Chlodwigs Taufe

Die Bedeutung des Frankenkönigs für die Christianisierung Europas

Im Rahmen der Veranstaltung "Chlodwigs Taufe", 25.02.2016

2016 jährt sich die Geburt des Merowingerkönigs Chlodwig (466-511) zum 1550. Mal. Es gibt nur wenige Herrscher, über die das historische Urteil so geteilt ist wie über ihn. Vielen gilt er als Massenmörder oder als warlord, der nur auf Krieg und Beute aus gewesen sei. Die Vergrößerung seines Reiches und auch seine religionspolitische Entscheidung zugunsten des Christentums seien sozusagen Mittel zum Zweck seiner agonalen Politik gewesen. Jede weitere politische oder gar kulturelle Ambition, die man seinem Zeitgenossen und Schwager Theoderich durchaus zubilligt – nicht ohne Grund hat er den Beinamen „der Große“ erhalten –, wird Chlodwig abgesprochen. Wer ihn dagegen positiver beurteilt, blickt vor allem auf seine Bekehrung zum Christentum, genauer: zur katholischen Form des Christentums. In dieser Hinsicht gilt er als einer der Begründer des christlichen Abendlandes. In Frankreich wird er schließlich als einer der Stammväter der französischen Nation angesehen. All diese Urteile über den Frankenkönig sind allerdings problematisch, denn sie werden auf einer bemerkenswert schmalen Quellenbasis abgegeben. Aus seiner Zeit selbst haben sich nur wenige Quellen erhalten, in denen er direkt oder wenigstens mittelbar erwähnt wird. Entscheidend für unser Bild von Chlodwig sind die „Die zehn Bücher Geschichten“ des Bischofs Gregor von Tours.

Der englische Mittelalterhistoriker John Michael Wallace-Hadrill hat die Quellenlage mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht: „Clovis is Gregory’s Clovis, whether we like it or not (…)!“ Dies gilt insbesondere für die bekannte Geschichte über die Bekehrung Chlodwigs, die allein Gregor von Tours bezeugt. Demnach hing Chlodwig noch dem heidnischen Glauben der Franken an, während seine Gemahlin, die burgundische Prinzessin Chrodechilde, katholische Christin war. Sie wollte ihren Gemahl ebenfalls bekehren, hatte damit aber keinen Erfolg. Gegen seinen Willen ließ sie sogar den ersten gemeinsamen Sohn taufen. Als das Kind bald darauf verstarb, machte Chlodwig seiner Frau heftige Vorwürfe deswegen, ließ aber zu, dass auch der zweite Sohn getauft wurde. Auch dieses Kind erkrankte, wurde aber durch die Gebete der Königin geheilt, so Gregor. Chlodwig habe am Glauben seiner Väter festgehalten, bis es zu einem Krieg gegen die Alemannen kam. In der entscheidenden Schlacht sei Chlodwigs Heer beinahe besiegt worden. In seiner Verzweiflung habe Chlodwig sich mit der Bitte um Hilfe an Jesus Christus gewandt. Sogleich seien die Alemannen geflohen. Nach seiner Rückkehr habe Chlodwig Chrodechilde davon berichtet, woraufhin sie den Bischof Remigius von Reims holen ließ. Auch dieser legte dem König den Glaubenswechsel nahe – der Schlachtensieg allein hatte laut Gregor also den König noch nicht ganz überzeugt. Im Gespräch mit Remigius wies er auf einen entscheidenden Punkt hin: Sein Volk erlaube nicht, die alten Götter zu verlassen; immerhin wolle er mit den Seinigen sprechen. Erst als diese sich spontan dem Christentum anschlossen, war die Entscheidung gefallen. Bischof Remigius ließ das Taufbad bereiten, in dem Chlodwig sich wie ein neuer Konstantin vom „alten Aussatz“ reinwusch. Danach wurde der König getauft, und mit ihm angeblich 3.000 seiner Gefolgsleute.

Die Stilisierung dieser Geschichte durch den Autor lässt sich mit Händen greifen. Gregor verfasste die Passagen über Chlodwig mehr als 60 Jahre nach dessen Tod im Jahr 511, und seine Hauptquelle scheinen Erzählungen der Königin Chrodechilde gewesen zu sein, die ihre Witwenzeit bis zu ihrem Tod 544 in Tours verbrachte, also in der Stadt, in der Gregor noch einmal 30 Jahre später Bischof werden sollte. So mag die zentrale Rolle zu erklären sein, welche die Königin in dieser Geschichte spielte. Auf diese ersten Passagen, die wohl auf Chrodechilde zurückgehen, folgt ein Abschnitt, in denen Remigius von Reims im Mittelpunkt steht. Auch mit Reims war Gregor von Tours verbunden, sodass man die Traditionen dieser Stadt als zweite Quelle für seine Geschichte vermuten kann und mit entsprechenden Akzentuierungen rechnen kann: Dies gilt sicherlich auch für Gregors Anspielung auf die Taufe Konstantins des Großen durch Papst Silvester. Freilich hat auch dieser Bericht durchaus seinen Sitz im Leben, vor allem was die Rolle von Chlodwigs Gefolgsleuten angeht. Einsame Entscheidungen konnte ein König in dieser Zeit nicht fällen, weshalb die Beteiligung des Volkes – hier ein Synonym für die politische Elite – durchaus sinnvoll war.

Gleichwohl bleibt es bei einem gewissen Unbehagen. Das gilt sowohl für die Chronologie von Chlodwigs Herrschaft als auch für den Stellenwert von Gregors Darstellung der Entscheidung des Frankenkönigs für die katholische Form des Christentums: Hatte Gregor von Tours Chlodwig noch zu einem Vorkämpfer des Christentums stilisiert, so tritt dieses Bild in der jüngeren Forschung zunehmend zurück bis hin zu der These, Chlodwig sei sogar während seines Krieges gegen die Westgoten wenige Jahre vor seinem Tod noch nicht getauft gewesen. Es gilt, diese Bilder zu überprüfen und zu fragen, was man einigermaßen zuverlässig über Chlodwig sagen kann.

 

Zu Chronologie und Quellenwert Gregors von Tours

 

Vor allem die Frage nach der Glaubwürdigkeit Gregors bezüglich des Datums von Chlodwigs Taufe wird von der Forschung zunehmend hinterfragt. Gregor datiert sie in das 15. Jahr von dessen Herrschaft und damit in das Jahr 496. Die alternativ vorgeschlagenen Zeitansätze reichen von 495 bis 509. Mittlerweile betrifft die Kritik an Gregors Zeitangaben aber nicht mehr nur die Taufe Chlodwigs, sondern alle zentralen Daten seiner Herrschaft, sogar seine Regierungsdaten. Sowohl sein Herrschaftsantritt 481/82 als auch sein Sterbejahr 511 werden angezweifelt. Davon betroffen wäre auch sein Geburtsjahr 466. Diese Unsicherheit hängt zunächst einmal mit einer Eigenheit seiner Epoche zusammen: Es gab kein absolutes und allgemeingültiges Datierungssystem, da die im Römischen Reich übliche Datierung nach den Konsuln nicht mehr vorgenommen wurde. Vielmehr datierte man nach Herrscher- oder Bischofsjahren, was zu einem Nebeneinader von verschiedenen Datierungssystemen führte. Dies stellte Gregor und andere Chronisten seiner Zeit vor große Herausforderungen: Sie mussten mit den beschränkte Mitteln dieser Epoche die richtige Reihenfolge von Ereignissen feststellen und dann einem einheitlichen Datierungssystem zuordnen.

Gregor teilte die Regierungszeit Chlodwigs in Abschnitte von fünf Jahren ein. Dieses schematische Vorgehen ist verdächtig und wurde als Argument benutzt, diese Chronologie als erfunden abzutun. Auf der anderen Seite war es in der Spätantike durchaus üblich, die Regierungszeit eines Herrschers in Quinquennien einzuteilen und entsprechende Jubiläen zu feiern. Der Ostgotenkönig Theoderich der Große etwa beging im Jahr 500 feierlich seine Tricennalien, die 30. Wiederkehr seines Regierungsantritts. Aus einem solchen Anlass wurden sicher auch die Siege und Erfolge eines Herrschers schriftlich festgehalten, zumindest die der vergangenen fünf Jahre. Gregors Datierungsweise lässt sich also durchaus mit Gepflogenheiten der Epoche Chlodwigs erklären. Dazu kommt, dass die Angaben, die mit Hilfe anderer Quellen überprüft werden können, durchaus korrekt sind. Daher bleibt nur die Feststellung: Gregor hat seine chronologischen Angaben über Chlodwig nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Die Tatsache, dass er tendenziös berichtete, berechtigt nicht dazu, seine Angaben in Bausch und Bogen abzulehnen.

 

Zur Ausgangslage

 

Schon lange vor dem formalen Ende Westroms 476 hatten diverse barbarische Völker dessen Grenzen überschritten. Sie errichteten eigene Reiche auf römischem Reichsboden und expandierten in alle Richtungen. Allgemein war eine Situation entstanden, die von Beutezügen und Krieg gekennzeichnet war. Die neuen Machthaber waren vor allem darauf aus, ihre Gebiete zu arrondieren, gerade auch in Gallien, wo mehrere Reiche entstanden waren, allen voran das der Westgoten. Sie beherrschten annähernd das ganze Gebiet südlich und westlich der Loire, das auch als Aquitanien bezeichnet wird.

Die Westgoten waren schon seit langem Christen, allerdings bekannten sie sich nicht zur katholischen Lehre, der die Mehrheit der römischen Reichsbevölkerung anhing, sondern seit den Zeiten ihres vielleicht ersten Bischofs Wulfila († 383) zum Arianismus. Arius († 336) war ein Priester aus Alexandria gewesen. Seiner Lehre zufolge seien Gottvater und -sohn nicht wesensgleich, sondern lediglich wesensähnlich, wobei der Sohn vom Vater erschaffen worden sei. Wie tiefgreifend dieser konfessionelle Gegensatz war, ist in der Forschung umstritten. Die jeweils andere Glaubensrichtung galt jedenfalls als häretisch. Die anämischen Vandalen in Nordafrika bedrängten ihre katholischen Untertanen und okkupierten etwa Kirchen für den eigenen Gottesdienst. Im Westgotenreich wurden zumindest katholische Bischöfe eine Zeit lang drangsaliert. Der neueren Forschung zufolge gab es aber auch ruhigere Phasen im Zusammenleben von arianischen Westgoten und katholischen Gallo-Römern. Gregor von Tours dagegen lehnte die Arianer rundweg ab. Gleich dreimal berichtete er vom plötzlichen Tod des Arius auf dem Abort – nach dem Motto: ein schlechter Tod charakterisiert den schlechten Menschen und dessen schlechten Glauben.

Auch die Burgunder im südöstlichen Gallien bekannten sich zu dieser Glaubensrichtung. Nördlich von ihnen siedelten die Alemannen, die damals noch Heiden waren und anders als Westgoten und Burgunder kein einheitliches Königtum kannten, sondern von einer Vielzahl von Lokalherrschern dominiert wurden. In Nordgallien existierte damals ein römisches Herrschaftsgebilde. Es ging auf Aegidius zurück, einen römischen Heermeister, der sich im Jahr 461 von Rom losgesagt hatte. Vermutlich konnte Aegidius seine Stellung an seinen Sohn Syagrius weitergeben, den Gregor von Tours rex Romanorum, König der Römer, nannte. Und dann waren da die Franken, die von mehreren Königen beherrscht wurden. Chlodwig war einer von ihnen und trat 481/82 die Nachfolge seines Vaters Childerich an. Die Franken hingen damals noch der alten fränkischen Religion an, doch bestanden bereits enge Kontakte zu den gallo-römischen Vertretern der christlichen Religion; die Frage war nur, ob sie sich den Arianer oder den Katholiken anschließen würden.

 

Erste militärische und diplomatische Erfolge

 

Laut Gregor von Tours ließ Chlodwigs erste Aktion als Herrscher nicht allzu lange auf sich warten. Im fünften Jahr seiner Regierung, also 485 oder 486 habe er Syagrius herausgefordert. In nur einer Schlacht besiegte Chlodwig seinen Feind entscheidend. In den Jahren danach dehnte er seine Herrschaft weiter nach Süden aus, zunächst bis zur Seine und dann allmählich bis zur Loire. Die Eroberung dieses Gebiets brachte für den Frankenkönig auch eine erhebliche Verbesserung seiner militärischen Situation mit sich. Nach seinem ersten militärischen Erfolg von 485/86 beherrschte Chlodwig also bereits große Teile des nördlichen Gallien.

Zu Beginn der 490er Jahre wurde Chlodwig in die großen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit hineingezogen, was mit einer tiefgreifenden Veränderung der politischen Verhältnisse in Italien zusammenhing. Ab 488 kämpfte dort der umstrittene König Odoaker gegen die Ostgoten unter Theoderich dem Großen, der diesen in wechselvollen Kämpfen bis 493 besiegen konnte. Zwischenzeitlich hatte der Burgunderkönig Gundobad Odoaker unterstützt, sich jedoch bald wieder zurückgezogen. Hier kommt Chlodwig ins Spiel. Er hatte das Reich der Burgunder angegriffen, als diese nach Italien gezogen waren. Vielleicht geschah das nur, um die Situation auszunutzen, vielleicht aber auch wegen eines Bündnisses Chlodwigs mit Theoderich dem Großen. Für die zweite Möglichkeit spricht, dass dieser wohl im Jahr 493 Chlodwigs Schwester Audofleda geheiratet hat. Dies war nur ein Teil einer großangelegten Heiratsdiplomatie, in die Theoderich nach seinem Sieg über Odoaker alle anderen Nachbarn der Ostgoten einband: neben den Franken die Westgoten, Burgunder und Vandalen. Damit war das Ostgotenreich in Italien bestens gegenüber Ostrom abgesichert, das Italien nur ungern aufgeben wollte. Eine weitere Ehe, so schien es, sollte Theoderichs Bündnissystem zusätzlich stärken: Chlodwig heiratete Chrodechilde, die Nichte des Burgunderkönigs Gundobad.

 

Chlodwigs Übergang zum Christentum

 

Selbstverständlich kann Chlodwigs Übergang zum Christentum nicht erschöpfend behandelt werden. Daher soll der politische Aspekt im Vordergrund stehen. Chlodwigs Gemahlin Chrodechilde war – wie eingangs erwähnt – Katholikin. Ihr Onkel Gundobad hing dagegen der arianischen Lehre an, tolerierte aber die katholische Orientierung seiner Nichte. Auch selbst scheint er gewisse Tendenzen zum Katholizismus gehabt zu haben. Schließlich waren seine gallo-römischen Untertanen ganz überwiegend Anhänger dieser Glaubensrichtung. In der Rückschau zeichnet Gregor von Tours den konfessionellen Gegensatz zwischen Katholiken und Arianern äußerst scharf, was aber der gallischen Situation im endenden 5. Jahrhundert nicht entsprochen haben dürfte. Gleichwohl diente der konfessionelle Gegensatz auch dazu, Römer und germanische Besatzer voneinander zu trennen. Schon früher hatten die römischen Kaiser etwa ein strenges Verbot von Heiraten zwischen Katholiken und Arianern erlassen, auf dessen Einhaltung auch die Germanenkönige großen Wert legten – außer bei politisch motivierten Ehen.

Eine eindeutig politisch motivierte Ehe hat Chlodwig geschlossen, als er noch als Heide die katholische Burgunderin Chrodechilde heiratete. Damit wurden die politischen Spannungen zwischen Chlodwig und dem Burgunderkönig Gundobad aus der Welt geschafft. Laut Gregor suchte Chrodechilde nun ihren heidnischen Gatten zur katholischen Richtung des Christentums zu bekehren. Was Gregor aber nur andeutet, ist, dass es an Chlodwigs Hof noch eine dritte Möglichkeit der religiösen Orientierung gab: das arianische Bekenntnis. So war Chlodwigs Schwester Lantechilde zunächst Arianerin. Sie wechselte anlässlich von Chlodwigs Taufe jedoch zum katholischen Glauben. Die arianischen Tendenzen in Chlodwigs Umgebung sind sogar noch besser bezeugt. Der einzigen streng zeitgenössischen Quelle, dem Brief des katholischen Bischofs Avitus von Vienne an Chlodwig anlässlich von dessen Taufe, ist zu entnehmen, dass es an Chlodwigs Hof „Anhänger gewisser schismatischer Ansichten“ gegeben habe, die den König in die Irre geführt hätten mit Behauptungen, die „in ihrer Wahrheit bezüglich des christlichen Namens nichtig sind“. Chlodwig, so wird man aus dieser Bemerkung schließen können, sollte also zum Arianismus bekehrt werden. Nach Lage der Dinge standen hinter diesen Bemühungen wohl seine arianischen Nachbarn – am ehesten Gundobad, vielleicht auch Theoderich der Große.

Am Ende hat Chlodwig sich anders entschieden, und man wird nach den Voraussetzungen und den Folgen dieser Entscheidung fragen müssen. Vorbereitet wurde Chlodwigs Entschluss für die katholische Glaubensrichtung durch seinen intensiven Kontakt mit den Bischöfen seines Reiches. Schon Jahre zuvor hatte ihm etwa Bischof Remigius von Reims brieflich zum Herrschaftsantritt gratuliert und ihn ermahnt, nach christlichen Maßstäben zu regieren. Bekannt ist, dass viele Franken, zumal im Nordosten Galliens und jenseits des Rheins, noch lange an ihrer paganen Religion oder zumindest synkretistischen Praktiken festgehalten haben. Tatsächlich erfahren wir aus unseren Quellen nicht viel über möglichen Widerstand von heidnischer Seite gegen Chlodwigs Entscheidung.

Immerhin lässt Avitus von Vienne erahnen, was ein Heide, oder besser, ein heidnischer König mit seiner Entscheidung für das Christentum aufgegeben hat. Er deutet an, dass Chlodwig mit seiner Abkehr von der alten Religion natürlich auch Konflikte innerhalb seines eigenen Volkes provozierte. Für den König aber war der Sieg in der Schlacht der wichtigste Gesichtspunkt seines Handelns, und dafür scheint der Christengott ein besserer Garant gewesen zu sein als die heidnischen Götter – zumindest scheint dies eines der Argumente der christlichen Seite für ihre Religion gewesen zu sein. Dies erleichterte Chlodwig den Schritt, sich vom alten Glauben ab- und dem neuen zuzuwenden. Das Kriegsglück war Chlodwigs eigentliche Legitimation zu herrschen und berechtigte ihn auch, die Religion zu wechseln, ganz unabhängig von der Frage, ob er sich während einer bestimmten Schlacht dazu entschieden hatte.

Eine Folge seines Schrittes war, dass Chlodwig sich zur gleichen Glaubensrichtung bekannte wie seine römischen Untertanen – und wie ein Großteil der Untertanen seiner Nachbarkönige. Damit hatte Chlodwig eine, aus Sicht dieser Herrscher, gefährliche Konstellation geschaffen. Mehr noch: Er wusste seine Entscheidung sofort zu instrumentalisierten. Denn Chlodwig verkündete seine Entscheidung für das Christentum nicht an einem beliebigen Ort, sondern in Tours, das als Stadt des heiligen Martin das zentrale Wallfahrtsziel im damaligen Gallien gewesen ist. Es gab keinen besseren Ort, um die katholischen Gallo-Romanen über seinen Glaubenswechsel zu unterrichten. Damit aber nicht genug: Chlodwig ließ auch dem burgundischen Bischof Avitus eine Einladung zu seiner Tauffeier zukommen, wie wir aus dessen Brief an den König erfahren. Avitus dürfte nicht der einzige ‚nichtfränkische‘ Bischof gewesen sein, dem der vornehme Täufling dieses Angebot gemacht hatte. Vielleicht hatte Chlodwig sogar alle Bischöfe des Burgunderreiches und möglicherweise sogar des Westgotenreiches zu seiner Tauffeier gebeten. Damit forderte er die betroffenen Nachbarkönige ganz deutlich heraus. Es verwundert daher nicht, dass Avitus sich dieser Einladung entzog und lieber seine guten Beziehungen zu König Gundobad pflegte. Bei einer Konfrontation zwischen einem katholischen und einem arianischen König gerieten die katholischen Bischöfe jedoch sicherlich in einen Gewissenskonflikt. Das wussten wiederum die Arianer, die daher dem katholischen Episkopat umso misstrauischer gegenübertraten. Natürlich war dies nicht in jedem Fall so, aber Chlodwig hatte mit seinem Bekenntnis zur katholischen Lehre einen Ansatzpunkt gefunden, um die Geschlossenheit seiner Nachbarn aufzubrechen.

Weitere Expansion

 

Spätestens 496 wurde deutlich, dass die Heirats- und Bündnispolitik Theoderichs die Franken und Westgoten nur sehr kurze Zeit von ihrer Rivalität um die Vorherrschaft in Gallien abgehalten hatte. In diesem Jahr drang Chlodwig tief in westgotisches Gebiet im südwestlichen Gallien vor, wurde zunächst jedoch von Alarich II. zurückgeschlagen. Seine Niederlage hing möglicherweise damit zusammen, dass er 496 in einen Zweifrontenkrieg geraten war, denn die Schlacht gegen die Alemannen – die von Gregor erwähnte Bekehrungsschlacht – fand wahrscheinlich auch 496 statt. Die Kämpfe gegen die Westgoten zogen sich dagegen wohl bis 498 hin und weiteten sich sogar noch weiter aus. Im Jahr 500 brach im benachbarten Burgunderreich ein Bruderkrieg aus, in den sowohl die Franken als auch die Westgoten eingriffen, wobei die Westgoten König Gundobad auf dem Thron halten konnten, während Chlodwigs Prätendent scheiterte. Vorerst musste der Frankenkönig seine Hoffnungen auf eine weitere Expansion seines Reiches begraben; feierlich schloss er im Jahr 502 Frieden mit Alarich II.

Doch auch dieser Frieden währte nicht lange. Zunächst wandelten sich die Verhältnisse im Burgunderreich grundlegend. Die burgundisch-westgotische Allianz hielt nicht lange, wobei der konfessionelle Gegensatz erneut eine entscheidende Rolle spielte: Sigismund, der älteste Sohn des Burgunderkönigs Gundobad, trat wohl 501 oder 502 zum katholischen Bekenntnis über. Damit bahnte sich auch ein politisches Bündnis zwischen Franken und Burgundern an. Tatsächlich kam es 506 erneut zu einem siegreichen Krieg der Franken gegen die Alemannen, bei dem die Burgunder Chlodwig unterstützten. Zur Belohnung erhielten sie bislang alemannische Gebiete bis zum Hochrhein. Die Franken selbst sicherten sich das Elsaß und einige rechtsrheinische Gebiete. Dieser Krieg rief heftige Reaktionen Theoderichs des Großen hervor, der die Reste der Alemannen vor den Franken schützte. Wahrscheinlich war ihm bewusst, dass Chlodwig sich nur den Rücken für eine weitere Auseinandersetzung mit den Westgoten freihalten wollte.

Schon ein Jahr später war es dann soweit: Chlodwig überschritt die Loire. Neben den Burgundern stand ein weiterer fränkischer König auf seiner Seite: Sigibert von Köln, der wegen einer im Kampf gegen die Alemannen erlittenen Knieverletzung aber seine Truppen nicht persönlich anführen konnte und daher von seinem Sohn Chloderich vertreten wurde. Außerdem suchte Chlodwig erneut, die katholischen Bischöfe des Westgotenreiches auf seine Seite zu ziehen. Das zeigen nicht nur der legendenhaft ausgeschmückte Bericht Gregors von Tours, sondern auch das einzige Zeugnis, das wir von Chlodwig selbst haben, ein Brief an die aquitanischen Bischöfe. Wie groß der Erfolg seiner Bemühungen war, ist umstritten. In der Entscheidungsschlacht von Voulon 507 kämpften die katholischen Bewohner der Auvergne jedenfalls auf Seiten der Westgoten. Dennoch blieb Chlodwig insgesamt siegreich, da Alarich II., angeblich durch Chlodwigs Hand, fiel. Damit war die Entscheidung gefallen und große Gebiete südlich der Loire fielen endgültig an den Frankenkönig. Einen weiteren Erfolg errang Chlodwig, als er im Jahr 508 die kaiserliche Ernennung zum Patricius entgegennehmen konnte. Damit gehörte er – wie auch Theoderich – der obersten Klasse der oströmischen Ämterhierarchie an. Vor allem aber legitimierte der Kaiser damit Chlodwigs Herrschaft über die Gebiete, die einst zum römischen Reich gehört hatten.

Mit diesem Renommee ausgestattet, wollte Chlodwig sich die Herrschaft auch nicht mehr mit anderen fränkischen Königen teilen, wie bisher. Laut Gregor von Tours brachte er Chloderich dazu, dessen Vater Sigibert zu ermorden, um Chloderich dann kurz darauf ebenfalls beseitigen zu lassen. Damit konnte Chlodwig sein Reich bis an den Rhein ausdehnen. Vielleicht reagierte er mit dieser Politik auf eine geänderte politische Lage, denn der fränkisch-ostgotische Gegensatz bestimmte nach wie vor die große Politik. Theoderich verheiratete damals seine Nichte Amalaberga mit dem Thüringerkönig Herminafrid. Dieses Bündnis war sicher gegen Chlodwig gerichtet, und es war äußerst bedrohlich. Nach neuesten Forschungen erstreckte sich das Thüringerreich nämlich von der Donau über das heutige Thüringen bis an den Niederrhein, also bis an die Grenzen von Sigiberts Reich. Möglicherweise schien es Chlodwig angesichts dieser Bedrohung besser, selbst die Herrschaft am Rhein zu übernehmen und dem neuen Feind entgegenzutreten.

Neben den militärischen Erfolgen, die Chlodwig erzielt hatte, arbeitete er nun aber auch eng mit der Kirche zusammen und erfüllte damit seine Versprechungen, die er vor dem Krieg gegen die Westgoten gemacht hatte. Im Jahr 511 versammelte er in der Stadt Orléans zahlreiche Bischöfe seines Reiches um sich. Hier wurde er als König eines neuen, fast ganz Gallien umfassenden katholischen Großreichs gefeiert.

 

Fazit

 

Machen Personen Geschichte oder sind Strukturen entscheidend? Diese Frage treibt den Historiker immer wieder um, gerade wenn man sich intensiv mit der Geschichte einer Epoche des Umbruchs auseinandersetzt. Der Aufstieg Chlodwigs ist nur vor dem Hintergrund des untergehenden Imperium Romanum zu verstehen. Das machtpolitische Vakuum, welches das Imperium hinterlassen hat, ermöglichte es Chlodwig, seine Expansionspolitik unter Ausnutzung aktueller Entwicklungen zu betreiben. Ein wichtiger Faktor dabei war die Religion. Sicher spitzt unser wichtigster Gewährsmann Gregor von Tours den Gegensatz zwischen Katholiken und Arianern unzulässig zu und stilisiert Chlodwig zum Vorkämpfer für den katholischen Glauben. Bei allen Vorbehalten gegen seine Darstellung scheint er aber doch den Kern von Chlodwigs Strategie zu treffen. Der König wollte sein katholisches Bekenntnis auch für seine Politik instrumentalisieren, oder, wenn man es vorsichtiger formulieren will: Diese Instrumentalisierung stellte sich gleichsam von selbst ein. Der konfessionelle Gegensatz zu den benachbarten Königen bei der gleichzeitigen Glaubensgemeinschaft mit deren gallo-römischen Untertanen säte Misstrauen und untergrub die Geschlossenheit des Burgunder- und vor allem des Westgotenreiches. Der fränkische Sieg über die Westgoten beseitigte den Gegensatz zwischen arianischen Eroberern und katholischen Gallo-Römern auf Dauer. Damit war ein katholisches Großreich entstanden, in dem König und Bischöfe eng zusammenarbeiteten, wie das Konzil von Orléans von 511 zeigt. Unter Chlodwigs Nachfolgern sollte diese Kooperation zur ständigen Praxis werden.

Das von Chlodwig in der Gunst des Augenblicks geschaffene Reich sollte sich auf Dauer als das stabilste auf dem Boden des einstigen Römischen Reiches erweisen. Im Frankenreich entwickelten sich Strukturen wie die Grundherrschaft und die Vasallität, vor allem aber auch die enge Bindung von Staat und Kirche, welche die weitere Geschichte Westeuropas maßgeblich bestimmen sollte. Das Frankenreich selbst überstand viele Teilungen und blutige Bruderkriege und sollte rund 400 Jahre in der von Chlodwig geschaffenen Form bestehen. Seine Geschichte mündet in gewisser Hinsicht in die Frankreichs und Deutschlands. Aber das ist ein anderes Thema.

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