Die Bedeutung der bayerischen Landesuniversität Ingolstadt in den Anfangsjahren der Reformation

Im Rahmen der Veranstaltung "Apologie für Eck", 10.02.2017

Richard Mayer/Wikimedia Commons

Das Gedenken an Johannes Eck

 

Wenn man von der bayerischen Landesuniversität Ingolstadt in den Anfangsjahren der Reformation spricht, dann meint man damit gleichzeitig das Wirken des Theologen Johannes Eck, der zeitweilig als einziger Professor an der Theologischen Fakultät tätig war. Seine von dem Augsburger Humanisten Konrad Peutinger empfohlene Berufung im Jahr 1510 hatte der Fakultät nach schwierigen Anfangsjahren und teils raschen Wechseln wissenschaftliches Gewicht und Kontinuität verliehen: Er lehrte hier 33 Jahre bis zu seinem Tode. Eck dominierte auch über die später neben ihm noch wirkenden anderen Theologieprofessoren.

Johannes Eck galt als ein bedeutender und unter den Humanisten geachteter Wissenschaftler. Willibald Pirckheimer entwarf 1517 in seiner Verteidigung Reuchlins in der Widmungsvorrede seiner Ausgabe von Lukians Piscator das Idealbild eines modernen Theologen. Dieser sollte umfassend gebildet und in den drei heiligen Sprachen bewandert sein, die Grundlage seiner Studien sollte die Heilige Schrift bilden. Pirckheimer führte zahlreiche Beispiele für bedeutende Theologen an, zu denen er neben „Martinus Lueder Augustiniani“ auch Johannes Eck zählte. Peter Walter betonte, dass Johannes Eck zu den Humanisten gehörte, wenn er sich auch in seiner späteren Lebenszeit zu einem entschiedenen Vertreter der Kontroverstheologie entwickelt habe.

Auch in der Festschrift anlässlich der 500jährigen Wiederkehr der Universitätsgründung 1972 rechnete die Ludwig-Maximilians-Universität Johannes Eck zu ihren großen Gelehrten, 1986 und 2010 wurden in Ingolstadt prominent besetzte Tagungen zu seinem Gedenken abgehalten. Hier wurde er als Theologe, als Humanist und als Kontroverstheologe gewürdigt. Neben diesen Ebenen sollte man auch den Kirchenpolitiker in den Blick nehmen. Als wertvolle Quelle für alle Fragen zur Biographie steht die von Vinzenz Pfnür begonnene, allerdings noch unvollendete kritische Edition von Ecks Korrespondenz im Internet zur Verfügung. Unsere Tagung steht unter dem Motto: Apologie für Eck. Hat er seine solche überhaupt nötig? Von Luther und anderen Reformatoren wurde er tatsächlich persönlich hart und wohl auch ungerecht angegriffen.

 

Der Ingolstädter Theologieprofessor

 

Johannes Maier, später nach seinem Geburtsort Eck benannt, wurde am 13. November 1486 in Egg an der Günz in der Herrschaft der Abtei Ottobeuren geboren. Auf Vermittlung seines Onkels Martin Maier, Stadtpfarrer im damals vorderösterreichischen Rottenburg, erhielt er eine gelehrte Ausbildung und immatrikulierte sich 1498 an den Universitäten Heidelberg und 1499 Tübingen, wo er zum Baccalaureus und zum Magister artium graduiert wurde. Er setzte seine Studien an den Hochschulen in Köln und Freiburg fort, wo er Vorlesungen hielt und 1510 zum Doktor der Theologie promoviert wurde. In Tübingen und Freiburg lernte er die neue theologische Richtung der via moderna kennen, der er in moderater Form verpflichtet blieb. Bereits zuvor hatte er 1508 in Straßburg die Priesterweihe empfangen.

Am 31. Oktober 1510 verließ Johannes Eck die vorderösterreichische Universitätsstadt und folgte einem Ruf an die damals noch junge bayerische Landesuniversität in Ingolstadt, die 1472 Herzog Ludwig der Reiche von Bayern-Landshut (1450-1479) gestiftet hatte. Mit der Vereinigung Ober- und Niederbayerns nach dem Landshuter Erbfolgekrieg war sie unter die Herrschaft Herzog Albrechts des Weisen (1465-1508) und seit 1508 seiner Söhne gekommen. Seine Antrittsvorlesung hielt Eck über das Thema der Heilsaussichten der Menschen, die ohne Kenntnis der christlichen Lehre und Empfang der Taufe dem natürlichen Gesetz folgten. Zur Versorgung erhielt er ein Kanonikat am adeligen Domstift Eichstätt, welches der Papst bei der Universitätsgründung für den Unterhalt eines Theologieprofessors zugestanden hatte. Außerdem wurden ihm später zunächst die Ingolstädter Pfarrei St. Moritz (1519-1525) und dann die Pfarrei Unsere Liebe Frau (1525-1532, 1538-1540) übertragen, wo er sich durch eifriges Predigen hervortat.

Im Jahr 1511 wurde Johannes Eck zum Dekan der theologischen Fakultät gewählt. Der Eichstätter Bischof Gabriel von Eyb (1496-1535) übertrug ihm in seiner Eigenschaft als Kanzler der Universität 1512 das Amt des Vizekanzlers, das er 30 Jahre ausüben sollte. In diesem Jahr hielt Eck eine Vorlesung über Gnade und Prädestination in Anlehnung an Duns Scotus und die ältere Franziskanerschule, die er 1514 unter dem Titel „Chrysopassus“ veröffentlichte. Dabei ging es ihm um das Problem, ob die Menschen durch Gott für Himmel oder Hölle prädestiniert würden oder ob die Prädestinierten dafür durch ihre Handlungen selbst verantwortlich seien. Damit steht die Frage um die Rechtfertigung und um das Heil im Mittelpunkt. Eck plädierte für die uneingeschränkte Freiheit und Gerechtigkeit Gottes: „Gott bestimmt diejenigen zum Heil, von denen er voraussieht, dass sie mit der Gnade mitwirken und in ihr bis zum Lebensende beharren“. Damit vertrat er eine Position, die auch die späteren Reformatoren nicht ablehnen würden.

 

Das Lob der Universität Ingolstadt

 

Dem jungen Professor gefiel es offenbar sehr gut in Bayern und besonders in Ingolstadt. In den „Chrysopassus“ integrierte er in seinem Widmungsbrief an die bayerischen Herzöge ein Loblied auf das Land und die Stadt, das wir hier in deutscher Übersetzung zitieren: „Das herzogliche Territorium selbst steht in höchster Blüte, bewässert von sehr bemerkenswerten Flüssen. Bayern durchströmen nämlich die Isar, die Vils, der Inn, die Salzach, der Lech und die Donau, der größte aller Flüsse Europas. Wenn auch der klassische Autor STRABO Noricum eine Einöde genannt hat, so widerspreche ich nicht seiner Meinung, dass es zu seiner Zeit so gewesen sein kann. Dennoch war Noricum sehr kultiviert, wie AENEAS SYLVIUS schreibt, und besitzt große und aufstrebende Städte und Adelssitze; wir kennen in ganz Europa keine, die sie an Glanz übertreffen könnten. Bayern besitzt fruchtbaren Ackerboden, der an den Abhängen der Donau auch Wein wachsen lässt; es hat Vieh in Hülle und Fülle, ist überreich an Salz und Eisen, Güter, die nach ganz Deutschland, Böhmen und Ungarn ausgeliefert werden. Hoch ist die Einwohnerzahl, man treibt regen Handel, wird durch starke wehrhafte Burgen geschützt und prächtige mit großem Aufwand errichtete Kirchen bilden eine edle Zierde für ihr Land.

Und damit dem berühmten Herzogtum Bayern nicht irgendetwas fehle, meinten die erlauchten Herzöge in kluger Voraussicht, einem jeden guten Fürsten gereiche es zum Ruhm, eine Universität zu haben, und zwar in der blühenden Stadt Ingolstadt mit ihrer milden Luft, ihrer lieblichen Lage, die alles im Überfluss besaß, was zum Studieren nötig ist: und so errichteten sie an den Ufern der fischreichen Donau eine Hochschule, wohin aus allen Teilen Deutschlands die Studenten zum Studium der Artes und der guten Sitten und um die Schätze des Wissens in sich aufzunehmen, begierig strömen sollten. Und da es ein Merkmal eines blühenden Gemeinwesens ist, wie SYMMACHUS sagt, die Lehrer der Wissenschaften mit üppigem Gehalt auszustatten, haben die freigebigen Fürsten für die Doktoren der himmlischen und der irdischen Weisheit durch sehr reiche Dotationen aus ihrem Grundbesitz für äußerst großzügige Entlohnung überreich und freigebig gesorgt. So entstand unsere so blühende und ruhmvolle Hochschule mit der vielseitigen Gelehrsamkeit ihrer in allen Wissenschaften beschlagenen Professoren, um mit allen übrigen Hochschulen in Deutschland um den Vorrang zu streiten und hinter keiner zurückzustehen.“

In dieser frühen Phase des Wirkens Ecks in Ingolstadt setzte eine Universitätsreform ein, für die sich besonders der Rat Herzog Wilhelms IV. von Bayern, Dr. Leonhard von Eck (1480-1550), engagierte. Dieser einflussreiche, aus dem bayerischen Beamtenadel stammende Jurist leitete die bayerische Politik nahezu während der gesamten Regierungszeit Herzog Wilhelm IV. (1508-1549), darf aber nicht mit dem mit ihm nicht verwandten Johannes Eck verwechselt werden. Die Inhalte der Lehre wurden mit einer Erneuerung der Scholastik reformiert, in formaler Hinsicht wurden nun die durch den Buchdruck ermöglichten modernen Lehrmethoden berücksichtigt. Dies bedeutete eine Abwendung von der reinen Vorlesung hin zu Lektürekursen. Professor Johannes Eck wurde beauftragt, für die Artistenfakultät geeignete Texte herauszugeben und knapp zu erläutern. Deshalb verfasste er Kommentare zur Logik des Petrus Hispanus und zu den Hauptwerken des Aristoteles. Er setzte sich aber auch mit der Schrift und mit den Schriften des Augustinus und verschiedener Neuplatoniker auseinander. So konnte er einen Mittelweg zwischen „via antiqua“ und „via moderna“ entwickeln. Vom Jahresende 1519 bis 1521 nahm er den berühmten Humanisten und Hebraisten Johannes Reuchlin (1455-1522) in Ingolstadt auf, der dort eine Professur für Hebräisch erhielt.

 

Der Beginn der Auseinandersetzung mit Martin Luther

 

Johannes Eck war ein bedeutender und geachteter Wissenschaftler, der mit den Augsburger und Nürnberger Humanisten in gelehrtem Austausch stand. Auf die Vermittlung des Nürnberger Ratskonsulenten Christoph Scheurl stand Eck zunächst in Briefkontakt mit dem Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther. Allerdings brach der Konflikt nach der Verkündigung von dessen Ablassthesen im Oktober 1517 auf, die ihm dieser zugesandt hatte. Eck verfasste auf den Wunsch des Eichstätter Bischofs Gabriel von Eyb nur für diesen persönlich bestimmte Anmerkungen zu 18 kritisierten Thesen Luthers. Diese spielte der Cousin des Bischofs und Augsburger sowie Eichstätter Domherr Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden (1459-1523) Luther zu, der die Anmerkungen sehr unfreundlich aufnahm. Er reagierte mit den teils grobianischen „Asterisci Lutheri adversus obelisci Ecii“. Diese ließ er Eck zukommen, den er dabei persönlich verunglimpfte. Schon hier ging es um die unterschiedliche Auffassung von der göttlichen Gnade.

Jedenfalls setzte nun eine Auseinandersetzung ein, die für das weitere Leben Ecks und sein theologisches Schaffen bestimmend werden sollte. Ihren ersten Höhepunkt fand sie bei der Leipziger Disputation von 1519 (27. Juni bis 16. Juli). Zunächst hatte Andreas Bodenstein genannt Karlstadt (1486-1541) über 100 Thesen gegen Eck veröffentlicht, der darauf eine Disputation anregte, in deren Vorfeld weitere Thesen und Invektiven ausgetauscht wurden. Bei der öffentlichen Disputation auf der Pleißenburg in Leipzig brachte Professor Eck Martin Luther dazu, den Primat des Papstes zu bestreiten, die Unfehlbarkeit der Konzilien anzuzweifeln und überhaupt ein verbindliches kirchliches Lehramt zu leugnen. Eck zwang Luther zu dogmatischer Eindeutigkeit, der in der Folge das „Sola scriptura“-Prinzip aufstellte. Damit hatte dieser die Bahn eines Kirchenreformers verlassen und trat für eine neue Struktur der Kirche ein. Eck interpretierte Luthers Anschauungen als Angriff auf die Einheit der Kirche. Dieser Sieg Ecks in Leipzig förderte nachhaltig den reformatorischen Klärungsprozess und wirkte somit für die Kirchenspaltung zumindest beschleunigend.

In rascher Folge verfasste Eck nach Leipzig mehrere Schriften gegen Luther, konsequenterweise zunächst eine Verteidigung des petrinischen Primats: „De primatu Petri adversus Ludderum“, erschienen Ingolstadt 1520 und Paris 1521. Dabei stützte er sich für seine Argumentation weniger auf die Werke der Scholastik als auf die Heilige Schrift, die Konzilien und die Kirchenväter. Er wollte den Schriftbeweis erbringen, dass Christus Petrus als seinen Stellvertreter und als Haupt der Kirche eingesetzt habe. Außerdem kritisierte er die Bischöfe wegen ihrer mangelnden theologischen Bildung und Nachlässigkeit bei der Verteidigung des Glaubens, was zu seinem später teilweise gespannten Verhältnis zu den Reichsbischöfen beigetragen haben mag.

Im Frühjahr 1520 reiste Johannes Eck erstmals nach Rom, um die päpstliche Kurie über die aktuellen Entwicklungen in Deutschland zu informieren und wohl auch auf ein schärferes Vorgehen gegen die Wittenberger zu dringen. Dabei überreichte er Papst Leo X. (reg. 1513-1521) das Manuskript seines Werkes „De Primatu Petri“. Der Papst hatte bereits Kommissionen eingesetzt, um die Irrtümer und Häresien in Luthers Schriften aufzudecken. Ende April wurde Eck in eine Kommission mit zwei Kardinälen und Theologen berufen, welche die Bulle gegen die Thesen Luthers vorbereiten sollte. Dazu war er durch seine Sachkenntnis qualifiziert und wirkte deshalb auch maßgeblich an der Abfassung des Textes mit.

Von Rom kam Eck mit der päpstlichen Bulle „Exsurge Domine“ vom 15. Juni 1520 zurück. Der Papst hatte ihm gemeinsam mit Hieronymus Aleander (1480-1542) die Aufgabe übertragen, für ihre Publikation in Deutschland zu sorgen. Eck und Aleander erhielten die Erlaubnis, die Namen weiterer Personen in die Bannandrohungsbulle aufzunehmen. Eck ließ mit den Nürnberger Humanisten Lazarus Spengler (1479-1534) und Willibald Pirckheimer sowie mit dem Domherrn Bernhard Adelmann persönliche Gegner mit dem Bann bedrohen. Die Publikation der Bulle gestaltete sich allerdings als sehr schwierig. Die meisten Reichsbischöfe verweigerten zunächst die Veröffentlichung der Bannandrohung, weil sie dadurch wie etwa der Freisinger Bischof Aufruhr und Empörung befürchteten. Auch der Eichstätter Bischof beklagte sich über das kompromisslose Vorgehens Ecks und dessen mögliche Folgen für die Reichskirche. Gabriel von Eyb ließ aber doch unter dem Einfluss Ecks die Bannbulle als erster deutscher Bischof in der Universität Ingolstadt verkünden, erst im folgenden Jahr auch in allen Pfarreien der Diözese. Eck forderte den zunächst zögernden Senat der Universität zur Publikation der Bulle auf. Tatsächlich wurde sie am 29. Oktober 1520 im Großen Saal vor der versammelten Universität auf Anordnung von Eck und nach einer Einleitung des Kirchenrechtlers Georg Hauer (um 1484-1536) laut durch einen Notar verlesen. Im Anschluss ließ sie Eck noch in seiner Pfarrkirche St. Moriz verkünden, Georg Hauer verlas sie in seiner Pfarrkirche „Unserer Lieben Frau“. Dabei hat es auch in Ingolstadt durchaus Sympathien für die Reformation gegeben. Das zögernde Vorgehen der Reichsbischöfe ließ Eck stärker auf die Politik setzen, für ihn bedeutete nun „die Stärkung der Kirchenhoheit der Herzöge von Bayern … eine Sicherung gegen die Unzuverlässigkeit des Episkopates.“

 

Die bayerische Kirchenpolitik

 

Auch in Bayern traten Sympathisanten Martin Luthers und evangelische Gläubige auf. Die bayerischen Herzöge reagierten zunächst zögernd, weil sie in Luther anfänglich den Kirchenreformer sahen. Am 11. März 1521 wandte sich Herzog Wilhelm IV. an die bayerischen Bischöfe, wegen der bevorstehenden Verhandlungen mit Luther in Worms gegen dessen Anschauungen nicht weiter vorzugehen – „das si … auf den canzlen mit predigen … Lutters schriften und puechlein halber gemach thuen“. Der Herzog wollte auch Eck beeinflussen, die Veröffentlichung der Bulle „Exsurge Domine“ auszusetzen, der sich dagegen aber auf den päpstlichen Willen berief. Eck bemühte sich, auch den neugewählten Kaiser Karl V. (1519-1556, †1558) zum Einschreiten gegen Luther zu ermahnen. Tatsächlich wurden die Lehren Luthers auf dem Wormser Reichstag 1521 verurteilt und mit dem Wormser Edikt vom 8. Mai die Reichsacht über ihn verhängt und die Verbreitung seiner Schriften verboten.

Auf der Grünwalder Konferenz vom 10. Februar 1522 einigten sich die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. (1514-1545) auf die Grundlinien ihrer Religionspolitik: Ablehnung der Reformation Luthers bei gleichzeitiger Umsetzung eines Reformprogramms mit staatskirchlichen Mitteln und die Forderung zur Einberufung eines geistlichen Reformkonvents. Auch Johannes Eck bemühte sich, in Bayern die Wormser Beschlüsse konsequent umzusetzen. Im Februar 1522 besprach er sich darüber mit den Ingolstädter Kollegen, namentlich dem Juristen Franz Burckhard (1482-1539) und dem Kanonisten Georg Hauer, die sich mit diesem Anliegen an den einflussreichen herzoglichen Rat Leonhard von Eck wandten. Damit regten sie den Erlass des ersten bayerischen Religionsmandats von 1522 an, das sich auf die Bulle „Exsurge Domine“ und das Wormser Edikt stützte. Leonhard von Eck hatte den Text aufgrund ihrer Vorarbeiten entworfen. Da eine Reihe der von Luther vertretenen theologischen Positionen von Papst und Kardinälen verworfen worden sei und sein Wirken, besonders die beliebige Auslegung des Evangeliums, zur Zerrüttung von göttlicher und menschlicher Ordnung führe, forderten die Herzöge die Untertanen zum Festhalten am alten Glauben auf. Seitdem unterdrückten sie die Verbreitung der Anschauungen Luthers wie die Gemeindebildung seiner Anhänger in Bayern. Politische Gesichtspunkte spielten eine Rolle, die Wahrung der landesfürstlichen Hoheit nach innen gegenüber dem Adel wie die Anlehnung an die kaiserliche Religionspolitik, aber auch die individuelle Glaubensüberzeugung.

Die Verbindung staatlichen Glaubenszwanges mit obrigkeitlichen Reformmaßnahmen blieb konstitutiv für die Geschichte Bayerns im konfessionellen Zeitalter. Ende Mai 1522 wurde in der salzburgischen Exklave Mühldorf am Inn ein Reformkonvent für die Kirchenprovinz abgehalten. Die Synode beschloss neben einer Generalvisitation das Einschreiten gegen häretische Geistliche und lutherische Druckereien. Die bayerischen Herzöge beschritten den Weg der engen Zusammenarbeit mit dem Papsttum, um so einen Ausbau ihrer Kirchenhoheitsrechte zu erreichen. Eck verhandelte in ihrem Auftrag bei seinem dritten Romaufenthalt vom März bis Dezember 1523 mit den Päpsten Hadrian VI. (1522-1523) und Clemens VII. (1523-1534). Er hatte zwölf Denkschriften zur Kirchenreform verfasst, in denen er sich mit Kritik an der Kurie nicht zurückhielt und Fehlentwicklungen im Ablass- und Benefizienwesen brandmarkte. Dabei betonte er, dass eine bloße Bekämpfung der Reformatoren wirkungslos bliebe, wenn diese nicht mit der inneren Reform der Kirche verbunden würde. Deshalb entwickelte er ein positives Reformprogramm für die Kirche. Eck unterstrich, dass sich die Fürsten von Bayern immer so katholisch verhalten hätten wie kein Bischof dieser Kirchenprovinz. Für seine Auftraggeber wirkte er erfolgreich an der Kurie, so erhielt er mehrere einträgliche Privilegien für Bayern: die Erhebung einer „Türkenquint“ (ein Fünftel der geistlichen Einkünfte), die Ausübung der Strafgerichtsbarkeit über den Klerus und die Nominationsrechte für eine Vielzahl von Pfründen. Außerdem verbesserte der Papst die finanzielle Ausstattung der Universität Ingolstadt. Eck hatte für sie das Recht erwirkt, Theologieprofessuren auf jeweils ein Kanonikat der bayerischen Domkapitel mit Ausnahme Salzburgs zu präsentieren.

Die Festlegung Bayerns auf die Bewahrung des katholischen Glaubens wurde zunehmend zum Movens der gesamten Politik. Im Zusammenhang mit der Reformpolitik sind repressive und konstruktive Maßnahmen zu unterscheiden. Erstere beruhten vor allem auf dem zweiten Religionsmandat vom 2. Oktober 1524, das durch das Anwachsen der evangelischen Bewegung im Herzogtum ausgelöst wurde. Die verurteilten Lehren und das strafwürdige Verhalten waren hier festgehalten, eine Zensur für alle Druckwerke wurde eingeführt und die Rückkehr der bayerischen Studenten aus Wittenberg angeordnet. Außerdem wurden zur Kontrolle seit 1524 periodische Visitationen durchgeführt. Nach 1524 verschärfte sich das Vorgehen, 1527 kam es in Bayern sogar zu drei Hinrichtungen, dann konzentrierte sich die Verfolgung auf die Wiedertäufer. Das harte Vorgehen gegen diese, das etwa 80 bis 100 Todesopfer forderte, hatte mit der Angst der Regierung vor dem Bauernkrieg vergleichbaren sozialen Unruhen zu tun, die man im Keim ersticken wollte. Auch Johannes Eck zeigte Angst vor einem Aufruhr.

 

Die Bedeutung Ecks für die Festigung der katholischen Theologie

 

Auf katholischer Seite bemühte sich eine Reihe von Theologen, die kirchliche Lehre in apologetischen Werken gegen die Angriffe Martin Luthers zu verteidigen. Sie mussten berechtigte Anliegen der Reformatoren aufnehmen, Irrtümer aufzeigen und eine eigenständige Darstellung der katholischen Positionen erarbeiten. Viele Gelehrte, die sich in den Dienst der Verteidigung des katholischen Glaubens stellten, waren aber keine Theologen, sondern Humanisten oder praktische Seelsorger. Johannes Eck vereinigte alle diese Eigenschaften, er war sowohl ein profilierter und humanistisch gebildeter Theologe wie auch ein erfahrener Seelsorger von großer Arbeitskraft. Dies qualifizierte ihn zur Abfassung kontroverstheologischer Schriften. So verfasste er mit dem „Enchiridion locorum communium adversus Lutherum“, das 121 Auflagen und Übersetzungen erfuhr, das am weitesten verbreitete Werk der katholischen Theologie des 16. Jahrhunderts. Im Zentrum dieser Auseinandersetzung mit Luther steht die Lehre von der Kirche. Eck stellte dazu Schrift- und Väterbeweise gegen die Einwände der Reformatoren zusammen.

Johannes Eck gewann nun verstärkt internationale Bedeutung über das Reich hinaus. Im August 1525 wurde er in England von König Heinrich VIII. (reg. 1509-1547) ehrenvoll empfangen, dem er bei dieser Gelegenheit das diesem gewidmete „Enchiridion locorum communium“ überreichte. Im folgenden Jahr verfasste Eck eine Verteidigung des Messopfers „De sacrificio Missae“, Augsburg 1526, doch musste er die Druckkosten selbst bezuschussen.

Von großer Bedeutung wurde Ecks Wirken auf dem Augsburger Reichstag 1530. Im Vorfeld hatten die bayerischen Herzöge die Universität Ingolstadt aufgefordert, eine Liste der verschiedenen protestantischen Häresien aufzustellen. Eck trug darauf rasch einen allerdings wenig systematischen Katalog der Irrtümer der Lutheraner, Zwinglianer und Schwärmer in 404 Artikeln zusammen. Seine Absicht war dabei, die Protestanten insgesamt als Häretiker und als Einheit darzustellen und dadurch ihren obrigkeitsfeindlichen Charakter zu betonen. Darauf formulierte Philipp Melanchthon (1597-1560) die evangelische Gegenposition und stimmte diese mit Martin Luther ab. Das Augsburger Bekenntnis legt in 28 Artikeln das protestantische Glaubensverständnis dar. Als Zeichen der kirchlichen Einheit postuliert sie die Übereinstimmung in zentralen Punkten der Lehre des Evangeliums, während bei den kirchlichen Bräuchen, wozu die Sakramentenspendung gerechnet wird, Vielfalt walten könne. Darauf erarbeitete eine katholische Theologenkommission unter dem ehemaligen Konstanzer Generalvikar Johann Fabri (1478-1541) und gestützt auf die Vorarbeiten Ecks eine ausführliche Gegendarstellung. Diese „Catholica Responsio“ war allerdings für den Kaiser und die Mehrheit der Reichsstände zu polemisch und zu lang geraten, sodass die katholischen Theologen nunmehr unter der Leitung Ecks einen knapperen Text erstellen mussten. Die wesentlich von Eck verfasste Wiederlegung argumentiert auf der Basis der Schrift und bemüht sich um die Aufzeigung von Gemeinsamkeiten mit den Reformatoren, weist aber auch auf deren Defizite etwa hinsichtlich der Sakramenten- und der Rechtfertigungslehre hin. Während sich die Parteien über die Lehrartikel teilweise einigen konnten, dauerte der Streit über Laienkelch, Zölibat und Ordensgelübde an. Als die Protestanten aber ihre Annahme ablehnten, war der Versuch gescheitert, mit einer kaiserlichen Entscheidung die Glaubensfrage zu klären.

Nachdem beim Augsburger Reichstag von 1530 die bekenntnismäßigen Unterschiede der Konfessionen festgeschrieben worden waren, erließen die bayerischen Herzöge am 19. Mai 1531 ein drittes Religionsmandat, mit dem der Augsburger Reichsabschied umgesetzt wurde. Damit wurde die Religionsausübung aus altgläubiger Sicht definiert. Alle von der überlieferten katholischen Lehre abweichenden Thesen wurden verboten, gleichzeitig aber auch die Abstellung von Missbräuchen in der Kirche angeordnet.

Professor Eck beteiligte sich weiterhin an den zeitgenössischen Religionsgesprächen, so nahm er an den Hagenauer (1540), Wormser (1540/41) und Regensburger Diskussionen (1541) teil. Auch die bayerischen Herzöge waren teilweise persönlich anwesend. Hier verfochten sie wieder einen harten Kurs, der Kompromisse mit den Protestanten ablehnte. Sie forderten den Zusammenhalt der Katholiken und die Einberufung eines allgemeinen Konzils. Zusammenfassen lässt sich diese Haltung in einem Ausschnitt ihrer Instruktion für die Gesandten zum Wormser Religionsgespräch, an deren Spitze Protonotar Johannes Eck stand: „und sonderlich das unser heiliger glaub in den götlichn und heiligen geschrifften, dergleichen durch die heiligen concilien und der allten cristlichen lerer ausslegung dermassen gegrundt, das von unnöten ist denselben in weitern zweifl und disputation zu stellen.“

 

Ausklang und Neuanfang

 

Während seiner gesamten Zeit als Professor in Ingolstadt hatte Johannes Eck die dortige Theologische Fakultät entscheidend geprägt und ihr Gewicht verliehen. Am 10. Februar 1543 starb Johannes Eck in Ingolstadt, wo er im Liebfrauenmünster beigesetzt wurde. Mit den Worten von Rainer A. Müller hatte sich die Universität Ingolstadt in seiner Ägide zur Vorkämpferin des Katholizismus und zum Antipoden Wittenbergs entwickelt: „Die Alma mater war gleichsam wissenschaftlich-theologischer Exponent der bayerischen Kirchenpolitik.“ Diese Bedeutung wird auch dadurch unterstrichen, dass nach seinem Tode „die einstmals im ganzen Reich berühmte theologische Fakultät von Ingolstadt nur mehr ein Schatten ihrer selbst“ war. Erst mit der Berufung der ersten Jesuiten 1549, der Stiftung eines Kollegs 1556 und schließlich der dauerhaften Übernahme der theologischen Lehrstühle erhielt die Universität wieder Bedeutung und entwickelte sich zu dem wohl wichtigsten Zentrum der katholischen Reform weit über die bayerischen Grenzen hinaus.

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