Keine „Theologie nach Verdun“

Kriegserleben katholischer Geistlicher im Ersten Weltkrieg

As part of the event "„Heilige“ Kriege", 05.03.2025

© St Bartholomew's Day by François Dubois

Wenn man heute den Archivbestand der Diözesen Strasbourg und Nancy et Toul vergleicht, dann fällt schon anhand dessen auf, wie unterschiedlich die Akteure dem Ersten Weltkrieg – damals hüben und drüben der deutsch-französischen Grenze – gegenüberstanden. Während auf der loth-
ringischen, fraglos französischen Seite systematisch und akribisch gesammelt worden war und die Archivalien bis hin zu Briefumschlägen durchnummeriert wurden, nimmt sich Bestand auf der elsässischen, damals deutschen Seite zwar nicht ungepflegt aus, erscheint aber auch nicht mit dem Blick für große Bedeutsamkeit der Ereignisse angelegt. Auf der lothringischen Seite begann mit dem Krieg ein nationales Projekt, in dem die kirchlichen Akteure klare Interessen hatten: sich im laizistischen Staat so zu bewähren, dass möglichst deutlich werden sollte, was das wahre Frankreich sei – nämlich das katholische. Dafür wurden nicht nur offizielle Briefwechsel archiviert, sondern auch private und halbprivate Korrespondenz. Auf der elsässischen Seite bedeutete der Krieg ein weiteres Problem im Grenzland, durch das man möglichst gut durchzukommen gedachte. Bestehende Akten – etwa zu Fragen der Zweisprachigkeit – wurden weitergeführt, der Bestand enthält die archivpflichtigen offiziellen Korrespondenzen und Briefentwürfe in offiziellen Verfahren wie Unabkömmlichkeitsgesuchen. Privates findet sich kaum, es gab kein feststellbares Interesse, den Beitrag der katholischen Instanzen im Krieg besonders zu würdigen, sondern der Archivbestand bezeugt das umsichtige Bemühen insbesondere der Generalvikare, zwischen den verschiedenen militärischen und staatlichen Autoritäten einen Weg zu finden, möglichst unbeschadet durch die Kriegszeit zu kommen. Wenn der schmale Grat zwischen neutralem Pflichtengagement zu hintergründigem Umgehen staatlicher Interessen verlassen wurde, dann in der Regel zugunsten des Hintertreibens der Mobilisierungslogik. Damit waren dann aber keine nachweisbaren profranzösischen Interessen leitend, sondern es standen klar die Interessen der eigenen kirchlichen Institution im Vordergrund.

Ich werde im Folgenden drei Schlaglichter auf die Kriegszeit auf beiden Seiten der Grenze werfen: die mit dem Bewegungskrieg im August und September 1914 verbundenen Kriegsverbrechen, begangen durch die deutschen Armeen in Belgien und Nordfrankreich und ausgelöst durch die „große Furcht“ der Deutschen vor einem Volkskrieg (1), einen Ausschnitt der Kriegsdeutungen während der Dauer des Krieges (2) – hier sind in der Kürze der Darstellungen nurmehr Streiflichter möglich – und die Nachkriegsdeutungen (3), denen ich eine kurze Zusammenfassung folgen lasse (4).

 

Die Große Furcht und die Deutschen Greuel

 

Als Europa im August 1914 in den Krieg stolperte, galt dieser den meisten Entscheidern als unvermeidlich, als habe sich etwas zusammengebraut, was zu einem großen Ausbruch führen müsse. Die Faktoren, die zu dieser Wahrnehmung geführt hatten, sind gut erforscht und werden hier für die Mittelmächte kurz zusammengefasst: Die Diskurshoheit lag bei den Militärs, nicht bei der Politik, die internationale Außenpolitik war von tiefem Misstrauen den anderen Staaten gegenüber bestimmt, und der Krieg galt weithin und zunehmend als unvermeidlich. Gerade die Zuschreibung der Unvermeidlichkeit schuf die Wirklichkeit, die sie vermeintlich nur beschrieb. Als dann der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich erklärt war, begann der deutsche Vormarsch in dieser aufgeheizten Stimmung. Er war geprägt von langen Tagesmärschen und Hitze. Wenn die Truppen belgische und französische Ortschaften besetzten, um sich einzuquartieren, kamen Plünderung und darauffolgende Alkoholisierung hinzu. Zu dieser ohnehin für die Zivilbevölkerung höchst gefährlichen Melange kam dann noch, dass die Vorgaben der Haager Landkriegsordnung zum Umgang mit Zivilisten in Deutschland nicht hinreichend in die Militärhandbücher implementiert worden waren, und die tiefsitzende Furcht der deutschen Militärführung vor einem Volkskrieg, einer Levée en masse in Frankreich nach dem Vorbild des Kriegs von 1870/71. Man fürchtete die Franktireurs, Freischärler, und verwechselte die oft geschickt operierende kleine Nachhut der zurückweichenden belgischen und französischen Armeen mit zivilem Widerstand. Die Symbolfigur für diesen Widerstand war der katholische Priester, der Waffen unter seiner Soutane trage, den Kirchturm zum Signalgeben benutze und die Glocken zum Angriff läuten lasse. Nicht auf den Priester begrenzt hingegen war der Vorwurf an die vermeintlichen Franktireurs, Verwundete ermordet und verstümmelt zu haben – man hatte noch keine Erfahrung mit der entstellenden Wirkung von Schnellfeuerwaffen und den Verletzungen, die sie verursachen.

Diese Erzählung war in den deutschen Armeen weit verbreitet, sie bildete einen festen Legendenkreis und entsprechend verliefen auch die Kriegsverbrechen, die entlang der Routen der deutschen Truppen verübt wurden, nach einem festen Muster: Soldaten hörten Schüsse – manchmal war das Einbildung, meist waren es Schüsse von anderen deutschen Truppen, wenn verschiedene Regimenter auf engem Raum operierten –, jemand wollte den Priester mit einer Waffe gesehen haben, es wurden Geiseln genommen, in der Regel die Personen, die die soziale Ordnung des Ortes repräsentierten: Pfarrer, Bürgermeister, Lehrer. Ab diesem Zeitpunkt entschied der Zufall: Die Geiseln wurden mit einer zufälligen Zahl von anderen Personen zusammen erschossen und die Ortschaft ganz oder in Teilen abgebrannt, oder sie wurden nach einer gewissen Zeitspanne wieder freigelassen. Die eskalierende Gewalt hatte einen selbstverstärkenden Effekt – Soldaten, die schon eine Zivilistenerschießung miterlebt hatten, glaubten umso fester an die Existenz der Franktireurs und waren eher bereit, auch im nächsten Ort entsprechende Anzeichen dergestalt zu deuten. Die Gleichförmigkeit der Verbrechen und die nachweisliche Unzuverlässigkeit der Zeugenaussagen deutscher Soldaten sprechen für die normative Kraft einer kollektiven Autosuggestion von bemerkenswertem Ausmaß. Für die Kraft der Autosuggestion spricht auch, dass sie nicht beliebig lange anhielt, sondern dass sie nach sechs bis acht Wochen abzuflauen begann. Für die französischen Geistlichen, die in der Diözese Nancy räumlich nah bzw. selbst betroffen waren, sprach die Gleichförmigkeit der Abläufe hingegen für ein geplantes Vorgehen. Im Elsass kam es kaum zu solchen Verbrechen, hier bewegten sich die deutschen Armeen im Bewusstsein, noch auf Reichsland zu sein, aber dennoch mit großem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber. Das Misstrauen führte hier nicht zu Kriegsverbrechen, sondern de facto wurde das Reichsland als Aufmarsch- und Etappengebiet zu einer Militärdiktatur, und das Misstrauen gegenüber dem katholischen Geistlichen als Inbegriff des frankophilen, national nicht zuverlässigen Halbfremden, wurde rechtlich kanalisiert und führte zu zahlreichen Prozessen wegen „Deutschfeindlichkeit“ und Spionagevorwürfen. Fehlende Beflaggung, Nicht-Begräbnis von protestantischen Gefallenen, Unkenntnis der Regelungen zur Zweisprachigkeit …: Anlässe für eine entsprechende Anklage gab es genug, das Urteil war zumeist die Ausweisung aus dem Elsass.

Auf allen Seiten, deutscher, belgischer und französischer, kam eine spezielle Sprachpraxis zur Blüte, nämlich das Kriegsgerücht. Durch die Spur der Verwüstung, die die deutschen Armeen bei ihrem Vormarsch durch Belgien und Nordlothringen zogen, hatte es ausreichend faktenbasierte Nahrung gegeben – für die deutsche Seite belegten die Abläufe die Existenz des Volkskriegs, für die belgische und lothringische Seite belegten sie die regellose Grausamkeit des Gegners. Die Ereignisse waren grausam genug gewesen; die Erzählungen darüber aber fügten noch einen Topos hinzu, nämlich das Motiv der abgehackten Kinderhände: Die deutschen Soldaten hätten dort, wo Ortschaften gebrandschatzt und Geiseln erschossen worden waren, auch den Kindern die Hände abgeschlagen. Dieses Motiv bezog sich ausschließlich auf Belgien, wo es auch seinen Ursprung hatte. Das ist insofern erklärbar, als das Motiv der abgehackten Hände hier tatsächlich eine Grundlage hatte. In der Privatkolonie des belgischen Königs Leopold II. im damaligen Kongo war das entsprechende Verstümmeln der zur Zwangsarbeit in der Kautschukernte getriebenen Bevölkerung tatsächlich ein verbreitetes Mittel der Terrorherrschaft seit 1885. Im August 1914 war es dann dieses Motiv, das nun auf belgische Kinder appliziert wurde, sich insbesondere über die Kriegskarikatur massiv verbreitete und ein Eigenleben annahm. Es war auch in England und Frankreich anzutreffen und versank, anstatt breit widerlegt zu werden, später allmählich im Vergessen. Diese Erfahrung der übersteigerten Greuelerzählung bei nachweislich tatsächlich begangenen Kriegsverbrechen sollte eine Generation später eine verheerende Wirkung zeitigen, als die Berichte über deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager in Polen bei den Alliierten auf Unglauben stießen.

 

Die Dauer des Kriegs

 

Als der Bewegungskrieg in den Stellungskrieg mündete, hatten sich wichtige Motive der Kriegsdeutung im französischen Klerus schon verfestigt: die Überzeugung, es mit einem unzivilisierten Gegner zu tun zu haben, und das Bewusstsein, als Priester eine Figur darzustellen, in der sich alles sammelte, was der Gegner hasste, nämlich das Französische und der Katholizismus. Auf elsässischer Seite stellten sich die Dinge komplexer dar, hier war insbesondere der ältere Klerus dauerhaft skeptischer gegenüber allem Deutschen, aber auch die jüngere Generation sah sich Misstrauen ausgesetzt und pflegte ebenfalls Distanz und Skepsis gegenüber der deutschen Militärherrschaft.

Die Mitglieder des Klerus der Diözese Nancy fanden sich im Krieg an diversen Orten wieder: im deutsch besetzten Diözesanteil, evakuiert, in Geisel- bzw. Kriegsgefangenschaft, verwundet im Lazarett, in Rehabilitation im Luftkurort oder – die meisten – an der Front, sei es in Frankreich, in Nordafrika oder an der Levante. „An der Front“ konnte sehr verschiedene Verwendungen bedeuten, als Sanitäter, als Feldseelsorger, in der Verwaltung, bei den Funkern, bei der Wetteranalyse oder auch an den Waffen. Letzteres traf auf immerhin ein Sechstel der mobilisierten Kleriker zu, wobei nur in Einzelfällen nachweisbar ist, dass dies auf eigenen Wunsch der Fall war. Der weithin häufigste Einsatz der Kleriker war bei den Sanitätern und als Feldseelsorger. Ergab sich zu Kriegsbeginn über die Gräben zwischen Befürwortern des laizistischen Staates und den Gegnern dieser neuen rechtlichen Grundlage des Verhältnisses von Staat und Kirche hinweg eine Einigkeit in der gemeinsamen Kriegsanstrengung, so begann diese union sacrée im Jahr 1915 zu bröckeln. Dies machte sich in der rumeur infame bemerkbar, dem Vorwurf an den Klerus, den Krieg an sicheren Plätzen abzuwarten und die Gefahr den gemeinen Soldaten zu überlassen. Die Träger der rumeur infame thematisierten dabei nicht, dass die Differenz in der persönlichen Gefährdung zwischen normalen Soldaten und Angehörigen des Offizierstands viel offensichtlicher war – und erst über diese de-facto-Zugehörigkeit zum Offizierstand waren Feldseelsorger tatsächlich privilegiert. Sowohl in Binnenkommunikation wie auch später in der nach innen wie nach außen gerichteten Erinnerungsgeschichtsschreibung waren die Kleriker darum bemüht, der rumeur infame entgegenzutreten und sowohl ihre Loyalität, ihre Pflichterfüllung und die Bedeutung des eigenen Einsatzes zu betonen, stellvertretend selbstverständlich auch für die Gefallenen. Diese Perspektive identifizierte den Kriegsdienst oder auch das Aushalten von Gefangenschaft oder Verwundung durchgängig als Einsatz für Gott und Frankreich gleichermaßen und Mitwirken am Werk Gottes. Das wichtigste Medium der Binnenkommunikation während des Krieges war das Bulletin der mobilisierten, evakuierten und gefangenen Priester der Diözese Nancy, das der Generalvikar der Diözese seit August 1916 monatlich erstellte. Es enthielt jeweils einen Leitartikel des Weihbischofs Charles Ruch, der als Feldseelsorger tätig war, Einsendungen der Priester und Mitteilungen seitens der Bistumsverwaltung. Die Einsendungen der Priester bestanden aus Mitteilungen über Standortwechsel, Auszeichnungen, Verwundungen, Mitteilungen über Gefallene und Vermisste, Durchhaltebeschwörungen und gegenseitiger Ermutigung.

Anhand der Einsendungen lassen sich Kriegsbiographien nachzeichnen – diese werden aber auch nach dem Krieg im Goldbuch der Diözese nochmals rekonstruiert. Es lässt sich an den Einsendungen auch ablesen, wie Kriegstraumata wirken, für die es kein Vokabular gibt, hier ist dann zumeist von „großer Müdigkeit“ die Rede. Die Normalisierung der Gefahr lässt sich genauso nachvollziehen wie die große Wichtigkeit militärischer Auszeichnungen und die starke Tabuisierung jedes Zeichen von Stolz auf selbige. Die militärischen Auszeichnungen waren auch ein als objektiv geltendes Argument in der Widerlegung der rumeur infame.

Die Leitartikel des Weihbischofs haben jeweils den Stil einer Predigt, sie liefern eine geistliche Deutung des Kriegseinsatzes der Kleriker, wobei sie jeweils, entsprechend seinem eigenen Einsatzort, die Perspektive eines Klerikers an der Front einnehmen. Dieser Fronteinsatz wird mit den Werten und Idealen eines priesterlichen Lebens übereingebracht. So finden sich Leitartikel über Die Messe des Priestersoldaten oder über das Psalmgebet im Rhythmus der Artilleriegeschosse wie auch über das Leben Jesu und dessen Parallelisierung mit den Kriegsbiographien der Priester. Programmatisch ist der erste Leitartikel vom August 1916: „Wo sind wir? Wo Gott es will. Was tun wir? Das, was Gott will. Warum tun wir dies? Weil Gott es will.“ Die Leitartikel waren ausdrücklich dazu gedacht, die Moral zu stärken, der Kriegsmüdigkeit entgegenzutreten und das Standesbewusstsein wachzuhalten, indem alle Kriegstätigkeit mit dem Idealbild des katholischen Priesters übereingebracht wurde. Sie riefen immer wieder in Erinnerung, dass die Priester sowohl zum Dienst für die Kirche als auch als Franzosen zum Krieg gerufen seien, wie im Februar 1917: „Gott ruft uns zur Arbeit, oder er schenkt uns Erholung. In Wahrheit ist er es, der unsere Arbeit wählt und uns zuteilt: der Mensch, der uns kommandiert, ist sein Repräsentant. So hat die Kirche entschieden, als sie, aus sehr schwerwiegenden Gründen, unsere Einziehung hat geschehen lassen. Ihre Ehre steht auf dem Spiel: Unsere Mitbürger werden sie nach unserem guten Willen und unserem Eifer beurteilen. Wenn wir der Sorge für die Seelen gewidmet sind, ist unsere Aufgabe professionell, priesterlich. Wenn wir zum Gesundheitsdienst gehören, ist es ebenso. […] Wenn wir zum bewaffneten Dienst gehören, kann und darf dies nicht aus anderen Gründen als der Güte für unsere Brüder geschehen: als gute Hirten treten wir vor den Wolf, der unsere Schafe reißen will, und für diese opfern wir, wenn nötig, unser Leben. Wir alle vollbringen die Pflicht des Staates.“

Wie schwierig dieses Übereinbringen und Aushalten im Lauf der Zeit wurde, zeigt das Kriegstagebuch von Francois Godefroy, dem späteren Leiter des Priesterseminars von Nancy, eine Quelle, die am anderen Ende der Skala von der öffentlichen zur privaten Textgattung steht und deren Verfasser jeweils an den gleichen Einsatzorten war wie Charles Ruch. Das 153. Regiment der 39. Infanteriedivision des 20. Korps, für dessen drei Bataillone er als Feldseelsorger ­zuständig war, war während Godefroys Einsatz von 1914 bis 1917 an allen großen Schlachten der Westfront beteiligt, vom Wettlauf zum Meer und der ersten Flandernschlacht 1914 über die zweite Artois-Offensive im Mai 1915, die zweite Champagne-Schlacht im Herbst 1915, die Schlachten um Verdun und an der Somme 1916 bis zur Nivelle-Offensive am Chemin des Dames 1917. Über die Jahre flachen sowohl die mit jeder neuen Offensive verbundenen Hoffnungen als auch die folgende Enttäuschung merklich ab. Im gleichen Maß, wie die Zuversicht schwindet, muss Godefroy sich immer stärker zu einem standesgemäßen Gebetsleben motivieren und wächst seine Mutlosigkeit und der damit verbundene Selbstekel. Auch seine Kritik an den militärischen Vorgesetzten wird immer deutlicher. Teils übt er sie wegen deren Restriktionen des religiösen Lebens, teils wegen der Kriegsstrategie. Ersteres gefährdet den Stand der Nation bei Gott, letzteres lässt immer offensichtlicher werden, dass die Soldaten „arme Geopferte“ sind, beides macht den guten Ausgang des Krieges ungewiss, wie im August 1916: „Und doch will man noch hoffen; aber es ist recht schwierig.“

Während sich seine Hoffnungen, Erwartungen und Zuversicht abnutzen und Godefroy sich immer intensiver selbst zur Pflege seines geistlichen Lebens anspornen muss, wachsen seine Zweifel. Diese gelten nicht der Geschichtsmacht Gottes, diese bleibt unzweifelhaft. Zweifelhaft werden ihm aber sowohl die Kompetenz der Militärführung wie auch die Rolle der Kirche, und er beginnt sich die Frage zu stellen, ob die Kirchenführer nicht mehr hätten den Frieden predigen müssen. Als von seinen Kriegshoffnungen nichts mehr übrig ist, bittet Godefroy im April 1917: „Lass den entsetzlichen Alptraum enden, unter dem wir leiden“, und im Herbst des gleichen Jahres nutzt er schließlich die Möglichkeit, die sich für Lehrer wie ihn eröffnet hatte, sich vom Kriegsdienst freistellen zu lassen.

Auf der elsässischen Seite gab es keine vergleichbare Binnenkommunikation des Klerus, und da auch die Skepsis gegenüber dem Krieg schon von Anfang an bestand, lässt sich auch keine ähnliche Kurve von abflachenden Hoffnungen beobachten. Der Klerus im Elsass profitierte von den Bestimmungen des Napoleonischen Konkordats, die für Priester ausschließlich die Mobilisierung zu Sanitätsdienst und Feldseelsorge vorsahen und Regelungen enthielten, für welche Pfarreigröße welche Anzahl an Priestern unbedingt vorzusehen sei, die dann als unabkömmlich galten. Da das Elsass Aufmarsch- und Etappengebiet war, konnten die mobilisierten Kleriker ihren Sanitätsdienst vielfach an ihrem Wohnort leisten, oft auch in nebenamtlicher Tätigkeit. Allerdings waren sie insbesondere im franzöischsprachigen Südelsass Konflikten ausgesetzt, denn die Militärführung kannte oftmals die Abkommen zur Zweisprachigkeit nicht, die etwa das Predigen auf Französisch erlaubten, und witterte Deutschfeindlichkeit, was entsprechende Prozesse nach sich zog. Sowohl im zivilen wie auch im Kriegseinsatz waren die Priester wie die gesamte elsässische Bevölkerung dem Misstrauen der Militärführung ausgesetzt, was sie im Heer zu einer diskriminierten Personengruppe machte.

Das Agieren der Generalvikare in Nancy und Straßburg ist ausgesprochen unterschiedlich: Während der Nancyer Generalvikar die Kommunikation über das Bulletin und über Einzelkorrespondenz insbesondere mit den Priestern in Kriegsgefangenschaft bzw. Geiselhaft pflegte, waren die Straßburger Generalvikare der Ansprechpartner für Priester, die ihren Mobilisierungsbescheid erhalten hatten, ihm aber nicht nachkommen wollten. Da die Grundannahme, dass es galt, den Krieg möglichst unbeschadet zu überstehen, von der Bistumsleitung wie auch vom Klerus geteilt wurde, bedurfte ein entsprechendes Gesuch um Bescheinigung der Unabkömmlichkeit keiner gesonderten Begründung mehr – sie verbot sich auch, da die Post des Generalvikariats der Zensur unterlag; Bemühungen darum, von der Zensur ausgenommen zu werden, blieben vergeblich. Die Praxis, die sich daraus ergab, drehte die Konkordatsbestimmungen gleichsam um: Bei der Beantragung der Unabkömmlichkeit für einzelne Priester gingen die Generalvikare nicht von den Pfarreien und deren Katholikenanzahl aus, um dann eine entsprechende Zahl an Priestern als unabkömmlich zu melden, wie es das Konkordat vorsah, sondern der Ablauf war umgekehrt. Wenn ein Priester seine Einberufung erhielt, wandte er sich an das Generalvikarat mit der Bitte um Bescheinigung der Unabkömmlichkeit. Die Generalvikare suchten dann eine aktuell zahlenmäßig unterversorgte Pfarrei oder einen Pfarrer, der gesundheitlich so eingeschränkt war, dass er unbedingt einen Vikar brauchte, und versetzten den betreffenden Priester dann dorthin, um dann dessen Unabkömmlichkeit zu beantragen. Der Erhalt dieser Bescheinigung wurde unter den Klerikern zum Statussymbol, bei dem man darauf achtete, ob andere vorgezogen oder man selbst benachteiligt wurde. Analog dazu war insbesondere der Einsatz als Militärkrankenwärter auch deswegen ausgesprochen unbeliebt, weil er bedeutete, den übrigen Mannschaften gleichgestellt zu sein.

Den Gesuchen nach zu urteilen, wurde 1917 ein Gutteil der Pfarreien im Elsass von alten, kranken, überforderten und geschwächten Priestern verwaltet, die ohne Vikar unmöglich in der Lage waren, die Seelsorge auszuüben. Dieses Gesamtbild lässt klar hervortreten, wie selbstverständlich das Bemühen war, sich dem Kriegseinsatz zu entziehen. Es gab darin für die elsässischen Priester, anders als für diejenigen aus der lothringischen Diözese Nancy, offenbar nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren. War der Krieg für die lothringischen Geistlichen Gottes Wille und galt es also, sich zu bewähren, so war er für die elsässischen Priester eine Prüfung, die es zu bestehen galt, was sprachlich nur einen kleinen, in der Haltung aber einen großen Unterschied macht.

 

Nachkriegsdeutungen

 

Nach Ende des Krieges waren alle Bischöfe gehalten, von den Priestern ihrer Diözese Berichte über deren Kriegszeit einzufordern. Es galt zu prüfen, ob eine Irregularität ex defectu lenitatis vorlag, also ein Mangel an Barmherzigkeit etwa durch freiwilligen Gebrauch der Waffe, von der ein Priester dispensiert werden musste, um sein Amt wieder ausüben zu dürfen. Das sonst so dokumentationsfreudige Bistum Nancy holte diese Berichte mündlich ein, ließ aber zugleich ein Goldbuch herausgeben, um die Verdienste der Kleriker im Krieg zu würdigen. Das Bistum Strasbourg hingegen hatte einen Nationalitäts- wie auch einen Bischofswechsel zu bewältigen; der letzte deutsche Bischof war 1918 verstorben, wodurch sich weitere Schwierigkeiten bezüglich der Besetzung des Bischofsstuhls erübrigten. Nach Kriegsende wurde der Weihbischof von Nancy, Charles Ruch, zum neuen Bischof von Straßburg, was nicht ganz ohne Komplikationen abging, da der französische Staatspräsident Raymond Poincaré sein im Napoleonischen Konkordat festgeschriebenes Recht, diesen zu ernennen, zunächst ohne vorherige Rücksprache mit dem Vatikan genutzt hatte. Unter dem neuen Bischof Ruch wurden die Kriegsberichte schriftlich eingefordert, was ihm auch geholfen haben mag, sich ein erstes Bild seines Klerus‘ zu machen. Die erhaltenen Berichte stützen die Wahrnehmung von Skepsis und Distanz zu Militär und Kriegsführung und vom Krieg als einer Prüfung. Während auf der französischen Seite Gott als Akteur im Krieg galt, wurde Gottes geschichtsmächtige Präsenz auf der elsässischen Seite eher passiv angenommen, weil Gott den Krieg zugelassen habe.

Die Nachkriegsdeutungen im lothringischen Klerus, prominent formuliert im Goldbuch der Diözese, konnten Deutschland als Kriegsverursacher und zugleich den Sieg als Willen Gottes beschreiben. Dabei kam es durchaus zu Abstufungen: Während Charles Ruch im Priesterbulletin unmittelbar nach dem Waffenstillstand noch schrieb „Gott hat gesprochen“, so wurde in der Nachkriegserinnerung daraus dann ein von den Priestern zusammen mit der Nation errungener Sieg. Die Vergewisserung „Gott hat gesprochen“ galt zudem auch klerusintern, während die Betonung des eigenen Beitrags zu diesem Sprechen Gottes in der Nachkriegszeit an eine Öffentlichkeit gerichtet war, die der rumeur infame keinen Glauben schenken sollte.

Auf der elsässischen Seite hingegen dominiert der Topos eines Krieges ohne Sieger die Sicht auf den gerade beendeten Krieg, auch der Ausdruck „Morden und Brennen“ ist nachweisbar, der für den regellosen Krieg steht, der nicht sein darf – auch und gerade nach Gottes Willen nicht.

Während die lothringischen Kleriker vielfach von Selbsthingabe sprachen und der Tod von Mitbrüdern wie auch der potenzielle eigene Tod, der als religiöses (Selbst-)Opfer begriffen wurde, und zwar sowohl in der öffentlichen wie auch in der privaten Formulierung, galt der Krieg den elsässischen Priestern als biographisches Übel, dessen passive Opfer sie geworden waren. Ihr Bezugsraum blieb die petite patrie, die kleine Heimat, die der Krieg möglichst verschonen sollte. Nationale und religiöse Diskurse: Überlagerungen, uneindeutig, zeitliche Entwicklung.

 

Conclusion

 

Elsässische und französisch-lothringische Kleriker bewegten sich im gleichen religiösen Bezugssystem. Dennoch waren ihre Kriegsdeutungen ausgesprochen unterschiedlich. In Frankreich prägt der nationale Diskurs den theologischen, währen im Elsass der religiöse Diskurs den nationalen überlagert, etwa wenn in Frage gestellt wird, ob ein katholischer elsässischer Geistlicher gehalten sei, protestantische deutsche Gefallene zu bestatten. Konfessionelle Grenzen, das kann man im elsässischen Etappengebiet gut sehen, werden durch die Zugehörigkeit zum Nationalstaat nicht überbrückt.

Auf beiden Seiten der Grenze und der Front gibt es kein theologisches Instrument, um den Frieden zu denken. Die relevanten Kategorien bewegen sich um die Begriffe des gerechten Krieges, der Vorsehung und der göttlichen Pädagogik bzw. Strafe herum. Die Zugehörigkeit zu einer Sprach- und Ländergrenzen überschreitenden Glaubensgemeinschaft lässt die Frontlinien nicht fraglich werden. Die Träger einer religiösen Weltdeutung und Überzeugung sind Menschen in vielen Rollen. Die französischen Priester haben den Bedarf, sich im laizistischen Staat zu bewähren, um den katholischen Nationalcharakter Frankreichs zu verteidigen, und wussten sich spätestens durch die „Deutschen Greuel“ auch persönlich zum Engagement gegen einen Gegner gefordert, der ausdrücklich den katholischen Priester als Inbegriff des illegitimen französischen Widerstands gekennzeichnet hatte. Die Elsässischen Priester hingegen sahen sich im zivilen Leben unter den Bedingungen der Militärdiktatur wie auch als Heeresangehörige Repressionen und Misstrauen ausgesetzt und intensivierten umso mehr ihren Bezug zur kleinen Heimat, die es zu schützen galt, woher auch immer die Bedrohung kam.

Wenn der Krieg Gottes Wille war, dann war das, was nun genau Gottes Wille war, sehr davon abhängig, ob man den Krieg führte oder erlitt, auf welcher Seite man stand und wo der eigene Platz im Krieg war. Eine grundsätzliche Kriegskritik bildete sich auf keiner Seite heraus, sondern sowohl das Erlitten-Haben als auch das Gekämpft-Haben konnte nach dem Krieg eine schlüssige Deutung darstellen.

More media by the author / Topic: History

Current events on the topic: History