Die zahlreichen Krisen und Belastungsproben der frühen Weimarer Republik – der Versailler Vertrag mit seinen als demütigend empfundenen Bestimmungen, die das politische Klima vergiftende Dolchstoßlegende, die Putschversuche der radikalen Rechten und Linken, schließlich die Erfahrung der Hyperinflation und der Ruhrkampf – führten in der deutschen Bevölkerung zu einer unverkennbaren Polarisierung des politischen Denkens. Ihren Niederschlag fand diese Entwicklung nicht zuletzt in dem rasanten Anwachsen des völkischen Lagers, insbesondere des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbunds, dessen Massenzulauf seit 1919, gerade hier in München, in der Geschichte der völkischen Bewegung bis dahin völlig beispiellos war.
Weit weniger bekannt als dieser gut untersuchte Zusammenhang ist der Umstand, dass die Krisenjahre nach 1918 keineswegs nur eine Hochzeit rechtsradikaler Agitatoren und verstiegener, esoterischer Weltuntergangspropheten war. In dieser Zeit gelang es auch zahlreichen bewusst gemäßigt auftretenden, inhaltlich gleichwohl entschieden der völkischen Ideologie verpflichteten Autoren, weit über das rechtsradikale Parteien- und Verbandsleben hinaus bildungsbürgerliche Bevölkerungsgruppen anzusprechen und weltanschaulich zu beeinflussen. Völkische Ideologie meint hierbei im Kern jenes Konglomerat aus Rassismus, Deutschtümelei, Sozialdarwinismus und vor allem Antisemitismus, das seit dem späten 19. Jahrhundert zunehmend populär wurde und aus dem ab 1920 auch die Nationalsozialisten ihre Weltanschauung epigonenhaft abschöpften. Durch den Anschein affektloser Geistigkeit und anspruchsvoller Kommunikationsformen wollten jene gemäßigt auftretenden Ideologen den mit Ressentiments und Vorurteilen beladenen Kern ihrer Weltanschauung kaschieren und so insbesondere akademische Eliten als wichtige Multiplikatoren der völkischen Agenda gewinnen – Eliten, die von vulgären und aggressiveren Formen der politischen Agitation abgestoßen wurden. Drei dieser gemäßigt auftretenden Autoren waren Hans Grimm, Erwin Guido Kolbenheyer und Wilhelm Stapel. Ihr persönlicher Werdegang sowie im Besonderen ihr gesellschaftlicher Einfluss nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stehen im Zentrum meines Vortrags.
I.
Ein Begriff ist der historisch interessierten Öffentlichkeit heute allenfalls noch Hans Grimm. Grimm, 1875 in Wiesbaden als Sohn des späteren nationalliberalen Landtagsabgeordneten Julius Grimm geboren, lieferte 1926 mit dem Titel seines Bestsellers Volk ohne Raum den Nationalsozialisten ein zugkräftiges und gierig aufgegriffenes Schlagwort, das sich freilich bald von seinem ursprünglich kolonialpolitischen Kontext lösen sollte und später durch die NS-Propaganda in Verbindung mit dem angeblich erstrebenswerten „Lebensraum im Osten“ gebracht wurde. Volk ohne Raum machte Grimm praktisch über Nacht berühmt. Bis 1945 verkauften sich von dem Roman rund 650.000 Exemplare – ein enormer Erfolg, der im Übrigen nach dem Zweiten Weltkrieg seine Fortsetzung finden sollte, als bis 1963 weitere rund 130.000 Exemplare abgesetzt werden konnten. Vor der Veröffentlichung des mit insgesamt 1.300 Seiten nicht gerade schlanken Romans, an dem er insgesamt sechs Jahre gearbeitet hatte, war Grimm im Grunde ein Niemand auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt gewesen und durch seine 1913 veröffentlichten Südafrikanischen Novellen allenfalls noch Kennern der Kolonialliteratur näher vertraut.
In fast all seinen Werken verarbeitete Grimm biografische Erfahrungen aus seinen eigenen Lebensjahren in der britischen Kapkolonie (heute Südafrika), wo er von 1898 bis 1908 tätig gewesen war, zunächst als Angestellter eines Handelsunternehmens in Port Elizabeth, dann als selbstständiger Kaufmann. Vor seiner Auswanderung nach Afrika hatte Grimm, der infolge eines Unfalls in der Kindheit stark sehbehindert war, auf Anraten seines Vaters ein Studium der Literaturwissenschaft abgebrochen und stattdessen eine Großkaufmannslehre in London absolviert. Der Schriftstellerei und Journalistik wandte sich Grimm erst 1908 zu, im Alter von bereits 33 Jahren, und kehrte daher 1910 ins Deutsche Reich zurück. In den darauffolgenden Jahren arbeitete Grimm für so namhafte Zeitungen wie die Tägliche Rundschau, die Vossische Zeitung und die Frankfurter Zeitung und absolvierte ab 1911 zudem ein Studium der Staatswissenschaften und Nationalökonomie in München und Hamburg.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehörte Hans Grimm nicht dem (zahlenmäßig ohnehin überschaubaren) Lager der begeisterten Kriegsenthusiasten an. Dies war schon deshalb nicht der Fall, da ihm der deutsche Kriegsgegner Großbritannien, trotz aller Vorbehalte im Einzelnen, als der ideale, ja als der natürliche Bündnispartner Deutschlands galt. Die Mächtekonstellation des Jahres 1914 war für ihn daher Ausdruck einer verheerenden außenpolitischen Fehlentwicklung. Dessen ungeachtet leistete Grimm ab dem Oktober 1916 Militärdienst. Nach einem kurzen Einsatz in der Etappe hinter der Somme-Front wurde er aufgrund seiner exzellenten Englischkenntnisse bald vor allem zu Dolmetscherarbeiten herangezogen. Ab 1917 verfasste Grimm im Auftrag der Obersten Heeresleitung (OHL) dann den Roman Der Ölsucher von Duala, der französische Kriegsverbrechen gegen deutsche Kolonisten in Kamerun anprangern und zugleich die eigenen kolonialen Ambitionen Deutschlands legitimieren sollte. In der Folgezeit arbeitete Grimm bis Kriegsende in der Berliner Auslandsabteilung der OHL, wo er abermals propagandistische Texte verfasste, die im Besonderen das neutrale Ausland von der angeblichen Unschuld Deutschlands am Kriegsausbruch überzeugen sollten.
Unmittelbar nach der deutschen Kapitulation im November 1918 ließ Grimm sich dann in Lippoldsberg an der Weser als freier Schriftsteller nieder, im Gebäude eines aufgelösten Klosters. Er tat dies in einer sichtlich depressiven, wie er selbst schrieb: „seelisch kranken“ Befindlichkeit, nicht nur angesichts der militärischen Niederlage, sondern auch wegen vieler zermürbender Enttäuschungen, die er während des Krieges erlebt hatte. Noch 1925 sprach er privat von der „vollkommenen Unkameradschaftlichkeit“ und „ungeheuren Schieberei“, die er an der Front und in der Etappe erlebt habe und durch die der einfache Soldat „moralisch ruiniert“ worden sei. Auch in Berlin wären den ohnehin nur „ganz wenigen vornehmen geistigen Führergestalten“ fast alle Wirkungsmöglichkeiten „verdorben“ worden. Private Stellungnahmen wie diese sind umso aufschlussreicher, wenn man bedenkt, dass Grimm während der Weimarer Republik in öffentlichen Äußerungen undifferenziert die Legende des kollektiven „Augusterlebnisses“ von 1914 verbreitete und an den Rissen in der angeblich so homogenen „Frontgemeinschaft“ schweigend vorüberging.
Erst 1920 hellte sich die Stimmungslage Grimms wieder auf und er gelangte zur Überzeugung, das deutsche Volk könne aus der politischen und mentalen Krise innerlich gestärkt und geeint hervorgehen. Es lag in der Konsequenz dieses Stimmungswandels, dass Grimm in jenem Jahr zwar nicht beschloss, Politiker zu werden, sehr wohl aber entschied, mit der Arbeit an Volk ohne Raum zu beginnen – ein Roman, mit dem er den nicht gerade bescheidenen Anspruch erhob, das „deutsche Schicksal“ seit dem 19. Jahrhundert als Ganzes aufgezeigt zu haben, und von dem er auch glaubte, er weise einen Ausweg aus der bedrückenden Lage Deutschlands seit dem verlorenen Krieg. Als Begründung sämtlicher gesellschaftlicher und politischer Verwerfungen seiner Heimat diente und genügte Grimm – und mit ihm vielen gläubigen Lesern – fortan ein einziger Aspekt: die angeblich erstickende „Raumnot“ des deutschen Volkes in den Grenzen des Versailler Vertrags.
Infolge der Veröffentlichung von Volk ohne Raum, das ihm auch die Hochachtung und Bekanntschaft führender Nationalsozialisten wie Hitler und Goebbels einbrachte, geriet Lippoldsberg zu einer Art Wallfahrtsort der rechtskonservativen und völkischen Szene. Praktisch tagtäglich wurde Grimm von nun an in seiner nordhessischen Wahlheimat von rat- und orientierungssuchenden Menschen aller Altersgruppen und Bildungsschichten auf-, um nicht zu sagen heimgesucht, die trotz aller individuellen Unterschiede eine Gemeinsamkeit einte: der erbitterte Hass gegen die Republik von Weimar.
Dass es keineswegs nur radikale Extremisten waren, die sich von Volk ohne Raum und dem dahinter stehenden Weltbild beeindrucken ließen, bezeugt nichts anschaulicher als die Ehrendoktorwürde, die Grimm 1927 von der Philosophischen Fakultät der Universität Göttingen verliehen wurde. In ihrer Begründung hoben die Fakultätsmitglieder, von denen einige mit dem Schriftsteller persönlich befreundet waren, hervor, Grimm habe mit Volk ohne Raum das „Schicksal Deutschlands mit seherischer Gewalt sichtbar gemacht“ und der deutschen „Jugend die Zukunft eines freien und adeligen deutschen Lebens […] in die Seele gezeichnet“. Ebenso wie Paul de Lagarde, einer der Säulenheiligen der völkischen Bewegung des wilhelminischen Kaiserreichs, dessen Geburtstag sich 1927 zum 100. Mal jährte, verfügte Grimm in den Augen der Fakultät über einen „prophetischen Geist“; „im Glauben an die geschichtliche Sendung unseres Volkes“, so hieß es in der offiziellen Begründung des Ehrentitels weiter, habe Grimm seinen Landsleuten den Weg gewiesen, um „die deutsche Nationalität in der Einheit eines neuen Ideals aller Deutschen“ zu finden.
II.
Erwin Guido Kolbenheyer hingegen ist heute nur noch den Wenigsten ein Begriff. Dies liegt auch daran, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum ein Forscher in das Städtchen Geretsried bei München begeben hat, wo der umfangreiche Nachlass des Schriftstellers lagert. Dabei schuf Kolbenheyer mit seiner 1925 abgeschlossenen Paracelsus-Trilogie ein seinerzeit viel bewundertes Werk, das ihm seitens mehrerer Rezensenten gar den Ruf einbrachte, der würdige Nachfolger Goethes zu sein. Zugleich legte Kolbenheyer 1925 mit Die Bauhütte. Elemente einer Metaphysik der Gegenwart ein voluminöses philosophisch-weltanschauliches Hauptwerk vor, das von dem Glauben an die biologische Überlegenheit der „weißen Rasse“ im Allgemeinen und des deutschen Volkes im Besonderen durchdrungen war und das im akademischen Milieu der Republik einige Anerkennung fand.
Vor allem Geisteswissenschaftler zeigten sich beeindruckt von Kolbenheyers Denken, das in ihren Augen, wie zahlreiche Briefe an den Dichter bezeugen, eine Aura biologisch-naturwissenschaftlicher Illumination umstrahlte, an die sie sich wiederum in ihren eigenen Forschungen anlehnen wollten. Exemplarisch lässt sich hier anschaulich jene umfassende „Biologisierung des rechtsintellektuellen Denkens“ illustrieren, wie sie Niels Lösch vor einigen Jahren für die deutsche Geistes- und Wissenschaftsgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts diagnostiziert hat. Insbesondere lässt sich diese Faszination bei den Literarturwissenschaftlern bzw. -historikern Heinz Kindermann, Franz Koch, Josef Nadler und Hermann Schneider nachweisen. Naturwissenschaftler nahmen Kolbenheyers Bauhütte hingegen kaum zur Kenntnis – sehr zum Leidwesen des Dichterphilosophen, der sich Zeit seines Lebens mindestens auf Höhe der Biologie als Wissenschaft wähnte, eher aber noch davon überzeugt war, ihr einen Schritt voraus zu sein. Bezeichnenderweise verfestigte sich diese narzisstische Autosuggestion mit jedem Jahr, das verging, ohne dass Kolbenheyers Werk unter den Experten der Zunft ernsthaft diskutiert worden wäre.
Geboren worden war Kolbenheyer 1878 in Budapest, wo sein Vater, der Architekt Franz Kolbenheyer, zuvor einen lukrativen staatlichen Auftrag erhalten hatte. Nach dem sehr frühen und überraschenden Tod des Vaters im Jahr 1881, verbrachte Kolbenheyer seine Jugend im böhmischen Karlsbad, der Geburtsstadt seiner Mutter Amalie. Ab 1900 studierte er Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte und Zoologie an der Universität Wien, wo er 1905 bei Friedrich Jodl, dem Ordinarius für Philosophie, auch promovierte – im Übrigen fast zeitgleich mit Stefan Zweig. Entscheidend dafür, dass sich Kolbenheyer gegen eine mögliche akademische Karriere entschied, sondern sich alsbald ganz der Schriftstellerei widmete, war der respektable Erfolg, der 1908 seinem Debutroman Amor Dei zuteilwurde. Der große Durchbruch blieb Kolbenheyer in der Habsburgermonarchie indes verwehrt; mit den erfolgsverwöhnten Größen der Wiener Literaturszene wie Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Arthur Schnitzler und eben auch Zweig konnte er nicht annähernd konkurrieren. Ebenso wie Hans Grimm fand auch Kolbenheyer erst nach 1918 ein großes Publikum. Im „Dritten Reich“ zählte der bis zuletzt regimetreue Kolbenheyer dann sogar zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern überhaupt, ehe er dann spätestens ab Ende der 50er Jahre fast völlig in Vergessenheit geriet.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Kolbenheyer aufgrund eines laut eigener Aussage nur „geringfügigen Fußleidens“ ausgemustert und diente ab 1915 bis Kriegsende in der Verwaltung eines Kriegsgefangenenlagers bei Linz. Diese vergleichsweise unheroische Arbeit, ein „Papierkrieg“, wie er schrieb, erfüllte Kolbenheyer noch sehr lange mit einem Gefühl des Versagens und der „ungetilgten Schuld“. Umso stärker wollte er in der Folgezeit all seine Werke als einen dezidierten „Dienst am Volk“ verstanden wissen: „Ich bin nicht an der Front gelegen und habe nicht das Leben eingesetzt“, so bekannte er noch Ende 1930 dem Schweizer Schriftsteller Jakob Schaffner; „es brennt mir heute noch auf der Seele. Die Frontkämpfer sind todesbefriedet oder sie haben die äußerste Lebenspflicht geleistet; ich [aber] bin nicht dienstentlassen“.
Ebenso wie bei Hans Grimm wurde auch bei Kolbenheyer die Kriegsniederlage der Mittelmächte und die für ihn, wie für so viele Zeitgenossen, erschütternden Bestimmungen des Versailler Vertrags zum Ausgangspunkt einer tiefgreifenden ideologischen Radikalisierung. Vor diesem Hintergrund meldete sich Kolbenheyer bereits 1919 mit der Flugschrift Wem bleibt der Sieg? erstmalig als politischer Publizist zu Wort. Basierend auf dem Glauben, die Deutschen seien ungeachtet der Kriegsniederlage ein dezidiert „junges“, weil biologisch unverbrauchtes und damit zur Führung berufenes Volk, rief Kolbenheyer seine Landsleute darin dazu auf, sich nicht fatalistischen Untergangsszenarien hinzugeben, die damals en masse auf dem deutschen Buchmarkt zirkulierten. Stattdessen sollten die Deutschen im festen Glauben an die „Unaustilgbarkeit“ ihrer Art optimistisch in die Zukunft blicken; die vermeintlich überlegene biologische Kraft der Deutschen werde früher oder später schlechterdings naturnotwendig einen Wiederaufstieg zu „neuer innerer und äußerer […] Größe“ zur Folge haben. Mit seiner Flugschrift, die sich gewissermaßen als Gegenplädoyer zu Oswald Spenglers suggestiven Bestseller Der Untergang des Abendlandes von 1918 lesen und verstehen lässt, erregte Kolbenheyer innerhalb der deutschen Rechten einiges Aufsehen – unter anderem Hans Grimm und Wilhelm Stapel wurden damals auf den gebürtigen Österreicher aufmerksam.
Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie verließ Kolbenheyer mit seiner jungen Familie Wien und zog 1919 nach Tübingen, wo er bis 1932 lebte. Zum sichtbarsten Ausdruck der sehr großen Anerkennung, die sich Kolbenheyer in der berühmten Universitätsstadt erwarb, wurde die Ehrendoktorwürde, die ihm die Medizinische Fakultät 1927 anlässlich der Feierlichkeiten zum 450. Gründungsjubiläum der Universität Tübingen verlieh. Ganz dem Selbstverständnis Kolbenheyers entsprechend, begründete die Fakultät diese Ehrung ausdrücklich damit, dass Kolbenheyer sein Gesamtwerk in den „Dienste der seelischen und geistigen Gesunderhaltung unseres Volkes“ gestellt habe. Das große Renommee Kolbenheyers in Tübingen wurde zudem 1932 offensichtlich, als der damalige Rektor der Universität Martin Kirschner anlässlich des Umzugs des Dichters nach Solln bei München eine offizielle, prominent besetzte Verabschiedungsfeier organisierte.
Unkompliziert und frei von Animositäten war das Verhältnis Kolbenheyers zu den deutschen Universitäten während der Weimarer Republik indes nicht. Unschwer zu erkennen ist dies an Kolbenheyers 1929 veröffentlichtem Aufruf der Universitäten, in dem der sich notorisch missachtet fühlende Autor von den deutschen Hochschullehrern forderte, der angeblichen „Verniggerung“ des deutschen Kulturlebens aktiv entgegenzutreten und die wenigen, vermeintlich noch „artgerecht“ schaffenden Künstler, zu denen er sich persönlich selbstverständlich zählte, stärker zu unterstützen. Wenig überraschend wiesen einige Wissenschaftler Kolbenheyers pauschalen und von Selbstmitleid triefenden Appell zurück, doch lässt sich anhand zahlreicher Privatbriefe zeigen, dass sich weit über das Tübinger Umfeld hinaus zugleich viele deutsche Professoren mit der rassistischen Kulturkritik Kolbenheyers solidarisierten und zugleich bemüht waren, dem polternden Schriftsteller vor Augen zu führen, seit jeher in der von ihm geforderten Weise tätig gewesen zu sein. Zu diesem Kreis zählten so unterschiedliche Wissenschaftler wie die Philologen Johannes Mewaldt und Ewald Geißler, der Germanist Josef Nadler, der Philosoph Friedrich Kainz sowie der Physiker Pascual Jordan. Und auch Wilhelm Stapel, der dritte hier interessierende Autor, der zu diesem Zeitpunkt bereits zu den engsten Freunden und Vertrauten Kolbenheyers zählte, stimmte dessen Ausführungen uneingeschränkt zu und tat das Seinige, um die Inhalte des Aufrufs einem möglichst großen Publikum zur Kenntnis zu bringen.
III.
Wilhelm Stapel, 1882 in Kalbe westlich von Stendal als Sohn eines Uhrmachers geboren, avancierte vor allem infolge seiner 20-jährigen Herausgeberschaft der Zeitschrift Deutsches Volkstum. Monatsschrift für das deutsche Geistesleben ab 1919 zu einem der profiliertesten und bestvernetzten politischen Publizisten der Weimarer Rechten. Vor 1914 war Stapel nach einem Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Volkswirtschaftslehre und erfolgreicher Promotion an der Universität Göttingen besonders als langjähriger Mitarbeiter der bedeutenden Kulturzeitschrift Der Kunstwart hervorgetreten. In seinen öffentlichen Stellungnahmen vor 1914 folgte er unter dem Einfluss Friedrich Naumanns einer klar liberalen, zunächst sogar linksliberalen Linie. So forderte Stapel etwa vehement eine politische Kooperation von Liberalismus und Sozialdemokratie und attackierte scharf die Deutschkonservative Partei und die ihr nahestehenden Interessengruppen als „reaktionäre Mächte“, die nichts Wertvolles und Entwicklungsförderndes aufzuweisen hätten und die er zum damaligen Zeitpunkt für die „politische Stagnation“ Deutschlands verantwortlich machte. Der Sieg des „liberalen Gedankens“ über den Konservatismus galt Stapel vor dem Ersten Weltkrieg schlechterdings als eine „geschichtliche Notwendigkeit“.
Doch sollte auch bei Stapel, der 1914 ebenfalls vom Militärdienst freigestellt wurde, die Erfahrung von Krieg und Kriegsniederlage zu einer folgenschweren Verengung des politischen Denkens und einer fundamentalen weltanschaulichen Kehrtwende führen, die sich vor allem in zweierlei Weise manifestierte: Erstens in einem seit 1918 jäh hervorbrechenden Antisemitismus, zweitens in einer radikalen Abkehr vom politischen Liberalismus. Welche Zäsur die Jahre 1918/19 für das Denken aller drei Autoren darstellte, lässt sich mithin kaum überschätzen. Obwohl, oder vielleicht gerade weil Grimm, Kolbenheyer und Stapel mit den eigentlichen Kampfhandlungen in den Schützengräben nicht direkt in Berührung kamen, projizierten sie wie selbstverständlich das dichotomische Freund-Feind-Denkens der Kriegsjahre auf das zivile Leben der Weimarer Republik. Es handelt sich hierbei um eine der zentralen biografischen Parallelen, ohne die sich ihre weitreichende Interessensidentität während der Weimarer Republik weder erklären noch verstehen lässt.
Die Publizistik Wilhelm Stapels während der Weimarer Republik lässt sich aufgrund ihres enormen Umfangs und ihrer sehr großen thematischen Bandbreite nicht leicht charakterisieren. Eine feste Konstante war indes die Auseinandersetzung mit der sogenannten „Judenfrage“. Rasch eilte Stapel hier der Ruf als „Virtuose einer vornehmen und deshalb auch für Intellektuelle verführerischen Version des ‚Salonantisemitismus‘“ voraus, so die treffende Formulierung des Historikers Siegfried Lokatis. Im Kern basierte Stapels Auffassung vom Verhältnis zwischen Deutschen und Juden auf der Überzeugung, jedes Volk besitze einen individuellen, gottgewollten und von Gott geschaffenen „Nomos“, den es vor jedweder politischen und kulturellen „Überfremdung“ abzuschirmen gelte – und genau eine solche Überfremdungsabsicht unterstellte Stapel pauschal der jüdischen Bevölkerungsminderheit im Deutschen Reich.
Zugleich galt Stapel die Volkszugehörigkeit eines Menschen als eine „in Blut und Seele vom Schicksal“ festgeschriebene, also irreversible Größe, die nicht etwa durch autonome Willensentscheidungen des Individuums geändert werden konnte. Diese grundsätzliche Überzeugung konkretisierte sich vor allem in der Behauptung Stapels, Juden könnten weder jemals zu einem Teil des deutschen Volkes werden, noch je dessen Volkscharakter verstehen oder gar aktiv fördern. Vielmehr unterstellte Stapel jüdischen Politikern und Intellektuellen, bewusst oder unbewusst Träger eines ihnen gleichsam in die Wiege gelegten „Internationalismus“ zu sein und damit unweigerlich den genuin nationalen Interessen des deutschen Volks innerlich fremd oder gar feindselig gegenüberzustehen. Eine völlige Gleichberechtigung jüdischer Staatsbürger lehnte Stapel vor diesem Hintergrund ab; für sie konnte und durfte es nur ein Gastrecht geben. Insbesondere auf Schulen und Universitäten sowie in der Justiz forderte Stapel konkrete Berufsverbote und verband diese Forderung stets mit der zynischen Behauptung, Juden mit „Taktgefühl“ würden in diesen Bereichen ohnehin keine Karrieren anstreben.
Wie eingangs skizziert, gründete Stapels Ruf als Referenzautor eines vermeintlich affektlosen und „sachlichen“ Antisemitismus auf dem expliziten Anspruch, sich durch objektivitätsheischende Ausdrucksformen und eine vergleichsweise differenzierte Argumentation von der maß- und geschmacklosen Agitation der sogenannten „Radauantisemiten“ abzugrenzen bzw. abzuheben. Dieses Ansehen Stapels war ausdrücklich nicht nur das Ergebnis selbstreferenzieller Zuschreibungen innerhalb des eigenen politischen Lagers. Vielmehr wurde Stapel während der Weimarer Republik auch von zahlreichen jüdischen Autoren als jener Publizist der völkischen Rechten betrachtet, dessen Äußerungen inhaltlich und argumentativ besonders ernst genommen werden müssten. Dabei wurde sowohl respektvolle Anerkennung als auch scharfe Kritik laut. So erhielt Stapel von zionistischer Seite etwa viel Zustimmung für seine Behauptung, dass es Juden grundsätzlich unmöglich sei, „wesenhaft zu Deutschen“ zu werden. Die Zeitschrift Die Arbeit, ein Hauptorgan des damaligen Zionismus in Deutschland, druckte einen entsprechend argumentierenden Artikel Stapels 1919 unverändert und mit dem trockenen Kommentar ab, die Redaktion habe den Ausführungen des „aufrechten und ehrlichen Deutschen […] nichts hinzuzufügen“.
Völlig anders urteilte freilich ein der deutschen Geistesgeschichte zutiefst verbundener Philosoph wie Julius Goldstein. Goldstein hielt Stapels Thesen für derart suggestiv und gefährlich, dass er ihnen bzw. dem Versuch ihrer Widerlegung 1927 ein ganzes Buch mit dem Titel Deutsche Volks-Idee und deutsch-völkische Idee widmete, das ob seiner Hellsichtigkeit noch heute Leser verdient. Seine Fokussierung auf Stapel begründete der Philosoph dabei ausdrücklich damit, dass dessen Schriften besonders in jenen Kreisen, die ansonsten von der „Ungezogenheit und Unerzogenheit der antisemitischen Tagesliteratur“ abgestoßen seien, „als das Beste und Unangreifbarste“ anerkannt würden, „was sich über diesen Gegenstand sagen“ lasse. Wer einen eigenen Eindruck von den Schriften Stapels gewinnen möchte, über die Julius Goldstein in solcher Weise urteilte, kann dies im heutigen Arbeitskreis 5 tun. Als Textgrundlage dient hier ein Kapitel aus Stapels 1928 veröffentlichter Broschüre Antisemitismus und Antigermanismus.
Interessanterweise versuchten später auch die Nationalsozialisten, sich Stapel als Aushängeschild eines vermeintlich sachlichen und vorurteilsfreien Antisemitismus zunutze zu machen. So lud 1933 die Ausland-Abteilung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda Stapel dazu ein, für einen repräsentativen Sammelband mit dem Titel Germany speaks, der vor allem an die britische Gesellschaft adressiert war und für den NS-Staat werben sollte, den Beitrag zum Thema „Deutschland und die Juden“ zu verfassen; „jedes Kapitel“ in dem geplanten Band, so umwarb ihn der Leiter der Ausland-Abteilung Hermann Demann in einem Brief vom Juni 1933, sollte „von einem Mann geschrieben sein, der auf dem betreffenden Gebiet die größte Autorität genießt“. Zwar sollte Stapel dieses Ansehen in den Augen der neuen Machthaber in den darauffolgenden Jahren wieder verlieren, doch spricht es Bände über das Renommee, das er sich während der Weimarer Republik erworben hatte, dass das Propagandaministerium sich Stapel solcherart nutzbar machen wollte: als Gallionsfigur einer gegenüber dem kritischen Ausland mutmaßlich vorzeigbaren und intellektuell anspruchsvollen Spielart der Judenfeindschaft.
Eine zweite Grundkonstante von Stapels umfangreicher und weithin rezipierter Publizistik während der Weimarer Republik war, wie bereits angedeutet, die Auseinandersetzung mit dem Liberalismus. Ursprünglich ein entschieden liberaler Parteigänger, assoziierte Stapel nach 1918 mit dem Liberalismus schlechterdings eine tödliche Gefahr für das deutsche Volk. Zentrale Antriebskraft dieser antiliberalen Wende war die feste Überzeugung Stapels, der Versailler Vertrag habe über das Kriegsende hinaus eine innen- wie außenpolitisch existenzielle Bedrohungs- und Ausnahmesituation hervorgerufen, die nach radikalen Gegenmaßnahmen rief und diese in einem prekären Zirkelschluss zugleich legitimierte. Unter dem maßgeblichen Einfluss von Carl Schmitt und dessen Deutung des Freund-Feind-Gegensatzes als der eigentlichen Substanz des Politischen, wies Stapel jeden Gedanken von sich, Liberalismus und völkischer Konservatismus könnten durch ein etwaiges „Sowohl-als-auch“ miteinander verbunden werden; vielmehr hüllten sich in seinen Augen nun „alle devastierenden Mächte des Lebens […] in den verderblichen Heroenmantel des Liberalismus“, um so ihr (volks-)zerstörerisches Werk zu kaschieren. Um das deutsche Volk „durch diese Zeiten der Verwüstung [des] Leibes und der Seelen hindurchzuretten“, müsse, so Stapel 1928 wörtlich, „der Liberalismus ausgerottet werden“.
Dem individualistisch bzw. individualrechtlich orientierten Denken des Liberalismus, den er in den Texten nach 1918 vermehrt mit dem Adjektiv „jüdisch“ versah, stellte Stapel denn auch das Konzept des sogenannten „volkhaften“ Denkens entgegen: Anstelle individuelle Freiheitsrechte in den Vordergrund zu rücken, müsse die deutsche Bevölkerung zu der Erkenntnis gelangen, dass nicht etwa der Einzelne Träger des Rechts sei, sondern allein das Volk, welches dem Individuum erst „seine besondere Aufgabe und sein Recht“ zuweise. Ein zeitgemäßes und verantwortungsvolles politisches Denken musste für Stapel nun also vom Volksbegriff ausgehen: „Wir müssen“, so forderte er, „umgekehrt wie bisher, den lebendigen Organismus des Volkes als die höhere Einheit gegenüber dem menschlichen Gebilde des Staates anerkennen“; anders als der Staat sei das Volk ein von menschlichen Willensäußerungen unabhängiges, „unmittelbares Gebilde aus Gottes Schöpferhand“.
Die aus seiner Sicht den Deutschen von den alliierten Siegermächten aufgezwungene Weimarer Verfassung stellte für Stapel eine „Vergewaltigung des organischen Volkslebens“ dar, in der ein „Grundfehler des Liberalismus“ zum Ausdruck komme, nämlich der in seinen Augen naive Glaube, „politische Lebensformen“ ohne Weiteres „erdenken und einführen zu können“, anstatt von den tatsächlich existierenden Völkern auszugehen, verstanden als historisch gewachsene, in sich abgeschlossene, seelisch-biologische Kollektive. So sei 1918/19 eine mit dem deutschen Volkscharakter unvereinbare „Zirkel- und Lineal-Demokratie“ entstanden, deren Bekämpfung das zentrale Ziel seiner gesamten publizistischen Arbeit war. Überhaupt verstand Stapel, wie er 1926 an den völkischen Schriftsteller Friedrich Lienhard schrieb, seine Zeitschrift Deutsches Volkstum als eine „Kampfwaffe“ gegen den Liberalismus und insgesamt dürfte die öffentliche Wirkung Stapels während der Weimarer Republik kaum geringer ausgefallen sein als jene von Grimm und Kolbenheyer, wenngleich diese infolge ihrer großen Romanerfolge freilich ungleich berühmtere Namen trugen.
IV.
Wie lassen sich nun, im Hinblick auf den Themenkomplex „Bildungsbürgertum und völkische Ideologie“, die drei vorgestellten Autoren und ihr öffentlicher Einfluss zusammendenken? Hier lohnt ein Blick auf die Forschungen Wolfram Pytas, der vor einigen Jahren den Typus des intellektuellen Literaten beschrieben hat, der nach 1918 mit einigem Erfolg die „Sphäre der Kultur mit dem Feld der Politik“ zu verbinden versuchte, um auf Grundlage seiner „im autonomen Feld der Kultur erworbenen Autorität“ Einfluss auf politische und gesellschaftliche Debatten zu gewinnen. Grimm, Kolbenheyer und in etwas eingeschränktem Maße auch Stapel lassen sich als Musterbeispiele dieses Typus verstehen.
Dabei war und blieb seit Kriegsende ihre primäre Zielgruppe nebst der (männlichen) Jugend vor allem das akademisch geprägte Bildungsbürgertum. Ihm fühlten sie sich innerlich zugehörig, vor ihm sollten ihre Texte Bestand haben und ihm maßen sie vor allem eine entscheidende Rolle für den erhofften Wiederaufstieg des deutschen Volkes nach dem verlorenen Weltkrieg zu. Dieser Wiederaufstieg war für alle drei Autoren wie selbstverständlich an die Bedingung geknüpft, dass die demokratische Staatsordnung Weimars zerstört und das Modell einer offenen Gesellschaft revidiert werden müssten. Ohne diese Voraussetzung bestand in ihren Augen keine Hoffnung für das deutsche Volk. In diesem Sinne sprach Kolbenheyer also auch für Grimm und Stapel, als er 1932 vor Tübinger Studenten und Professoren von einem bevorstehenden „gewaltigen Endkampf“ sprach, in dem Deutschland die ihm in seinen Augen gebührende Führungsfunktion wiedererlangen müsse; andernfalls sei „das Weltherrentum der weißen Rasse verloren“. Und, so Kolbenheyer weiter, „von keinem Teile unseres Volkes“ könnten „die Kräfte der Erneuerung und Wiederaufrichtung stärker strömen als von den Universitäten“.