Das Verhältnis von Kirche und Welt

„Ich versuche allen in allem entgegenzukommen“ (1 Kor 10,33)

Im Rahmen der Veranstaltung "Biblische Tage 2016 – Der Erste Korintherbrief", 21.03.2016

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Was das spannungsreiche Verhältnis von Kirche und Welt betrifft, finden sich im ersten Korintherbrief in erster Linie Überlegungen zu zwei Fragestellungen: Worin gründet die Spannung zwischen Kirche und Welt? Und: Welche Konsequenzen hat dies für das Verhalten der Glaubenden?

 

Die Differenz zur Welt

 

Im Zusammenhang mit dem „Wort vom Kreuz“ betont Paulus sehr stark die Differenz zwischen den Wertmaßstäben der Welt und dem Evangelium. Die Verkündigung des Handelns Gottes im Kreuz Jesu ist den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit (1,23). Mit dieser Zweiteilung in Juden und Heiden bezeichnet Paulus in jüdischer Perspektive umfassend die Menschheit, sofern sie sich nicht zu Christus bekennt. Paulus verwendet dafür auch den Begriff der „Welt“ (im griechischen Text stehen dafür, ohne erkennbaren Sinnunterschied, zwei Worte: „aion“ und „kosmos“). Im „Wort vom Kreuz“ hat Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht (1,20). Wer den Maßstäben dieser Welt folgt, kann das Wort vom Kreuz nur ablehnen, denn er folgt nicht der Weisheit Gottes, sondern der Weisheit der Welt (2,6f). Auch stehen sich der Geist der Welt und der Geist aus Gott als Gegensätze gegenüber: Über die Glaubenden sagt Paulus: „Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir erkennen, was uns von Gott geschenkt ist“ (2,12).

Der ganze Abschnitt von 1,18 bis 3,23 ist geprägt von diesem Gegensatz zur Welt. Dies fällt umso stärker auf, als der thematische Ausgangspunkt nicht eine grundsätzliche Erörterung über das Verhältnis von Gemeinde und Welt ist, sondern der Parteienstreit: „Ich meine dies, dass jeder von euch sagt: Ich gehöre zu Paulus, ich zu Apollos, ich zu Kephas, ich zu Christus“ (1,12). Die Adressaten zeigen durch die Gruppenbildung mit ihrer Berufung auf menschliche Größen, dass sie sich noch nicht genug gelöst haben von den Maßstäben der Welt.

Paulus setzt in einer praktischen Frage – die Fraktionierung in der korinthischen Gemeinde – auffallend grundsätzliche theologische Kategorien zur Gegensteuerung ein. Daraus ergeben sich zwei Folgerungen: Im Blick auf das Problem der Gruppenbildung zeigt sich, dass Paulus es keineswegs für nebensächlich gehalten hat – nicht sonderlich überraschend, denn darauf deutet auch schon die Länge der diesbezüglichen Ausführungen. Im Blick auf die verwendeten theologischen Kategorien folgt: Sie müssen wirklich von grundlegender Bedeutung sein, denn Paulus führt sie nicht als eigenes Thema ein, sondern gebraucht sie als Argumentation im Rahmen eines praktischen Problems. Er entwickelt also seine Gedanken nicht als Antwort auf die Frage: Wie ist eigentlich das Verhältnis der Gemeinde zur Welt zu bestimmen? Sondern er greift angesichts der Tatsache, dass in der Gemeinde etwas schief läuft, auf die theologische Bestimmung des Verhältnisses von Gemeinde und Welt zurück, um zu zeigen, dass die Differenz zur Welt unter den Adressaten noch nicht angemessen verwirklicht ist.

 

Die Welt als Missionsfeld

 

Wie passt zu den gerade erhobenen Akzenten die Aussage des Paulus in 10,33, die ja auch den Untertitel des Statements darstellt: „Allen suche ich in allem entgegenzukommen?“ Die Formulierung mit „alle“ ist hier wörtlich gemeint, denn Paulus fordert im Satz zuvor die Adressaten auf, unanstößig zu sein für Juden, Griechen und die Kirche Gottes, und präsentiert sich dann mit der zitierten Aussage als Vorbild solchen Verhaltens.

Diese Aussage erinnert sehr stark an das, was Paulus bereits an früherer Stelle ausgeführt hat: „Allen bin ich alles geworden, damit ich in jedem Fall einige rette“ (9,22). Der Apostel passt sich an, „um des Evangeliums willen“ (9,23). Hat er mit Juden zu tun, hält er sich an die Gebote der Tora – um Juden für das Evangelium zu gewinnen, nicht weil er dies für sachlich notwendig erachtet hätte. Denn versucht er Heiden zu gewinnen, lässt er den Tora-Gehorsam fahren. Das ist ihm ohne Schwierigkeit möglich, weil er selbst ja nicht mehr „unter dem Gesetz“ steht. Paulus verhält sich also der jeweiligen Adressatengruppe entsprechend. Oder mit 10,33 gesagt: Er kommt allen in allem entgegen und versucht unanstößig zu sein, wie er es von den Korinthern verlangt.

Man kann fragen: Wendet Paulus nur missionarische Tricks an, wenn er „allen im allem entgegenkommt“? Wird die Katze erst hinterher aus dem Sack gelassen? Oder gab es da gar keine verborgene Katze? Gleicht das Evangelium des Paulus eher einem Chamäleon, das sich seiner Umgebung anpasst?

Eine solche Konsequenz können wir für Paulus sicher ausschließen. Dass er denen unter dem Gesetz wie einer unter dem Gesetz wurde, flexibilisiert nicht den Inhalt seiner Verkündigung. Für Paulus gibt es eine nicht verhandelbare „Wahrheit des Evangeliums“ (Gal 2,5.14). Die Missionsstrategie des Paulus in 1 Kor 9 bezieht sich auf sein persönliches Verhalten. Er will dem Evangelium nicht dadurch im Weg stehen, dass er mit seinem Tun Anstoß erregt. Ist er unter Juden, verhält er sich wie sie. Aber er hat für sie kein anderes Evangelium in der Tasche als für die Heiden. Wenn die Hörer an seiner Botschaft Anstoß nehmen, dann deshalb, weil sie den Maßstäben dieser Welt verhaftet bleiben und so Gottes Handeln in Christus nicht erkennen. An dieser Botschaft ist keine Anpassung möglich.

Dass Paulus überhaupt auf sein Verhalten als Apostel eingeht, verdankt sich einer konkreten Streitfrage. Wenn wir diese Spur verfolgen, stoßen wir auf die praktische Seite unseres Themas: die Frage nach dem Verhältnis zur Welt in der Alltagswelt.

 

Das Verhältnis zur Alltagswelt

 

Der Satz „Ich suche allen in allem entgegenzukommen“ findet sich am Ende der äußerst ausführlichen Behandlung eines Problems, das die Gemeinde von Korinth umgetrieben hat: Dürfen die Glaubenden Fleisch essen, das aus Opfern in heidnischen Tempeln stammt? Es gab dazu zwei gegensätzliche Positionen. Die einen sahen keine Schwierigkeit im Verzehr. Man kann wohl davon ausgehen, dass ihre Begründung auf der Linie dessen lag, was Paulus in 1 Kor 8,4-6 unter dem Stichwort der „Erkenntnis“ ausführt: Wenn es nur einen Gott gibt und die Götzen nichtig sind, ist das ihnen geopferte Fleisch letztlich profanes Fleisch und kann gegessen werden. Nicht alle aber haben diese Erkenntnis, wie Paulus sagt (8,7). Die „Schwachen“ (8,9) können den Opferkontext nicht ausblenden, würden das Fleisch nach wie vor als Götzenopferfleisch essen und darin einen Widerspruch zu ihrer Bindung an Christus erkennen. Die „Starken“ haben zu ihrer religiösen Herkunft ein innerlich so distanziertes Verhältnis, dass sie sich in den praktischen Lebensvollzügen in dieser Welt ohne Scheu bewegen. Ob das Fleisch aus kultischen Zusammenhängen stammt, braucht sie nicht mehr zu interessieren, da sie nun von der Nichtigkeit des Götzenkultes überzeugt sind. Umgekehrt die „Schwachen“: Sie haben sich von ihrer religiösen Herkunft noch nicht im selben Maß gelöst und bleiben deshalb im alltäglichen Leben auf Distanz und meiden das Fleisch, das in Verbindung mit dem alten Kult stehen könnte.

Zwar erleben wir in der Gegenwart quasi-religiöse Kämpfe um die richtige Ernährung, dennoch ist uns das beschriebene Problem eher fremd, und wir könnten geneigt sein, es für nebensächlich zu halten. Dass Paulus hier eine ernste Frage erkennt, zeigt sich schon an dem immensen Aufwand, den er zur ihrer Beantwortung betreibt. Das angemessene Verhältnis zur Welt lässt sich für ihn nicht auf die Frage reduzieren, wer sachlich-theologisch Recht hat in der Debatte um das Essen des Götzenopferfleisches. Die Alltagswelt ist zu kompliziert, als dass man ihr mit der zutreffenden Auffassung über die Einzigkeit Gottes und die Nichtigkeit der Götzen bereits gerecht werden könnte. Es gibt Situationen, in denen sich die Glaubenden nicht einfach auf die richtige Erkenntnis berufen können. Paulus gibt eine differenzierte Antwort.

Eine grundsätzliche Grenze wird durch die „Schwachen“, also diejenigen gesetzt, die das Götzenopferfleisch noch als solches wahrnehmen. Sie könnten durch den Genuss seitens der Starken dazu verleitet werden, dieses Fleisch ebenfalls zu essen und sich in ihrer eigenen Wahrnehmung damit erneut den Götzen zuzuwenden, ihnen Macht einzuräumen. In Situationen, in denen diese Gefahr besteht, dürfen die Starken ihre Erkenntnis nicht durchsetzen: „Wenn eine Speise meinem Bruder zum Anstoß wird, esse ich überhaupt kein Fleisch in Ewigkeit, damit ich meinem Bruder keinen Anstoß gebe“ (8,13). Einen Sachgrund, auf dem Essen des Fleisches zu bestehen, gibt es nicht.

Mit der Betonung dieser grundsätzlichen Grenze ist das Problem aber noch nicht gelöst. Die Situationen, in denen sich die Glaubenden der korinthischen Gemeinde wiederfinden können, sind vielfältiger. Die Rücksicht auf die Schwachen ist nur ein Aspekt. Noch auf derselben Linie liegen die Ausführungen in 10,14-22. Paulus zieht dort ebenfalls eine scharfe Grenze, ohne dass die Rücksicht auf die Schwachen eine Rolle spielte. Er warnt eindringlich vor der Teilnahme am heidnischen Kult. Auch wenn die Götzen und das ihnen geopferte Fleisch eigentlich nichtig sind, so entsteht im Kult doch eine Gemeinschaft mit Dämonen, die Paulus als die Empfänger des Opfers ansieht. Und eine solche Gemeinschaft träte in Konkurrenz zur Gemeinschaft mit Christus.

Die möglichen Berührungen mit der Welt der Götzen beschränken sich aber nicht auf unmittelbar kultische Begehungen. Wie steht es mit dem Fleisch, das auf dem Markt verkauft wird und von dem unklar ist, ob es aus kultischer Schlachtung stammt? Paulus sagt, man könne dieses Fleisch essen, ohne über seine Herkunft Erkundigungen einzuziehen (10,25). Auch eine Privateinladung bei Ungläubigen zwingt nicht dazu, die Herkunft des Fleisches zu erfragen; es kann alles gegessen werden (10,27). Die Situation ändert sich allerdings, wenn ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass das Fleisch aus dem Kult stammt. Dann soll es nicht gegessen werden, weil sonst der Eindruck entsteht, das Bekenntnis zu Christus sei mit dem Götzendienst vereinbar. Dieser Eindruck soll nicht nach außen vermittelt werden. Die Stellung zum Götzenopferfleisch ist, worauf Dietrich-Alex Koch überzeugend hingewiesen hat, also abhängig von der Situation, in der es gegessen wird. Nicht die Substanz als solche markiert die Grenze; deshalb muss man die Herkunft des Fleisches nicht erfragen und kann das Fleisch vom Markt oder bei einem privaten Essen bedenkenlos essen. Wird aber die kultische Qualität des Fleisches offen benannt, tritt der Bekenntnisfall ein. Dann muss um der Eindeutigkeit des Christusglaubens willen auf den Verzehr des Fleisches verzichtet werden.

 

Fazit

 

Im Ganzen ergibt sich also ein durchaus differenziertes Bild des Verhältnisses von Kirche und Welt. Die scharfe Kontrastierung der Wertmaßstäbe – Weisheit Gottes gegen Weisheit der Welt – begründet keine Abschottung von der Welt. Aus dem klaren Nein zum Götzendienst folgt nicht, dass alle möglichen Berührungen mit dieser Sphäre im Alltag zu meiden wären. Nicht die Furcht vor Kontakt mit kultischen Substanzen aus der heidnischen Götterwelt bestimmt die Weisungen, sondern die Sorge um die Eindeutigkeit des Christusbekenntnisses als Absage an die heidnische Götterwelt.

Für Paulus war der bleibende alltägliche Kontakt mit der Welt, wie er sich in der Einladung zu einem Essen ausdrückte, wohl auch eine missionarische Chance. Immerhin rechnet er damit, dass Ungläubige auch in die gottesdienstliche Versammlung kommen (14,23-25). Und das dürfte sich am ehesten durch private Kontakte anbahnen. Abgrenzung und Öffnung: Beides finden wir bei der Bestimmung des Verhältnisses von Kirche und Welt bei Paulus – gründlich durchdacht im Blick auf die Situationen des alltäglichen Lebens.

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