischen und religiösen Konzeptionen in das muslimische Spanien. Mit der Eroberung Südspaniens seit 1145 durch die Almohaden begann auch dort ein strenges Sittenregiment.

Kriegerische Auseinandersetzungen blieben im 12. Jahrhundert an der Tagesordnung. Als weitere wichtige Etappen der Auseinandersetzungen gelten die Schlachten von Alarcos 1195 und von Las Navas de Tolosa 1212. Bei Alarcos blieben die almohadischen Truppen erfolgreich, offensichtlich, weil die fünf christlichen Reiche des Nordens unter sich uneins waren. Erst durch päpstliche Mahnungen und politische Anstrengungen konnten sich dann christliche Heere 1212 in Las Navas de Tolosa durchsetzen.

Die weitere Geschichte ist schnell erzählt, denn große Eroberungen, besonders unter Ferdinand III., dem Heiligen (1217/30–1252), folgten mit der Eroberung von Sevilla (1248). Damit war diese Phase der Reconquista weitgehend abgeschlossen. Nach langer Zeit der Duldung fiel 1492 mit dem Reich von Granada die letzte muslimische Bastion, sodass nun ganz Spanien unter christlicher Herrschaft stand.

Dies ist eine Geschichte Spaniens aus der Sicht der Reconquista. Sie ließe sich aber auch – mit Blick auf die muslimische Präsenz über acht Jahrhunderte – ganz anders erzählen, nämlich als eine Geschichte des fruchtbaren Austausches. Und in der Tat sind zahlreiche Aspekte einer sogenannten Convivencia, des friedlichen gemeinsamen Zusammenlebens, genauso Teil der spanischen Geschichte. Dies betrifft nicht nur politische und wirtschaftliche Kollaboration, sondern auch die großen Austauschprozesse, die das antike Wissen betrafen. Zu nennen wären auch die zahlreichen literarischen und künstlerischen Austauschprozesse und vieles andere mehr.

Aber es ist wohl kaum ein Entweder-oder, wie dies jahrzehntelang diskutiert wurde: Hier die Entstehung der spanischen Nation aus den asturischen Anfängen (Claudio Sánchez Albornoz) und dort das Zusammenleben von Juden Christen und Muslimen als Spezifikum der spanischen Geschichte (Americo Castro). Da es hier um die religiöse Komponente des Krieges geht, seien mit drei Schlaglichtern einige Facetten der Reconquista vorgestellt.

 

Covadonga und die Anfänge der Reconquista

 

Die Eroberung der Mittelmeerwelt durch die Muslime sucht in der Weltgeschichte ihresgleichen und führte schon oft zu Überlegungen zum Verhältnis von Religion und Gewalt im Islam. Die Unterwerfung der Iberischen Halbinsel nach dem Sprung über die Straße von Gibraltar 711 führte teilweise zu schnellen Erfolgen und zu einer ersten entscheidenden Schlacht am Guadalete, in der die westgotischen Christen unterlagen. Ihre Bedeutung liegt jedoch vor allem darin, wie diese sich später im kollektiven Bewusstsein verankert hat. Es geht um Fragen von Verrat, Kollaboration und Rachehandlungen. Spätere christliche Deutungen (wie die mozarabische Chronik) unterstreichen die Spaltungen innerhalb der christlichen Führerschaft. Diese Erklärung wurde Ende des 9. Jahrhunderts, im Umkreis Alfons’ III., weiter zugespitzt und moralisch gedeutet: Das Westgotenreich sei untergegangen, weil der Westgote Witiza und seine Söhne sündhaft gelebt haben: Die muslimische Eroberung galt entsprechend als Strafe für sündhaftes Leben. Dies hilft auch dabei, die erste sogenannte Schlacht der Reconquista in Covadonga (722), bis heute ein nationaler Erinnerungsort, einzuordnen. Der Ort verdeutlicht bis heute, wie Kult und nationale Identität sich lokal verdichten können.

Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts sahen im Bericht über die Schlacht von Covadonga (722) oft den Ausgangspunkt für die Entstehung Spaniens. Hier hätten wehrhafte asturische und kantabrische Truppen unter Führung eines westgotischen, vertriebenen Adeligen Pelagius (Pelayo) Widerstand gegen die muslimischen Eroberer geleistet. Pelagius soll nicht nur den arabischen Heerführer Al Qama, sondern auch den arabischen Statthalter von Asturien, Munuza, getötet haben. Auch habe er den Erzbischof von Sevilla Oppa, der mit den Arabern habe kollaborieren wollen, gefangen setzen lassen. Nicht zuletzt deshalb sei er angeblich schon 719 von einer asturischen Adelsversammlung zum princeps gewählt worden. Sicher ist aber nur, dass Pelagius wohl einen Teil des arabischen Heeres im spanischen Norden vernichtete.

Mehr erfahren wir über die Schlacht von Covadonga aus Schriften vom Ende des 9. Jahrhunderts. Diese berichten unter anderem davon, dass 18.700 Araber in dieser Schlacht gefallen sein sollen. Einige arabische Quellen wollen hingegen wissen, dass die Muslime 300 Christen belagert hätten, und als schließlich noch 30 Christen übriggeblieben seien, habe sich die weitere Belagerung nicht mehr gelohnt. Diese zwei Versionen sind unterschiedlichen Interessen geschuldet. Die arabischen Traditionen spielen wohl herunter, dass man den nördlichen Raum Spaniens nach einem kurzen Zwischenspiel eben nicht in den muslimischen Herrschaftsbereich integrieren konnte, die christlichen unterstreichen, dass hier der Widerstand, ja sogar die Wiedereroberung der Iberischen Halbinsel begonnen habe. Im Licht der später verformenden Geschichtserinnerung hatte Pelagius entsprechend zumindest zweifach Erfolg: Er hatte den Arabern erstmals Einhalt geboten und Kollaborateure abgestraft. Alle Legitimität des alten Westgotenreiches lag damit angeblich in Asturien.

Warum aber fanden Details über die Schlacht erst in der Zeit einer erstarkenden Monarchie in Asturien ausführlich in den entsprechenden Chroniken Niederschlag? Es liegt nahe anzunehmen, dass man den Anfangspunkt eines bedeutungsvoll gewordenen Königtums mit einem glänzenden militärischen Erfolg näher legitimieren wollte. Die asturischen Chroniken des 9. Jahrhunderts schlagen teilweise sogar den Bogen zur schon vorgestellten Interpretation der 711 verlorenen Schlacht am Guadalete und stellten damit Niederlage und Sieg in eine Beziehung.

Hinzu treten zwei weitere Aspekte: Providentialismus und Prognostik. So wird die Eroberung der Iberischen Halbinsel als Strafe für die begangenen Sünden angesehen, die aber natürlich irgendwann gebüßt sind, damit eine neue Zukunft beginnen kann. In der prophetischen Chronik des Reiches Asturien mit dem Hinweis auf das 38. Kapitel des Propheten Ezechiel über die Zukunft der inzwischen weitgehend muslimisch dominierten Iberischen Halbinsel: „Daß aber die Sarazenen das Land der Goten besitzen sollten, fanden wir in dem schon genannten Buch Panticinus des Propheten Ezechiel …“. Nach der theologischen Begründung der christlichen Niederlage gegen die Muslime 711 auf der Iberischen Halbinsel wird in einer Handschrift (Codex von Roda) dann mit Blick auf die Zukunft angefügt, dass selbst die Sarazenen durch Prodigien und Zeichen der Gestirne von ihrem bevorstehenden Untergang erfahren hätten, ebenso wie die Christen mit Alfons III. bald in ganz Spanien herrschen würden, denn seit der Eroberung seien 169 Jahre vergangen und ab dem 170. Jahr könne dies laut dem Propheten geschehen. Insofern folgen die Kriege und Erfolge der Reconquista einer gottgewollten Logik.

Die verschiedenen Interpretamente des 9. Jahrhunderts dürfen aber nicht dazu führen, die Covadongaberichte einfach als eine spätere Erfindung abzutun. Sie deuteten Geschichte, formten den Stoff in biblischer Sprache, denn sollte das Volk Gottes in der Gegenwart anders als früher handeln? Solche Darstellungsweisen folgten zugleich aktuellen Bedürfnissen und verstärkten sich deshalb im 9. Jahrhundert, als asturische Heere häufiger nach Süden zogen. Die Gegenwart stiftete hier eine einheitliche Sicht der Vergangenheit, die später immer wieder aufgegriffen werden konnte.

 

Kreuzzug und Reconquista im 12. Jahrhundert

 

Schaut man auf die Kämpfe, dann scheinen in der Zeit der Kreuzzüge, und in Spanien schon ab dem ausgehenden 11. Jahrhundert, neue Konzeptionen erkennbar, wenn auch nicht durchgehend. Zwar soll den Kämpfern, die das aragonesische Barbastro erobern wollten, von Papst Alexander II. himmlischer Lohn versprochen worden sein, womit ein Merkmal der beginnenden Kreuzzüge erfüllt wäre, aber der spanische Nationalheld, der Cid, könnte ein Gegenbeispiel dafür sein, wie sehr die Kampfeshandlungen gegen die muslimischen Taifareiche immer noch religiös ungebunden waren. Wir kennen den Protagonisten meist aus dem später entstandenen Heldenlied „El Cantar de Mio Cid“.

Wenn wir uns seinen Lebensweg ansehen, so weicht die Faszination auch einer gewissen Nüchternheit. Die Versuche, den literarischen vom historischen Cid zu unterscheiden, führen zu einer nuancierten Betrachtung. Der kastilische Adelige suchte sich zunächst seinen Platz im Gefolge der christlichen Könige Spaniens, war am kastilischen Hof Bannerträger. Bekannt war er für seinen Kampfesmut, wie der Beiname Campeador belegt. Welche Rolle er in den Konflikten der 1070er Jahre zwischen den Königen Sancho II. und Alfons VI. spielte, ist nicht ganz klar. Sein Verhältnis zu Alfons VI., dessen Lehnsmann er war, blieb gespannt, aber er nahm Aufträge wahr: So trieb er 1079 in Sevilla die Tribute des dortigen Taifenherrschers ein, agierte dabei zuweilen sehr selbständig. 1080/81 besetzte er das Taifenreich von Toledo, wodurch er in Ungnade fiel. Anschließend verdingte er sich 1081 beim Taifenkönig von Zaragoza, das er gegen diverse christliche Angriffe verteidigte. Als Alfons – sein früherer Lehnsherr – angriff, leistete er allerdings keinen Widerstand. Wie diese Aktivitäten zeigen, kämpfte der Cid wechselweise auf Seiten der Christen und der Muslime. Besaßen Glaubensfragen in dieser Zeit keine Relevanz?

Alfons VI. akzeptierte nach der Eroberung von Zaragoza den Cid wieder als Lehnsmann und vertraute ihm den Schutz der Taifenherrschaft Valencia an. Der Cid verteidigte dieses Reich und bewahrte es vor Angriffen der Katalanen wie der vordringenden Almoraviden.

Der Cid starb 1099. Die Todesumstände in der Schlacht sind bereits eine Überhöhung eines Bildes, das vor allem im Kloster Cardeña entstand und dann im Cantar de Mio Cid Niederschlag fand. Hier wurde der Cid zum Kämpfer gegen die Muslime stilisiert. Aber dies geschah ein Jahrhundert später, in einer Zeit, als die christlichen Truppen nach der Schlacht von Alarcos 1195 in die Defensive geraten waren und einheitliches Handeln nötig war. Das Heldenlied stärkte die königliche Autorität bei den Kämpfen gegen muslimische Gegner, mit denen nun die Almohaden gemeint waren.

Wenn sich das Bild des Cid vom Ende des 11. bis zum ausgehenden 12. Jahrhundert und darüber hinaus änderte, so fragt sich: Was war inzwischen geschehen, dass Kämpfen gegen die Muslime nicht nur eine politische, sondern auch eine religiöse Aufgabe werden konnte? Die vielfältigen Wechselbeziehungen von Kreuzzügen und Reconquista hat die jüngere Forschung mehrfach herausgearbeitet. Bei aller notwendigen Differenzierung kann ein Beispiel aus der Zeit des Zweiten Kreuzzuges verdeutlichen, welch Argumentationsmuster insgesamt an Bedeutung gewannen.

Friesische, englische und niederdeutsche Kreuzfahrer waren per Schiff nach Jerusalem aufgebrochen, gingen aber unterwegs mehrfach an den Küsten der Iberischen ­Halbinsel an Land. In Porto ermahnte sie der dortige Bischof, doch bei der Eroberung Lissabons zu helfen, bevor sie weiter ins Heilige Land führen. Die Kreuzfahrer versammelten sich am 16./17. Juni auf einem Platz neben der Kathedrale, um einer Predigt des Bischofs Peter von Porto (1146–1152) zu lauschen. Der Bischof pries zunächst die Werke des Herrn und lobte die Kreuzfahrer, die „Christus angezogen“ hätten, bis er schließlich zum eigentlichen Ziel seiner Rede kommt: „Wir glauben, daß euch in euren Ländern bekannt geworden ist, daß die Mauren und Moabiten ganz Spanien mit der Klinge des Schwertes erobert haben“. Der Bischof schildert dann das schwere Los der wenigen noch verbliebenen Christen unter muslimisch-almohadischer Herrschaft und weist darauf hin, dass die Muslime erst vor kurzem zahlreiche christliche Gefangene weggeführt hätten. Angesichts dieser Zustände rufe die Mutter Kirche auch sie, die Kreuzfahrer, zu Hilfe. Die anwesenden Kämpfer sollten nicht ihren Wünschen nachgeben, die Reise nach Osten, nach Jerusalem, fortzusetzen, denn es sei nicht wichtig, nach Jerusalem zu gelangen, sondern ein gutes Leben auf dem Weg geführt zu haben. Deshalb sollten sie der Kirche der Spanier (ecclesia hispanorum) zu Hilfe eilen. Für diesen Kampf würden sie keinesfalls mit einer Buße belegt werden. Es gibt, so die Worte des Bischofs, „keine Grausamkeit, wo die Frömmigkeit für Gott herrscht“. Deshalb ruft er im Sinne Isidors und Augustinus‘ zu einem gerechten Krieg auf. Ein gerechter Krieg diene laut Isidor, so der Bischof, „der Wiedererlangung von Dingen oder dazu, die Feinde zu vertreiben“. Die Kreuzfahrer sollten nicht ihr Handeln (actum), sondern ihre Absicht ändern. Es sei keinesfalls Sünde zu kämpfen, sondern es sei nur Sünde, wenn man der Beute wegen kämpfe. Ein Krieg nach Gottes Absicht könne als rechtmäßig unternommen nicht bezweifelt werden. Deshalb sollten die Kreuzfahrer nach Lissabon segeln und dort kämpfen.

Entscheidend sind die Bezugnahmen auf Augustinus und Isidor sowie die Beobachtung, welches Gewicht der Text der Intention in diesem Zusammenhang zuschreibt. Schon Papst Urban II. soll 1095 gesagt haben, himmlischer Lohn werde nur einem Kreuzfahrer zuteil, der ausschließlich aus Gottergebenheit nach Osten ziehe. Unternahm man jedoch einen solchen Kriegszug, um Ansehen, Herrschaft oder Belohnungen zu erlangen, so war eine entscheidende Voraussetzung nicht gegeben. Die objektive Berechtigung eines Krieges war zwar nicht in Frage gestellt, aber was den Teilnehmern als ein religiöses Verdienst anerkannt werden konnte, das lag an der individuellen Einstellung. Nicht Krieg und Kampf als solches, sondern die eigene Zuwendung zu Gott machte aus den Kämpfen ein vor Gott verdienstvolles Werk.

Diese seit dem 11. Jahrhundert vorbereitete Konturierung war aber eine wichtige, erneute Wende in den Frömmigkeits- und Religionsvorstellungen des Mittelalters. Dieser Schritt, den die Predigt deutlich erkennen lässt, war möglich geworden, weil man in der Theologie seit dem 11. Jahrhundert in wesentlich breiterem Maße die Vorstellungen des Kirchenvaters Augustinus über das Wesen der Sünde rezipiert hatte. Augustinus hatte nicht die jeweilige Tat, sondern die innere Einstellung des Täters in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gestellt. Für den Kirchenrechtler Gratian steht dann um 1140 fest, dass ein bellum iustum den Frieden der Kirche sichere, daher sei derjenige, der hier einen Feind töte, kein Totschläger oder Mörder. Dieses neue Nachdenken über Schuld und Strafe bei Tötung auf dem Kreuzzug bestimmt bis heute das juristische Denken des Westens. Denn es geht auch heute noch in jedem Prozess darum, neben dem jeweiligen objektiven Ergebnis einer Tat auch deren individuelle Bedingtheiten zu berücksichtigen; also die Person des Täters, die Motive, die Tatumstände und weitere Aspekte gegeneinander aufzuwiegen.

Aufschlussreich bleibt, dass ein englischer Historiograph dem Bischof von Porto die Worte in den Mund legt und damit zugleich Überlegungen zum Kreuzzug auf die Kämpfe der Iberischen Halbinsel übertrug. Die Idee des Gerechten Krieges, der Wiedererlangung von geraubtem Gut, zeigt, dass die Vorsilbe „Re“-Conquista seit dieser Zeit implizit mitgedacht werden konnte, wie auch einzelne Urkunden oder Erzählungen zur Schlachtenhilfe des hl. Jakobus erkennen lassen.

 

Die Eroberung von Granada 1492

 

Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts verblieb nur noch Granada in muslimischer Hand. Dieses Reich war weniger multireligiös geprägt, sondern einheitlich muslimisch. Die Eroberung Granadas war ein mühsamer, über ein gutes Jahrzehnt erfochtener Sieg. Der Druck auf Granada bzw. die auch als Nasridenreich bezeichnete Herrschaft nahm seit 1481 zu, kurz nach der Hochzeit von Ferdinand und Isabella, den später sogenannten Katholischen Königen. Die Eroberungen zogen sich länger als ein Jahrzehnt hin, denn der Gegner war nach wie vor nicht zu unterschätzen. Es kam zu riesigen Truppenbewegungen – Chronisten reden von Heeren, die bis zu 80.000 Mann stark gewesen sein sollen. Die jährlichen Aktionen reduzierten seit 1481 kontinuierlich den territorialen Bestand des Reiches von Granada. Schließlich blieb 1489 nur noch die Stadt Granada mit Umland und einer Verbindung zum Meer übrig.

Der muslimische Herrscher Boabdil übergab am 2. Januar 1492 Granada den Kastiliern. Es besaß symbolische Bedeutung, dass Ferdinand und Isabella am 6. Januar, dem Fest der Heiligen Drei Könige, ihren triumphalen Einzug in Granada gestalteten. In den Verhandlungen mit den Muslimen wurden faire Bedingungen ausgehandelt, offensichtlich, um die Bevölkerung der eroberten Gebiete leichter in das kastilische Reich zu integrieren.

Trotzdem prägte Granada nicht als Ort der Toleranz die Erinnerung. Gegenüber den ursprünglich großzügigen Abmachungen mit den Muslimen wurde schon nach einigen Jahren ein zunehmend härterer Ton angeschlagen. Waren die Formulierungen des Abkommens taktisch bestimmt? Obwohl sich dieser Eindruck aus der Rückschau aufdrängen mag, so konkurrierten wohl zunächst verschiedene Konzeptionen miteinander. Die ernsthafte Absicht, die Muslime ohne Zwang durch Überzeugung für das Christentum zu gewinnen, betrieb jedenfalls der erste Erzbischof von Granada, Hernando von Talavera (gest. 1507). Etwa ab 1499 gewannen jedoch die Gegner einer solchen geduldigen Politik die Oberhand, angeführt von Francisco Jiménez de Cisneros (gest. 1517), der nun Zwangsbekehrungen und Massentaufen forderte und durchsetzte. Dies gipfelte 1502 in dem königlichen Erlass, der erwachsene Muslime nur noch zwischen Taufe und Emigration wählen ließ.

Wahrscheinlich unterstützte die Begeisterung über die Eroberung des letzten muslimischen Reiches auch wenig später den Entschluss zu den bekannten, am 31. März 1492 erlassenen Vertreibungsdekreten für die Juden. Jedoch lagen auch hier die Gründe für diese Maßnahme wesentlich weiter zurück und sind vielschichtig. Insgesamt ist die Vertreibung der Juden 1492 wohl weniger als religiöser Fanatismus oder als Antijudaismus oder gar Antisemitismus zu deuten; vielmehr wollte man vielleicht die noch nicht konvertierte jüdische Bevölkerung, die nach Schätzungen nur noch etwa 70.000 Personen (ca. 1,6 % der Gesamtbevölkerung) umfasste, zur Konversion zwingen, denn in diesem Punkt stimmten religiöse Eiferer auf christlicher Seite sowie die um ihren Einfluss besorgten bisherigen konvertierten Juden, die conversos, überein: Nur durch Taufe oder Exodus der verbliebenen Juden konnte die religiöse Eintracht und die staatliche Einheit gefördert werden.

Spanien wurde in der Folge ein religiös einheitlich geprägter Staat. Aber in Granada entwickelte sich eine Gegenerinnerung, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Palast, die Alhambra, zum Symbol einer neuen Entdeckung Andalusiens und des muslimischen Spaniens wurde.

 

Vergleich und Bilanz

 

Eine vergleichende Bilanz wird sicher noch einmal auf die verschiedenen Phasen, aber auch auf Begriffe achten müssen. Das Narrativ, die mittelalterliche Geschichte Spaniens sei eine Geschichte der Reconquista, das Karten und Darstellungen suggerieren oder suggeriert haben, ist zu einfach.

Zunächst zeigen die drei zeitlichen Querschnitte verschiedene Befunde. So scheinen bei Covadonga und den späteren Deutungen die eigene Sündhaftigkeit als Grund für die erlittene Situation der muslimischen Eroberung dominant zu sein. Die sich daraus ergebende Perspektive eines Providentialismus zeigt zugleich, dass der Kampf nur gelingen kann, wenn die Auseinandersetzung mit eigener Schuld einfließt. Gott wird zum wichtigen Begleiter, weil Eroberung und Kampf in der Sprache der Bibel gedeutet werden. Die Zitate aus dem Alten Testament eröffnen Spielräume, um Niederlagen und Siege als Handeln Gottes zu interpretieren.

Anders das 11./12. Jahrhundert. Ritterlicher Kampf gegen einen Gegner schien nicht unbedingt religiöser Begründungen zu bedürfen, wie das Beispiel des Cid verdeutlicht. Der Druck der Almoraviden und später der Almohaden sowie die Diskussionen im Umfeld der Kreuzzüge verstärkten religiöse Deutungen. Inwieweit der Gihad christliche Vorstellungen beeinflusste, ist kaum zu belegen. Präsent blieben wichtige biblische Deutungsmuster – so das beliebte Buch der Makkabäer. Die angebliche Predigt des Bischofs von Porto unterstreicht, wie sich auch die Überlegungen der Kirchenväter zu Krieg und dessen Legitimation in den Vordergrund schoben. Die Lehre Augustins, dass ein Gerechter Krieg der Wiedererlangung geraubten Gutes und deshalb nicht dem Beutemachen dienen dürfe, wurde diskutiert. Wenn diese Vorstellungen aber im Zusammenhang mit den Kreuzzügen auf die iberische Halbinsel kamen, bleibt auch die Frage nach kulturellen Transferprozessen. Personelle Netzwerke seit dem 11. Jahrhundert könnten diese These untermauern.

Schließlich Granada. Lange gab es mit diesem Reich im 14. und beginnenden 15. Jahrhundert eher Austausch als Konfrontation. Bedenkt man die folgenreiche Ehe des Aragonesen Ferdinand und der Kastilierin Isabella im Jahr 1469 mit allen ihren Konsequenzen, die staatliche Legitimation der Inquisition (1478), die auch der Judenbekämpfung diente, und die religiösen Reformbestrebungen der Katholischen Könige, dann könnte die Reconquista Granadas vor allem als ein politisches und weniger religiöses Ziel mit Blick auf die Einigung der iberischen Halbinsel gedeutet werden. Allerdings lassen Judenpolitik und die Behandlung muslimischer Gruppen erkennen, dass politische Einheit hier auch Einheit im Glauben bedeutete. Kirchenpolitische Konzepte scheinen durch, wenn man bedenkt, dass die Eroberung Granadas in den Worten Roms und vieler anderer den Verlust von Konstantinopel 1453 kompensierte.

Die Motivationen, um Kriege gegen Andersgläubige zu führen, waren also vielfältig. Dabei gewinnt seit dem Hohen Mittelalter als Legitimation eher die Denkfigur vom Gerechten Krieg an Raum, auch hier beginnt die Möglichkeit nicht von Conquista, sondern von Re-Conquista zu reden. Heilig werden konnten Krieger in diesem Zusammenhang, wenn sie selbstlos und gottergeben handelten.

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