Wenn das Wachstum endet

Neue Perspektiven für Religion, Wirtschaft und Gesellschaftlichkeit

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Das jahrzehntelange Credo, dass Wachstum alle Probleme löst, hat ausgedient. Doch was tritt an seine Stelle? Wenn die Wachstumslogik an eine Grenze stößt, ist das mehr als eine wirtschaftliche Herausforderung – es verändert unser Selbstverständnis als Gesellschaft. Fortschritt bedeutete lange Zeit „mehr“: mehr Wohlstand, mehr Möglichkeiten, mehr Sicherheit. Doch wenn dieser Pfad endet, welche neuen Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens könnten dann tragen? Was, wenn das Anerkennen unserer Grenzen – ökonomisch, ökologisch, menschlich – nicht nur Verzicht bedeutet, sondern eine neue Freiheit? Über diese und viele weitere Fragen sowie neue Perspektiven für Religion, Wirtschaft und Gesellschaftlichkeit diskutierten am 1. Juli Christian Kopp, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern; Prof. Dr. Karin Pittel, Professorin für VWL an der LMU München und Leiterin des Münchner Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen am ifo Institut für Wirtschaftsforschung; und Simon Strauß, Schriftsteller und Journalist, u. a. bei der FAZ, moderiert von Dr. Lukas Meyer, Pfarrer und Theologischer Referent im Bischofsbüro der ELKB.

In einer „Zeit der Verluste“ (Daniel Schreiber) und eines wahrgenommenen kollektiven Trauerprozesses ohne Ort, bei dem es kein Anerkennen der Verluste gibt, stellte Moderator Lukas Meyer das Podiumsgespräch unter die drei Worte „Verlieren“, „Suchen“ und „Finden“. Zunächst fragte er nach der Verunsicherung des Wachstumscredos: ob das Ende des Wachstums tatsächlich das zentrale Problem sei? Karin Pittel antwortete, dass sie es für eine Fehleinschätzung halte, dass Wachstum ein Selbstzweck sei; es gehe um ein Wachstum des Wohlbefindens, nicht nur des materiellen Lebensstandards. Das Streben nach der größtmöglichen Wohlfahrt sei für sie der Kern aller Dinge, nicht, wie es auch viele Ökonom:innen verwechselten, ein Mehr an Konsummöglichkeiten. Und selbstverständlich gebe es Rückwirkungen auf die natürliche Umwelt und Beziehunngen. Die Ökonomie der 1950er Jahre sei nach wie vor eine feste Referenzgröße in interdisziplinären Kontexten, auch wenn diese heute nicht mehr greife. Ziel sollte sein, dass alle unter Einhaltung der ökologischen Nebenbedingungen mit einem gewissen Maß an Kohäsion in der Gesellschaft leben könnten. Eigentlich seien die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft bekannt und vorhanden, wir setzten sie nur nicht um.

Christian Kopp meinte, dass das Versprechen der Moderne „Ihr sollt es besser haben“ nicht mehr zu halten sei, die Fortschrittsversprechen änderten sich; besonders die Armut sei überall stark gewachsen. Simon Strauß erläuterte, dass eigentlich viel erreicht sei bezüglich Wohlstand und Fortschritt. Verluste würden heute sehr schnell registriert, dabei würde aber auch oft übersehen, welch hohes Niveau wir bereits erreicht hätten. Als in Ostdeutschland Lebender beobachte er, dass sich dort viele Menschen, die erst seit 35 Jahren das haben, was der Westen schon lange hatte, fragen, ob das Fortschrittsversprechen auch für ihre Kinder noch einlösbar sei. Hier nehme er mentale Veränderungen wahr, dass die jetzige Generation merke, dass nicht mehr immer alles da sein wird.

Woher kommt die allgemein wahrgenommene Verunsicherung?, fragte Lukas Meyer weiter. Karin Pittel sagte, sie bemerke einen Kontrollverlust: Lange Zeit waren gewisse Rahmenbedingungen gegeben, der Westen hielt zusammen; jetzt breche Einiges auseinander. Auch durch die Sozialen Medien entwickle sich die Gesellschaft auseinander, es entstünden Blasen, aufgrund derer man an manche Menschen nicht mehr herankäme. Die Blasen verdeckten Unsicherheiten und errichteten eine Welt, „in der ich recht habe“. Durch den gefühlten Kontrollverlust werde der Eigenbezug größer und es habe sich ein ziemlich kurzfristiger Sicherheitsbegriff entwickelt; gerade in Bezug auf den Klimaschutz sei das ein großer Rückschritt.

Christian Kopp sieht bei vielen Menschen die Aussagen „Ich spüre mich nicht mehr“ oder „Ich sehe den Sinn nicht mehr“; oft würden solche Leerstellen durch Fitness-Studios oder Tattoos gefüllt, um zumindest den eigenen Körper wahrzunehmen und zu kontrollieren. Beim Suchen und Finden – das sei auch die Grundbotschaft Jesu – brauche es aber auch eine Bereitschaft, sich aufzumachen.

Wo finden Menschen Zugänge zur Religion? Wie findet gemeinschaftliches Suchen statt? Auf welche Weise können wir gegen eine zunehmende Fragmentierung arbeiten? So lauteten weitere Fragen von Lukas Meyer. Simon Strauß antwortete, dass er wahrnehme, dass uns viel unterscheidet und es viele einzelne Räume gebe; Nachbar:innen, die nur wenige Meter voneinander entfernt wohnten, würden sich nicht kennen und kein Interesse aneinander haben. Gleichzeitig sei die Politik keine Agentur zur Problemlösung oder ein Lösungsbringer, man müsse auch selbst etwas tun und z. B. Kontakt zu Anderen suchen. Vielleicht brauche es bestimmte Erlebnisse als Türöffner – er nahm das von Christian Kopp genannte Beispiel des Kerzenanzündens in Kirchen auf – um einigende Momente zu finden. Es brauche ein Mindestmaß an Gemeinschaft, gemeinsame Erlebnisse seien wichtig; dafür sei die Gesellschaft momentan aber etwas zu nervös. Zuhören und Mitgefühl seien gefragt.

Zum Stichwort „Finden“ fiel zunächst der Buchtitel Hoffnung für Verzweifelte. Wie wir als erste Generation die Erde zu einem besseren Ort machen der jungen Wissenschaftlerin Hannah Ritchie. Zur Wirksamkeit ökonomischer Maßnahmen meinte Karin Pittel, dass eine konsequente CO2-Bepreisung zwar die konkreten wirtschaftlichen Aktivitäten von Produkten abbilden könnte, damit aber keine soziale Gerechtigkeit zu erreichen sei, da Ärmere dadurch höher belastet würden. Bestimmte Verbote und Bepreisungen würden wirken, man brauche aber Alternativwahlmöglichkeiten. Zudem könnten einkommensgestaffelte Subventionen aus ihrer Sicht genauso gut wirken wie Steuererleichterungen.

Simon Strauß plädierte für eine neue Verantwortungsethik. Man habe nicht nur für sich selbst, sondern auch für Andere Verantwortung. Auch hier sei nicht die Politik die Größe, die alles richten könne. Allerdings, so war sich das Podium letztlich einig, sei es schwer umsetzbar, die Gesellschaft in die Richtung eines Umdenkens zu einer solchen Verantwortungsethik zu bewegen.