Die soziale Frage als Kernproblem des 19. Jahrhunderts

Ursachen, Problemlagen, Lösungsansätze

Im Rahmen der Veranstaltung "Historische Tage 2015 – Abbbrüche und Aufbrüche", 18.02.2015

Vorgehensweise

 

Die Themenformulierung gibt bereits die Gliederung vor, der Ursachen und Hintergründe, Problemlagen und Problemwahrnehmungen sowie Lösungsansätze in jeweils eigenen Abschnitten behandeln wird. Allerdings ergibt sich aus dieser Verfahrensweise keine Dreigliederung, sondern vielmehr eine in sechs Abschnitte. Der Grund dafür ist einfach: Bei diesem Thema wird man kaum von einer epochalen Einheit des 19. Jahrhunderts ausgehen dürfen. Stattdessen sollen die erste und die zweite Hälfte des Jahrhunderts getrennt behandelt werden – mit einer Überlappungszone in den 1840er und 1850er Jahren.

Das entspricht dem zeitgenössischen Sprachgebrauch. Denn die hier verhandelten Probleme wurden bis in die 1850er Jahre hinein als solche des Pauperismus bezeichnet. Davon hob sich die eigentliche soziale Frage ab – ein Begriff, der seit den 1840er Jahren Verbreitung fand, sich aber erst in der zweiten Jahrhunderthälfte durchsetzte. Vor sechzig Jahren hat Werner Conze diese Differenz in seinem berühmt gewordenen Aufsatz „Vom Pöbel zum Proletariat“ auf den Begriff gebracht und dabei Pöbel nicht pejorativ, sondern als summarische Beschreibung der unterständischen Schichten gemeint.

Da im Folgenden die deutsche Entwicklung ganz im Vordergrund stehen soll, sei nur am Beispiel der Begriffe deutlich gemacht, dass die deutsche Diskussion und Problemwahrnehmung in einem nationale Grenzen überschreitenden Horizont standen. Von „pauperism“ war erstmals im Zusammenhang der Reform des englischen Armenrechts die Rede, die „question sociale“ hatte französische Wurzeln, und den deutschen Zeitgenossen waren diese Semantiken wie die gesamteuropäischen Problemlagen durchaus vertraut.

 

Das Bevölkerungswachstum des 19. Jahrhunderts

 

Den sechs Gliederungspunkten sei ein siebter vorgeschaltet, denn ohne einen Blick auf die Bevölkerungsentwicklung des 19. Jahrhunderts ist das Thema nicht sinnvoll zu behandeln. Hier wie im Folgenden kann es nur um die wichtigsten Entwicklungslinien, nicht aber um deren Differenzierung gehen. Betont sei erstens, dass Deutschland im 19. Jahrhundert ein kräftiges Bevölkerungswachstum erlebte. Für 1816 wird die Zahl der Menschen auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reichs auf etwa 25 Millionen geschätzt, am Vorabend des Ersten Weltkriegs waren es 68 Millionen. Da in diesem Zeitraum rund fünf Millionen Deutsche – zumeist nach Übersee – auswanderten und die Einwanderung demgegenüber nicht ins Gewicht fiel, unterschätzen die genannten Zahlen noch das natürliche Bevölkerungswachstum, also den Überschuss der Geburten über die Todesfälle.

Zweitens fiel dieses Bevölkerungswachstum regional unterschiedlich, beispielsweise in Süddeutschland deutlich schwächer aus. Gut ablesbar ist das daran, dass Bayern, Württemberg und Baden 1816 mehr als ein Viertel der deutschen Bevölkerung stellten, 1910 nicht einmal mehr ein Fünftel.

Drittens mag es hilfreich sein, das umstrittene Konzept der demographischen Transition einzuführen, mit dem Demographen das starke Bevölkerungswachstum des 19. Jahrhunderts zu erklären suchen. Es geht davon aus, dass vorindustrielle wie industrielle Gesellschaften sich zumeist in einem demographischen Gleichgewichtszustand dergestalt befinden, dass die Zahl der Geburten und die der Todesfälle pro Jahr nicht weit voneinander abweichen. Während aber das vorindustrielle Gleichgewicht durch hohe Geburtenraten und hohe Sterbeziffern gekennzeichnet sein soll, weist das industrielle Gleichgewicht niedrige Geburtenraten und niedrige Sterbeziffern auf. Die dazwischen liegende und für Deutschland ins Kaiserreich zu datierende Übergangsphase ist nun nach den Annahmen dieses Modells deshalb von besonders starkem Bevölkerungswachstum geprägt, weil das Absinken der Sterbeziffer dem Absinken der Geburtenrate vorangeht. Schon ein Blick auf die graphische Darstellung der jährlichen Geburtenrate und Sterbeziffer zeigt, dass die statistischen Daten und die Annahmen des Modells nur sehr unvollkommen zusammen passen.

 

Im Zeichen des Pauperismus: Ursachen und Hintergründe

 

Gleichwohl – und das leitet zum ersten Hauptteil über, der die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts behandelt, und zu den Ursachen und Hintergründen gesellschaftlicher Problemlagen – ist das Modell instruktiv. Seine Gleichgewichtsannahmen entsprachen nämlich zumindest für die vorindustrielle Zeit dem Denken der Zeitgenossen, das der preußische Feldprediger und Statistiker Johann Peter Süßmilch um die Mitte des 18. Jahrhunderts anschaulich zusammenfasste: „Jedes Dorf hat seine abgemessene Flur und eine gewisse Zahl Ackerhöfe, wozu dann noch eine proportionierliche Zahl Tagelöhner und Handwerker gehören. Hat jedes Dorf so viel Menschen und Familien, als es braucht, so erlangt das Heiraten einen Stillstand. Die ledigen und erwachsenen Menschen können daher nicht heiraten, wenn sie wollen, sondern wenn der Tod Platz macht.“

Das Heiratsverhalten der Menschen war also der Transmissionsriemen, der sicherstellen sollte, dass die Geburten und die Sterbefälle in der Balance blieben. Auch wenn das in Süßmilchs Formulierung nicht expliziert wird, liegt auf der Hand, dass sowohl das „ob“ als auch das „wann“ des Heiratens für ein etwaiges Bevölkerungswachstum wichtig waren. Um 1800 heirateten die Deutschen wie die westlich einer von Triest nach Danzig verlaufenden Linie lebenden Europäer insgesamt vergleichsweise spät, deutlich später als die Menschen in den meisten anderen Weltregionen: Frauen im Durchschnitt mit 26, Männer mit 28. Große Unterschiede gab es sowohl regional wie sozial. Und das galt noch mehr für das „ob“, also den mancherorts sehr hohen Anteil lebenslang unverheiratet Bleibender. In Teilen Bayerns etwa war im späten 18. Jahrhundert ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung unverheiratet. Generell waren zwei Faktoren für hohe Unverheirateten-Anteile verantwortlich: Zunächst und vor allem das Anerbenrecht, das dafür sorgte, dass wenn, wie Süßmilch das formuliert hatte, „der Tod Platz macht“, er eben nur für den Hoferben und seine Frau Platz machte, nicht aber für die nichterbenden Geschwister.

Sodann und in enger Verbindung mit dem Anerbenrecht waren es die funktionalen Bedürfnisse der Viehwirtschaft, welche die Nichterben als ledige Mägde und Knechte an die Höfe insbesondere der alpinen Regionen banden. Dass hohe Ledigenquoten mit hohen Prozentsätzen unehelicher Geburten korrelierten, zeigt, dass diese ledigen Mägde und Knechte ihr Schicksal häufig als hart und ungerecht empfanden.

Aber nicht nur wegen der nachlassenden Verbindlichkeit religiöser Normen waren die Voraussetzungen einer Bindung von Heirat und Familiengründung an die Übernahme des elterlichen Hofes oder des väterlichen Handwerksbetriebes um 1800 bereits weitgehend erodiert. Wichtiger war, dass sich zwei Alternativen zu selbständigem landwirtschaftlichen Vollerwerb herausgebildet hatten, die breiten Bevölkerungsschichten die Verheiratung erlaubten. Agrarkapitalismus und Protoindustrie sind die diesbezüglich einschlägigen Phänomene: Unter Agrarkapitalismus versteht die Forschung die spezifische Form der Ausnutzung von Profitchancen, die der Weltmarkt den Getreideproduzenten Nordostdeutschlands auch wegen der Nähe zu den Häfen der Ostsee bot. In diesen gutsherrschaftlich geprägten Regionen hatten die Gutsbesitzer traditionell dadurch von den steigenden Getreidepreisen zu profitieren gesucht, dass sie ihre Eigenwirtschaft intensivierten, die auf bäuerlichen Frondiensten aufruhte.

Diese Eigenwirtschaft wurde seit der Mitte des 18. Jahrhunderts durch zwei Prozesse agrarkapitalistisch umgeformt: Zum einen entwickelte sich ein reger Handel mit Rittergütern, deren rasch steigende Preise die von der anhaltend guten Agrarkonjunktur gespeisten Gewinnerwartungen vorwegnahmen. Davon ging zum anderen ein erheblicher Druck aus, mit den häufig hoch verschuldeten Gütern höhere Gewinne zu erwirtschaften. Den Weg hatten die Domänenpächter und andere bürgerliche Pächter gewiesen, nämlich die Ablösung der älteren Arbeitsverfassung, deren Aufruhen auf Fronarbeit und Spanndiensten äußerst ineffizient war, durch den Einsatz freier Lohnarbeit. Frei waren diese Tagelöhner vor allem, weil sie frei von Besitz waren, der sie der Notwendigkeit hätte entheben können, Lohnarbeit zu verrichten.

Überdies band sie die Überlassung eines kleinen Stücks Land, das für den Eigenbedarf genutzt werden konnte, an das Gut, für das sie als Büdner, Einlieger oder Insten arbeiteten. Und schließlich, das hat der Verweis auf die staatlichen Domänen indirekt bereits vorweggenommen, war die Durchsetzung des Agrarkapitalismus nordöstlich der Elbe eng verbunden mit den Agrarreformen, die auf den staatlichen Domänen besonders früh die persönliche Freiheit der Bauern gebracht hatten, von deren Durchführung insgesamt aber die adligen Gutsbesitzer insofern die Hauptprofiteure waren, als ihnen immense Landflächen aus Ablösungsverpflichtungen und Gemeinheitsteilungen zuwuchsen.

Die agrarkapitalistische Transformation der ostelbischen Getreidewirtschaft, das sei als Zwischenergebnis festgehalten, durchschnitt also für einen erheblichen Teil der Bevölkerung die Kette zwischen Erbe und Heirat. Wie wichtig das war, lässt sich daran ablesen, dass der Nordosten Deutschlands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das mit Abstand kräftigste Bevölkerungswachstum aufwies. Solange die Getreidepreise stiegen – und das war über die Jahrhundertmitte hinaus der Fall – galten diese Regionen indessen keineswegs als besondere Krisenregionen. Das war dort anders, wo die Protoindustrialisierung Möglichkeiten geschaffen hatte, auch ohne ausreichende eigene Landwirtschaft eine eigene Familie zu gründen.

Allerdings muss gleich zu Beginn betont werden, dass zeitgenössische Klagen über „frühe Ehen zwischen zwei Leuten, die zwar zwey Spinnräder, aber kein Bett zusammenbringen“ statistisch nicht unterfüttert sind und die sich daran anschließende These, ländliche Heimgewerbetreibende hätten besonders früh geheiratet und seien an einer großen Kinderschar zwecks Einbeziehung in den Arbeitsprozess interessiert gewesen, als widerlegt gelten können. Konkret reichten die als Protoindustrien bezeichneten ländlichen Heimgewerbe von der Spielzeugfabrikation des Erzgebirges bis zur Uhrenproduktion im Schwarzwald. Zahlenmäßig waren indessen die Textilfabrikation und hier insbesondere das Leinengewerbe dominant. Zu finden waren sie vor allem in Mittelgebirgsregionen mit ihren typischerweise schlechten Böden, die früh nebengewerbliche Tätigkeiten erzwungen hatten. Große Unterschiede wiesen die Verbindungen zwischen agrarischer und gewerblicher Existenz auf, die bis zur Integration der letzteren in den bäuerlichen Betrieb reichen konnten, wenn dort eben Flachs angebaut, Garn gesponnen und Leinentuch gewebt wurde.

Weit typischer war dagegen die Ausdifferenzierung dieser Arbeitsschritte, deren Übernahme in vielen Fällen nicht eine Existenz ohne jeden Landbesitz ermöglichte, sondern eine solche ohne ausreichenden Landbesitz. Denn die allermeisten protoindustriellen Gewerberegionen lagen in Realteilungsgebieten, in denen die gleichmäßige Aufteilung des Erbes unter allen oder häufiger unter allen männlichen Kindern längst zu einer extremen Schrumpfung der Anbauflächen geführt hatte. Insofern ordnet sich die Protoindustrialisierung einerseits ein in den Zwang zu nebengewerblicher Tätigkeit in ärmeren Realteilungsgebieten. Dieser ließ zum Beispiel im Hohenzollernschen Jungingen die Hälfte der männlichen Erwachsenen den größten Teil des Jahres als Händler und Hausierer außerhalb der Heimatgemeinde verbringen, wo ihre Ehefrauen die heimische Kleinlandwirtschaft betrieben. Andererseits waren die ländlichen Heimgewerbe sehr viel direkter mit dem Weltmarkt verbunden und von diesem abhängig. Von der schlesischen Leinenausfuhr zum Beispiel gingen in den vier Jahrzehnten vor der Französischen Revolution stets zwischen 71 und 83 Prozent nach England, Holland, Frankreich, Spanien, Portugal, Westindien und andere Teile der Welt.

 

Im Zeichen des Pauperismus: Problemlagen und Problemwahrnehmungen

 

Kommen wir von den Ursachen und Hintergründen zu den Problemlagen. Fragt man zunächst nach ihrer regionalen Verteilung, dann müsste nach dem bisher Gesagten deutlich geworden sein, dass weder die von besonders starkem Bevölkerungswachstum gekennzeichneten Gebiete gutsherrschaftlicher Getreidewirtschaft östlich der Elbe dazu zählten noch die vom Anerbenrecht und den damit einhergehenden größeren Bauernwirtschaften geprägten Gebiete wie Bayern oder Westfalen dazu zählten.

Allerdings sollten solche ohnehin allzu pauschalen Aussagen nicht dahingehend missverstanden werden, dort hätten idyllische Verhältnisse geherrscht. Auch in Bayern und Westfalen waren die Großbauern eine kleine Minderheit, die an der Spitze einer hierarchisch streng gegliederten dörflichen Gesellschaft stand, zu der die ledigen Knechte und Mägde nicht einmal hinzugerechnet wurden. Das Los der landlosen oder zumindest landarmen Tagelöhner des deutschen Nordostens war gleichfalls wenig beneidenswert, zumal die dortigen Gutsbesitzer die niedere Gerichtsbarkeit und die Polizei kontrollierten.

Dennoch sind es vor allem die Realteilungsgebiete Südwestdeutschlands und die von der Protoindustrie geprägten Regionen mit ihrem durchaus beachtlichen Bevölkerungswachstum, die als Kernzonen des Pauperismus näher betrachtet werden müssen. Hinzu kommen noch die bislang außer Acht gebliebenen Städte, in denen zahlreiche Handwerkszweige nicht nur übersetzt waren, sondern viele Schneider, Schreiner oder Schuhmacher auch in verlagsmäßige Abhängigkeit von Verlegern und Händlern geraten waren. Strukturell ähnelte ihre Lage der der ländlichen Heimgewerbetreibenden, wenngleich sie in aller Regel anders als diese nur für den lokalen Markt arbeiteten. Wie wichtig dieser Unterschied war, zeigte insbesondere die Krise des Leinengewerbes, die in den 1840er Jahren auf einen Höhepunkt zusteuerte. Wichtige Exportmärkte waren bereits in der napoleonischen Zeit weggebrochen, doch standen die Heimgewerbetreibenden erst jetzt einer schier aussichtslosen Situation gegenüber. Drei Faktoren kamen dabei zusammen: Erstens konnten die deutschen Leinenproduzenten kaum noch mit der englischen und irischen Konkurrenz Schritt halten, die teils eine Konkurrenz von Leinenproduzenten war, vor allem aber die Marktüberlegenheit der billigen Baumwolle gegenüber dem Leinen dokumentierte. Zweitens ließ das Maschinengarn keinen Platz für die so zahlreichen Handspinner, produzierte ein Maschinenarbeiter doch die 500-fache Menge an Garn. Viele dieser Handspinner drängten deshalb drittens in die Leinenweberei, eine kaum erfolgversprechende Ausweichbewegung. Der preußische Regierungsrat Bitter schrieb 1853 in seinem „Bericht über den Nothstand in der Senne zwischen Bielefeld und Paderborn“, also über eine von der Handspinnerei geprägte Region, „die jetzt wohl die unglücklichsten Bewohner des einst so gewaltigen Westphalen(s) bevölkern“. Ähnliche Berichte aus anderen Regionen ließen sich mühelos anfügen.

Dergleichen Elendsschilderungen gingen einher mit dem Bewusstsein von einer neuartigen Problemlage, die als Pauperismus bezeichnet wurde. Brockhaus‘ Real-Enzyklopädie definierte ihn 1846 als „neuerfundenen Ausdruck für eine höchst bedeutsame und unheilvolle Erscheinung, die man in Deutschland durch die Worte Massenarmut oder Armentum wiederzugeben versucht hat. Es handelt sich dabei nicht um die natürliche Armut, wie sie als Ausnahme infolge physischer, geistiger oder sittlicher Gebrechen oder zufälliger Unglücksfälle immerfort einzelne befallen mag; auch nicht um die vergleichsweise Dürftigkeit, bei der doch eine sichere Grundlage des Unterhalts bleibt. Der Pauperismus ist da vorhanden, wo eine zahlreiche Volksklasse sich durch die angestrengteste Arbeit höchstens das notdürftige Auskommen verdienen kann … und dabei immer noch sich in reißender Schnelligkeit ergänzt und vermehrt.“

Bevölkerungsentwicklung und Nahrungsspielraum waren dieser Diagnose zufolge in einer Weise auseinandergetreten, die als skandalös empfunden wurde. Das ist umso bemerkenswerter, als Armut traditionell ja nicht als anstößig galt. Thomas Sokoll hat deshalb argumentiert, das eigentliche Skandalon des Pauperismus habe in der Differenzwahrnehmung zwischen den neuen Reichtümern der Frühindustrialisierung und der Massenarmut bestanden, es habe sich also – zugespitzt formuliert – nicht um ein neues Problem, sondern allein um eine neue Wahrnehmung gehandelt.

Das scheint aus zwei Gründen plausibel: Zum einen machen die Quellen doch sehr deutlich, dass die Abhängigkeit von globalen und für die Betroffenen intransparenten Märkten die Existenz auch der Arbeitsfähigen und Arbeitswilligen in neuer Weise bedrohte. Die daraus resultierende Hilflosigkeit kommt in der personalisierenden Ursachensuche zum Ausdruck, wie wir sie zum Beispiel in dem berühmten Weberlied „Das Blutgericht“ finden: „Ihr“, so heißt es dort an die Verleger gerichtet, „ihr seid die Quelle aller Not, / Die hier den Armen drücket, / Ihr seid‘s, die ihm das trockne Brot / Noch vor dem Mund wegrücket.“ Daran war aber nur so viel richtig, dass das Verlagssystem, dem ein Großteil der hier aufbegehrenden Weber unterlag, einen Großteil der Betriebskosten auf die daheim Arbeitenden abwälzte. Denn die Weltmärkte zu lenken, das vermochten auch die als Verleger tätigen niederschlesischen Leinenkaufleute nicht. Viele hatten sich deshalb schon im frühen 19. Jahrhundert aus dem als zu riskant empfundenen Geschäft zurückgezogen. Zum anderen fand die in der Pauperismus-Definition des Brockhaus zum Ausdruck kommende Aussichtslosigkeit in der Auswanderung einen ganz unmittelbaren Niederschlag. Protoindustriell geprägte Dörfer wie das niedersächsische Belm verloren ein Drittel ihrer Bevölkerung. Zeitlich lag der Schwerpunkt zwischen 1842 und 1857. 1847 verließen 80.000 Menschen Deutschland, 1854 dann 239.000. Dieser vorläufige Höhepunkt wurde nicht zufällig in einem Jahr erreicht, in dem der Brotpreis, der seit der Erntekrise von 1846/47 stetig angestiegen war, seinen Höchststand erreichte.

Aus dieser Korrelation darf man nicht rückschließen, es seien die Ärmsten der Armen ausgewandert. Dafür setzte die Auswanderung ein zu hohes Maß an Handlungsfähigkeit und nicht selten auch finanziellen Mitteln voraus. Aber es waren Kleinbauern und kleine Gewerbetreibende aus den Regionen, in denen die Krise des ländlichen Heimgewerbes und die Armut der dicht bevölkerten Realteilungsgebiete ihnen und ihren Familien den Glauben an eine Existenzmöglichkeit in der Heimat nahmen.

 

Im Zeichen des Pauperismus: Lösungsansätze

 

Bei der Suche nach Lösungsansätzen ist zunächst an den obrigkeitlichen, das heißt primär den gemeindlichen Umgang mit den Problemen der Massenarmut zu erinnern. Jeglicher Anspruch auf Unterstützung war an das Heimatrecht gebunden, nur in Preußen war seit 1842 die gesetzliche Möglichkeit geschaffen, an einem vom Heimatort verschiedenen Wohnsitz einen Unterstützungsanspruch zu erlangen. Die Gemeinden gingen aber nicht nur gegenüber Ortsfremden mit Zurückweisung und Fortschaffung rigoros vor. In den süddeutschen Ländern verweigerten sie bis in die 1860er Jahre hinein armen Gemeindeangehörigen nicht selten den Ehekonsens, weil sie fürchteten, die neugegründeten Familien könnten der Gemeindekasse zur Last fallen. Auf dem Höhepunkt der Krise in den 1840er und 1850er Jahren unterstützten insbesondere badische Gemeinden wiederholt die Auswanderung ihrer Bürger, die dafür auf ihr Heimatrecht und jeden zukünftigen Unterstützungsanspruch verzichten mussten.

Man mag diese rigide Armenpolitik süddeutscher Gemeinden für engstirnig halten, muss aber sehen, dass sie durchaus dem zeitgenössischen Denken entsprach. So bedurfte in den frühen 1830er Jahren für den gemeinhin als altliberal eingeschätzten Tübinger Staatsrechtler Robert von Mohl das „gänzliche Verbot der Heiraten Dürftiger“ keiner weiteren Begründung, war doch die aus solchen Ehen hervorgehende Bevölkerung für den Staat „gefährlich und nutzlos“. Deshalb schloss er auch die Zwangsauswanderung nicht aus: „Soweit nicht Freiwillige sich finden, wird hier das Loos entscheiden müssen“. Als Legitimation hierfür führte er an: „Die Mehrzahl der Bürger ist nicht schuldig, sich durch eine Minderzahl die Möglichkeit zu existieren rauben zu lassen, und kann also den Überfluß der Bevölkerung im Nothfalle mit Gewalt hinausschaffen“.

Gegenüber solch harschen Positionen in Praxis und Theorie hatte die christlich motivierte Wohltätigkeit menschenfreundlichere Angebote, wobei der – notgedrungen an ihre materiellen Grenzen stoßenden – Fortführung jahrhundertealter Praxis unmittelbar mehr Gewicht zugekommen sein dürfte als der Fortentwicklung einer katholischen Soziallehre durch Franz Baader, Franz Buss oder Bischof Ketteler. Das katholische Sozialprogramm traf sich jenseits aller sonstigen Unterschiede mit seinem protestantischen Pendant in der Überzeugung, „dass die soziale Frage nur durch eine christliche Erneuerung der Gesellschaft lösbar werde“, dass, wie dies Johann Wichern der im Revolutionsjahr 1848 gegründeten Inneren Mission zur Aufgabe machte, der materielle Pauperismus nur durch die Beseitigung des geistigen Pauperismus behoben werden könne.

Etwas konkreter fielen die Vorschläge des Centralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen aus, der 1844 als Reaktion auf das durch den schlesischen Weberaufstand einer breiten Öffentlichkeit bewusst gewordene Elend gegründet worden war. Bemerkenswerter als die Begrenztheit der Vorschläge scheint im Rückblick, dass der Fluchtpunkt sozialreformerischen Denkens meist schon die moderne Fabrikarbeiterschaft war, auch wenn genossenschaftliche und volksbildnerische Initiativen die Handwerkerschaft durchaus mit einschlossen.

Die Angesprochenen selbst machten spätestens in der Revolution von 1848/49, die ja auch und nicht zuletzt eine soziale Revolution war, deutlich, dass sie ihre Interessen selbst vertreten müssten, dass es, wie Stephan Born, der populäre Sprecher der Arbeiterverbrüderung sagte, ohne „Organisation der Arbeiter“ keine Fortschritte geben werde. Aufschlussreich ist, in welcher Richtung nach Lösungen gesucht wurde. Maschinenstürmerische Proteste, die noch in den 1820er Jahren dominiert hatten und dem Weberaufstand von 1844 nicht gänzlich fremd waren, spielten 1848/49 kaum noch eine Rolle.

Einen Ausweg aus der Krise aber suchten die sich in Gewerkschaften zusammenschließenden Buchdrucker und Zigarrenmacher ganz wie die Handwerksmeister durch den Ausschluss von Konkurrenz, zum Bespiel den der weiblichen Beschäftigten der Tabakindustrie. Wo dagegen jenseits der kleinen Kreise um Marx und Engels sozialistische Visionen propagiert wurden, waren es solche des Handwerkersozialismus. Sie kreisten um die Idee der Produktivgenossenschaft, die den handwerklich-heimgewerblichen Produzenten den vom Verleger abgeschnittenen Weg zum Verbraucher kollektiv sichern sollte. Mit der Arbeiterfrage, nach der Jahrhundertmitte zunehmend synonym für die soziale Frage verwandt, hatten diese in der Praxis regelmäßig scheiternden Projekte wenig zu tun, denn die Arbeiterfrage war immer mehr eine der modernen Fabrikarbeiterschaft.

 

Die Arbeiterfrage: Ursachen und Hintergründe

 

Der Arbeitertypus, den die Sozialreformer seit den 1840er Jahren zunehmend vor Augen hatten, war der Fabrikarbeiter oder nicht selten die Fabrikarbeiterin in der Textilindustrie. Berichte aus dem Ausland wie Friedrich Engels‘ Schreckensbild der Lage der Arbeiter in England waren hier ebenso prägend wie die Verhältnisse vor Ort. Namensgebungen wie Cromford für die schon in den 1780er Jahren von Johann Gottfried Brügelmann gegründete erste deutsche mechanische Baumwollspinnerei oder die Rede von Chemnitz als dem deutschen Manchester bringen beide Stränge zusammen. Solche Textilfabriken, die in den 1840er Jahren auch im niederschlesischen Peterswalde neben der zahlenmäßig wichtigeren Protoindustrie bestanden, waren stets Anlass für die „Centralisation der Bevölkerung“, wie das 1845 der Frühsozialist Moses Hess ausdrückte.

Von unternehmerischer Seite gewollt war eine solche Verstädterung oft nicht. So träumte etwa Friedrich Wilhelm Harkort 1849: „Die Eisenbahnnetze erlauben bei humaner Behandlung den unteren Klassen sich meilenweit um die Städte zu zerstreuen. Wer in der Stadt 15 Silbergroschen gebraucht, kommt auf dem Land mit 10 aus. Als praktisch möchte es sich herausstellen, wenn man Arbeiterkolonien durch eigene Pferdebahnen mit den Hauptstädten verbände. Solche Vorstädte brächten der Hauptstadt keine Gefahr, die Leute wären gesund an Leib und Seele im Gegensatz zu der unterbeschäftigten, darbenden Hefe des Volkes in den großen Städten.“

Aber gleich, ob primär zum Zwecke der Lohnkostensenkung oder als Revolutionsprophylaxe gedacht, eine solche Dezentralisation ließ sich mit der seit der Mitte der 1840er Jahre rasch voranschreitenden Industrialisierung nicht vereinbaren. Gerade von der in Deutschland entscheidenden Montanindustrie gingen starke städtebildende Impulse aus. Die vom Eisenbahnbau zu immer größeren Produktionsmengen getriebene Eisen- und Stahlindustrie musste sich insbesondere nach dem Übergang zum Kokshochofen in der unmittelbaren Nähe der Kohlenlagerstätten ansiedeln, um Transportkosten zu sparen. Ihnen allen stehen die daraus resultierenden Agglomerationen im Ruhrgebiet, in Oberschlesien oder auch im Saarland vor Augen. Diese von Bergbau und Hüttenindustrie geprägten Städte waren reine Arbeiterstädte, die jedoch durchaus Wandlungspotential besaßen. Wie zuvor schon in der Textilstadt Chemnitz der Maschinenbau oder im Wuppertal die Farbenindustrie lagerten sich auch in manchen Zentren der Montanindustrie weitere Industrien an, die sich zunächst an den Bedürfnisseen der Zechen- und Hüttenbetriebe orientierten, dann aber ihr Angebot diversifizierten.

Die Schwerindustrie war der wichtigste, aber keineswegs der einzige Anstoß zur Verstädterung. Ihr Ausmaß war enorm und rechtfertigt hoffentlich, dass der Schwerpunkt – einmal mehr viel zu schematisch – in diesem zweiten Teil ganz auf der städtischen Welt liegt. Zur Zeit der Reichsgründung lebte lediglich ein Drittel der Bevölkerung in Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnern, am Vorabend des Ersten Weltkriegs waren es 60 Prozent. Rein rechnerisch war das gesamte Bevölkerungswachstum dieser Zeit – von etwa 41 auf 68 Millionen – den Städten zugutegekommen.

Dazu ist zweierlei zu sagen. Zum einen fiel der Schwerpunkt des Bevölkerungswachstums des 19. Jahrhunderts in die Zeit des Kaiserreichs und das, obwohl an dessen Ende die zuvor angesprochene demographische Transition insofern zu ihrem Abschluss kam, als dass nach der Sterbeziffer auch die Geburtenzahl deutlich sank. Der Blick auf die durchschnittliche Kinderzahl je Frau macht das deutlicher als die Geburtenrate: Für den Geburtsjahrgang 1856 lag sie noch über fünf, für den Geburtsjahrgang 1886 um zweieinhalb. Wirklich spürbar wurde die veränderte Familienplanung der um 1886 geborenen Frauen aber erst während des Ersten Weltkriegs und der Weimarer Republik. Zum anderen hatte das Wachstum der Städte seine Ursache nicht darin, dass hier die Zahl der Geburten die der Todesfälle bei Weitem übertroffen hätte. Das war lange überhaupt nicht der Fall, was vor allem an den schlechten hygienischen Verhältnissen lag. Städtewachstum war also lange Zeit auch und vor allem das Resultat von Zuwanderung, die dann ihrerseits das natürliche Bevölkerungswachstum verstärkte, weil Zuwanderer in der Regel junge Erwachsene waren, die oft erst am Zuwanderungsort Familien gründeten.

Seit den 1870er Jahren waren die Arbeitsmärkte des ländlichen Umfelds etwa des Ruhrgebiets bereits leergefegt, sodass neben die sonst dominante Nahwanderung die Fernwanderung treten musste. Dass sie oft ihren Ursprung in den polnisch-sprachigen Regionen des östlichen Preußen hatte, ist allgemein bekannt. Der agrarisch geprägte Nordosten wurde aber nicht nur zum Arbeitskräftereservoir der Industrieregionen des Landes, sondern zunehmend auch zum Schwerpunkt der Überseeauswanderung.

Das lag nicht am Mangel an Nachfrage nach Landarbeitern, den vielmehr die Arbeitgeber mit dem Begriff der „Leutenot“ dramatisierten. Eher erfasste wohl Max Weber die tieferliegenden Ursachen, als er 1895 meinte: „Zwischen den Gutskomplexen der Heimat giebt es für den Tagelöhner nur Herren und Knechte und für seine Nachfahren im fernsten Glied nur die Aussicht, nach der Gutsglocke auf fremdem Boden zu scharwerken. In dem dumpfen, halbbewußten Drang in die Ferne liegt ein Moment eines primitiven Idealismus verborgen. Wer es nicht zu entziffern vermag, der kennt den Zauber der Freiheit nicht.“

 

Die Arbeiterfrage: Problemlagen und Problemwahrnehmungen

 

Nun erwartete die Fortziehenden weder in den Vereinigten Staaten noch in den Industriemetropolen des deutschen Kaiserreichs ein Reich der Freiheit. Das führt zu den für die zweite Jahrhunderthälfte typischen Problemlagen, die zum einen und vor allem solche der industriellen Arbeitswelt, zum anderen solche der städtischen Lebenswelt waren. Die wichtigste und allgemeinste der hier zu beobachtenden Entwicklungstendenzen war sicherlich, dass der Klassencharakter der Lohnarbeit immer klarer hervortrat und als Gemeinsamkeit proletarischer Existenz empfunden wurde. Damit ist zum einen gemeint, dass ältere Formen, wie das im Handwerk übliche Gewähren von Kost und Logis für die Gesellen, die das Austauschverhältnis von Arbeit gegen Lohn verhüllten, an Bedeutung verloren. Das gilt auch für Existenzformen, die wir heute mit dem Etikett der Scheinselbständigkeit belegen würden und die wir in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im ländlichen Heimgewerbe wie im städtischen Handwerk angetroffen haben. Zum anderen diktierten im rasch größer werdenden Industriebetrieb zunehmend Maschinen den Rhythmus der immer stärker arbeitsteiligen Tätigkeit. Diese war zudem räumlich klarer denn je von anderen Lebensbereichen geschieden. Bilder von Ehefrauen, die in der Mittagspause ihren Männern eine Mahlzeit ans Werkstor bringen, zeigen, dass dies wie das neue Zeitregime der Fabrik als ungewöhnlich empfunden wurde. Das gibt dem Begriff der Entfremdung eine gewisse Plausibilität.

Und schließlich trat der Herrschaftscharakter industrieller Lohnarbeit immer deutlicher hervor, teils, weil die Delegierung von Befehlsgewalt diese anonymisierte und frühere Abmilderungen durch persönliche Vertrautheit verschwinden ließ, teils, weil gerade Großunternehmer einen autoritären Herr-im-Hause-Standpunkt vertraten. Dieser von dem Industriesoziologen Götz Briefs als Betriebsmilitarismus bezeichnete Führungsstil verstärkte ein Gefühl von Machtlosigkeit, das schon die staatliche Haltung gegenüber der Arbeiterschaft häufig hervorrief. Bei Streiks war wegen der Schwäche der Polizei die Schwelle zum Einsatz von Militär niedrig, als Wähler mussten sich die Arbeiter angesichts des plutokratischen Wahlrechts vor allem auf kommunaler Ebene diskriminiert fühlen, und auch das Gerichtswesen wurde nicht nur von sozialistischen Agitatoren als Klassenjustiz wahrgenommen.

Erich Mühsams Gedicht „Fiat justitia“ brachte das gut zum Ausdruck: „Was tut man dem zubilligen, der einem Arbeitswilligen / Den Namen ‚Schuft‘ erteilt? / Was gibt man dem, der in der Not / Ein Markstück stiehlt und ein` Laib Brot, / wenn ihn das Recht ereilt? (…) Ich weiß es nicht! Ich weiß es nicht! / Ich weiß nur, daß ein Strafgericht / gar schrecklich niederfährt! / Ich weiß, daß sich das Zuchthaus weit / stets öffnet der Gerechtigkeit / und auf kein Mitleid hört. Nur wenn einmal ein Offizier / totschindet einen Musketier, dann hält man das für Quark! / Und prügelt ein Agrarier / tot einen Proletarier, / dann kost`s dreihundert Mark!“

Was schließlich die proletarische Lebenserfahrung noch zunehmend einheitlicher werden ließ, war ein spezifisch proletarischer Lebenszyklus, der Alter und Einkommen in der Weise zusammenbrachte, dass vergleichsweise gut verdienende junge Arbeiter eine Ansparphase für den späteren Hausstand erlebten, nach der Verheiratung und der Geburt der ersten Kinder, die in der Regel die Ehefrau an der Fortsetzung ihrer Berufstätigkeit hinderten, eine erste Armutsphase durchmachten, aus der die proletarische Familie mit dem Älterwerden der Kinder wieder herauswuchs. Bei deren Auszug fehlte dann nicht nur ihr Beitrag zum Familieneinkommen, sondern der Ehemann hatte in aller Regel ein Alter jenseits der 40 erreicht, in welchem aufgrund nachlassender Körperkraft seine Lohnhöhe rückläufig war.

Den so notgedrungen ganz allgemein gefassten Tendenzen zur Homogenisierung der Lage der Arbeiterklasse standen durchaus gegenläufige Entwicklungen entgegen. Konfession und Sprache blieben Trennlinien, wie die Entstehung christlicher und teils auch polnischer Gewerkschaften belegt. Vor allem aber gab es enorme Unterschiede hinsichtlich der Qualifikation und des Lohnniveaus. Arbeiteraristokraten wie die hochqualifizierten Buchdrucker konnten leicht das Fünffache dessen verdienen, was eine Fabrikarbeiterin in der Textilindustrie nach Hause brachte. Umso bemerkenswerter und wichtigster Beleg für das behauptete gemeinsame Empfinden einer geteilten Klassenlage ist die Organisation der deutschen Arbeiterschaft in Branchengewerkschaften, die wie der Deutsche Metallarbeiterverband die Interessen aller in einer Industrie Tätigen vertraten und nicht wie die in England typischen kleinen Berufsgewerkschaften nur die Angehörigen eines besonderen Ausbildungsgangs. Dennoch waren mit den enormen Lohnunterschieden typische Ambitionen wie der Familienlohn verbunden, also die Vorstellung, der Lohn des männlichen Familienoberhaupts müsse für den Unterhalt der ganzen Familie ausreichen, aber auch Ansprüche ans Wohnen wie die vieldiskutierte „gute Stube“, ein für repräsentative Zwecke reserviertes Zimmer, dessen seltene Nutzung angesichts der sonstigen Enge der proletarischen Wohnverhältnisse das Kopfschütteln bürgerlicher Beobachter provozierte.

Grundsätzlich wurden die proletarischen Wohnverhältnisse als defizitär in zweierlei Hinsicht beschrieben: quantitativ und qualitativ. Bezeichnend für ersteres scheint, dass hinsichtlich der schieren Wohnungsversorgung die zeitgenössischen Statistiker von der Überfüllung einer Wohnung nur dann ausgingen, wenn auf ein heizbares Zimmer mehr als fünf oder sechs Bewohner kamen. Dennoch waren etwa in Berlin-Mitte in den 1870er Jahren mehr als zehn Prozent aller Wohnungen überfüllt. Die hier wie in zahllosen Kellerwohnungen unübersehbare Enge ließ Wohnungsreformer nach mehr Licht und mehr Luft rufen, da sie glaubten, nur Belüftung und Sonnenschein könne bewirken, dass die Miasmen, gefährliche Ausdünstungen, in denen sie den Ursprung der meisten Krankheiten erblickten, ausgetrocknet würden. Das war im Kaiserreich wissenschaftlich nicht mehr der neueste Stand, blieb aber bis zur Hamburger Cholera-Epidemie von 1892 einflussreich. Die Angst vor Seuchen und die daraus resultierenden hygienischen Bedenken wurden allmählich abgelöst von moralischen, die ihren Ursprung darin hatten, dass viele Arbeiterfamilien Schlafgelegenheiten an Familienfremde vermieteten, um so das karge Familieneinkommen aufzubessern. Die von bürgerlichen Beobachtern gemalten Schreckensszenarien sexueller Beziehungen zwischen diesen Schlafgängern und den weiblichen Familienangehörigen waren sicherlich maßlos überzogen, doch ist andererseits die von Franz-Josef Brüggemeier entwickelte These umstritten geblieben, aus dieser spezifischen Wohnform sei eine Stärkung proletarischer Solidarität erwachsen.

 

Die Arbeiterfrage: Lösungsansätze

 

Fragt man abschließend nach Lösungsansätzen, so sind solche im Bereich der Wohnungsversorgung am ehesten auf betrieblicher Ebene auszumachen. Die Städte bauten allenfalls für ihre eigenen Bediensteten, und staatlicherseits wurde lediglich dergestalt Hilfe geleistet, dass den Landesversicherungsanstalten die Kreditfinanzierung genossenschaftlichen Bauens erlaubt wurde. Direkt aktiv wurden allein einige Betriebe gerade in den Montanregionen, die nur mithilfe von Betriebswohnungen meinten, Arbeitskräfte anlocken und auf Dauer an sich binden zu können. Dass mit dem betrieblichen Wohnungsbau die Absicht einer Pazifizierung der Belegschaft einherging, ändert nichts daran, dass dort, wo die Werkswohnungen einen nennenswerten Anteil hatten, die Wohnungsversorgung insgesamt überdurchschnittlich ausfiel.

Nun war die Wohnungsfrage nur insofern Teil der Arbeiterfrage, als sie Kleinwohnungs- beziehungsweise Arbeiterwohnungsfrage war. Von ungleich größerer Bedeutung war – gerade auch in längerfristiger Perspektive – die Bismarck‘sche Sozialpolitik, die eben nicht mehr Armenpolitik war, sondern am Arbeitsverhältnis der von ihr erfassten Personen ansetzte und dabei nicht länger als die frühere Arbeiterschutzpolitik allein auf besonders schutzbedürftige Beschäftigtengruppen wie Kinder und Frauen abzielte. Die systemstabilisierenden Intentionen Bismarcks, der etwa mit dem Alters- und Invalidengesetz am liebsten eine Gruppe beitragsfreier Staatsrentner geschaffen hätte, sind gut bekannt. Er konnte sie nur partiell verwirklichen. Entscheidend aber war, dass zentrale Risiken der Arbeiterexistenz nun auf dem Wege der Versicherung abgefedert wurden, allen voran das Risiko der Invalidität und der Krankheit 1883/84. Die Ausrichtung der Beiträge am Bruttolohn, die Heranziehung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu Beiträgen und die Beteiligung beider an den Selbstverwaltungsorganen der Zwangskassen gemäß ihres Beitragsanteils (1:2) – all das waren bis in die Gegenwart wirksame Regelungen, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs mehr als sechzig Prozent der Bevölkerung, also der großen Mehrheit der abhängig Beschäftigten zugutekamen.

Sehr viel geringer war der Kreis der Nutznießer der 1889 eingeführten Alters- und Invaliditätsversicherung, weil zum einen nur jeder fünfte Mann und jede vierte Frau das zum Rentenbezug erforderliche Alter von 70 Jahren erreichte und zum anderen die Rentenhöhe hinter dem Existenzminimum zurückblieb. Und dennoch: Ansätze zur Absicherung der wichtigsten Risiken proletarischer Existenz mit Ausnahme der Arbeitslosigkeit waren 1890 staatlicherseits gemacht. Ergänzt wurden sie durch vielfältige kommunale Initiativen, die den französischen Historiker Pierre Aycoberry so beeindruckt haben, dass er argumentiert hat, die deutschen Arbeiter seien 1914 auch zur Verteidigung der Errungenschaften der kommunalen Sozialpolitik in den Krieg gezogen.

Das scheint übertrieben. Deutlich ist indessen, dass die angesprochenen sozialpolitischen Innovationen von einer breiten sozialreformerischen Bewegung mit getragen wurden, deren von den älteren Führungsfiguren des Vereins für Socialpolitik verkörperte Mainstream Bismarcks Überzeugung teilte, „aber die soziale Frage lösen kann nur der Staat“. Die darüber hinausdrängenden Bemühungen jüngerer Sozialwissenschaftler wie Werner Sombart oder Max Weber, denen es um die Integration von Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung ging, die eine Demokratisierung und Parlamentarisierung des Kaiserreichs vorausgesetzt hätte, waren allenfalls teilweise erfolgreich. So fanden sich in der um die Jahrhundertwende gegründeten und zunächst maßgeblich von Sombart geprägten Gesellschaft für soziale Reform zwar neben Professoren und Ministerialbeamten auch die Vertreter der christlichen Gewerkschaften und der liberalen Gewerkvereine sowie führende Repräsentanten des Sozialkatholizismus wie Franz Hitze oder des Sozialliberalismus wie Ernst Francke zusammen, aber die Einbeziehung zumindest von Teilen der Sozialdemokratie gelang nicht. Diese betrachtete nicht ohne Grund die beabsichtigte breite Reformkoalition mehrheitlich als Spaltungsversuch, der den rechten Flügel der Partei zur bürgerlichen Linken hinüberziehen sollte.

Allerdings wurzelte eine solche Spaltung der sozialistischen Linken insofern letztlich in der Sache selbst, als dem Glauben an einen völligen Umsturz eher mit der Zuspitzung bestehender Klassengegensätze gedient war, während die kontinuierliche Arbeit an der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen des Proletariats eine eher evolutionäre Veränderung des Systems anstreben musste. Dass sich die Vertreter des zweiten, also des reformerischen Weges in der deutschen Sozialdemokratie bis 1914 nicht eindeutig durchsetzen konnten, war der massiven Ausgrenzung von Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung geschuldet, wie sie das Sozialistengesetz festgeschrieben hatte und wie sie vom preußischen Dreiklassenwahlrecht bis in den Krieg hinein symbolisch festgehalten wurde.

Insofern lässt sich bilanzieren, dass die kommunale und staatliche Sozialpolitik gestützt auf eine breite bürgerliche und konfessionelle Reformkoalition bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erhebliche Fortschritte bei der Lösung der sozialen Frage gemacht hatte, dass aber die politischen Blockierungen des Verfassungssystems verhinderten, dass diese Fortschritte einen breiten gesellschaftlichen Grundkonsens fundierten.

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