Im Neuen Testament gibt es nicht nur eine Christologie. Die Christologie des Markusevangeliums unterscheidet sich von der Christologie des lukanischen Doppelwerks, vom Christusbekenntnis des Hebräerbriefs und von der Christologie der Johannesapokalypse. Jede Schrift ist eigen. Jede Christologie ist anders: veranlasst und geprägt durch die jeweils verfügbaren Quellen, den zeitgeschichtlichen Kontext, die Lebenswelt der Adressaten und durch die jeweils vorausgesetzten religiösen und philosophischen Hintergründe und Ansichten.
Doch so unterschiedlich die neutestamentlichen Christologien sind, so sehr sind sie von einer gemeinsamen Erfahrung oder Glaubensüberzeugung geprägt: Ohne den Glauben, dass Jesus lebt, lassen sich weder die grundlegende christologische Entwicklung noch die einzelnen Christologien des Neuen Testaments erklären. Augustinus unterstreicht dies: „Nimm die Auferstehung weg, und du zerstörst das Christentum“ (Enarrationes in Psalmos 101,2.7). Jacob Kremer formuliert dieselbe Einsicht, wenn er schreibt: „Die Überzeugung, daß Jesus von den Toten auferstanden ist, durchzieht das ganze NT.“ Ohne Ostern ließe sich keine einzige christologische Entwicklung und Stimme begründen und erklären.
Um die Christologien des Neuen Testaments zu verstehen, ihre Entwicklung und ihren Inhalt, gilt es also, sich diesem Glaubensbekenntnis zuzuwenden, das vor und hinter aller christologischen Entfaltung steht: dem Glauben, dass Jesus lebt, dass er von den Toten auferweckt wurde.
Die eingliedrige Auferweckungsformel
Das urchristliche Osterbekenntnis lässt sich – mit Blick auf die verschiedenen Gattungen und Überlieferungsformen – in zwei Traditionsstränge unterteilen: die Bekenntnis- und die Erzähltradition. Im einen Fall wird der Glaube an die Auferweckung Jesu in griffigen und kurzen Bekenntnissätzen ausgedrückt. Im anderen Fall wird von der Auferweckung Jesu erzählt: in Form von anschaulichen Geschichten und Darstellungen.
Am Anfang der Entwicklung steht die sogenannte eingliedrige Auferweckungsformel. Die Tatsache, dass sich diese Formel in geringer Variabilität und breitflächig in unterschiedlichen Schriften des Neuen Testaments verbreitet findet, lässt auf ihr hohes Alter schließen. Die Formel dürfte schon vor der Abfassung der Paulusbriefe entstanden und zunächst mündlich im Umlauf gewesen sein.
Die eingliedrige Auferweckungsformel kommt als partizipiale Gottesprädikation („Gott, der Jesus aus Toten auferweckt hat“) oder als Aussagesatz („Gott hat Jesus aus Toten auferweckt“) vor (vgl. 1 Thess 1,10; Gal 1,1;
1 Kor 6,14; 15,12.15.20).
So kurz die Formel ist, so entscheidend ist ihr Inhalt. In der Regel steht die Formel im Aorist: in einer Zeitform, die ein präzises Handeln Gottes in der Vergangenheit ausdrückt. Gott hat Jesus aus Toten erweckt: Die Zeitform betont die Massivität und die Abgeschlossenheit des Ereignisses. Das Subjekt der Handlung ist Gott. Das Objekt ist der gekreuzigte Jesus. In den ältesten Osterbekenntnissen ist also nicht von der Auferstehung Jesu die Rede, sondern von der Auferweckung Jesu durch Gott.
Erstaunlich ist, dass es lediglich heißt „aus Toten“. Es wird kein Artikel verwendet. Die präpositionale Bestimmung verdeutlicht nicht eine Gruppe („aus den Toten“), sondern einen Bereich („aus Toten“). Im Hintergrund lässt sich die jüdische Vorstellung von der Scheol, vom Totenreich vermuten: Der Bereich also, in den die Toten hinabsinken, der als Schattenreich verstanden wurde (vgl. Ps 115,17), wird in der Auferweckung Jesu zum Ort göttlichen Handelns.
Mit der eingliedrigen Auferweckungsformel haben wir das österliche Urgestein des urchristlichen Bekenntnisses vor uns: So kurz wie nachdrücklich wird das Handeln Gottes am toten Jesus betont. Der Gott Israels hat
Jesus aus Toten erweckt.
Das Osterbekenntnis des Korintherbriefs
Im Lauf der Überlieferung wird das Osterbekenntnis weiter entfaltet: Im 1. Korintherbrief liegt uns eine längere Tradition vor, die – was entscheidend ist – nicht von Paulus erfunden wurde, sondern zeitlich noch vor dem Wirken des Paulus liegt. Die längere Fassung des Osterbekenntnisses lautet:
„Denn ich überlieferte euch an erster Stelle, was auch ich übernahm, dass Christus starb für unsere Sünden nach den Schriften und dass er begraben wurde und dass er erweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften und dass er erschien Kephas, dann den Zwölf.“ (1 Kor 15,3–5)
Paulus zitiert die – im Vergleich zur eingliedrigen Auferweckungsformel nun – mehrgliedrige Osterformel: Er selbst habe übernommen, was er den korinthischen Christen überliefert habe (1 Kor 15,3). Das von Paulus zitierte Bekenntnis ist noch von der mündlichen Überlieferung imprägniert und wie zum Auswendiglernen gemacht. Vier Verben strukturieren den Satz:
1. starb,
2. wurde begraben,
3. wurde erweckt,
4. erschien.
An das erste und dritte Glied ist jeweils ein Zusatz angeschlossen: ein Hinweis, der die soteriologische Dimension des Sterbens Jesu herausstellt („für unsere Sünden“) bzw. eine theologische Einordnung vornimmt („am dritten Tag“). Wiederholt wird jeweils – angeschlossen an das erste und dritte Glied – der Hinweis auf die „Schriften“. Die vierte und letzte Aussage – die Erscheinung des Auferweckten – nennt Zeugen des Geschehens: Petrus und die Zwölf. Im weiteren Verlauf führt Paulus weitere Zeugen an (1 Kor 15,6–8): die fünfhundert Brüder, Jakobus, alle Apostel und Paulus selbst.
In der Forschung wird diskutiert, wie weit der ursprüngliche – von Paulus übernommene – Bestand dieser Ostertradition reicht. Bis Vers 5 oder bis Vers 8? Viel spricht dafür, dass Paulus – beginnend mit 1 Kor 15,6 – die überlieferte Liste der Osterzeugen ergänzt und sich auch selbst als letzten Empfänger der Ostererfahrung in die Bekenntnisformel hineinschreibt.
Schon Ulrich Wilkens nannte 1 Kor 15,3–5 einen „kleinen Katechismus“: ein kurzes und wendiges Credo, mit dem – mündlich wie schriftlich – der Glaube an die Auferweckung Jesu ausgedrückt wird. Für das Verständnis des Bekenntnisses sind die Zeitformen entscheidend: Tod und Begräbnis Jesu werden im Aorist beschrieben und als abgeschlossene Ereignisse der Vergangenheit dargestellt. Die Auferweckung dagegen steht im Perfekt: Die Wirkung des Ereignisses dauert an und prägt noch die Gegenwart – so ließe sich die Grammatik entschlüsseln. Die Erscheinungen dagegen werden wieder im Aorist als Ereignisse der Vergangenheit gefasst: nun allerdings in intransitiver bzw. medialer Form.
Das zweite und vierte Glied bestätigt die jeweils vorausgehende Aussage: Das Begräbnis bestätigt den Tod Jesu, während die Erscheinungen seine Erweckung bestätigen. Der soteriologische Zusatz „für unsere Sünden“ lässt sich biblisch – in einem grundlegenden Sinn – als Überwindung einer Trennung verstehen: Sünde bedeutet Trennung, Ablösung oder fehlende Gemeinschaft. Der Tod Jesu überwindet die Trennung und stellt Gemeinschaft her – zwischen Gott und Mensch, über die radikalste aller Trennungen, über den Tod hinaus.
Der Hinweis auf die Erweckung Jesu „am dritten Tag“ sollte nicht als chronologisches Datum verstanden werden. In der biblischen Tradition bezeichnet der dritte Tag den Tag der Rettung, den Tag, an dem Gott eingreift. Eine Vorstellung davon vermittelt Hos 6,2: „Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf, und wir leben vor seinem Angesicht.“ Auch Jona bleibt „drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches“ (Jona 2,1). Der dritte Tag ist – biblisch gedacht und gesprochen – der Rettungstag Gottes. Im Grunde beschreibt der dritte Tag, was die Passivformulierung („er wurde erweckt“) zum Ausdruck bringt: Immer ist Gott das handelnde Subjekt. Die Auferweckung Jesu am dritten Tag jedenfalls trifft keine chronologische Aussage, wie wenn Jesus exakt nach 72 Stunden auferstanden wäre. Der dritte Tag bedeutet: Gott hat Jesus erweckt.
Der zweifache Hinweis auf „die Schriften“ ist summarisch formuliert und entsprechend generell zu verstehen: Es dürfte sich also nicht um eine Anspielung auf eine einzelne Schriftstelle handeln. Vielmehr drückt sich in diesem zweifachen Zusatz („nach den Schriften“) der Glaube aus, dass das Sterben und die Auferweckung Jesu mit dem Zeugnis der hebräischen Bibel übereinstimmen und zum Heilshandeln Gottes im Alten Testament passen. Dahinter verbirgt sich eine besondere Leseweise der hebräischen Bibel: Tod und Auferweckung Jesu werden als Teil der Heilsgeschichte Gottes gesehen.
Das für die Erscheinungen des Auferweckten verwendete griechische Wort lässt sich – zumal die deutsche Rede von „Erscheinungen“ eine allzu dinglich oder brachialhistorische Vorstellung evoziert – treffender übersetzen: Er ließ sich sehen, er machte sich erfahrbar, er erwies sich als lebendig. Das verwendete Wort wird in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments auch für das Erscheinen Gottes oder für Gotteserfahrungen verwendet. Darum geht es auch hier: um eine – die Jüngerinnen und Jünger – unvermittelt treffende Erfahrung, die den Glauben begründet, dass Jesus lebt, dass Jesus von Gott erweckt wurde. Dass es sich bei den „Erscheinungen“ nicht um ein rein physisches, sinnliches „Sehen“ handelt, macht Philo von Alexandrien deutlich, wenn er eben das auch hier verwendete griechische Wort einem bloßen physischen Sehen gegenüberstellt: „Gott erschien dem Abraham. (…) Deshalb heißt es nicht: Der Weise sah Gott, sondern: Gott erschien dem Weisen.“ (De Abrahamo 77,80)
Die Erzähltradition
Neben den Bekenntnisformeln gewinnt der Glaube an die Auferweckung Jesu auch in der Erzähltradition eine konkrete Gestalt. Wichtig ist, dass es sich dabei nicht um ein zeitliches Nacheinander handelt: wie wenn die Erzähltradition erst später oder weit nach der Bekenntnistradition entstanden wäre. Beide Traditionen laufen parallel. Oder anders: Was die Bekenntnissätze zum Ausdruck bringen, wurde anschaulich, anhand konkreter Orte, mit Blick auf die betroffenen Personen auch
narrativ entfaltet und erzählt.
Bei den Erzählungen, die sich am Ende der Evangelien finden und Grabesgeschichten, Erscheinungserzählungen und (mit dem Ende des Lukasevangeliums und dem Beginn der Apostelgeschichte) Himmelfahrtserzählungen umfassen, handelt es sich nicht um einfache Protokolle. Die Unterschiede zwischen den Erzählungen machen deutlich, dass es nicht um die Wiedergabe eines vermeintlich objektiven Geschehens geht. Es sind – wie Jacob Kremer formuliert – „Geschichten um Geschichte“: narrative Entfaltungen, theologische Durchdringungen und adressatenorientierte Anwendungen des Osterglaubens. Die Auferweckung Jesu wird mit narrativen Mitteln im Medium einer Erzählung weitergegeben und für die jeweils adressierten Leserinnen und Leser übersetzt und fassbar.
Das Markusevangelium akzentuiert das Sterben und den Tod Jesu. Ostern beschränkt sich – auch erzählerisch – auf ein denkbares Minimum: Mit nur einem Satz wird der Glaube an die Auferweckung Jesu zum Ausdruck gebracht: „Er wurde erweckt, er ist nicht hier.“ (Mk 16,6) Es scheint, als wollte der Engel die Frauen regelrecht vom offenen Grab Jesu vertreiben: „Geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.“ (Mk 16,7) Ostern wird im Alltag gefeiert. Der Auferweckte lässt sich in Galiläa sehen: zurück am Ort der Herkunft und der Berufe der Jünger, in ihrem Leben und ihren Beziehungen. Das Markusevangelium schließt mit der christologisch begründeten Einladung zur Nachfolge im „galiläischen“ Alltag. Das bedeutet für das Markusevangelium Ostern!
Das Matthäusevangelium nutzt – für die judenchristliche Leserschaft des Werks – verständliche Bilder und Motive: Der Tod und die Auferweckung Jesu sind von Elementen begleitet, die im Alten Testament an die Erscheinung Gottes erinnern (Mt 27,51–53; 28,2–4). Die Leserinnen und Leser des Matthäusevangeliums konnten dies verstehen und richtig übersetzen: In der Auferweckung Jesu greift Gott ein, macht sich Gott erfahrbar. Entscheidend ist, dass das Matthäusevangelium aus der Auferweckung Jesu die universale Völkermission ableitet. Der Auferweckte sendet die Jünger zu allen Völkern, um das Evangelium zu verkünden (Mt 28,19). Die Einsetzung Jesu zum Weltenherrn (Mt 28,18) begründet diesen Schritt. Für die judenchristlichen Adressaten des Matthäusevangeliums ist gerade dies eine zentrale Folge des Osterglaubens.
Das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte nutzen eine den Adressaten geläufige Vorstellung: Wie manch römischer Kaiser zu den Göttern entrückt wurde, so wird auch Jesus – in seiner Himmelfahrt – zu Gott entrückt. Lukas nutzt diese Apotheose, die Himmelfahrt Jesu, als parallel-antithetische Aussage: Jesus steht irdischen Machthabern und Potentaten gegenüber. Jesus ist bei Gott. Er steht – wie im Fall der Steinigung des Stephanus (Apg 7,56) – wirkmächtig zur Rechten Gottes und hält den Himmel offen.
Zugleich ist Lukas bemüht, die auch gegenwärtige Bedeutung von Ostern herauszustellen. Ostern beschränkt sich nicht auf eine begrenzte Vergangenheit. Der Auferstandene ist – wie im Fall der Emmaus-Jünger und oft unerkannt – mit der Gemeinschaft der Christen unterwegs. Er lässt sich erkennen beim Lesen und Deuten der Schrift und im Brechen des Brotes (Lk 24,27.30–31): nicht nur einst, sondern auch jetzt in den völkerchristlichen Gemeinden am Ende des 1. Jahrhunderts im Römischen Reich.
Von einer ganz eigenen christologischen Dichte und Aussageabsicht ist das Johannesevangelium geprägt. Historische Traditionen verschmelzen mit dem Glauben, dass Jesus „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) ist. Bereits im Prolog wird Jesus als Logos präsentiert, der Fleisch wurde (Joh 1,14). Die langen Reden Jesu (Joh 14–17) sind als christologische Kunstreden und Kondensate zu verstehen: verdichtete christologische Bekenntnisbilder, die den Glauben an Jesus Christus ausdrücken und zum Glauben an Jesus als Weinstock, Licht, Brot und Hirt aufrufen.
Die Ostererfahrung: Impulsgeber und christologisches Prisma
Ohne die Ostererfahrung lässt sich die christologische Entwicklung des frühen Christentums nicht erklären. Sie ist der entscheidende Impulsgeber und das Prisma aller christologischen Entfaltung.
Erstaunlich ist das – sowohl in der Bekenntnis- wie in der Erzähltradition – fehlende Interesse an dem konkreten „Wie“ der Osterereignisse. Die Traditionen interessieren sich mehr für das „Dass“ und das „Was“ und weniger für das konkrete „Wie“ des Geschehens oder Ergehens. Festzustellen ist lediglich, dass Ostern etwas ist, das von außen auf die Jüngerinnen und Jünger zukommt: Die Erweckung Jesu überrascht sie. Sie wollen es nicht glauben, halten es für Geschwätz, scheinen verwirrt zu sein. Dass es sich bei den Erscheinungen und bei der Ostererfahrung nicht um einen brachialhistorischen Beweis und nicht um ein physisches Sehen handelt, machen bereits die verwendeten Begrifflichkeiten deutlich: Die Urchristen drücken ihre Erfahrung mit den sprachlichen Mitteln aus, die sie aus der jüdischen Tradition kennen. Die Auferweckung Jesu wird als Eingreifen Gottes, als transzendente Erfahrung beschrieben. Sie lässt die Gewissheit in den Herzen der Jüngerinnen und Jünger wachsen, dass Jesus lebt.
In dieser Ostererfahrung sind verschiedene christologische Potenziale angelegt. Je nach Adressatengruppe und Autor, je nach zeitgeschichtlichem Hintergrund und philosophisch-religiöser Beheimatung gewinnt die im Osterbekenntnis verwurzelte Christologie eine je eigene Färbung und Aussage. Doch immer geht es um die Bestätigung Jesu und um die rückwirkende Inkraftsetzung
seines Wirkens und seiner Botschaft.
Man übersieht dies leicht: Ohne Ostern steht auch das Leben und Wirken Jesu auf tönernen Füßen. Ohne Ostern ist Jesus eben nur ein gescheiterter, von den Römern hingerichteter jüdischer Wanderprediger. Erst Ostern macht den Weg und die Botschaft Jesu verlässlich. Die nachösterliche Wiederbelebung der Jesusbewegung bestätigt dies. In seiner Monografie über „Jesus Christus im Neuen Testament“ bringt dies Martin Karrer auf den Punkt: „Der Gott Israels wendet Jesu erschreckendes Ende. Er beendet die Krise der Passion, in der Jesu Berechtigung gänzlich auf dem Spiel stand, und eröffnet neue Zeugenschaft. Er bestätigt im Ostergeschehen die Geltung von Jesu Wirken
und setzt es so eigentlich in Kraft.“
Ostern ist der Beginn: die entscheidende Erfahrung, die jedwede weitere christologische Reflexion erst ermöglicht. Die mit Ostern einsetzende christologische Entfaltung lässt sich anhand dreier Hauptkategorien systematisieren.
Ostern leuchtet zurück. Die christologische Bedeutung Jesu wird mit dem grundlegenden Heilsplan Gottes, mit dem Sinn und Ziel der gesamten Schöpfung verbunden. Ganz am Anfang – schon vor aller Zeit – war der Logos bei Gott, der schließlich Fleisch wurde und den Menschen die Herrlichkeit Gottes sehen ließ (Joh 1,1.14).
Ostern blickt voraus. Mit dem Bekenntnis zur Erweckung Jesu ist die Frage nach dem Schicksal aller Verstorbenen verbunden. Paulus sieht in Jesus den „Erstling der Entschlafenen“ (1 Kor 15,20): An ihm wird erkennbar, was alle erwartet, die „mit Christus gestorben sind“ (Röm 6,8). In Christus leuchtet eine neue Schöpfung auf, die nicht mehr dem Tod unterworfen sein wird. Ostern evoziert das Interesse an der Eschatologie: Was von Christus bekannt wird, betrifft nicht nur ihn, sondern – in und mit ihm – auch die Zukunft der Gläubigen
und der gesamten Schöpfung.
Ostern betrifft die Gegenwart. Vor allen Dingen ist Ostern etwas für das Leben: kein abstraktes theologisches Glaubensgut, sondern Lebenshilfe und Lebenskraft. Die Erweckung Jesu setzt das Leben der Jüngerinnen und Jünger in ein anderes Licht. Jesus geht mit. Er ist dabei. Matthäus drückt dies zeitlich aus, wenn der Auferweckte am Ende des Evangeliums sagt: „Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Das lukanische Doppelwerk formuliert die gleiche Glaubensüberzeugung mit räumlichen Parametern. Der Auferweckte geht mit, ob in „Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8). Der Glaube an die Auferweckung lässt die Christen nicht trauern „wie die anderen, die keine Hoffnung haben“ (1 Thess 4,13). Weil Christus die Schlüssel des Todes in Händen hält, können die Christen standhaft in der Bedrängnis sein (Offb 1,18). Von den Toten erweckt, stirbt Christus nicht mehr. „Der Tod hat keine Macht mehr über ihn.“ (Röm 6,9) Nichts kann die Christen „scheiden von der Liebe Gottes, die
in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8,39).
Die Blickwinkel auf die Ostererfahrung sind vielfältig. Jede Schrift des Neuen Testaments buchstabiert das Osterbekenntnis auf je eigene Art und Weise aus: für juden- und völkerchristliche Gemeinden, eher philosophisch oder mehr theologisch, bekenntnishaft und narrativ, vor dem Hintergrund des Kaiserkults oder mit Blick auf die jüdische Opferpraxis. Es geht um Verständlichkeit und Relevanz: Ostern ist nichts fürs Lexikon, sondern fürs Leben. Darum muss Ostern übersetzt und christologisch entfaltet werden, damit fassbar und praktikabel
wird, was Ostern meint und Jesus bedeutet.
