Der Islamische Staat

Struktur, Strategie und Ziele einer Terrororganisation

Die Geschichte der Terrororganisation „Islamischer Staat“ ist schon viele Male erzählt worden. Deswegen werde ich mich hier auf ein knappes Gerüst beschränken: von den Anfängen im nördlichen Irak noch in der Zeit starker US-amerikanischer Militärpräsenz in diesem Raum über die Ausdehnung auf Syrien zu einem Zeitpunkt, da das dortige Assad-Regime nicht mehr in der Lage war, das gesamte Staatsgebiet unter seiner Kontrolle zu halten, eingeschlossen die verschiedenen Um- und Neubenennungen der Organisation bis zur gegenwärtigen Lage, da der IS an allen Fronten in die Defensive gedrängt ist und im Begriff steht, immer mehr der von ihm eroberten und zeitweilig kontrollierten Gebiete zu verlieren. Aber auch eine Niederlage des IS in der Levante wird nicht, wie dies bei herkömmlichen Formen der Kriegführung der Fall wäre, zum Ende des IS führen, sondern er wird sich in eine Netzwerkorganisation zurückverwandeln, um andernorts neue territoriale Verwurzelungen zu suchen. Libyen ist zurzeit dafür der naheliegende Kandidat. Das alles ist weithin bekannt und muss nicht noch einmal im Detail ausgebreitet werden.

Statt dessen werde ich mich auf die Konturierung des IS gegen al-Qaida konzentrieren, um Differenzen in der Struktur, der Strategie und den Zielen dieser beiden Terrororganisationen herauszuarbeiten, die zur größten Herausforderung „des Westens“ seit dem Ende des Kalten Kriegs geworden sind. Das wird freilich nicht möglich sein ohne einen Blick auf einige Spezifika unserer eigenen Gesellschaften, als deren wichtigste ich deren postheroischen Charakter herausstellen will. Erst vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum eine Gruppe von ein paar Tausend Personen eine Wirkung hat erzielen können, für die früher Koalitionen von Großmächten vonnöten gewesen wären. Das Ganze wird dann mit einem Blick in die nähere Zukunft abgeschlossen, und dabei wird weniger der Nahe Osten als vielmehr unser eigenes Land in der Mitte Europas eine zentrale Rolle spielen.

 

I.

Die Geschichte des „Islamischen Staats“ beginnt in einem US-amerikanischen Lager für Terrorverdächtige im Irak, wo einige der Gefangenen radikalisiert werden und andere zueinander Vertrauensbeziehungen aufbauen, die später im IS eine zentrale Rolle spielen werden. Man kann deswegen nicht sagen, die USA hätten den IS produziert, aber eine Reihe ihrer Handlungen hat ihn beziehungsweise seine Entstehung doch erheblich befördert. Einen ähnlichen Effekt scheinen zurzeit im Übrigen in Europa Gefängnisse für Kriminelle zu haben, in denen der IS bemerkenswerte Rekrutierungserfolge erzielt. Das ist ein wichtiger Punkt, den wir festhalten wollen: Unsere Sortiermaschinen, in denen entweder Täter von bloß Verdächtigen getrennt oder eines Verbrechens Überführte bestraft werden, sind von den Dschihadisten zum Rekrutierungsreservoir für ihre Kämpfer und zum Aufbau von Terrorzellen in Europa gemacht worden. Dort jedenfalls haben sie die größten Rekrutierungserfolge. Was auch immer das für unser eigenes Agieren heißt: Wir haben es mit einem Kontrahenten zu tun, der die bei uns üblichen Formen von Abwehr des Terrorismus und der Begrenzung von normaler Kriminalität in eine Schwäche verwandelt. Es geht also nicht um die Fehler der USA, die diese im Irak gemacht haben und auf die die Europäer herabsehen, sondern es geht um strukturelle Faktoren, die man auch bei etwas mehr Geschick nicht vermeiden kann. Das ist die große Herausforderung, auf die es bislang keine Antwort gibt. Überhaupt ist das ein charakteristisches Merkmal von Terroristen seit deren vermehrtem Aufkommen im 19. Jahrhundert: dass sie die Infrastruktur der von ihnen angegriffenen Gesellschaft für ihre eigene Zwecke nutzen und insofern keine eigene Infrastruktur aufbauen müssen.

Was den IS kennzeichnet ist sein virtuoses Changieren in Raum und Zeit, seine Fähigkeit, sich bietende Gelegenheiten zu einer territorialen Verankerung in einem bestimmten Gebiet auch wieder mit strategischen Entscheidungen zur Entterritorialisierung zu verbinden. Sicherlich ist der Nahe Osten für alle Dschihadisten ein sakrafizierter Raum, der sich nicht beliebig gegen andere Räume austauschen lässt, aber die Struktur des IS ist nicht in der Weise an diesen Raum gebunden, dass dessen militärische Eroberung und administrative Kontrolle durch die Anti-IS-Koalition mit der Vernichtung des IS verbunden wäre, wie das in der klassischen Kriegführung der Fall ist. Wenn ein Land vom Gegner erobert und unter dessen Kontrolle gebracht worden ist, hatte im klassischen Krieg die Macht, die sich auf dieses Gebiet stützte, den Krieg verloren. Das heißt, terroristische Organisationen haben aufgrund ihrer Möglichkeit, sich von einem territorialen Akteur auch wieder in ein Netzwerk zurückzuverwandeln eine sehr viel höhere Resilienz gegenüber Rückschlägen und Niederlagen als klassische staatliche Akteure, die im Fall der Besetzung ihres Territoriums kapitulieren müssen.

Nun hat sich der IS inzwischen nicht nur den Namen „Staat“ zugelegt, sondern er hat auch Strukturen ausgebildet, die denen eines Staates ähnlich sind. Er hat sich damit verwundbarer gemacht, als er es wäre, wenn er eine reine Netzwerkorganisation geblieben wäre, die, wie das in Westeuropa, namentlich Frankreich und Belgien, der Fall ist, aus der Tiefe des sozialen Raums heraus operiert und nach den Anschlägen in diesem sozialen Raum auch wieder verschwindet. Von daher die Frage: Worin besteht der Mehrwert, den der IS dadurch erlangt, dass er Staatsqualität angenommen hat?

  • Da ist zunächst die Sakralität des Raumes, in dem sich der IS territorialisiert hat, es ist ein kleiner Raum, der das Zentrum eines islamischen Kalifatsstaats sein soll. Es geht also um ein politisches Projekt, bei dem das Ziel sehr viel ambitionierter ist, als das sonst bei Terrororganisationen der Fall ist. Die Sakralität verband sich dabei offenbar mit den Opportunitätsstrukturen infolge des Staatszerfalls im Irak und in Syrien.
  • Dadurch erlangte der IS eine erhebliche Attraktivität gegenüber den global verstreuten Dschihadisten, die sich dem anschließen, der das politisch attraktivste und strategisch aussichtsreichste Projekt vertritt. Die verschiedenen islamistischen Organisationen konkurrieren um die Kämpfer und ihre Loyalität – und mit dem Kalifatsprojekt hat der IS gegenüber allen anderen Konkurrenten zweifellos einen großen Stich gemacht.
  • Diese Realkonkurrenz islamistischer Akteure um militärische Arbeitskraft, konkret: um Todesvirtuosen, wird in der Regel bei der Analyse des Terrorismus zu wenig beachtet. Aber sie ist ein bestimmender Faktor bei der Anlage von Strategien, und diese zielen nicht nur auf den Feind, sondern haben auch die Funktion zur Mobilisierung des potentiellen Freundes.

Aber diese Territorialität hat den IS andererseits auch hochgradig verwundbar gemacht: Zunächst verwundbar gegenüber Luftangriffen, denen die Kämpfer des IS und dessen Infrastruktur tendenziell wehrlos ausgeliefert ist. Was damit stattfindet, ist ein permanenter Aderlass der Terrororganisation. Im Prinzip spielt das den USA und deren Präferenz für eine Bekämpfung des IS aus der Luft in die Hände, und vermutlich hat dies auch zu einer US-Entscheidung beigetragen, den IS durch permanente Luftangriffe langsam auszubluten und ihn nicht mit einem großen Schlag in eine Netzwerkorganisation zurück zu verwandeln, die man dann nicht mehr in der „bequemen Form“ von Luftangriffen bekämpfen kann.

Zwar haben die USA in der Ära Obama die Praxis entwickelt, Terrororganisationen, die wesentlich Netzwerkorganisationen geblieben sind oder allenfalls sporadisch Territorialität ausgebildet haben, mit bewaffneten Drohnen aus der Luft zu bekämpfen, doch ist dies eine sehr viel aufwändigere und komplexere Form der Terrorismusbekämpfung als dies die Luftangriffe auf Stellungen oder größere Fahrzeugkolonnen des IS in den von ihm beherrschten Gebieten Syriens und des Nordirak sind. Das zeigt sich schon daran, wer die jeweiligen „Gegenangriffe“ operativ durchführt: Während es bei Drohnenangriffen nur gelegentlich das Militär ist und für viele dieser Attacken der Geheimdienst verantwortlich zeichnet, von dem auch die Drohnen gesteuert und die Hellfire-Raketen abgefeuert werden, sind die Luftangriffe ausschließlich eine Angelegenheit des Militärs, in diesem Fall der Luftwaffe. Der Kampf gegen den IS wird also in Form eines Krieges geführt, während die Bekämpfung terroristischer Netzwerkorganisationen ohne ausgeprägte territoriale Basis eine Zwischenform darstellt, die weder eindeutig als Kriegführung noch als Kriminalitätsbekämpfung zu rubrizieren ist.

Mit dem Entschluss zum Aufbau eines Kalifatsstaates durch den IS war der Zwang zur Entwicklung einer administrativen und logistischen Infrastruktur verbunden, die erhebliche Kräfte band und nach wie vor bindet und einen permanenten Zufluss finanzieller Ressourcen zur Voraussetzung hat. Das Projekt ist infolgedessen nicht nur verwundbarer, sondern auch teurer geworden, und der Verkauf von Kunstwerken aus dem besetzten Gebiet und von Erdöl, das dort gefördert wird, dient wesentlich dazu, diese Infrastruktur und die Bevölkerung im IS-kontrollierten Gebiet versorgen zu können. Natürlich gibt es daneben auch die nach wie vor offensichtlich weiterfließenden „Spenden“ aus Teilen der arabischen Welt, die dem IS zugutekommen. Während diese „Spenden“ in der Regel ausreichen, um eine terroristische Netzwerkorganisation zu finanzieren, ist das bei dem IS, der für die Versorgung der Bevölkerung verantwortlich ist, die in dem von ihm eroberten Gebieten geblieben ist, nicht der Fall. Sicherlich lässt sich diese Bevölkerung zunächst einmal mit Steuern und Abgaben belasten, um auf diese Weise Zugriff auf die erforderlichen Ressourcen zu bekommen. Das ist auch in den vom IS kontrollierten Gebieten der Fall. Aber dabei handelt es sich eher um eine kurze Sicht funktionierende Raubwirtschaft als um eine mittelfristig funktionsfähige Ökonomie, die den IS in die Lage versetzen würde, das von ihm gestartete Projekt über einen längeren Zeitraum durchzuhalten.

Das Projekt Kalifatsstaat hat den IS also unter einen Zeitdruck gesetzt, dem sich terroristische Netzwerkorganisationen sonst durch ihre Struktur entziehen. In der Regel gilt, dass die westlichen Terrorbekämpfer unter Zeitdruck stehen und schnell erfolgreich sein müssen, während die Terrorgruppen infolge ihrer Klandestinität über erheblich mehr Zeit verfügen. Dieser unterschiedliche Zugriff auf die Ressource Zeit ist eines der Kernelemente in der asymmetrischen Konfrontation, wie sie die terroristische Herausforderung für die Territorialstaaten nun einmal darstellt. Dieser Vorteile hat sich der IS durch den Entschluss zum Aufbau eines Kalifatsstaats begeben.

Blicken wir zurück auf die aufgeregte Kommentierung der Bodengewinne des IS, insbesondere im Jahre 2014 und auch noch in 2015, so erstaunt daran, wie wenig in ihr die gerade beschriebenen strategischen Dilemmata erkannt worden sind. In großem Maße handelte es sich dabei um hysterisches Gerede, das sich mehr mit den grausamen Hinrichtungsvideos des IS und seinen Gewalttaten gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen in den von ihm kontrollierten Gebieten beschäftigte als mit der neuen Verwundbarkeit, in die sich die Gruppierung hineinmanövriert hatte. Retrospektiv kann man sagen, dass der IS in eine strategische Falle gelaufen ist, die sich aus der Nutzung von scheinbaren Opportunitätsstrukturen ergeben hat. Er hat durch das für ihn scheinbar attraktive Projekt des Kalifatsstaats potentielle und wirkliche Dschihadisten aus aller Welt angezogen, die in Syrien und im Irak von den USA und deren Verbündeten mit der Luftwaffe relativ leicht anzugreifen und zu töten waren – jedenfalls im Vergleich mit der aufwändigen Suche nach ihnen im Brüsseler Stadtteil Molenbeek.

Das russische Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg hat die Konstellationen inzwischen fundamental verändert; es kommt der Waffenstillstand hinzu, in den der IS und die al-Nusra-Front nicht einbezogen sind, so dass die zuvor stark verzettelten Kräfte des Assad-Regimes gegen sie konzentriert werden konnten und ihnen auch am Boden eine Reihe von Niederlagen beigebracht haben. Wahrscheinlich wird 2016 oder 2017 das Ende des IS als Territorialakteur in der Levante kommen und zu seiner Rückverwandlung in ein Netzwerk führen, das sich aber andernorts erneut territorialisieren kann.

 

II.

Vergleicht man die verschiedenen dschihadistischen Organisationen miteinander, so besteht eine der zentralen Differenzen zwischen al-Qaida und dem IS in der unterschiedlichen Beantwortung der Frage, wer der Feind ist beziehungsweise wer von den zahlreichen Feinden der Hauptfeind ist. Für al-Qaida standen die USA und Israel hier ganz vorn. Das ist beim IS anders: An die Stelle der USA und Israels sind die Schiiten, bestimmte Regimes der arabischen Welt sowie die Europäer getreten, die leicht zu attackieren sind.

Über die divergente Definition des Hauptfeindes hinaus ergibt sich daraus eine unterschiedliche Strategie und Zielsetzung. Man kann die Feinderklärung des IS gegenüber den Schiiten aus den Erfahrungen mit der al-Maliki-Regierung im Irak erklären, aber mindestens ebenso handelt es sich dabei um die fast zwangsläufige Folge der strategischen Konzentration auf einen sakralen/heiligen Raum, der zunächst von all denen „gesäubert“ werden muss, die ihn durch ihre Anwesenheit kontaminieren: Christen, Schiiten, Aleviten, Jesiden usw. Das ist ein Vorteil für die USA, die damit in den Hintergrund der IS-Ziele getreten sind. Und zugleich ist es ein Nachteil für Europa, da die Europäer leicht anzugreifen sind und sich hier auch entsprechende Rekrutierungsreservoirs für dschihadistische Kämpfer finden. Al-Qaida war in hohem Maße eine strategische Herausforderung für die USA, während der IS, jedenfalls was „den Westen“ anbetrifft, eine strategische Herausforderung der Europäer ist: durch die von ihm erzeugten Flüchtlingsströme, die im Herbst und Winter 2015 über die Balkanroute nach West- und Mitteleuropa gekommen sind und die EU an den Rand des Auseinanderbrechens gebracht haben, und natürlich durch die Anschläge von Paris und Brüssel, von denen die europäischen Gesellschaften in ihrem Kern getroffen worden sind.

 

III.

Nun ist Europa freilich nach dem gegen die USA gerichteten Terrorattacken vom 11. September 2001 ebenfalls durch Anschläge von al-Qaida nicht verschont geblieben. Zu nennen sind hier die Angriffe auf die Vorortzüge in Madrid und die auf Busse und U-Bahnen in London. Man könnte also auf den ersten Blick meinen, die Attacken von Paris im November 2015 und die von Brüssel im Frühjahr 2016 würden nur etwas fortsetzen oder wieder aufnehmen, was schon zehn Jahre davor seinen Anfang genommen hat. Und doch gibt es bemerkenswerte Unterschiede: Die Anschläge von Madrid und London waren gegen die Verkehrsinfrastruktur europäischer Großstädte gerichtet, sie hatten die Aufgabe, die dramatische Verwundbarkeit dieser Verkehrsinfrastruktur offenzulegen und dienten offensichtlich dazu, auf diese Weise Regierungshandeln zu beeinflussen, also die spanische und die britische Regierung zu einem Kurswechsel in deren Irakpolitik zu zwingen. Im spanischen Fall war das erfolgreich, im Fall der Briten nicht.

Weitere Anschläge dieses Typs waren im Übrigen nicht erfolgt beziehungsweise konnten rechtzeitig verhindert werden. Die Chance zur Verhinderung solcher Anschläge ergab sich unter anderem daraus, dass Polizei und Geheimdienste der europäischen Staaten lernten, wie die Vorbereitung solcher Attacken erfolgte, wo die Terroristen Spuren hinterließen, wie und wann sie miteinander kommunizierten usw. Vereinfacht formuliert kann man sagen, dass solche Anschläge ein Komplexitätsniveau hatten (und haben), das durch die Fülle der dabei entstehenden Spuren ein erfolgreiches Gegenhandeln der Staatsorgane nicht nur möglich machte, sondern auch zu einer relativ hohen Erfolgswahrscheinlichkeit führte. Jedenfalls kehrte nach einiger Zeit ein Sicherheitsempfinden zurück, das die Voraussetzung für das reibungslose Funktionieren unserer Gesellschaften ist.

Das ist bei den Anschlägen auf Festveranstaltungen und sportliche Großereignisse ganz anders. Solche Attacken zielen nicht auf Regierungshandeln, sondern auf das Lebensgefühl der Zivilgesellschaft, und die Regierung hat in diesem Fall keine Chance, durch eine entsprechende Veränderung ihrer Politik die eigene Bevölkerung als den am leichtesten verwundbaren Teil des politischen Körpers aus dem Fokus der Angreifer zu nehmen. Und offensichtlich ist es für Polizei und Geheimdienste auch sehr viel schwerer, mit Handfeuerwaffen und Sprengstoffgürteln durchgeführte Attacken kleinster Zellen zu verhindern als Bombenanschläge auf die Verkehrsinfrastruktur eines Landes.

Man kann die Entwicklung des Terrorismus in Europa seit den 1970er Jahren, als es sich wesentlich um einen sozialrevolutionären Terrorismus (Rote Armee Fraktion, Brigate rosse) handelte, als einen Prozess beschreiben, bei denen die Anschlagsdurchführung immer einfacher wird, weil die Ziele immer beliebiger werden: Bestimmte Personen aus der gesellschaftlichen und politischen Elite eines Landes zu entführen oder zu töten, hat ein hohes Maß an organisatorischer Leistung und Präzision bei der Anschlagsdurchführung vorausgesetzt. Das ist überhaupt nicht der Fall, wenn an den Einlassstellen eines Fußballstadions oder in einem Musikclub Bomben gezündet oder auf die Anwesenden das Feuer aus Schnellfeuerwaffen eröffnet wird. Das kann jeder, der den Entschluss dazu gefasst und sich in den Besitz einer automatischen Waffe gebracht hat.

Und das ist es, was uns als eine postheroische Gesellschaft so ängstigt. Worin das politische Ziel solcher Attacken besteht, lässt sich nicht leicht sagen. Offenbar geht es wesentlich um die Erzeugung von Angst und Schrecken, also nicht um eine Einflussnahme auf die Politik eines Landes, sondern um die Zerstörung seiner Gesellschaft. Auf solche Attacken werden sich die Europäer vermehrt einstellen müssen – zumal dann, wenn der Kalifatsstaat des IS in Syrien und im Irak zerschlagen sein wird.

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