Der in der Forschung als Albigenserkreuzzug bezeichnete Krieg wütete in den Jahren 1209 bis 1229 im Süden des heutigen Frankreich, in der modernen Region Okzitanien. Kennzeichnend für diesen Konflikt war nicht nur seine ungewöhnliche Länge (bei seiner Beilegung waren die maßgeblichen Protagonisten, die ihn begonnen hatten, zum größten Teil schon verstorben), sondern auch die in seinem Verlauf praktizierte Grausamkeit: Kreuzfahrer verübten Massaker an den Einwohnern der Städte Béziers (gleich zu Beginn des Krieges) oder Marmande (zehn Jahre später). In Orten wie Castres, Minerve, Lavaur oder Les Cassés verbrannten sie massenhaft Menschen als mutmaßliche Häretiker. Regelmäßig verstümmelten oder ermordeten die kriegführenden Parteien – unüblich im Vergleich mit den damaligen Konfliktpraktiken der adlig-ritterlichen Gesellschaft – die Gefangenen der Gegenseite. Begründet wurden der Kreuzzug und die dabei angewandte Gewalt wesentlich mit dem Kampf gegen eine sich in der Region angeblich ungebremst ausbreitende Häresie, deren Anhänger in zeitgenössischen Quellen manchmal als Albigenser (nach der Bischofsstadt Albi), meist freilich ganz unspezifisch als heretici or provinciales heretici bezeichnet werden. Heutzutage sind sie vor allem unter dem Namen Katharer bekannt und ein fester Teil der regionalen Identität. Das Department Aude, einer der zentralen Schauplätze des vor etwa achthundert Jahren ausgetragenen Krieges, ist das rechtlich geschützte „pays cathare“, das Katharerland, in dem unzugängliche Burgen wie Cabaret, Minerve, Termes oder Peyrepertuse als „châteaux cathares“ touristisch vermarktet werden – auch wenn die noch sichtbaren Befestigungen in aller Regel aus der Zeit der späteren Nutzung als Grenzburgen der französischen Krone stammen.
Eine Auseinandersetzung mit dem Albigenserkreuzzug im Rahmen der Historischen Tage über „Heilige“ Kriege? lohnt aus mehreren Gründen. Erstens markiert dieser Krieg insofern eine neue Etappe in der damals bereits mehr als einhundertjährigen Geschichte der Kreuzzugsbewegung, als er erstmals inmitten der lateinischen Christenheit ausgetragen wurde, gerichtet gegen Fürsten, die während des gesamten Konflikts ihre Rechtgläubigkeit betonten, allen voran Graf Raimund VI. von Toulouse. Papst Innozenz III. (1198–1216), der im März 1208 zum Kreuzzug gegen den Grafen aufrief, betonte ausdrücklich, die Kreuzfahrer sollten die „Anhänger“ der Häresie „mit kraftvoller Hand und mit starkem Arm und mit noch größerer Unbesorgtheit bekämpfen als die Sarazenen“, seien sie doch „noch schlimmer“ als diese. Denjenigen, die das Kreuz nahmen, versprach der Papst, wie den Teilnehmern an den Kreuzzügen in den Mittleren Osten, die „Vergebung eurer Sünden, damit ihr nicht länger zögert, gegen dieses große Übel vorzugehen und zur Befriedung jener Völker im Namen Dessen eilen wollt, der ein Gott des Friedens und der Liebe ist“.
Von seinen Befürwortern wurde der Albigenserkreuzzug – zweitens – klar als heiliger Krieg stilisiert – auch wenn Bezeichnungen wie sanctissima guerra in den zeitgenössischen Quellen sehr selten sind. Der Papst und seine Legaten sprachen meist von der „Angelegenheit des Friedens und des Glaubens“, negotium pacis et fidei. Umso gängiger aber ist die Inszenierung der Auseinandersetzung als grundsätzliches Ringen zwischen Gut und Böse. Diese Deutung basierte im Kern auf der bereits im Frühmittelalter greifbaren Vorstellung von Häresie als einer Krankheit, einer Infektion durch den Teufel, der seine Opfer Glauben machte, sie wüssten um die Wahrheit, obwohl sie tatsächlich Irrtümer kundtaten. Die Kreuzfahrer waren in dieser Sicht Streiter Gottes, ihre Gegner Diener des Teufels. Auch Innozenz III. sprach in seiner Kreuzzugsbulle vom März 1208 von der „Pest der Ketzer“, gegen die vorzugehen sei. Die zeitgenössische Überlieferung kennt Märtyrer und Wundererzählungen, die vom direkten Eingreifen Gottes in den heilsgeschichtlichen Konflikt künden.
Drittens schließlich – und vor allem – hat sich die Einschätzung der dem Albigenserkrieg zugrundeliegenden Motive in der jüngeren Forschung radikal gewandelt. Zwar werden seit Langem die von den Kriegsparteien verfolgten politischen Ziele betont; neu aber ist die grundsätzliche Frage, ob das Kriegsgebiet überhaupt Heimstatt einer großen, in Form einer Gegenkirche organisierten ketzerischen Bewegung war – oder ob wir bei dieser Lesart nicht der Deutung des Geschehens durch die letztlich siegreiche Partei aufsitzen. Anders gesagt: War die in den zeitgenössischen Quellen ubiquitär zu findende Begründung des Kreuzzuges, es habe sich um die notwendige Reaktion auf eine anders nicht mehr in den Griff zu bekommende häretische Bedrohung für die
Kirche gehandelt, erfunden?
Mit Fokus auf diese Frage soll der Albigenserkreuzzug im Folgenden nicht in den komplexen Verästelungen der einzelnen militärischen Handlungen nachgezeichnet werden. Vielmehr geht es um die Hintergründe des Krieges und seine Darstellung in den zeitgenössischen Quellen. Zum allgemeinen Verständnis dieser Überlegungen werde ich 1.) knapp auf die aktuelle Diskussion über die Existenz der katharischen Gegenkirche eingehen, um 2.) Rahmenbedingungen und zentrale Etappen des langen Wegs in den Konflikt zu skizzieren und schließlich 3.) die Begründung des Kreuzzugs als eines gottgewollten Krieges gegen Häretiker und ihre adligen Beschützer exemplarisch anhand eines der zentralen zeitgenössischen Geschichtswerke zu kontextualisieren, der Hystoria Albigensis des Zisterziensermönchs Peter von Vaux-de-Cernay.
Ein Krieg gegen Ketzer?
Die Katharer gelten als die größte häretische Bewegung des hochmittelalterlichen Lateineuropa, mit Schwerpunkten im Süden des heutigen Frankreich, in der Rheingegend (auf Höhe der Städte Bonn und Köln) sowie in Norditalien. In den beiden letzten Regionen begegnet die Bezeichnung Katharer auch regelmäßig in den Quellen (in der Rheingegend freilich nur für eine sehr überschaubare Phase in den fünfziger und sechziger Jahren des 12. Jahrhunderts). In einer klassischen Perspektive zeichnen sich die Katharer im Wesentlichen durch drei Elemente aus: erstens durch ihr dualistisches Welt- und Gottesbild, bei dem strikt zwischen einer schlechten materiellen und einer guten spirituellen Welt unterschieden wird. Der ‚gute‘ Gott hat die immaterielle Welt erschaffen, sein ‚böser‘ Widerpart (mal konzipiert als gefallener Sohn Gottes, mal als eigenständiger Gott) die materielle Welt, in der wir leben. Ein zweites Merkmal der Katharer ist ihre Herkunft vom Balkan. Sie sollen im lateinischen Westen zumindest in Teilen auf eine ältere, im Byzantinischen Reich verfolgte häretische Bewegung namens Bogomilen zurückzuführen sein. Drittens sollen die Katharer in Form einer regelrechten Gegenkirche organisiert gewesen sein, mit eigener Ämterhierarchie und eigenen Ritualen. Grundsätzlich sei bei den Katharern strikt zwischen zwei Kategorien zu trennen, einerseits der breiten Masse der einfachen Gläubigen (credentes), andererseits der kleinen Gruppe an „Vollkommenen“ (von lateinisch perfectus beziehungsweise perfecta). Letztere hätten sich streng an die Glaubensvorschriften gehalten und der materiellen Welt so weit wie möglich entsagt, indem sie in Armut und zölibatär lebten sowie auf Milch- oder Fleischprodukte verzichteten. Zum Vollkommenen wurde man durch das consolamentum, eine rituelle Handauflegung, die zu diesem enthaltsamen Leben verpflichtete. Die „Gläubigen“ erhielten das consolamentum erst kurz vor ihrem Tod, gewissermaßen als Sterbesakrament.
Zweifel an der Existenz der katharischen Gegenkirche in der soeben skizzierten Form werden seit Ende des 20. Jahrhunderts, mit Nachdruck aber in den letzten Jahren geäußert und sehr kontrovers diskutiert. Um ein mögliches Missverständnis von vornherein auszuräumen: Weder der Kreuzzug der Jahre 1209 bis 1229 noch die späteren Verfolgungen durch Inquisitoren werden in dieser Diskussion angezweifelt – sehr wohl aber, ob es sich bei den Menschen, gegen welche die Kreuzfahrer und Inquisitoren vorgingen, tatsächlich um Angehörige einer dualistischen Gegenkirche handelte. Die Kritik an dieser Vorstellung basiert im Wesentlichen auf einer anderen Lektüre des uns vorliegenden Quellenmaterials: Dazu muss man zunächst wissen, dass so gut wie alle Quellen, die über Häretiker in Südfrankreich berichten, aus der Feder ihrer Verfolger stammen, seien es Geschichtswerke, antihäretische Traktate, Briefe von Päpsten, päpstlichen Legaten und Bischöfen, Predigten sowie ab Mitte des 13. Jahrhunderts, wenn auch etwas anders gelagert, die tausende Zeugenaussagen umfassenden Inquisitionsprotokolle. Von den Angehörigen des Adels und der städtischen Eliten, gegen die sich der Kreuzzug richtete, sind hingegen keine Selbstzeugnisse überliefert, in denen sich jemand offen zu devianten Glaubensansichten bekannt hätte. Das mag wenig erstaunlich wirken. Zu bedenken sollte aber geben, dass es durchaus Quellen von den Gegnern des Kreuzzuges gibt. Schenken wir diesen Glauben, handelte es sich bei den Angegriffenen mitnichten um Häretiker, sondern um katholische Christen, die sich gegen falsche Vorwürfe und fremde Invasoren zur Wehr setzten.
Wie ging und geht die Forschung mit diesen Quellen um? Das traditionelle Bild von einer organisierten katharischen Bewegung in Südfrankreich beruht im Kern auf der Methode, einzelne Informationen aus einer zeitlich und räumlich weit verstreuten Überlieferung wie aus einem Steinbruch herauszulösen, sie miteinander zu kombinieren und in eine kohärente Erzählung zu bringen. Viele Informationen etwa zu Ursprüngen und Organisation der Katharer finden sich erst in Traktaten, die italienische Inquisitoren ab den 1230er Jahren schrieben. Wichtige Konstrukteure dieser Erzählung waren der in Straßburg lehrende Theologe Charles Schmidt († 1895) und der junge Arno Borst († 2007) mit seiner 1953 publizierten Dissertation Die Katharer. Insgesamt füllt die zu den Katharern erschienene Forschungsliteratur etliche Regalmeter (von Romanen und französischen Comics ganz zu schweigen). Das seit dem 19. Jahrhundert etablierte Konstrukt einer Gegenkirche von europäischem Ausmaß ist lange Zeit nicht hinterfragt, sondern bei der Analyse der Quellen selbstverständlich vorausgesetzt worden.
Die jüngere Kritik basiert vor allem auf der methodischen Überzeugung, die einzelnen Quellen in ihrem jeweiligen Entstehungskontext lesen zu müssen. Hierbei werden immer wieder Konflikte greifbar, in denen es offenbar opportun war, politische Gegner als Häretiker zu diffamieren, um gegen sie vorgehen zu können. Deutlich besser als zu Zeiten Schmidts und Borsts sind inzwischen auch die Bezüge der Quellen und ihrer Autoren untereinander erforscht. So konnte etwa Uwe Brunn das Auftauchen des Namens Katharer in italienischen Quellen seit dem späten 12. Jahrhundert plausibel auf die Rezeption des Werks eines einzigen Mönchs aus der Rheingegend zurückführen – und wiederum dessen Wissen über dualistische Häretiker auf seine umfassende Kenntnis der antihäretischen Schriften des Kirchenvaters Augustinus. Die Gemeinsamkeiten in den Quellen verdanken sich in dieser Perspektive weniger einer tatsächlichen religiös-sozialen Realität, sondern einem damals geführten Diskurs, in dem unter anderem die Region um Toulouse allmählich verketzert wurde. Dem britischen Historiker Robert Ian Moore zufolge, dessen 2012 erschienene Monographie The War on Heresy die erste große Synthese dieser Kontextualisierungsarbeit darstellt, habe es in Südfrankreich nicht unbedingt mehr Ketzer als anderswo gegeben. Mehr als in anderen Regionen aber wurde darüber gesprochen, dass Häretiker in Südfrankreich ein Problem seien. Provokant zugespitzt schreibt Moore, die Frage zu stellen, wie viele Häretiker es vor dem Albigenserkreuzzug gab, sei wie die Frage nach der Anzahl an Hexen am Vorabend des Hexenwahns im 16. und 17. Jahrhundert.
Der lange Weg in den Krieg
Wenn es die katharische Gegenkirche im Süden des heutigen Frankreich also wahrscheinlich nie gegeben hat, so war es doch kein Zufall, dass ausgerechnet die Region zwischen Rhône und Garonne zum Schauplatz eines Ketzerkrieges wurde. Im Grunde hatte dieser Krieg bereits mehrere Jahrzehnte vor dem Kreuzzugsaufruf Innozenz’ III. begonnen. Seit Mitte des 12. Jahrhunderts hatte es in der Region immer wieder militärische Handlungen gegeben, die auch mit dem Kampf gegen Häretiker gerechtfertigt wurden. Eine zentrale Voraussetzung hierfür war die Lage der Grafschaft Toulouse zwischen den Herrschaftsbereichen gleich dreier Könige: des Königs von England, des Königs von Frankreich und des Königs von Aragón. Gestützt auf Erbansprüche seiner Frau Eleonore von Aquitanien unternahm etwa König Heinrich II. von England im Jahr 1159 einen groß angelegten Feldzug gegen Toulouse. Im Ergebnis blieb er erfolglos – wie auch alle weiteren Bemühungen Heinrichs, die Grafschaft zu unterwerfen. Kaum Zufall aber war, dass man in den Bestimmungen des 1163 in Heinrichs Beisein tagenden Konzils von Tours von der „verdammenswerten Häresie im Gebiet von Toulouse“ liest, die sich wie Krebs ausbreite. Das gleiche Argument nutzten der Graf von Toulouse 1177/78 gegen die neu aufstrebende Kommune in seiner Hauptstadt und König Peter II. von Aragón in den Jahren 1204 und 1205 zur Ausdehnung seines Einflusses in der Vizegrafschaft Carcassonne – die nur wenig später Schauplatz des Albigenserkreuzzuges werden sollte.
Besonders engagiert im Häresiekampf waren zudem die Angehörigen des damals wichtigsten Reformordens, die Zisterzienser. Der Zisterzienserabt Heinrich von Clairvaux etwa nahm 1178 an einer Art Inquisition zur Aufspürung von Häretikern in Toulouse (bzw. der dort herrschenden Kommune) teil. Im Jahr darauf informierte er die Teilnehmer des Dritten Laterankonzils über die häretische Gefahr in der Region. Und abermals zwei Jahre später führte er, inzwischen vom Papst zum Kardinalbischof von Albano erhoben, einen Feldzug gegen das zwischen Toulouse und Albi gelegene castrum Lavaur, um dort gegen „Albigenser“ vorzugehen (die ereignisnah verfasste Chronik des Priors von Vigeois ist der früheste Beleg dieses Namens).
Bis zum Beginn des 12. Jahrhunderts war es das. Wir wissen von keinen weiteren Interventionen, die mit dem Kampf gegen mutmaßliche Häretiker in der Region begründet worden wären. Das zu Beginn von Papst Innozenz’ III. Pontifikat neu aufkommende Interesse ging weniger von der Kurie aus, sondern von lokalen Akteuren, dem Herrn von Montpellier etwa, der die Unterstützung des Papstes für eine von ihm vergeblich vorangetriebene Erbregelung zu gewinnen suchte, und namentlich einer Gruppe an lokalen Bischöfen und teils aus der Region stammenden Zisterziensern, die als päpstliche Legaten durchaus persönliche Interessen in der Region vertraten. Ihre Maßnahmen richteten sich anfangs vor allem gegen den Erzbischof von Narbonne und mehrere seiner Suffragane. Der Hauptvorwurf: Diese hochrangigen Geistlichen gingen zu wenig gegen Häretiker in der Region vor. Im Ergebnis wurden bis 1214 mit Hilfe dieses Arguments zwei Erzbischöfe und mehrere Bischöfe abgesetzt. Meist folgten Zisterzienser auf die vakant gewordenen Stühle nach.
Den unmittelbaren Anlass für den Kreuzzug bot die Ermordung eines päpstlichen Legaten zu Beginn des Jahres 1208. Graf Raimund VI. von Toulouse war mit diesem Legaten, dem Zisterziensermönch Peter von Castelnau, seit Kurzem im Konflikt gelegen (es ging um ein von Peter organisiertes, gegen den Grafen gerichtetes „Friedensbündnis“). Letzterer hatte den Grafen exkommuniziert. Eine versuchte Aussöhnung war im Eklat geendet. Wenig später ermordete ein namentlich nicht bekannter Gefolgsmann des Grafen den Legaten. Der Papst, von einem anderen Legaten, Abt Arnald von Cîteaux, über die Tat informiert, lastete sie Raimund VI. von Toulouse an und rief zum Kreuzzug gegen ihn auf. In der Folge unternahm Raimund alles, um den drohenden Angriff auf seine Grafschaft abzuwenden und sich mit der Kirche auszusöhnen – was ihm im Sommer 1209 tatsächlich gelang. Er musste einem Auflagenkatalog von 15 Punkten zustimmen (darunter die Zusage, die Häretiker aus seinen Ländern zu vertreiben). Im Gegenzug wurde er im Juni 1209 in Saint-Gilles rekonziliert. Für den Abbruch des Kreuzzuges war es freilich zu spät, die Kriegsmaschine bereits in Gang gesetzt. Ein in den Quellen als riesenhaft beschriebenes Heer wälzte sich die Rhône entlang nach Süden. Statt gegen den Grafen von Toulouse, der jetzt sogar selbst das Kreuz nahm, richtete sich das Unternehmen gegen dessen Neffen und Konkurrenten, den Vizegrafen von Béziers und Carcassonne. Dieser hatte dem Kreuzzug militärisch wenig entgegenzusetzen: Béziers wurde im Sturm erobert, die Bevölkerung massakriert, der Vizegraf selbst in Carcassonne drei Wochen belagert, bevor er sich unterwarf und im folgenden Winter in der Gefangenschaft verstarb. Zum neuen Vizegrafen wählten die Kreuzfahrer einen Adligen aus der Île-de-France, der beste Beziehungen zum Zisterzienserorden unterhielt: Simon von Montfort. Dieser war militärisch offensichtlich überaus fähig. Bis 1218 führte er den Kreuzzug an.
Ein Krieg der Narrative
Der Kreuzzug hätte früh enden können. Simon von Montfort unterwarf, trotz zwischenzeitlicher Aufstände, die übrigen Gebiete seiner Vizegrafschaft recht zügig. Dabei blieb es jedoch nicht. Unter Simons Führung eroberten die Kreuzfahrer Burgen und Städte in den Herrschaftsbereichen der Grafen von Foix und Comminges sowie des Vizegrafen von Béarn – wiederholt auf Einladung von Äbten und Bischöfen, die mit den genannten Adligen im Konflikt lagen. Den Grafen von Toulouse exkommunizierten die den Kreuzzug tragenden Bischöfe und Legaten schon wenige Monate nach seiner Kreuznahme erneut. Er habe sich nicht an die ihm auferlegten Bestimmungen gehalten. Trotz umgehenden Protests an der Kurie und der Aufforderung des Papstes, seine Legaten sollten eine erneute Rekonziliation herbeiführen, blieb Raimund VI. bis zu seinem Tod exkommuniziert. Bis Ende 1212 eroberten die Kreuzfahrer seine gesamte Grafschaft mit Ausnahme der Hauptstadt Toulouse und eines castrum namens Montauban. In dieser Situation griff König Peter II. von Aragón zugunsten der bedrängten Fürsten in den Konflikt ein. Aufgrund seiner guten Stellung an der päpstlichen Kurie (im Jahr 1205 hatte Peter dem Papst in Rom persönlich einen Treueid geleistet und sein Reich dem päpstlichen Schutz unterstellt; im Jahr 1212 hatte er eine Koalition iberischer Fürsten zum Sieg über eine muslimische Armee bei Las Navas de Tolosa geführt) hatte er damit vorübergehend Erfolg. Innozenz III. erklärte den Anführern des Kreuzzuges zu Beginn des Jahres 1213, der Krieg gegen die Häretiker in der Region sei erfolgreich abgeschlossen. Seinen Legaten befahl er, einen Frieden mit den besagten Grafen zu erreichen. Simon von Montfort warf er vor, den Kreuzzug missbraucht und die Gebiete unbescholtener katholischer Fürsten erobert zu haben.
In diesem überaus prekären Moment entstanden zahlreiche Quellen, mit denen die geistlichen Anführer des Kreuzzuges, Äbte, Bischöfe und päpstliche Legaten, ihre Sicht der Dinge gegenüber dem Papst darlegten: ein ganzes Konvolut an Briefen, die eine Gesandtschaft dem Papst überbrachte, aber auch der größte Teil der eingangs erwähnten Hystoria Albigensis. Der besondere Quellenwert der Hystoria verdankt sich dem Umstand, dass ihr Verfasser, der Zisterziensermönch Peter von Vaux-de-Cernay, dem engsten Umfeld der Kreuzzugsführung nahestand. Peters Onkel, Abt Guy von Vaux-de-Cernay, hatte schon vor dem Kreuzzug im Süden gegen Ketzer gepredigt. Als Guy 1212 den Bischofssitz von Carcassonne einnahm, begleitete ihn sein Neffe in das Kriegsgebiet. Peter war auch 1213 mit dabei, als die Anführer des Kreuzzuges alle Argumente zusammentrugen, um den Papst von ihrer Sicht der Dinge zu überzeugen. Die erste, bis Anfang 1213 geführte Redaktion des umfangreichen Geschichtswerks darf als Summe dieser kollaborativen Überzeugungsarbeit angesehen werden – ein Kontext, der bei der Analyse des Textes bis heute selten berücksichtigt wird. Zahlreiche von Peter geäußerte Vorwürfe werden noch immer als präzise Beschreibungen eines Augenzeugen gewertet. Dabei sind Peters Aussagen über die Präsenz von Häretikern in der Region klar situationsbezogen. Ausführlich begründet er, der die Region erst 1212 aufgesucht hat, dass die 1209 von den Kreuzfahrern massakrierten Einwohner von Béziers „nicht nur Häretiker“ gewesen seien, „sondern die schlimmsten Räuber, Rechtsbrecher, Betrüger und Diebe und voll von jeglicher Lasterhaftigkeit“, ihren Tod also selbst verschuldet hatten. Ähnlich sollen die führenden Adligen in der Vizegrafschaft Carcassonne, die sich Simons von Montfort Herrschaft widersetzten, mindestens Beschützer von Häretikern, wenn nicht selbst führende Häresiarchen gewesen sein. Peters eigentlicher Fokus liegt freilich auf den Anfang 1213 mit dem König von Aragón verbündeten Fürsten. Den Grafen von Toulouse bezeichnet Peter mit einem Wortspiel als „Graf des Trugs“ (ein nur im Lateinischen funktionierendes Wortspiel, comes dolosanus statt comes Tolosanus). Die Seitenwechsel des Grafen im zurückliegenden Krieg nutzt er als Beleg dafür, wie wenig man ihm vertrauen dürfe. Schon die Unterwerfung im Jahr 1209 habe er nicht ehrlich gemeint. Relativ früh in seiner Hystoria bringt Peter sogar eine regelrechte Beweisschrift, in der er, wie er explizit ankündigt, den „Unglauben des Grafen“ darlegt (u. a. mit Hinweis auf häretische perfecti, die sich ständig in der Nähe des Grafen aufhielten, natürlich verkleidet). Seine Beweisführung korrespondiert dabei auffällig stark mit einem von Peter einleitend gelieferten Exkurs über den „Unglauben“ der Albigenser. Bei der vermeintlich ethnographischen Beschreibung handelt es sich vielmehr um ein Täterprofil, mit dem Peter den Nachweis zu bringen sucht, der Graf sei in Wahrheit ein „gläubiger“ Häretiker gewesen. Ein ähnliches Dossier enthält die Hystoria auch zum Grafen von Foix, der sich Anfang 1213 als der militärisch kompetenteste Antagonist Simons von Montfort etabliert hatte.
Nicht zufällig betont Peter auch gleich zu Beginn seiner Erzählung, in seinem Exkurs über die Albigenser, dass Toulouse deren eigentliches Zentrum sei. „Von dieser Stadt ging vor allem das Gift der Treulosigkeit aus, die das Volk ansteckte und bewirkte, dass es sich von der Erkenntnis Gottes abwandte, von der wahren Helligkeit, von dem heiligen Glanz.“ Angesichts der militärischen Situation und der Haltung des Papstes Anfang 1213 ist Peters Feststellung bezeichnend, die von ihm als „Schlangenbrut“ bezeichnete Stadt habe „selbst in unseren Tagen nicht von der Wurzel ihrer Verderbtheit losgerissen werden“ können. Es bedurfte, mit anderen Worten, weiterer Anstrengungen, um Toulouse von der Häresie, die wie „alter Schmutz“ an der Stadt klebe, zu reinigen. Würde man nicht gegen die Häresie in Toulouse vorgehen, so versichert Peter seinem Leser, griffe die häretische
Krankheit erneut um sich.
Conclusion
Ich komme zum Schluss. Zunächst ein kurzer Ausblick: Die geistlichen Anführer des Kreuzzuges konnten den Papst tatsächlich überzeugen, den Ketzerkrieg in Südfrankreich fortzusetzen. Im Sommer 1213 teilte Innozenz III. dem König von Aragón mit, dieser habe ihn getäuscht. Die wirkliche Verbreitung der Ketzerei habe er falsch dargestellt. Der Krieg wurde fortgesetzt, wenige Monate später kam es zur Schlacht von Muret, in der Peter II. von Aragón den Tod fand. 1215 schien Simon von Montfort schließlich am Ziel: Mit päpstlicher Billigung durfte er sich Graf von Toulouse nennen. Jedoch brach gegen seine Herrschaft sofort ein Aufstand aus, in dessen Folge Simon Toulouse und zahlreiche weitere Besitzungen an Raimund VI. und dessen Sohn einbüßte. 1218 fand er den Tod während der Belagerung von Toulouse. Insgesamt sollte sich der Krieg, wie eingangs gesagt, bis in das Jahr 1229 hinziehen, mit wechselndem Kriegsglück und schließlich dem König von Frankreich als direkt involvierter Partei. Der Kampf gegen mutmaßliche Häretiker war damit aber nicht beendet, sondern wurde durch die neu geschaffene Inquisition fortgeführt. Der Albigenserkreuzzug markiert somit einen Höhepunkt in viel längeren Auseinandersetzungen, die lange vor dem Kreuzzugsaufruf Innozenz’ III. begonnen hatten und über den 1229 geschlossenen Frieden hinaus fortdauerten – Konflikte, in denen das Argument, man müsse gewaltsam gegen Häretiker in der Region vorgehen, immer wieder genutzt wurde. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass sich – mindestens als Ergebnis der fortgesetzten Unterdrückung – nicht irgendwann tatsächlich ein häretischer Widerstand in der Region organisierte. Aufgrund der Natur der uns vorliegenden, als Teil dieses Kriegs der Narrative entstandenen Quellen, sind sichere Aussagen hierüber aber sehr viel schwieriger zu treffen als über die diskursive Dimension des Konflikts.