Herzog Gian Galeazzo Visconti (1378-1402).

Die Machtentfaltung Mailands gegen die italienischen Signorien

As part of the event "Historic Days 2016 - Just a Dark Time of Crisis?", 10.02.2016

Der folgende Beitrag kann sich nur in sehr geraffter Form mit der komplexen Thematik befassen, daher soll dies in mehreren Schritten erfolgen: Erstens wird ein allgemeiner Blick auf die politischen und sozioökonomischen Strukturen Italiens im Spätmittelalter von städtischen Kommunen hin zu „neuen“ Fürstenstaaten geworfen, wobei die Entwicklung der Signorien eine zentrale Rolle spielen wird. In diesem Kontext werden die Visconti als eine politische Familie behandelt, vor deren Hintergrund Gian Galeazzo Visconti (1378-1402) biographisch beleuchtet und im Anschluss daran zu bewerten versucht wird. Ein kurzes Fazit beschließt diese Ausführungen.

 

I.

 

Betrachtet man Italien im Spätmittelalter, dann blickt man auf eine reiche, bunte und dynamische Welt – dies gilt nicht nur für Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch für den Bereich der Politik. Der Norden und Teile Mittelitaliens haben neben den historischen Niederlanden den höchsten Verstädterungsgrad im damaligen Europa. Es handelt sich um wirtschaftlich hochdynamische Regionen mit spezialisiertem Handwerk (besonders Tuche und Metallverarbeitung) und lukrativem Fernhandel; dieser umfasst sowohl die gesamte Mittelmeerwelt mit den orientalischen Anrainerstaaten als auch die Gebiete nördlich und westlich der Alpen und Westeuropas. Im flandrischen Brügge trifft sich diese Welt der italienischen Kaufleute und Bankiers mit der im Nord- und Ostseeraum aktiven Hanse. Lombarden sind bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts im Deutschland sowie den historischen Niederlanden nachweisbar, agieren als Bankiers und Münzmeister und steuern die Geldströme des damals in Avignon residierenden Papsttums.

Diese europaweite und darüber hinausreichende Vernetzung führt zu einer kontinuierlichen Akkumulation von Geld- und Sachwerten, die trotz krisenhafter Zuspitzungen wie dem Bankrott bedeutender florentinischer Handels- und Bankhäuser um die Mitte des 14. Jahrhunderts zu einer ungeheuren künstlerischen und kulturellen Blüte in den italienischen Städten führt. Die Einwohnerschaft dieser Gemeinwesen ist sozial heterogen, horizontal und vertikal hochmobil und dank signifikanter Anteile kaufmännisch wirtschaftender Adeliger gewaltbereit und konfliktfreudig.

Signorien entstehen in Italien um das Jahr 1300. Es handelt sich um einen fragilen Rechtstitel, der darin besteht, dass das (ursprünglich) zeitlich befristete Amt des Seniors durch Akklamation von der beschlussfassenden Volksversammlung einem bestimmten Herrn verliehen wird. Der Begriff Senior (ital. Signore) bedeutet vom Wortsinn eigentlich Älterer, ist hier aber im Sinne von Würdigerer gemeint. Bei den Signoren verläuft der Trend hin zu Anstrengungen, ihre politische Legitimation zu stärken und damit eine stabilere politische Position zu erreichen. Verhindert werden soll damit, dass bei einem Stimmungswechsel innerhalb der Bürgerschaft oder sonstigen politischen Wechselfällen die Macht in der Stadt an einen der stets vorhandenen Herrschaftskonkurrenten fällt, der wiederum durch Beschluss der Volksversammlung in seiner Herrschaft legitimiert wird oder werden kann.

Soweit die Theorie. In der Praxis führte dies seitens der Signoren zur Suche nach weiteren Rechtstiteln, um die strukturell fragile Herrschaft zu stärken und damit zu verstetigen. Solche Rechtstitel konnten aus verschiedenen Quellen stammen: hierunter fielen beispielsweise die Ernennung zum Reichsvikar durch den deutschen König oder Kaiser oder die zum päpstlichen Vicarius. Es handelte sich in beiden Fällen um Statthalterschaften, also um politische Ämter, die meistens pro Forma vergeben wurden und im Allgemeinen einhergingen mit hohen finanziellen Leistungen für ihre Verleihung, also quasi durch Kauf. Der Trend verlief im Laufe des 14. Jahrhunderts ganz im Interesse der Betroffenen in Richtung auf Verleihung des Signorenamtes auf längere Dauer, dann auf Lebenszeit und schließlich zur Erblichkeit innerhalb der Signorenfamilie.

Man kann hier von einer Dynastisierung, das heißt von der Ausbildung einer politischen Familie sprechen. Trotz all dieser häufig erfolgreichen Bemühungen blieb die Unsicherheit der Position aufgrund unzureichender beziehungsweise fragiler Legitimationsbasis bestehen. Dies zeigte sich daran, dass Ämter gewaltsam oder gewaltlos entzogen werden konnten, Signorenfamilien auf natürlichem oder gewaltsamem Wege ausstarben oder im Rahmen kriegerischer Ereignisse verdrängt oder unterworfen wurden.

Dieser latenten Gefährdung der Macht wurde vorgebeugt: Ostentative Frömmigkeit diente der religiösen, Prachtentfaltung der symbolischen, erfolgreiche Kriegführung der faktischen Legitimation und Konnubium, also Heiratsverbindungen mit benachbarten Signorenfamilien, der regionalen Absicherung, Heiratsverbindungen mit Fürstenfamilien schließlich sogar der politischen Verankerung im europäischen Herrschaftskontext. Gerade die permanente Kriegsführung wurde zu einem bestimmenden Faktor der politischen Welt Ober- und Mittelitaliens. Dies führte über die Jahre zu einer Arrondierung der Machtblöcke und ging einher mit einer immer stärkeren Machtkonzentration auf einige wenige Machthaber und deren Familien, wie man es bei den mailändischen Visconti, aber auch bei ihren Konkurrenten wie den Della Scala aus Verona, den Da Carrara aus Padua oder den D’Este aus Ferrara beobachten kann.

 

II.

 

Unter diesen vielen, im 14. Jahrhundert um die Macht konkurrierenden Signorengeschlechtern ragen die Visconti von Mailand heraus. Dies hat viele Gründe, nicht zuletzt militärische Fortüne, aber auch Skrupellosigkeit, dynastisches Glück und geschickte Herrschaftspolitik. Die oben skizzierten Strategien des Machtausbaus und der Machterhaltung kann man bei ihnen idealtypisch studieren: Ihr Begründer als Signore ist Matteo I. Visconti (1250-1322); er amtierte 1294 als Reichsvikar und von 1295 bis 1302 sowie von 1311 bis 1322 als Herr von Mailand. Zwischenzeitlich war er im politischen Exil, verjagt durch seine Gegner aus dem Hause Della Torre und de-legitimiert durch die Mailänder Bürger. Die Rückkehr an die Macht hatte er dem Romzug König Heinrichs VII. zu verdanken.

Seine zahlreiche, politisch aktive Nachkommenschaft führte die Herrschaft weiter. Bei der Heiratspolitik verliefen die Strategien in verschiedene Richtungen. In der frühen Phase des Aufstiegs suchte man Eheverbindungen mit Abkömmlingen anderer Signorenfamilien und/oder adeliger Familien Oberitaliens. Hierbei galt es, politische Positionen zu verteidigen und Allianzen gegen mächtige politische Gegner wie die Anjou, Könige von Neapel und Unteritalien, zu schmieden. So amtierte Galeazzo I. Visconti (1277-1328) in den Jahren 1322 als 1328 als Nachfolger seines Vaters als Herr von Mailand. 1300 hatte er Beatrice, Tochter von Obizzo II. d’Este, Herrn von Ferrara, Modena und Reggio Emilia, geehelicht. Sein einziger Sohn Azzo (1302-1339) folgte ihm von 1328 bis 1339 in der Mailänder Herrschaft und heiratete 1330 Caterina, aus einer Nebenlinie der Grafen von Savoyen.

Die Herrschaft in Mailand ging nach seinem Tod an seinen Bruder Lucchino über, bei dessen drei Ehen sich wiederum die Kräfteverhältnisse in Oberitalien im Zeichen der weit ausstrahlenden politischen Vorherrschaft der süditalienischen Anjou-Könige widerspiegelten und zu politischen Koalitionen (und Hochzeiten) mit benachbarten Mächten wie den Markgrafen von Saluzzo und den genuesischen Spinola und Fieschi führten. Die instabile politische Situation zeigte sich deutlich, als Luchino 1349 durch Mord ein gewaltsames Ende fand, angeblich vergiftet durch seine dritte Ehefrau Isabella Fieschi.

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts stabilisierte sich die Lage bei den Visconti durch die gemeinsame Herrschaft der Brüder Bernabò und Galeazzo Visconti. Beide waren etwa gleich alt und heirateten 1350 als etwa Dreißigjährige. Der ältere Bernabo wählte Beatrice della Scala; sie entstammte einer Familie, die zu den mächtigsten Konkurrenten der Visconti zählte, nämlich den Herren von Verona, Brescia, Parma und Lucca. Aus dieser Ehe (und aus sonstigen außerehelichen sexuellen Aktivitäten Bernabòs) ging eine vielköpfige Nachkommenschaft hervor, von der später noch die Rede sein wird.

Sein nur wenig jüngerer Bruder Galeazzo II. ehelichte im selben Jahr wie sein Bruder Bianca Maria di Savoia. Sie war eine Tochter Graf Aymons von Savoyen, entstammte also keiner Nebenlinie wie ihre oben bereits behandelte Schwägerin Caterina, sondern war Tochter des regierenden Grafen. Die Grafen von Savoyen zählten zum europäischen Hochadel, waren bestens vernetzt und mit den Königshäusern in Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich verwandtschaftlich verbunden. Im Gegensatz zu der Bernabòs reicher Nachkommenschaft gingen aus dieser Ehe nur zwei Kinder, davon nur ein Sohn hervor. Bei diesem handelt es sich um den im November 1351 geborenen Gian Galeazzo Visconti.

Bernabo und Galeazzo teilten sich die Herrschaft, die sie über Jahre einvernehmlich, mit verschiedenen Herrschaftsschwerpunkten und relativ unangefochten ausübten; der Ältere saß vornehmlich in Mailand, der Jüngere in Pavia. In dieser Zeit vollzogen sich in Italien Entwicklungen, die in der Forschung mit dem Trend von der Kommune zu „neuen“ Fürstenstaaten umschrieben werden. So kam es seit etwa der Mitte des 14. Jahrhunderts zu verschiedenen Prozessen: Zum einen überschritt das Herrschaftsgebiet einzelner Signorenfamilien das ursprüngliche Gebiet ihrer Städte, wozu immer auch das städtische Umland, der Contado, zählte; es dehnte sich auf weitere Städte aus und arrondierte sich. Gleichzeitig verminderte sich die Zahl der Signorengeschlechter durch dynastisches Aussterben beziehungsweise politische Auslöschung oder Verdrängung durch Konkurrenten. Einige Signorengeschlechter und Stadtrepubliken setzen sich durch, blieben aber in ihrer Stellung oder politischen Eigenständigkeit permanent gefährdet und neigten daher ebenfalls zur territorialen Expansion.

Dieser Prozess verlief nicht kontinuierlich, sondern in Schüben. Die Auslöser waren vielfältig; es konnten Einwirkungen auswärtiger Mächte sein, so die Romzüge deutscher Könige wie Heinrich VII., Ludwig IV., der Bayer, Karl IV., aber auch die Italienzüge päpstlicher Legaten wie Bertrand de Pouget oder Aegidius Albornoz, ferner die Aktivitäten auswärtiger Reichsvikare wie König Johann von Böhmen oder Markward von Randeck, neapolitanischer Könige wie Karl-Robert von Anjou oder zugewanderte marodierende Söldnerkompanien aus dem Frankreich des Hundertjährigen Krieges wie die Compagnia Bianca del Falco des englischen Söldnerführers John Hawkwood (italianisiert zu Giovanni Acuto) sowie die Rückkehr der seit 1309 in Avignon residierenden Päpste Ende der 1360er Jahre und der Ausbruch des Großen Abendländischen Schismas 1376. Auch der Ausfall von Hegemonen beeinflusste die Entwicklung; hierzu zählten die 70 Jahre währende Absenz der Päpste im fernen Avignon oder die 1343 eintretende politische Neutralisation der lange Italien dominierenden Könige von Neapel aus dem Hause Anjou.

Solche Einwirkungen von außen führen zu Phasen politischer Destabilisierung, bei der es zu massiven Spannungen, innenpolitischen Umbrüchen und außenpolitischen Aktionen kam. Kluge Signori bauten vor und verschanzten sich vor ihren Feinden hinter massiven Mauern und/oder bauten zur Sicherung und Kontrolle in den von ihnen unterworfenen Städten mächtige Festungen mit einer starken militärischen Besatzung. Ein gutes Beispiel dafür ist das von Galeazzo II. um 1360 in Pavia erbaute Castello Visconteo, das unmittelbar nördlich an die Altstadt grenzte und ihm als hochrepräsentativ ausgestattete, prachtvolle Fürstenresidenz diente, gleichzeitig aber militärisch sowohl die Stadt wie die Straße nach Mailand kontrollierte.

 

III.

 

Auf diese Art und Weise blieben in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts als Vormächte auf der politischen Landkarte Oberitaliens lediglich die Visconti von Mailand, die Republik Venedig und die Republik Florenz übrig, während die Stadtrepubliken Bologna, Genua, Pisa und Siena ins zweite Glied rückten. Die Gonzaga von Mantua und die Este von Ferrara überlebten unter jeweils spezifischen Bedingungen; sie lagen zwischen den in dynamischer Ausbildung befindlichen Machtblöcken von Mailand und Venedig und standen unter permanenter Bedrohung, von den expansiven und aggressiven Nachbarn geschluckt zu werden. Diese territoriale Dynamik führte dazu, dass sich aus ehemaligen hochmittelalterlichen Stadtrepubliken bereits im späten 14. Jahrhundert Flächenstaaten mit erstaunlich differenzierten Verwaltungsstrukturen, militärischen Strukturen und sozialer Kontrolle entwickelt hatten.

1395 kam es mit der Herzogserhebung Gian Galeazzos Visconti durch den römisch-deutschen König Wenzel I. erstmals zu einer massiven Rangerhöhung eines Signorengeschlechts, verbunden mit dessen Aufstieg in die europäische Fürstenriege. Ihm folgten in den nächsten Jahrzehnte weitere: 1433 wurden die Gonzaga von Mantua durch Kaiser Sigmund zu Markgrafen erhoben. Damit vergleichbar wäre die 1501 erfolgte Erhebung Cesares Borgia zum Herzog der Romagna durch seinen Vater, Papst Alexander IV., oder die 1518 erfolgte von Lorenzo di Piero de‘Medici zum Herzog von Urbino durch seinen Onkel, Papst Leo X. Es versteht sich fast von selbst, dass diese Rangerhöhungen von den neuen Vasallen entweder mit viel Geld erkauft (1395), durch Treue bezahlt (1433) oder durch Familieninteressen (1501, 1518) motiviert wurden, ihren Lehnsherren aber durchaus zum Schaden gereichen konnte, wie die Absetzung König Wenzels durch die Kurfürsten im Jahre 1400 beweist.

Wie oben bereits erwähnt, war der erste Herzog von Mailand, Gian Galeazzo Visconti, das einzige Kind seiner Eltern. Nicht nur dies führte zu ganz anderen Dispositionen als bei seinem Onkel Bernabò und seiner zahlreichen Nachkommenschaft. Jener verheiratete seine ehelich geborenen Töchter vorrangig mit deutschen Grafen und Fürsten, was allerdings immer in Verbindung mit einer ganz außergewöhnlich großen Mitgift geschah. Dies geschah schlicht aus dem Grund, da anders der Rangunterschied bei der Wahl der Braut für die Bräutigame und deren Familien nicht überbrückbar gewesen wäre. Die illegitimen Töchter wiederum wurden mit in mailändischen Diensten stehenden Condottieri verheiratet, darunter eine mit dem bereits erwähnten John Hawkwood. Die illegitimen Söhne fungierten meist selbst als gefürchtete Kriegsherren und Söldnerführer; all dies sorgte für Bindungen und Verbindungen bis in die kriegsführenden Truppen hinein und schützte auch auf diese Weise Machtposition und Herrschaft Bernabòs.

Deutlich anders verhielt es sich bei den Kindern Galeazzos II. Allein die Tatsache, dass auch langfristig nur ein schon 1351 geborener Sohn als Nachfolger zur Verfügung stand, führte zu besonderen Anstrengungen von Seiten der Eltern. Hinzu kamen die verwandtschaftlichen Beziehungen seiner Mutter Bianca Maria von Savoyen zu den europäischen Königshöfen, die damit einhergehende glänzende Vernetzung und die lange Lebensdauer Bianca Marias, die dazu führten, dass beide Visconti-Sprösslinge in erster Ehe Königskinder von europäischem Rang heiraten sollten. Bereits im zarten Alter von vier Jahren wurde Gian Galeazzo zudem die Ehre zuteil, vom deutschen König Karl IV. persönlich zum Ritter geschlagen zu werden. Angeblich kreierte Francesco Petrarca während eines Aufenthaltes am Hof der Visconti in Pavia sein heraldisches Emblem; es handelte sich eine weiße Turteltaube vor einer vielstrahligen Sonne auf azurblauem Grund, im Schnabel ein Spruchband mit der altfranzösischen Devise „à bon droyt“ („zu Recht“).

Im Jahre 1360 erfolgte die Verlobung Gian Galeazzos mit Isabelle de France, einer Tochter König Johanns II. von Frankreich. Die angebahnte Ehe kostete die Visconti rund eine halbe Million Goldschilde (Scudi); dabei handelte es sich dabei um eine Münze mit einem Anteil von immerhin 3,2 Gramm Feingold. Das Geld diente als eine Art von „Mitgift“, zu verstehen als Kaufpreis für die Schwiegertochter aus königlichem Geblüt. Im Gegenzug wurde der Bräutigam bei der Hochzeit von seinem Schwiegervater mit der kleinen, im heutigen Département Marne gelegenen Grafschaft Vertus belehnt, denn ein Schwiegersohn ohne Adelstitel war am französischen Königshof im 14. Jahrhundert mit Sicherheit unvorstellbar.

Der französische Grafschaftsname, benannt nach der kleinen, 140 östlich von Paris gelegenen Stadt Vertus, wurde am Hof der Visconti italianisiert zu Virtù und latinisiert zu Virtus, was man beides mit Tugend oder Tapferkeit übersetzen kann. Damit wurde der französische „Conte de Vertus“ zu einem italienischen „Conte di Virtù“ und einem lateinischen Comes virtutum, auf Deutsch einem Tugendgrafen. Getragen von dieser propagandistisch ausgiebig genutzten Selbststilisierung wurde Gian Galeazzo im Jahre 1378 nach dem Tod seines Vaters Mitregent in Mailand und entmachtete seinen Onkel Bernabò vor dessen Tod im Jahre 1385.

Aber auch das eigene Familienleben verlief in diesen Jahren aus ganz anderen Gründen eher tragisch. Seine französische Gemahlin starb 1372 bei der Geburt des dritten Sohnes, der seinerseits das Säuglingsalter nicht überlebte. In den folgenden Jahren 1376 und 1381 ereilte das Schicksal auch die anderen beiden gemeinsamen Söhne. Zwar heiratete Gian Galeazzo 1380 erneut, diesmal aus offensichtlich politischen Gründen seine Cousine Caterina, eine Tochter Bernabòs Visconti, doch blieben bis 1388 weitere Söhne aus. Möglicherweise hat ihn diese durchlebte dynastische Krise in zu großen religiösen Anstrengungen veranlasst, denn in die 1380er Jahre fallen die Anfänge des großen Domneubaus in Mailand sowie die Stiftung der Kartause von Pavia.

Pavia wurde unter Gian Galeazzo als europäische Fürstenresidenz weiter ausgebaut, wozu nicht nur der von seinem Vater begonnene repräsentative Festungsschlossbau und die Ticino-Brücke gehörten, sondern auch die 1361 durch ein Privileg Kaiser Karls IV. begründete Universität und die bereits angesprochene nahe Kartause gehörten. Man kann wohl annehmen, dass den Visconti hierbei nicht nur Paris, die Heimat seiner ersten Ehefrau, sondern auch das Prag Kaiser Karls IV., immerhin einer ihrer Onkel, als Vorbilder dienten.

Nachdem Gian Galeazzo nach dem Putsch die zahlreiche Nachkommenschaft seines Onkels Bernabòs und deren einflussreiche und/oder schlagkräftige Schwägerschaft erfolgreich ausgeschaltet hatte, erfolgt ab 1387 die militärische Expansion in der Po-Ebene Richtung Padua, Mantua und Ferrara; diese endete schließlich mit der Eroberung der gesamten Lombardei. Zur Finanzierung des Vorhabens wurden Verwaltung und Finanzwesen gestrafft und durchorganisiert, was zu hohen Steuereinnahmen führte. Im Jahre 1395 erhob ihn dann König Wenzel zum Herzog von Mailand und Grafen von Pavia zum „Preis“ von 100.000 Gulden (à 3,4 Gramm Feingold). Nach dieser europaweit hohe Wellen schlagenden Rangerhöhung folgte die Expansion Richtung Süden in die Toskana, die im Jahre 1399 zum Kauf von Pisa und der militärischen Einnahme von Siena führte.

Hierunter geriet vor allem die Republik Florenz mit ihrem weiten Herrschaftsgebiet in massive Bedrängnis und ging auf die Suche nach Verbündeten, die sie unter anderem im Norden fand. Wie schon erwähnt, wurde König Wenzel, dem Gian Galeazzo die Gnade der Rangerhöhung zum Fürsten zu verdanken gehabt hatte, im Jahre 1400 besonders aus genau diesem Grund von den Kurfürsten des Reiches abgesetzt und sein Nachfolger und Gegenkönig, Pfalzgraf Ruprecht III. bei Rhein und selber Kurfürst, darauf verpflichtet, den mächtigen Visconti auszuschalten und seine Macht zu brechen. Zu diesem Zweck führte Ruprecht in den Jahren 1401/2 eine vornehmlich von Florenz finanzierte Strafexpedition gegen den Visconti durch, scheiterte damit aber kläglich; sie kostete ihn nicht nur viel Geld, sondern das Ansehen, zumal sein abgesetzter Kontrahent Wenzel noch bis 1419 lebte und ihn damit um neun Jahre überlebte.

Für den siegreichen Gian Galeazzo stand damit Italien offen. In den Jahren 1400 bis 1402 eroberte er mit Perugia, Assisi, Lucca und Bologna große Teile Umbriens, der Toskana und der Emilia Romagna und wandte sich danach gegen Florenz, das seinem sicheren Untergang entgegensah, wie die Quellen einhellig berichten. Da ereignete sich das Unerwartete und Unvorhergesehene: Am 3. September 1402 starb der Visconti völlig überraschend im Alter von 55 Jahren in dem kleinen Ort Melegnano im Feldlager vor der eingeschlossenen Arno-Stadt. Da seine Söhne aus zweiter Ehe für die erfolgreiche Übernahme der Herrschaft noch zu jung waren, fiel in der Folgezeit das Machtgebiet Gian Galeazzos in sich zusammen und Florenz entkam damit – ganz nach Sichtweise – durch puren Zufall oder durch göttliche Fügung seinem bereits besiegelten Schicksal.

 

IV.

 

Dieser Überblick verlangt nach einem Fazit. Es fällt aus vielen Gründen schwer, den Visconti als historische Persönlichkeit zu bewerten. Uns erscheint er heute bei nüchterner Betrachtung als Inbegriff eines mit macchiavellistischer Virtù ausgestatteten Renaissancefürsten, der zwar bei seiner Gewaltanwendung weder Skrupel noch Grenzen kannte, damit aber einen geeinten und befriedeten Flächenstaat mit guter Verwaltung, einem geordneten Finanzwesen und kultureller Blüte schuf. Diese Form von Staatlichkeit darf durchaus als modern gelten. Das Echo seiner Zeitgenossen klang allerdings nicht ganz so, auch sein Nachruhm ist verdunkelt und daher stellt sich die berechtigte Frage, woran das liegen könnte.

Die Lösung dafür ist wohl in Florenz zu suchen. Für Sie war der Visconti der Tyrann, der nur eines im Sinn hatte: die Zerstörung der Freiheit. In der politischen Rhetorik der florentinischen Kanzler der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts war Florenz der Ort, an dem Karl der Große seinerzeit römische Bürger angesiedelt hat, nachdem er die Tyrannen der Lombardei unterworfen hatte. Florenz wurde damit der Hort republikanischer Freiheit in unmittelbarer Nachfolge der antiken römischen Res publica. Diese Bedrohungskommunikation wurde der Auftakt der „politischen“ Renaissance, die sich damals in Form humanistischer Gelehrsamkeit und Rhetorik äußerte und wenige Jahre später mit der Aufnahme republikanischer Bauformen in der „Florentiner Renaissance“ nach einhelliger Auffassung das Ende des Mittelalters bedeutete und die Moderne einleitete. Die Florentiner Rhetorik gegen den gefürchteten mailändischen „Tyrannen“ geriet mit dem Humanismus in die Geschichtsbücher und verdichtete sich dort zum Geschichtsbild. Hinzu kam, dass Gian Galeazzo als Fürst des Heiligen Römischen Reiches und Enkel eines französischen Königs sich mit seinem Streben in den europäischen Hochadel „mittelalterlich“ verhielt und „gotisch“ baute. In dieser Form bauen tat man in dieser Zeit zwar auch noch in Florenz, doch in der Rückschau spielte bei der Konstruktion des Geschichtsbildes von Gian Galeazzo Visconti auch die Baukunst eine Rolle, konnte doch die im gotischen Stil und im Auftrag eines „machthungrigen Tyrannen“ gebaute Mailänder Kathedrale nicht mit dem in Florentiner Renaissancebauweise errichteten Gotteshaus einer „frühmodernen Republik“ mithalten.

Damit ergibt sich ein ambivalentes Bild, das im Grunde nur ein Fazit zulässt: Geschichte ist paradox und verläuft ergebnisoffen – jedenfalls liefert sie uns weder eindeutige, noch schlüssige Fortschrittserzählungen und schon gar keine Schwarz-Weiß-Bilder.

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