I.
Religion und Sexualität waren ‒ anders als heute ‒ in der antiken Welt eng miteinander verbunden, denn sie gehören zum Bereich des Ekstatischen. Kultische Prostitution und sexuell konnotierte Initiationsriten waren speziell in den Mysterienreligionen häufig anzufinden (zum Beispiel im Isis-Kult). Dies wird auch im Aufbau des ersten Korintherbriefes deutlich, denn es ist kein Zufall, dass Paulus in 1 Kor 6,12-20 das Verhältnis von neuer Religion und alter Sexualität zum Thema macht, um dann in Kapitel 7 insbesondere zu Ehefragen Stellung zu nehmen. Hier zeigt sich besonders deutlich, wie sich die neue und die alte Welt überlappen und vor welchen Problemen Paulus stand: Es galt nicht nur, Regeln für das Gebiet der Sexualität und der Ehe innerhalb der neuen Bewegung der Christen aufzustellen, sondern sie mussten vor allen Dingen gegenüber den alten Praktiken eingeübt und durchgesetzt werden.
Ausgangspunkt ist dabei für Paulus eine eschatologische Perspektive, die prägnant in 1 Kor 7,29-31 formuliert wird: „Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine; wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ Paulus geht es angesichts des nahen Endes und des damit verbundenen Gerichtes um die Reinheit der Gemeinde. Sie hat einen eigenen eschatologischen Status, weil sie am Ende sogar über die Engel richten wird (1 Kor 6,3). Deshalb muss der Unzüchtige aus der Gemeinde ausgeschlossen werden (1 Kor 5) und deshalb ist das Verbleiben im gegenwärtigen Stand in der Regel die beste Lösung der Probleme; auch im Hinblick auf die Ehe.
Damit unterscheidet sich Paulus fundamental von allen anderen antiken Aussagen über die Ehe, die in ihr zuallererst die Basis einer Gesellschaft, eines Staates sehen. Sowohl im Judentum als auch im Hellenismus bedeutete es für Männer und Frauen gewissermaßen eine natürliche Pflicht, zu heiraten und Kinder zu zeugen. Der römische Kaiser Augustus erklärte die Heirat für Männer zwischen 25 und 60 Jahren und für Frauen zwischen 20 und 50 Jahren zur gesetzlichen Pflicht. Ehe- und Kinderlose wurden in der Gesetzgebung systematisch benachteiligt, vor allem auf dem Gebiet der Steuern. Vor allem stoische Philosophen sahen aber in der Ehe viel mehr als den legitimen Ort des Kinderzeugens. Musonius (circa 30-108 n. Chr.), ein vehementer Verfechter der Gleichrangigkeit der Frauen, stellt die Ehe zwischen einem Philosophen und einer gebildeten Frau als das Optimum menschlichen Glücks dar. Über das Kinderzeugen sagt er: „Aber das reicht noch nicht zur wahren Ehe, weil es ja auch ohne Ehe geschehen könnte … In der Ehe aber muss in jeder Hinsicht ein enges Zusammenleben stattfinden und eine gegenseitige Fürsorge von Mann und Frau … einander in Liebe zu überbieten ‒ eine solche Ehe ist, wie sie sein soll und ein Vorbild für andere“ (Dissertationes 12).
II.
Wie liegen die Dinge bei Paulus? Zunächst fällt auf, dass er nur in 1 Kor 7 ausführlich auf das Thema eingeht, offenkundig veranlasst durch Anfragen aus Korinth (1 Kor 7,1a: „Wovon ihr geschrieben habt, antworte ich euch“). Paulus lebt wie seine Gemeinden in einer akuten Naherwartung und dies relativiert für ihn die Bedeutung irdischer Bindungen, hier speziell der Ehe. Dieser Ausgangspunkt wird in 1 Kor 7,1b deutlich: „Es ist in der Tat gut für einen Mann, eine Frau nicht anzurühren.“ Dies stellt die theologische Position und die persönliche Praxis des Paulus dar. Er war offensichtlich nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Wie die wahren Philosophen fürchtete auch der Apostel, durch eine Familie an seinem Dienst am Evangelium für alle Menschen gehindert zu werden. Der stoische Philosoph Epiklet formuliert gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus: „Da die Lage der Dinge aber so ist, wie sie gegenwärtig ist ‒ wir befinden uns gleichsam in der Situation an der Front ‒ muss da der Kyniker nicht ungehindert sein, ganz im Dienst der Gottheit stehen, im Stande sein unter den Menschen herum zu gehen, nicht gefesselt durch bürgerliche Pflichten, nicht gebunden durch persönliche Beziehungen, durch deren Verletzung er nicht mehr den Charakter des Ehrenmannes bewahren, durch deren Wahrnehmung er aber den Boten, den Kundschafter und Herold der Götter zerstören würde?“ (Diss III 22,69).
Paulus möchte, dass alle Menschen so sind wie er, aber er weiß gleichzeitig um die Versuchung und schränkt deshalb in 1 Kor 7,2 ein: „Aber wegen der Unzüchtigen soll jeder seine Frau haben und jede ihren Mann haben.“ Die sich anschließende Argumentation kann für antikes Denken als durchaus fortschrittlich bezeichnet werden, denn der Apostel stellt ausdrücklich fest, dass der Mann gegenüber seiner Frau und auch die Frau gegenüber ihrem Mann ihre Pflichten zu erfüllen haben. 1 Kor 7,4: „Die Frau hat über ihren Körper nicht das Verfügungsrecht, sondern der Mann; ebenso aber hat auch der Mann über seinen Körper nicht das Verfügungsrecht, sondern seine Frau.“ Diese Form von Gleichberechtigung ist bemerkenswert! Paulus argumentiert hier zugunsten einer uneingeschränkten Ausübung der bestehenden ehelichen Gemeinschaft auf einer gleichberechtigten Ebene. Wer daraus ausbrechen will, setzt sich der Gefahr der Unzucht aus. Seine eigene Fähigkeit zur Ehelosigkeit versteht er als ein von Gott verliehenes Charisma, weil er so seinen Dienst für Christus und für die Menschen uneingeschränkt ausüben kann: „Ich möchte freilich, dass alle Menschen so seien, wie ich selbst. Jeder hat jedoch seine besondere Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so“ (1 Kor 7,7).
III.
Von dieser Grundposition aus werden nun die einzelnen Gruppen/Stände in der Gemeinde angesprochen. Zunächst wendet sich Paulus den unverheirateten Christen und den Witwen zu und gibt ihnen den Rat: „Gut ist es für sie, wenn sie so bleiben, wie auch ich bin“ (1Kor 7,8). Sollten sie sich jedoch nicht beherrschen können, so ist es besser zu heiraten als dem Feuer der Begierde zu verfallen.
Bei der Frage der Ehescheidung führt Paulus ein Herrenwort als Autoritätsinstanz an: „Den Verheirateten aber gebiete ich ‒ nicht ich, sondern der Herr ‒, dass sich die Frau nicht vom Mann trennen soll ‒ falls sie sich aber doch getrennt haben sollte, soll sie ehelos bleiben oder sich mit dem Mann aussöhnen ‒ und dass der Mann die Frau nicht entlassen soll“ (1Kor 7,10f). Paulus spricht hier über Ehen, in denen beide Partner Christen sind. Die differenzierenden und einschränkenden Formulierungen zeigen, dass es in der Gemeinde Scheidungen gab, die nur von einem Partner betrieben wurden. Zunächst weist Paulus die christlichen Eheleute auf das Scheidungsverbot Jesu als Autorität hin. Er zitiert Jesu Scheideverbot nicht wörtlich, sondern dem Inhalt nach (vgl. Mk 10,2-11; Mt 19,3-9; Lk 16,18; Mt 5,32). Jesu Position kommt am deutlichsten in Mk 10,9 zum Ausdruck: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ Die Möglichkeit der Scheidung wird von Jesus als eine Konzession des Mose an die „Hartherzigkeit“ der Menschen gewertet, die sich letztlich gegen den Menschen richtet. Indem Jesus die Scheidung verwirft, wertet er nicht nur die Stellung der Frau in der jüdischen Gesellschaft auf, sondern stellt sich über die Autorität des Mose und nimmt für sich in Anspruch, den auf das Wohl des Menschen gerichteten ursprünglichen Willen des Schöpfers wieder zu Gehör zu bringen. Zugleich setzt er damit die Scheidungsmöglichkeiten nach Dtn 24,1-4 außer Kraft. Paulus passt allerdings das absolute Scheidungsverbot Jesu den korinthischen Realitäten an. Falls die Frau sich bereits vom Mann getrennt hat, soll sie ehelos bleiben oder sich mit dem Mann aussöhnen, dasselbe gilt für den Mann. Damit soll eine Wiederverheiratung und damit endgültige Scheidung offenbar vermieden werden. Grundsätzlich ist Paulus ‒ wie Jesus ‒ gegen Ehescheidungen, zugleich ignoriert er aber nicht die Gemeinderealität und sucht nach praktikablen Lösungen.
IV.
Im Abschnitt 1 Kor 7,12-16 wendet sich Paulus der in Korinth offenkundig wichtigen Frage der Mischehen zu. Er betont ausdrücklich, dass seine Anweisungen hier nicht auf einem Gebot des Herrn, sondern auf seinen Einsichten beruhen. Es geht um Gemeindeglieder, die mit einer Heidin beziehungsweise einem Heiden verheiratet sind und diese Ehe auflösen wollen. Dafür kann man sich zwei Gründe vorstellen: Zum einen ein Elitebewusstsein des christlichen Partners; Pneumatiker wollen nicht länger mit Psychikern zusammen leben, das heißt sich nicht in den Höhenflügen des eigenen geistlichen Lebens von den Unvollkommenen beeinträchtigen lassen. Paulus spricht sich hier eindeutig dafür aus, dass der christliche Partner die Scheidung aus religiösem Vollkommenheitsstreben gegen den Willen des nichtchristlichen Partners nicht betreiben soll. Er stellt einer religiösen Begründung des Scheidungsverlangens die Überzeugung entgegen, dass das Christsein eines Familienmitgliedes auf alle in der Familie ausstrahlt, so dass auch die anderen indirekt Anteil an dem Gottesverhältnis des Christen erhalten, „denn der nichtgläubige Mann ist durch die Frau geheiligt, und die nichtgläubige Frau ist durch den Bruder geheiligt; denn sonst wären eure Kinder unrein, in Wirklichkeit aber sind sie heilig“ (1 Kor 7,14). Das Zusammenleben mit den Nichtglaubenden kann also die Gottesbeziehung des Glaubenden nicht beeinträchtigen. Das Leben des gläubigen Teils innerhalb einer Ehe ist nicht wirkungslos, sondern es bezieht sogar ungewollt den Anderen mit ein, sodass auch dieser an dem neuen Gottesverhältnis des christlichen Partners teilhat und davon in der Heiligung profitiert. Hier sind Kräfte am Wirken, die über individuelles Verhalten weit hinausgehen (1 Kor 15,29).
Der zweite Grund für eine Trennung könnte darin liegen, dass der nichtchristliche Teil der Ehe die neue Religion des Partners/der Partnerin ablehnt. Wenn man sich der neuen Bewegung der Christen anschloss, dann hatte dies erhebliche Folgen für das gesellschaftlich-soziale Leben beider Partner. Besuche heidnischer Tempel oder Feste, Einladungen mit religiösen Zeremonien, all das konnte zum Problem werden. Paulus behandelt diesen Fall; wenn das Scheidungsverlangen vom nichtgläubigen Teil ausgeht, dann soll sich der Christ/die Christin trennen. Der christliche Teil ist unter solchen Verhältnissen nicht sklavisch an den nichtchristlichen Teil gebunden, der den Glauben nicht toleriert. Der Christ ist von Gott berufen, um in Frieden zu leben, nicht aber in einer sklavisch negativen Bindung zum Ehepartner, der ihn möglicherweise vor die Alternative stellt: entweder Christus oder ich.
V.
Die Maxime des Bleibens im jeweiligen aktuellen Stand wird von Paulus auch in 1 Kor 7,17-24 vertreten, wo es um die Beschneidung beziehungsweise um Unbeschnittenheit geht, vor allem aber um den Stand der Sklaven. In 1 Kor 7,24 heißt es: „Worin jeder berufen wurde, liebe Brüder, darin bleibe er bei Gott!“ Bei dem konkreten Fall einer Freilassung von Sklaven, ob als Entgegenkommen eines Herrn oder als Forderung an christliche Herren, bleibt Paulus unklar. Hier sagt er: „Wurdest du als Sklave berufen, mache dir nichts daraus! Aber wenn du doch frei kommen kannst, gebrauche (es) umso mehr“ (1 Kor 7,21). Die bewusst unklare Formulierung lässt darauf schließen, dass Paulus wohl das Bleiben im jeweiligen Stand bevorzugte, aber ein Freikommen von Sklaven im Einzelfall nicht ausschloss.
In 1 Kor 7,25-28 wendet sich der Apostel einem weiteren Problem zu: Was ist mit denen, die gerade dabei sind, eine Ehe einzugehen? Sollen sie ihr Vorhaben verwirklichen oder aber ihre bereits anfänglich eingegangene Bindung als Verlobung lösen? Dies könnte dem korinthischen Vollkommenheitsideal entsprochen haben. Die Verlobung war zwar keine griechische, sondern eine römische und jüdische Sitte, wird aber in der römischen Neugründung Korinth verbreitet gewesen sein. Zunächst rät Paulus den Verlobten, die Verlobung nicht zu lösen, aber auch nicht zu heiraten, sondern im Status des Verlobtseins zu bleiben. Er begründet dieses ausdrücklich mit den Bedrängnissen, denen die Glaubenden in der Welt ausgesetzt sind (1 Kor 7,29-31). Zugleich gilt aber: Wer heiratet, sündigt nicht. Mit V. 32 geht der Gedankengang zu den Verlobten zurück. Paulus weist in Vers 32-35 zunächst darauf hin, dass die Ehe eine ganzheitliche Hingabe an und eine große Verantwortung für den Partner mit sich bringt. Demgegenüber kann sich der Unverheiratete ganz für den Herrn Jesus Christus einsetzen.
In V. 36-38 konkretisiert Paulus, unter welchen Voraussetzungen er den Verlobten eine Heirat beziehungsweise einen Heiratsverzicht empfiehlt. Zunächst äußert sich Paulus zu der Anfrage verlobter Männer, für die die bevorstehende Heirat offenbar zu einem Problem geworden war. Aufgrund ihres Vollkommenheitsbewusstseins erscheint ihnen das Eheleben mit seinen irdischen (sexuellen) Bedürfnissen als minderwertig. Hier votiert Paulus dafür, die bestehenden Bindungen nicht aufzulösen, vielmehr soll der Christ sich in ihnen bewähren. Ob damit auch gemeint ist, auf die Ausübung der Sexualität zu verzichten und eine Art „geistliche Ehe“ zu führen, lässt sich nicht klären. Zugleich tritt Paulus aber dafür ein, dass der, der nicht heiraten will, dies auch nicht tun muss. Der Heiratsverzicht ist vorzuziehen, weil nur durch diese Ungebundenheit eine Konzentration auf den Kyrios möglich ist. Zudem ist es so leichter, die Bedrängnisse durch die Umwelt zu ertragen. Im Hintergrund dürften gesellschaftliche Diskriminierungen stehen, denen jene ausgesetzt waren, die ihr Christsein öffentlich lebten. Das persönliche Zeugnis und die Missionsaktivität können von Unverheirateten nach Meinung des Apostels authentischer gelebt werden. Dennoch gilt: „Einerseits tut der, der seine Jungfrau heiratet, gut; andererseits wird der, der nicht heiratet, besser tun“ (1Kor 7,38).
Abschließend wendet sich Paulus den Witwen zu, die in den frühchristlichen Gemeinden eine wichtige Rolle spielten (1 Kor 7,39-40). Witwen waren in der Antike aufgrund des fehlenden Sozialsystems oft mittellos. Sie schlossen sich offenbar in größerer Zahl den neuen Gemeinden an, die sich als „Familie Gottes“ verstanden und mittellose Witwen unterstützten. Wiederum rät der Apostel zum Verbleiben im gegenwärtigen Stand, das heißt nicht wieder zu heiraten. Will jedoch eine Witwe wieder heiraten, dann steht ihr das frei, jedoch: „nur dass es im Herrn geschehe“. Was ist damit gemeint? Man kann es als eine allgemeine Bemerkung („das bedenkt immer mit“) oder aber auch als indirekte Aufforderung verstehen, einen christlichen Partner zu heiraten. Vom gesamten Duktus der Argumentation her erscheint die Heirat eines christlichen Partners wahrscheinlicher. Paulus möchte offensichtlich die möglichen Konflikte reduzieren. Wenn er am Ende noch einmal ausdrücklich betont, „auch den Geist Gottes zu haben“ (1 Kor 7,40), dann wirft dies noch einmal einen Blick auf die korinthische Gemeinde, in der wohl viele meinten, in besonderer Weise „den Geist zu haben“.
VI.
Paulus vertritt keine „Ehetheologie“, seine Ausführungen zeigen aber deutlich, dass für ihn das Charisma der Ehelosigkeit der eigentlich angestrebte Stand sein musste. Angesichts der vergehenden Welt und den Bedrängnissen in der Welt ermöglicht es die Ehelosigkeit am besten, sich für das Evangelium Jesu Christi uneingeschränkt einzusetzen. Vielleicht spielte aber auch eine Rolle, dass Paulus der äußeren Erscheinung nach nicht besonders attraktiv war (2 Kor 10,10) und zeitlebens unter einer Krankheit litt (2 Kor 12,7), sodass er einfach keine Frau fand.
Allerdings trat Paulus im Gegensatz zu enthusiastisch orientierten Gemeindegliedern nicht dafür ein, bestehende Bindungen aufzulösen. Die Heiligkeit der Ehe bleibt bestehen, ja wird sogar mit einem Gebot Jesu begründet. Zugleich argumentiert Paulus flexibel, wenn er den einzelnen Parteien verschiedene Möglichkeiten aufzeigt. Dabei ist die Warnung vor der Begierde ein wichtiges Argument, worin sich jüdisches Erbe zeigt. Bevor die Begierde und damit möglicherweise die Unzucht die Oberhand gewinnt, sollen die Gemeindeglieder feste Bindungen eingehen. Ist die Ehe hier eine Art Notbehelf? Von einer uneingeschränkt positiven Wertung der Ehe ‒ wie bei Musonius ‒ ist Paulus jedenfalls weit entfernt. Schließlich fällt auf, dass weder bei Paulus noch im gesamten Neuen Testament vom Ehezweck der Kinderzeugung die Rede ist.
Paulus entwickelt zu den Fragen der Ehe kein geschlossenes theologisches Konzept, sondern er reagiert auf die vielfältigen Probleme in der korinthischen Gemeinde. Offenbar führte das Vollkommenheitsbewusstsein der Pneumatiker dazu, entweder sexuelle Grenzen zu überschreiten, weil das Irdische nicht mehr relevant ist, oder aber das Sexuelle generell zu meiden, weil es für Vollkommene überholt war. Demgegenüber votiert Paulus für eine eschatologische, gegenüber den Dingen der Welt unabhängige Perspektive, die sich vollständig auf das unmittelbar bevorstehende Handeln Gottes ausrichtet. Die Ehe wird unter dem Aspekt der zu vermeidenden Begierde/Unzucht als Schöpfungsordnung gesehen, zu einer darüber hinausgehenden Würdigung gelangt der Apostel allerdings nicht.