Geschlechterrollen in den Schöpfungserzählungen
Es liegt nahe, in einem Vortrag über Geschlechterrollen im Christentum buchstäblich bei „Adam und Eva“ zu beginnen, genauer gesagt mit den beiden Schöpfungserzählungen im Alten Testament, die sich mit der Entstehung des Menschen befassen. Die Erzählung von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen mit dem anschließenden Ruhetag Gottes, die zum priesterschriftlichen Traditionsstrang gehört, stellt die Erschaffung der Menschen an das Ende des göttlichen Wirkens. Der Mensch wird nach dem Bilde Gottes und in zwei Geschlechtern erschaffen. Die meisten deutschen Übersetzungen sprechen davon, dass der Mensch als „Mann und Frau“ geschaffen wird. Eigentlich aber verwendet der hebräische Text die Worte für „männlich“ und „weiblich“, die – anders als die Übersetzung „Mann und Frau“ – nicht unmittelbar die Vorstellung eines ersten Ehepaares suggerieren.
Die nicht-priesterschriftliche Schöpfungserzählung, die im Alten Testament an zweiter Stelle steht – die Erzählung von Adam und Eva im Garten Eden –, weist zu der eben betrachteten einige Unterschiede auf. In der priesterschriftlichen Schöpfungserzählung werden Männer und Frauen gleichzeitig geschaffen, Adam und Eva aber nacheinander. Adam ist zuerst da, und die Frau entsteht aus Adam heraus. Im ersten Fall gelten beide Geschlechter als Abbild Gottes, im zweiten könnte man fragen, ob der Mann das eigentliche Abbild Gottes ist und die Frau dies nur indirekt über den Mann. Bedeutet die Reihenfolge der Entstehung, dass die Frau dem Manne nachgeordnet und von ihm abhängig ist? Liest man weiter und kommt zu der Erzählung vom Sündenfall, stellt sich die Frage, ob die Frau dort als Ursache des Bösen herausgestellt wird. Und wird bei der Vertreibung Adams und Evas aus dem Garten Eden nicht die Herrschaft des Mannes über die Frau legitimiert und festgeschrieben für alle Zeiten?
Bereits vor längerer Zeit haben sich feministische Exegetinnen an die Arbeit begeben, diesen Eindruck zu widerlegen, der die Wirkungsgeschichte der Texte nachhaltig bestimmt hat. Inzwischen dürfte es zum Mainstream in der Exegese gehören, dass die negative Rolle, in der die Frau hier erscheint, einerseits dem patriarchalen Umfeld geschuldet ist, andererseits aber auch den Sinn des Textes nicht voll trifft. Welche Teile der Auslegung werden hier kritisiert?
Gott sieht, dass es nicht gut ist, dass der Mensch allein ist, und beschließt, ihm eine Hilfe zukommen zu lassen. Gott formt dann aus dem Ackerboden, aus dem auch der Mensch gemacht ist, alle Tiere des Feldes und die Vögel des Himmels, muss dann aber feststellen, dass diese nicht die adäquate Hilfe für den Menschen sind. Das Wort „Hilfe“ spielt eine wichtige Rolle. Im Deutschen denkt man in diesem Zusammenhang eher an eine untergeordnete, dienende Person, wie beispielsweise eine Magd. Das Wort „Hilfe“ wird an anderen Stellen der hebräischen Bibel zumeist auf Gott bezogen und meint eine Hilfe, die der Mensch sich alleine nicht geben kann. Der Mensch ist in bestimmten Situationen auf die Hilfe Gottes angewiesen. Wenn das Wort „Hilfe“ also in der Regel für Gott gebraucht wird, kann damit keine Unterordnung oder Minderbewertung der Frau gemeint sein.
Die Erschaffung Evas aus der vermeintlichen Rippe Adams ist ebenfalls ein Motiv mit einer nachhaltigen Wirkungsgeschichte. In der Kunst wurde es oft in der Weise aufgegriffen und dargestellt, dass Gott die Frau aus der Seite des Mannes herauszieht. Das im Text verwendete hebräische Wort meint auch eher die „Seite“ oder die „Flanke“ und nicht eine Rippe. Die Frau entsteht folglich nicht aus einem fast überflüssigen Körperteil des Mannes, sondern es ist eine ganze Seite oder Flanke des Mannes erforderlich.
Auch die Erzählung vom Sündenfall hat eine sehr lange und intensive Wirkungsgeschichte und bietet für die künstlerische Darstellung dankbare Motive. Das Essen der verbotenen Frucht hat sofortige Folgen für Adam und Eva: beide werden aus dem Garten vertrieben. Gott spricht dabei zu ihnen in einer Weise, die traditionell als Ankündigung von Strafen verstanden wird, die das weitere Leben der Menschen prägen. Die Frau wird „Mühsal“ haben dadurch, dass sie schwanger wird und Kinder gebiert, der Mann durch die Bestellung des Ackerbodens, dem er die notwendige Nahrung mühsam abringen muss.
Mit dem Wort „Mühsal“ ist die harte, anstrengende Arbeit gemeint. Diese Arbeit ist das parallele Schicksal beider Geschlechter, in der deutschen Übersetzung aber wird bei der Frau von „Schmerzen“ bei der Geburt gesprochen. Im hebräischen Text geht es um die gleichermaßen anstrengende Arbeit des Gebärens und des Bestellens des Ackerbodens, nicht um die Deutung von Geburtswehen als Strafe. Die heutige Exegese deuten diese Worte nicht als Strafankündigungen oder Straffolgen, sondern als eine Ätiologie. Das bedeutet, dass aus der Retrospektive erklärt wird, warum ein Zustand so ist, wie er ist. Der Verfasser betrachtet also seinen Jetzt-Zustand und projiziert diesen in eine mythologische Vorzeit. Andere Ätiologien erklären zum Beispiel, warum ein bestimmter Ort als heiliger Ort gilt oder dort eine bestimmte Form religiöser Verehrung ausgeübt wird. Genau so muss man auch die vermeintlichen „Strafsprüche“ verstehen. Es wird der Ist-Zustand beschrieben, der durch die Herrschaft des Mannes über die Frau gekennzeichnet ist sowie durch die Mühsal der jeweiligen Arbeit, aber es wird nicht damit gesagt, dass Gott dies als Strafe angeordnet hat oder das so gewollt hat. Das von Gott gewollte Verhältnis der Geschlechter ist, der Schöpfungserzählung zufolge, das Zusammenleben im Garten Eden.
Geschlechterrollen im Neuen Testament
Im Neuen Testament können wir eine gewisse Ambivalenz hinsichtlich der Geschlechterrollen feststellen. Auf der einen Seite finden wir Aussagen über die spirituelle Gleichheit von Frauen und Männern, die bekannteste Stelle dafür ist Gal 3,28. Hier werden alle damals relevanten gesellschaftlichen Unterschiede aufgehoben: Es zählt weder, ob jemand Sklave ist oder frei, Jude oder Heide, noch Mann oder Frau, sondern alle sind einer in Jesus Christus. Frauen folgen Jesus nach, Jüngerinnen unterstützen ihn. In den frühen Gemeinden partizipieren die Frauen an den Ämtern: Es gibt Frauen, die Gemeinden leiten oder die Funktion eines Apostels wahrnehmen. Besonders ergiebig ist in dieser Hinsicht der Schluss des Römerbriefes mit seiner langen Grußliste (zum Beispiel Phoebe als „diakonos“ der Gemeinde in Kenchräa, Apostelpaare wie Andronikus und Junia).
Auf der anderen Seite ist aber auch die Unterordnung von Frauen Thema, zum Beispiel im Schweigegebot oder Verschleierungsgebot im Gottesdienst. Vor allem die Haustafeln, die aus dem antiken Umfeld übernommen werden und von dem pater familias als Familienoberhaupt ausgehen, stellen Verhaltensmaßregeln für alle Bewohner des Hauses auf, die eine Unterordnung unter das Oberhaupt zum Gegenstand haben.
Die symbolische Geschlechterordnung
Besondere Bedeutung und langfristige Wirkung hat im Christentum eine symbolische Geschlechterordnung, die theologische Inhalte ausdrücken und veranschaulichen soll. Zum Beispiel werden im Alten Testament männliche und weibliche Rollen Gott beziehungsweise dem Volk Israel zugeordnet. Vor allem in den prophetischen Büchern wird Gott als Ehemann symbolisiert, das Volk Israel als Ehefrau, vor allem als geliebte Frau, aber auch als untreue. Die sexuelle Untreue wird zum Symbol für die mangelnde Bundestreue des Volkes. Im Neuen Testament wird die Verbindung zwischen Christus und der Kirche als Braut-Verhältnis symbolisiert. Diese Zuordnung von männlichen und weiblichen Rollen wird schließlich auch auf das Gegenüber und Miteinander von Amt und Gemeinde übertragen: Das Amt wird männlich gedeutet, die Gemeinde weiblich. Diese Zuordnung wird auch als Legitimation für den Ausschluss von Frauen von der sakramentalen Ordination herangezogen.
In der Vorstellung von Gott als Vater und der Kirche als Mutter sind ebenfalls Geschlechtsrollenzuschreibungen wirksam. In der Mystik wird die Seele Christus gegenüber als weiblich begriffen: Die Seele ist die Braut und Christus der Bräutigam, und beide sehnen sich nach einer Vereinigung miteinander.
Die Funktion der symbolischen Geschlechterordnung besteht darin, dass zum einen eine Differenz zwischen Gott und Mensch angezeigt werden soll, andererseits aber auch eine Beziehung der Liebe. Wenn Gott männlich und das Volk Israel oder die Kirche weiblich verstanden werden, dann wird damit eine Differenz zwischen Gott und Mensch ausgedrückt. Gott und Mensch sind voneinander getrennt, sie sind verschieden. Andererseits zeigt sich im Symbol der Brautschaft oder der Ehe auch eine liebevolle Beziehung zwischen Gott und Mensch. Vor allem für die mystische Vereinigung der Seele mit Christus werden viele erotische Bilder und Metaphern verwendet.
Neben diesen beiden Funktionen der symbolischen Geschlechterordnung gibt es noch eine dritte, die häufig Probleme schafft, wenn nämlich mit der Zuordnung von männlichen und weiblichen Geschlechterrollen ein Verhältnis von Über-und Unterordnung ausgedrückt werden soll. Handelt es sich um das Verhältnis von Gott und Volk Israel, von Gott und Kirche oder Christus und Kirche, ist dies zutreffend und nachvollziehbar, nicht aber für das Verhältnis von Männern und Frauen. Dass der Ehemann der Ehefrau übergeordnet ist, trifft nur für patriarchale Gesellschaftsordnungen zu.
Die symbolische Geschlechterordnung des Christentums beruht also auf einem patriarchal gestalteten Verhältnis der Geschlechter. Gott und den menschlichen Mann verbinden in diesem Modell die Liebe zum Volk Israel/zur Kirche beziehungsweise zur Frau, aber auch die jeweilige Herrschaft, das Volk Israel/die Kirche beziehungsweise die menschliche Frau verbinden die Liebe zum Mann, aber auch der geschuldete Gehorsam. Verändert sich nun das Geschlechterverhältnis auf der gesellschaftlichen Ebene in Richtung eines partnerschaftlichen Beziehungsideals, lassen sich diese Bilder nicht weiter anwenden. Dass der Mann seine Frau so lieben soll, wie Christus die Kirche liebt, wäre eine Aussage, die beibehalten werden kann, aber dass er über die Frau herrscht wie Christus über die Kirche herrscht beziehungsweise die Frau ihm gehorsam sein soll wie die Kirche Christus gehorsam sein soll, ist nicht mehr plausibel. Der Vergleichspunkt kann nur noch die Liebe sein. Das heißt, der Mann soll die Frau lieben, wie Christus die Kirche liebt, und auch die Frau soll den Mann lieben, wie Christus die Kirche liebt. Dann aber entfällt die Polarität der Geschlechter als Symbol für das Gegenüber von Gott und Mensch.
Lässt sich dieses Problem durch eine Fokussierung auf die Verschiedenheit der Geschlechter in dem Sinne lösen, dass die Geschlechter andersartig, aber gleichwertig sind? Man würde damit an der Differenz festhalten, ohne mit ihr eine Rangordnung auszudrücken. Die Geschlechter stünden dann in einem Verhältnis der Komplementarität zueinander, statt einer Über- und Unterordnung. Es ist zuzugestehen, dass mit diesem Modell Diskriminierungen vermieden werden sollen. Latent sind aber Diskriminierungen enthalten, die mit der Betonung der „Natürlichkeit“ der Geschlechterdifferenz zusammenhängen. Was kulturell nicht mehr als Differenz besteht, soll nun mit einer „natürlichen“ Ungleichheit ausgedrückt werden, damit die Polarität erhalten bleibt. Hinter diese „Natur“ kann dann konsequenterweise nicht zurückgegangen werden.
Damit allerdings wird ein theologisches Konzept naturalisiert. Macht man sich theologisch die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau zunutze, um das Verhältnis zwischen Gott und Mensch oder Christus und der Kirche zu veranschaulichen, wird es problematisch, wenn man dieses theologische Konzept, das ja auf Symbolisierungen beruht, auf biologische Gegebenheiten zurückführt und diese biologischen Gegebenheiten aufgrund ihrer „Natürlichkeit“ zur Norm macht. Dann erscheinen die binäre Geschlechterordnung und entsprechend auch die Heterosexualität als „natürlich“ und als schöpfungsgemäß, das heißt als Plan Gottes, der andere sexuelle Orientierungen und Lebensformen ausschließt.
Keine Naturalisierung einer symbolischen Geschlechterordnung!
Schon die symbolische Geschlechterordnung selbst bietet bereits Ansatzpunkte für eine größere Vielfalt. Gott beispielsweise kann weiblich symbolisiert werden. Das Alte Testament kennt Bilder von Gott als Mutter, zum Beispiel als stillende Mutter. Auch Papst Johannes Paul II. hat immer davon gesprochen, dass Gott unser Vater, aber auch unsere Mutter sei. Alleine das könnte die einseitige männliche Symbolisierung Gottes schon aufbrechen. Ähnliches gilt für Christus. Es gibt mystische und theologische Strömungen im Mittelalter, in denen Christus als Mutter bezeichnet wird oder der Kreuzestod Christi mit weiblicher Symbolik in Verbindung gebracht wird. Mit dieser flexiblen Symbolik hinsichtlich der Geschlechter könnte man zum Beispiel die Einseitigkeit der symbolischen Zuordnung hinsichtlich des Amtes überwinden.
Auch die Betrachtung der Gestalt Mariens, die ja in der katholischen Tradition eine sehr große Rolle spielt, zeigt die Problematik einer Naturalisierung theologischer Konzepte. Ordnet man Maria in die dargestellte symbolische Geschlechterordnung ein, bringt sie die feste Ordnung durcheinander. Maria kann mit der Kirche identifiziert werden, dann ist sie Braut Christi, aber andererseits Mutter Jesu Christi. Als Symbol für die Kirche ist sie die Mutter aller Menschen, wie Gott unser Vater ist. Gleichzeitig gilt Maria aber auch als Mutter der Kirche. Diese vielfältige Symbolik, die Maria zugeschrieben wird, sprengt also bereits die symbolische Geschlechterordnung, die wir erörtert haben, und macht deutlich, dass diese Symbolik nichts „Natürliches“ ist und sich nicht auf Biologie zurückführen lässt.
Es gibt also schon im inneren theologischen Bereich die Möglichkeit, eine fixe symbolische Geschlechterordnung aufzubrechen. Diese gehört nicht zum innersten Wesen dessen, was christlich ist, sondern ist eine zeitbedingte kulturelle Konstruktion.