In der Renaissance war Italien tonangebend in allen Künsten, was auch für den Tanz galt. Im Barock dagegen wurde Frankreich zum Mittelpunkt. Unter Ludwig XIV. bildete sich ein neuer Tanzstil heraus, der sich in ganz Europa verbreitete. Tanzchoreographien, Theorieschriften und andere zeitgenössische Quellen haben sich zahlreich in Frankreich, England und dem deutschsprachigen Raum erhalten und vermitteln uns ein umfassendes Bild von der dortigen Tanzkultur. Anders sieht es dagegen in Italien aus, wo die Quellenlage im Vergleich eher spärlich ist. So lag es nah, die Tagebücher und Briefe von Karl Albrechts erster Reise nach Italien auszuwerten; ergänzend wurden Quellen zu späteren Italienreisen des Kurprinzen herangezogen. Verraten sie etwas darüber, wo und was man getanzt hat? War auch der italienische Tanz inzwischen durch Frankreich beeinflusst oder pflegte man eine eigenständige Tanzkultur? Neben dem Fokus auf Italien werden auch München und die deutschsprachigen Reisestationen in die Betrachtung einbezogen.
I.
Ist von barocker Tanzkultur die Rede, dann meint dies eine höfische, adlige Tanzkultur. Im Bürgertum entwickelte sie sich erst im Laufe des 18. Jahrhunderts. In keiner anderen Epoche spielte der Tanz eine so große und wichtige Rolle wie im Barock. Der Dramatiker Molière schrieb: „Nichts ist für den Mensch wesentlicher als der Tanz.“ Tanz diente der Unterhaltung der höfischen Gesellschaft, sowohl auf der Bühne als auch im Ballsaal. Er war aber vor allem integraler Bestandteil der höfischen Selbstdarstellung und Repräsentation. Wer tanzen konnte, der zeigte, dass er sich auch in anderen Bereichen auf dem gesellschaftlichen Parkett sicher bewegen konnte. Und so gehörte Tanzen neben Reiten und Fechten zu der Grundausbildung eines Adligen.
Üblicherweise fand die Prinzenerziehung am Hof statt. Daneben gab es aber auch die Ritterakademien oder Adelskollegien im In- und Ausland, wo man seine Söhne hinschicken konnte. Auch Karl Albrecht besuchte während seiner Italienreise 1716 zwei dieser Kollegien, und zwar in Neapel und Parma. Allerdings war er nicht als Schüler, sondern als Ehrengast dort, dem die jungen Adligen vorführten, was sie gelernt hatten. Bei seiner dritten Reise nach Italien 1722 besichtigte der Prinz außerdem die Akademie in Siena, in der es ebenfalls eine Vorführung für ihn gab. Der Kurprinz sah unter anderem Darbietungen zu Tanzen, Fechten, Voltigieren, Fremdsprachen, militärische Exerzitien sowie Fahnenschwingen.
Während Letzteres ein italienisches Brauchtum war, war der Rest Disziplinen, die zum Bildungskanon eines deutschen Adligen gehörten. Bei der Auflistung in den einzelnen Diarien steht der Tanz nicht ohne Zufall an vorderster Stelle. Karl Albrecht hatte wie allgemein üblich von Kindesbeinen an Tanzunterricht, und zwar mehrmals die Woche; während des Exils bei Ferdinand le Comte, in München dann bei Pierre Dubreil. Der häufige Unterricht war notwendig, da die Tänze der Zeit technisch hoch anspruchsvoll waren, denn sie bestanden aus komplizierten Schritten und Raumwegen – im Barocktanz liegt der Ursprung des klassischen Balletts. Der Tanzmeister lehrte aber nicht nur das Tanzen, sondern auch Körperbeherrschung und die komplexe höfische Etikette. Auf seiner Reise durch Italien konnte der Kurprinz zeigen, dass er all dies perfekt beherrschte.
Getanzt wurde in erster Linie natürlich auf Bällen, aber Tanz war im 17. und 18. Jahrhundert auch wesentlicher Bestandteil von Bühnenwerken. Karl Albrecht ging während seines Aufenthaltes in Italien häufig in die Oper, besuchte aber auch das Sprechtheater. Als Vorgeschmack auf Italien wurde am 13. Dezember 1715 in Innsbruck eine italienische Burlesca aufgeführt, bei der laut Reisetagebuch „verschiedene Tanzarten untermischt waren“. Am Hof von Modena wurde am 16. März 1716 vor dem Ball eine Oper dargeboten, die von den Prinzen und Prinzessinnen selbst sowie zwei Höflingen präsentiert wurden. Weitere Darsteller sangen und tanzten. Dass der Adel selbst auf der Bühne stand, wurde unter Ludwig XIV. etabliert, der in seinen Hofballetten die Hauptrolle tanzte. Dies ahmte man an den anderen europäischen Höfen nach und zwar noch lange, nachdem in Versailles schon längst professionelle Tänzer und Schauspieler auf der Bühne standen. Und so eben auch in Modena 1716. Auch am Münchner Hof war es üblich, bei Opern und Schauspielen mitzuwirken. Kurfürst Max Emanuel, der Vater Karl Albrechts, trat schon mit sechseinhalb Jahren zum ersten Mal als Tänzer öffentlich auf, und auch seine Söhne eiferten ihm nach, wie man in zeitgenössischen Libretti sehen kann.
Dass in der italienischen Oper getanzt wurde, und zwar am Ende der einzelnen Akte, verraten ebenfalls die Libretti. Die vier Reisediarien berichten nichts darüber; es reichte festzuhalten, dass der Prinz in der Oper war – dass dort gesungen und getanzt wurde, war selbstverständlich und musste deshalb nicht erwähnt werden. Umso bemerkenswerter ist das private Reisetagebuch Karl Albrechts, das er geführt hat, als er mit seiner Gattin 1737 in Italien war. Er berichtete darin mehrmals von Opern, die er besucht hat und äußerte sich fachmännisch zum Tanzgeschehen auf der Bühne. So lobte er in Padua eine Tänzerin namens St. George, dass sie sehr anmutig und auch flink tanzen konnte. Leider frönte sie aber dem italienischen Stil, Sprünge zu hoch auszuführen. In Venedig äußerte sich Karl Albrecht wohlwollend über den berühmten Tänzer Grossatesta, während der restliche Tanz aus einem regelrechten Durcheinander bestand, woran seiner Meinung nach die extravaganten und lächerlichen Sprünge schuld gewesen seien.
Während die Diarien relativ wenig zum Tanz auf der Bühne sagen, verraten sie umso mehr zum Tanz im Ballsaal. Während der 262 Tage dauernden Reise war der Kurprinz nachweislich auf 68 Bällen zu Gast. Vermutlich hat er aber noch viel mehr getanzt, und zwar auf Abendgesellschaften, wo neben Konversation, Musik und Spiel auch Tanz üblich war, was in Reisebriefen angedeutet ist. Bei so zahlreichen Tanzveranstaltungen, die der Prinz auf seiner Reise besucht hat, kommen mehrere Fragen auf: Wann hat man getanzt, wo wurde getanzt und wie beziehungsweise was wurde getanzt?
Die Bälle, die Karl Albrecht besuchte, waren nicht an bestimmte Tage gebunden, sondern konnten an jedem Tag der Woche stattfinden. Allerdings gab es längere Zeiträume, in denen nicht getanzt wurde – theoretisch zumindest. Es handelt sich um die „verbotene Zeit“, und zwar die Advents- und die Passionszeit. In der katholischen Kirche waren dies Buß- und Fastenzeiten, in denen keine öffentlichen Lustbarkeiten, also auch Bälle, stattfinden durften. Dieses Verbot schloss sogar Hochzeitsfeiern ein. Auch im privaten Rahmen sollte man sich diesbezüglich zurücknehmen. Karl Albrechts Reise begann am Anfang der Adventszeit und führte ihn zunächst nach Innsbruck und Salzburg. In Salzburg war er zudem Gast des Fürsterzbischofs. Die Tagebücher verraten, dass es fast täglich musiktheatralische Aufführungen und Bälle gab – von Buße und Besinnlichkeit keine Spur. Anders war es hingegen in Venedig, hier wurde die verbotene Zeit eingehalten. Faschingsdienstag war die letzte Möglichkeit, Bälle und Opern zu besuchen; mit Beginn der Fastenzeit war die Saison hierfür erst einmal vorbei. Auch im privaten Rahmen wurde offensichtlich nicht getanzt, denn aus den Tagebüchern geht hervor, dass Karl Albrecht nun dagegen häufiger ins Konzert ging.
Interessanterweise wurde das Tanzverbot in den anderen italienischen Städten, in denen der Kurprinz auf dem Weg nach Rom Halt machte, lascher gehandhabt. So fanden zum Beispiel in Modena und Bologna Hausbälle statt (am 22. März mit immerhin 300 Gästen) und auch die Oper in Bologna wurde bespielt.
In der Heiligen Stadt wiederum herrschten strenge Sitten. Papst Clemens XI. scheint dort das Tanzverbot sogar ausgeweitet zu haben, denn Karl Albrechts Kammerherr Santini schreibt in seinem Brief von Karsamstag, dem letzten Tag der Passionszeit, dass der Marquis Gabrielli ein Fest plant, es aber „nicht sicher sei, ob der Papst das Tanzen erlaubt, wie die Damen es wünschen“. Dieses Fest fand am Mittwoch nach Ostern statt; wie sich herausstellt ohne Tanz. Denn drei Tage später, am 18. April 1716, also eine Woche nach Ende der Passionszeit, beklagte sich Karl Albrecht in einem Brief an seinen Vater, dass es keine Bälle in Rom gäbe, da der Papst es nicht mag, wenn man tanzt. Erst am 26. April findet man in den Diarien eine Notiz, dass der Kurprinz an einem kleinen, spontanen Hausball teilnahm. Bei seiner Italienreise 1722 hingegen verhielt es sich in Rom ganz anders, denn gleich am Ostersonntag, so als wolle man das Ende der Fastenzeit feiern, gab es in der Casa Bolognetti einen Ball, bei dem der Prinz bis in die frühen Morgenstunden tanzte.
Die Bälle fanden immer abends statt. Häufig ging ihnen ein Abendessen voraus, die Diarien vermerken aber auch, dass erst nach dem Ball ein Nachtmahl zu sich genommen wurde, dann aber oft zu Hause und nicht mehr beim Gastgeber. Auch besuchte man vor dem Ball gerne die Oper oder eine Schauspielaufführung. In Innsbruck zum Beispiel ging man am 13. Dezember 1715 um abends um halb sechs in die Oper und nahm um zehn Uhr das Abendessen ein (Opernaufführungen dauerten im Barock durchaus fünf Stunden oder länger). Dem Essen schloss sich ein Ball an, der bis etwa fünf Uhr morgens dauerte. Nur zweimal ist in den Diarien davon die Rede, dass schon nachmittags getanzt wurde, woran sich dann abends ein zweiter Ball anschloss.
II.
Bis auf eine einzige Ausnahme, die später relevant wird, handelt es sich bei den knapp 70 erwähnten Bällen um Hofbälle beziehungsweise um Bälle, die von Adligen oder im Falle Livornos von einem hochrangigen Bürger veranstaltet wurden und dementsprechend eine geschlossene Gesellschaft bildeten. War Karl Albrecht mehrere Tage in einer Stadt, war er in der Regel in verschiedenen Häusern zu Gast, denn natürlich war jeder daran interessiert, einen solch prominenten Gast zu beherbergen, steigerte es doch das eigene Renommee. Dass die jeweiligen Gastgeber, bei denen Karl Albrecht logierte, einen Ball ausrichteten, war fast selbstverständlich. Über viele Bälle gibt es keine Details in den Tagebüchern oder sie vermerken, es war ein „gewöhnlicher“, also normaler Ball. Bei vier Bällen aber wird explizit beschrieben, dass sie Karl Albrecht zu Ehren gegeben wurden. In Vicenza beim Conte Porto wurden deshalb die Wandleuchter mit dem bayerischen Wappen dekoriert. Zwei Tage später in Padua waren die Wände des Treppenhauses und des Ballsaales im Palazzo Commono mit vier großen bayrischen Wappen behängt, und das Gleiche galt auch für einen Ball in Venedig. Während es große Bälle mit 300 Anwesenden gab, fanden aber auch durchaus kleine Hausbälle statt. So tanzte man beim Herzog von Modena nur zu acht im engen Kreis der Familie. Auch scheinen die kleinen Bälle oft eher spontan gewesen zu sein. So ließ der Conte Bolognetti kurzfristig Musiker aus der Stadt in sein Landhaus kommen, um dem Prinz und den anwesenden Damen einen einstündigen Tanzabend zu ermöglichen.
Auf drei Bälle soll näher eingegangen werden, da sie für den Prinzen etwas Besonderes waren, wie auch den Diarien und Briefen zu entnehmen ist. Anhand dieser Beispiele kann man auch sehen, wie aufwendig diese Festkultur betrieben wurde. Der erste Ball fand am Faschingsdienstag in Venedig statt und zwar in der Oper San Chrysostomo. Dem Ball ging eine Opernaufführung voraus, die der Kurprinz allerdings ausließ, um stattdessen in Frauenkleidung ins Kaffeehaus und ins Ridotto, dem Casino, zu gehen. Zum Ball ging der Prinz dagegen unmaskiert. Er begann mit einer fürstlichen Tafel in den Logen, wofür man dort extra die Seitenwände entfernt hatte. Auf der prächtig verzierten und beleuchteten Bühne war der Musenberg Parnass zu sehen, auf dem verkleidete Musiker und Sänger eine Serenade erklingen ließen. Nach dem Essen begab man sich in das von Stühlen leergeräumte Parterre, wo der Ball stattfand. Die Logen waren mit unzähligen Zuschauern gefüllt, und der Ball ging bis morgens um sechs.
Karl Albrechts Reisebegleiter Graf Preysing beschreibt den Abend als königliches Fest und auch der Prinz war von der großartigen Atmosphäre sehr angetan. Nicht nur der letzte Abend der Karnevalssaison war etwas Besonderes, sondern auch Karl Albrechts letzter Abend auf italienischem Boden. In Verona, wo er zu Gast bei dem Dichter und Gelehrten Scipione Maffei war, veranstaltete dieser dem Kurprinzen zu Ehren einen Ball im antiken Amphitheater. Links vom Eingang war eine große Bühne errichtet, auf der zunächst eine „sehr schöne Komödie“ präsentiert wurde, der eine Serenade folgte und von wo schließlich die Musik zum Ball erklang. Gegenüber der Bühne gab es im Halbkreis überdachte Sitzplätze für die Damen. Dazwischen war der Tanzboden errichtet, und das Ganze wurde stimmungsvoll illuminiert. Die Ränge waren mit über 3.000 Zuschauern besetzt. Das Fest endete kurz nach Mitternacht, da bereits für fünf Uhr die Abreise des Prinzen geplant war.
Wirklich einzigartig war der Ball am 23. Juli 1715 in Genua, denn dieser fand auf dem Meer statt. In dreiwöchiger Arbeit hatte man vor dem Hafen einen schwimmenden Ballsaal errichtet. Hierzu wurden acht Schiffe miteinander vertäut, über deren Decks sich der Tanzboden erstreckte. Dieser war als zehneckiger Saal mit vier Eingängen und hohen Fenstern gestaltet. An zwei Seiten befanden sich wasserspeiende Tritone und auf der Kuppel des Saales stand eine Neptunstatue. Im Inneren waren die Wände mit weiß-grüner Seide verkleidet und die Eingänge mit roten Damastvorhängen versehen. Der Saal wurde von fünfzehn großen Kristall-Lüstern und unzähligen Wandlichtern erhellt. Oben gab es einen Balkon für die Musiker und einen für die Zuschauer. Unten befanden sich außer dem Ballsaal vier Räume, in die man sich zurückziehen konnte und wo Getränke und Sorbets angerichtet wurden. Die über 300 Gäste wurden mit Gondeln zum schwimmenden Ballsaal gebracht. Mit Karl Albrechts Ankunft begann der Ball, der zunächst drei Stunden dauerte. Um elf Uhr abends wurden der Kurprinz und etwa 20 Damen und Kavaliere mit Gondeln zu einer nahen Galeere gebracht, wo man das Abendessen einnahm. Anschließend ging es wieder zurück und man tanzte bis vier Uhr morgens.
Wie bereits angedeutet gab es unter all den privaten Bällen eine Ausnahme, und zwar den Ball in Venedigs Oper San Chrysostomo, von dem gerade die Rede war. Schon im Gründungsjahr des Opernhauses 1678 etablierte sich der Brauch, im Anschluss an die letzte Opernaufführung der Karnevalssaison diesen Ball zu veranstalten, dem jährlich Zeitungen und Reiseberichte ihre Aufmerksamkeit schenkten, ähnlich wie heute dem Wiener Opernball. Das Besondere und Einzigartige an diesen Faschingsdienstagsbällen in San Chrysostomo war, dass sie öffentlich und somit jedem zugänglich waren. Man bezahlte Eintritt, der Preis für die Logen stieg – vielleicht wegen der Anwesenheit des Kurprinzen – auf sechzehn Unghari.
Dass ein Ball öffentlich war, war zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit, denn Bälle waren ausschließlich dem Adel vorbehalten. Aber gerade zu der Zeit, in der Karl Albrecht in Italien weilte, begann in dieser Hinsicht ein Umbruch. Im Herbst 1715 eröffneten an der Pariser Oper die „bals publics“, öffentliche Bälle, die im Gegensatz zu dem Ball in Chrysostomo ganzjährlich stattfanden. Und auch in München gab es erst seit Januar 1716 öffentliche Maskenbälle, wenn auch nur in der Karnevalszeit. Von diesen berichtet Max Emanuel seinem Sohn nach Chievo, während dieser dort auf das Ende der Quarantäne und den venezianischen Karneval entgegenfieberte. Aus dem Brief des Vaters erfährt man, dass die Münchner Maskenbälle zweimal die Woche im Saal des Alten Rathauses stattfanden und dass der Eintritt einen Florin betrug. Karl Albrechts Brüder, seine Schwester und die Hofdamen waren regelmäßig vor Ort.
Zum Stichwort Maske soll hier ergänzt werden, dass das Maskentragen in Venedig nicht auf die Zeit des Karnevals beschränkt war; es gab nur wenige Zeiträume im Jahr, wo die Maske nicht getragen wurde. Die Maske als Anonymisierungsmittel war normaler Bestandteil der adligen Kleidungskultur Venedigs. In den Tagebüchern ist darüber hinaus von zwei Bällen andernorts die Rede, wo die Besucher ebenfalls in Maske erschienen, und zwar in Neapel am 8. Mai und bei dem schon erwähnten Ball in der Arena von Verona am 12. August, bei dem „Masken nach Sitten des Landes“ getragen wurden.
III.
Wie lief nun ein Ball damals ab? Der ganze höfische Alltag war vom Zeremoniell geprägt; sich zwanglos zu verhalten war geradezu unmöglich. Das traf auch auf das Tanzen zu. Ein paar kurze Ballszenen aus den Diarien werden im Folgenden hier skizziert: Bei einem Ball in Verona am 29. Januar 1716 saßen an der Längsseite des Ballsaals die Damen in drei bis vier Reihen. Vor ihnen standen die Kavaliere, die sich aber hinknieten, wenn der Kurprinz tanzte, damit die Damen besser sehen konnten. In Venedig tanzte man am 20. Februar im Parterre des Opernhauses. Alle Logen waren mit unzähligen Zuschauern besetzt, die dem Prinzen beim Tanzen zusahen. In Bologna waren am 22. März 300 Damen und Kavaliere beim Ball anwesend, um die Großprinzessin und den Kurprinzen zu sehen.
Auffällig an diesen Schilderungen ist, dass auf den Bällen mehr zugeschaut als getanzt wurde. Auch auf einer Abbildung eines Balles in der Casa Fibbia 21 Jahre später sieht man Karl Albrecht mit seiner Gattin alleine vor Publikum tanzen. Genau diesen Ballabend schildert Karl Albrecht in seinem Tagebuch von 1737: Der Zeremonienmeister bat ihn, den Ball zu eröffnen, woraufhin er mit seiner Gattin tanzte. Danach übergab der Zeremonienmeister Maria Amalia einem polnischen Prinzen für den nächsten Tanz. Und so ging es abwechselnd mit den Kavalieren und Damen weiter, die vom Zeremonienmeister dazu bestimmt wurden, zu tanzen. Bei einem Ball im Palazzo Borghese 1716 sollte Karl Albrecht als ranghöchster Anwesender den Tanz mit der Frau des Gastgebers eröffnen. Sie entschuldigte sich aber damit, nicht tanzen zu können und bat die Prinzessin aus dem Hause Giustiniani, ihren Platz einzunehmen.
Aus diesen Schilderungen ergibt sich folgendes Bild: Auf den Bällen waren viele Gäste anwesend, von denen aber nur wenige tanzten und die meisten stattdessen zusahen. Man eröffnete den Ball mit Tänzen für ein Paar, und die Tänzer tanzten dem Rang nach. Außerdem wurden die wenigen Tänzer im Vorfeld durch den Zeremonienmeister festgelegt. Ein adliger Ball unterlag also einem strengen Zeremoniell, was durch Rohrs „Einleitung zur Ceremonial Wissenschaft der großen Herren“ von 1733 und anderen zeitgenössischen Quellen bestätigt wird. Was in den Reisediarien geschildert wird, ist die typische Struktur eines „bal paré“, eines höfischen Balles, wie er unter Ludwig XIV. eingeführt wurde und noch bis ins Rokoko üblich war. Als Max Emanuel 1687 in Venedig war, bestand der Tanz auf dortigen Bällen hingegen aus einer Art paarweisen Promenade von Raum zu Raum, bei der man Konversation betrieb. Dies wurde von französischen und englischen Reisenden dieser Zeit als sehr niveaulos und befremdlich empfunden, da man von zu Hause anspruchsvollere Tänze gewohnt war. Aber wie man den Tagebüchern Karl Albrechts entnehmen kann, hatte man inzwischen auch in Italien die französische Tanzkultur übernommen.
Graf Preysing, der den Kurprinz und seinen jüngeren Bruder Ferdinand Maria 1722 nach Italien begleitete, erwähnte in seinen damaligen Schreibkalendern, dass die beiden Prinzen auf den Bällen Menuette tanzten. Wie eingangs erwähnt, waren die Tänze der damaligen Zeit, vor allem die Solo- und Paartänze, technisch sehr anspruchsvoll. Um gut Menuett tanzen zu können, brauchte es mehr als ein Jahr Unterricht, und das bei fast täglicher Unterweisung. Wer dann auf der Tanzfläche unter den Augen der kritischen Zuschauer beim Paartanz versagte, hatte in den Augen des Adels auch gesellschaftlich versagt, wie zeitgenössische Schilderungen bestätigen. Friedrich August, Kurprinz von Sachsen, der zeitgleich mit Karl Albrecht in Venedig weilte, versagte nicht auf dem Parkett wie man in einem Brief Karl Albrechts an seinen Vater lesen kann: Friedrich August „liebt das Tanzen, und es gelingt ihm sehr gut, trotz seiner Figur, die nicht sehr vorteilhaft ist.“
Nach den eingangs getanzten Menuetten, die sich ein bis zwei Stunden hinzogen, da immer nur ein paar tanzte, wurden auf den höfischen Bällen Kontratänze getanzt. Man unterscheidet zwischen den Kontratänzen englischer Art, „Contredanse anglaise“, bei denen man sich paarweise in einer Reihe gegenüberstand, und den Kontratänzen französischer Art, „Contredanse française“, bei denen zwei oder vier Paare in einem Karree Aufstellung nahmen. Diese Form des Gesellschaftstanzes hatte den Vorteil, dass mehrere Personen gemeinsam tanzen konnten und dass die Tänze einfacher waren. Trotzdem wurde auch hier das Zeremoniell beachtet, denn die Paare waren hierarchisch dem Rang nach aufgestellt. Bei der Vorführung der Akademie-Schüler in Neapel hatten diese einen Tanz einstudiert, „in dem sich einer mit dem anderen in Form einer Raute überkreuzte, und man so künstlerisch das Wappen des bayerischen Hauses repräsentierte.“ Die Beschreibung lässt vermuten, dass es sich hierbei um einen Kontratanz handelte.
Das strenge Zeremoniell, das auf den großen Bällen herrschte, gab es vermutlich nicht auf den kleinen Hausbällen, oder wenn in abgeschwächter Form. Bei dem oben erwähnten Ball mit acht Teilnehmern bei der Herzogsfamilie in Modena fand schon das vorangehende Abendessen formal zwangloser statt, denn man saß an der Tafel nicht dem Rang entsprechend, sondern „pesle mesle“, also durcheinander. Und das Diarium sagt außerdem, dass der Ball mit einem englischen Tanz, also einem „Contredanse anglaise“, begann. Dies wurde vom Schreiber sicher aus dem Grund erwähnt, da es von der üblichen Norm abwich, den Ball mit Menuett-Tanzen zu beginnen.
IV.
Das steife Zeremoniell konnte also durchaus auch durchbrochen werden. Im Tanz galt dies besonders bei Maskenbällen, da durch die Anonymisierung die Ranghierarchie zumindest zum Teil aufgehoben wurde. Die Ranghierarchien wurden auch auf zwei speziellen Formen höfischer Verkleidungsdivertissements aufgehoben beziehungsweise verdreht, und auch war Tanz ein wesentlicher Bestandteil. Das erste war das „Spiel vom Königreich“, das eigentlich zu Beginn des 18. Jahrhunderts schon veraltet war, sich aber am Mainzer und Münchner Hof weiterhin großer Beliebtheit erfreute. Es wurde traditionell am Dreikönigstag gespielt. Am Tag zuvor wurde per Los unter den Teilnehmern der König bestimmt und die anderen waren dessen Hofstaat. Das Spiel begann mit einer Prozession durch den Palast, setzte sich mit einer festlichen Tafel fort und wurde durch einen Ball beendet. Man hielt sich an das strenge Zeremoniell mit seinen Rangunterschieden, aber der Reiz lag daran, dass man die Rollen vertauscht hatte.
Auch Karl Albrecht spielte dieses Spiel mit seinem Gefolge am Dreikönigstag, während er in Chievo die vierzigtägige Quarantäne einhielt. Vermutlich fand es aber in Kurzform ohne den Tanz statt, denn dazu fehlten die Damen. Das zweite Verkleidungsdivertissement, was sehr beliebt war, war die sogenannte Wirtschaft. Der Prinz nahm an einer solchen am Innsbrucker Hof teil. Hier spielte man ein Wirtshaus nach, bei dem das Herrscherpaar, in diesem Fall Karl Philipp von der Pfalz und seine Gattin, als Wirtsleute die Gäste empfing. Daneben gab es Höflinge in den Rollen etwa des Kochs oder der Küchenmagd. Die Rollen der Gäste (bei einer ländlichen Wirtschaft zum Beispiel Bauern oder Schäfer) und die Zusammenstellung zu Paaren wurden ausgelost, wie man aus den Diarien erfährt. Es wurde eine rustikale Tafel gehalten und danach gab es Tänze zu Bauernmusik, in Innsbruck dauerte der Tanz bis fünf Uhr morgens. Üblicherweise wurden Wirtschaften zum Abschluss des Karnevals gehalten. In seltenen Fällen, und so auch hier beim Kurprinzen, diente die Wirtschaft anlässlich eines hohen Besuches zur Ehrung des Gastes. Der Vorteil lag darin, dass man eine entspannte Kommunikationssituation hatte, bei der die höfische Rangordnung weitgehend außer Kraft gesetzt wurde.
Nach seiner Rückkehr nach München hatte Karl Albrecht ein Andenken an seine Reise in Gedichtform erhalten. In dem „Wett-Streitt der vornembsten stätt in Italien“ wurden die Höhepunkte der Reise zusammengefasst. Auch die großartigen Bälle in Venedig, Verona und Genua fehlten hier nicht. Aber nicht nur in poetischer Form erhielt Karl Albrecht ein Andenken an seine erste Italienreise, sondern auch in einer Form, die auf den tanzbegeisterten Prinzen perfekt zugeschnitten war. Zum Neujahrstag 1717 schenkte ihm der Hofchoreograph, Tanzmeister und Kammerdiener des Kurprinzen, Pierre Dubreil, einen aufwendig gestalteten Band mit fünfzehn Tänzen für die Divertissements und Bälle am Münchner Hof. Darunter sind vier Tänze, die einen Bezug zu Städten haben, die der Prinz bereist hatte. Im Vorwort der Tanzsammlung schreibt Dubreil: „Seine Reise nach Italien hat mehreren dieser Contredanses den Namen der bekannten Städte gegeben, in denen alle Leute in Eurer Durchlaucht all die Vollkommenheit Eures erlauchten Vaters wiedererkannt und bewundert haben: sowohl die vollkommene Kenntnis all der schönen Künste als auch das zuvorkommende, großzügige Benehmen und generell alle Tugenden, die einen großen Prinzen ausmachen.“ Beim Tanzen von La Venitienne, La Milanoise, La Florentine und La Bolognoise konnte sich Karl Albrecht an die großartigen Tanzabende in diesen Städten zurückerinnern.