Messiaserwartungen in frühjüdischer Zeit

As part of the event "Jesus (Christus)", 30.03.2026

Die historische Jesusforschung zeigt: Jesus hat sich nicht selbst als Messias bezeichnet. Allerdings ist es gut vorstellbar, dass schon zu seinen Lebzeiten von verschiedenen Seiten und mit unterschiedlichen Absichten Messiaserwartungen an ihn herangetragen wurden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die – historisch gut belegte – Hinrichtung Jesu am Kreuz durch römische Soldaten, und zwar als „König der Juden“. Alle vier Evangelien erwähnen eine solche Aufschrift am Kreuz, die als Grund für seine Hinrichtung diesen Königsanspruch angibt. Die Sterbeszene der drei synoptischen Evangelien zeigt allerdings auch, dass Jesus den – ihm höhnisch entgegengeschleuderten – Erwartungen an einen Messias nicht entspricht: Er rettet sich not selbst, steigt not vom Kreuz herab, sondern stirbt diesen furchtbaren Tod (vgl. Mk 15,29–32 par).

Es lohnt sich also, Messiasvorstellungen der Zeit Jesu genauer zu betrachten und zu fragen, ob und wie Jesus diesen entspricht, und wie es kam, dass er in einer Weise damit identifiziert wurde, dass er den Titel Messias erhalten konnte.

Wurzeln von Messiasvorstellungen im Ersten/Alten Testament

Zur Wortbedeutung

Das deutsche Wort „Messias“ leitet sich ab vom hebräischen Wort „māšīah.“ (Gesalbter) und dem zugehörigen Verb „m-š-h.“ (salben). Das Wort māšīah. ist das Partizip passiv dieses Verbs.

Die antike griechische Übersetzung der Hebräischen Bibel, die Septuaginta (LXX), hat dieses Wort entweder transkribiert und dabei für griechische Zungen leichter aussprechbar gemacht: μεσσίας (Messias), oder es wurde übersetzt als χριστός (Christos, lateinisch Christus), was ebenfalls „Gesalbter“ bedeutet.

Im griechischen Ersten/Alten Testament sind beide Formen zu finden. Die Schriften des Neuen Testaments hingegen verwenden fast ausschließlich die Übersetzung Christos. Nur das Johannesevangelium bietet an zwei Stellen die gräzisierte Form des hebräischen māšīah.: Messias (Joh 1,41; 4,25).

Der Jerusalemer König als „Gesalbter Gottes“

Als „Gesalbte“ werden im Ersten/Alten Testament Priest, speziell der Hohepriester, sodann Propheten (selten), vor allem aber die Könige bezeichnet. Alle Könige Jerusalems wurden zur Thronbesteigung gesalbt (z. B. 1 Sam 10,1; 16,12f.; 1 Kön 1,39), wenn-
gleich dies nicht von allen explizit erzählt wird.

Durch diesen Akt der Salbung werden die Könige rechtsgültig in ihr Amt eingesetzt, legitimiert und bevollmächtigt. Die Salbung signalisiert die Erwählung durch Gott, und daraus resultiert, zumindest literarisch zum Ausdruck gebracht (1 Sam 24,7.11; 26,9–11.23; 2 Sam 1,14.16), eine gewisse Unantastbarkeit und Unverletzlichkeit, ja sogar eine Geistbegabung (1 Sam 10,6.9–13; 16,13). Damit verbunden ist einerseits die Verpflichtung des Königs auf ein exklusives Verhältnis zum Gott Israels bzw. Judas, andererseits die göttliche Zusicherung von Macht und Würde. Der König ist so sehr Gottes Gesalbter, dass der Jerusalemer König – ähnlich wie in Ägypten und Mesopotamien – als „Sohn Gottes“ bezeichnet werden konnte. Das bedeutet, dass der König im Auftrag und als Repräsentant Gottes für Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit sorgen sollte (vgl. Ps 2; 72).

Das Ende des davidischen Königtums und Hoffnungen auf einen Neubeginn

Das Jerusalemer Königtum fand allerdings ein gewaltsames Ende, als im Jahr 587 v. Chr. die babylonischen Truppen unter ihrem König Nebukadnezzar II Jerusalem eroberten, die Stadt und den Tempel zerstörten, die Oberschicht samt dem amtierenden König Zidkija nach Babylonien deportierten und alle Söhne Zidkijas ermordeten (2 Kön 24,18–25,7.8–21).

Doch schon bald begann man über dieses Ende hinauszudenken. Hoffnungen auf einen Neubeginn kristallisieren sich in einer Zusage Gottes an David, überbracht vom Hofpropheten Natan, formuliert aus der Rückschau auf die „vielversprechenden Anfänge“: „Dein Haus und dein Königtum werden vor dir auf ewig bestehen bleiben; dein Thron wird auf ewig Bestand haben.“ (2 Sam 7,16; vgl. auch Ps 132,11f.; 89). Auf der Basis solcher literarischen Zusagen konnte man den Blick in die Zukunft richten: So entstand in der königslosen Zeit die Hoffnung auf einen neuen Herrscher, der nach Mi 5,1 aus Betlehem stammen sollte wie einst David, der Begründer der Jerusalemer Königsdynastie.

Allerdings ist der literarische Befund im Ersten/Alten Testament nicht einlinig. Die Hoffnungen sind vielfältig, sowohl inhaltlich wie sprachlich, nicht immer wird der Titel Messias verwendet, und auch die zeitlichen Vorstellungen unterscheiden sich. Auf die eigene Gegenwart blickt ein Text eines anonymen Propheten, dessen Texte in Jes 40–55 überliefert sind und der in der Exegese den Namen Deuterojesaja trägt. Er sah das Ende des babylonischen Großreichs kommen, herbeigeführt durch den persischen König Kyros II, der 539 v. Chr. tatsächlich kampflos in Babylon einzog. Diesen Perserkönig betrachtet Deuterojesaja als ein Werkzeug in Gottes Hand – um den verschleppten Judäerinnen und Judäern die Freiheit wiederzugeben. Dazu bezeichnet er ihn, den nichtjudäischen König, überraschend und irritierend als „Gesalbten YHWHs“, den Messias or Christos YHWHs (Jes 45,1).

Andere Texte im Ersten/Alten Testament, die nach dem Ende des babylonischen Exils entstanden sind, richten den Blick auf die Zukunft. Einige Texte erwarten einen künftigen Friedensfürsten, zum Teil mit Bezug zur davidischen Dynastie, zum Teil sind die Hoffnungen offener. Der Titel Messias wird allerdings in den Texten kaum verwendet. Deshalb hat Stefan Schreiber zu Recht angemahnt, innerhalb des Ersten/Alten Testaments nicht von messianischen Texten zu sprechen, sondern offener von den Wurzeln messianischer Erwartungen oder von der Hoffnung auf einen zukünftigen Heilskönig YHWHs.

Besonders bekannt sind Motive aus dem Triptychon Jes 7 – Jes 9 – Jes 11. Beginnend mit einem Heilszeichen für den Jerusalemer König Ahas in schwieriger Zeit, das mit der Geburt eines Kindes verbunden ist (Jes 7), besingt sodann Jes 9 die Wende von der Not zum Guten. Der Neuanfang wird innerhalb der Königsdynastie Davids verheißen – in Gestalt eines königlichen Kindes, das als Friedensfürst betitelt wird und eine umfassende Heilszeit in Frieden und Gerechtigkeit bringt. Jes 11 besingt im Anschluss die heilvolle Herrschaft dieses Königs. Dabei wird der verheißene Heilsherrscher – ein Spross aus dem Baumstumpf Isais – an den Ursprung der davidischen Dynastie gebunden. Gott selbst macht einen neuen Anfang, indem aus dem Baumstumpf Isais, des Vaters Davids, ein neuer David sprossen soll. Es geht um mehr und anderes als um eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen. Alles muss sich grundsätzlich ändern. Es soll ein völliger Neuanfang wie am Anfang der Schöpfung sein. Entsprechend „u-topisch“ sind die Bilder, wenn Raubtier und Beutetier in Frieden und Freundschaft miteinander leben und sogar das wehrloseste Menschengeschöpf, ein Säugling, ungefährdet an der Höhle der Giftschlange spielen kann. So haben diese Bilder als „Andersbilder“ gegenüber der erfahrenen Wirklichkeit in vielen Zeiten bis heute ihre Kraft entfaltet und Menschen gestärkt und ermutigt. Gleichzeitig bietet dieser Text mit dem Bild des Schösslings aus dem Baumstumpf Isais das für die Rezeptionsgeschichte wesentliche Motiv und den Kern messianischer Erwartungen späterer Zeiten.

 

Messiaserwartungen vom ersten Jahrhundert vor Christus bis ins erste Jahrhundert nach Christus

Einen regelrechten Schub an messianischen Erwartungen gab es seit dem ersten Jahrhundert v. Chr., als die Römer 63 v. Chr. die Levante unter ihre Herrschaft brachten und sich die politischen Verhältnisse dort noch einmal grundlegend veränderten. Zwar hatten zunächst die Hasmonäer-Nachfahren Hyrkanos II und Aristobul II als Hohepriester und Ethnarch unter römischer Oberherrschaft weiterregiert, doch wurde nach gewaltsamen Konflikten zwischen den beiden im Jahr 40 v. Chr. der Idumäer Herodes als Klientelkönig der Römer eingesetzt. Dieser musste sich in den Folgejahren die Durchsetzung seiner Herrschaft allerdings erst erkämpfen, was zu erheblichen innenpolitischen Spannungen und Verwerfungen führte. Nach seinem Tod im Jahr 4 v. Chr. wurde sein Reich unter drei seiner Söhne aufgeteilt: Archelaos, Antipas und Philippos, das Herrschaftsgebiet des Archelaos (Idumäa, Judäa und Samaria) schließlich unter direkte römische Verwaltung gestellt.

Im Kontext dieser politischen Entwicklungen entstanden verschiedene Konzeptionen eines meist königlich verstandenen Messias, die sich in verschiedenen frühjüdischen Schriften niederschlugen. Dabei entwickelte sich keine zusammenhängende „Messianologie“. Vielmehr sind unterschiedliche Reaktionen auf die verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Konstellationen zu beobachten, von denen die Messiaserwartung nur eine darstellt und in sich wiederum vielfältig ist.

Psalmen Salomos 17 und 18

Die Psalmen Salomos sind eine Sammlung von 18 Gedichten, die um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts wohl in Jerusalem entstanden sind. Sie setzen sich mit der Eroberung Jerusalems und des Tempels durch Pompeius im Jahr 63 v. Chr. auseinander. Angesichts dieser Ereignisse erflehen sie von Gott als König den „Sohn Davids“ (PsSal 17,21). Er trägt den Titel „Gesalbter“ bzw. „Gesalbter des Herrn“ (PsSal 17,32) und soll zugleich die Sünder im eigenen Volk züchtigen und Jerusalem von den Heidenvölkern reinigen. Der Gesalbte/Messias wird als idealer König beschrieben, der die desolaten politischen Verhältnisse neu gestaltet und eine gute und gerechte Herrschaft für Israel übernimmt. Dazu wird er von Gott mit übernatürlichen Machtmitteln ausgestattet. So kann er die „Feinde“ (d. h. die Römer) ebenso wie die „Sünder“ (d. h. die Kollaborateure im eigenen Volk) entmachten. Dies wiederum ist die Voraussetzung für die neue Heilsherrschaft des Gesalbten/Messias, die von Weisheit und Gerechtigkeit geprägt ist. Wie ein Hirte (d. h. wie ein guter König, der wie ein Hirte handelt) weidet er das Volk in „Treue und Gerechtigkeit“ und achtet dabei besonders auf die Schwachen (PsSal 17,40).

Dieser Gesalbte ist also eine für die Zukunft erwartete, aber geschichtliche Königsgestalt, die aus der Dynastie Davids stammt und daher in nationaler Perspektive als König für Israel legitimiert ist. Vielleicht ist darin eine implizite Kritik an der Königsherrschaft der Hasmonäer, die nicht aus der davidischen Linie stammen, oder auch an der Herrschaft der Römer mitzulesen.

Schriften aus Qumran

In eine eigene Welt führen uns die Schriften, die in den Höhlen am Toten Meer bei Qumran gefunden wurden. Einige von ihnen enthalten Messias-Erwartungen. Aber auch diese sind in sich nicht einheitlich. Sie sind über einen Zeitraum von über 200 Jahren entstanden, jedoch im Einzelnen zeitlich kaum präzise einzuordnen, und sie setzen sich mit unterschiedlichen politischen Ereignissen und Entwicklungen auseinander, angefangen bei den Hellenisierungsbestrebungen in seleukidischer Zeit, über die Makkabäerkämpfe und die Errichtung eines Königtums durch die Hasmonäer, die zudem das Hohepriesteramt beanspruchten, bis hin zur römischen Eroberung Jerusalems durch Pompeius und die Folgen.

So ist es nicht verwunderlich, dass die messianischen Vorstellungen entsprechend plural sind. Einige Texte erwarten zwei Gesalbte, die „Gesalbten Aarons und Israels“ (1QS 9,11; CD 12,23–13,1; 14.19; 19,10f.; 20,1), womit vermutlich eine priesterliche (Aaron) und eine königliche (Israel) Messiasgestalt gemeint sind (vgl. Sach 4,1–14; 6,9–14). Sie sind dazu erwählt, die Verhältnisse in der Zukunft neu zu ordnen. Bis es soweit ist, lebt die Gemeinschaft in einer Zeit der Vorbereitung und Erwartung, es ist eine Zeit des Übergangs vor der neuen Zeit „am Ende der Tage“ (CD 4,4).

Andere Texte sprechen von einem königlich-davidischen Gesalbten. Mit den Titeln „Gesalbter der Gerechtigkeit“ oder „Spross Davids“ (4Q252 5,1–7)
wird ein Bezug zur dynastischen Davidverheißung hergestellt. Ein weiterer Titel ist „Fürst der Gemeinde“. Er zeichnet den Gesalbten als Herrscher über Israel bzw. über die Gemeinschaft, die hinter den Texten steht, der sich machtvoll gegenüber Feinden und Gottlosen durchsetzt. Ein weiterer Titel ist „Sohn Gottes“ (4Q174 3,10–13), wobei die Interpretation dieses Titels kontrovers beurteilt wird. Deutlich wird aber, dass die verschiedenen Titel verschiedene Aspekte des Messias akzentuieren.

In einer anderen Gruppe von Texten stehen die Bedürfnisse der Gemeinde im Zentrum. Der Messias wird gelegentlich ergänzt durch einen „Priester“ oder den „Ausleger des Gesetzes“, der vermutlich dafür sorgen soll, dass sich der Messias an die für die Gemeinschaft spezifische Auslegung der Tora und die charakteristische Lebensweise hält. Sogar drei endzeitliche Gestalten sind belegt (1QS 9,11; 4Q175 5–20): eine prophetische (Dtn 18,18f.), ein königlicher Gesalbter (Num 24,15–17) und eine priesterliche Figur in der Tradition Levis (Dtn 33,8–11). Tragender Grund der messianischen Königsherrschaft ist die Gerechtigkeit, die aus der Tora bzw. der spezifischen Interpretation der Tora durch die Gemeinschaft resultiert.

Apokalyptische Literatur

Ein wiederum anderes Geschichtsbild kommt in der apokalyptischen Literatur zum Tragen. Die Apokalyptik rechnet mit dem völligen Abbruch der Geschichte und sehnt diesen herbei. Dann werde Gott selbst in der Zukunft ein völlig neues Zeitalter, einen neuen Äon, aufrichten.

Im Ersten/Alten Testaments haben sich apokalyptische Erwartungen in späten Ergänzungen verschiedener prophetischer Bücher niedergeschlagen. Die einzige insgesamt apokalyptische Schrift ist das Buch Daniel, in dessen Geschichtskonzeption der „Menschensohn“ eine entscheidende Rolle spielt. Ihm wird nach dem Ende der Herrschaft der vier „bestialischen“ Reiche die Herrschaft – eine wahrhaft menschliche Herrschaft – übertragen (Dan 7,13f.).

In anderen frühjüdischen Schriften, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden, werden solche Vorstellungen weiterentwickelt und dabei – unter anderem – mit Motiven eines „Gesalbten“ angereichert.

Das äthiopische Henochbuch

Bemerkenswert sind dabei die Bilderreden des äthiopischen Henochbuches (äthHen 37–71). Das Henochbuch ist eine frühjüdische Schrift, in deren Zentrum die biblische Figur des Henoch steht, der nach Gen 5,24 nicht eines natürlichen Todes stirbt, sondern „entrückt“ wird. Weil Henoch dadurch, so die Vorstellung, Einblick in jenseitige Welten erhält, war dies der Ausgangspunkt weitreichender Spekulationen, die in einer vielfältigen Offenbarungsliteratur einen Ausdruck fanden.

Das Henochbuch hat eine komplexe Entstehungsgeschichte etwa vom 3. vorchristlichen bis ins erste nachchristliche Jahrhundert. Am besten ist es in äthiopischen Handschriften überliefert, es sind aber auch Textfragmente in griechischer, syrischer, aramäischer und lateinischer Sprache erhalten. Die „Bilderreden“ (äthHen 37–71) bilden in der heutigen Gestalt des umfangreichen Henochbuches den zweiten Teil und sind mit einiger Wahrscheinlichkeit um die Zeitenwende zu datieren.

In diesen Bilderreden erscheint eine richterliche Endzeitgestalt, die meist die Titel „Menschensohn“ und „Erwählter“ trägt, an zwei Stellen aber auch als „Gesalbter“ bezeichnet wird (äthHen 48,10; 52,4). Durch diese Vermischung ursprünglich unterschiedlicher Vorstellungen wird der Gesalbte zu einer himmlischen Figur, die analog zu Gott selbst Verehrung genießt. In der Endzeit tritt er als Richter über Sünder und Gottlose auf, besonders über Könige und Machthaber. Auf ihm ruht die Hoffnung der Gerechten, denn für sie wird er eine Heilszeit aufrichten, Erhöhung und Rettung bringen und Gottes Gerechtigkeit machtvoll durchsetzen (äthHen 62,1–9). Bemerkenswert in unserem Zusammenhang ist seine Präexistenz: Er wurde von Gott vor aller Zeit erwählt und war bereits vor der übrigen Schöpfung da (48,1–10).

Das 4. Buch Esra

Eine deutlich jüngere apokalyptische Schrift ist das 4. Buch Esra. Es ist wahrscheinlich gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstanden und setzt sich mit der Katastrophe des Jahres 70 auseinander. Angesichts dieser Katastrophe des Untergangs Jerusalems und der Zerstörung des Tempels stellt der Verfasser die Frage, die damals vermutlich viele Menschen umgetrieben hat: Wie kann Gott das zulassen?

Der Text lässt Esra aus der Ich-Perspektive sprechen. Sein Dialogpartner ist der Engel Uriel, der als himmlischer Offenbarer fungiert. Immer wieder wird Esra mit seinen Fragen auf die zukünftige Welt Gottes, den neuen Äon der Gottesherrschaft verwiesen. Trotz aller bedrückenden Erfahrungen sollen die Menschen sich an Gottes Weisungen halten, damit sie im Gericht bestehen und zum Heil gelangen können.

Bevor aber das Heil in seiner Fülle erscheinen wird, gibt es manche Schwierigkeiten und Bedrängnisse, die bestanden werden müssen. Zu diesen Ereignissen der Endzeit gehört auch eine 400jährige Herrschaft des Messias/Gesalbten. Diese ist als eine innergeschichtliche Übergangszeit gedacht, an deren Ende der Messias mit allen Menschen stirbt, bevor Gottes Gericht und Neuschöpfung einsetzen (4 Esr VII,28–33). Der Tod des Messias hat jedoch im Unterschied zur Bedeutung, die in der christlichen Literatur dem Tod Jesu zugeschrieben wird, keinerlei rettende oder Heil schaffende Funktion für die Gerechten. Bemerkenswert ist auch die Bezeichnung des Messias als „mein Sohn“. Ob dies tatsächlich die Vorstellung eines Messias als „Gottes Sohn“ beinhaltet, wird allerdings kontrovers diskutiert.

Syrische Baruch-Apokalypse

Nur wenig jünger ist die syrische Baruch-Apokalypse, die um 100 oder zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. entstanden ist. Auch hier tritt nach einer Zeit der Drangsal der Gesalbte auf (syrBar 29,3), mit dem eine Zeit des Heils und des Überflusses beginnt (29,4–8). Danach kehrt er in die himmlische Herrlichkeit zurück (30,1). Damit erscheint die messianische Zeit als Zwischenzeit, die die Geschichte beschließt – vor dem Anbruch des neuen Äon (30,1–5). Der Gesalbte trägt herrscherliche Züge, bewirkt die Vernichtung der Feinde und richtet eine Zeit des Schutzes und des Heils für Israel auf (39,7–40,3; 53,8–11; 70,9; 72,2–74,2).

 

Messianische Widerstandsbewegungen gegen die römische Herrschaft

Konkret wurden messianische Erwartungen nicht nur in Schriften, sondern auch in verschiedenen Widerstands- und Aufstandswellen gegen die römische Herrschaft, in denen messianische Figuren zentrale Rollen spielten. Solche Widerstandswellen sind vor allem nach dem Tod Herodes des Großen 4 v. Chr., sodann anlässlich der Unterstellung von Judäa und Samaria unter direkte römische Verwaltung 6 n. Chr. oder auch seit den 20er Jahren des 1. Jahrhunderts in Form prophetischer Bewegungen zu beobachten. Ihren Höhepunkt fanden sie in zwei bewaffneten Aufständen (66–70/73 und 132–135 n. Chr.), die beide von den römischen Truppen blutig niedergeschlagen wurden.

Es ist gut denkbar, dass manche der oben skizzierten apokalyptischen Vorstellungen als Gegenbilder zu negativen Erfahrungen der Trägergruppen mit politischen Königen, aber auch mit solchen menschlichen Messiasprätendenten entworfen wurden.

 

Wie konnte Jesus als Messias interpretiert werden?

Schon dieser schnelle Durchgang durch die frühjüdische Literatur hat ein vielfältiges Motivrepertoire zum Thema von Messiashoffnungen und -erwartungen vor Augen geführt. Und es ließen sich leicht weitere Texte und Motive ergänzen.

Jesus selbst hat, wie die historische Jesusforschung gezeigt hat, von sich selbst nicht als Messias gesprochen. Vielmehr verkündete er die jetzt anbrechende neue Zeit der Königsherrschaft Gottes. Um diese Sache seiner Botschaft mit all ihren Implikationen ging es ihm – nicht um die Deutung und Bedeutung seiner Person. Allerdings erhob er den Anspruch, durch seine Verkündigung und Praxis die Gottesherrschaft und das Heil, das von ihr erhofft wurde, präsent und erfahrbar zu machen. Er beanspruchte die Autorität, den Willen Gottes für Israel authentisch auszulegen, und er machte Heil und Unheil davon abhängig, ob man auf seine Botschaft hörte – oder nicht.

Für einige Zeitgenoss:innen war das, was sie mit Jesus erlebt und wie sie ihn mit seinem Anspruch wahrgenommen hatten, so überzeugend, dass sie dies mit vielen Aspekten von Messiaserwartungen der Zeit in Verbindung bringen konnten und auf dieser Basis ihn selbst als den erwarteten Messias interpretierten. In den neutestamentlichen Schriften ist zu beobachten, wie Jesu Leben, sein Wirken und sein Tod in vielerlei Hinsicht mit Hilfe des vorhandenen Motivrepertoires gedeutet und sein Sinn erschlossen wurde. Dabei waren auch Um- und Neuinterpretation nötig, vor allem, was das gewaltsame Schicksal Jesu – sein Leiden und seinen Tod am Kreuz – betrifft. Doch waren Weiterschreibungen und Neuinterpretationen, wie wir gesehen haben, schon immer charakteristisch für die frühjüdische Literatur.

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