Jesus Christus

As part of the event "Buddha and Jesus", 10.02.2015

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Die Frage nach dem historischen Jesus

 

Das Thema der Veranstaltung „Buddha und Jesus: Die Bedeutung der Stifterfigur“ bedarf zunächst einer Korrektur. Denn hier werden zwei Ebenen vermischt. „Buddha“ ist ein Ehrentitel oder ein Hoheitstitel, während „Jesus“ sich auf eine geschichtliche Gestalt bezieht. Wir müssen also sagen: Gautama Siddhartha und Jesus oder Gautama Buddha und Jesus Christus. Fragen wir nach den Religionsgründern, dann steht der historische Aspekt im Vordergrund.

Suchen wir nach dem historischen Jesus, folgen wir einer bestimmten Sichtweise. Es ist das neuzeitliche, aufgeklärte Denken in Europa, das diese Frage hervorbrachte. Der Auftakt war Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), ein Professor für orientalische Sprachen in Hamburg. Seine Aufzeichnungen wurden posthum von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) herausgegeben und entfalteten eine breite Wirkung, die bis heute anhält.

Reimarus entwickelte die Grundlagen der historisch-kritischen Methode der Bibelauslegung, die bis heute einen breiten Raum in der Exegese alt- und neutestamentlicher Schriften einnimmt. Der Historismus des 19. Jahrhunderts stellt eigentlich dieselben Forderungen für die Geschichtsschreibung auf. Es geht darum, Geschichtsschreibung nicht auf vage Konzepte, sondern auf gesicherte Quellen zu gründen. Wenn wir das auf Jesus übertragen, stellen sich die Fragen: Was sind tatsächlich historische Nachrichten und was hat die Überlieferung zwischen den unmittelbaren Zeitgenossen und den Hagiographen des NT verändert? Was haben Glaube und Tradition neu interpretiert? Vom historischen Jesus unterscheiden wir dann den Christus des Glaubens. Mit „Jesus Christus“ ist schon ein Glaubensbekenntnis ausgesprochen, weil es den „vorösterlichen“ Jesus mit dem Auferstandenen verbindet und in dem Hoheitstitel „Christus“, „der Gesalbte“, zum Ausdruck bringt.

Was wir von diesem Jesus, der der Christus genannt wird, historisch gesichert wissen, ist recht wenig. Die einzige Quelle, die deutlich mehr als seine Existenz verrät, ist das NT. Da es sich um eine geschlossene Einheit handelt und manche Autoren auch noch voneinander abhängig sind, ist der historische Wert gering. Wir haben im NT Glaubenszeugnisse vor uns und die Verkündigung Jesu Christi (genitivus subiectivus and genitivus obiectivus).

Walter Kasper fasst die Problemlage in seinem Werk „Jesus der Christus“ kurz und prägnant zusammen: Die einzige Spur Jesu ist der Glaube seiner Jünger. Und im Zeugnis dieser Jünger sind der vorösterliche und der nachösterliche Jesus Christus nicht zu trennen. Die Erzählungen im NT gelten dem nachösterlichen, in dem die Jünger den vorösterlichen wiedererkannten. Ihnen ging es nicht um eine exakte Biographie im Sinne exakter historischer Forschung. Ihnen ging es um Verkündigung des Glaubens. Was sie erfahren hatten, wollten sie weitergeben. Und diese Erfahrung endete nicht mit dem Tod ihres Meisters. Vielmehr gewann sie durch das, was sie danach erlebten, eine tiefere Bedeutung. Das Göttliche zog sich nicht einfach wieder zurück in seinen Bereich. Es offenbarte sich und blieb in der Welt.

In den Evangelien erfahren wir vom Leben Jesu wenig. Ein „theologischer“ Stammbaum bei Mt, eine Kindheitsgeschichte bei Lk, dann eine Lücke von 20 Jahren, wenige Jahre seiner Verkündigung und dann eine Anklage, Verurteilung, Leidensweg und Tod. Die neutestamentlichen und außerbiblischen Quellen lassen uns seine Lebensdaten rekonstruieren: Das Geburtsjahr liegt wahrscheinlich in den letzten Jahren der Regierung des Herodes, also vor dem Frühjahr 4 v. Chr. und sein Sterben wahrscheinlich 30 n. Chr. Dass wir so wenige Daten haben, mag enttäuschen. Aber selbst wenn wir genaueste Aufzeichnungen über sein Leben hätten oder sogar Videoaufnahmen, würde das nichts an seiner Botschaft ändern. Und die ist uns überliefert. Die Texte, die wir im NT haben, sprechen den Leser beziehungsweise Hörer an. Sie fordern ihn heraus, stellen ihn in Frage. Genau das tat Jesus nach den Berichten der Evangelien mit seinen Zeitgenossen. Und er tut es mit uns.

 

Jesus, der Christus

 

Mit Jesus bezeichnen wir den historischen Jesus, der in Israel gelebt und gewirkt hat. „Christus“, griechisch „christos“, bedeutet der „Gesalbte“, der „Messias“. Es ist ein Hoheitstitel, der Jesus verliehen wurde, obwohl er nach den Berichten im NT nie zum König oder Propheten gesalbt wurde. Er wird vielmehr von Johannes dem Täufer getauft. Warum wird er der „Gesalbte“ genannt? Weil die ersten „Christen“, die durchweg Juden waren, die Erfahrungen mit Jesus aus ihrer Tradition heraus interpretierten. Und dort war der Messias verheißen.

Zwar spielt im Tanach (der heiligen Schrift der Juden, die nur im hebräischen Anteil mit unserem AT übereinstimmt; um Redundanzen zu vermeiden, spreche ich im Folgenden vereinfachend vom AT) der Messias-Gedanke eine wichtige Rolle, aber er steht nicht so im Mittelpunkt, wie es das NT vermuten lassen könnte. Es gab zu allen Zeiten Messias-Prätendenten, so auch zur Zeit Jesu und danach. Der Messias galt als von Gott „Bevollmächtigter“. Dass einer wirklich der Messias ist, muss er dadurch beweisen, dass er das alte Davidische Großreich wieder aufrichtet.

Eine Neudeutung von Salbung finden wir zum Beispiel in Apg 10,38: „Wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft“. Das unterstreicht noch einmal die Bevollmächtigung und Autorität Jesu Christi.

Was die Jünger erlebt haben, das sahen sie nach Jesu Tod und Auferstehung durch eine andere Brille. Vieles erschloss sich ihnen erst im Rückblick. Das steckt in Redewendungen wie „musste der Messias nicht“ (Lk 24,26). Und diesen Rückblick bewältigten sie nur, indem sie auf ihre heilige Schrift zurückgriffen und ihre Erfahrungen mit Jesus auf diesem Hintergrund interpretierten. Das lag nahe, denn diese Heilige Schrift war auch die Heilige Schrift Jesu von Nazareth, die er zitierte. Von ihrer Botschaft sagte er, dass er sie nicht aufheben wolle, sondern vollenden.

Die Hoffnung, dass Jesus sich als der Messias erweisen würde, wurde zunichte. Er wurde verurteilt und starb den schmachvollen Tod am Kreuz. Damit war eigentlich erwiesen, dass er nicht der erwartete Messias war. Trotzdem blieb der Eindruck seiner Jünger so stark, dass sie ihn nur als Messias beziehungsweise Christos, den „Gesalbten“, bezeichnen konnten.

 

Geschichtsdenken

 

Im Messias-Gedanken selbst steckt ein geschichtliches Moment. Mit dem Kommen des Messias beginnt ein neues Zeitalter. Die Frage nach der Geschichte und dem Sinn der Geschichte schlägt eine Brücke zwischen AT und NT. Die sich entwickelnde christliche Theologie entfaltete bald den Gedanken, dass mit dem Kommen Jesu ein weltgeschichtlich bedeutsames Ereignis eingetreten ist. Sie führt damit ein Denken, das sie vom Judentum übernommen hat, weiter und dehnt es aus.

Die Juden beziehungsweise Israeliten dachten immer schon „geschichtlich“, wenn auch in einem anderen Sinne als wir heute. Geschichte bedeutete für die alten Israeliten das Wirken Gottes in der Welt. Dieser Gott ist im AT als ein dialogischer Gott beschrieben, der mit den Menschen, genauer mit seinem erwählten Volk, in Kontakt tritt, einen Bund mit ihm schließt. Sein Wirken zeigt sich in der Geschichte des Volkes Israel, das zusammen mit Jahwe Geschichte gestaltet. Die Propheten treten auf als Mahner, Rufer zur Umkehr, wenn das Volk seinen Bund mit Gott vergisst oder missachtet.

Der Beginn dieser Geschichte ist die Schöpfung, wie sie im AT gleich zweimal erzählt wird, Gen 1 und 2. Das erste Ziel dieser Geschichte ist das gelobte Land, zu dem Mose das Volk führt. Dieses Land erreicht unter David seine größte Ausdehnung als politisches Reich. Nach der Zerstörung des ersten Tempels und im babylonischen Exil wird dieses Land ein zweites Mal Ziel der Geschichte des Volkes.

Der Gedanke, dass ein neues Zeitalter anbricht, passt in dieses Geschichtsdenken. Wir finden ihn im NT wieder. Schon Johannes der Täufer mahnt zur Umkehr, weil mit dem neuen Zeitalter ein Entscheidung verbunden ist: „Kehrt um! Denn das Königreich der Himmel ist nahe.“ (Mt 3,2). Einzig diese Umkehr lässt im kommenden Gericht überleben. Johannes dem Täufer: „Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Mt 3,10 par. Lk 3,9) Jesus übernimmt diesen Ruf zur Umkehr des Johannes wörtlich: „Kehrt um! Denn das Königreich der Himmel ist nahe.“ (Mt 4,17) Die Bedeutung dieses Königreichs wird im NT nirgends erklärt. Es muss also für die Zeitgenossen Jesu eine bekannte Größe gewesen sein.

Es ist eine entscheidende Wendung in der Geschichte, die hier aufleuchtet. Im ältesten Text des NT, dem ersten Thessalonicherbrief (1 Thess 4,13-18) geht Paulus noch einen Schritt weiter: Er beschreibt eine „Apokalypse“, die das Ende der Geschichte bedeutet. Gerettet werden nach Paulus die, die „in Christus“ sind. Es wird deutlich: Das Kommen Jesu Christi und seine erwartete Wiederkunft werden verbunden mit dem Ende der Geschichte. Anfang und Ende der Schöpfung korrespondieren. Paulus erweitert diesen Gedanken in 2 Kor 5,17: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ Ende der Geschichte und ein neuer Anfang fallen dann zusammen – mit der Einschränkung, dass nicht alle gerettet werden.

Paulus und die frühen Christen lebten in der Gewissheit, dass sie das Ende der Geschichte, die Wiederkunft Christi miterleben würden, es also unmittelbar bevorstehe. Nachdem diese Wiederkunft ausblieb, fand ein Umdenken statt. Die „eschata“, die letzten Dinge, wurden nach wie vor den „prota“, den ersten Dingen, das heißt der Schöpfung, gegenübergestellt. Aber die „letzten Dinge“ wurden in eine unbestimmte Zukunft hinaus verlegt als „letzter Tag“, an dem das Endgericht stattfinde. Dieser letzte Tag wurde und wird heute noch verstanden als das Ende der Weltgeschichte.

Wir sehen hier eine entscheidende Änderung dem jüdischen Denken gegenüber: Es geht nicht mehr nur um das auserwählte Volk, sondern um die Welt insgesamt. Ein ähnlicher Gedanke taucht in der Sintfluterzählung auf. Der entscheidende Wendepunkt in dieser Weltgeschichte ist das Kommen Jesu Christi, in dem Gott Mensch geworden ist. Durch seine Menschwerdung und sein Leiden hat Jesus Christus die alte Schuld Adams getilgt und dem Menschen, das meint aus christlicher Sicht allen Menschen, den Weg zum Heil erst wieder eröffnet. Am Ende der Zeiten wird Christus wiederkommen als der Weltenrichter. Das Johannesevangelium geht einen Schritt weiter: Der Prolog spricht in Anknüpfung an Gen 1 von der Schöpfung durch den „logos“, das „Wort“, das jetzt mit Jesus Christus identifiziert wird. Christus ist also der Schöpfungsmittler am Anfang der Weltgeschichte.

Mit diesen Gedanken haben wir in mehrfacher Hinsicht weit über den historischen Jesus hinausgegriffen. Es ist hier nicht nur von Jesus die Rede, sondern von „Jesus Christus“ oder „Jesus, dem Christus“. Der Messias-Prätendent Jesus ist gescheitert, was kulminiert in den letzten Worten Jesu am Kreuz: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mk 15,34, Mt 27,46 – Lk 23,46 berichtet es anders: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“)

Durch die Auferstehung und die Erscheinungen des Auferstandenen löst sich dieses Dilemma. Aber Leiden und Tod Jesu bleiben ein zentrales Thema, das eine Erklärung fordert. Die Erklärung geschieht wieder im Rückgriff auf das AT. Es ist ein stellvertretendes Leiden, das die Sünden der Menschen auf sich nimmt. Um das zu tun, muss der Messias selbst sündenfrei sein und dieses Leiden freiwillig auf sich nehmen.

Mit der Auferstehung hängt auch die Geistaussendung zusammen: In der Apostelgeschichte kommt der Geist, besser das „pneuma“, auf die Jünger herab, nachdem Jesus vor ihren Augen in den Himmel erhoben wurde. Dieser Geist, und zwar der Heilige Geist, das „pneuma hagion“, erweist sich in der Apostelgeschichte als das Merkmal dafür, dass einer kein Zauberer oder Scharlatan ist. Der Geist kommt durch Handauflegung durch die Apostel (Apg 8,17) auf einen Menschen herab oder durch das Gebet der Gemeinde (Apg 4,31), durch das Hören des Wortes der Apostel (Apg 10,44). Und Gott hat ihn allen verliehen, die ihm gehorchen (Apg 5,32).

Was hier berichtet wird, sind nachösterliche Erfahrungen. Aber sie werden gesehen im Licht des Jesus von Nazareth und seiner „vorösterlichen“ Botschaft. Was war diese?

 

Die Lehre von Jesus, dem Christus

 

Wenn wir an die Reden Jesu denken, fallen zunächst die Gleichnisse auf. Wir finden auch prophetische Worte, Mahnreden und dergleichen mehr. Man kann sich fragen, warum er Gleichnisse verwendet und nicht deutlich sagt, was er meint. Auf der einen Seite regen die Gleichnisse zum Nachdenken an, andererseits verstoßen sie gegen das, was wir erwarten und für vernünftig halten. Beispielsweise die gleichmäßige Entlohnung der Arbeiter, ob sie nun eine Stunde oder einen ganzen Tag gearbeitet haben. Sollen wir also besser den Verstand ausschalten, um die Gleichnisse zu verstehen?

Verstandesmäßiges Verstehen ist nicht ausgeschlossen. Der Verstand ist herausgefordert, muss aber am Ende seine Beschränktheit anerkennen. Es geht in erster Linie darum, das Ideal im Leben anzustreben, das Jesus uns vorgelebt hat. Damit ist nicht die Kreuzesnachfolge allein gemeint, sondern das Leben Jesu davor und danach. Gottes- und Nächstenliebe sind das Ziel. Wer der Nächste ist, sagt Jesus nicht. Es kann jeder sein. Also läuft es darauf hinaus: „Liebe die ganze Menschheit wie dich selbst.“ Folgen wir der Enzyklika Laudato sí von Papst Franziskus, so sind auch alle Tiere und Pflanzen einbezogen!

Die grundsätzliche Botschaft Jesu ist das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe. Das AT formulierte es schon vor: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben und dein Leben lang auf seine Dienstordnung, auf seine Gesetze, Rechtsvorschriften und Gebote achten“ (Dtn 11,1; vgl. Dtn 6,5). Dieses Grundwort erhält noch eine Vertiefung, Erläuterung. Jesus nimmt es auf und modifiziert einen wesentlichen Aspekt. Es geht ihm nicht um die skrupulöse Befolgung von 624 Geboten und Verboten, wie sie in der Thora stehen, sondern er fasst diese Ge- und Verbote zusammen: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12). Das Gesetz und die Propheten behalten ihre Bedeutung: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17). Jesus sieht keinen Bruch zwischen seiner Lehre und der Tradition. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“ (Lk 10,26). Das Gebot der Nächstenliebe gilt uneingeschränkt. Deshalb muss es auch in der Begegnung mit anderen Religionen Anwendung finden. Die Bergpredigt ist sozusagen die Langfassung dieser Formel.

Der Glaube ist das Zweite der zentralen Inhalte der Botschaft Jesu. Bei vielen Heilungen sagt Jesus: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Der Glaube, der nur so groß ist wie ein Senfkorn, kann Berge versetzen.

Mit der Botschaft Jesu scheinen Zeichen und Wunder innig verbunden zu sein. Doch das Entscheidende an seiner Botschaft sind sie nicht. Die Zuhörer Jesu spürten, dass hier einer mit einem besonderen Hintergrund spricht – oder anders ausgedrückt: in göttlicher Vollmacht. Die einen sind beeindruckt, ja überwältigt, von dieser „exusia“. In Lk 4,32 heißt es: „Sie waren sehr betroffen von seiner Lehre, denn er redete mit (göttlicher) Vollmacht.“ Die anderen, seine Gegner, fordern gerade einen Beweis für diese Vollmacht: „Welches Zeichen tust du, damit wir es sehen und glauben?“ (Joh 6,30).

Die Wunder Jesu sind Zeichen seiner „exusia“, seiner Bevollmächtigung durch Gott. Das Johannesevangelium spricht von den Wundern als „Zeichen“, „semeia“. Die Zeichen führen viele zum Glauben an ihn und doch dürfen die Wunder nicht der Grund zum Glauben bleiben: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht“ (Joh 4,48).

Wunder als Zeichen haben Verweischarakter, sie deuten von sich weg auf etwas anderes hin. Viele aber – Juden und Heiden – bleiben beim Vordergründigen stehen: Sie wollen zum Beispiel das Brot der Brotvermehrung immer, damit sie nicht mehr selbst Brot backen müssen. Dabei übersehen, überhören sie Jesu Wort, das er das Brot des Lebens ist (Joh 6). Es geht also nicht um die Wundertaten selbst, sondern um die transzendente Wirklichkeit, die sich darin kundtut.

Der Verweischarakter gilt letztlich auch für Tod und Auferstehung Jesu Christi. Tod und Auferstehung gehören zu der „Verkündigung“ in dem Sinne, als die Jünger den historischen Jesus danach durch die Brille des Gekreuzigten und Auferstandenen sahen. Zum anderen verwirklichte Jesus in der Annahme des Leidens und Sterbens seine Lehre durch die Tat.

Sowohl Lehre als auch Tod und Auferstehung Jesu weisen über ihn hinaus. Die Wirklichkeit jenseits der Wunder ist Gott selbst. Ihn spricht Jesus als „Vater“ an. Er sieht sich nicht nur als dessen Bote, sondern als Sohn. Seinen Willen verwirklicht Jesus. Mit diesem Vater weiß er sich eins.

 

Verstehen der Botschaft Jesu?

 

So einfach auf der einen Seite die Botschaft Jesu ist, so schwer ist sie auf der anderen Seite zu verstehen. Sogar die Jünger scheitern: an den Gleichnisreden, den Wundern, selbst an der Verklärung Jesu am Tabor. Wer Jesus ist, wissen scheinbar zunächst nur die Dämonen.

Lässt sich die Botschaft Jesu verstehen? Rein verstandesmäßig nicht. Sie stößt uns immer wieder vor den Kopf. Deswegen müssen wir einen anderen Zugang finden. Eine mögliche Erklärung wäre die These von Rudolf Bultmann, einem evangelischen Theologen und einem der wichtigsten Exegeten des 20. Jahrhunderts. Er interpretierte es so, dass Jesus die Menschen, die ihm begegneten (und das geschieht nach dem katholischen Exegeten Alois Stimpfle jetzt in der Begegnung mit dem Text des Evangeliums), in die „krisis“ führte – das heißt: vor die Entscheidung stellte. Sie mussten Stellung beziehen, mussten sich entscheiden: für oder gegen den Offenbarer. Es ist eine „präsentische Eschatologie“: Das Endgericht findet hier und jetzt statt.

Aber die Entscheidung ist – wenn wir es genauer betrachten – erst der erste Schritt. Damit ist zunächst nur ein grundsätzlicher Neuanfang gemacht. Daran muss sich das „Umdenken“, die „metanoia“ anschließen. Und beides, Entscheidung und Umdenken, genügen nicht nur einmal. Wir sind immer von neuem dazu aufgefordert. Die Entscheidung ist also nicht ein Ersatz für das Denken.

Wir sollen das Denken nicht ausschalten! Sondern wir müssen – wie Platon schon forderte – uns „Rechenschaft geben“ über das, was wir denken. Denn in der Regel handeln wir aus irgendwelchen Überlegungen heraus. Das können auch Emotionen sein, Gefühle oder Neigungen. Wir sollen uns klar machen, welche Motive und Ziele wir verfolgen. Denn diese sind die Basis für unsere Entscheidungen. Und diese Motive und Ziele gilt es als Erstes zu korrigieren.

 

Überforderung

 

Mit der Frage, ob wir das leben, wozu Jesu Botschaft uns auffordert, sind die meisten von uns bloßgestellt. Wir sind gnadenlos überfordert. Wer zum Beispiel verkauft schon seinen ganzen Besitz und gibt den Erlös den Armen? Franziskus von Assisi war einer, der das radikal umgesetzt hat. Er hat bewiesen, dass es möglich ist. Aber können oder sollen wir alle so leben wie Franziskus? Die meisten von uns würden dankend ablehnen.

Wenn es aber scheinbar nicht lebbar ist, was geht es uns dann überhaupt an? Dürfen wir die Botschaft so zurechtschleifen, dass sie uns nicht mehr überfordert? Ich glaube nicht. Aber was dann? „Metanoeite!“ – „Denkt um!“ Diese Aufforderung meint unsere Gedanken und unsere innere Haltung. Paulus in der Einleitung zum Philipper-Hymnus spricht in eine ganz ähnliche Richtung: „Seid so gesinnt, wie (es sich für ein Leben) in Christus (gehört)“ (Phil 2,5).

Was als Überforderung erscheint, könnte man als Zielvorgabe lesen. Dann läge darin die Aufforderung, uns zu diesem hohen Ziel weiterzuentwickeln. Dann müssen wir uns dieser Überforderung immer wieder stellen, immer wieder unsere Schwäche eingestehen, und immer wieder versuchen, dem Ziel einen Schritt näher zu kommen. Dann ist die Botschaft Jesu nicht eine Überforderung, die man am besten ignoriert, sondern eine Orientierung, die uns hilft, indem wir uns je neu daran ausrichten. Es muss sich etwas mit uns ereignen. Wir müssen uns verändern und diese Veränderung auch bewusst wahrnehmen. Oder anders gesagt: Wir müssen Erfahrungen machen und daraus leben.

Diese Aufforderung können wir bedenken, theologisch erforschen, aber eigentlich müssen wir sie in die Tat umsetzen. Deswegen entzieht sich dieser Jesus auch als historische Person unserem Zugriff. Es geht nicht um historische Fakten. Die sind auch interessant und gehören zu unseren Annäherungsversuchen. Aber dahinter, darüber geht es um das Verwirklichen dieser Botschaft im Leben. „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24; Mk 8,34; Lk 9,23).

 

Erfahrung

 

Erfahrung scheint mir der Schlüssel zu den Texten des NT zu sein. Intellektuell sind wir angesichts dieser Texte am Ende. Die Gleichnisse lassen sich nicht „verstehen“. Oft sind sie paradox: „Lasst alles wachsen bis zur Ernte.“ Das bedeutet: Noch mehr Unkraut verbreiten. Versuchen wir, die Wunder zu verstehen, so entziehen sie sich unserem naturwissenschaftlich geprägten Denken.

Die Texte des NT erschließen sich nur, wenn wir sie mit Erfahrung füllen, wenn wir eine Erfahrung damit verbinden können, die wir selbst gemacht haben. Wir sind also auf uns selbst verwiesen, jeder und jede für sich. Erfahrung kann man nur selbst machen. Sie ist nicht eigentlich mitteilbar. Dies gelingt nur auf Umwegen, vornehmlich in Form einer Erzählung oder in Form von Gleichnissen.

Die Evangelien vermitteln scheinbar nur Jesu Botschaft, nicht ihn. Es ist, als träte Jesus hinter seiner Botschaft zurück, als ließe er einen anderen durch sich sprechen. Und doch scheint gerade im Johannesevangelium der Offenbarer nicht von der Offenbarung zu trennen zu sein. Offenbarung und Offenbarer sind eins. Deswegen begegnen wir in dem Text auch Jesus selbst. Umso wichtiger ist es, auf die Botschaft zu hören und zu versuchen, sie in unserem Leben umzusetzen.

Lassen wir uns darauf ein, so machen wir Erfahrungen. Oder wir finden unsere Erfahrungen in den Texten wieder. Erfahrung ist der einzige Zugang zu einem Verständnis dieser Texte. Als Beleg möge ein Hinweis auf das Mk- und Joh-Evangelium genügen. In ihnen versteht keiner die Botschaft, weder die Zuhörer, auch die, die die Wunder erlebt haben, noch die Jünger, die ja noch einmal nachfragen und Erklärungen bekommen. Verstehen als Verstandesleistung ist also zunächst zurückgewiesen. Es bleibt nur das „Verstehen“ aus eigener Erfahrung.

Erfahrung kann, muss aber nicht positive, schöne Erfahrung sein. Zu dem weiten Feld der Erfahrungen gehören auch Erfahrungen von Leid, Krankheit und Tod. Und davon hat das NT wie das AT genug zu berichten. Es ist nicht nur eine schöne Welt, die hier gezeichnet wird. Trotzdem geht es um eine besondere Erfahrung, nämlich um eine Gotteserfahrung. Und die muss im Letzten positiv, erfüllend sein.

Eine Bestätigung für diesen Interpretationsansatz finden wir bei Karl Rahner. Er formuliert den Gedanken etwas anders, als eine Aufforderung an die Christen: „Der Fromme von morgen wird ein „Mystiker“ sein, einer der etwas „erfahren“ hat, oder er wird nicht mehr sein.“ Dies gilt nicht nur für besonders begabte oder außergewöhnliche Menschen, sondern für alle.

 

Entscheidendes Kriterium

 

Wir können als Christen von heute nicht zum Urchristentum zurückkehren. Wir haben nicht nur die Heilige Schrift, wir leben auch aus einer Tradition. Wenn wir zurückschauen, tun wir das immer durch die Brille(n) dieser Tradition. Das dürfen wir nie vergessen. Das entscheidende Kriterium aber ist und bleibt das NT und das AT. Letztlich haben wir uns immer wieder an diesen zu orientieren und auszurichten. Die Tradition hilft uns, diese Texte zu verstehen, gibt uns Verstehensmuster vor.

Philosophisch gesehen ist Verstehen ein Prozess, der als Denkakt nicht abschließbar und endgültig ist. Auch hier bleiben Glauben und Denken aufeinander angewiesen. Und beide leben aus den Erfahrungen, die wir machen, und führen zu neuen, tieferen Erfahrungen. Das Ziel ist, die Erfahrung, und hier ist die Gotteserfahrung gemeint, so zu vertiefen, dass sie das ganze Leben durchwirkt.

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