Die Umweltbemühungen der Kirchen reichen weit zurück. Bereits 1975 setzte die Vollversammlung des Weltkirchenrats in Nairobi mit dem Leitwort einer „gerechten, partizipatorischen und nachhaltigen Gesellschaft“ ein frühes Signal. Dennoch entfaltete kein kirchliches Dokument eine vergleichbare politische Dynamik wie die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus im Jahr 2015.
Aus Sicht eines Umweltverbandes markierte das Jahr 2015 eine historische Wegmarke. Noch vor der offiziellen Vorstellung der Enzyklika reagierte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) auf den bekannt gewordenen Entwurf mit der Einschätzung, das Schreiben sei ein Weckruf zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas. In einer Situation, in der die Bundesregierung Fracking vorantrieb und sich einem Kohleausstieg verweigerte, setzte die Enzyklika ein deutliches Signal zugunsten erneuerbarer Energien.
Rückblickend lässt sich feststellen, dass viele positive Entwicklungen folgten. Der Beschluss zum Kohleausstieg bis spätestens 2038 – so wie es sich aktuell abzeichnet gegebenenfalls auch deutlich früher – und die Rettung der verbliebenen Reste des Hambacher Waldes stehen exemplarisch für diese Erfolge. Vor allem international waren 2015 der G7-Gipfel in Elmau mit einem klaren Bekenntnis zum Klimaschutz, die Verabschiedung der Sustainable Development Goals in New York im Sommer 2015, sowie der Klimagipfel von Paris im Dezember mit der Zielmarke von deutlich unter zwei Grad, möglichst 1,5 Grad Zeichen für eine politische Neujustierung. Vor allem das 1,5-Grad-Ziel war ein Erfolg, mit dem niemand wirklich gerechnet hat. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Wissenschaft betonten wiederholt, dass die Enzyklika entscheidend zur Verständigung in Paris beigetragen habe. Der Vatikan wurde als klimapolitischer Akteur wahrgenommen und als Mit-Ermöglicher globaler Vereinbarungen.
Theologische Neuausrichtung und Anknüpfungspunkte für Verbände
Inhaltlich zieht sich durch Laudato si’ eine klare Linie: die enge Beziehung zwischen der Verwundbarkeit des Planeten und der Situation der Armen, die Verschränkung von Umwelt-, Gerechtigkeits- und Armutsfragen, die Kritik an einem einseitigen Wachstumsverständnis sowie die Suche nach einem anderen Begriff von Fortschritt. Diese Perspektiven boten für Umweltverbände substanzielle Anknüpfungspunkte.
1996 hat der BUND gemeinsam mit Misereor die Studie Zukunftsfähiges Deutschland veröffentlicht. Zwölf Jahre später, im Oktober 2008, erschien die Nachfolgestudie Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt. Ein Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte, die vom BUND gemeinsam mit Brot für die Welt und dem Evangelischen Entwicklungsdienst herausgegeben wurden. Beide Studien haben erhebliche Kontroversen ausgelöst, unter denen vor allem die kirchlichen Organisationen zu leiden hatten. Boykottaufrufe der Misereor-Fastenaktion unter anderem durch den Bayerischen Bauernverband und massive Kritik von Vertretern der Chemischen Industrie, aber auch aus kirchlichen Kreisen selbst, zeigten, wie umstritten die Verbindung von ökologischer und sozialer Frage war. 2024 veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz die Studie Ernährungssicherheit, Klimaschutz und Biodiversität: Ethische Perspektiven für die globale Landnutzung, die erneut ein Umdenken in der Landwirtschaft in Richtung Ökologie und Gemeinwohlorientierung forderte. Auch sie rief viel Kritik vor allem seitens der Landwirtschaft hervor, es zeigte sich jedoch eine veränderte Lage: Die Kritik blieb weniger wirksam, da sich Viele den Forderungen anschlossen. Diese Verschiebung ist ohne die Vorarbeit der Enzyklika kaum erklärbar.
Einen weiteren gravierenden Unterschied gab es zwischen den Studien zum Zukunftsfähigen Deutschland und der Studie der Deutschen Bischofskonferenz: 2024 lief die Empörungswelle vor allem über Socialmedia-Plattformen und das ist gefährlicher als früher, da Fakten angezweifelt, Algorithmen nicht offengelegt werden und Personen teilweise unter der Gürtellinie angegriffen werden. Das vergiftet das gesellschaftliche Klima und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Desinformationskampagnen sind Angriffe auf die Demokratie und glaubwürdige Akteure mit dem Ziel, sie zu diskreditieren. Oftmals wurden gerade in den letzten Jahren Verbände in ein schlechtes Licht gerückt, obwohl sie oftmals – teilweise ehrenamtlich – Leistungen erbringen, die der Staat nicht übernimmt. Wir leben in einer polarisierten Gesellschaft und in dieser Zeit ist die Kirche gefragter denn je, denn sie kann – teilweise mit der Zivilgesellschaft – Räume für den Diskurs öffnen und Menschen vor Ort zusammenbringen.
Konfliktgeschichte und Annäherung der Umweltbewegung mit den Kirchen
Historisch entwickelte sich die Umweltbewegung nur teilweise im Schutz der Kirchen. Oftmals stießen kirchliche Akteure häufig erst später hinzu. Zahlreiche Großprojekte wurden mit kirchlichem Segen eingeweiht, während engagierte Geistliche, die Kritik äußerten, politischem Druck ausgesetzt waren. Ein Beispiel ist die Auseinandersetzung um den Rhein-Main-Donau-Kanal Anfang der 1980er Jahre, bei der kirchliche Kritik auf massiven Widerstand stieß. Erst im Kontext der Friedens- und Anti-Atombewegung intensivierte sich insbesondere mit der evangelischen Kirche die Zusammenarbeit. Die katholische Kirche folgte zurückhaltender. Viele Umweltengagierte blieben ihrer Kirche innerlich verbunden, auch wenn sie zeitweise Distanz suchten.
Ursache für diese Berührungsängste war unter anderem ein überkommenes Verständnis des biblischen Schöpfungsauftrags. Die Enzyklika korrigierte dies ausdrücklich: In den Abschnitten 66 und 67 weist sie die Deutung zurück, aus dem „Sich-Untertan-Machen“ der Erde eine absolute Herrschaft über die Schöpfung abzuleiten. Stattdessen wird das „Bebauen und Hüten“ als verantwortliche Wechselseitigkeit interpretiert. Damit wird eine theologische Grundlage gelegt, die den Anliegen der Umweltbewegung entspricht, die sich seit Jahrzehnten auf die Bewahrung der Schöpfung beruft.
Mit der Veröffentlichung von Laudato si’ entstand eine neue Dynamik. In Gemeinden fanden zahlreiche Veranstaltungen statt, die Auseinandersetzung war breit. Für viele, die in den 1980er Jahren etwa in Wackersdorf gegen Atomenergie demonstrierten und dafür kirchliche Kritik erfuhren, bedeutete die Enzyklika eine späte Anerkennung für ihr Engagement gegen Atomenergie. Biografische Brüche konnten zumindest teilweise heilen. Das Interesse von Verbänden an kirchlicher Zusammenarbeit wuchs, gemeinsame Veranstaltungen und Beiträge nahmen zu. Gleichwohl blieb der große institutionelle Durchbruch der Enzyklika aus. Erwartungen, dass in einer hierarchischen Institution wie der katholischen Kirche eine päpstliche Enzyklika bis in die Ortskirchen hinein durchschlägt, erfüllten sich nur begrenzt. Mittlere Verwaltungsebenen, Hierarchiedenken und die Sorge, politisch vereinnahmt zu werden, wirkten bremsend. Die Enzyklika wurde teilweise als politisch „links“ etikettiert. In Predigten und Liturgie blieb ihre systemische Kritik häufig randständig.
Wirkungsgeschichte und kirchliche Folgepapiere
Die Wirkungsgeschichte beschränkt sich nicht auf das Jahr 2015. Wissenschaftliche Kreise fühlten sich ernst genommen, kirchliche Beratungsgremien arbeiteten mit Expertinnen und Experten zusammen. Zustimmende Kommentare in renommierten Fachzeitschriften unterstrichen die Relevanz. Auch auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz und ihrer wissenschaftlichen Arbeitsgruppen entstanden zahlreiche hervorragende Dokumente zu Boden, Klimaschutz, Biodiversität, Wachstumskritik und sozial-ökologischer Transformation. Allen voran hat sich die Deutsche Bischofskonferenz 2018 mit der Arbeitshilfe Schöpfungsverantwortung als kirchlicher Auftrag zehn konkrete Handlungsempfehlungen zu Ökologie und nachhaltiger Entwicklung für die Praxis in den Bistümern gegeben. Diese verbinden entsprechend dem Auftrag der Enzyklika Aspekte des Umweltschutzes und der integralen Entwicklung des Menschen. Die Handlungsempfehlungen berühren Angelegenheiten der Pastoral, des diözesanen Verwaltungshandelns und des gesellschaftspolitischen Engagements. An dieser Arbeitshilfe wird sich die Kirche messen lassen müssen. Insgesamt erleichterten diese Papiere die Zusammenarbeit mit Umweltverbänden und schufen argumentative Grundlagen für gemeinsame Positionsbestimmungen.
Die gesellschaftliche Großwetterlage veränderte sich jedoch rasch. Nach einer Phase starker Mobilisierung zum Beispiel durch Fridays-for-Future folgten Corona-Pandemie, mit dem russischen Überfall auf die Ukraine und dem Wahlgewinn von Donald Trump geopolitische Umbrüche und ein spürbarer Rollback in Klima- und Naturschutzfragen. Digitale Plattformen befeuern Polarisierung, Desinformationskampagnen und Angriffe auf faktenbasierte Politik. Ein bröckelnder Konsens über wissenschaftliche Grundlagen und regelbasierte Ordnung erschwert sachliche Debatten.
Kirche als Akteur in polarisierten Zeiten
In einer polarisierten Gesellschaft kommt der Kirche eine besondere Rolle zu. Sie ist durch Gottesdienst, religiöse Unterweisung und Diakonie ein zentraler Bestandteil der Zivilgesellschaft. Sie kann Räume für Diskurs öffnen, niedrigschwellige Angebote machen und unterschiedliche Milieus erreichen.
Biblischer Auftrag heißt auch, auf die Veränderung der Wirtschafts- und Konsumstrukturen einzuwirken und die politischen Entscheidungsmöglichkeiten offenzulegen bzw. sich selbst politisch zu engagieren. Die Kirchen als Institution müssen diesen Wandel mit vorbereiten, begleiten und dazu ermutigen. Den Kirchen kommt bei dieser Bewusstseinsbildung der breiten Bevölkerung eine Schlüsselrolle zu. Die Kirche steht in der Verantwortung für die Schöpfung und muss diese Verantwortung auch öffentlich geltend machen. Es ist deshalb die Kirche aufgefordert, nur einen echten Fortschritt, der nicht zu Lasten kommender Generationen geht, aktiv zu unterstützen. Kirchen können dabei den Gedanken der „Einen Welt“ – die Umwelt ist die Mitwelt – besonders gut in die internationale Umweltdebatte einbringen, weil sie als Weltkirchen stärker international verankert sind als die Umweltbewegung. Die Sorge für das gemeinsame Haus heißt der Untertitel der Enzyklika. Das Haus ist ein gemeinsames. Es lässt sich nicht trennen vom Rest der Welt – durch Grenzen oder Militär.
Die Verknüpfung von ökologischer und sozialer Frage bleibt dabei zentral. In Abschnitt 49 betont Laudato si’, dass ein wirklich ökologischer Ansatz immer ein sozialer Ansatz ist, der die Klage der Armen ebenso hört wie die Klage der Erde. Umweltzerstörung ist keine isolierte Frage, sondern existenziell mit Lebensbedingungen und Gerechtigkeit verbunden. Diese Perspektive ist konkret erfahrbar, insbesondere im ländlichen Raum. Partnerschaften zwischen Kirche, Landwirtschaft, Naturschutz, Handwerk und Wasserwirtschaft können Konflikte überwinden und regionale Wertschöpfung stärken. Beispiele wie verschiedene Kooperationsprojekte des BUND Naturschutz mit dem Bauernverband im Landkreis Rhön-Grabfeld zum biodiversitätsfördernden Aufbau von Hecken, Solitärbäumen oder Blühmischungen als Ersatz für Mais, zeigen, dass glaubwürdige Schritte möglich sind, wenn Rahmenbedingungen stimmen.
Kirchliche Einrichtungen tragen eine eigene Verantwortung. Kirchlicher Grundbesitz und kirchliche Finanzmittel sollten vorbildhaft für die Erhaltung der Schöpfung eingesetzt werden. Nachhaltige Beschaffung, ökologische Waldnutzung, langfristige Kooperationen mit Naturschutzverbänden und Umweltmanagementsysteme in Gemeinden sind konkrete Ausdrucksformen von Schöpfungsverantwortung. Sie stärken die ökosoziale Wirtschaft und erhöhen die Glaubwürdigkeit kirchlichen Handelns.
Zwischenbilanz und offene Fragen
Trotz zahlreicher Initiativen bleibt festzuhalten: Der große Ruck, der zu strukturellen Veränderungen in der Breite hätte führen können, blieb aus. Entscheidend wäre gewesen, die Inhalte der Enzyklika systematisch in Liturgie, Predigt und Katechese zu integrieren und so Bewusstseinsbildung zu leisten. Gleichzeitig bleibt die Grundbotschaft aktuell. Die Kirche ist aufgerufen, nicht nur karitativ zu handeln, sondern strukturelle Ursachen von Armut und Umweltzerstörung zu benennen. Ein authentischer Glaube, so formuliert es Evangelii Gaudium, schließt den Wunsch ein, die Welt zu verändern und etwas
Besseres zu hinterlassen.
Hoffnung gründet sich auf Kontinuität. Der neue Papst Leo XIV. steht in der Tradition seines Vorgängers und setzt mit der Umwandlung der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo zu dem ökosozialen Lehr- und Versuchsprojekt Borgo Laudato si’ ein Zeichen für eine ökologische Umkehr. Auch Bischofskonferenzen aus Afrika, Asien und Lateinamerika fordern mehr Umweltgerechtigkeit und verweisen auf die globale Verantwortungsgemeinschaft.
Lokale Verantwortung in globalen Krisen
Was hervorzuheben ist, sind viele Nachhaltigkeits-Initiativen auf der lokalen Ebene der Kirchengemeinden. Die Enzyklika hat vielen umweltbewegten Christen den Rücken gestärkt. Artenverlust und Klimakrise sind vor Ort spürbar. Kirche und Verbände sind vor Ort präsent. Hier kann ein neuer Aufbruch ansetzen, der Umwelt- und Klimaschutz aus der Mitte der Gesellschaft heraus als Bewahrung der Lebensgrundlagen versteht, nicht als Kulturkampfthema. „Die Sorge für das gemeinsame Haus“ benennt eine Realität: Dieses Haus ist unteilbar. Grenzen oder militärische Abschottung bieten keinen Schutz vor ökologischen Krisen. Die ökologische und die soziale Frage sind untrennbar. Wir leben in einer globalen Verantwortungsgemeinschaft, das spüren wir tagtäglich neu durch die Krisen in dieser Welt und die Auswirkungen auf unser tägliches Leben.
Zehn Jahre nach Laudato si’ zeigt sich: Die Enzyklika war Impulsgeberin in einem historischen Moment. Laudato si’ hat das „Umweltwendejahr 2015“ mit den politischen Bekenntnissen und Abkommen, wie den SDGs oder dem Klimaabkommen von Paris, erst möglich gemacht. Die zentrale Botschaft bleibt handlungsleitend. In Zeiten gesellschaftlicher Spaltung sind belastbare Bündnisse zwischen Kirche und Zivilgesellschaft wichtiger denn je. Wenn es gelingt, die vorhandenen kirchlichen Papiere stärker in öffentliche Debatten einzubringen, institutionelle Ressourcen konsequent nachhaltig auszurichten und die Verbindung von Gerechtigkeit und Ökologie glaubwürdig zu leben, kann die Kirche ihrer Verantwortung für die Schöpfung gerechter werden.
Einer der abschließenden Sätze der Enzyklika ist zugleich Auftrag und Ermutigung: Die Sorge um diesen Planeten darf die Freude und Hoffnung nicht nehmen. Diese Hoffnung speist sich aus konkretem Handeln, aus Kooperation und aus dem Willen, strukturelle Veränderungen anzugehen. Aus zivilgesellschaftlicher Sicht bleibt die Kirche ein unverzichtbarer Partner, wenn sie bereit ist, diese Rolle entschlossen wahrzunehmen.
