Ein Brückenschlag zwischen Ost und West

Die Exkursion der Katholischen Akademie Bayern nach Volos in Mittelgriechenland – ein Reisebericht

Peter von Hess/Wikimedia Commons

Wenn es um Griechenland geht, ruft das in Deutschland ganz unterschiedliche Emotionen hervor. Sie reichen von der Begeisterung für die Antike eines Homer oder eines Platon bis hin zu bösen Boulevard-Schlagzeilen in der immer noch aktuellen Finanzkrise. Gründe genug für die Katholische Akademie in Bayern, sich mit dem Verhältnis der beiden Länder intensiver zu beschäftigen. So machte sich Ende September eine Gruppe von 47 Mitgliedern der Akademie-Gremien und des Vereins der Freunde und Gönner für eine knappe Woche auf ins Land der Griechen.

Nach einer Stadtführung durch Thessaloniki ging es vorbei am durch Wolken verhüllten Olymp nach Süden in die mittelgriechische Stadt Volos. Dort gibt es in der Akademie für Theologische Studien eine der Katholischen Akademie vergleichbare Einrichtung auf orthodoxer Seite. Ihr „spiritus rector“ ist Metropolit Ignatios, ein ökumenisch offener und beeindruckender Kirchenmann. Als er vor einem Jahr zu Gast in München war, entstand die Idee zu einer gemeinsamen Tagung.

 

Der erste Studientag in Volos

 

In der hoch über dem Golf von Volos gelegenen Akademie, zugleich Amtssitz des Bischofs, begrüßte Metropolit Ignatios die deutschen Besucher. Griechenland sei „offen dem Meer gegenüber“ und so gleichfalls „offen für andere Ideen“. Auch die Kirche dürfe „nicht statisch bleiben“, sondern müsse den „Dialog mit allen Menschen anregen“. Deutschland und Griechenland hätten eine „gute, aber auch schwere Beziehung“. Auf der positiven Seite stünden der kulturelle und wissenschaftliche Austausch sowie die europäische Hoffnung, auf der negativen die Gräuel der Nazi-Zeit und die gegenseitigen Verletzungen in der Finanzkrise. Es bestehe die dringende „Notwendigkeit eines Ausgleichs“, wozu das Colloquium einen „kleinen Mosaikstein“ beisteuern könne.

Ein erster Höhepunkt war die Ansprache des deutschen Botschafters Peter Schoof. Seine zweieinhalb Jahre in Athen fühlten sich an wie sieben oder acht, so bewegt seien die Zeiten. „Die Stereotypen auf beiden Seiten geben Anlass zur Besorgnis“, so Botschafter Schoof, dagegen seien „Begegnung und Austausch das Fundament eines guten Miteinanders“. Seit 2010 werde Griechenland von einer Wirtschaftskrise gebeutelt, das Bruttosozialprodukt und das durchschnittliche Nettoeinkommen der Griechen seien in diesem Zeitraum um je ein Drittel gesunken. Dazu komme die ungebremste Abwanderung von Fachkräften.

Derweil habe Griechenland als „Tor zu Asien“ gute geographische Voraussetzungen und biete viele Möglichkeiten für die Gewinnung erneuerbarer Energie. „Es gibt eigentlich keinen Grund, warum aus diesem Land nicht ein Singapur oder ein Finnland werden könnte“, so der deutsche Botschafter. Außerdem genießt nach Schoof Bildung einen hohen Stellenwert in Griechenland: „Eltern geben ihr letztes Hemd für die Ausbildung ihrer Kinder.“ Es gebe Anlass, Vorurteile zu überdenken: Einerseits sind die Griechen nach Schoofs Eindruck fleißig, andererseits etwa sei Deutschland nicht auf Austeritätspolitik zu reduzieren.

Eine Wende im Verhältnis beider Staaten habe die Flüchtlingskrise mit sich gebracht, die beide Länder dramatisch belaste. Die Griechen hätten Bundeskanzlerin Angela Merkel in diesem Zusammenhang als „solidarisch mit Griechenland“ erlebt. Auch hier sei mit vorschnellen Urteilen aufzuräumen, meinte Botschafter Schoof. So könne der Schutz der europäischen Außengrenzen in Griechenland mit seinen mehrere tausend Kilometer Küstenlinie nicht mit einem Zaun oder einer Mauer gewährleistet werden. Es sei erfreulich, dass die Erfassung biometrischer Daten an den Aufnahmepunkten von zehn auf 90 Prozent gestiegen sei. Die europäische Unterstützung bei der Registrierung von Migranten sei eine „neue Form der Solidarität“, nachdem die Verteilung der Flüchtlinge nach dem Dublin-Verfahren „einfach nicht fair“ sei.

Auch auf die Gräuel der Nazis in Griechenland ging Botschafter Schoof ein. In der Finanzkrise sei die Debatte mit Wucht zurückgekehrt, auch weil eine echte Aufarbeitung nie wirklich stattgefunden habe. In den 90 „Märtyrer-Dörfern“ hatten deutsche Einheiten während des Zweiten Weltkriegs nahezu alle Männer massakriert. „Das bleibt als Wunde“, formulierte Schoof, man könne solche Traumata nicht durch „eine Rede hier und da“ heilen. Vielmehr brauche es einen langen Atem, so Peter Schoof, er würde stark auf ein deutsch-griechisches Jugendwerk setzen.

Die eigentliche Tagung begann mit einem Halbtag zum aktuellen Thema „Flüchtlinge“. Von deutscher Seite sprach dazu der bayerische Landescaritas-Direktor Bernhard Piendl, von griechischer Pfarrer Meletis Meletiadis, der Moderator der kleinen, aber in der Flüchtlingsarbeit besonders engagierten evangelischen Kirche Griechenlands – auch das ein besonderes ökumenisches Zeichen.

Prälat Piendl ging in seinem Referat (siehe Seite xy) von seinen Erfahrungen als Pfarrer in den 1990er Jahren aus, als eine Gruppe von Kosovo-Albanern in seiner Gemeinde Unterkunft fand. Erst mit der Zeit habe man herausgefunden, welche unterschiedlichen Motive die Menschen in die Flucht getrieben haben. Heute erlebe Europa die „ernsteste humanitäre Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“. Der Kontinent könne „keine Insel bleiben, an der die Wellen der Welt abprallen“. Einerseits gehe es darum, Hilfe in den Herkunftsländern zu leisten, andererseits die Asylsuchenden hierzulande zu unterstützen und zu integrieren.

Die große Zahl an Flüchtlingen werde unsere Gesellschaft jedenfalls verändern, so Piendl, dabei sei es auch notwendig, „dass wir uns unserer christlichen Identität vergewissern“. Konkret helfe die Caritas in der Asyl-Sozialberatung, durch die Aufnahme von Flüchtlingskindern in katholische Kindergärten und das besondere Engagement für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Über Caritas international sei man auch mit der Caritas Griechenland vernetzt und helfe etwa in Nordgriechenland, Athen und auf der Insel Lesbos. Jedenfalls gilt für Prälat Piendl: „Die Arbeit der Caritas fängt an, wenn die Kameras abschalten.“

Als Einstieg zu seinem Vortrag zeigte Pfarrer Meletiadis (siehe Seite xy) ein beeindruckendes Video von der Arbeit der evangelischen Kirche Griechenlands im Flüchtlingslager Idomeni. Ehrenamtliche verteilen dort Essen, Kleidung, Medikamente, Brennholz und anderes. Die Kirchen müssten in der Flüchtlingskrise andere Maßstäbe setzen als der Populismus: „Gott zeigt uns, wer unser Nächster ist“, so Meletis Meletiadis. Es gehe nicht darum, Menschen in ein Lager wegzusperren oder ihnen ein wenig Geld zu gebe, es gelte vielmehr der Satz Jesu: „Was ihr dem Letzten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Christen müssten sich also mit den Schwachen identifizieren, nicht mit den Mächtigen. Dabei gebe es keinerlei dogmatische Probleme: Egal ob orthodox, katholisch oder evangelisch, keine Kirche könne die Herausforderung allein bestehen, „wir sollten unsere Kräfte bündeln“. Pfarrer Meletiadis ging sogar noch einen Schritt weiter: Obwohl das politisch nicht korrekt sei, sehe er in der Krise auch eine „Chance zur Mission“, freilich ohne jeden Zwang, aber die Christen dürften ihr Licht auch nicht unter den Scheffel stellen.

Der Nachmittag stand dann unter dem Motto „Vorurteile hüben und drüben“. Den griechischen Part übernahm der Schriftsteller und Übersetzer Kostas Koutsourelis, den deutschen Bernhard Remmers, Direktor des Münchner Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses, der Journalistenschule der katholischen Kirche in Deutschland. In seinen eher philosophisch-philologischen Überlegungen ging Koutsourelis (siehe Seite xy) vom Begriff Stereotyp aus, der meist negativ konnotiert sei. Dabei zeigten Stereotypen nicht nur etwas über den Bewerteten, sondern auch über den Bewertenden. Sie hätten auch Vorteile, da sie selbstverständlich seien und die Rationalität nicht überanstrengen würden. Das sokratische Infragestellen gerate heute ins Hintertreffen angesichts der Komplexität der Welt, so Koutsourelis.

Seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2010 habe sich das griechische Bild von den Deutschen, besonders von der deutschen Politik verschlechtert. Trotz bitterer historischer Erinnerungen sei es seit der Wiedervereinigung positiv eingefärbt gewesen. Nach Koutsourelis würden die Deutschen die Rolle der Politik und ihres Einflusses auf die Gesellschaft überbewerten. Als Beispiel sei die Verwendung des Wortes Schuld anzuführen, das im Deutschen eher rechtlich oder religiös geprägt sei, im Griechischen hingegen nicht. An dieser Stelle scheine es „fast unmöglich, einen gemeinsamen Nenner zu finden“, meinte Kostas Koutsourelis. Dazu komme die griechische Tendenz, Probleme zu personalisieren, was sich gerade an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble festmache.

Wer die griechische Mentalität kenne, der wisse: „Politik mit dem Zeigefinger wird als kriegerischer Akt verstanden.“ So etwas wie ein öffentliches Schuldeingeständnis gebe es kaum, das Pochen auf Werte in der Flüchtlingskrise würde in Griechenland nicht auf größere Aufmerksamkeit stoßen. Koutsourelis‘ eher entmutigende Bilanz war, dass die Geschichte trotz allem immer wieder zeige: „Gegensätze ziehen sich an.“

Unter der Überschrift „Vorurteile über Griechenland – die Euro-Krise in den deutschen Medien“ wandte sich Bernhard Remmers (siehe Seite xy) der medialen Wirklichkeit zu. Medien griffen Bilder in uns auf, spiegelten und verstärkten sie, während sie doch die Aufgabe hätten, „Menschen in einer demokratischen Gesellschaft Partizipation zu ermöglichen“. Dabei sei die verräterische Sprache der Pauschalisierung zu vermeiden, etwa wenn es immer wieder „die Griechen“ heiße. Untersuchungen der Universitäten in Würzburg und Dortmund über deutsche Medien hätten zudem einen weit verbreiteten „Gleichklang in der Griechenland-Debatte“ aufgewiesen. Andererseits habe es „keine intellektuelle Qualität“ (Gesine Schwan), wenn die Austeritätspolitik ständig als alternativlos dargestellt werde.

Zwar müsse der Journalismus vereinfachen, weil er schnell in die Breite arbeite und auch noch unterhaltsam sein solle. Trotzdem gehe es heute – mehr noch als um Objektivität – um Wahrhaftigkeit. Kampagnen wie „2000 Jahre Niedergang“ (Focus) seien nicht Aufgabe des Journalismus, so Remmers. Zudem schaukelten sich die Medien gegenseitig hoch, die Beschleunigung durch das Internet fördere die Emotionalisierung noch. Aber an der klassischen Trennung von Bericht und Kommentar sei festzuhalten. Die Diskurse in Europa würden fast ausschließloch national geführt, „der Monteur bei VW und der Hafenarbeiter am Piräus“ hätten keine gemeinsame Plattform, was zu Debatten nach dem Muster „Wir gegen die“ führe. Wenn man aber gemeinsam handle, brauche man auch eine gemeinsame Debattenkultur, resümierte Bernhard Remmers.

Der Abend des ersten Konferenztages war dem wohl schwierigsten Thema gewidmet, der Finanzkrise. In einem Streitgespräch trafen Professor Franz-Christoph Zeitler, der frühere Bundesbank-Vizepräsident, und Alekos Papadopoulos, ehedem griechischer Finanzminister aufeinander. Die beiden Akademie-Direktoren Pantelis Kalaitzidis und Florian Schuller moderierten gemeinsam.

„Wenn die Party am schönsten ist“, hätten Finanzpolitiker die Aufgabe, „das Licht aufzudrehen und die Musik abzuschalten“, so begann Franz-Christoph Zeitler sein einführendes Statement. Er erinnere sich noch gut, als am 10. Mai 2010 – die internationale Banken-Krise war weitgehend überstanden – die Zinsen für griechische Staatsanleihen „wie die Eiger-Nordwand nach oben stiegen“. Dahinter stecke eine tiefe Vertrauenskrise. Das griechische Staatsdefizit habe von drei auf 13 und später über 15 Prozent korrigiert werden müssen. Daraufhin habe Europa in aller Eile ein erstes Rettungspaket gezimmert, dem die Rettungsschirme 2 und 3 mit insgesamt 320 Milliarden Euro netto gefolgt seien.

Ausgehend vom Beispiel des griechischen Statistikamtschefs Andreas Georgiou, der mit dem Anliegen angetreten war, die Zahlen schonungslos offenzulegen und sich nach seinem Rücktritt 2015 vor Gericht verantworten musste, stellte Zeitler die aus seiner Sicht entscheidenden Fragen: Kann man sich auf den Gesetzgeber verlassen? Und: Wie steht die Regierung zu Reformen? Denn die Lage Griechenlands sei keineswegs aussichtslos, wie etwa die positiven Entwicklungen in Spanien und Portugal, aber auch auf der zum größeren Teil griechischsprachigen Insel Zypern zeigten.

Alekos Papadopoulos griff in seinem Eröffnungsstatement zurück in die Geschichte Europas, das nicht mehr nur der Friedenssicherung diene wie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern zunehmend eine Wirtschaftsgemeinschaft geworden sei. In Griechenland freilich sei ein auf der „Protestantischen Ethik“ gegründeter Kapitalismus nicht denkbar, das Land selbst sehe sich eher als Brücke zwischen Ost und West.

Mitte der 1980er Jahre sei viel ausländisches Geld nach Griechenland geflossen, was zu einem „Überfluss ohne Untergrund“ geführt habe. Dabei habe die „Selbstdisziplin“ gefehlt, merkte Papadopoulos kritisch an, nun drohe der Zinsdienst das Land zu ersticken. 2010 sei Griechenland praktisch pleite gewesen, „das Land hat sich selbst erhängt“, formulierte der ehemalige Minister drastisch. Andererseits trügen auch die Memoranda aus Europa zu Malaise bei. Die EU könne nicht Bedingung um Bedingung oktroyieren, sie müsse auch darauf schauen, wie das Land wirklich dasteht. Trotzdem sei die europäische Einbindung alternativlos: „Die Zukunft Griechenlands basiert auf der Stabilität Europas“, ansonsten drohe eine Zukunft als Dritt-Welt-Land.

In seiner Erwiderung warb Professor Zeitler für eine „Politik der geduldigen Vertrauensbildung“. Griechenlands Wirtschaftsleistung sei relativ gering. So belaufe sich das griechische Bruttoinlandsprodukt nur auf ein Drittel des bayerischen – bei etwa gleicher Bevölkerungszahl. Mitte der 1980er Jahre sei es um die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands noch besser gestanden. Heute lägen die Probleme im Rückzug der Investoren, auch der griechischen, die ihr Kapital außer Landes brächten. Darüber hinaus betonte Zeitler im Blick auf den Einzelnen: „Der Bürger zahlt Steuern, wenn er sieht, dass etwas zurückkommt.“ So seien Steuererhöhungen das falsche Instrument, Steuergerechtigkeit sei wesentlich wichtiger. Außerdem habe Griechenland den akademischen Sektor überbewertet und etwa die Ausbildung von Handwerkern und Facharbeitern vernachlässigt.

Hinsichtlich der Reformen erklärte Alekos Papadopoulos, dass man den Bankrott von 2010, der Währung, Banken und den produzierenden Sektor betroffen habe, nicht offiziell verkündet habe, weil das politische System eine solche Nachricht nicht ausgehalten hätte. Beim wirtschaftlichen Wiederaufbau gehe es zwar um Stabilität, aber man dürfe Griechenland nicht zum Spielball anderer machen. Papadopoulos zitierte ein Sprichwort aus seinem Heimatdorf: „Der Esel muss vom Bauern aus dem Schlamm gezogen werden.“

Als Bedingungen dafür nannte Franz-Christoph Zeitler eine funktionierende Demokratie, die Förderung privater Investitionen und die Straffung des Öffentlichen Dienstes. Mit allen drei Forderungen war Papadopoulos einverstanden. Ebenso einig waren sich die beiden Gesprächspartner darin, dass ein Austritt aus dem Euro oder ein Schuldenschnitt die Probleme nicht gelöst hätten. Professor Zeitler fasste seine Position so zusammen: Auch wenn es immer schwerer werde, Parlamente und Öffentlichkeit zu überzeugen, seien Rettungsschirme mit Auflagen doch auf lange Sicht in der Lage, auch Mentalitäten zu verändern. Ein spannender Abend, an dem so lang diskutiert wurde, bis die beiden hervorragenden Simultan-Dolmetscherinnen vor Erschöpfung das Handtuch warfen.

 

Der zweite Studientag in Volos

 

Am Vormittag des zweiten Konferenz-Tages ging es um „Griechenland in Bayern“ beziehungsweise um „Bayern in Griechenland“. Der Augsburger Kunsthistoriker Thomas Raff (siehe Seite xy) betonte, das deutsche Interesse an Griechenland sei erst im Klassizismus stark angewachsen. In mittelalterlichen Klöstern habe es noch geheißen: „Graecum est; non legitur“. Zudem habe man bei der Rede von „den Griechen“ meist die Byzantiner gemeint. Mit altgriechischen Texten hätten sich erstmals die Humanisten der Renaissance intensiver beschäftigt. Der Umschwung verbindet sich – so Professor Raff – mit dem Namen Johann Joachim Winckelmann am Ende des 18. Jahrhunderts, er habe das breite Interesse am antiken Griechenland geweckt, und zwar nicht nur in ästhetischer Hinsicht, sondern auch – in Absetzung vom römischen Gewaltimperium – in der Idealisierung der griechischen Demokratie.

Die besondere Beziehung Bayerns zu Griechenland verbindet sich mit König Ludwig I. Noch sein Vater Max I. zeigte keinerlei Verständnis für die Begeisterung seines Sohnes, der in Paestum gesagt haben soll: „Lieber denn Erbe des Throns, wär‘ ich hellenischer Bürger“. 1821 begann Ludwig, antike Kunst zu sammeln und errichtete noch als Kronprinz aus eigenem Geldbeutel die Glyptothek in München. Zusammen mit der Antiken-Sammlung – ursprünglich als „Kunst- und Industrie-Ausstellunsgebäude“ geplant – und den erst nach seiner Abdankung 1848 vollendeten Propyläen entstand das Ensemble des Königsplatzes in München, der Grundstock zum viel beschworenen „Isar-Athen“. Doch Ludwigs Philhellenismus ging weit über München hinaus.

Schon in seinem ersten Edikt als König verfügte er, Baiern künftig mit einem Ypsilon zu schreiben, „damit mehr Griechenland nach Bayern kommt“. 1830 wurde dann die Walhalla bei Regensburg erbaut – in Anlehnung an den Parthenon auf der Athener Akropolis. „Ein griechischer Tempel für große Deutsche, das ist schon ein Statement“, so Professor Raff. Auch hinter der Bavaria an der Münchner Theresienwiese stecke Griechenland, denn sie erinnere an die Großbronzen des Phidias.

Ab 1828 seien zudem viele griechische Studenten nach München gekommen, aber auch Waisenkinder von Freiheitskämpfern, für die man sogar eine eigene Schule errichtet habe. Zudem habe man im selben Jahr die spätgotische Salvatorkirche den Griechen überlassen. Aber auch in der Malerei sei Griechenland zunehmend Thema geworden. Einerseits hätten sich griechische Künstler in München niedergelassen, andererseits sei etwa der Zyklus „Die Landschaften Griechenlands“ von Carl Rottmann zu nennen, der bis heute in der Neuen Pinakothek zu sehen ist, wohingegen die Freiheitskampf-Bilder des Malers Peter von Hess im Zweiten Weltkrieg zerstört worden sind.

Der griechische Kunsthistoriker Manos Stefanidis stellte das Verhältnis von München und Athen in den Vordergrund seines Referats (siehe Seite xy). Während die „Ägineten“ als „Höhepunkt der archaischen Kunst“ mit ihrem Lächeln die griechische Lebensfreude nach München gebracht hätten, so habe Athen im 19. Jahrhundert das Glück gehabt, durch die besten bayerischen und deutschen Architekten zu einer schönen klassizistischen Stadt zu werden, was man bis heute an den zentralen Achse zwischen Syntagma- und Omonia-Platz und ihren Bauwerken sehen könne.

Man denke nur an den ehemaligen Palast von König Otto, das heutige griechische Parlament, das Friedrich von Gärtner entworfen hat. Oder an die katholische Dionysius-Kirche nach Plänen von Leo von Klenze. Für den Syntagma-Platz sei sogar eine Skulptur mit dem Thema „Griechenland bedankt sich bei Bayern“ vorgesehen gewesen. Selbst für die Pläne des preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel, auf der Akropolis einen klassizistischen Palast zu errichten, fand Stefanidis lobende Worte. Auch wenn man solche Ideen heute für verrückt halte, hätte doch „ein interessanter Dialog von Alt und Neu“ entstehen können.

Den Philhellenismus freilich kritisierte Stefanidis als eine „Manie, ja fast Hysterie der Deutschen“, die sich so zu den eigentlichen Erben der Antike stilisiert hätten. Die Konfrontation mit den realen Griechen habe da fast notwendig zu Enttäuschungen geführt: „Deutschland hat das kleine Griechenland umarmt und es so fast erdrückt“, so Stefanidis.

In der Diskussion mit den beiden Referenten wurde dann noch stärker die Rolle des griechischen Königs Otto beleuchtet. Der Wittelsbacher sei auf „katastrophale Voraussetzungen“ gestoßen, so Professor Thomas Raff. Nach der Befreiung von der osmanischen Vorherrschaft hätten die Großmächte einen Monarchen aus einem politisch unbedeutenden Herrscherhaus gesucht. Im Alter von 16 Jahren sei der zweite Sohn Ludwigs I., der eigentlich Priester hätte werden sollen, nach Griechenland aufgebrochen. In Athen hätten damals vielleicht 5.000 Menschen in kaputten Häusern gelebt. Immerhin habe er einen Urplan für die Stadt mit Universität, Staatsbibliothek, Klinik und Kirche mitgebracht. „Und 30 Jahre lang in einem Bürgerkriegsland an der Regierung zu bleiben, finde ich nicht ganz schlecht“, so Professor Raff.

Eine etwas andere Sicht auf den König aus Bayern vertrat Professor Stefanidis. Otto habe Griechenland „mit romantischem Pathos geliebt“, aber gleichzeitig versucht, das System des bayerischen Staates auf das Land zu übertragen. Abgesehen davon sei er letztlich „nicht als eigenständige historische Persönlichkeit“ zu bewerten, da Griechenland damals kein Staat im engeren Sinn gewesen sei, sondern eher ein Protektorat unter Aufsicht der Großmächte. Obwohl Otto sich um Volksnähe bemüht habe, sei er stets ein wenig fremd geblieben mit seinem Bestreben, Ordnung in ein chaotisches Land zu bringen.

Um das Thema „Religion und Kirche in beiden Ländern“ drehte sich der zweite Konferenz-Nachmittag. Den deutschen Part hatte der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz (siehe Seite xy) übernommen. Deutschland sei nach der Wende weder protestantischer noch katholischer geworden, so Ebertz, sondern vielmehr konfessionsloser und konfessionspluraler. Mit 29 Prozent Katholiken, 27 Prozent Protestanten und zwei Prozent Orthodoxen machten Christen nur noch knapp 60 Prozent der Bevölkerung aus. Dem eher katholisch geprägten Süden und Westen stünden der eher protestantische Norden und ein konfessionsloser Osten gegenüber. Vor allem die Großstädte verlören ihren konfessionellen Status, so machten in München 54 Prozent keine Konfessionsangabe mehr. „Die Kirchen verlieren an Integrationskraft, nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch auf der lokalen Ebene“, so Professor Ebertz. Und das, obwohl die christlichen Wohlfahrtsverbände, voran Caritas und Diakonie, mit einer Million Beschäftigten die größten Arbeitgeber nach dem Staat seien.

Deutsche Politiker pflegten immer weniger das „Leitbild einer kulturchristlichen Gesellschaft“, stattdessen halte ein „religionspolitischer Multikulturalismus“ Einzug. Wenn man jedoch alle Religionen gleichwertig betrachte, führe das zu Konflikten, wie man etwa beim kirchlichen Arbeitsrecht, bei der Frage nach islamischer Theologie an deutschen Hochschulen oder auch bei der Beschneidungsproblematik sehen könne. Es herrsche die „Neigung zu einem inklusiven Religionsverständnis“, kurz beschrieben mit dem Satz: „Alle glauben an den gleichen Gott, irgendwie ist doch alles dasselbe“, so das Resümee einer Befragung von Mitarbeitern der Caritas durch Professor Ebertz. Das habe zur Folge, dass „anders als viele Muslime die Christen hierzulande keine Missionare sind“. Dazu komme eine „religionsinterne Pluralisierung“, geradezu ein „Synkretismus zentraler Glaubenswahrheiten“.

Insgesamt sei eine massive Erosion bei Reproduktion und Sozialisation der Gläubigen zu beobachten, der Alterungsprozess in beiden großen Volkskirchen schreite weiter voran. Es gebe immer weniger konfessionsgleiche Ehen, die Familien – immer als „Allerheiligstes“ gehandelt – fielen weitgehend aus. Deswegen „hängen Religionsunterricht, Sakramenten-Vorbereitung sowie die Kinder- und Jugendpastoral in der Luft“, so die nüchterne Diagnose von Michael Ebertz. Es fehle an einer „Missionsstrategie jenseits des Missionsgeredes“.

Der zunehmende Priestermangel zeuge schon von einer Art „Überlebenskampf“. So seien in den letzten drei Jahren in Deutschland nur noch jeweils unter 100 Neupriester zu verzeichnen gewesen. Das Durchschnittsalter der Priester hingegen liege bei 60 Jahren, das Betreuungsverhältnis bei 1:25.000, der Kirchgang bei etwa zehn Prozent im Durchschnitt. Der Gottesdienst sei für junge Leute „nicht cool“, weil deren „ästhetische Erwartungen nicht berücksichtigt“ würden. Hingegen dürfe man die Freude am Evangelium nicht nur behaupten, sondern müsse sie auch erlebbar machen. Das typisch deutsche Gefüge von kirchlichen Verbänden sei nur aus der Konfessionskonkurrenz heraus verständlich, das dürfe aber nicht dazu führen, dass es eine „Kirche mit Stellen“ und gleichzeitig eine „Kirche ohne Gläubige gebe.

Für die griechische Seite erwiderte Professor Vassilios Makrides (siehe Seite xy), der als orthodoxer Religionssoziologe in Erfurt lehrt. Im Blick auf die Rolle von Religion und Kirche liege der zentrale Unterschied zwischen Griechenland und Deutschland in der Geschichte begründet. Im Osten gebe es die alte Tradition der „Symphonia“ zwischen Kirche und Staat, während im Westen alles auf eine Trennung beider Bereiche zugelaufen sei. Im Land der Reformation käme die Kulturbedeutung des Protestantismus hinzu, der nach Max Weber eine „Lebensführung mit Verantwortung“ in den Vordergrund stelle. Aus der Interaktion zwischen Katholizismus und Protestantismus sei zudem der deutsche Wohlfahrtsstaat entstanden. In Griechenland sei es im 19. Jahrhundert zu keiner Begegnung mit der Moderne gekommen, während sich der Protestantismus schon früher, die katholische Kirche erst im Zweiten Vatikanum mit der Moderne verbunden hätten. Die Orthodoxie habe aber gerade deswegen mit der Moderne Probleme, da diese für westlich gehalten wird. Auch die orthodoxe Theologie sei von der Aufklärung kaum berührt worden.

Was die griechische Kirche auszeichne, sei ihre Eigenständigkeit und ihr synodaler Charakter, die beide auf die Reformen von König Otto zurückgingen. Allerdings seien auch in Griechenland damals drei Viertel der Klöster aufgelöst worden. Die Priester seien zu Staatsdienern geworden, auf der anderen Seite habe sich eine akademische Theologie etabliert. Später dann habe die Kirche beim aufkeimenden „Nationalismus mit Exklusivitätsansprüchen“ mitgespielt. Seit der Wiederherstellung der Demokratie im Jahr 1974 sei ein „gemäßigter Säkularisierungsprozess“ zu beobachten, was sich etwa an der Einführung der Zivilehe zeige. Der Zusammenbruch des Ostblocks habe vorübergehend positive Auswirkungen auf die Kirche gezeitigt, während in der Finanzkrise die Kirche durch ihre sozialen Dienste die durch den wenig ausgeprägten Sozialstaat entstandene Lücke gefüllt habe, so die Tour d’horizon von Professor Makrides.

 

„Goldenes Kreuz“ für Vater Apostolos

 

Der Abend des zweiten Konferenztags stand ganz im Zeichen eines Mannes, der wie kein Zweiter für die Verbindung von Griechenland und Bayern steht: Erzpriester Apostolos Malamoussis. Seit 1982 ist er das schier allgegenwärtige Gesicht der Orthodoxie in München. Aber er stammt aus der Diözese Volos, näherhin aus dem Dorf Mouresi, das auf der Halbinsel Pilion liegt. Und so war es Metropolit Ignatios ein besonderes Anliegen, „einen seiner besten Exportartikel“ mit der höchsten Auszeichnung seiner Diözese zu ehren, dem „Goldenen Kreuz“ der Metropolie von Demetrias.

Bei dem anrührenden Festakt würdigte der Metropolit denn auch Vater Apostolos in vielfacher Hinsicht: Als Bürger des Pilion als eines Ortes der Freiheit; als Priester in der Diaspora, der der Orthodoxie Ehre mache; als Ökumeniker, „der an die Türen klopft, weil sein Herz offen ist“. Aber auch als Ehemann und Vater von vier Töchtern sowie als Sozialarbeiter, „der im Armen Christus sieht“. Während die Bayern in ihm den Griechen sähen, sähen die Griechen in ihm den Bayern, schloss der Bischof seine Rede, überreichte Apostolos Malamoussis die Urkunde und hängte ihm den stattlichen, fast an ein Bischofskreuz erinnernden Orden um. Und auf den Anruf des Bischofs „Axios“ („Würdig“) antwortete die ganze Versammlung ihrerseits mit einem kräftigen „Axios“.

Schon zuvor hatte Akademie-Direktor Florian Schuller ein Grußwort (siehe Seite xy) gesprochen – in flüssigem Neugriechisch, was den Geehrten zu Tränen rührte. Malamoussis sei ein „fester Bestanteil des öffentlichen Lebens in München“, keine wichtige Veranstaltung sei ohne ihn vorstellbar. „Manchmal meint man, Apostolos Malamoussis müsse die Gabe der Bilokation besitzen.“ Auch durch seinen Einsatz seien die Griechen in München „die bestintegrierte, die beststrukturierte, die bestbekannte, die bestgeachtete, die bestgeliebte“ Minderheit. Gerade die alte Freundschaft zu Kardinal Friedrich Wetter habe „nicht nur in der Stadtarchitektur Münchens deutliche Spuren hinterlassen“, so der Akademie-Direktor.

Auf die Verdienste von Vater Apostolos für München ging auch Professor Athanasios Vletsis in seiner Laudatio ein. Der Sprecher der Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie an der Münchner Universität kennt den Geehrten seit über 40 Jahren und konnte zahlreiche Bilder von Apostolos Malamoussis zeigen: etwa mit der Bundeskanzlerin, mit Päpsten, Patriarchen und Kardinälen. Zu den äußerlich sichtbaren Großtaten von Apostolos Malamoussis gehörten die Renovierung der Salvatorkirche nach einem langwierigen Rechtsstreit – wofür er den Doktortitel verdiene, allerdings nicht den theologischen, sondern den juristischen, wie der damalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair meinte – und die Einrichtung und Ausmalung der griechisch-orthodoxen Allerheiligenkirche am Nordfriedhof. Aber auch die Isarsegnung am Dreikönigstag und der griechisch-bayerische Kulturtag im Sommer seien zu nennen.

Vater Apostolos bedankte sich, indem er von seiner Kindheit und Jugend erzählte. Wie seine Mutter für die Schulkinder in Mouresi gekocht habe. Wie er als Ministrant die drei Glocken der Dorfkirche geläutet habe (die dritte mit dem Fuß). Und wie ihm sein damaliger Bischof vom Zölibat des Mönches abgeraten habe. Der Abend klang in einem fröhlichen Fest aus – bei besten griechischen Speisen und Darbietungen der Tanzgruppe der Metropolie. Beim „Syrtos“ (den „Syrtaki“ hat erst Mikis Theodorakis 1964 für den Film „Alexis Sorbas“ komponiert) reihten sich schnell auch Vater Apostolos und andere Mutige aus der deutschen Gruppe in den Kreis der Tanzenden ein.

 

IV.

 

Die beiden letzten Tage der Griechenland-Exkursion waren zwei Ausflügen vorbehalten. Am ersten ging es zu den Metéora-Klöstern. Auf den teilweise bizarr anmutenden Nagelfluh-Felsen, die heute auch als Kletter-Paradies gelten, haben sich um die erste Jahrtausendwende – ähnlich wie am Berg Athos – Eremiten angesiedelt, die immer mehr zu über 20 Klöstern zusammenwuchsen. Heute sind vier von ihnen durch Schwestern und zwei von Mönchen bewohnt. Pater Gregorios führte die Gruppe durch die hoch auf einem Felsen gelegene Metamorphosis-Kirche – „wir schweben zwischen Himmel und Erde“ – und zeigte die grandiosen Wandmalereien des Künstlers Theophanis aus dem 16. Jahrhundert, die kein Fleckchen Wand unbedeckt lassen.

Während auf der Hinfahrt Professor Thomas Raff als kundiger Griechenland-Reiseleiter Erläuterungen zu Landschaft und Kultur gegeben hatte, musste auf der Weiterfahrt Georgios Vlantis, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (AcK) in Bayern, der die Reise wesentlich mitvorbereitet hatte, zahlreiche Fragen zur Orthodoxie beantworten – von den 14 autokephalen, das heißt eigenständigen Kirchen bis hin zum Festhalten an der Tradition, das sich auch aus Jahrhunderten der Unterdrückung erklären lasse.

Den Abend verbrachte die Gruppe im international ausgerichteten Frauenkloster Anatoli auf einem Berg über Larisa. In fließendem Deutsch von Äbtissin Theodekti und Schwester Theoktisti begrüßt, feierte die deutsche Gruppe zusammen mit der Schwestergemeinschaft die erste Vesper in der frisch renovierten Kirche mit seltenen Fresken aus dem 16. Jahrhundert. Danach stellten die beiden „Mönchinnen“ – wie sie sich selbst bezeichnen – ihre 1988 bei Athen gegründete Gemeinschaft vor, die heute über 30 Schwestern in drei Niederlassungen zählt, eine davon in Estland.

Ein orthodoxes Kloster sei zwar autark, aber nicht so sehr eine Institution wie im Westen, sondern vielmehr eine „Gemeinschaft der Liebe“ um die Äbtissin als „geistiger Mutter“, erklärte Schwester Theoktisti. „Wir sind keine Engel“, meinte sie mit feinem englischen Humor, es gehe vor allem darum, einander zuzuhören und das Gute hören zu wollen. „Man kann nicht Gott lieben, wenn man die Menschen nicht liebt“, meinte die Schwester, während Äbtissin Theodekti mit einer deftigeren Prise Humor und in Anlehnung an Papst Franziskus es so formulierte: „Wenn die Kirche ein Krankenhaus ist, ist das Kloster eine Intensivstation.“ Bei einem von den Schwestern liebevoll zubereiteten Abendessen mit ausschließlich selbst hergestellten Lebensmitteln aus biologischem Landbau und ökologischer Viehzucht klang der Abend aus.

Der zweite Ausflugstag führte auf die bergige Halbinsel Pilion, die den Golf von Volos gegen die Ägäis abgrenzt. Am Morgen hielt Metropolit Ignatios in der Kirche des „Apfeldorfs“ Milies die „Göttliche Liturgie“ des Johannes Chrysostomus, wie sie die Orthodoxie seit dem 4. Jahrhundert kaum verändert als „Vorgeschmack des Himmels“ feiert. Dabei betete der Bischof für die baldige volle Einheit der Christen und gab in einer kurzen Ansprache seiner Hoffnung Ausdruck, „dass Christus uns diese Spaltung verzeihen möge“.

Ein schwerer Gang war der Besuch im „Märtyrerdorf“ Drakia. Dort hatten deutsche Soldaten, nachdem zwei von ihnen durch Partisanen erschossen worden waren, am 18. Dezember 1943 118 griechische Männer, nahezu die ganze männliche Bevölkerung des Ortes, zuerst im Kafenion zusammengepfercht, dann in Fünfer-Gruppen an den kleinen Fluss gezerrt und schließlich in den Hinterkopf erschossen. Ihr Blut färbte den Fluss noch im Nachbardorf rot.

Am Gedenkstein für das Massaker sprachen Metropolit Ignatios und Akademie-Direktor Florian Schuller – wiederum auf Neugriechisch – ein Totengebet. Der Metropolit wertete den Besuch der Gruppe aus Deutschland als „Zeichen der Versöhnung“ und gab seiner Hoffnung Ausdruck, „dass solche Gräuel nie wieder vorkommen“. Auch deswegen bräuchten wir Europa. Einen ganz besonderen Ernst erhielt der Besuch, der die Gruppe auch in das kleine Museum führte und der in einem Mittagessen auf dem Dorfplatz endete, durch die Anwesenheit des 92-jährigen Jannis, der das Massaker als 17-Jähriger nur deswegen überlebte, weil man den klein gewachsenen Mann in kurzen Hosen für ein Kind hielt.

Nach einem erholsamen Aufenthalt im pittoresken Makrinitsa und einem letzten Blick über den Golf von Volos im Abendrot ging es am nächsten Morgen über die höchst sehenswerte Ausgrabung des „Philippsgrabes“ bei der alten makedonischen Haupt Vergina zurück nach Thessaloniki. Erfüllt mit Eindrücken von einem schönen, aber gebeutelten Land mit gastfreundlichen Menschen, von einer anderen christlichen Kirche, über die man im „Land der Reformation“ viel zu wenig weiß, und von einem guten Miteinander in der Gruppe mit vielen interessanten Gesprächen bleibt das gute Gefühl, eine kleine Brücke zwischen Ost und West geschlagen zu haben. Und wie zur Bestätigung hatten sich auf der Heimfahrt sogar die Wolken von den Gipfeln des Olymp verzogen.

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