Wirkungsgeschichte
Wir stehen am Ende der Biblischen Tage und müssten eigentlich ganz neu beginnen. Allein das Hohelied der Liebe 1 Kor 12b-13,13 böte Stoff für eine ganze Woche. Es hat eine reiche Wirkungsgeschichte entfaltet. Ich möchte andeutungsweise nur drei Beispiele anführen.
Seit der Zeit Papst Gregor des Großen (590-604) bis zur Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) gab es für den Karnevalssonntag, den Sonntag Quinquagesima, eine gleichbleibende Perikopenordnung: Als Lesung traf das Hohelied der Liebe (1 Kor 13,1-13), in der das Fehlen von Gottes- und Nächstenliebe als närrisch gedeutet wurde, und das Evangelium beschrieb den Weg Jesu über Jericho nach Jerusalem (Lk 18,31-43).
Anhand des Epistel- und des Evangelientextes des Karnevalssonntags stellten die Prediger über Jahrhunderte hinweg zwei Modelle gegenüber: die Cupido-Gemeinschaft der Ungläubigen, symbolisiert durch die Schellenträger (nach der Epistel des Karnevalsonntags ist die klingende Schelle das Zeichen der Lüsternheit, lat. „cupido“), und die Caritas-Gemeinschaft der Gläubigen, symbolisiert durch das Fehlen von Masken, die die „societas bona“ bilden. In diese Ausdeutung eingeflossen war unverkennbar die Zweistaatenlehre des Augustinus (354-430), bei der dualistisch die „civitas diaboli“, das Reich des Teufels, der „civitas die“, dem Reich Gottes, erfüllt im himmlischen Jerusalem, gegenübergestellt wurde. Charakterisiert wird der Herrschaftsbereich des Teufels durch Lärm, Narrheit und Diesseitsorientierung. Der Volkskundler Dietz-Rüdiger Moser hat in seinen Forschungen darauf aufmerksam gemacht, wie 1 Kor 13 prägend wurde für die Inszenierung des Faschings.
Eine weitere – nach wie vor ungebrochene – Verwendungsweise des Textes stellt der Trauungsgottesdienst dar. Nur wenige Feiern verzichten auf diesen Abschnitt aus dem Korintherbrief. Als kleines Beispiel sei die Homepage „hochzeitsflüsterer“ angeführt, die sich als Vorbereitung auf den Trauungsgottesdienst versteht. Dort heißt es: „Im Neuen Testament finden wir zwei Briefe, die der Apostel Paulus etwa im Jahr 50 n. Chr. von Rom aus an die Menschen der griechischen Stadt Korinth schrieb. Diese Briefe sind sehr lang und in Kapitel aufgeteilt. Das 13. Kapitel des ersten Briefes (Verse 1-13) wurde unter der Überschrift ‚Hohes Lied der Liebe‘ weltbekannt. Paulus hatte in der turbulenten Hafenstadt Korinth eine christliche Gemeinde gegründet und die Menschen gelehrt, in Liebe zusammen zu leben. Doch kaum war er weitergereist, da blätterte die Liebe schon ab. Die Menschen begannen sich gegenseitig zu beurteilen und zu verurteilen. Jeder wollte besser, klüger, frömmer als der andere sein. Jeder meinte genau zu wissen, was wichtig und richtig sei. Paulus sagt deutlich: Ihr könnt noch so klug sein und ihr könnt alle Begabungen haben, ohne Liebe taugt alles nichts.“
Dann wird der Text näher gedeutet: „Liebe ist das Größte für uns. Sicherlich werden wir uns auch mal streiten, vielleicht werden auch mal ‚die Türen knallen‘. Und als Menschen sind wir nicht ohne Schwächen, also werden wir auch mal ungeduldig sein, besserwisserisch, eigensüchtig und eifersüchtig.“
Eine weitere Rezeption des Textes findet sich in der modernen Lyrik. Wolfgang Schrage erwähnt in seinem Kommentar das Gedicht von Eva Zeller „Nach Korinther dreizehn“. Es endet mit der Strophe:
Nun aber bleibt
Glaube Liebe Hoffnung
diese drei
Aber die Liebe
ist das schwächste
Glied in der Kette
die Stelle
an welcher
der Teufelskreis
bricht
Viele andere Texte wären anzuführen. Es wird deutlich: Allein die Wirkungsgeschichte dieses Texts böte ausreichenden Stoff für eine ganze Woche. Ich möchte allerdings einen anderen Zugang wählen: ich möchte die Übersetzung von Fridolin Stier näher betrachten – und zwar nicht nur des ersten Korintherbriefes, sondern die Hintergründe und biografischen Zusammenhänge seiner Übersetzungstheorie. Wir haben zu Beginn der Biblischen Woche Beispiele seiner Übersetzung vorgetragen bekommen.
Wer war dieser Fridolin Stier und was ist das Besondere seiner Übersetzung des Neuen Testaments? Im Jahre 1989 erschien die Übersetzung des Neuen Testaments von Stier, nachdem er schon vorher eine Übersetzung des Markusevangeliums, Hiob- und Psalmenbuches vorgelegt hatte. Zehn Jahre zuvor war die Einheitsübersetzung des Neuen Testaments approbiert worden. In deren Vorwort hieß es: „Die Deutsche Bischofskonferenz ist überzeugt, daß die nun vorliegende Übersetzung der Heiligen Schrift den Entscheidungen des Zweiten Vatikanums gerecht wird, den katholischen und nichtkatholischen Christen, wie auch der Kirche Fernstehenden einen sprachlich verständlichen und wissenschaftlich gesicherten Zugang zur Botschaft der Heiligen Schrift zu bieten. Die Einheitsübersetzung ist in gehobenem Gegenwartsdeutsch abgefaßt. Ihr fehlt es nicht an dichterischer Schönheit, Treffsicherheit des Ausdrucks und Würde biblischer Darstellungskraft. Wir Bischöfe hoffen zuversichtlich, daß die Neuübersetzung (auch) der zeitgemäßen Gebetssprache einen neuen Anstoß gibt und daß sie hilfreich sein wird in dem Bemühen, dem Wort Gottes im deutschen Sprachraum neue Beachtung und tieferes Verständnis zu verschaffen!“
Die drei intendierten Qualitäten „dichterische Schönheit“, „Treffsicherheit des Ausdrucks“ und „Würde biblischer Darstellungskraft“ sah Stier beileibe nicht eingelöst. Er wollte sie auf seine Weise, mit seiner Sprache und mit seiner Theologie realisieren.
Wer war dieser Friedolin Stier?
Diese Frage kann am besten eine Erinnerung von Carl Friedrich von Weizsäcker beantworten:
„Februar 1937, Dozentenlager auf dem Tännich bei Rudolstadt. In einem sechswöchigen Kurs sollten die von ihren Fakultäten habilitierten jungen Wissenschaftler bewähren, dass sie auch würdig seien, Dozenten, also Lehrer der deutschen Jugend zu werden. Der Dienst am ersten Tag begann mit Wehrsport, Handgranatenweitwurf. Einer, wie es nicht anders sein konnte, warf am weitesten. ‚Was sind Sie vom Fach?‘ fragte ihn der Lagerleiter. ‚Theolog.‘ – ‚Schade, Mensch!‘ – ‚Ich werde meinen Mann stehen‘, antwortete Fridolin Stier, katholischer Gelehrter des von den Nazis verpönten Alten Testaments und der orientalischen Sprachen. Ich, der Berichterstatter, war dabei.
April 1945. Er erlebte den Einzug französischer Truppen in seiner Heimat, im Allgäu, wohin er gegangen war, um seiner Mutter beizustehen. Eine marokkanische Einheit besetzte das Dorf und schickte sich an, das Vieh der Bauern zu schlachten und auf offenem Platz im Feuer zu braten, und mehr zu tun als das. Fridolin Stier zog sein schönstes Messgewand an, trat auf die Marokkaner zu und rezitierte ihnen auf Arabisch die erste Sure des Koran. Dann lehrte er sie, was Gott durch den Mund des Propheten geboten hat, ihre Mitmenschen zu schonen, und sie ließen vom Schadentun ab.
Um 1950. Ich besuchte ihn in seiner Dachwohnung mitten in Tübingen. Unter anderem erzählte er, er öffne gern am Sonntag in aller Frühe sein Fenster und singe, sich am Klavier begleitend, der protestantischen Umwelt einen Choral. ‚Wachet auf, ruft uns die Stimme‘ oder ‚Eine feste Burg ist unser Gott‘. ‚Ich denk’ mir‘, sagte er, ‚wachet nur auf und lobet Gott, ihr lutherische Böck’!‘
In den nachfolgenden drei Jahrzehnten bin ich ihm nicht mehr oft begegnet, aber wenn ich ihn sah, wurde mir das Herz warm. Von den Tagebuch–Aufzeichnungen, die nun, kurz vor seinem Tod, erschienen sind, habe ich nichts gewusst. Aber ich meinte zu sehen, was ihn bewegte.
Kraft und Zartheit waren ihm angeboren. Menschen liebend, dichterischen Gemüts, wahrhaftig und fromm führte er das Leben, das er als recht erkannte. Nicht nur Nazis und Muslimen, Lutheranern und katholischen Glaubensbrüdern gegenüber stand er seinen Mann. Fridolin Stier musste auch Gott gegenüber seinen Mann stehen. Er erfuhr, dass die Bibel von Jakob erzählt, dass er die ganze Nacht hindurch mit Gott rang. Ohne die Erfahrung dieses Ringens wird es keine Zukunft des Glaubens geben.“
In diesen drei Begebenheiten zeichnet Weizsäcker einen tief gläubigen, durchaus streitbaren und mutigen Mann, der sich das Wort nicht verbieten lässt, von nichts und niemandem, selbst von Gott nicht. Näher kommen wir der Frage, wer Fridolin Stier war, wenn wir die von Carl Friedrich von Weizsäcker erwähnten Tagebuch-Aufzeichnungen „Vielleicht ist irgendwo Tag“ (Freiburg 1981) eingehender betrachten.
Der Unfalltod seiner Tochter trieb ihn ein Leben lang um. Stier hatte, obwohl katholischer Priester, eine Tochter mit Namen Sibylle; sie verunglückte tödlich bei einem Autounfall. Die Theodizeefrage wurde so für Stier zu einer unabweisbar biographischen Erfahrung: „7. September (1971) morgens 10 Uhr… Das Auto, die Kurve, der Baum… Sibylle! Und nachmittags 15.20 Uhr – dahin. Seit dem 10. unter der Erde. Ist das eure Sprache, ihr ‚himmlischen Mächte‘, ihr Herren?“ Dann nimmt er süffisant die Stelle aus dem Weisheitsbuch „Die Gott liebt, züchtigt er“ aufs Korn. Einen solchen Gott müsste man aus dem Verkehr ziehen, es sei denn man halte ihm den mildernden Umstand zugute, „daß er unglücklich liebt, eifersüchtig, sich rächt für verschmähte Liebe und wähnt, mit dem Prügel zur Liebe zu zwingen.“ Alles Attribute der Liebe, die dem Hohenlied der Liebe diametral widersprechen. Dagegen die Liebe der Tochter: „Die Freude, die du mir warst, die Gewähr einer Güte im Grunde der Welt… die Haare gewaschen. Das letzte Mal hast du‘s getan, mit deinen feinen, kräftigen Fingern mir die Kopfhaut massiert.“ Sein Haus ist für ihn zu einem „Fremdenheim“ geworden: „Jemand, der ich bin, ist mit dir über die Schwelle getreten, und jemand, der ich auch bin, zurückgeblieben.“
Die Frage nach Gott, nach seiner Gerechtigkeit und Liebe, lässt ihn nicht mehr los. „Hast du sie mit ihrem Namen gerufen… bewahrst du diesen ihren Namen in dir… ist sie, als du sie gerufen hast, bei dir, mit dir, in dir – hast du ihren ‚Namen‘ nicht aus der Liste der Lebendigen gestrichen?“
Vor allem aber übermannt ihn immer wieder der Zorn über die Theologenzunft, die diesen Gott domestiziert, ihn sprachlich anästhesiert, ihn verharmlost. „Segne die Herren Theologen, die braven Tagelöhner, die sich so viel Mühe machen um deine irdisch-geschichtlichen Sachen-um die Kirche, ihr infallibles Regime… Segne das Tagwerk dieser tüchtigen Schaffer, laß es gedeihen und niemals enden; denn solange ihr Wühl- und Wurmwerk dauert, sie voll in Anspruch nimmt und befriedigt, verschonen sie dich mit den peinlichsten Fragen, konfrontieren sie sich nicht mit dir, setzen dir nicht zu.. Ich aber hocke an der Schwelle zum Abgrund, starre mit den halb blindgeweinten Augen über die Gräber der Nächsten und Fernsten hin.“ Theologen sind Man–Menschen geworden, sie reden so, wie „Man“ redet. Stier in einer Notiz: „Ich weiß nur, dass Man (!) über Jesus keine Macht hatte.“
Zwei Störenfriede sieht Stier bei der Begegnung mit dem biblischen Text: der erste, das Dogma im Hinterkopf, man lässt den Text sagen, was man längst weiß, der zweite, erscheinend in der Frage des Sonntagspredigers: Was fange ich mit diesem Text an? „Die richtige Frage: Was fängt dieser Text mit mir an?“ Stier schreibt den Theologen ins Stammbuch: eine Theologie des Exodus, eine Theologie der Hoffnung, eine Theologie des Advents und eine Theologie des Vorhofs. „Hier im Vorhof, um es genau zu sagen: im Vorhof der Heiden, steht auf Abbruch mein Zelt. Ein großes Hörensagen trägt mir durch die Luft die Kunde vom Heiligtum zu, Psalmen höre ich lallen, es ist Nacht.“ Die Nacht ist für Stier zum All-Tag geworden. Daher protestiert er gegen den Sprach-Schwulst der Theologen, bei denen alles glatt geht.
Immer wieder beschäftigt ihn die Frage, ob nicht das Wort Gottes in der Liturgie feierlich depotenziert und durch eine schale Predigt substituiert wird. Dieses Wort Gottes kann auch in der Kirche verstellt und verdeckt werden. Seine Skepsis richtet sich aber genauso gegen eine falsch verstandene Theologie als Wissenschaft, die ihren Erkenntnisgegenstand zum toten Objekt degradiert. Das Wort Gottes kann nie nur vom Intellekt her verstanden werden. Es sagt immer: „Ich will dich und nicht nur deinen Kopf.“
Die Übersetzung des Neuen Testaments
Könnte es gelingen, das Wort Gottes in seiner ursprünglichen Kraft „losgehen“ zu lassen? Losgehen im wahrsten Sinne des Wortes wie eine Explosion, aber auch wie ein sich auf den Weg machen, aufbrechen. Diesem Anliegen dienten die Übersetzungsanstrengungen von Friedolin Stier.
Übersetzung des Neuen Testaments, das hieß für Stier Erschließung der Ur-Kunde, neues Inumlaufsetzen des Gottesgerüchts in Kirche und Welt, die diese Ur-Kunde oft verharmlosen. Übersetzungstätigkeit ist für ihn eine beunruhigende und bohrende Erinnerungsarbeit an das, was ursprünglich einmal im Christentum angelegt war. Er nimmt den Anspruch des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Schrift müsse „die Seele der ganzen Theologie“ sein, radikal ernst. Er wollte sich und seinen Lesern Jesus, „der unter den Menschen war, zu ihnen kam, sie zu sich rief, mit ihnen zusammen trank – all dieses Konkrete und Unmittelbare seines in Wort und Tat, in Tatworten und Worttaten präsenten Seins“ – zum Leuchten bringen.
Übersetzung des Neuen Testaments, das hieß für Stier Erschließung einer theologischen Erkenntnisquelle, die weder durch ein Lehrbuch noch durch ein Dogmenkompendium und keinen Moralkodex domestizierbar ist. Bibel – das war für ihn eine lebendige Collage aus erfahrungshaltigen Gottesbegegnungen, eine narrative Sammlung von Geschichten und Lebenszeugnissen, weniger ein Buch als eine kleine Bibliothek von Büchern, in denen die Erfahrungsgeschichte der Menschen mit ihrem Gott und mit Christus in lebensgeschichtlichen Zugängen aufbewahrt worden war. So schreibt Stier in sein Tagebuch: „Was ist denn noch alles zu tun, um das erregendste Buch, die Bibel, zum langweiligsten aller Bücher zu machen? Ist es nicht genug, dass man sie auf Lehren abhörte, ihr Wahrheiten abzapfte und Theologien damit zusammenbaute? Und dass man sie – neuerdings – auf das ‚Kerygma‘ reduzierte? Aber ihr Sinn ist es nicht, nur als Quelle oder Steinbruch zu glaubender Wahrheiten zu dienen. Diese Wahrheiten in allen Ehren – aber sie ist mehr: lebendige Stimme, Anrede, Aufruf des Menschen zur Umkehr, Umdenken fordernd, und Aufbruch, Unruhe stiftend, drängend auf Wandlung. Das Wort Gottes, das sie fortlaufend bezeugt, bricht aufscheuchend in die Menschenwelt ein, wie der Wolf in die Herde der Lämmer. Wenn es mir gegeben ist, glaube und bekenne ich, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, aber wenn ich das Wort höre: ich bin nicht gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen, sondern das Schwert, schreckt er mich auf. Und was ist noch zu tun, um dieses wildeste Buch zu domestizieren? Tut die Sprache seiner Übersetzer noch nicht genug? ‚Jahwe brüllt vom Sion her‘ (Amos) – aber du meinst, blökende Schafe zu hören … Sie halten der Bibel Schalldämpfer vor den Mund; denn der theologisch verdolmetschte Gott brüllt nicht.“ Übersetzung hieß für ihn, Gott nicht zum spätbürgerlichen Softie zu machen, sondern seine zornige Liebe und seinen liebenden Zorn zur Wirkung zu bringen.
Übersetzung des Neuen Testaments, damit verfolgte Stier die Neuentdeckung der ursprünglichen, undomestizierten, unabgedämpften Kraft des Wortes Gottes – im Gegensatz zur kirchlichen Sedierung und wissenschaftlichen Sterilisierung. Stier konnte der wissenschaftlichen Neutralität gegenüber genauso bissig und kritisch sein wie der kirchlichen Banalität gegenüber. Die Geschichten des Neuen Testaments sollten in ihrer ursprünglichen Kraft aufscheinen und in den Köpfen und Herzen der Menschen „losgehen“. Übersetzen heißt für Stier wirklich über-setzen, hinübersetzen in die Welt des Textes und der Menschen von damals. Übersetzen ist Schwerstarbeit. Alle genauen und dabei originellen Übersetzer wissen das. So hat Paul Celan einmal seinem Verleger geschrieben, Übersetzer müssten nicht nach Zeilen honoriert, sondern für ihre „Ruderschläge beim Übersetzen“ entlohnt werden.
Unter dem 26. April 1970 schreibt Stier: „Dokumentarisches Übersetzen fügt sich dem Gebot, dem Höflichkeitsgebot eines Gastgebers sozusagen, auf die Gewohnheiten seines Gastes einzugehen, ihn das Seine auf seine Art sagen zu lassen. Es hieße ihn vergewaltigen, dem in orientalischer Tracht Erschienenen einen Rollkragenpullover über den Kopf zu stülpen.“ Stier hielt den meisten Übersetzern entgegen, dass sie der reichen Sprache des Urtextes den Einheitspulli eines blassen Gegenwartsdeutsch überziehen und ihn so uniform machen.
Zwei Beispiele (Mt 11,29, 1 Kor 13,1-3) sollen die Stiersche Übersetzungskunst – er verstand sie als Rolle eines Gastgebers gegenüber einem reichen Original – illustrieren:
Mt 11,29: ist eine Stelle, die Stier schon in seinen Aufzeichnungen reflektiert hatte. Er übersetzt die Stelle nach langen Überlegungsschleifen nun so: „Mein Joch nehmt auf euch und lernt von mir. Denn: Sanft bin ich und von Herzen niedrig, und ihr werdet Aufatmen finden für euer Leben.“ Ich möchte diese Passage mit der revidierten Lutherübersetzung, der Einheitsübersetzung, dem Neuen Testament von Ulrich Wilkens und der Matthäusübersetzung von Walter Jens vergleichen. Eine kontrastive Gegenüberstellung kann das Spezifische der Stierschen Übersetzungskunst verdeutlichen:
Revidierte Lutherübersetzung: „Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“
Einheitsübersetzung: „Denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“
Wilkens NT: „Denn ich brauche keine Gewalt und halte mich in meinem Herzen zu den Geringen – bei mir sollt ihr finden, was eurem Leben Erquickung gewährt.“
Jens‘ Matthäusübersetzung: „Bedenkt: ich brauche keine Gewalt / ich bin selbstlos und arm / und ihr werdet Ruhe finden in eurem Herzen.“
Dagegen Stier: „Denn sanft bin ich und von Herzen niedrig, und ihr werdet Aufatmen finden für euer Leben.“
Im Vergleich mit dem griechischen Original wird die Stiersche Übersetzungs- und Sprachkunst mehr als deutlich: Die psychologisierende und moralisierende Wendung „sanftmütig (beziehungsweise gütig) und von Herzen demütig“ übersetzt Stier zupackender und sozialkritischer mit: „ich bin sanft und von Herzen niedrig“. Das Wort „niedrig“ klingt weniger sozialromantisch als die Jenssche Wendung „ich brauche keine Gewalt, ich bin selbstlos und arm“. Vor allem aber nimmt es ein Wort ernst, das inkarnationstheologisch zentral ist: Der Philipperhymnus spricht davon, dass sich Jesus erniedrigt hat. Dies hat sogar sprachliche Konsequenzen: Der „sermo humilis“ wird damit zur adäquaten Sprache für das Heilsgeschehen in Christus. Was aber genauso wichtig ist: Die Stiersche Übersetzung hält sich an den Wortrhythmus des Neuen Testaments, den etwa Wilkens mit seinen Übersetzungen in eklatanter Weise auflöst: „Denn ich brauche keine Gewalt und halte mich in meinem Herzen zu den Geringen.“
Ähnlich verhält es sich im zweiten Vers: Das statische Wort „Ruhe“ ersetzt Stier durch „Aufatmen“, wodurch er ein ganz anderes Assoziationsfeld eröffnet; das dualistische Wort „Seele“ (immer hört man den Gegensatz zum Körper mit) übersetzt er konkreter und erfahrungshaltiger mit „Leben“. Aufatmen soll der Mensch also nicht nur in seinem „Inneren“ unter Vernachlässigung des Äußeren, aufatmen soll der ganze Mensch. Ruhe finden soll der Mensch in seiner Totalität von innen und außen, Leib und Seele, Körper und Geist, Kopf und Herz. Karl-Josef Kuschel bringt die Stiersche Übersetzungskunst so auf den Punkt: „Man sieht, dass hier ein Übersetzer eigene Wege geht: anschaulicher als die revidierten Lutheraner; sozialkritischer als der ansonsten sozialkritische Walter Jens; ganzheitlicher als alle zusammen, rhythmischer und dem Urtext angepasster als die Schriftverständigen vor ihm.“
1 Kor 13,1-3: Das Hohe Lied der Liebe in der Übersetzung von Fridolin Stier
Wenn ich mit Zungen
der Menschen und der Engel rede,
die Liebe aber nicht habe,
– dröhnender Gong bin ich oder lärmende Zimbel.
Und wenn ich Prophetenrede habe
und weiß die Geheimnisse alle
und alle Erkenntnis,
und wenn ich allen Glauben habe
– zum Bergeversetzen –
die Liebe aber nicht habe,
so bin ich nichts.
Und wenn ich all mein Hab und Gut veralmose
und meinen Leib zum Verbrennen ausliefere,
die Liebe aber nicht habe
– so nützt es mir nichts.
Deutlich wird der Unterschied zur Einheitsübersetzung schon in den unterschiedlichen Zeilenbrüchen. Stier macht aus Erzählprosa rhythmisierte Prosa; durch Zeilenbrüche, stärkere Strukturierung und Rhythmisierung macht er bewusst, dass er diesen Text als „Lied“ über die Liebe versteht. Auch bei den einzelnen Wörtern ist er um Genauigkeit bemüht. Statt „Sprachen“ wählt er das Wort „Zungen“. Statt die griechische Syntax aufzulösen, ahmt er sie im Deutschen nach: „die Liebe aber nicht habe“. Damit gelingt ihm größere Plastizität, durch die Parenthesen erzeugt er große sprachliche Spannung. „Dröhnender Gong“ und „lärmende Zimbel“ klingen ungewohnt, aber konkreter als „dröhnendes Erz“ oder „lärmende Pauke“. Statt die Wortfolge verbal aufzulösen („wenn ich prophetisch reden könnte“), belässt Stier es bei der ursprünglich auch im Griechischen vorhandenen Substantivform „und wenn ich Prophetenrede habe“, um dann den Konsekutivsatz („so dass ich Berge versetzen könnte“) mit einer Parenthese auf engst möglichem Raum zusammenzuziehen: „Und wenn ich allen Glauben habe – zum Bergeversetzen“. Geradezu kühn und neologisch klingt das Wort „veralmosen“, das die herkömmliche Übersetzung „und wenn ich all meine Habe den Armen gäbe“ harmlos erscheinen lässt. An diesem Bespiel wird deutlich: Die Sprache Stiers ist plastischer, der Rhythmus konsequenter, der deutsche Text sperriger und doch auf eine erstaunliche Weise geschmeidiger und biegsamer zugleich.
Stier ließ keinen Zweifel daran, dass der Übersetzer schier Unmögliches leisten müsse. „Was am Mark des Bibelübersetzers zehrt, ihn bis zur Ohnmacht schwächt, ist der von der täglichen Erfahrung genährte Zweifel, ob unsere Sprache, wie sie nun ist, überhaupt noch vermag, das ihr Zugesprochene nachzusprechen. Und dieser Zweifel wird um so stärker, je besser er das aus dem Griechischen Gesprochene verstanden hat“, so stellt Stier in einem Eintrag vom 26. April 1970 fest.
Übersetzung war für ihn immer „work in progress“, nie einfach abgeschlossen. Er wollte Übersetzung nicht als platte Aktualisierung verstanden wissen, er wollte die Holprigkeiten und Rohheiten des Stils mancher neutestamentlicher Schriften nicht glätten oder kosmetisch wegschminken. Er wollte das Fremde des neutestamentlichen Griechisch, das schon die antiken Zeitgenossen als „garstig“ empfanden, in der deutschen Übersetzung hörbar machen: „Tag um Tag schlage ich mich mit Übersetzungsproblemen herum. Der 1. Johannesbrief ist wieder dran: simples Griechisch, ungeschlachte Syntax, den Zusammenhang verwischende Parataxen, eine ‚Logik‘, die sich zwischen den Zeilen versteckt … Mit diesem Text werden auch die antiken Leser ihre liebe Not gehabt haben; er war ihnen nicht nach dem Munde geschrieben. Der ‚dokumentarische‘ Übersetzertyp, von gewissen Leuten als anfänger- und stümperhafte Interlinearwörtlichkeit verächtlich gemacht, macht mich taub gegen das Feldgeschrei der Leute, die zu wissen wähnen, wie ‚Johannes‘ in der ‚Sprache von heute‘ geschrieben hätte. Er schriebe heute wie damals, wie man ‚heute‘ nicht zu schreiben pflegt.“ Hier taucht wieder sein Einwand auf: nicht nur eine Sprache des Man lehnt er ab, sondern auch eine falsch verstandene Aktualisierung.
Nicht eine glatte, falsch aktualisierende Übersetzung „in heutiges Deutsch“ schwebte ihm vor, sondern der unbedingte Wille, durch die Übersetzung etwas vom ursprünglichen Geist der biblischen Sprache aufleuchten zu lassen. Das setzt voraus, dass man ein Sprachgefühl für die Art des neutestamentlichen Griechisch besitzt, um es ins Heute übertragen zu können. Richtige Aktualisierung braucht das akribische dokumentarische Übersetzen, um nicht selbstreferentiell zu werden.
„Dokumentarisches Übersetzen“ war sein zentrales Anliegen, mit dem er drei Forderungen verband: „1. der Forderung, das, was dasteht, vollständig zu übersetzten, nichts hinzuzufügen und nichts wegzulassen. 2. der Forderung, die ursprünglichen Bilder und Vorstellungen des Originals unverfälscht auch ins Deutsche zu übertragen, 3. die Abfolge dieser Vorstellungen, d. h. Syntax und Wortfolge des griechischen Satzes soweit nur irgend möglich auch im Deutschen einzuhalten.“
So also verschwistert sich die Arbeit des Theologen und Sprachkünstlers Friedolin Stier exemplarisch mit der Arbeit des Philologen. Bei ihm fließt vieles zusammen: die Liebe zur Literatur, die Arbeit an und mit der Sprache, Drastik und Zärtlichkeit im Ausdruck sowie bewusste Rezeption von Sprach-, Theologie- und Kirchenkritik. Aber auch das Bewusstsein, dass die Wirklichkeit Gottes sich letztlich aller Sprache entzieht und dennoch in der Gestalt des Nazareners konkrete sinnliche Gestalt angenommen hat; dies alles mündet in die von ihm als paradox begriffene Aufgabe des Theologen, dass er von dem reden muss, was sich aller Sprache entzieht, dass Gott durch seine Sprache Subjekt bleiben muss, obwohl die Sprache Gott ständig auch verobjektiviert. Die Übersetzungsarbeit des Neuen Testaments von Friedolin Stier ist die Frucht dieser erlittenen, aber sprachlich gebändigten Gegensätze.
„Nach der Lektüre theologischer Traktate: Tortur! Schwulstig diese Sprache, auch wirklich an Geschwülsten leidend, bräuchte sie das Skalpell des Sprachchirurgen… In der somatischen Medizin gibt es Messer und Medikamente, in der Sprachmedizin aber, deren es bedürfte…?“ Und er fügt hinzu: „Einst in Korinth gab es die Glossolalie, die ein charisma, eine Gabe des Heiligen Geistes war. Ihr zugeordnet war die hermeneia, eine Geistesgabe auch sie, die zur Auslegung der Zungenrede befähigte. In welche Not wäre St. Paulus geraten, wenn auch die Hermeneuten glossolalisch geredet hätten!“
Die Übersetzung des Neuen Testaments von Fridolin Stier muss im Horizont der Frage-Welt dieses Theologen gelesen werden. „Wenn es eine paradoxe Grundspannung im Denken des Theologen und Sprachkünstlers F. Stier gegeben hat, dann ist es die Spannung zwischen dem Gott, der sich aller Sprache entzieht, zwischen dem dunklen, schweigenden, manchmal unheimlichen Gott und dem Gott, wie er sich – dem Neuen Testament zufolge – in Jesus als menschenfreundliche Wirklichkeit geoffenbart hat… Nur, wenn man das Neue Testament neben die Aufzeichnungen hält, wenn man Gesprächsfäden herüber und hinüber knüpft, wenn man das Neue Testament im Licht der Aufzeichnungen und die Aufzeichnungen im Licht des Neuen Testaments begreift, hat man die Spannungen verstanden, denen dieser Theologe ausgesetzt war: Erfahrung und Gegenerfahrung, Botschaft und Widerspruch, Trost und Protest, Offenbarungen und Zweifel. Das Neue Testament und die Aufzeichnungen: erst miteinander gelesen ergibt dies den ganzen F. Stier“, so fasst Karl-Josef Kuschel das Übersetzungswerk Stiers sowie seine biographischen Aufzeichnungen zusammen.
Die größte Herausforderung für Stier war die Rede vom lieben Gott. Die Liebe Gottes hatte sich seit dem 7. September 1971 für ihn verdunkelt. Seither war jedem theologischen Satz der 7. September eingraviert – so wie der Lyrik Paul Celans der 25. Januar, der Tag der Wannsee-Konferenz und des Beschlusse der Judenvernichtung.
Das Hohelied der Liebe in 1 Kor 13 ist für Stier nur deshalb übersetzbar, weil er darin die Liebe seiner Tochter, aber auch seine zu ihr umschrieben sieht, die niemals aufhört: „Alles hält sie aus. Alles glaubt sie, alles durchharrt sie. Die Liebe geht nie zugrunde.“
Immer wieder seine bohrenden Fragen nach dem Friedhofsbesuch: „Auf dem Rückweg vom Friedhof… wofür hat sie gelebt? Ad te fecisti nos? Auf dich hin hast du sie geschaffen – stehst du zu deinem Ja zu ihr, bist du treu?“ Diese Frage ließ Stier nicht mehr los, mit blindgeweinten Augen hörte er nicht auf, Gott zu konfrontieren: „O liebster Vater! Ich höhne nicht, aber wie finster mutet dein Licht, wie nachtschwarz dein Tag, wie mörderisch deine Liebe mich an, wenn ich es so betrachte.“
Und dennoch seine große Hoffnung – als Frage formuliert: „Ist vielleicht? Ist irgendwo? Vielleicht ist irgendwo Tag“ – so auch der Titel seiner immer noch lesenswerten Tagebuchaufzeichnungen, ohne die man seine Übersetzungsarbeit des Neuen Testaments nicht versteht.