„Come fu ricevuta in questa città sua Altezza”

Fürstenbesuche in Venedig im 16. Jahrhundert

Im Rahmen der Veranstaltung "Spreti-Tagung", 30.06.2016

Pierre Goudreaux/Wikimedia Commons

I.

 

„Come fu ricevuta in questa città sua Altezza”, nämlich „wie ihre Hoheit in dieser Stadt empfangen wurde“, sind die Worte, mit denen ein Großteil der in den Cerimoniali enthaltenen Berichte zu Fürstenbesuchen beginnt. Diese Zeremonialbücher wurden Ende des 16. Jahrhunderts von der venezianischen Regierung in Auftrag gegeben, um einerseits politisch relevante Ereignisse zu dokumentieren und andererseits eine Vorlage für den formalen Ablauf künftiger Geschehnisse zu bieten.

Die erste Beschreibung eines Fürstenbesuches mit detaillierten Informationen zum Zeremoniell galt Charles II. de Lorraine, Herzog von Mayenne und Großkammerherr von Frankreich, der am 13. März 1574 in Venedig ankam. Er befand sich auf dem Rückweg von Krakau, wohin er Heinrich von Valois, den Bruder Karls IX., begleitet hatte. Heinrich war im Mai 1573 zum König von Polen gewählt und im Februar 1574 in Krakau gekrönt worden. Nach den Feierlichkeiten trat Charles die Rückreise nach Paris an. Sein Weg führte ihn durch Oberitalien, wo er in der Lagunenstadt einen längeren Aufenthalt einlegte und dabei der Konvention gemäß dem Dogen Alvise Mocenigo seine Aufwartung machte. Die Cerimoniali geben minutiös Auskunft über die Besuche des Herzogs im Dogenpalast. So begab sich Charles in Begleitung des französischen Botschafters und des Gesandten von Ferrara zu seiner ersten Audienz. Im Vorzimmer der Sala del Collegio wurde der Herzog von einem Savio del Consiglio empfangen und in die Sala del Collegio geführt. Der Doge, der auf dem Tribunale saß, erhob sich bei seinem Anblick. Doch behielt er seinen Kopf bedeckt. Als Charles die Stufen des Tribunale erklommen hatte, wurde er von Alvise begrüßt und umarmt. Anschließend durfte sich der Herzog an die rechte Seite des Dogen setzen. Diese Position war traditionsgemäß dem ältesten Ratsmitglied, das zugleich als Vizedoge fungierte, vorbehalten. Zur Linken des Dogen nahmen die beiden Botschafter Platz. In dieser Konstellation wurden die üblichen Höflichkeitsfloskeln und Ehrbekundungen ausgetauscht. Der Abschied nach dem Gespräch verlief analog, d.h. der Doge erhob sich, trat nach vorne und umarmte den Herzog. Danach kehrte er an seinen Platz zurück, wo er stehen blieb, bis Charles den Raum verlassen hatte. Von der der Sala del Collegio bis zum Anticollegio wurde der Herzog erneut vom Savio del Consiglio begleitet. Anschließend gaben ihm zwei Savi di Terra Ferma bis zur gegenüberliegenden Sala delle Quattro Porte das Geleit. Dort wurde der Herzog von den Savi alli Ordini abgeholt und bis zum Ausgang des Dogenpalastes gebracht.

Fünf Wochen später, am 18. April 1574, ließ Charles dem Dogen ausrichten, dass er gerne einer Sitzung des Maggior Consiglio beiwohnen würde, aber keine zeremoniellen Verpflichtungen wünsche. Als der Herzog überraschend im Dogenpalast erschien, begab sich die Signoria – der innere Regierungszirkel – gerade in den Saal. Da Alvise Mocenigo nicht anwesend war, wurde Charles vom Vizedogen begrüßt. Dieser umarmte den Gast und führte ihn in den Saal bis zum Tribunale. Der Vizedoge schritt an der rechten Seite des Herzogs und wies ihm einen Platz in unmittelbarer Nähe seines eigenen Sitzes zu. Während des Abstimmungsvorganges wurde der Wahlhut auch dem Herzog gereicht. Wählen durften nur Mitglieder des venezianischen Adels. Da jedoch das Haus Lothringen, zu dem Charles gehörte, bereits diesen Ehrentitel verliehen bekommen hatte, war er zur Stimmabgabe berechtigt. Nach dem Ende der Ratssitzung brachte die Signoria den Herzog bis zur Saaltür.

Wenige Tage später beschloss Charles II. de Lorraine seine Abreise und begab sich zur formellen Verabschiedung in die Sala del Collegio. Da auch diesmal Alvise Mocenigo verhindert war, wurde er erneut vom Vizedogen empfangen. Das Zeremoniell folgte dabei demselben Ablauf, den der Herzog bereits bei seiner Ankunft erfahren hatte. Als er die Stufen zum Tribunale hochstieg, stand der Vizedoge auf, um ihn zu umarmen. Im Gegensatz zum Dogen nahm dieser dazu jedoch seine Kopfbedeckung ab. Als der Herzog den Saal verließ, wurde er von verschiedenen Savi aus dem Dogenpalast begleitet. Entscheidend ist die Choreographie einer solchen Audienz, bei welcher dem Gast die wichtigsten Regierungsmitglieder und bedeutendsten Amtsräume im Dogenpalast präsentiert werden. Der in den Cerimoniali enthaltene Eintrag zum herzoglichen Besuch schließt mit dem Hinweis, dass für mehrere kleine Empfänge insgesamt 125 Dukaten ausgegeben worden waren. Eine Summe von 25 Dukaten entspricht dem üblichen Aufwand für Botschafter. Über die Hintergründe dieses langen Aufenthaltes ist nichts bekannt. Doch waren 1574 die Beziehungen zwischen Frankreich und Venedig sehr freundschaftlich geprägt.

 

II.

 

Eine besondere Intensivierung sollte die gegenseitige Verbundenheit drei Monate später durch den Besuch Heinrichs III. erfahren. Die Kosten in Höhe von 100.000 Dukaten verdeutlichen die Dimension des Ereignisses, das als großartiges Multimediaspektakel inszeniert wurde. Nachdem Karl IX. am 30. Mai 1574 verstorben war, wurde sein Bruder Heinrich zum Nachfolger proklamiert. Heinrich brach nach Paris auf und reiste dabei ebenfalls über Oberitalien. Sein Aufenthalt in Venedig dauerte vom 17. bis zum 27. Juli 1574 und entsprach einem traditionellen Adventus. Der Festeinzug des Königs fand am 18. Juli 1574 statt. Doge und Signoria holten Heinrich mit mehreren Galeeren von Murano ab, wo er die erste Nacht verbracht hatte. Dann fuhren sie zu San Nicolò am Lido und wurden vom Patriarchen und dem Klerus empfangen. Zu Ehren des Königs waren ein Triumphbogen und eine Loggia errichtet worden. Unter einem Baldachin wurde Heinrich zum Altar in der Loggia geleitet, wo ein Te Deum gesungen wurde. Nach Gebeten und Segnung bestiegen König, Doge, Signoria, Päpstlicher Legat, Fürsten und Botschafter den Bucintoro, die vergoldete Staatsgaleere.

Mit der Abfahrt vom Lido begann der eigentliche Einzug in die Stadt. Dabei bot der Blick auf San Marco und den Canal Grande eine beeindruckende Kulisse. Für Heinrich war am Heck der Galeere ein Thron errichtet worden, und er wurde mit Lobreden und Gesang unterhalten. Der Bucintoro fuhr von fünfzehn Galeeren und Hunderten weiterer Boote flankiert sowie von Glockenläuten und Salutschüssen begleitet in Richtung Markusplatz. Dort bog das Schiff in den Canal Grande ein, wo alle Palazzi festlich geschmückt und beleuchtet waren, und brachte den König zu seiner Unterkunft in der Ca‘ Foscari. Heinrich soll von diesem synästhetischen Gesamtkunstwerk begeistert gewesen sein.

In den folgenden Tagen fand ein traditionelles Unterhaltungsprogramm mit Regatten, Theateraufführungen, Konzerten sowie einem Bankett und einem Ball statt. Weitere Konstanten waren eine Audienz beim Dogen, die Teilnahme an einer Versammlung des Maggior Consiglio sowie Besichtigungen, zu denen die Schatzkammer von San Marco, die Rüstungssäle im Dogenpalast und das Arsenal gehörten. Darüber hinaus wurden persönliche Wünsche des Gastes berücksichtigt. So besuchte Heinrich die berühmte Kunstsammlung von Giovanni Grimani, dem Patriarchen von Aquileia, und auf nachdrücklichen Wunsch des Monarchen organisierte die Signoria einen volkstümlichen Faustkampf. Der Konvention gemäß wurde der Staatsbesuch mit einer Abschiedszeremonie und dem Überreichen von Geschenken abgeschlossen.

Die Festlichkeiten zu Ehren Heinrichs fielen so prunkvoll aus, weil Venedig den Besuch zur Imagepflege und Prestigesteigerung nutzte. Nach dem 1573 geschlossenen Separatfrieden mit dem Osmanischen Reich, unter dem sein Ansehen in der Öffentlichkeit gelitten hatte, versuchte es, seine Rolle als Verteidigerin des Christentums zu bestätigen. Dies gelang mit der Inszenierung des rex christianissimus. Heinrich wiederum nutzte die Chance, seinen neuen Rang als König von Gottes Gnaden – und nicht mehr nur polnischer Wahlkönig – durch einen langen Triumphzug durch Oberitalien bis nach Paris zu manifestieren. Nichtsdestotrotz waren auch profane Beweggründe im Spiel, nämlich das Ersuchen um einen hohen Kredit, der die Hugenottenkriege finanzieren sollte, aber nicht erzielt werden konnte.

 

III.

 

Ebenfalls finanzielle Hintergründe bestimmten den Besuch eines Botschafters der Hohen Pforte. Am 8. Juni 1576 erreichte Cassan Chiaus Venedig. Da der Sultan selbst keine Staatsbesuche machte, kam seinem Repräsentanten ein höherer Rang als der eines konventionellen Gesandten zu. Folglich erfuhr Cassan in der Lagunenstadt eine sehr zuvorkommende Behandlung. Wie der Eintrag in den Cerimoniali vermerkt, suchte der Chiaus die Serenissima in einer „besonderen Angelegenheit“ auf. Bei seiner Ankunft wurde Cassan von seiner Galeere abgeholt und zu einer Herberge an dem Ponte della Paglia gebracht. Diese Unterbringung in unmittelbarer Nähe des Dogenpalastes war sehr ungewöhnlich und nur dem Umstand geschuldet, dass in der Stadt die Pest wütete und noch keine angemessene, ansteckungsfreie Unterkunft für den Botschafter gefunden worden war. Es erging der Beschluss, ihm während seines Aufenthaltes täglich fünf Dukaten zu zahlen, damit er seine Auslagen bestreiten könne. Am Folgetag wurde dem Chiaus ein Haus auf der Giudecca zugewiesen und eine Gondel zur Verfügung gestellt. Zu seiner Audienz im Collegio holten ihn die Savi agli Ordini zusammen mit einem Übersetzer ab und brachten ihn anschließend wieder zur Unterkunft. Bei Cassans Betreten der Sala del Collegio erhob sich die Signoria und bat ihn, den Ehrenplatz an der rechten Seite des Dogen einzunehmen. Als der Botschafter am 12. Juli 1576 die Heimreise antrat, wurden ihm zum Abschied 500 Dukaten und zehn Obergewänder im Stile einer Toga geschenkt. Diese Seidenkleider waren aus Damast, Brokat und Samt gefertigt. Sie repräsentierten wertvolle Luxustextilien, für die Venedigs Manufakturen berühmt waren und welche mit Gastgeschenken beworben werden konnten.

Vier Jahre später, am 10. Juli 1580, verzeichnen die Cerimoniali einen erneuten Besuch des Cassan Chiaus, der jedoch bereits im Juni stattgefunden hatte. Da der Gesandte in derselben Angelegenheit wie im Jahr 1576 vorsprechen wollte, hatte der Senat entschieden, ihm weniger Ehrbekundungen und keine finanziellen Mittel zukommen zu lassen. So hatte der Chiaus in Ragusa vergeblich darauf gewartet, mit einer Galeere abgeholt zu werden. Ebenso wenig bekam er in Venedig eine Unterkunft zur Verfügung gestellt, sondern musste auf eigene Kosten am Lido in einem Haus des Consiglio di Dieci logieren. Auf diese Weise entfielen nicht nur die zuvor geleisteten Geldzahlungen, sondern der venezianische Staat verdiente auch noch an der Vermietung. Als ihn kein Amtsträger zu einer Audienz abholte, ergriff Cassan die Initiative. Nur von einem Übersetzer begleitet, erschien er vor dem Collegio. Dort durfte er sich standesgemäß neben den Dogen setzen. Der Chiaus übergab das Schreiben des Sultans und beschwerte sich über die mangelnden Ehrerweise. Daraufhin wurde ihm mitgeteilt, dass er eine Antwort auf sein Anliegen erhalten würde. Allerdings wurde er zur Übermittlung der Entscheidung nicht mehr in die Sala del Collegio gebeten, sondern der Dolmetscher überbrachte ihm den Beschluss. Am Ende des Besuchs entschied der Senat doch noch, Cassan 200 Dukaten sowie zwei Seidenkleider zu schenken, die entstandenen Kosten zu übernehmen und ihn mit einer Galeere nach Ragusa zu bringen. Der Eintrag in den Cerimoniali schließt mit einem Hinweis auf den Besuch von 1576, bei dem der Chiaus seinem Rang gemäß behandelt worden wäre. Da er nun aber in derselben Angelegenheit gekommen wäre, erschiene es legitim, nur einen Minimalaufwand zu leisten. Offensichtlich hatte sich die Interessenlage der Venezianer verschoben. Hinter den beiden Besuchen Cassans stand ein Vorgang, der als Streit zwischen einem venezianischen Schiffseigner und zwei in Konstantinopel ansässigen jüdischen Handelsgesellschaften begonnen hatte, sich im Verlauf der Jahre zu einem diplomatischen Konflikt zwischen Venedig, der Hohen Pforte und Spanien entwickelte und erst 1581 beigelegt werden konnte. Die Bedeutung der Krise lässt sich auch daran ablesen, dass der Botschafter während der Pestepidemie für einen Monat in die Lagunenstadt kam. Im Anschluss an seinen ersten Besuch hatte die Signoria pragmatische Lösungsvorschläge gemacht, die jedoch von osmanischer Seite nicht angenommen wurden. Der zweite Besuch erfolgte, nachdem der venezianische Schiffseigner ermordet worden war. Doch nicht das Verbrechen begründete die ablehnende Haltung gegenüber dem Chiaus, sondern der Umstand, dass der Sultan zwischenzeitlich starken Druck auf den venezianischen Botschafter in Konstantinopel ausübte und sogar dessen Dolmetscher hatte verhaften lassen, um Geld zu erpressen, das ihm im Krieg gegen Persien dienen sollte. Nun ging es nicht mehr nur um finanzielle Interessen, sondern auch um eine Demonstration der eigenen Machtposition, welche mit zeremoniellen Akten visualisiert werden konnte.

Im 16. Jahrhundert avancierte Venedig zu einer Bühne der Selbstdarstellung, in deren Zentrum die Festkultur stand. Prunkvoll inszenierte Feiern dienten sowohl dem Gast als auch der Serenissima als Repräsentationsstrategie, bei der politische, ökonomische und künstlerische Manifestationen eine Prestigesteigerung und höhere Stellung im europäischen Mächtesystem erwirken sollten.

Weitere Medien vom Autor / Thema: Gesellschaft | Wirtschaft | Politik

  • Im Rahmen der Veranstaltung „Spreti-Tagung“, 30.06. - 02.07.2016

Aktuelle Veranstaltungen zum Thema: Gesellschaft | Wirtschaft | Politik

Reinhardhauke
Das Buch Hiob III
Verlangen nach Gerechtigkeit. Eine altorientalische Diskursgeschichte (NUR ONLINE)
Montag, 26.01.2026
Ordo-socialis-Preis 2025 an Sylvie Goulard
Dienstag, 27.01.2026
Akademiegespräch am Mittag mit Abt Dr. Johannes Eckert OSB und Sr. Dr. Katharina Ganz OSF (NUR ONLINE)
Mittwoch, 28.01.2026
Ministerie van Buitenlandse Zaken/Wikimedia Commons
Menschenrechte verteidigen
… nach dem Seitenwechsel der USA
Mittwoch, 28.01.2026
naturalista_Canva
Aufklärung und Religion
Historische Tage 2026
Donnerstag, 19.02. - Samstag, 21.02.2026
Nikita Dhawan/TU Dresden; Daniel Fulda/Vincent Leifer
Welche Geschichten von Aufklärung erzählen wir heute?
Podiumsgespräch im Rahmen der Historischen Tage 2026
Donnerstag, 19.02.2026
Wikimedia Commons
Auf Wanderschaft
Das Konzept der jüdischen Aufklärung im Deutschen Kaiserreich
Freitag, 20.02.2026
HAI LATTE von Carsten Strauch, Piotr J. Lewandowski
Augenblicke
Die Kurzfilmrolle 2026
Donnerstag, 26.02.2026